22.

U-Bahn-Station Hauptbahnhof-Nord, Hamburg, Dienstag, den 23. März, 18.30 Uhr

Ingrid Wallenstein war es zuwider, in der heutigen Zeit mit der U-Bahn zu fahren. Die Welt hatte sich über ihr Begriffsvermögen hinaus verändert, und es gab hier so viele unliebsame Leute. Junge Leute. Gefährliche Leute. Verrückte Leute. Wie die verschiedenen »S-Bahn- und U-Bahn-Schubser«. Nach einem hielt die Polizei seit Monaten Ausschau. Was für ein Mensch brachte es fertig, einen anderen vor einen Zug zu stoßen? Und warum hatten sich die Dinge in den vergangenen fünfzig Jahren so sehr gewandelt?

Frau Wallenstein und ihre Generation hatten weiß Gott genug durchgemacht, um wahnsinnig werden zu können, aber sie waren es nicht geworden. Die Nachkriegsgeneration dagegen hatte nur damit fertig werden müssen, dass sie jederzeit alles haben konnte, was sie wollte. Deshalb hatte Frau Wallenstein wenig für junge Leute übrig: Ihnen war erspart geblieben, was die ältere Generation erlitten hatte, und trotzdem waren sie unzufrieden. Sie waren frech, nachlässig und respektlos geworden. Was würden sie sagen, wenn sie das erlebt hätten, was sie selbst als Kind und als junge Frau ertragen hatte! Den Krieg, den Terror und die Vernichtung. Und später den Hunger und den Mangel. Alle hatten zusammenarbeiten müssen, um den Wiederaufbau zu bewerkstelligen und die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Heute dagegen warfen die jungen Leute alles weg. Nichts hatte auch nur den geringsten Wert für sie. Nichts wussten sie zu schätzen.

Seit Frau Wallenstein von dem jetzigen »S-Bahn-Schubser« gehört hatte, achtete sie stets darauf, sich entweder hinzusetzen oder sich mit dem Rücken an eine der Zwischenwände auf dem Bahnsteig zu stellen, während sie auf einen Zug wartete.

Ihr Knie schmerzte, und sie stützte sich schwer auf ihren Krückstock, während sie den Blick über den Bahnsteig schweifen ließ und ihre Mitreisenden musterte. Nur ein paar Menschen befanden sich auf dem Bahnsteig. Zwei von ihnen hatten winzige Kopfhörer, von denen Drähte hinunterbaumelten, in den Ohren. Frau Wallenstein hasste diese Geräte. Wenn man im Bus oder Zug neben jemandem saß, der sich diese fürchterliche Musik der jungen Leute anhörte, so war es, als summte eine übel gelaunte Wespe durch die Luft. Warum beschäftigten sie sich nicht mit etwas Besserem? War es denn so schrecklich, andere zur Kenntnis zu nehmen und, Gott bewahre, vielleicht sogar ein Gespräch mit ihnen zu führen?

Sie betrachtete den Rest des Bahnsteigs. Auf einer Bank saß eine noch recht junge Frau. Wenigstens trug sie einen anständigen Hosenanzug. Der Schmerz in Frau Wallensteins Knie verschlimmerte sich, wenn sie längere Zeit stehen musste. Im Stillen ihre Arthritis verfluchend, ließ sie sich neben der jungen Frau nieder und sagte: »Guten Tag.« Die Frau erwiderte ihr Lächeln, doch es wirkte sehr traurig. Frau Wallenstein bemerkte, dass ihre Nachbarin offenbar nicht ganz so reinlich war, wie sie aus der Ferne angenommen hatte, und dass sich in ihrem blassen Gesicht Schatten unter ihren Augen abzeichneten. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, sich neben sie zu setzen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Frau Wallenstein. »Sie sehen nicht gut aus.«

»Doch, es ist alles bestens«, erwiderte die jüngere Frau. »Lange Zeit ist es mir schlecht gegangen, aber jetzt habe ich keine Probleme mehr. Nun kommt alles ins Lot.«

»Oh«, machte Frau Wallenstein, der keine Antwort einfiel. Sie bedauerte nun ein wenig, dass sie das Gespräch begonnen hatte. Die Jüngere sah so seltsam aus. Vielleicht nahm sie Drogen. Frau Wallenstein war eine eifrige Zuschauerin von »Adelheid und ihre Mörder« und »Großstadtrevier«. In diesen Fernsehserien sahen Drogensüchtige immer so aus wie ihre Nachbarin. Aber vielleicht war die Arme einfach nur krank.

Das Lächeln der jüngeren Frau war unsicher, als hätte es Mühe, an ihren Lippen haften zu bleiben. »Ich habe mein kleines Mädchen heute besucht.«

»Oh, das ist schön. Wie alt ist sie?«

»Sie ist sechzehn. Ja, sechzehn.« Die Jüngere kramte in ihren Taschen, und Frau Wallenstein bemerkte, dass die Bluse, die sie unter ihrem Jackett trug, verwaschen und abgetragen war und dass sie keine Handtasche bei sich zu haben schien. Die Frau holte ein zerfleddertes Foto mit Eselsohren hervor und hielt es Frau Wallenstein hin. Es zeigte ein schmächtiges, durchschnittlich wirkendes Kleinkind mit dem gleichen matten Blondhaar wie seine Mutter.

»Ja«, sagte die blasse Frau. »Meine kleine Martha. Mein Baby. Sie war immer ein so lebhaftes Ding. Ein Frechdachs. So habe ich sie früher immer genannt: meinen kleinen Frechdachs…«

Unbehagen stieg in Frau Wallenstein auf, aber zugleich machte sie sich Sorgen um die andere, die so verzweifelt aussah. Da hörte sie zu ihrer Erleichterung das Rumpeln der sich nähernden U-Bahn. Die jüngere Frau stand auf und schaute in den Tunnel in Richtung des Geräusches. Plötzlich schien sie wachsam zu sein. Auch Frau Wallenstein erhob sich, allerdings gemächlicher, und stützte sich schwer auf ihren Stock.

»Wo ist Ihr kleines Mädchen denn jetzt?«, fragte sie, eher um die letzten Momente der Bekanntschaft zu füllen als aus wirklichem Interesse.

Die junge Frau wandte ihr den Kopf zu. »Dahin bin ich jetzt unterwegs… um mit meiner kleinen Martha zusammen zu sein. Von jetzt an bin ich eine gute Mutter…« Ihr Gesicht war plötzlich munter und glücklich. Der Zug tauchte mit immer noch hohem Tempo aus dem Tunnel auf. Sie lächelte Frau Wallenstein zu. »Auf Wiedersehen. Es war schön, mit Ihnen zu sprechen.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Frau Wallenstein und wollte noch etwas hinzusetzen, aber die Jüngere war bereits an den Rand des Bahnsteigs getreten. Und sie blieb nicht stehen. Frau Wallenstein starrte auf die Stelle, wo die andere hätte sein sollen, aber sie war verschwunden.

Ein abscheulicher, dumpfer Aufschlag war zu hören, als der Zug auf den Körper traf, und kurz darauf hallten die Schreie der anderen Passagiere auf dem Bahnsteig durch die Station.

Frau Wallenstein blieb regungslos stehen, lehnte sich auf ihren Krückstock, um den Schmerz in ihrem arthritischen Knie zu lindern, und starrte weiterhin auf die Stelle, an der die Frau, mit der sie sich gerade noch unterhalten hatte, gewesen war.

Sie hatte sich vor den Zug geworfen. Warum denn bloß? Was war aus dieser Welt geworden?