6
Kurz bevor wir die Tankstelle das zweite Mal überfielen, war Ana plötzlich weg, von einer Sekunde zur nächsten, mitten im Wald. Wir wollten zum Waldsee, weil Erik nach der Arbeit immer dort vorbeikam und weil wir noch Fotos mit ihm machen wollten, bevor wir ihn ausrauben würden. Ana hatte ihre Plastikkamera von zu Hause geholt, wir wollten ihn dazu bringen, ein bisschen für uns zu strippen und zu posieren.
Als ich vorsichtig weiterging, lag ein unangenehmes Brummen in der Luft, es kam von den Libellen, die über der Lichtung hingen. Ana war gar nicht weit gerannt. Sie lag am anderen Ende der Lichtung auf ihrer Decke, aber für mich war sie immer noch verschwunden, ich sah keine Sekunde zu ihr hin. Ich betrachtete nur diese Waldlibellen, die so groß und starr waren, die einfach in ihrer Formation blieben, als würden sie auf etwas warten. Sie waren türkis und violett. Ihr Brummen war viel zu laut.
Ana war nackt, ich hatte es schon gesehen.
Sie war einfach vorgerannt und hatte sich ausgezogen und hingelegt. Das war alles – aber sie war eben nackt, und deshalb konnte ich mich nicht bewegen und nicht gucken.
Irgendwann, später, saß ich mit etwas Abstand bei ihr auf der Decke. Sie lag die ganze Zeit auf dem Bauch und hatte die Augen geschlossen, bewegte sich kein Stück. Als wollte sie, dass ich glaube, sie schläft. Ihre Schultern waren von der Sonne gerötet, im Nacken hatte sie feine Härchen, die etwas heller waren, fast bräunlich. Insgesamt kam sie mir irgendwie größer vor.
Ich hauchte mir gegen die Hand und prüfte, ob ich Mundgeruch hatte.
Dann rückte ich ein Stück von ihr weg.
Während ich so dasaß, längere Zeit, auf diesem harten Boden mit den Wurzeln, bekam ich Bauchschmerzen und dachte an meine Mutter, daran, dass sie mich sehen könnte, was ich widerlich fand. Ich glaubte kein Stück daran, aber der Gedanke war da und ließ sich nur langsam wegschieben.
Ana war anders schön als sonst. Mit den geschlossenen Augen hatte sie ein etwas fremdes Gesicht, und ihre Haut war insgesamt viel heller als die Teile davon, die ich schon kannte. Erst nach einer Ewigkeit, als ich gerade dachte, sie schläft wirklich, bewegte sie sich.
«STREICHELN.»
Ich fing vorsichtig an, die Härchen an ihrem Nacken zu berühren. Aber irgendwie machte ich es ungeschickt, und sie nahm meine Hand und rollte sich ein. Und ich lag hinter ihr und wunderte mich über den Geruch. Es war etwas gleichzeitig Warmes und Unglücklichmachendes darin. Sie zupfte so an mir herum, dass klar war, dass ich mich auch ausziehen sollte – und während ich es tat, setzte sie sich auf mich drauf, und als ich die Augen aufmachte, waren ihre Brüste in meinen Händen und ihre Haare in meinem Gesicht. Sie schien es genau so geplant zu haben. Es gab ein leises Schmatzen, und sie war neben mir oder doch wieder auf mir, und dann war sie doch unter mir, und ihr Kopf ruckte langsam vor und zurück.
Und sie schrie.
Sie sagte, ich solle sie nicht in die Wurzeln reinficken.
Aber als sie zur Seite gerückt war, wurde sie wieder weicher, sie zog mich auf sich drauf und sah mir dabei in die Augen, etwas erschrocken, als hätte sie mich eben erst bemerkt. Ich wollte mich entschuldigen, aber ich merkte, dass ich weitermachen sollte und dass etwas Glasiges in ihren Blick kam – ein dunkler Ton kam dazu aus ihrem Mund. Sie stöhnte mir mit offenen Augen direkt ins Gesicht.
Und plötzlich waren wir schwitzig und fleischig wie Schweine.
Ihre Beine klammerten sich fest um meinen Rücken, und sie sagte mir ins Ohr, dass es jetzt gut sei, dass ich diesen Rhythmus beibehalten solle, und ich versuchte, irgendeinen Rhythmus beizubehalten, und dann waren wir fertig. Aber irgendwann machten wir es noch mal halb. Und danach lagen wir verklebt ineinander, und die Libellen waren immer noch da.
Ich sagte, dass ich es mir so auf keinen Fall vorgestellt hätte, nicht so plötzlich und nicht so schön und nicht so merkwürdig klatschend, obwohl es eben sehr gut gewesen war, aber eben auch traurig gut und klebrig, obwohl ich überhaupt nicht genau wusste, was ich damit meinte. Sie sagte, dass es in so einer Situation so sei, dass man nicht unbedingt reden müsse.
Erst viel später an diesem Tag kamen wir am Waldsee an. Wir lagen im weichen Gras am Ufer, und wenn wir uns ansahen, lächelten wir anders als sonst, etwas länger und vertrauter, und ich dachte daran, dass wir es geschafft hatten und dass es uns vielleicht für immer aneinanderschweißen würde. Klar war, dass es heute nicht noch mal passieren würde und dass jetzt auch nicht die ganze Zeit darüber nachgedacht werden sollte. Ana schien es nicht zu wollen: Plötzlich setzte sie sich auf und fing an, wieder betont normal zu reden.
Über die Dokumentarfilme, die sie eines Tages drehen wollte. Über eine Radiosendung, in der es um den Widerstand in Teheran gegangen sei. Oder über meine Nichtblinzeltechnik, die sie nicht richtig verstand.
«Was soll denn das bitte für eine STRUKTUR sein, die du da immer sehen willst? Es ist doch so, dass alles erst im Auge entsteht, wusstest du das nicht? Alle Bilder entstehen im Gehirn. Da kannst du genauso gut die Augen ZUMACHEN, anstatt nicht zu blinzeln!»
Aber es war gar nicht wichtig, darüber nachzudenken, weil sie schnell wieder bei einem anderen Thema war. Weil sie einfach ihrer eigenen Stimme folgte, um so zu tun, als würde sie gar nicht mehr an vorhin denken. Und während ihr grünes Haargummi blitzschnell von ihrem Handgelenk in ihre Haare wanderte und während sie von Gehirnen und Träumen erzählte, stellte ich mir vor, dass ich in ihr drin gewesen war. Und dass es etwas ausgelöst hatte, das sie jetzt dazu brachte, mich besonders sachlich anzusehen. Sie schien es einfach nicht zu mögen, wenn man andauernd herumlächelte, und als sie sich die Lippen mit Labello einrieb, machte sie es auch ganz zackig – als sollte es unter keinen Umständen schön aussehen. Was aber grade gut aussah. Sodass ich anscheinend doch wieder lächelte.
«Jetzt guck mir doch nicht die ganze Zeit LÄCHELND auf die LIPPEN», sagte sie. «Dann kann ich überhaupt nicht mehr reden!»
Aber sie redete trotzdem weiter, und ihre Wangen wurden schon rot, weil sie zu wenig Luft holte beim Reden, und ich stellte mir vor, dass es Bilder in meinem Gehirn waren, die ich sah, schöne Bilder: das pinke Badehandtuch, ihre aufgeschürften Knie, die Pumpbewegungen ihrer Hand, mit der sie ihre stolpernde Stimme begleitete. Als wollte sie sich abbremsen, weil sie wieder zu schnell geworden war beim Reden.
Ich dachte, dass ich sie vielleicht doch noch mal küssen sollte, dass es jetzt so weit war, dass man sich doch noch mal ausziehen könnte. Aber in dem Moment hörten wir einen Schrei:
«WEG!»
Erik Presley stand am anderen Ufer. Er sah uns erschrocken an und hob die Hände, als würden wir mit einer Pistole auf ihn zielen, aber es war gar nicht wegen uns, es war wegen Robert: Er lief vor und zurück und schlug hektisch mit einem Stock auf ihn ein. Erik drehte sich hilflos mit erhobenen Händen hin und her, und Robert schlug drauflos und versuchte, ihn im Gesicht zu treffen, und dann umklammerte er ihn plötzlich und wollte ihm anscheinend ein Bein stellen und ihn umreißen, obwohl Erik mindestens das Dreifache von ihm wog.
«SPION! SPION!»
«WEG!», rief Erik.
Ana war auch aufgestanden. Robert schien völlig durchgedreht zu sein: Er hatte jetzt wieder seinen Stock, schlug Erik voll ins Gesicht, und Erik taumelte zur Seite und legte den Kopf in den Nacken, und das Blut floss wie Wasser aus seiner Nase, ehe er Robert endlich mit einer Hand wegschubste und stolpernd zwischen den Büschen verschwand.
Robert starrte zu uns rüber, als wäre er plötzlich gelähmt.
Als wüsste er selber nicht so genau, was er da gerade gemacht hatte.
«Was ist los? Bist du verrückt?», rief ich.
«Erik hat euch beobachtet, er hat euch verfolgt!»
«Unsinn, er kommt immer nach der Arbeit hier lang. Du bist der, der uns die ganze Zeit beobachtet!»
«Nein, nein, er hat euch verfolgt. Sie verfolgen euch jetzt alle!»