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Wir sitzen auf einem großen, weinroten Teppich. Im einzigen Raum des Hauses. Umgeben von rissigen Lehmwänden und kitschigen kleinen Gemälden, auf denen Löwen und Adler zu sehen sind. In einer Ecke ist eine Kochnische durch eine Lehmmauer abgetrennt, mit Plastikblumen und Papiergirlanden verziert, dahinter dampfen Töpfe: Abu und seine Mutter haben direkt mit dem Kochen angefangen. Es gibt einen riesigen Flachbildfernseher, über dem ein Foto von Abus Bruder in Militäruniform hängt. Im Garten ein Plumpsklo, auf das ich eigentlich muss. Aber ich traue mich nicht, es kommt mir jetzt vor, als wären wir irgendwie unbefugt hier eingedrungen, als hätten wir jemanden nicht gefragt, den wir hätten fragen müssen. Zum Beispiel Abus Vater. Der sich schweigend Nüsse in den Schnurrbart steckt.

Er sitzt uns im Schneidersitz gegenüber, heftet seine schwarzen Augen auf uns und schweigt einfach vor sich hin. Nur sein Schnurrbart bewegt sich ab und zu. Ich bin vollkommen durchgeschwitzt, obwohl ich nur ein Unterhemd und eine von den luftigen bunten Haushosen trage, die Abu uns gegeben hat. Und der Vater sitzt drahtig und fremd da, guckt abwechselnd mich und seine nackten Füße an.

Ich sage: «Hallo?»

Keine Antwort von ihm.

Robert steht auf und geht zur Küchennische rüber, um Abu und seiner Mutter zu helfen, aber das ist offenbar unangebracht, die Mutter schiebt ihn lachend zurück. Sie ist in etwa so groß wie Abu, nur etwas dicker und runder, ein fröhlicher Vogel mit ihrem rosa Kopftuch und den langen Spülhandschuhen. Allerdings so übertrieben freundlich, dass es mich misstrauisch macht – als wäre es etwas Großartiges, dass hier zwei junge Deutsche sitzen, die Hilfe brauchen.

Kleine Lacher kleckern aus der Küchennische, während Robert sich wieder hinsetzt. Er guckt den Vater an, und dann guckt er dessen Füße an, und als ich ihn ansehe, nippt er an seinem Teeglas und schiebt mir das Kandiszuckerdöschen hin. Er gibt sich offensichtlich immer noch Mühe, locker auszusehen, aber die Anspannung sitzt ihm im Gesicht, und seine Allergie ist stärker geworden, diese weißen Pusteln an seinem Hals. Ich erinnere ihn besser nicht daran, was Ana uns damals gesagt hat, auf den Feldern vor dem Haus: dass man in Teheran tatsächlich jedem misstrauen müsse, dass es überall Spitzel gebe. Schließlich ist er jemand, der auch dann Spitzel wahrnimmt und panisch wird, wenn es gar keine gibt. Zumindest war das früher so, als er seine Medikamente noch nicht hatte.

«Schön hier», sagt er jetzt.

Die Augen des Vaters sind leer.


Also gut. Ich hole die Gastgeschenke aus der Plastiktüte: den Kühlschrankmagneten in Form einer Deutschlandkarte, das Deutschlandtrikot, das Deutschland-Quartett, das kölnisch Wasser, den Deutschland-Bildband, den ich dem Vater hinschiebe. Und der Vater wird tatsächlich etwas beweglicher, seine Augenbrauen wandern nach oben, während er das Buch durchblättert: Schloss Neuschwanstein, die Lüneburger Heide, Burg Hohenzollern, die Mecklenburgische Seenplatte. Außerdem allerhand Würste und Wälder, eine dicke Frau vor einem Fachwerkhäuschen. Er legt den Finger auf die Frau und sieht uns an – und mir wird schlagartig klar, dass er schüchtern ist. Der Vater ist unsicher, das ist es anscheinend. Einfach ein zurückhaltender Mensch.

«Mutter?», sagt er.

Wir schütteln die Köpfe. Offenbar meint er, dass die Frau aus dem Buch unsere Mutter sein könnte. Abu kommt aus der Küchennische und wechselt ein paar schnelle, kratzige Worte mit ihm.

«Mein Vater will erst mal eure Mutter kennenlernen, bevor wir alles andere besprechen!»

«Wie das?», sagt Robert.

«Na, mit Skype!»

Er geht zum riesigen Bildschirm und friemelt daran herum. Er stöpselt Kabel um, richtet eine kleine Kamera aus und loggt sich ins Internet ein, während der Vater das Foto des Bruders auf dem Teppich aufstellt. Offenbar soll die ganze Familie versammelt werden. Die Mutter kommt auch schon rüber.

Wir brauchen eine ganze Weile, um zu erklären, dass meine Mutter tot ist und dass sich meine Adoptivmutter beziehungsweise Roberts Mutter mit so was nicht auskennt. Abu will gar nicht glauben, dass wir keine echten Brüder sind, er sagt, wir würden uns so ähnlich sehen. Und es würde ihn wirklich freuen, jetzt unsere Mutter kennenzulernen.

«Wir sind keine Brüder, und wir haben einfach kein Skype», sagt Robert. «Ich kann euch höchstens ein Foto von meiner Mutter zeigen.»

Er holt es raus – ich kenne es, er hat es immer in seiner Gürteltasche: Frances auf dem Korbstuhl vor ihrem Hippiehaus. Ein bisschen wie eine Postkarte: links ein Heuballen, rechts ein blühender Busch, in der Mitte Frances mit ihren Leinenklamotten – noch etwas jünger und nicht gut zu erkennen, deshalb wirkt sie einigermaßen freundlich. Und er holt noch ein Foto raus: wir beide als Kinder auf den Rapsfeldern vor der Scheune, mit ernsten Gesichtern im gelben Leuchten.

Abus Eltern betrachten die Fotos eine Weile, nicken und sagen, ja, dieses Haus und auch Roberts Mutter seien sehr hübsch, jetzt würden sie aber lieber skypen wollen. Sie sehen es einfach nicht ein: Deutsche ohne Skype. Irgendjemand aus der Familie müsse doch Skype haben, einer von unseren Cousins oder Neffen oder Onkeln.

«Es gibt nur uns und meine Mutter», sagt Robert.

Ein ungutes Schweigen entsteht.

Abu wirkt fast beleidigt, während er die Kabel wieder ausstöpselt.

Erst nach und nach kehrt seine Freundlichkeit zurück. Er sagt, es sei natürlich in Ordnung, er könne verstehen, wenn es uns noch zu früh sei für so was, vielleicht könnten wir es ja morgen oder übermorgen mit dem Skypen versuchen.


Tee. Tee beim Essen und nach dem Essen wieder Tee. Vor uns auf den Tellern glänzen Knochenreste in der stehenden Hitze, wir haben jeder ein Huhn mit Soße und Reis im Bauch. Viel zu viel, weil uns Mutter Merizadi immer nachgeladen hat, aber sie scheint davon überhaupt nicht müde geworden zu sein, sie plaudert fröhlich auf Persisch vor sich hin, als gäbe es nur diese eine Sprache auf der Welt.

Abu übersetzt, dass sie sich selbstverständlich noch an Anas Mutter erinnern könne, dass Anas Mutter das wildeste Mädchen in der Nachbarschaft gewesen sei und immer mit den Jungs Fußball gespielt habe, damals am Kaspischen Meer. Der Kontakt sei allerdings vor knapp zwanzig Jahren abgebrochen – seit Anas Vater damals mit Ana nach Deutschland geflohen sei.

«Das letzte Mal hat meine Mutter sie hier in Teheran gesehen, auf dem Basar», sagt Abu. «Da sollte man morgen anfangen zu suchen! Es gibt auch ein Foto von einem Baby, das Ana sein könnte. Und zwar aus dem Tuchladen meines Chefs. Gar nicht weit von hier.»

Abus Mutter nickt, setzt sich sehr gelenkig in den Schneidersitz und holt allerhand Fotos aus einer Schachtel, auf denen sie mit Anas Mutter zu sehen ist: als junge hübsche Mädchen vor einem Pferd; mit einer ganzen Gruppe von Mädchen auf einer Picknickdecke.

Abu gibt mir das Babyfoto: ein fröhliches Gesicht, das aus einem Haufen bunt schimmernder Tücher guckt. Schwer zu sagen, ob es wirklich Ana ist. Aber er sagt, sein Chef sei so oder so unser Mann – er habe Einfluss, Verbindungen und kenne sich aus. Nassir heiße er, aber wir sollten ihn besser mit Nassir Chan ansprechen. Das bedeute in etwa: der große Helfer.

Das große Leuchten
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