Ich möchte das Oberhaupt einer persischen Großfamilie sein
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Ordnung ist das halbe Leben. Ordnung ist eigentlich sogar alles, und alles ist miteinander verflochten, denke ich. Während wir durch die Teheraner Straßen fahren. Durch den irrationalen Verkehr, durch das Chaos aus Mopeds, Schrottautos, rotem Staub und Händlern. Hinter dem aber eben, denke ich, immer stärker eine Struktur sichtbar wird, vielleicht sogar ein schicksalhaftes Muster, das ich hier vorsichtig wahrnehme. Indem ich mich nicht blenden lasse von der Sonne, von den bunten Mosaiken der Palastmauern, die in der Mittagshitze funkeln und leuchten. Indem ich mich von gar nichts blenden lasse.
Sitze hier im Gegenteil mit einem besonders kühlen, sortierten Kopf in Abus Schrottkarre, stadtauswärts unterwegs.
Denn das Versteck von Anas Mutter befindet sich nicht grade um die Ecke, aber wir haben ja die Adresse, der Derwischmann hat sie uns aufgeschrieben. Und dass wir ihn nicht mitgenommen haben, war auch genau die richtige Entscheidung – es wäre nur unnötig kompliziert geworden mit diesem Typen.
Brettern also sehr orientiert aus der Stadt.
Finden hier den Ausgang und fahren in dieses abrupt beginnende Land.
Ich sehe mit einem Auge noch den blütenweiß leuchtenden, in sich verdrehten Freiheitsturm auf dem Azadi-Platz und mit dem anderen Auge schon den kreisenden Adler, der plötzlich wie ein lebloser Gegenstand ins Tal fällt. Abus Vater drückt das Pedal durch, und wir jagen eine Gebirgsstraße rauf und runter, nehmen die Kurven eng, verlieren keinen Meter. Bleiben dann hinter Schrottlastern hängen, die das Vielfache ihres Eigengewichts geladen haben. Obendrauf sitzen Arbeiter und verfolgen mit trägen Augen unser Pendeln, während Abus Vater es fertigbringt, mit einer Hand den Sitz zu verstellen und mit der anderen Hand hin und her zu lenken, und gleich ist die Lücke wieder da, und wir jagen in einen Ausschnitt greller Sonne.
Essen dazu kandierte Fruchtwürfel, die uns Mutter Merizadi reicht.
Sie sitzt auf der Rückbank zwischen Robert und mir, holt auch Pflaumen, Nüsse und süßen Zwieback aus ihrer Tüte. Sie will ihren Vater besuchen, wenn wir sowieso ans Kaspische Meer fahren, hat sie gesagt. Schließlich sei sie ja auch in Sari geboren, auf einer Orangenfarm, im selben Dorf wie Anas Mutter.
Ihr Gesicht macht richtig mit beim Sprechen, ihre ganze Kindermimik ist in Bewegung, während sie uns handwarme Pistazien reicht. Zwischendurch ist mir, als würden wir ein bisschen zusammenwachsen in dieser engen Karre, in dieser einlullenden Hitze, vier Quadratmeter warmes, zusammengepresstes Fleisch. Draußen fliegen lehmfarbene Minarette und Reisplantagen vorbei.
Robert erzählt dazu, völlig unpassend, etwas über Zwiegesichtigkeit. Über Schizophrenie also, wie er uns erklärt.
Ich weiß gar nicht, wie er dazu kommt – plötzlich holt er auch noch seine Holzschatulle mit den Medikamenten raus, erzählt ganz offen von seinem Psychiatrieaufenthalt. Es ist das erste Mal, dass ich ihn das Wort Schizophrenie aussprechen höre.
Dieser Tyrhkrdn, sagt er, sei nämlich seines Erachtens auch leicht schizophren gewesen.
Was aber gar nicht bedeuten solle, dass er nichts draufgehabt hätte, das nicht, das eine schließe das andere ja nicht aus. Im Gegenteil: Leute wie er und Tyrhkrdn würden eben häufig mit beidem in Verbindung gebracht, mit Wahnsinn und mit Weisheit, das sei schon immer so gewesen. Es käme auf den Kulturkreis an und auf die Epoche – mal verbrenne man den Zwiegesichtigen, mal baue man ihm Kirchen, mal schicke man ihn in die Psychiatrie, mal lasse man ihn ein ganzes Land regieren.
«Der Schizophrene in der Geschichte», erklärt er. «Religionsgründer und Ketzer. Hab ich mal ein Buch gelesen.»
Mutter Merizadi nickt ganz zufrieden, obwohl sie ihn nicht verstanden haben kann, denn er sagt es nur auf Deutsch. Aber auch ich verstehe es nicht, zumindest bin ich mir nicht sicher, ob er es ernst meint. In seinem Lächeln ist etwas ungewohnt Selbstironisches, als wollte er witzig sein und nebenbei sticheln, weil er besser mit dem Derwischmann fertig geworden ist als ich. Mir fallen seine Bartstoppeln auf und sein irgendwie ausgeprägteres Kinn – als wäre es in der letzten Nacht etwas nach vorne gewachsen.
Jesus, sagt er, sei ja auch schizophren gewesen. Andernfalls hätte er doch kaum Gottes Stimme hören können. Oder zum Beispiel auch Newton. Dem sei ja ein Apfel auf den Kopf gefallen.
«Ja und?», sage ich. «Und wieso überhaupt Jesus? Du glaubst doch selber an Jesus.»
«Ich bin ja auch schizophren», erklärt er mir.
Von Mutter Merizadi gibt es dazu ein gutgelauntes Nicken. Sie meint aber nicht Robert, sondern die Landschaft draußen. Er sieht mich einen Moment vollkommen ernst an, vollkommen klar und selbstbewusst. Und reicht mir seine handwarmen Pistazien rüber.
Sphinx Robert, denke ich. Mit seinen Pusteln am Hals.
Wobei er nach und nach eine angenehm ansteckende Geselligkeit entwickelt, sogar der Vater beginnt jetzt zu reden. Es geht um deutschen Motorsport und Michael Schumacher. Er lächelt sogar zum ersten Mal kurz. Als wollte er eigentlich nicht emotional sein, wäre es aber doch.
«Mein Vater kennt sich mit Autos und Autosport aus», sagt Abu. «Er ist der beste Taxifahrer bei sich im Unternehmen!»
Während Robert ganz unbekümmert anfängt, über mich zu sprechen, als wäre ich irgendwie zu verkrampft und er müsste jetzt an meiner Stelle reden.
Dass ich ja damals mit Ana von zu Hause abgehauen sei, weg von ihm und seiner Mutter, und dass er aber noch eine ganze Weile mit mir gekommen sei, auf seine Art, nämlich in Gedanken. Das merke er jetzt, wenn ich ihm davon erzähle. Wobei er heute, anders als früher, nicht mehr glaube, dass wir seelenverwandt sind. Also keine Brüder oder etwas in der Art. Eher Freunde. Er sei mir also nicht mehr böse, dass ich einfach so abgehauen bin, das nicht – aber wir seien da sehr unterschiedlich, sehr unterschiedliche Freunde eben. Er bleibe eher zu Hause und lese und beschäftige sich geistig, während ich unbedingt herumrennen und mich an äußeren Dingen abarbeiten müsse. Ich sei da in gewisser Weise vielleicht noch etwas jünger. Ich wisse noch nicht, dass alles innen ist, dass es die inneren Dinge sind, mit denen man kämpft.
Abu hört nach der Hälfte auf zu übersetzen, etwas beschämt, weil Robert eigentlich nur zu mir redet. Aber ich kann auch nichts sagen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn darauf anzusprechen, ob er noch sauer ist wegen früher – anscheinend kann er jetzt auch Gedanken lesen und antwortet schon, bevor ich frage.
Draußen: flaches Land.
Termitenhügel, die in der Sonne zittern.