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Ich bin ganz offensichtlich noch vorhanden. In Roberts Gartenlaube. In der drückenden Mittagshitze. Das ist der Gedanke, den ich habe, wenn ich mein Gesicht auf der Rückseite des Teelöffels entdecke – gerötet und verdutzt und etwas in die Breite gezogen – und wenn ich dann langsam den Löffel in den Becher stecke und den Fencheltee umrühre, den mir Frances vorhin gebracht hat: Ich bin hier ganz offensichtlich noch vorhanden mit meinem Fencheltee.

Nur für einen Moment hatte ich es vergessen.

Dann öffne und schließe ich die Augen, und auch die Dinge sind an ihrem Platz: der alte Schachtisch, den ich zum Schreibtisch umfunktioniert habe, die Gästematratze an der Wand, die Schreibmaschine direkt vor mir, die Frances mir geschenkt hat, ein altes Ding mit türkisfarbener Tastatur und dem angerosteten Schriftzug Hermes 1000 an der Seite. Robert hat sie extra für mich geölt.

Es macht: plikplik. Plikplikplik. Plikplikplikplikplik. Plikplik. Meine Finger rutschen zwischendurch schwitzend ab, und ab und zu weht ein heißer Wind durch das fehlende Brett in der Tür, und ein paar Seiten flattern vom Tisch, aber das ändert nichts, das Ganze ist sowieso vollkommen durcheinander. Genau genommen tippe und sortiere ich ja hier schon seit fast einem Jahr und drifte dann doch hauptsächlich nur weg.

Roberts Anglerhut trage ich dazu als eine Art Krone auf dem Kopf.


Sein Gesicht erscheint zu jeder vollen Stunde vor dem Plexiglasfenster. Wir wissen dann beide, was wir zu tun haben, es ist ein kleines Ritual: Ich stehe auf und gehe gestikulierend im Kreis, oder ich bleibe plötzlich stehen und starre zu den Spinnennetzen hoch – er weiß dann, dass alles okay ist, dass ich noch etwas hierbleibe und dass er wieder reingehen kann, um Frances zu helfen oder seine Waschung zu zelebrieren.

Ich mache es ja auch absichtlich, ich höre mir selber zu, während ich leise rede, oder ich kratze mich am Kopf und tue so, als würde ich über meine Fingernägel erschrecken, die wieder viel zu lang geworden sind. Wer denkt hier eigentlich, und wer ist der Gedachte, denke ich dann.

Da – Frances hat die Glocke geläutet.


Das bedeutet: Mittagspause. Ruhe. Ich stehe auf und versuche, mich ein bisschen zu entspannen. Ich sehe mir die Postkarten an, die ich an die Wand neben das Plexiglasfenster gepinnt habe. Es sind inzwischen sieben oder acht, von Abu und seiner Familie, und sie zeigen schöne Teheran-Motive, sodass man eigentlich noch mal hinfliegen möchte.

Der hell illuminierte Basar bei Nacht, ein paar Moscheen und Palast-Motive, buntgeschmückte Wachen, die sehr harmlos aussehen und ein bisschen wie Blumensträuße, Postkarten eben – es sieht natürlich viel friedlicher aus, als es in Wirklichkeit ist. Aber Abu schreibt, es gehe ihm gut im Moment. Nassir Chan habe ihn vom Lager an die Kasse des Tuchladens befördert, unser Besuch habe ihn insgesamt motiviert. Er wolle jetzt Geld sparen, um es wirklich eines Tages ins Ausland zu schaffen. In der Zwischenzeit könnten wir ihn jederzeit wieder besuchen.

Ich habe allerdings zurückgeschrieben, dass das zumindest mir so bald nicht möglich sein wird. Weil ich hier mehr oder weniger, habe ich ihm geschrieben, an meiner Hermes 1000 festgewachsen bin. Es liegt eben daran, dass es mir doch manchmal vorkommt, als würden sich die Dinge ordnen, als würden sich die Worte zu so was wie einer Geschichte verbinden.

Zu einem Sinn.

Sodass alles an seinen Platz rücken wird.


Passend dazu vertiefe ich mich in das Abc der Parapsychologie. Manchmal finden sich überraschend einleuchtende Ansätze darin:


Der Dachdecker Arthur H. aus London stellte 1887 fest, dass er in der Lage war, Kontakt zu seinem verstorbenen Vater herzustellen, indem er mit dem Zeigefinger über Eichenholzmaserungen fuhr, welche er zuvor mit Seifenlauge eingerieben hatte. Später wurde von → Schrenck-Notzing vorgeschlagen, dass es sich bei dem beschriebenen Vorgang auch um eine gewöhnliche → ektoplasmatische Teleportation nach → Beck gehandelt haben könnte.


Was ja in etwa mein Reden ist.

Zumindest dass Zusammenhänge hergestellt werden müssen, dass man das Chaos nicht einfach so hinnehmen kann und dass grade der Tod eingeordnet werden muss, leuchtet mir ein, habe ich Abu geschrieben. Warum nicht mit Hilfe von Seifenlauge und Eichenholzmaserungen? Vielleicht, habe ich Abu geschrieben, dass dieser Arthur H. im Holz ein bestimmtes Muster ertastet hat?

Da – Frances hat wieder die Glocke geläutet.

*

Was ich aber ablehne, ist Jogging.

Das hat mir Robert nämlich geraten: Ich solle nicht den ganzen Tag in der muffigen Laube sitzen und tippen, ich solle mich bewegen, um durch die körperliche Betätigung auch geistig fit zu bleiben. Er selbst läuft jetzt alle zwei Tage durch den Wald – was mir aber wirklich zu weit geht, vor allem bei der Hitze. Höchstens kommt es vor, dass ich mal ein paar Kniebeugen mache oder dass ich meinen Fencheltee im Stehen trinke und mir noch mal die Postkarten ansehe. Wobei ich zwangsläufig neben den schönen Teheran-Motiven auch die andere Postkarte sehe – die von Ana, die ich mir zur Warnung dazugehängt habe. Sie kommt aus Holland, an Frances geschickt, eine Windmühle und ein paar Tulpen unter einem hellblauen Himmel sind darauf zu sehen. Veel Groeten uit Zwaag aan Zee. Ich weiß dann, dass ich auf keinen Fall wieder wehleidig werden darf, dass ich mich nicht in Wunschträumen verlieren darf, die nur in der Wirrnis enden.

Es lässt sich eben nicht alles sortieren, sage ich mir. Wenn es nicht geht, muss man sich zur Disziplin aufrufen im eigenen Hirn.

Und wenn ich doch wieder ins Abrutschen gerate, sehe ich mir eben noch mal die Karte an, das hilft, zumindest ein bisschen: lieblose Windmühle, hässliche Tulpen. Denn Zwaag aan Zee ist natürlich nicht der Schicksalsort, an dem sich irgendwas hätte fügen können – eher ein Kaff in Nordholland, wo man am Strand liegt und kifft. Es ist in dem Maße wahr, in dem es lächerlich ist. Es reicht, wenn ich nachts darüber nachdenke, nicht auch noch am Tag.


Hey du! Ich hoffe, du bist mir nicht böse! Ich habe eine Straßentheatergruppe getroffen und bin spontan mit nach Holland gefahren. Ich konnte dich morgens nach der Party nicht finden, aber wir hatten uns ja eh nicht mehr so gut verstanden. Oder zumindest hatte ich dich leider nicht mehr so gut verstanden.

Hoffentlich geht es dir gut!! Bis irgendwann mal!!

Ana

*

Spiegelscherben, die aggressiv in den Büschen blinken. Geflatter von Vögeln, die sich von den Spiegelscherben nicht abhalten lassen. Im ganzen Garten herrscht eine stickige, inwendige Stimmung. Zwischen den Kräutern stecken Schildchen mit lateinischen Namen, Delphinum consolida und Psilocybe cyanesdens. Robert hat mit dem Bau einer zweiten Laube begonnen, in der die Kräuter getrocknet werden sollen. Anfang nächsten Jahres will er hier sein Natur-Hotel aufmachen, die Renovierungsarbeiten laufen.

Näher am Haus höre ich Klaviermusik, die mich ein bisschen beruhigt. Frances hat das Radiohören für sich entdeckt: meistens Klassik Lounge oder Legenden der Klassik.

Und ich kann dann mit dieser Begleitmusik irgendwo in den Büschen stehen bleiben und mir durch die Blätter die Pantomime auf der Terrasse ansehen: Robert sitzt dort seitlich im Korbstuhl und liest. Frances hängt Vogelknödel auf und sieht immer zu ihm rüber. Als würden sie miteinander reden, aber es gibt überhaupt keine Bewegungen der Münder. Robert sieht auf, aber jetzt guckt Frances plötzlich auf den Boden, hockt sich hin, um da etwas wegzukratzen, und er bewegt eine Hand in der Luft, als würde er eine Antwort formen.

Mutter und Sohn im Gespräch.

Während ich hier als Dauergast im Kräuterduft stehe.

Aber zumindest: als erwünschter Dauergast, das schon. Frances sieht mich inzwischen sogar an, hebt den Kopf, wenn ich vor der Veranda erscheine. Fordert mich zur Mithilfe beim Blumengießen auf. Dabei wollte ich nur nach einem neuen Farbband fragen.


Aber neuerdings wird man hier ja direkt einbezogen. Ich halte den Hocker fest, und sie steigt drauf, lässt Wasser aus dem langen Hals der Blechgießkanne in die Hängeblumentöpfe laufen. Ihre Beine, die ich dabei im Gesicht habe, sind knochig und warm unter der Leinenhose.

In die Blumen hinein erzählt sie, dass sie sich das mit dem Radio letztes Jahr während unserer Abwesenheit angewöhnt habe, es sei einfach viel zu leise gewesen, sie sei ja das erste Mal so ganz alleine gewesen im Haus.

Ihre Stimme: gewohnt trocken und streng. Es klingt wie ein Vorwurf, was sie sagt. Ich begreife immer erst nach einer Weile, dass sie eigentlich etwas Nettes sagen will. Und wie immer fällt mir keine Antwort ein, aber da winkt mich Robert auch schon in den Saal, die Ohrensessel müssen geleimt werden, und ich soll ihm helfen.

Er meint, dass Frances sicher etwas netter geworden sei und dass es aber vor allem so sei, dass ich auch freundlicher sei – hauptsächlich habe es nämlich an mir gelegen. Als ich frage, was das heißen soll, sagt er, er meine dieses Grunzen, dieses verächtliche Grunzen und dieses hasserfüllte Gesicht, das ich früher bei jedem Wort von ihr aufgesetzt hätte, weil ich ihr anscheinend die Schuld gegeben hätte am Tod meiner Mutter. Und dass sie deshalb oft so abweisend reagiert hat, weil sie mit so was nicht umgehen kann.

«Außerdem glaube ich, dass sie glaubt, dass du dir Vorwürfe machst wegen deiner Mutter und dass sie dir immer sagen will, dass du das nicht solltest.»

«Warum sagt sie es dann nicht?»

«Was weiß ich, ich denke ja nur, dass sie es denkt.»

Das Farbband vergesse ich dann. Ich muss noch mal hin und zurück. Vorbei am großen Komposthaufen, auf den ich Anas Kapuzenpullover geschmissen habe. Er muss inzwischen ganz unten liegen.

Das Labyrinth des Gartens verzweigt sich und wächst und quillt und stinkt.

*

Aber schließlich habe ich es, das Farbband, und ich schreibe: Frances steigt in den Bus. Denn das ist die Situation.

Sie steht an der Bushaltestelle, steigt ein und fährt freiwillig mit anderen Menschen zusammen Richtung Stadt. Und zwar nicht in ihren Leinenklamotten, sondern in einer schwarzen Stoffhose und einem weißen Hemd mit dezenten Rüschen an der Knopfleiste – Robert sagt, sie habe es mal in einem Dritte-Welt-Laden gekauft.

Ihr Gesichtsausdruck: normal.

Ihre Haltung gerade und ruhig.

Neben sich auf dem Sitz: zwei große Leinenbeutel voller abgepackter Teemischungen, von Holunder über Wiesenwolf bis zu Feuerblume, das Beste aus ihrem Garten – was man wahrscheinlich im ganzen Bus riechen kann. Und hinter dem Fenster ziehen die Felder und die immer dichter stehenden Häuser vorbei, und Mädchen in Miniröcken und Jungs mit Bierflaschen steigen zu und rufen irgendwas Versautes und essen billigen Döner – aber Frances bleibt gelassen, sie sitzt hinten auf dem Vierer und hat die Augen geschlossen.

Zieht vielleicht ihre Tasche ein wenig zu sich ran.

Fährt ans unangenehmere Ende der Stadt.

Und als sie aussteigt, befindet sie sich wirklich im Unangenehmen, denn da sind skrupellose Leute im Schatten, und wann immer sie sich umdreht, scheinen es mehr geworden zu sein. Funkeln da mit ihren Augen und Messern, flüstern aus den Ecken heraus und machen einem Angst. Und in der Zeitung konnte man lesen, dass sie morden und vergewaltigen, auch alte Frauen, dass sie überhaupt kein Mitleid haben.

Wobei sie aber insgesamt auch Opfer sind.

Denn das ist es, was Frances beim Abendbrot erklären will: dass sie dort gleichzeitig Täter und Opfer seien in diesem Teil der Stadt, Restposten unserer materialistischen Gesellschaft, das sei alles sehr kompliziert zu bewerten.

Robert und ich sagen nicht viel dazu.

Aber es ist wohl so, dass man sich Frances’ Ausflug dementsprechend doch anders vorstellen muss: Frances nicht ängstlich, sondern bewusst und entschlossen in ihrem strahlend weißen Hemd – oder zumindest als selbstbewusste alte Frau, die genug Autorität ausstrahlt, um in diesen Straßen nicht angemacht zu werden. Dunkelgrau taucht das Männerwohnheim Nicasius vor ihr auf. Benannt nach dem Schutzheiligen der Blinden, sie kennt alle Schutzheiligen mit Bedeutung und Namen. Und wie immer hat sie ihre Spenden dabei, damit die Männer mal was Gesundes trinken können, Fenchel, Maiholz, Herzkraut, Melisse, auch Wegetritt und Katzenschwanz für schwache Herzen und alternde Knochen. Und wie immer geht sie noch mit Omid spazieren oder sitzt mit ihm im Gemeinschaftsraum und führt lange Gespräche, wenn sie schon mal da ist. Beim Abendbrot grüßt sie uns von ihm. Robert und ich sagen nicht viel dazu.

Sie sagt, er habe eine wirklich schlimme Geschichte erlebt mit seiner Flucht, und dass ihm jetzt auch noch seine Tochter abhaue und sich irgendwo in Holland rumtreibe, sei wirklich traurig – sogar mit mir habe sie ja etwas Mitleid deswegen. Es sei doch selbstverständlich, dass man sehr an seinem Kind hänge, vor allem wenn man alleinstehend sei wie er.

Dazu stellt sie den Topf mit der Graupensuppe auf den Tisch.

Und ich nehme Suppe und gehe davon aus, dass Omid ihr auch Fragen stellt, wenn sie so sitzen, dass Frances auch von sich erzählt im Gemeinschaftsraum und dass so ein paar schöne Stunden vergehen, während die Heimleiterin vielleicht den Tee aufbrüht – Kümmel für die Augen, Aderminze für die Lungen –, sodass auch die Gesichter der anderen Männer wieder Farbe kriegen. Und der Rollstuhlfahrer mit seinem künstlichen Darmausgang lacht vielleicht sogar glockenhell, ich weiß es nicht. Wenn Frances spätabends nach Hause kommt, ist sie eine gefühlvolle Frau; sie hat einen Heiratsantrag von Omid angenommen, und wir beglückwünschen sie dazu?

Das glücklicherweise nicht.

In Wirklichkeit bleibt sie höchstens zwei Stunden und ist am frühen Abend wieder hier, und sie redet auch nach wie vor nicht grade zu viel, hat immer noch ihr steinernes Gesicht – aber so ist es eben vorgesehen. Zumindest wäre sie wirklich eine andere Person, wenn sie nicht so wäre. Diese grundsätzliche Verweigerung – gegen die Welt und die Liebe und die Menschen und gegen alles, selbst dagegen, große Reden darüber zu schwingen. Sie kommt in die Küche und hackt ein paar Kräuter und schiebt sie nüchtern mit dem Messer in die Suppe, und dann stellt sie den Topf auf den Tisch, setzt sich und spricht ihr kurzes, furztrockenes Gebet. Und wird auf genau diese Art wahrscheinlich mindestens hundertzwanzig.

*

Denn im Nachhinein ist eben doch alles von Schicksal durchwoben, schreibe ich, zumindest im Nachhinein wird man sagen müssen: Es musste exakt so kommen. Zumal es eben doch das ganz große Märchen ist, in das ich mich hier reinsteigern möchte. Wenn auch vielleicht keine Liebesgeschichte.

Gestern zum Beispiel – da haben wir Hühner geschlachtet.

Frances hat in unserer Abwesenheit wieder zehn Stück gekauft.

Ich verlaufe mich grade im Garten, als sie plötzlich dasteht und mich dazuwinkt, und wie ich das sehe, erinnere ich mich an die Hühner von früher und dass ich das Schlachten immer mochte, weil es so etwas Machtvolles und Berauschendes hatte. Alles sieht auch noch genauso aus wie damals: das Gehege und der Baumstumpf hinter der Mauer, die Wäscheleine, an der die toten Körper aufgeknüpft werden. Frances füttert die Hühner gerade noch mal, hält den Eimer in der Rechten und wirft ihnen die Körner mit knappen Bewegungen hin, als wäre ihr die Geste der letzten Fütterung peinlich.

«Beil oder festhalten?», sagt sie.

«Beil», sage ich.

Denn das ist der bessere Job, ich erinnere mich – das Festhalten des kopflosen Körpers auf dem Baumstumpf ist viel unangenehmer: Die Hühner zappeln noch mal richtig, während sie sich das Blut aus dem Hals arbeiten. Ich nehme das Beil und übe schon mal in der Luft, während Frances die Hühner bringt. Sie trägt je zwei zum Baumstumpf, an den Füßen, damit sie ohnmächtig werden. Die anderen Hühner sollen nichts mitkriegen, deshalb ist die Mauer dazwischen, und die beiden Todeskandidaten selbst kriegen auch nichts mit, die haben jetzt das Blut im Kopf und träumen einen umgedrehten Traum, mit halbgeschlossenen Augen, so stelle ich mir das vor. Kaum dass sie dann auf dem Baumstumpf liegen und zur Besinnung kommen, fällt auch schon das Beil. Es geht butterweich – ich ziehe den Hals mit der Linken lang und lasse das Beil einfach fallen.

Der Schweiß an meiner Stirn ist kühl, die Körperwärme der Hühner liegt in der Luft. Mit nacktem Oberkörper warte ich auf weitere Hälse und bin ein verantwortlich arbeitender Töter – Konzentration und ab, Konzentration und ab.

Denn auch wenn es so leicht geht, ist es natürlich eine ernste Sache – die Hälse müssen unbedingt beim ersten Schlag durchgetrennt werden, man darf nicht zögern in der Bewegung, weil man dann schmerzhaft nachhacken muss. Ich entwickle dabei einen gewissen Ehrgeiz, ich bewege mich rhythmisch. Die Wiese verfärbt sich lila, das heiße Blut fließt über Frances’ Hände. Sie sieht mir in die Augen, während sie die kopflosen Körper auf den Baumstumpf drückt.

Aber wie ich so dastehe zwischen den schwebenden Federn, wie ich so auf das nächste Huhn warte und mir die abgehackten Köpfe angucke, merke ich plötzlich, dass ich träume. Nicht wie manchmal tagsüber in der Laube oder nachts im Bett, es ist ein dunkleres und stärkeres Gefühl, das mit dem Anblick des Hühnerbluts zusammenzuhängen scheint. Mir ist plötzlich, als wäre meine Anwesenheit als Töter nur gedacht, mein ganzes bisheriges Leben, als würde eigentlich schon immer Hühnerblut in meinen Adern fließen. Ich bin nicht der Töter und warte auf das Huhn, ich bin das Huhn und warte auf den Töter. Ja, da entsteht zumindest in meiner Erinnerung ein Dasein als Huhn, ganz von alleine – da kann ich mich deutlich an ein großes Feld und an eine große Sonne erinnern; und es gibt auch eine Gemeinschaft an diesem grünen Ort, ich erinnere mich an diese pochende Lebensgier, die wir alle haben, und wie wir schreiend und flatternd durcheinanderlaufen. Und eines Tages werden wir hinter eine schattige Mauer getragen, und die Welt dreht sich um, aber das ist eben unmöglich, die dürfte es nämlich gar nicht geben, diese kalte Mauer, die will sich überhaupt nicht in die Geschichte fügen – deshalb ist auch das nur ein Traum. Deshalb muss es einer sein.

Und indem ich das denke, öffne und schließe ich die Augen, und auch die Augen an den toten Hühnerköpfen öffnen und schließen sich wie immer, ein letzter Reflex – aber diesmal sieht es aus, als wären sie tatsächlich im Zweifel, ungläubig, als könnten sie nicht mehr glauben, dass dieses Hühnerleben wahr gewesen sein soll.

Denn es war einfach zu klein. Mit diesen zufälligen Farben und Gerüchen.

Und als läge mein Kopf dort abgehackt im Gras, kann ich diesen Gedanken mitdenken, der mit einem kalten Hindernis in der Kehle beginnt: Ach, wie schade, dass es doch nur ein Traum gewesen ist, eigentlich bin ich nie vorhanden gewesen, ich war gar kein Huhn.

Die blicklosen Augen bleiben offen.

Das Märchen geht los.


Ja, ich kann es nicht beschwören, aber für einen Moment ist sie da, die große Verbundenheit mit allen vorherigen Leben, eine noch viel größere Schicksalsgeschichte, die ich hier erlebe, eine noch viel größere Ordnung, in die ich mich hier reinbringen will. In diesem Fall kann mir ja auch keiner widersprechen.

Und ich habe das Bedürfnis, das letzte der zu schlachtenden Hühner zu verschonen – überrascht von dem Mitgefühl, das ich entwickle. Ich will es im Wald aussetzen. Ich stelle mir vor, dass es vielleicht ein kleines Leben als Waldhuhn führen könnte, dass es verwildern könnte, um irgendwann in der Morgensonne an Altersschwäche zu sterben. Ziemlich zerrupft und mitgenommen, aber frei.

Frances sagt, dass der Gedanke eher unsinnig sei, da es nicht lange überleben würde, aber wir könnten es von ihr aus tun. Und so nimmt sie das Huhn an den Beinen, und wir gehen den Trampelpfad hoch.

Vor uns liegt der Wald.

Sie wirkt etwas müde, guckt nicht grade feierlich, das fällt mir auf, und als sie das Huhn auf der ersten Lichtung absetzt, beginnt mein Gefühl eigentlich auch schon wieder runterzufahren. Ich höre ein Rascheln, ich spüre, dass es windiger und kühler wird, der Wald wirkt zunehmend bedrohlich – ziemlich wahrscheinlich, dass das Huhn die neugewonnene Freiheit gar nicht zu schätzen weiß. Dass es sie nur als gefährliche Abwesenheit von Gemeinschaft und Futter empfindet.

Dann allerdings fällt mir auf, dass die Alternative so oder so schlechter gewesen wäre, und ich sage zu dem Huhn: «Du musst es als Chance sehen, normalerweise wärst du schon tot.»

Aber damit kann es natürlich nichts anfangen, es zuckelt nur los, mit diesem typisch urdummen Hühnerausdruck. Zuckend und fanatisch. Ein Gackern scheint sich im Hals anzustauen, kommt aber nicht raus.

Und wir gehen zurück, und ich denke, dass es ein eher abstrakter Gedanke war, ja, doch – dass man ihn, wenn überhaupt, wohl in einem weiteren Sinne fassen müsste. Und dass man ihn, wenn man mit der richtigen Überzeugung daran glaubt, aber vielleicht doch wahr machen könnte. An einem blaueren Tag. Ja, dass der Gedanke möglicherweise an einem blaueren Tag, erkläre ich Frances, noch mal anders und stärker zu mir käme …

Sie versteht natürlich nicht, was ich meine. Sie redet inzwischen von der Hühnersuppe, die sie später kochen will, vom Wetter, das langsam ungemütlicher werde.

Aber natürlich kommt es nur darauf an, dass sie irgendetwas sagt, dass wir uns zumindest nicht mehr anschweigen wie früher. Das Dach müsse beispielsweise noch ausgebessert werden, erklärt sie mir, mit der Regenrinne sei es so, dass man sich die unter Umständen, gegen Herbst hin, noch mal ansehen sollte.

Und so versinkt die Sonne hinter dem Haus, als wir die Veranda erreichen – über den Herbst und über Regenrinnen redend. Robert ist schon drinnen und kniet vor dem Kamin. Er hat ein Feuer angemacht. Er pustet in die Glut.

Das große Leuchten
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