Epilog

Und wieder einmal hatte Paula Steiner einen ihrer typischen Pamperl-Fälle abgeschlossen. Konnte den Vorgang »Platzer, Elvira« zu den Akten mit dem Aufdruck »erledigt« legen. Gut, ihre Entourage hatte sie dabei nach Kräften unterstützt, aber die Hauptkommissarin war sich nach diesen Tagen des Zweifels an ihren Chef-Qualitäten jetzt sicher, dass sie selbst entscheidend zur Aufklärung beigetragen hatte. Dass sie, wie es sich für ihre Position ziemte, die Kräfte der Mannschaft gebündelt und vorangetrieben hatte. Ihre diesbezügliche Zerrissenheit und inneren Widersprüche konnte sie mit dem erfolgreichen Abschluss dieses Falles gleich auf den Aktenstapel mit dem Stempel »erledigt« dazulegen.

Man sollte also meinen, sie hätte allen Grund gehabt, im Reinen mit sich und der Welt zu sein. War sie aber nicht. Denn noch immer schwebte das Damoklesschwert über ihr, und es kam mit jeder Stunde unheilvoll näher. Morgen hieß es Abschied nehmen. Sie bemühte sich an diesem letzten Tag als später Forty-Something mehr schlecht als recht um Gelassenheit. So hatte sie sich fest vorgenommen, sämtliche Glückwünsche von wem auch immer mit Haltung zu ertragen, das war ihr Zugeständnis an die zurückliegenden Anwürfe, Forderungen und Empfindlichkeiten ihrer Umwelt. Mehr aber nicht. Keine Feier, kein Geschenk. Zumindest ein Gutes würde dieser Tag, wenn er denn endlich ausgestanden sein sollte, haben: Ihre Alpträume wären dann genauso Vergangenheit wie ihre Zugehörigkeit zur Gruppe des mittleren Alters. Und gab es nicht zahlreiche Geschlechtsgenossinnen, allen voran Schauspielerinnen, die immer wieder bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betonten, dass ihr Leben erst mit dem Erreichen dieser späten Schallmauer an Lust und Tiefe gewonnen habe? An Gelassenheit und dem Wissen, was wirklich zählte?

Nach einer unruhigen Nacht, in der sie sich immer wieder von rechts nach links und von links nach rechts geworfen hatte, wurde sie am nächsten Morgen durch das aufdringliche Klingeln ihres Telefons wach. Mit einem derben Fluch wälzte sie sich aus dem Bett, marschierte grimmig zum Telefon, nahm, ohne auf das Display zu schauen, das Mobilteil ab, um es sofort wieder mit Schmackes auf die Basis zu drücken. Die kurze noch verbleibende Zeit vor Dienstbeginn und dem unweigerlichen Aufeinandertreffen mit den Gratulanten wollte sie sich nicht verderben lassen.

Nach einem üppigen Frühstück, das sogar einen eigenhändig zubereiteten Obstsalat bereithielt, verließ sie das Haus. Sie hatte vor, auch diesen denkwürdigen Tag mit einem ausgedehnten Blick auf die Kaiserburg zu begrüßen, doch der freie Blick darauf war heute verstellt.

Vor der niedrigen Steinmauer zum Burggraben stand Paul Zankl in schwarzer Motorradkluft, vor ihm auf dem Seitenständer seine lindgrüne Moto Guzzi. Man sah es ihnen an, wie sich beide für sie und ihren Ehrentag fein gemacht hatten: Die Maschine funkelte vor der graubraunen Kaiserstallung wie ein pflückfrischer, knackiger Granny-Smith-Apfel, und mit ihr um die Wette glänzte die eingefettete und polierte Lederkombi, deren Besitzer sie nun mit einem an Lässigkeit durch nichts zu überbietenden kurzen Heben und Senken des rechten Zeigefingers begrüßte.

Sie war so überrascht und auch, das muss man sagen, von diesen beiden ansehnlichen Hinguckern derart hingerissen, dass sie den Gruß nicht erwiderte, sondern lediglich mit offenem Mund regungslos stehen blieb.

Da lief Paul Zankl ihr entgegen, drückte sie an sich und flüsterte ihr zärtlich ins Ohr: »Alles Gute zum Geburtstag, du alter Sturschädel, du junge Zwiderwurzn, du liebe Paula.«

Dann überreichte er ihr ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

»Eingepackt habe ich es jetzt nicht, das Einiwickeln und Ummischnürn ist eh ein Schmarrn, finde ich. Das hier ist mein Geschenk«, sagte er mit einem selbstzufriedenen Grinsen, »eine Jahresmitgliedschaft beim Club.«

»Schön. Danke. Und bei welchem Club bin ich jetzt Mitglied?«

»Was für eine Frage, Paula. Es gibt doch nur einen Club. Beim FCN natürlich. Die Dauerkarte gehört übrigens auch dazu. Damit kannst du auf jedes Heimspiel gehen. Es ist zwar kein Sitzplatz, aber dafür bist du näher am Spielfeld dran.«

Sie hörte in seinen Worten und sah auch in seinen vor Begeisterung funkelnden Augen, dass er von ihr nun eine ganz bestimmte Reaktion erwartete – einen überschwänglichen Dank für dieses einzigartige Geschenk, mit dem er ihre geheimsten Wünsche erraten zu haben meinte.

Also warf sie sich ihm an den Hals und sagte gerührt: »Das ist ja wunderbar, Paul, so ein schönes Geschenk. Eine echte Überraschung. Und das Beste daran ist, dass ich ja, wenn ich mal verhindert sein sollte, die Karte an dich weitergeben kann, gell?«

»Auf jeden Fall. Ich übernehme das dann schon für dich, im Fall der Fälle.« Ein heftiges Nicken bekräftigte diesen Beistand im Fall der Fälle.

»Und jetzt fahr ich dich ins Präsidium. Das ist doch auch so etwas wie ein Geschenk, oder?«

»Natürlich. Ein fast so schönes wie die Mitgliedschaft und die Dauerkarte.«

In ihrem Büro angekommen, setzte sie sich erwartungsvoll an ihren Schreibtisch und wartete auf die Gratulanten. Aber es kamen keine. Der Einzige, der eine Viertelstunde nach ihr eintraf, war Heinrich.

Nach einem sehr beiläufig vorgebrachten »Hey« nahm er an seinem Schreibtisch Platz, ließ den Computer hochfahren und stierte auf den Bildschirm.

Nanu, das war alles? Sollte er vergessen haben, welcher Tag heute war? Oder hatte er sich ihre heftigen Absagen dermaßen zu Herzen genommen, dass er nun beleidigt war? Es sah ganz danach aus.

»Du darfst mir schon gratulieren, Heinrich. Du schon«, sagte sie und hörte selbst, wie ihr der richtige Ton für diese dümmliche Bewilligung misslang.

»Nein, das wolltest du ja nicht«, antwortete er, ohne von seinem Bildschirm aufzuschauen. »Sag mal, ich finde das Abschlussprotokoll zu der Platzer gar nicht. Du hast doch schon eines geschrieben, wo ist das denn abgelegt?«

Sie sagte es ihm. Und war grenzenlos enttäuscht. Das war ihr Verschulden. Dumm war sie gewesen, richtig dumm und kindisch. Das hatte sie nun davon. Schließlich gab sie sich einen Ruck und versuchte, sich mit jedem nur möglichen Einsatz auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Besonders gut gelang ihr das nicht. So ging dieser Vormittag schleppend und schweigend vorüber.

Als die nahe St. Elisabethkirche mit dem Zwölf-Uhr-Läuten einsetzte, schaute Heinrich erstmals von seinem Computer auf und fragte sie, ob sie mit in die Kantine gehen wolle. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die vierte Etage. Im dritten Stock angelangt, sagte er: »Hast du eigentlich schon die neuen Möbel im großen Besprechungszimmer gesehen? Nein? Komm, ich zeig sie dir. Die musst du dir anschauen, die sind so was von daneben, man kann gar nicht glauben, dass irgendjemand dafür Geld ausgegeben hat. Übrigens eine Idee von deiner Freundin, der Reußinger.«

Als sie die Tür öffnete, sah sie keine neuen Möbel, dafür nahezu alle ihre Kollegen im Kreis versammelt, jeder mit einem gefüllten Sektglas in der rechten Hand. Fleischmann ergriff das Wort.

»Die Kollegen und ich, wir wünschen Ihnen das Allerbeste zu Ihrem Geburtstag, den Sie nicht einmal im kleinen Kreis feiern wollten. In erster Linie natürlich Gesundheit. Und auch weiterhin so viel Erfolg und ab und an auch ein wenig Spaß bei der Arbeit.«

Nachdem sie nichts darauf antwortete, ergänzte er: »Haben Sie denn wirklich geglaubt, liebe Frau Steiner, Sie kommen uns an so einem entscheidenden Tag ohne jede Feier davon? So gut müssten Sie uns eigentlich kennen, vor allem Herrn Bartels, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist.«

Dann drehte er sich nach hinten, zu dem weißen Sideboard, auf dem drei Formationen Weinflaschen parallel zueinander ausgerichtet waren, nahm die erste Flasche und überreichte sie ihr mit den Worten: »Ein Müller-Thurgau aus dem Jahr 2010 vom Staatlichen Hofkeller zu Würzburg mit den besten Wünschen von mir.«

Die anderen taten es ihm gleich, sagten ihr immer gleiches, mehr oder weniger glaubhaft intoniertes Gratulationssprüchlein auf, überreichten die Flasche und nannten dazu Rebsorte, Region, Jahrgang. Zwischendurch sah sie zu Heinrich auf, der neben ihr stand und als selbst ernannter Zeremonienmeister die Gratulanten einen nach dem anderen zu sich winkte und sie wieder verscheuchte, wenn er der Meinung war, es sei nun genug. Als Letzte trat eine strahlende Eva Brunner vor und händigte ihr einen »ganz hervorragenden Bio-Weißwein, einen Pinot Grigio aus Venetien von 2007, ein Tipp von meinem Papa« aus.

Anschließend kam der hauseigene Catering-Service, die Mitarbeiter der Kantine, und brachten, was man bei solchen Bürofeiern in Franken eben so zu sich nimmt, also Brezen, Weißwürste, Leberkäse, Bier und Wasser. Für nahezu zwei Stunden ruhte nun die aktive Verbrechensbekämpfung im Großraum Nürnberg. Ebenfalls außer Kraft gesetzt waren die persönlichen Animositäten und Feindschaften in dieser Doppelstunde – jedermann war bemüht, sich von seiner freundlichsten Seite zu zeigen. Vor allem gegenüber dem Geburtstagskind.

Aber das war, genau wie das lukullische Angebot, nichts Besonderes. Das Besondere an dieser Feier war, dass sie der Hauptperson Spaß machte. Die nämlich genoss die Tatsache, dass sich alles um sie drehte, regelrecht. Und selbst das wäre, wenn man sie gut genug kennen würde, vielleicht zu erwarten gewesen.

Das wirklich Einzigartige und damit Bemerkenswerte an dieser Feier eines runden Geburtstages, die für Außenstehende einen vielleicht trivialen, mit Sicherheit aber unspektakulären Eindruck machen musste, war Heinrichs Geschenk.

In ihm spiegelte sich nämlich – um abschließend eine nun Fünfzigjährige mit fragmentarischen Kenntnissen in den Sozialwissenschaften zu zitieren – der Fetischcharakter der Warenwelt auf eine besonders groteske Art und Weise wider. Der rot-grüne Zigarren-Standaschenbecher aus den sechziger Jahren, Murano-Glas mit einem blau-gelben Clown als Aufsatz, war ebenso abgrundtief hässlich und kitschig wie überflüssig, ja unbrauchbar für sie. Dennoch freute sie sich über dieses Geschenk am allermeisten. Auch wenn sie nicht wusste, warum.