10
Punkt acht Uhr am nächsten Morgen verließ sie ihre Wohnung. Einer lieb gewonnenen Gewohnheit folgend, blieb sie kurz vor der Haustür stehen und schenkte der Kaiserburg den ersten langen Blick des Tages. Sie sah zum Himmel – noch immer nieselte es. Hinter ihr lagen beruflich turbulente Tage sowie zwei unerbittliche Wochen ohne Sonnenschein. Vor ihr die Aussicht, demnächst unter Trommen zu arbeiten. Sie beschloss, das alles heute zu ignorieren und nur den Fall Kramer zu Ende zu bringen.
Als sie am Fembo-Haus vorbeilief, ging ihr Kramers verwüstetes Büro durch den Kopf, dann das Wasserwerk mit dem toten Shengali davor. Was für ein Unterschied! Hier kalkuliertes Arrangement, da besinnungslose Raserei, hinter der sie die Wut, ja mehr noch: den Zorn des Täters spürte. Und doch hatten beide Verbrechen eine Klammer, die sie zusammenhielt: den Zigarettenschmuggel. Davon war sie überzeugt. Der Auslöser war derselbe, trotzdem war Kramer aus einem anderen Grund umgebracht worden als Shengali.
Hinter dem Tod des Agenturchefs spürte sie, die jetzt sinnierend neben dem Eingangsportal des alten Rathauses stehen geblieben war, einen tief verletzten, mörderischen Ehrbegriff. Und diesmal hatte sie das Gefühl, dass sie mit ihrer Ahnung richtig lag. Ja, das war ein Verbrechen, das sich wie Rache für ein ungeheures Unrecht ausnahm. Aber war der Juniorchef der Spedition überhaupt zu solchen großen Gefühlen imstande?
Nachdem sie das Rathaus hinter sich gelassen hatte und nur mehr wenige Schritte vom Hauptmarkt entfernt war, legte sie einen erneuten Stopp ein. Vor ihrem inneren Auge tauchten plötzlich, sie wusste selbst nicht, warum, die Freys auf. Wie der Vater seine Hand begütigend, ja mehr noch: liebevoll auf die Schulter des Sohnes legte. Und welch große Kraft diese kleine Geste hatte – nur ihr war es zu verdanken, dass der wie wild um sich schlagende Joachim Frey seine Beherrschung wiederfand. Eine sehr enge Vater-Sohn-Beziehung. Liebe war schon immer ein starkes Mordmotiv. Nein, das ist zu weit hergeholt. Oder doch nicht …? Nun aber schüttelte Paula Steiner ihre Grübeleien ab und setzte sich wieder in Gang.
Eva Brunner saß an Heinrichs Schreibtisch und machte offenbar ihre zwei Fleißaufgaben: Der ganze Tisch lag voll mit Computerausdrucken, bunten Markern und Blättern mit handschriftlichen Notizen. Als die Kommissarin das Bürozimmer betrat, blickte die Anwärterin nur kurz auf.
»Herr Bartels ist schon wegen Kramers Konten unterwegs. Ich hatte ihn gefragt, ob ich mich in der Zwischenzeit auf seinen Platz setzen darf. Sie sehen ja selbst – für den ganzen Krempel hier«, sie zeigte missmutig auf die vor ihr liegenden Papiere, »hätte mein Schreibtisch nicht ausgereicht. Er hat es mir erlaubt.«
Nanu, »Krempel« und kein herzlicher Morgengruß wie sonst? Das deutete auf eine über Nacht rapide gedrosselte Arbeitseuphorie ihrer jungen Mitarbeiterin hin. Sie war sich sicher, an diesem Morgen empfand die Kommissaranwärterin Brunner die polizeilichen Aufgaben nicht mehr als »wahnsinnig interessant, richtig aufregend und einfach geil«, sondern als das, was sie in der Regel waren: als monotones, langwieriges Abarbeiten von Pflichten, bei dem es so gar nicht auf Phantasie, nur auf pedantische Sorgfalt ankam.
»Irgendwann, wenn dieser Fall abgeschlossen ist, müssen wir uns um Ihre Möbel kümmern. Ich weiß schon, dieser kleine Beistelltisch aus der Teeküche ist keine Lösung auf Dauer. Ich vermute, Sie bearbeiten gerade Kramers Kundenkartei und seine Anrufverzeichnisse?«
Als Antwort erhielt sie nur ein geschäftiges Nicken.
»In welcher Reihenfolge?«
»Ich habe mit den Telefonlisten angefangen. Zu der Kundenkartei bin ich noch nicht gekommen, ich bin ja auch erst seit einer halben Stunde im Büro.« Das klang wie ein Vorwurf, adressiert an die Kommissarin, die ihr nicht nur diese öden Arbeiten aufgehalst hatte, sondern auch noch schier Unmögliches erwartete.
»Zeigen Sie mir bitte mal die Kundenliste. Ich glaube, die können wir gleich ad acta legen.«
Stumm und mit angestrengt-pikiertem Gesichtsausdruck überreichte ihr Eva Brunner die Papiere. Sie überflog die Ausdrucke und kam schnell zu dem Schluss, dass hier nichts zu holen war. Außer der Erkenntnis, dass knapp vierhundert Kunden, davon vier Fünftel seit Jahren ohne jeden Kontakt, geschweige denn mit einer finanziell einträglichen Vermittlung abgeschlossen, einfach zu wenig für Kramers aufwendigen Lebensstil waren.
»Die dürfen Sie schon abheften. Die bringen uns im Augenblick nicht weiter. Und jetzt schauen Sie sich die Anruftabellen von diesem Dienstag, an dem Kramer umgebracht wurde, und von dem Tag davor an. Taucht da irgendwo die Nummer der Spedition Frey-Trans auf?«
Schweigend machte sich Eva Brunner an die Arbeit. Als sie von dem Papierstapel aufsah, schien sie ihren Elan und einen großen Teil ihres Diensteifers wiedergefunden zu haben.
»Ja, dreimal. Kramer hat die Spedition am Montag in der Früh und am Nachmittag desselben Tages angerufen. Am Dienstagnachmittag wurde er von Frey-Trans angerufen.«
»Wie lange dauerten diese Gespräche?«
»Am Montagmorgen drei und am Nachmittag vierundvierzig Minuten, am Dienstag knapp zwei Minuten.«
Kramer telefoniert mit Frey an diesem Montagmorgen, um ihm anzukündigen, er werde den Crossfire nun zurückbringen; am Nachmittag desselben Tages meldet er sich noch mal bei ihm, nachdem es mit der Rückgabe nicht geklappt hatte – Frey und Kramer reden jetzt eine Dreiviertelstunde miteinander, die meiste Zeit wahrscheinlich über ihren und Heinrichs Besuch in der Donaustraße. Und mit dem kurzen Anruf am Dienstagnachmittag hat Frey sich für den Abend desselben Tages in Kramers Büro eingeladen. Eine Selbsteinladung mit mörderischer Absicht.
»So, die Telefonlisten haben wir fürs Erste auch durch. Bleiben nur mehr die Kontobewegungen. Hat Herr Bartels gesagt, wann er wieder hier sein wird?«
»Nein. Jetzt hätte ich es beinahe vergessen, Frau Steiner: Der Herr Dennerlein hat angerufen und auch Dr. Grath. Sie möchten beide bitte zurückrufen.«
Sie wählte die Nummer der Gerichtsmedizin. Sofort meldete sich Dr. Grath und wünschte ihr einen »Guten Morgen«. Die Metamorphose des arroganten Kotzbrockens zum umgänglichen Menschen schien anzudauern. Er sagte ihr, dass er nun den exakten Todeszeitpunkt habe. Kramer starb um zwanzig Uhr plus/minus fünfzehn Minuten.
»Ich fürchte, Frau Steiner, den Bericht kriegen Sie frühestens morgen. Er wird im Übrigen auch nicht mehr beinhalten, als das, was ich Ihnen bereits am Tatort sagen konnte.«
»Lassen Sie sich Zeit mit Ihrem Bericht, Herr Dr. Grath, so lange Sie eben brauchen. Mit dem Todeszeitpunkt haben Sie mir bereits sehr geholfen.« Das stimmte zwar nicht, nach dem Gespräch des gestrigen Abends und seinen Erkenntnissen waren sämtliche Befunde aus der Tetzelgasse in den Hintergrund gerückt, auch die genaue Sterbezeit. Doch sie wollte der so verheißungsvollen Verwandlung des Dr. Grath nicht im Wege stehen. Er wünschte zum Abschied sogar noch »Alles Gute für Sie und für den Bestand Ihrer Kommission!«.
Der Anruf bei Klaus Dennerlein begann mit der triumphalen Verkündung: »Ich habe meinen Wagenheber!«
»Prima, Klaus, Gratulation. Also haben sie die Blahotova noch vor der Grenze erwischt?«
»Nein, erst in Prag. Ich hatte die Tschechen um Amtshilfe gebeten. Für die war das ganz einfach. Die hatten ihre Adresse, das heißt: die Adresse ihrer Eltern, bei denen sie noch gemeldet ist. Und vor deren Haus stand auch der Spider mit den ungültigen Nummernschildern. Innerhalb einer halben Stunde hatte ich die Antwort von den tschechischen Kollegen. Das lief hochprofessionell ab. Da sage mir noch mal einer was über die tschechische Poli…«
»Du bist gestern Abend gleich noch nach Prag gefahren?«, unterbrach sie ihn verwundert.
»Jawohl. Bin ich. Habe mir die Tatwaffe geholt, noch ein wenig mit den Kollegen geredet, dann ging es wieder retour. Da kann ich ganz giftig werden, wenn mir jemand meine Beweismittel vor der Nase wegschnappt!«
»Ich weiß, ich habe es gestern gemerkt. Dann hast du ja auch eine kurze Nacht hinter dir. Wann warst du wieder in Nürnberg?«
Sie griff nach Heinrichs Notizblock, schrieb darauf: »Bitte, Frau Brunner, checken Sie den Frey so bald als möglich durch, es eilt!« und hielt ihn der Mitarbeiterin so lange entgegen, bis diese nickte und Heinrichs Computer einschaltete.
»Kurz nach vier Uhr.«
»Erst nach vier Uhr!«, rief sie aus. »Da hast du ja maximal drei Stunden Schlaf erwischt.«
»Ich habe überhaupt nicht geschlafen. Ich bin gleich ins Präsidium gefahren. Bei uns daheim ist es nämlich momentan nicht so … gemütlich. Wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich kann es mir denken. Das tut mir leid, Klaus, richtig leid. Aber das ist sicher nur vorübergehend. Das wird schon wieder.« Kaum hatte sie den letzten Satz ausgesprochen, bereute sie ihn auch schon. Sie hatte Klaus etwas Tröstliches sagen wollen, und herausgekommen bei dieser gut gemeinten Absicht war nur die banalste aller Plattitüden, die seine prekäre Ehesituation zudem auf eine Stufe mit einer lästigen Krankheit stellte.
Doch Dennerlein schien ihren Fauxpas nicht registriert zu haben. »Ach ja, noch was. Susanka Blahotova wurde in Tschechien per Haftbefehl gesucht. Sie war mal eine Zeit lang mit dem Chef von irgend so einer kleineren Zigarettenschmugglerbande liiert. Als der gewaltsam von einem großen Tabaksyndikat aus dem Verkehr gezogen, sprich: ermordet wurde, hat die Blahotova noch schnell das Konto ihres Freundes leer geräumt und sich dann auf Nimmerwiedersehen ins Ausland abgesetzt. Warum die wieder nach Prag zurück ist und dann noch zu ihren Eltern, verstehe ich nicht. Die hat sich doch an ihren fünf Fingern ausrechnen können, dass sie da binnen Kurzem gefasst wird.«
Sie dagegen verstand die Rückkehr der Blahotova. Wohin sonst hätte die Tschechin, der nach Kramers Tod nur ein Oldtimer ohne gültige Kennzeichen geblieben war, auch gehen sollen als »nach Hause, in meine Heimat«?
»Aber das kann uns ja egal sein. Wichtig ist für uns: An dem Wagenheber sind Blutspuren von Shengali und Fingerabdrücke von Kramer, beides übrigens nicht zu knapp. Brauchst du den schriftlichen Bericht dazu noch heute? Weil jetzt würde ich mich doch gern mal kurz aufs Ohr legen.«
»Nein, das eilt überhaupt nicht. Sag mal, Klaus, was anderes, nur der Neugier wegen: Weißt du zufällig, was die Blahotova von Beruf ist? Mir sagte sie nämlich, sie hätte einen Beruf erlernt, müsse ihn derzeit aber nicht ausüben.«
»Du, die war in Tschechien vor ein paar Jahren mal richtig berühmt. Zwei Kollegen in Prag haben von der regelrecht geschwärmt. Wo sie noch um einiges jünger war. Aber ein erlernter Beruf, ich weiß nicht. Ist Dessous-Model ein richtiger Beruf für dich?«
»Warum nicht? Klar ist das ein Beruf, wenn auch einer mit einem sehr eingeschränkten Haltbarkeitsdatum.«
Sie dankte Dennerlein für seine schnelle Recherche vor Ort und legte auf.
Sofort meldete sich Eva Brunner zu Wort. »Frau Steiner, ich habe den Frey, Joachim durchgecheckt. Aber nichts gefunden. Der ist noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Komisch, oder? Da haben Sie mal wieder recht behalten.«
»Womit habe ich recht behalten?«
»Dass man in einem laufenden Ermittlungsverfahren absolute Neutralität den Zeugen und Verdächtigen gegenüber bewahren soll. Sie haben doch gesagt, der erste Eindruck würde uns oft täuschen, und man soll mit seinen persönlichen Beurteilungen so lange abwarten, bis jeder Fall abgeschlossen ist.«
Das hatte sie gesagt? Sie, die alle Menschen um sich herum sehr schnell und sehr grob in ausgesprochen liebenswerte und abstoßend widerwärtige rasterte? Das war klug gesprochen gewesen von ihr, fand sie, wenn auch nicht wahr. Denn auch sie wunderte sich insgeheim über das Ergebnis von Frau Brunners Datenrecherche. Sie hätte dem Juniorchef nicht nur einen, sondern etliche Kriminalaktennachweise zugetraut.
»Richtig, genau so soll es sein. Dann nämlich spielt uns der Sympathiewert keinen Streich bei der Ermittlung. Und wir bleiben offen nach allen Seiten.«
Sie hoffte, die Anwärterin würde von ihr nun nicht wissen wollen, wie sich dieser Allgemeinplatz auf den speziellen Fall Frey übertragen ließe. Sie hoffte vergebens.
»Was heißt das jetzt konkret für uns, Frau Steiner?«
»Nicht mehr und nicht weniger, als dass wir weiterhin alle Möglichkeiten in Betracht ziehen und uns einen unvoreingenommenen Blick bewahren müssen. So, jetzt muss ich Sie aber mal kurz verlassen. Ich bin im Dezernat 4, K42, zu erreichen, wenn was Dringendes sein sollte.«
Als sie die Tür schließen wollte, fiel ihr noch etwas ein. »Frau Brunner, rufen Sie Heinrich an und sagen Sie ihm, er soll umgehend ins Präsidium zurückkommen. Kramers Konten sind im Augenblick unwichtig. Das hält uns nur auf. Außerdem kann ich mir schon denken, was dabei rauskommt: dass Kramer über seine Verhältnisse lebte und ziemlich verschuldet war. Und, Frau Brunner, Sie haben doch noch den Haftbefehl für den Frey. Den werden wir uns nämlich vornehmen, sobald ich wieder zurück bin.«
Dann endlich machte sie sich auf den Weg zu Albert Amberger, der hausintern über das größte Wissen über Struktur, Historie und Verlaufsform des nationalen wie internationalen Schmuggels verfügte. Sie hatte zweifaches Glück: Er saß an seinem Arbeitsplatz und – er hatte Zeit für sie.
Sie erzählte ihm von dem Mord an Shengali, dem toten Kramer, der quicklebendigen und ungerührten Susanka Blahotova, dem gestrigen Gespräch mit Frau Vitzthum und ihren Schlussfolgerungen. Ambergers Rolle beschränkte sich darauf, von Zeit zu Zeit zu nicken und, nachdem sie mit ihrem Bericht fertig war, zu fragen: »Und was willst du jetzt von mir, Paula, wo du doch eh schon alles weißt?«
»Na, alles weiß ich eben nicht. Zum Beispiel ist mir neu, dass der Straßenverkauf an der tschechisch-deutschen Grenze auch in den illegalen Zigarettenhandel verwickelt ist. Ich dachte bisher immer, das Zeug wird nur bei uns im Westen, in den großen deutschen Städten wie Berlin oder Hamburg abgesetzt.«
»Das ist doch nichts Neues. Vielleicht solltest du unsere Rundschreiben mal etwas genauer lesen, damit du wieder auf dem Laufenden bist. Überall auf der Welt, wo jemand ein Päckchen oder eine Stange Zigaretten kauft, läuft er Gefahr, Schmuggelware zu bekommen. Überall! Auf dem Boden, zu Wasser und in der Luft. Du rauchst doch auch, schon deshalb müsstest du das eigentlich wissen.«
Sie unterdrückte die Frage, inwiefern sie die bloße Tatsache, dass sie Raucherin war, in seinen Augen dafür zu qualifizieren schien, sich im illegalen Zigarettenhandel bestens auszukennen, und sagte stattdessen: »Erklär mir doch bitte, wie deiner Meinung nach die Ware von Tirana an die Grenze, zu diesen fliegenden Händlern gelangen könnte.«
»Wahrscheinlich kommen die Lieferungen in verplombten Lastern auf dem Seeweg nach Albanien, ich vermute, über Vlore oder Durres. Dort genügt ein einziger bestochener Zollbeamter, um sie ohne Kontrolle an Land zu bringen und weiter nach Tirana oder Umgebung in eine Lagerhalle zu fahren. Dort werden die Zigaretten zurechtgemacht. Das heißt: Ein Teil wird entladen, der andere mehr oder weniger raffiniert in den doppelten Böden und Wänden der bereitstehenden Lkws versteckt. Dass sie offiziell leer zurückfahren, glaube ich nicht. Vielleicht hast du deine Zeugin da missverstanden?« Er sah sie fragend an.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, die hat das genau so gesagt.«
»Na, dann hat sie eben ihren Mann falsch verstanden. Denn dass jemand leer zurückfährt, ist höchst unwahrscheinlich, bei jedem Grenzer würden da sofort die Alarmglocken läuten. Das ist ja geradezu die Einladung zu einer gewissenhaften Zollkontrolle. Meist führt man bei solchen Transporten Möbel mit oder Autoreifen, also möglichst unauffällige Waren. Aber weiter. Dort in den Lagerhallen kriegen die Fahrer neue Zollpapiere mit gefälschten Stempeln für den Export. Die Laster fahren dann verplombt wahrscheinlich Richtung Belgrad, Budapest, Bratislava und schließlich nach Prag, das wäre der sicherste Weg. Ob die Frachten vor Prag oder dahinter entladen werden, kann ich dir nicht sagen, das spielt auch keine Rolle. Irgendwo dazwischen auf jeden Fall. Und dort erhält der Fahrer wieder neue gefälschte Zollpapiere, die ihm jetzt bescheinigen, er habe die komplette Fracht ordnungsgemäß in Tschechien abgeliefert. Was ja auch stimmt: Die letzte Strecke nach Nürnberg fährt der Lkw wirklich leer retour. So haben die Fahrer an der deutschen Grenze nichts mehr zu befürchten.«
»Und die geschmuggelten Zigaretten landen kurz darauf im Straßenverkauf, bei den Buden der Vietnamesen. Trotzdem gehen die Lkw-Fahrer bei diesen Fuhren doch ein Risiko ein. Lohnt sich das für die denn?«
»Das kommt darauf an, wie du ›lohnen‹ definierst. Dreitausend Euro für eine Lkw-Ladung Zigaretten sind da immer drin, und das ist das Minimum.«
Dreitausend Euro pro Fuhre an einem Tag, das ist schnell verdientes Geld. Zumal für einen dreifachen Familienvater, der auf einen kleinen Opel spart. Eine große Versuchung, der Shengali nicht erlegen war. Weil er seine Familie anständig ernähren wollte. Und weil er Spaß an seiner Arbeit hatte, die er unter keinen Umständen verlieren wollte.
»Bloß der Vollständigkeit halber: Wer ist der Hauptverdiener bei diesem Schmuggel, die Vietnamesen?«
»Also, Paula, du hast wirklich keine Ahnung von dem Geschäft. Die Vietnamesen organisieren doch nur den Straßenverkauf, das große Geld machen nach wie vor die Rumänen, Bosnier, die Weißrussen, Polen und …«
»Aber wie kommt man als mittelständische Spedition in die Szene rein? Hast du dafür eine Erklärung? Das wird ja kaum so gelaufen sein, dass bei Frey irgendwann das Telefon geklingelt und sich die Zigaretten-Mafia gemeldet hat nach dem Motto ›Herr Frey, wir hätten da einen lukrativen Sonderauftrag für Sie‹, oder?«
»Natürlich nicht«, entgegnete Amberger ungehalten. »Solche Verbindungen nach unten – und die Speditionen sowie deren Fahrer sind das letzte, das kleinste Glied in der Dealer-Kette, auch das mit der geringsten Profitspanne – ergeben sich meist zufällig. Wobei ich in deinem Fall vermute, dass diese Blahotova dabei ihre Finger im Spiel hatte. Was, sagtest du, war ihr Exfreund, der, den sie umgebracht haben und dessen Konto sie daraufhin abgeräumt hat?«
»Der Chef von irgendeiner kleineren Zigarettenschmuggelbande, hat Klaus bei seiner Spritztour nach Prag herausgefunden.«
»Na, das passt doch wie die Faust aufs Aug. Die hatte noch Connections von ihrem früheren Freund, die richtigen Namen und die richtigen Verbindungen, das war doch ein leichter Einstieg für diesen Kramer. Der brauchte ja nur dort weiterzumachen, wo der Exfreund der Blahotova aufgehört hat, bevor man ihn ins Jenseits befördert hatte. Und schon rollt der Rubel wieder. In dem Fall war das ein Kinderspiel. Für die Tschechin, für Kramer und auch für die mittlere Ebene des Zigarettensyndikats.«
Bevor sie ging, riet ihr Amberger noch, bei der Verhaftung die »nötige Sorgfalt« walten zu lassen. In Zigarettenschmuggelkreisen seien alle bewaffnet, von ganz oben bis ganz unten, durch die Bank. Und keiner hätte irgendwelche Hemmungen, von seiner Schusswaffe Gebrauch zu machen.
»Vertrau nicht auf deinen Sonderstatus als Polizistin, da geht es um viel Geld. Die haben was zu verlieren. Am besten, du lässt dich von ein paar unserer SEKler eskortieren. Und wenn du diesen Frey hast, nehmen wir ihn uns vor. Vielleicht kann er uns ja was Neues sagen.«
Ambergers Warnung klang furchteinflößend. Leider auch ernst gemeint. Dennoch hatte sie Schwierigkeiten, sich den schmerbäuchigen Juniorchef mit seinen ausgewaschenen T-Shirts und dem fettigen Haar als gnadenlosen Killer vorzustellen. Sie würde auf die Kollegen vom Sondereinsatzkommando verzichten, entschied sie auf dem Weg in die erste Etage, und sich von ihrem eigenen SEK in die Donaustraße begleiten lassen – von der Anwärterin Eva Brunner und deren hervorragenden Schießkünsten.
Auf dem Weg ins erste Stockwerk rief sie sich Ambergers Informationen ins Gedächtnis zurück. War das die Klammer, die die beiden Morde verband? Musste auch Kramer des Zigarettenschmuggels wegen sterben? Ja, da war sie sich sicher. Aber was war der Auslöser dafür, wo lag das Motiv? Zu dieser Frage gesellte sich genau in diesem Augenblick ein zweites Mysterium, nämlich das nur sehr vage Gefühl, an einer winzigen Stelle versagt zu haben. Nicht aufmerksam genug gewesen zu sein. Wahrscheinlich hatte ihre Ungeduld die Finger da mit im Spiel gehabt. Irgendetwas war ihr durch die Lappen gegangen, und dieses Etwas würde sie jetzt gut brauchen können, das würde ihr bei der Antwort auf die Frage nach dem Motiv hilfreich sein.
Als sie ihr Büro betrat, saß Heinrich an seinem Schreibtisch und winkte zur Begrüßung mit den Kontoauszügen.
»Paula, du wirst staunen, was die hergeben.«
»Das glaube ich nicht, dass ich staunen werde. Kramer lebte über seine Verhältnisse und war hochverschuldet. Das wolltest du mir doch sagen?«
»Eben nicht, eben nicht. Allein auf dem Girokonto der Agentur sind momentan«, er sah auf das obenauf liegende Blatt, »knapp vierzigtausend Euro Guthaben.«
»Was? Da würde mich aber interessieren, woher die kommen. Aus seinen Vermittlungen offensichtlich nicht, das haben Frau Brunner und ich bereits festgestellt.«
»Ich habe dir doch gesagt, du wirst staunen. Alle drei Monate gehen schon mal pünktlich dreitausend Euro auf sein Konto ein, na, von wem?«
»Ich weiß es nicht, und ich habe auch keine Lust, mit dir hier rumzu …«
»Raten!«, beharrte Bartels auf seinem Frage-und-Antwort-Spiel.
»Keine Ahnung. Sei doch nicht so albern heute, sag mir jetzt, von wem das Geld …«
»Raten!« Heinrich blieb unbeirrt von ihrem aufkeimenden Ärger, er lächelte sie verschmitzt an.
Dreitausend Euro? Diesen Betrag hatte sie doch eben erst gehört … Amberger hatte davon gesprochen im Zusammenhang mit dem Fahrerlohn für … ah ja.
»Die dreitausend Euro sind von der Spedition Frey.«
»Sehr gut, Frau KHK. Note eins, setzen.«
»Ja, aber davon allein konnte er seine Agentur nicht am Leben erhalten.«
»Auch dafür bekommst du von mir eine glatte Eins. Ab und an flossen nämlich noch weit höhere Beträge auf dieses Girokonto. Hier am Jahresanfang gleich mal zwanzigtausend Euro geradeaus, dann im August nochmals zwanzigtausend, und auch im letzten Jahr im Juli wieder zwanzigtausend Euro. Überwiesen von der Firma DMSB aus der Schweiz.«
»So, und jetzt darfst du mal raten. Von wem könnte dieses Geld sein?«
»Ich habe keine Ahnung, ich kenne keine Firma mit dem Namen DMSB in der Schweiz.«
»Raten!«
»Das ist unfair, Paula. Du hast es viel leichter gehabt.«
»Das ist falsch. Ich hatte eindeutig die schwerere Aufgabe. Na, wie heißt deine neue Traumfrau?«
»Susanka Blahotova, aha, SB steht für Susanka Blahotova. Und DM steht für … Deutsche Mark?«
»Nein, DM steht wahrscheinlich für Dessous-Moden oder Dessous-Model.«
Und dann erzählte sie ihm von ihrem Besuch bei Frau Vitzthum, Dennerleins Erkenntnissen und Ambergers Vermutungen. Als sie mit ihrem Bericht geendet hatte, legte ihr Eva Brunner wortlos den Haftbefehl, ausgestellt auf den Namen Frey, Joachim, auf den Schreibtisch.
Einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken, die Polizeiwache Süd um die Vollstreckung dieses Untersuchungshaftbefehls zu bitten. Doch da sie sich mehr davon versprach, den Spediteur selbst zu stellen, sagte sie zu der Anwärterin: »Wo haben Sie eigentlich Ihre Waffe, Frau Brunner?«
»Hier in Ihrem Waffenschrank, so wie es sich gehört.«
»Gut. Die brauchen wir nämlich jetzt gleich. Wir drei fahren in die Donaustraße und werden den Frey festnehmen und uns vorher noch ein wenig mit ihm unterhalten.«
Eva Brunner schlug sich mit der Innenfläche ihrer rechten Hand auf die Stirn. »Das tut mir leid. Das habe ich vergessen, Ihnen zu sagen: Der Frey ist schon im Haus, die Pforte hat mich vor einer halben Stunde angerufen und ihn angemeldet.«
»Wo ist er jetzt, immer noch im Eingangsbereich?«, fragte Paula Steiner unbeeindruckt von dieser Vergesslichkeit, zu der sie ihre eigene gleich dazu addierte. Genau, der Juniorchef wollte ja heute »auf jeden Fall, hundertprozentig« ins Präsidium kommen.
»Nein. Ich habe ihn in das große Vernehmungszimmer bringen lassen.«
»Also, dann gehen wir, Frau Brunner, Heinrich.« Sie griff nach der Akte »Kramer, Karsten« und schloss die Tür.
Als sie ins Vernehmungszimmer traten, stand der Juniorchef sofort auf und reichte zunächst ihr, dann Frau Brunner und schließlich Heinrich die Hand. Er hatte frisch gewaschene Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, trug ein kurzärmliges weißes Oberhemd, das um die Körpermitte bedrohlich spannte, und eine saubere schwarze Jeans. Biss-Spuren konnte sie nicht entdecken.
»Schön, Herr Frey, dass Sie doch noch den Weg zu uns gefunden haben. Sie wollten aber ursprünglich mit Ihrem Anwalt kommen, oder täusche ich mich?«
»Den brauch ich net. Man kann mir nix vorwerfen.«
»Da wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht so sicher.« Sie stellte das Mikrofon auf den Tisch und schaltete den Rekorder ein.
»Sie haben Kramer Ihren Wagen ausgeliehen. Warum haben Sie das getan, Herr Kramer hat doch selbst einen Audi?«
»Er wollte ihn für eine Spritztour haben, und ich hab ihm den Chrysler gegeben. Das ist doch nicht strafbar. Vielleicht wollte er mal was anderes fahren als seine langweilige schwarze Mittelklassekiste.«
»Das heißt: Sie hatten keine Ahnung, dass Herr Kramer Ihren Crossfire nur dazu brauchte, um den ermordeten Shengali von Kinding nach Nürnberg zu transportieren?«
»Nein, natürlich nicht, dann hätte ich ihm doch nie …«
»Das habe ich mir gleich gedacht«, fiel sie ihm ins Wort. »So habe ich Sie auch eingeschätzt. Als einen Mann von Ehre, der nie und nimmer etwas Kriminelles tun oder der Polizei gegenüber strafbare Handlungen verschweigen würde.«
Heinrich beobachtete sie aufmerksam und fragend. Er konnte den Nutzen dieses neuartigen Spiels, das dem Verdächtigen harmlose Antworten geradezu in den Mund zu legen schien, offenbar nicht erkennen.
»Und dann waren Sie auch nicht der anonyme Anrufer, der der Polizei den herrenlosen Lkw auf der Kindinger Parkbucht gemeldet hat?«
»Nein, das wäre ja blöd von mir gewesen, weil ich …«
»Stimmt, natürlich wäre das blöd von Ihnen gewesen«, unterbrach sie ihn sanft und lächelnd. »Nun zu einem anderen Thema.« Sie klappte die Akte auf und entnahm ihr das oberste Dokument. »Kennen Sie diesen Mann?«
Joachim Frey erschrak, als er sich über das Foto beugte. Es war ein ehrliches Erschrecken, da hatte sie keinen Zweifel. Er sah Kramer in diesem Zustand, die grausig verzerrten Gesichtszüge, der halb geöffnete Mund, die weit aufgerissenen, hervorquellenden Augen, die deutlichen Würgemale an seinem Hals, zum ersten Mal.
»Ich wiederhole meine Frage, Herr Frey, kennen Sie diesen Mann? Haben Sie ihn schon einmal gesehen?«
»Ja. Das ist der Karsten. Karsten Kramer. Ist er tot?« Seine Stimme, die bislang zwischen höflicher und drohender Tonlage geschwankt hatte, klang nun angespannt und rau.
»Schön, dass Sie sich erinnern. Ja, er ist tot. So tot wie Abdulaziz Shengali nach der Fahrt in Ihrem Crossfire.«
»Ermordet?«
»Es sieht so aus. Oder denken Sie, das ist eine nachgestellte Szene wie beim Laienspieltheater von Oberammergau?«
»Wer tut so was?«, fragte er kaum hörbar.
»Meinen Sie jetzt den Mord an Shengali oder an Kramer?«
»Natürlich an Kramer.«
»Natürlich an Kramer«, wiederholte sie gedankenverloren seine letzten Worte und schaltete den Kassettenrekorder wie beiläufig aus.
»Ja, Herr Frey, lesen Sie denn keine Zeitung? Die Zigaretten-Mafias machen doch seit Wochen schon einen Kahlschlag durch die mittlere und untere Ebene ihrer Konkurrenten. Letzte Woche die drei Morde in Berlin, davor die Sache mit den zwei Lagerverwaltern in Tirana, am Montag der Doppelmord an den Spediteuren in Tschechien, am Dienstag die erhängten Vietnamesen an der tschechisch-deutschen Grenze und eben auch Herr Kramer. Gestern wieder zwei tote Lkw-Fahrer aus Bosnien, aber die hatten nicht so viel Glück wie Ihr Geschäftspartner – da war vom Gesicht nichts mehr zu erkennen. Und wer weiß, wer der Nächste ist?«
Frey zögerte. Er schwieg und überlegte. Es fiel ihm schwer, das war zu sehen. Denken war seine Sache nicht. Sie gab ihm eine kleine Hilfestellung.
»Vielleicht Sie? Ihr Name taucht nämlich auch in den Protokollen unseres Informanten auf. Zwar nur am Rand, aber immerhin.«
»Welcher Informant?«
»Ein hochrangiges Mitglied aus dem südosteuropäischen Zigarettensyndikat hat sich entschlossen, aus der Szene auszusteigen und uns als Kronzeuge zur Verfügung zu stehen. Als solcher genießt diese Person natürlich sämtliche Vergünstigungen unseres Zeugenschutzprogramms, und schon von daher kann ich Ihnen den Namen nicht nennen. Wofür Sie sicher Verständnis haben.«
Wieder dachte Frey nach. Sie ließ ihm Zeit bei dieser für ihn ungewohnten Tätigkeit. Sie wusste, am Ende würde er sich für das Richtige entscheiden. Das Richtige für alle in diesem Raum. Sie drückte die Start-Taste des Rekorders.
»Aber wir haben doch noch gar nichts gemacht«, sagte er schließlich, und sie bezweifelte nicht, dass er die Wahrheit sprach. »Bis jetzt hat es ja noch nicht geklappt. Das war nur ein Gedanke von uns, sozusagen in der Planungsphase. Das ist doch nicht strafbar. Wie sind die überhaupt auf uns gekommen, ich kann mir das gar nicht vorstellen …«
»Wer redet denn von Strafe, Herr Frey? Wir nicht. Vielleicht sollte ich der Vollständigkeit halber noch ergänzen, dass Frau Blahotova gestern Nacht verhaftet wurde.«
»Die Susi!«, schrie er, blutrot vor Wut. »Die ist doch an allem schuld. Die hat uns doch, den Karsten und mich, erst auf die Idee gebracht, dass damit Geld, viel Geld und leichtes Geld, zu verdienen ist. Die Matz, die elende!«
Mit diesem Wutausbruch hatte Frey, ohne dass er das ahnen konnte, der Leiterin der Kommission 4 einen großen Dienst erwiesen. Sein entrüstetes Geschrei hatte ihr Gedächtnis schlagartig aktiviert, dank des Juniorchefs konnte sie die Fahndung nach dem »vagen Gefühl« einstellen. Genauso empört und lautstark polternd war auch sie erst vor Kurzem gewesen. Siegfried Frey gegenüber, dem sie eine monströse Gefühlskälte unterstellt und der doch so ein weiches Herz hatte. So viel Liebe, die sich aus seiner Sicht in einem Kapitalverbrechen Bahn brechen musste. Gewiss, die größte Schuld an dieser Vergesslichkeit trug sie, aber einen gewissen Teil daran wälzte sie auch auf die Agentur für Arbeit ab – auf sie und ihr Amtsdeutsch. Solche Vokabeln wie EGZ und Vorbeschäftigungsverbot boten sich ja geradezu an, von jedem normalen Gedächtnis bestreikt zu werden!
»Einen Augenblick, bitte. Das erzählen Sie jetzt gleich alles Punkt für Punkt Herrn Bartels. Ich bin sicher, dass wir dann auch etwas für Sie tun können. Nur zwei Fragen noch: Wie hatten Sie sich denn die Aufteilung des Gewinns vorgestellt?«
»Wir hatten halbe-halbe geplant, abzüglich der Kosten für die Fahrer, die ich zu tragen gehabt hätte, und des Anteils für die Susi, was Karsten übernommen hätte. Da hätte keiner meckern können, ein anständiger Deal unter Männern.«
»Sehr anständig, ja. Und bei der Ermordung von Shengali haben Sie auch halbe-halbe gemacht, oder?«
»Nee. Das war Karstens Idee. Der hat, nachdem Abdu in seinem Büro aufgekreuzt ist, gesagt: Der muss weg. Er erledigt das. Dafür wollte er auch eine höhere Provision. Aber da hätte ich nicht mitgespielt, da hätte er sich die Zähne bei mir ausgebissen.«
»Dann wissen Sie sicher auch, warum Kramer dies ausgerechnet im Altmühltal, auf dieser Kindinger Parkbucht erledigen wollte?«
Auch diesmal zögerte er keine Sekunde mit seiner Antwort. »Klar, die hat sich doch geradezu angeboten. Erstens lag sie auf Shengalis Route, zweitens war sie weit abgelegen vom Schuss, das heißt: keine Zuschauer, und drittens hatten Karsten und ich trotzdem nur eine verhältnismäßig kurze Anfahrt von Nürnberg aus. Ich musste ja auch irgendwie wieder zu meinem Lkw kommen.«
Sie gab Heinrich ein Zeichen, ihr nach draußen zu folgen. Vor der Tür sagte sie zu ihm: »Mir wäre lieb, du würdest das jetzt allein zu Ende bringen. Der Amberger sollte später auch dabei sein. Meinst du, du schaffst das?«
»Klar schaffe ich das. Was für eine Frage, Paula! Warum willst du nicht dabei sein? Interessiert dich das nicht?«
»Nein, Wirtschaftsdelikte im Planungsstadium von Möchtegern-Ganoven interessieren mich nicht. Und inwiefern das Beihilfe zum Mord war oder nicht, wirst du auch allein herausfinden. Ich will jetzt diesen Fall abschließen, der mir langsam, aber sicher zum Hals raushängt. Schickst du mir bitte die Frau Brunner heraus?«
Während sie auf die Anwärterin wartete, kippten ihre Sicherheit und Siegesgewissheit um in Nervosität und Abscheu vor dem, was ihr jetzt bevorstand: eine bohrende Fragerei, Angriff und Rückzug, eine aggressive Unterstellung, daraufhin vorgetäuschtes Verständnis für den Täter und sein Motiv, dann wieder eine tiefe Verletzung seines Ehrgefühls, hin und her, bis er schließlich gestand. Insgeheim glaubte sie, es würde nicht lange dauern. Denn sie kannte seinen wunden Punkt. Er würde, so hoffte sie, schnell die Beherrschung verlieren.
Als sie mit ihrer Mitarbeiterin über den Hof lief, fragte Eva Brunner: »Wohin fahren wir jetzt, Frau Steiner?«
»Zu Kramers Mörder.«
Den ganzen Weg über herrschte konzentriertes Schweigen in dem Polizeiauto. Als sie die Südwesttangente überquert hatten, fragte sie: »Können Sie sich noch an unsere erste gemeinsame Fahrt hierher erinnern, Frau Brunner?«
»Ja«, lautete die prompte Antwort von der Fahrerseite, »sehr gut. Wir haben damals vor dem leeren Grundstück mit dem Wohnwagen geparkt. Und sind die paar Meter zu Fuß gegangen, weil Sie noch eine rauchen wollten.«
»Exakt. Und genauso machen wir es heute auch.«
Nachdem sie ihre Kippe im Rinnstein entsorgt hatte, betraten sie den Hof der Spedition. Auf ihr Klingeln öffnete ihnen eine Frau in ihrem Alter.
»Ja, bitte?«
Sie zeigte ihren Ausweis. »Wir haben einen Termin bei Herrn Siegfried Frey. Bemühen Sie sich nicht, wir kennen den Weg.«
Vor Freys Büro holte sie tief Luft, dann klopfte sie und trat ein. Frey senior sah erstaunt von einem Stapel Papiere auf. Er trug dieselbe graue Strickjacke wie beim letzten Mal, dieselbe ausgebeulte braune Cordhose.
»Wir müssen mit Ihnen reden.«
»Gern, setzen Sie sich doch.« Dieser Einladung folgte ein freundliches Lächeln.
Sie musterte ihn lange, dann sagte sie: »Wir haben Ihren Sohn soeben verhaftet.«
Das Lächeln erstarb. »Was werfen Sie ihm vor?«
Sie ging gleich zum Angriff über. »In erster Linie Mord an Karsten Kramer. Eventuell auch Beihilfe zum Mord an Abdulaziz Shengali, hier ermitteln wir noch, versuchte Nötigung zu einer kriminellen Handlung und so, wie es aussieht, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung.«
Frey, dem nichts anzumerken war, ließ sich ihre Worte gründlich durch den Kopf gehen. Dann entgegnete er: »Mit dem Mord an Abdu hat mein Sohn nichts zu tun. Er hat ein Alibi, er war zu dem Zeitpunkt in Ansbach. Er kann es gar nicht gewesen sein. Und was soll das für eine kriminelle Vereinigung sein, deren Mitglied er angeblich ist?«
»Die albanische Mafia.«
»So ein Blödsinn, das glauben Sie doch selbst nicht! Was hat mein Sohn mit der Mafia zu tun?«
»Zum Beispiel den illegalen Transport von Waren über die Gren …«
»Mit dem Zigarettenschmuggel von diesem Kramer hat mein Sohn nichts zu tun.«
»Dann ist es ja gut, dann hat er in diesem Punkt nichts zu befürchten. Aber wie ich schon sagte, die Beihilfe zum Mord und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung werden nur die Nebenanklagepunkte der Klageschrift sein. Die Hauptanklage lautet auf Mord. Das bedeutet eine langjährige Haftstrafe. Ich fürchte, die geplante Firmenübergabe an Ihren Enkel im Jahr 2038 können Sie sich endgültig aus dem Kopf schlagen.«
»Joachim kann es nicht gewesen sein.«
»Warum nicht?«
»Weil er zu diesem Zeitpunkt, den ganzen Abend, hier war, hinten in seinem Musikzimmer.«
»Genau dasselbe sagt er auch. Aber wir haben eine Zeugin, die ihn im Treppenhaus von Kramers Agentur gesehen hat.«
»Eine Zeugin?«
»Ja. Mal eine andere Frage: Woher wissen Sie eigentlich so genau Bescheid über den Mord an Kramer, dass Sie sogar den Tatzeitpunkt kennen?«
»Es stand doch in der Zeitung.«
»Nein, da muss ich Sie korrigieren. Es stand nichts in der Zeitung, weder über den Mord noch über die Tatzeit.«
Frey schloss die Augen. Er verzog das Gesicht zu einem Weinen. Aber er weinte nicht, es war keine Träne zu sehen. Diese Generation, dachte sie, erstickt noch mal an ihren zurückgehaltenen Tränen.
»Also, woher wissen Sie davon?«
Sie erhielt keine Antwort. Frey saß nur da, mit gesenktem Blick, und betrachtete seine Hände. Nach langen Minuten gemeinsamen Schweigens sah sie sich zur abschließenden Offensive gezwungen.
»Ach, jetzt verstehe ich, Ihr Sohn hat es Ihnen gesagt, dass und wann genau er Kramer umgebracht hat. Daher wissen Sie das alles. Woher sonst sollten Sie diese Kenntnisse auch haben als von Kramers Mörder selbst. Sie haben uns soeben den eindeutigen Beweis erbracht, dass Ihr Sohn Joachim Frey den Mord an Karsten Kramer verübt hat. Damit haben Sie der Polizei sehr geholfen. Wie es auch Ihre Pflicht als Staatsbürger ist. Sie haben sich richtig entschieden, zugunsten des Gesetzes, dafür danke ich …«
»Hören Sie auf damit!«, schrie er. »Er kann es nicht gewesen sein, weil …«
»Weil was?«
Siegfried Frey starrte sie mit versteinertem Blick an. Er schluckte leer, mehrmals hintereinander.
»So, das ist jetzt auch egal. Ich wollte Ihnen das nur persönlich sagen. Ich dachte, das bin ich Ihnen schuldig. Jetzt müssen wir aber zurück ins Präsidium, Frau Brunner. Wie spät haben wir jetzt, Herr Frey?«
Als er die Strickjacke nach hinten schob, um auf die Uhr zu sehen, bemerkte sie am inneren Handgelenk eine winzige gerötete Stelle. Als er von seiner Uhr aufsah, trafen sich ihre Blicke. Sie konnte in seinen Augen nachvollziehen, wie er erkannte, dass er verloren hatte.
»Sie hatten von dem geplanten Zigarettenschmuggel keine Ahnung. Bis zu dem Dienstagnachmittag, als ich Sie anrief und Ihnen sagte, Shengali und Ostapenko könnten nicht, wie Sie bis dahin geglaubt hatten, nach dreimonatiger Wartefrist wieder bei Frey-Trans eingestellt werden. Sie kannten dieses sogenannte Vorbeschäftigungsverbot nicht, wonach zwischen Aus- und Wiedereinstellung bei demselben Arbeitgeber mindestens vier Jahre liegen müssen, damit man den Eingliederungszuschuss von der Agentur für Arbeit erhalten kann.«
Siegfried Frey nickte, langsam und schwer.
»Daraufhin haben Sie mit Ihrem Sohn gesprochen, der Ihnen das sowie nach und nach auch alles Weitere gebeichtet hat. Also Kramers Mord an Shengali und den geplanten Schmuggel. Für Sie muss das entsetzlich geklungen haben. Dass Ihr Sohn Ihren und den guten Ruf Ihrer Spedition so leichtfertig aufs Spiel setzen kann.«
»Ja, das war entsetzlich, ganz furchtbar für mich«, sagte er nach einer Weile. »Aber es kommt noch etwas hinzu. Mein Sohn und ich, wir hatten es in der Vergangenheit nicht leicht. Joachims Mutter ist gestorben, da war er zwölf. Seitdem habe ich versucht, ihn allein zu einem anständigen Menschen zu erziehen. Besonders gut geglückt ist mir das nicht, wie Sie schon bemerkt haben werden. Er war immer renitent, gegen alles, hatte an fast nichts Interesse außer an seiner Musik. Auch dass er einmal die Firma übernehmen sollte, hat ihn anfangs überhaupt nicht interessiert. Aber er hat sich dann dazu bereit erklärt, wahrscheinlich auch deswegen, weil er keinen ordentlichen Schulabschluss vorzuweisen hat. So ein Juniorchef-Titel, der einem quasi in den Schoß fällt, ist besser, als sein Geld mit irgendeinem Hilfsarbeiterjob verdienen zu müssen, oder? Trotzdem, Joachim hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, mit dem Gesetz ist er nicht in Konflikt geraten. Darauf war ich immer stolz.«
Während er erzählte, nickte Paula Steiner ein paarmal, nicht nur als Zeichen, dass sie Freys schwierige Erziehungssituation gut nachvollziehen konnte, sondern vor allem zu seiner Ermunterung. Hatte Siegfried Frey bis hierher beherrscht und um Verständnis bittend geklungen, wechselte er nun abrupt den Ton. Zornbebend brach es aus ihm heraus: »Und dann kommt dieser Sesselfurzer von Kramer daher, elegant, wohlhabend, feine Kleidung, und will meinen Joachim da mit hineinziehen. Und der dumme Bub hätte sich auch beinahe darauf eingelassen. Nur wegen dieses gottverdammten Geldes. Das konnte ich doch nicht zulassen.«
Sie gab Eva Brunner ein Zeichen, Freys Festnahme und Überführung zu veranlassen. Als die Anwärterin nach draußen gegangen war, fügte er kaum hörbar hinzu: »Ich wollte ihm doch nur helfen.«
Da überwältigte sie Mitgefühl für diesen Mann, von dessen grauer Strickjacke und weißem Haarkranz sie sich zweimal hatte täuschen lassen, und sie sagte mit fester Stimme: »Vielleicht haben Sie das ja. Bestimmt sogar. Ich bin überzeugt, er weiß jetzt, was er zu tun hat.«
Siegfried Frey saß noch immer kerzengerade auf seinem Stuhl, mit starrem Blick, die Hände der Länge nach auf den Schreibtisch ausgestreckt, als die zwei Polizisten sein Büro betraten.