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Am Donnerstagmorgen um sieben Uhr wurde sie durch das hartnäckige Klingeln ihres Telefons aus einem wilden Traum gerissen: Sie lebte in Bagdad, in einem Hochhaus, bei einer Großfamilie, und war auf dem Weg in die Oper. Doch keine von den Frauen war bereit, ihr für diesen Gang außer Haus ein Kopftuch zu leihen, und es wurde immer später. Die Zeit drängte. Noch beim Aufwachen spürte sie ihre Angst, die Aufführung zu verpassen.

Es war Matthias Breitkopf vom Kriminaldauerdienst. »Dein Lkw ist da.«

»Wo?«

»Zwischen Kinding und Pfraundorf, Abfahrt Altmühltal. Richtung Pfraundorf rechter Hand. Es gibt auf der Strecke nur eine Parkbucht. Du kannst sie nicht verfehlen.«

»Ich bin schon unterwegs.«

Fluchend stieg sie aus dem Bett, zog sich die Sachen über, die im Badezimmer auf der Waschmaschine lagen, und verließ die Wohnung. Mit jedem Kilometer, den sie auf der A9 zurücklegte, wuchs ihr Appetit auf einen Kaffee und die Gier nach einer Zigarette. An der Raststätte Greding hielt sie an und kaufte sich einen Becher Kaffee. Es nieselte. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, öffnete die Wagentür weit und zündete sich eine Zigarette an. Dazu schlürfte sie den brühheißen Kaffee.

Sie sah hinüber auf den Ortskern von Greding, der von feuchten Wiesen und schwarzgrünen Bäumen eingerahmt war. Darüber die Sonne, unscharf wie zerlaufener Dotter. Für den Bruchteil einer Sekunde durchströmte sie ein warmes Glücksgefühl. Wie gut es ihr doch ging! Der Druck der Hetzerei und der Ärger, der während der Fahrt in einen Wutausbruch umzuschlagen drohte, war vergessen. Jetzt freute sie sich auf ihren Einsatz. Auf die Arbeit, die vor ihr lag, und vor allem darauf, an diesem frühen Morgen gebraucht zu werden. Das erschien ihr als ein großes Privileg, das sie von den anderen Besuchern der Raststätte unterschied. Diese mussten vielleicht kilometerlange Staus und Umleitungen in Kauf nehmen und würden dabei Gift und Galle spucken. Während sie schon fast am Ziel war.

Eine Viertelstunde später hielt sie an der kleinen Parkbucht an. Hinter den Sperrbändern drängten sich auf engem Raum Menschen, die meisten in Uniform, und Autos. Als Erstes erkannte sie Klaus und Klaus von der Spurensicherung, die in ihren weißen Overalls und Handschuhen aus der Menge hervorleuchteten.

Klaus Dennerleins Gesicht hellte sich auf, als er sie sah. Er eilte auf sie zu.

»Na endlich, Paula. Also, der Laster ist noch verplombt. Es sieht nicht so aus, als ob von der Ladung etwas fehlen würde. Klaus und ich sind mit den Fingerabdrücken außen am Wagen schon fast fertig. Was meinst du, sollen wir den Lkw nach Nürnberg überführen lassen? Du weißt ja, das ist oben nicht so gern gesehen, wegen der Kosten.«

Ja, das wusste sie. Aber die Kosten waren ihr egal. Schon immer egal gewesen. Doch in diesem Fall konnte sie dem Steuerzahler diese kostspielige Fahrzeugüberführung ersparen. Bevor Dennerlein ausgeredet hatte, war ihre Entscheidung gefallen.

»Darauf können wir verzichten. Wobei ich auch jede Wette eingehe, dass ihr am oder im Wagen einschließlich Fahrerhaus nichts finden werdet. Das war kein Raubmord.« Dennerlein nickte zustimmend. »Du kannst dich erinnern, selbst sein ganzes Bargeld hat man ihm gelassen. Da geht es um etwas anderes.«

Man hatte Shengali bewusst auf diesen abgelegenen Parkplatz gelockt. Um allein und ungestört zu sein. Vor Zeugen sicher. Obwohl … dafür gab es verschwiegenere Plätze als diese idyllische Fahrstraße, die von den Bewohnern der umliegenden Dörfer sicher für gelegentliche Einkaufstouren oder jetzt im September für Ernteeinsätze genutzt wurde. Das hier eignete sich eher als Bühne für eine dramatische Verabredung, für eine ernste Aussprache, für ein klärendes Wort. Und dennoch war es für Paula Steiner der Ort, wo ein in Basra aufgewachsener Iraker sein Leben verlor. Nach dieser Verabredung, die seine letzte, eine todbringende werden sollte. Ein sanfter Mann, der Frau und Tochter gleichermaßen ihren Willen ließ, der auf Spitzen und Anwürfe lieber mit Schweigen als mit Streit reagierte. Der Lieblingsfahrer von Siegfried Frey, zuverlässig, korrekt, freundlich. Und ein Mann mit dunklen Locken und diesem eigenartig schönen markanten männlichen Mund.

»Frieder meint, der Tote ist mit einer Eisenstange von vorn erschlagen worden.« Klaus Dennerlein nickte wieder. »Das könnte ein alter mechanischer Wagenheber aus einem Oldtimer sein, habe ich mir sagen lassen. Aber ich glaube nicht, dass ihr da fündig werdet. Der ist sicher längst entsorgt. Sag mal, Klaus, was anderes, habt ihr eigentlich bei der Leiche am Wasserwerk ein Handy gefunden?«

»Aber Paula, das hätte ich dir doch schon längst gesagt. Nein, haben wir bis jetzt nicht gefunden.«

»Hm. Dann wird es auch nicht mehr auftauchen. Genauso wenig wie die Tötungswaffe. Aber vielleicht gibt es ja irgendwelche verwertbaren Reifenspuren?«

Jetzt schüttelte Dennerlein erstmals entschieden den Kopf. »Paula, das war am Montag. Heute haben wir Donnerstag. Drei Tage, in denen es pausenlos geregnet hat. Proben nehmen wir auf jeden Fall, doch Hoffnungen solltest du dir in diesem Punkt nicht machen.«

Sie winkte den Nächstbesten der herumstehenden Landgendarmen zu sich, einen großen Mann mittleren Alters mit einem ungeheuer feisten, rosafarbenen Gesicht und einem ungeheuer liebenswürdigen Lächeln, das aus dieser prallen Oberfläche sogar zwei Grübchen hervorzaubern konnte.

»Hat es in Kinding und Umgebung die letzten Tage geregnet?«

»Geregnet ist der falsche Ausdruck. Geschüttet trifft es eher. Wie schon den ganzen August über. Unsere Bauern hoffen immer noch auf ein paar warme Tage, wegen der Ernte. Bis jetzt aber vergebens. Auch im September hat es jeden Tag …«

»Danke.« Sie wandte sich wieder Dennerlein zu. »Dann können wir das vorläufig also abhaken. Aber eins ist hier oder da hinten«, sie machte eine ausladende Handbewegung auf das rechts vor ihr liegende Waldstück, »mit Sicherheit: Shengalis Blut.«

»Du bist also überzeugt, er wurde hier umgebracht?«

»Ja. Du nicht?«

»Doch. Ich auch. Sieh dir mal das Fundament an.«

Sie blickte fragend zu ihm auf.

»Erinnerst du dich nicht an den Sand auf Shengalis Sakko? Und das hier«, wieder diese typische Handbewegung nach unten, »ist Eins-a-Ware. Beste Rundsande aus Quarz, wie sie für das Altmühltal so kennzeichnend sind. Bodenproben habe ich schon genommen. Ich bin mir sehr sicher, dass sie mit den Sandkörnern auf der Jacke identisch sind. Das hier war der Tatort. Auch wenn unsere Hunde bis jetzt nichts gefunden haben. Noch«, betonte er, »nichts gefunden haben. Jetzt sind sie dort«, er drehte sich um und zeigte auf eine Baumgruppe links, hinter der eine Wiese oder ein Acker grün hervorleuchtete. »Hast du die Spedition eigentlich schon benachrichtigt?«

»Nein, ich wollte euch einen zeitlichen Vorsprung geben, damit ihr in Ruhe arbeiten könnt.« Das war gelogen. Sie hatte die Freys schlicht vergessen. Eine Vergesslichkeit, die sie beizubehalten dachte. Als Kommissarin, die diesen Einsatz hier beaufsichtigte, durfte sie sich diese Freiheit leisten. Den Anruf könnte sie genauso gut später erledigen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag, schoss ihr eine wohlbekannte Sentenz durch den Kopf. Da erschrak sie. Sie war auf dem besten Weg, sich Heinrichs Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Das wollte sie nicht.

»Also, dann mache ich mich jetzt an das Führerhaus.«

»Gut. Und ich rufe bei der Spedition an. Die müssen schließlich auch Bescheid wissen.«

Sie ging zu ihrem Wagen zurück. Die Telefonnummer hatte sie in ihrem Block notiert. Schon beim zweiten Klingeln meldete sich Joachim Frey. Sie sagte ihm, man habe seinen Lastwagen gefunden.

»Prima. Dann hole ich ihn mir. Wo steht er denn?«

Augenblicklich bereute sie, ihn angerufen zu haben. In manchen Situationen war Heinrichs Gleichgültigkeit besser als ihr Pflichtbewusstsein.

»Er steht auf einem Parkplatz nahe Kinding. Und da bleibt er auch noch stehen. So lange, bis der Erkennungsdienst mit ihm fertig ist. Wir geben Ihnen Nachricht, sobald er freigegeben ist.«

Sie beendete das Gespräch grußlos. Als sie die Wagentür verschloss, spürte sie ein flaues, leeres Gefühl in der Magengrube. Sie hatte Hunger. Dagegen gab es in dieser Naturidylle nur ein Gegenmittel – sie griff in die Brusttasche ihrer Jacke, worin sie auf der Raststätte Zigarettenschachtel und Feuerzeug verstaut hatte.

Rauchend stellte sie sich neben ihr Auto und blickte in den angrenzenden Waldstreifen. Sie hörte das verschwiegene Rauschen der Bäume. Die Großstädterin Steiner spürte die Einsamkeit dieses Ortes. Lauscher waren fern, mit Glück gab es sogar ein Funkloch. Im Wald, kam ihr in den Sinn, hat Hagen von Tronje den Helden Siegfried umgebracht, als Auftragsmörder. Seitdem trägt das Wort Männerfreundschaft einen doppeldeutigen Sinn. Den von Treue und Verrat. Wieder fiel ihr Heinrich ein, der bekennende Wagnerianer. In diesem Moment fehlte er ihr. Er hätte ein Auge für die opernhafte Szenerie hier zwischen Kinding und Pfraundorf gehabt, für die mythische Anmutung dieser Parkbucht mit dem dichten, dunklen Wald und der ringförmigen Anordnung. Eine mustergültige Thingstätte, wie geschaffen für solch heidnische Feste wie Sonnwendfeiern. Mit ihm hätte sie auch diesen doppelsinnigen Gedanken der Männerfreundschaft weiterspinnen können. Sie fühlte sich auf einmal sehr allein. Und bedauerte ihr Ränkespiel – dem zwar der gewünschte Erfolg versagt geblieben war, aber in dem Moment zählte für sie nur ihre ursprüngliche eindeutig niederträchtige Absicht – gegenüber dem treuen Kollegen. Der Ohne-Wenn-und-Aber-Plan gewann wieder an Gewicht.

Sie ging auf den lächelnden Polizisten zu, der erfreut schien, von ihr erneut angesprochen zu werden. »Wer von diesen Leuten ist denn Ihr Vorgesetzter?«

»Das bin ich selber. Hermann Tischler, Hauptwachtmeister von der Polizeiinspektion Beilngries.«

»Herr Tischler, mein Name ist Steiner und ich bin …«

»… die Einsatzleiterin aus Nürnberg«, unterbrach er sie. »Wissen wir doch alles schon.«

»Dann darf ich Sie in diesem Fall um Amtshilfe ersuchen, Herr Kollege?«

Wieder dieses ansteckende Grübchen-Lächeln. »Aber gern. Dafür sind wir ja da. Womit können wir helfen?«

»Mit einer Befragung der Anwohner. Wer hat am Montag in der Früh oder am Vormittag hier auf dieser Strecke etwas Auffälliges, Ungewöhnliches bemerkt? Jede Kleinigkeit zählt, doch wem erzähle ich das. Das wissen Sie ja als Hauptwachtmeister genauso gut wie ich. Aber Sie kennen die Bewohner in den umliegenden Ortschaften viel besser als ich beziehungsweise wir vom Polizeipräsidium Mittelfranken.«

»Das machen wir. Wir gehen von Haus zu Haus, auf breiter Front. Ich hätte da zusätzlich einen Vorschlag zu machen, Frau Steiner. Was halten Sie davon, wenn wir die Geschichte in die hiesige Zeitung bringen? Damit hätten wir auf einen Schlag den ganzen Landkreis Eichstätt erfasst und abgedeckt. Sichern so die mündliche Befragung nochmals ab. Und unsere Leute hier sind sehr kooperativ. Wenn die was wissen oder gesehen haben, dann melden die das auch.«

»Davon halte ich sehr viel. Gerne.«

»Unser Redaktionsleiter ist schon da.« Tischler deutete auf einen weißhaarigen Mann mit zwei Kameras und einem Teleobjektiv vor der Brust, der hinter der Absperrung stand und jetzt lebhaft zu ihnen herüberwinkte. »Wir können das gleich an Ort und Stelle machen. Wenn Sie einverstanden sind.«

Er nickte dem Redakteur zu, der auf diese Aufforderung nur gewartet zu haben schien. Er rannte behände auf sie zu, sodass die Kameras und das Objektiv vor seiner Brust auf und ab hüpften. Tischler stellte sie als die Einsatzleiterin aus Nürnberg, KHK Steiner, Mordkommission, Polizeipräsidium Mittelfranken, vor. Der Redakteur reagierte auf diese Titelaufzählung wie beabsichtigt – mit Respekt. Er fragte die »Frau Kriminalhauptkommissarin Steiner«, was sie in dem Zeitungsbericht haben wolle.

»Das überlasse ich natürlich Ihnen.« Sie nannte ihm die wichtigsten Eckdaten zum Fall Shengali. »Wir gehen davon aus, dass der Mord hier auf diesem Parkplatz passiert ist. Wenn also jemand von Ihren Lesern auf dem Parkplatz selbst oder in der näheren Umgebung etwas beobachtet hat, soll er sich bitte bei der Polizeiinspektion Beilngries melden.«

Hauptwachtmeister Tischler nickte zustimmend. »Jawohl. Bei uns melden. Und ich gebe die eingehenden Zeugenbeobachtungen nach Nürnberg weiter. Frau Steiner und ich stehen bei diesem Mordfall in ständigem Kontakt.«

Sie bezog wieder ihren Posten direkt an der Einfahrt der Parkbucht. Zum einen war sie sorgsam darauf bedacht, nicht im Weg zu stehen. Zum anderen konnte sie so am besten die Szenerie übersehen. Und darüber hinaus dem Anspruch gerecht werden, jederzeit auf Fragen zu antworten sowie alle Entscheidungen zu treffen, die nötig waren, damit die Untersuchungen hier vor Ort abgeschlossen werden konnten.

Doch da kamen keine Fragen, und Entscheidungen waren auch nicht zu treffen. Das Einzige, was kam, waren ein paar Schaulustige. Eine Handvoll sehr junger und sehr alter Männer, die von Tischlers Leuten sofort wieder heimgeschickt wurden. Freundlich, aber bestimmt. Und die sich diesen Anweisungen auch anstandslos fügten, was durchaus die von Hauptwachtmeister Tischler gelobte Kooperationsbereitschaft erkennen ließ.

Im Gegensatz zur Beilngrieser Bevölkerung war Paula Steiners Kooperationsbereitschaft schnell erschöpft. Nämlich genau in dem Moment, als der Redaktionsleiter ein Foto von ihr machen wollte.

»Also bitte, das geht nicht.«

Der Pressemann zeigte sich enttäuscht. »Das würde die Story aber erst so richtig abrunden.«

»Ich bin überzeugt, die wird auch so rund genug.«

Nach dieser Abfuhr entfernte sich der Redakteur. Sie sah schon die Schlagzeile in der Regionalausgabe der Zeitung vor sich: »Der Parkplatzmörder von Kinding. Wer hat ihn gesehen? Sachdienliche Hinweise an …« Vielleicht hatten sie ja Glück, und der Artikel würde sie über ein Nummernschild oder eine genaue Personenbeschreibung auf direktem Weg zum Mörder führen. Obwohl, sie blieb skeptisch. Wer einen so abgelegenen Ort als Treffpunkt wählt, hat gut vorgesorgt, unentdeckt zu bleiben. Außerdem überschätzte man ihrer Meinung nach die Wirkung solcher Artikel gehörig.

Sie sah noch eine Weile zu, wie die Arbeit voranging. Wie diszipliniert und professionell die Beilngrieser Polizei den Parkplatz vor weiteren Schaulustigen sicherte, wie routiniert und genau die Kriminaltechniker den nassen Boden absuchten und sich jetzt das angrenzende Waldstück vornahmen. Es war so still, dass man den Nieselregen auf die Blätter tropfen hörte. In der Ferne flötete süß und laut eine Amsel. Dann schlug ein Hund an. Das Bellen wurde stärker, erregter. Endlich. Die erste Spur. Dennerlein kroch aus dem Unterholz hervor und lauschte in Richtung Gebell. Dabei trafen sich ihre Blicke, aber es war, als sähe er sie eigentlich gar nicht. Er rief nach seinem Mitarbeiter und stapfte los.

Auch sie verließ eilig ihren Posten und ging zu ihrem Wagen. Ihr war nämlich mittlerweile eingefallen, dass sie etwas Entscheidendes zu fragen vergessen hatte. Über den Polizeifunk wählte sie die Nummer des Kriminaldauerdienstes. In der Zwischenzeit war Breitkopf abgelöst worden. Sein Kollege sagte ihr, was sie wissen wollte.

»Nein, den Namen haben wir nicht. Der Anruf war anonym. Und Matthias konnte die Nummer auch nicht zurückverfolgen.«

Seltsam, dachte sie, wer so einen Fund bei der Polizei meldet, möchte in der Regel für seine Aufmerksamkeit und kleine Mühe auch eine Anerkennung in Form eines Lobs hören. Wieder fehlte ihr Heinrich. Sie wurde ungeduldig. Klaus könnte ihr jetzt doch auch mal Bescheid geben, ob die Hunde etwas gefunden hatten. Schließlich war sie die Leiterin dieses Einsatzes und sollte den Überblick behalten.

Fünf Minuten später stand er vor ihr. »Shengali muss da hinten unter den Tannen gewesen sein. Die Hunde haben auf den Duft seines Jacketts angeschlagen. Blutspuren konnten Klaus und ich noch nicht entdecken. Aber wir nehmen Bodenproben mit nach Nürnberg. Ich sag dir jetzt mal, was wir alles haben. Wir haben den Sand, den Parkplatz untersucht, dann den Wagen außen wie innen. Das Führerhaus ist auch durch, die Auswertung wie immer in Nürnberg, fehlt bloß noch das ganze Gestrüpp hier. Mehr macht keinen Sinn. Oder was meinst du?«

»Ich bin deiner Meinung. Reicht dir dafür der heutige Tag oder müsst ihr morgen noch mal her?«

»Das kann ich dir noch nicht sagen. Die Beilngrieser sollen auf jeden Fall die Absperrung heute Nacht sichern. Für die Landeier ist das sicher mal eine nette Abwechslung. Hier passiert doch sonst nichts.«

»Klaus, nicht so laut, wenn die das hören. Dann kann ich mich ja auch trollen. Oder brauchst du mich noch?«

»Genauso wenig wie diese Gaffer.« Er deutete auf ein altes Ehepaar, das sich anscheinend zu Fuß, mit zwei Regenschirmen bewaffnet, auf den Weg zu diesem schaurigen Ort gemacht hatte und jetzt so scham- wie regungslos zu ihr und Dennerlein hinüberstarrte. Nicht lange, dann verscheuchte Hauptwachtmeister Tischler die beiden mit seinem unwiderstehlichen Grübchen-Lächeln.

Sie stieg in ihr Auto, und eine Minute später war sie auf der Landstraße. Betont freundlich winkte sie dem alten Pärchen zu, das mit ausgestrecktem Daumen versuchte, sich den Heimweg mit Hilfe dieser Polizistin aus Nürnberg weniger beschwerlich zu gestalten. Ohne Erfolg. Im Innenspiegel sah sie, wie der Alte ihr wütend mit der geballten Faust drohte.

Nach einer Dreiviertelstunde hatte sie die östliche Stadtgrenze von Nürnberg erreicht. Instinktiv bog sie am Wasserwerk links ab. Sie wollte der Stelle, an der man Shengali abgelegt hatte, ihre Aufwartung machen. Versuchen, ob sich das Kindinger Gefühl einstellen würde. Ob sie der vage Hauch von Verrat und Männerfreundschaft auch hier anwehen würde.

Sie sah auf die menschenleeren Wiesen und Pegnitzauen. Die Sperrbänder waren verschwunden, nur die weißen verblassenden Linien, mit denen man die Konturen des Leichnams nachgezeichnet hatte, kündeten von Shengalis Tod. Nein, das Gefühl meldete sich nicht wieder. Sie schloss die Augen. Jetzt sah sie die Leiche in allen Details vor sich. Den Mund, die blutverkrusteten Haare, die betenden Hände. Und da war sie wieder, die Ahnung des Übersinnlichen, die diesen Mord umgab. Inszeniert von außen, vom Mörder selbst. Sie spürte die Einsamkeit, hörte das Rauschen der Bäume, sah die zusammengefalteten Hände, fühlte geradezu das Gespinst aus Kameradschaft, Abtrünnigkeit und Strafe für jene tödliche Treulosigkeit.

Da meldete sich ihr Langzeitgedächtnis. Verse des fränkischen Dichters Friedrich Schnack über einen Lindenbaum gingen ihr durch den Kopf.

Unter deinem mächtigen Gestühle
überfällt mich ahnungslose Kühle,
und ich spüre aus der Blätter Wehen
fremden Lebens heimliches Geschehen.

Das hatte sie damals im Heimatunterricht auswendig lernen müssen. Als Kind war ihr dieses Gedicht fremd geblieben. Zu düster und bedrohlich, zu geheimnisumwoben und so gar nicht konkret. Ihre Heimatkundelehrerin hatte ein Faible für die dunkle nordische Seele gehabt, für alles, was tief und ungreifbar daherkam. Doch, ja, beide Szenerien, die der ländlichen Parkbucht genauso wie die des städtischen Wasserwerks, hatten ihre besondere mythische Anmutung. Zwei Orte, die sich zum Beschwören der Geister – der guten wie der bösen – geradezu anboten, die an Naturerscheinungen und archaische Bräuche aus der Vor- oder Frühzeit erinnerten. Oder daran erinnern sollten. Vielleicht war das bewusst so in Szene gesetzt?

In einem war sie sich allerdings sicher: Der Mörder hatte sich seinem Opfer verbunden gefühlt, seine Beziehung zu Shengali sah er als Gemeinschaft, beide waren aus irgendeinem Grund darauf angewiesen, sich aufeinander verlassen zu können. Dann aber hatte der Iraker den Bund gebrochen und diesen Bruch mit dem Leben bezahlt. Genau so war es: Hier hatte jemand eine Schlacht auf dem weiten Feld der Ehre geschlagen. Und anschließend wollte dieser Jemand mit seinem Arrangement dafür sorgen, dass das von außen auch so wahrgenommen werden würde.

Paula Steiner, die bekennende Realistin, hatte sich mit diesen Gedankenketten auf ein Terrain begeben, das ihr sonst fremd war. In das Gebiet der Spekulation, der Einbildung, ja, auch der Absurdität. Als sie erkannte, wie tief sie in diesen verminten Bereich, der sonst in Heinrichs Hoheitsgebiet lag, vorgedrungen war, zog sie sich sofort daraus zurück.

»Dann kann ich ja gleich an Ufos und grüne Männchen vom Mars glauben«, sagte sie halblaut und ging zu ihrem Wagen zurück. Ihr war auf einmal kalt, und sie spürte ihren Hunger. Den Bereitschaftsdienst dieses Donnerstags, der unter anderem strikte Alkoholabstinenz erforderte, erklärte sie hiermit vorzeitig für beendet. Zu sehr freute sie sich auf ihre Wohnung und den Blick vom Küchenfenster, auf ein warmes Essen und – auf ihren Weinvorrat.

Am Vestnertorgraben angelangt, marschierte sie zielsicher in den Keller. Heute wollte sie das Wagnis eingehen und einen ihr bis dahin völlig unbekannten Wein verkosten. Einen Côtes du Jura a.c. Cuvée de Garde von 2005 aus dem Château Chalon, dessen »kraftvollen Körper«, »extreme Heftigkeit« und »zeitlose Eleganz« die Fachzeitschriften überschwänglich lobten.

Nachdem sie die Flasche mit dem für ihren Geschmack viel zu modernen Etikett entkorkt und von dem Wein ein halbes Glas geleert hatte, stellte sie sich an die Spüle. Wusch und schnitt die grünen Bohnen, die aus dem Vorgarten ihrer Mutter stammten und garantiert jedes noch so strenge biodynamische Unbedenklichkeitszertifikat verdient hätten, in kleine Rauten. Schälte Kartoffeln und eine Zwiebel, briet Speckwürfel kross und fügte dann, nachdem es in der Küche so ungemein behaglich nach altmodischem Familienessen roch, das klein geschnittene Gemüse dazu. Die Wartezeit von einer halben Stunde vertrieb sie sich mit dem ersten Gang, der ausgiebigen Weinverkostung. Ein wirklich phantastischer Savagnin, auch wenn er für ihren Geschmack mehr heftig als zeitlos schmeckte. Um der wachsenden Gemütlichkeit die Krone aufzusetzen, stellte sie sich noch kurz unter die Dusche und zog anschließend den Schlafanzug an, darüber den alten moosgrünen Bademantel, ein Erbstück ihres Vaters. Dieser Bademantel war für sie die stilvollste und zugleich bequemste Art, das Zu-Hause-Sein zu zelebrieren.

Nach dem Hauptgang, dem Bohneneintopf, folgte das übliche Dessert. Der Blick aus dem Küchenfenster. In der Dämmerung und nach dem Dauerregen der letzten Tage glich die Kaiserstallung mit ihren winzigen matt glänzenden Fensteröffnungen an diesem frühen Donnerstagabend einem reich mit Edelsteinen verzierten Tabernakel. Noch bevor sie sich ganz und gar satt gesehen hatte, riss sie ein dreimaliges Klingeln – kurz, kurz, lang – aus ihrem Dessert. Herrschaftszeiten, das war Paul, den hatte sie ganz vergessen. Sie sah an sich herunter, an ihrem Bademantel, unter dem unten die nackten Füße hervorlugten, dann auf den leeren Teller, das halb volle Glas. Zu spät, um diese Vergesslichkeit einigermaßen glaubwürdig zu kaschieren. Da half nur die Flucht nach vorn – die Wahrheit. Wieder dieses fordernde Klingeln. Sie ging in die Diele und drückte auf den Türöffner.

Als er zwei Minuten später vor der Wohnungstür stand, küsste er sie achtlos auf die linke Wange und schob sie sanft zur Seite. Er eilte in ihr Wohnzimmer, griff nach der Fernbedienung und ließ sich entspannt auf das Sofa fallen. Langsam schloss sie die Wohnungstür und stellte sich in den Rahmen der Wohnzimmertür. Starrte wortlos auf ihren späten Gast, der in der Zwischenzeit die Schuhe abgestreift und die Füße auf dem Couchtisch deponiert hatte und jetzt gebannt auf den Bildschirm mit dem leuchtenden grünen Rasen schaute. Eine Flucht nach vorn war hier überflüssig.

»Paula, ich weiß, ich bin spät dran. Aber die in Kalimünz haben mich nicht eher fortgelassen.«

»Ich hab gedacht, die Bundesliga fängt erst ganz spät im September an.«

»Das ist kein Bundesliga-Spiel, das ist Champions League. Da geht es um was. Knock-out-Verfahren, hopp oder top. Ich will auch nur kurz reinschauen, dann bin ich ganz für dich da.«

»Möchtest du einen Bohneneintopf? Einen Teller voll hätte ich noch.«

»Nein danke. Bei meiner Schwester gab es heute einen Schweinsbraten mit selber geriebenen Erdäpfelknödeln. Einfach saugut.«

»Ich dachte, du isst kein Fleisch.«

»Ja, normalerweise nicht. Aber heute war mein Tag der Sünde. So, und jetzt bitte, Paula, jetzt brauch ich mal für eine Weile meine Ruhe.«

Sie trabte in die Küche zurück, holte tief Luft und konzentrierte sich auf ihr Allheilmittel gegen aufkommende schlechte Laune. Doch die Burg versagte ihr heute die heilende Wirkung. Sie setzte sich an den Küchentisch und spielte an ihrem Weinglas herum.

»Paula, wie wär’s denn mit einem Bier? Aber nicht so eiskalt wie das letzte Mal. Es darf ruhig zimmerwarm sein«, drang es aus dem Wohnzimmer.

Da saß sie nun, die Kriminalhauptkommissarin Steiner, die Einsatzleiterin, der man den ganzen Tag Achtung und Respekt entgegengebracht hatte – und war schlagartig zur Küchenmagd degradiert. Ein zu abrupter Rollenwechsel. Sie knallte das Glas auf den Holztisch und lief ins Wohnzimmer hinüber. Blickte auf den fläzenden Rüpel da auf ihrem Sofa und versuchte sich zu vergegenwärtigen, was sie an diesem Menschen einst so liebenswert, ja, und auch begehrenswert gefunden hatte.

Paul Zankl, einundfünfzig Jahre alt, gebürtiger Kallmünzer und Altbayer aus Überzeugung, allerdings verkannte die Testsituation, die er momentan durchlief. Er sah kurz zu ihr auf, lächelte und hielt sich eine imaginäre Flasche an den gespitzten Mund. Eine wortlose und für seine Begriffe sicher überaus charmante Erinnerung an die längst fällige Getränkelieferung. Die Küchenmagd Steiner reagierte ebenso wortlos auf diese Anmahnung, wenn auch nicht ganz so charmant. Sie zog den Stecker des Fernsehkabels aus der Steckdose, richtete sich dann würdevoll zu ihrer vollen Größe auf, so weit dies eben barfuß und in einem abgetragenen Männerbademantel möglich war, und wies mit dem Zeigefinger des ausgestreckten rechten Arms auf die Wohnungstür.

Jeder Franke, egal ob Mittel-, Ober- oder Unterfranke, hätte auf diese Steilvorlage angemessen reagiert – er hätte die Wohnung fluchtartig verlassen. Und wäre spätestens an der Haustür unten ein wenig beleidigt gewesen, auch wenn er nicht hätte sagen können, warum. Doch Paul war Oberpfälzer. Also aus einer ganz anderen Sphäre mit ganz anderen Denk- und Handlungsmustern. Er sprang vom Sofa auf, ging langsam und breit grinsend auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte sie so fest wie liebevoll an sich. Anfangs versuchte sie noch, sich aus dieser Umklammerung zu befreien, doch irgendwann gab sie ihren Widerstand auf – nachdem ihr nämlich wieder eingefallen war, was sie an diesem Menschen anfangs so liebenswert gefunden hatte.

Es wurde dann doch noch ein ausgesprochen schöner, erinnerungswürdiger Donnerstagabend auf der Couch im Wohnzimmer. Auch ganz ohne Bier und ganz ohne Fußball.

Als sie am nächsten Morgen die Wohnung verließ, war sie heiter und voller Tatendrang. Sie freute sich auf die anstehende Arbeit und auf die Menschen, mit denen sie heute zu tun haben würde. Vor allem gefiel ihr der Gedanke, in wenigen Minuten auf eine sicher ausgeschlafene und ebenso tatendurstige Eva Brunner zu treffen. Ihr Wohlwollens-Konto gegenüber der redseligen An-Wärterin hatte sich wieder aufgefüllt.

Umso enttäuschter war sie, als Eva Brunner sie mit einem etwas verkniffenen, betont kühlen »Guten Morgen, Frau Steiner« begrüßte.

Sie erwiderte den Gruß und fragte: »Ist was?«

»Wie ich gehört habe, waren Sie gestern am Tatort, Ohne mich.«

Ach, das war der Grund für den eisigen Empfang. »Ja, das stimmt. Ich war in Kinding. Soweit ich weiß, hatten Sie gestern Ihren freien Tag. Oder täusche ich mich da?« Sie sah Eva Brunner fragend an.

»Nein, das ist schon richtig. Aber ich wäre halt gern dabei gewesen. Wo ich doch bisher auch bei allem anderen dabei war.«

»Das wusste ich nicht, Frau Brunner. Und ehrlich gesagt fehlt mir auch die Phantasie, mir vorzustellen, dass irgendjemand hier in diesem Haus seine Freizeit gerne auf einer nasskalten Parkbucht mitten in der oberbayerischen Prärie verbringt. Doch jetzt nachdem ich weiß, dass Sie da eine Ausnahme bilden, sind Sie natürlich in Zukunft bei allen Einsätzen dabei. Ist das dann für Sie in Ordnung?«

Eva Brunner nickte zustimmend.

»Gut. Bevor ich es vergesse – haben Sie Herrn Bartels denn am Mittwoch im Krankenhaus besucht?«

»Ich wollte, aber er war nicht mehr da.«

»Wie, er war nicht mehr da?«

»Eine Schwester sagte mir, man habe ihn am Morgen schon entlassen. Daraufhin hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass er heute hier im Büro ist, wenn ich komme. Aber vielleicht kommt er ja noch. Wo soll ich dann eigentlich sitzen, wenn Herr Bartels wieder da ist?«

Paula Steiner musste Dr. Leipold bewundern. Die taffe Stationsärztin hatte gegen Heinrichs Eigensinn und seine Hartnäckigkeit obsiegt. Dieses Kunststück würde ihr, war sie überzeugt, nicht gelingen. Heinrich hatte sich mit Sicherheit noch am Mittwochvormittag von seinem Hausarzt den gelben Schein geholt und würde auch die nächsten Wochen verschollen bleiben.

»Jetzt warten wir erst mal ab, wann Herr Bartels hier wieder auftaucht. Bis dahin gehört sein Schreibtisch Ihnen. Und wenn er wieder da ist, dann wird uns schon was einfallen. Nun zu etwas anderem. Heute um halb zehn kommt Frau Shengali, leider in Begleitung ihres Neffen, Herrn Eshaya. Ich möchte mit der Witwe allein sprechen. Also müssen wir Herrn Eshaya in der Zwischenzeit anderweitig sinnvoll beschäftigen. Ich dachte, Sie knöpfen ihn sich währenddessen vor.«

Eva Brunners Gesicht leuchtete für einen kurzen Moment auf, die Freude über das Vertrauen ihrer Vorgesetzten brachte es regelrecht zum Strahlen. Doch dann sah man, wie ihr Zweifel kamen, ob sie dieser großen Verantwortung auch gerecht werden könne. Sie sah Paula Steiner ernst und ängstlich an.

»Ich habe noch nie allein eine Vernehmung geführt. Ich weiß nicht, ob ich das kann.«

»Das können Sie. Da bin ich mir sicher. Schreiben Sie sich ein paar Fragen auf, an denen Sie sich zur Not entlanghangeln. Und lassen Sie Eshaya reden. So wie ich den am Telefon kennengelernt habe, ist das jemand, der gern und viel redet.« Und insofern, fügte sie in Gedanken hinzu, passt ihr zwei hervorragend zusammen. Das wird bestimmt eine angeregte Plauderstunde.

Die nächste halbe Stunde hörte man von Heinrichs Schreibtisch keinen Ton. Diese Ruhe genoss sie. Sie sah zum Fenster und bereitete sich auf das Gespräch mit der Witwe vor. Sie würde sie nach Shengalis Freund Ostapenko fragen müssen, auch danach, was die sicher weit verzweigte Verwandtschaft im Irak von Solin, dem bunten Paradiesvogel, hielt. Doch im Grunde interessierte sie nur eins: die ominösen Anzeigen und Gutscheine. Sie hoffte, Shengali war seiner Frau gegenüber auch so offen gewesen, dass er ihr – wie Ostapenko seiner Frau – davon erzählt hatte.

Um neun Uhr fünfzehn erhielt sie vom Wachdienst an der Pforte einen Anruf. Eine Frau Shengali und ein Herr Eshaya wären jetzt da. Sie sagte zu Eva Brunner, die noch immer stumm über ihre Aufzeichnungen gebeugt saß: »Also, packen wir’s. Es ist so weit.«

Während sie gemeinsam die Treppen zum Erdgeschoss hinunterstiegen, hielt ihr Eva Brunner das eng beschriebene Blatt Papier entgegen. »Schauen Sie es sich doch bitte mal an, ob das so für Sie in Ordnung geht.«

Sie überflog die Fragenliste und antwortete: »Das ist sehr gut. Wirklich sehr gut. Lediglich eines haben Sie vergessen: Wo war Eshaya zur Tatzeit? Und hat er dafür ein Alibi?«

Als sie auf dem letzten Treppenabsatz angelangt waren, sah sie neugierig durch die Panzerglasscheibe, die das Präsidium vom Eingangsbereich trennte, und musste lächeln. Die beiden Besucher hatten für ihren Auftritt exakt die Garderobe gewählt, die sie erwartet hatte. Frau Shengali mit schwarzem Kopftuch und knöchellangem dunkelgrauem Mantel; Herr Eshaya, der seine markante überdimensionale Nase soeben in den Aufsteller mit den Polizeiprospekten hielt, in einem taillierten anthrazitfarbenen Anzug aus Schurwolle, blütenweißem modischem Hemd und mit einer rosaroten Krawatte, die seiner Erscheinung hier in diesem schäbigen Vorraum, mit seinen abgewetzten Holzbänken und dem grau gesprenkelten Linoleumboden, etwas Extravagantes verlieh. Es gibt Klischees, dachte sie befriedigt, die einfach stimmen.

Mit diesem selbstzufriedenen Lächeln begrüßte sie ihre Gäste. Eshaya erwiderte den Gruß mit einem ebensolchen Lächeln von ausgesuchter Verbindlichkeit, das aber in dem Moment zum Erliegen kam, als sie ihm die »für Sie, Herr Eshaya, zuständige Vernehmungsbeamtin Brunner« vorstellte.

»Aber ich kann doch bei beiden Gesprächen anwesend sein, sehr verehrte Frau Steiner. Meine Tante und ich haben viel Zeit.«

Sie schüttelte den Kopf. »Aber wir nicht, Herr Eshaya. Wir leider nicht.«

Auf dem Weg zu den Vernehmungszimmern im Keller ein letzter Versuch. »Aber wie werden Sie sich mit meiner Tante verständigen? Sie ist der deutschen Sprache ja in keinster Weise mächtig, wie Sie sicher schon festgestellt haben.«

»Auch dafür haben wir vorgesorgt, lieber Herr Eshaya. Eine Dolmetscherin wird für mich und Ihre Tante übersetzen. Machen Sie sich keine Sorgen.«

Nachdem sie den zwei Plaudertaschen, der deutschen wie der irakischen, ihr Zimmer zugewiesen hatte, ging sie mit Frau Shengali in den nebenan gelegenen Raum, wo Frau Horrlein bereits auf sie wartete. Die Dolmetscherin, ohne Kopftuch, aber mit wadenlangem Rock und einer langärmligen Bluse, gab sich Mühe, die nervöse und fahrig wirkende Witwe zu beruhigen, allerdings ohne Erfolg.

Paula Steiner sagte: »Wir wissen jetzt, dass Ihr Mann auf einer Parkbucht nahe Kinding umgebracht worden ist.« Nach der Übersetzung keine Reaktion, nicht einmal ein Kopfnicken.

»Was für einen Eindruck hatten Sie an dem Montagmorgen, also an dem Tag, an dem er umgebracht wurde? War sein Verhalten irgendwie seltsam oder anders als sonst?« – Nein.

»Hatte Ihr Mann in Nürnberg noch weitere Freunde außer Herrn Ostapenko?« – Nein.

»Vielleicht Landsleute aus der Heimat, aus dem Irak, mit denen er hier in Nürnberg befreundet war?« – Gab es nicht.

»Und Feinde oder jemand, über den er sich mal geärgert hatte, wie sieht es damit aus?« – Nein, niemand.

»Hatte Ihr Mann mit jemandem vor Kurzem Streit?« – Nein.

»Herr Ostapenko hat uns gesagt, dass zwei Kollegen von der Spedition ihn und Ihren Mann abschätzig, respektlos behandelt haben?« – Davon wisse sie nichts.

»Wie war das Verhältnis zu seinem Chef bei Frey-Trans?« – Gut.

»War es auch in seinem Sinn, dass sich Ihre Tochter Solin so hübsch und auch so modern kleidet?« -Ja.

»Und Ihre strenggläubigen Verwandten, was sagen die dazu, dass sich Solin schminkt und auch so ganz anderes kleidet als Sie selbst zum Beispiel, Frau Shengali?« – Nichts.

Paula Steiner sah kurz zu der Dolmetscherin, die bedauernd mit den Achseln zuckte.

»Wer regelt jetzt wichtige Entscheidungen in Ihrer Familie, wer ist dafür verantwortlich?« – Bassim.

Vielleicht war es doch ein Fehler, Eshaya aus diesem Gespräch rauszuhalten. Sie machte eine Pause. Da hörte sie Frau Shengali etwas sagen. Ein ruckartig vorgebrachter Satz, der wie eine Bitte klang. »Sie fragt, ob sie hier rauchen darf.«

»Aber ja, natürlich.« Paula Steiner stand auf und holte für ihren kurz angebundenen Gast einen Aschenbecher, stellte ihn auf den Tisch und zündete sich dann selbst eine Zigarette an. Schweigend und konzentriert rauchten die drei Frauen, denn auch Frau Horrlein hatte ihre im ganzen Haus gefürchteten filterlosen Roth-Händle ausgepackt. Als die Zigarettenpause beendet war und sie den Aschenbecher auf das Sideboard zurückstellte, hörte sie hinter sich Frau Shengali leise sagen: »Danke schön, Frau Steiner.«

Sie drehte sich um und erwiderte lächelnd: »Bitte schön, Frau Shengali.«

»Frau Horrlein, eine letzte Frage habe ich noch: Was kann mir Frau Shengali über die Anzeigen und Gutscheine erzählen?«

»Welche Anzeigen und welche Gutscheine?«

»Bitte einfach so übersetzen. Das weiß ich nämlich auch nicht so ganz genau.«

Und auf diese Frage folgte eine lange, eine ausführliche Antwort, die immer wieder von Frau Horrleins Nachfragen verlängert wurde und die die Kommissarin allmählich ungeduldig werden ließ.

Dann endlich sagte die Dolmetscherin: »So wie ich das verstanden habe, handelt es sich dabei um eine Arbeitsamt-Geschichte. Die Anzeigen sind wohl in der Regel ganz normale Zeitungsinserate, können aber auch Anzeigen sein, die das zuständige Arbeitsamt selbst schaltet. Die man sich als Arbeitssuchender auf irgendeinem Computer dort anschauen kann. Ich glaube, Firmen, die bestimmte Arbeitnehmer«, sie sah auf ihre handschriftlichen Notizen, »also solche mit besonderen Qualifikationen suchen, geben das an das Arbeitsamt weiter, und die stellen diese Anzeigen in ihre Computer. Aber genau weiß ich es nicht – und ich fürchte, Frau Shengali auch nicht –, dazu hatte ich die letzten Jahre zu wenig mit dem Arbeitsamt oder der Agentur für Arbeit, wie es ja jetzt heißt, zu tun. Gott sei Dank.«

»Aha. Und was hat es mit den Gutscheinen auf sich? Gehören die zu diesen Anzeigen?«

»Ja, irgendwie schon. Arbeitslose bekommen wohl von ihrer Agentur für Arbeit, das heißt von ihrem jeweiligen Betreuer, solche Gutscheine in die Hand gedrückt. Unter bestimmten Bedingungen.«

»Was passiert mit diesen Gutscheinen? Kriegt die der künftige Arbeitgeber?«

Frau Horrlein zuckte mit den Achseln. »Glaube ich nicht. Frau Shengali hat nur gesagt, mit diesen Gutscheinen kommt man irgendwie an einen Job ran. Aber wie das gehen soll? Keine Ahnung.«

»Ihr Mann hatte wohl einen solchen Gutschein bekommen?«

»Ja.«

»Fragen Sie sie bitte, ob auch Shengalis Freund Ostapenko diesen Gutschein erhalten hat.«

»Ja, das hat sie schon erzählt. Ihr Mann und Ostapenko waren davon betroffen. Als Einzige in der Spedition. Und so wie sie das erzählt hat, klang das wie ein Nachteil den anderen deutschen Mitarbeitern von Frey-Trans gegenüber. Wie eine Ungerechtigkeit. Nur die beiden Ausländer, eben Shengali und Ostapenko, hatten damit zu tun.«

Was hatte es mit diesen ominösen Gutscheinen auf sich? Warum wollte Ostapenko verhindern, dass seine Frau sich darüber näher ausließ? »Seit wann arbeitete denn ihr Mann für Frey-Trans?«

»Seit knapp zwei Jahren.«

»Und wann hat er den Gutschein bekommen?«

»Vor zwei Jahren.«

Paula Steiner fehlte jeglicher Ansatzpunkt, um bei dieser Sache auch nur einigermaßen den Durchblick zu erhalten. Das machte sie nervös und ärgerlich. »Was macht man denn mit diesen Gutscheinen, zum Donnerwetter? Wofür braucht man die?«, rief sie ein wenig zu laut aus. Rhetorische Fragen, an sich selbst adressiert.

Doch Frau Horrlein übersetzte sie wortgetreu und erhielt nach einiger Zeit eine Antwort, die den aufziehenden Nebel vollends verdichtete: »Um arbeiten zu können.«

Sie erkannte, dass weitere Fragen und weitere Antworten zu diesem Thema in dieser sehr gemischten Runde nichts bringen würden. So bedankte sie sich bei Frau Shengali. Und fügte diesem Dank ein »Auf Wiederschauen« hinterher. Das aber überstieg die Deutschkenntnisse der Witwe. So erwiderte diese die Abschiedsfloskel nicht, sondern entgegnete daraufhin ihr Passepartout für alle Gelegenheiten, ein freundliches »Danke schön«.

»Eine Frage hätte ich noch, eine rein persönliche allerdings. Frau Shengali muss nicht darauf antworten. Warum hat sie nie Deutsch gelernt? Sie ist doch nun auch schon seit einigen Jahren hier. Und es werden genügend Kurse für Ausländer, auch solche exklusiv für Frauen, angeboten.«

Frau Horrlein übersetzte und sagte dann, nachdem sie eine längere Antwort von Frau Shengali erhalten hatte: »Weil ihr Mann immer gelacht hat, wenn sie es anfangs versucht hat. Dann hat sie es ganz bleiben lassen. Was ich sehr gut verstehen kann.«

Da bekam der markante Mund des Abdulaziz Shengali auf einmal einen Hauch von selbstgefälliger Arroganz und büßte einen Gutteil seiner Schönheit ein.

Zu dritt verließen sie das Zimmer. Sie hatte erwartet, draußen im Flur Eva Brunner und Bassim Eshaya vorzufinden. Doch der Flur war menschenleer. Sie bedeutete den beiden Frauen, einen Moment auf sie zu warten, dann betrat sie, ohne anzuklopfen, das kleine Vernehmungszimmer. Erschreckt sahen die Praktikantin und ihr Befragungsobjekt sie an, so vertieft waren sie in ihr Gespräch. Das Fragenblatt war vollgeschrieben. Ein Zeichen, dass Eshaya viel zu erzählen hatte. Und Eva Brunner vieles notierenswert gefunden hatte. Und das alles würde sie sich anhören müssen – bei dieser Vorstellung stöhnte sie innerlich auf.

Sie fragte: »Dauert es bei Ihnen noch lang?« Beide nickten. Sie stöhnte das zweite Mal auf, diesmal aber laut.

»Na gut, machen Sie so lang, wie Sie brauchen, Frau Brunner. Ich gehe jetzt nach oben.«

Sie verabschiedete sich ein zweites Mal von Frau Shengali, um sie anschließend in den kleinen Raum zu ihrem Neffen zu bringen. Frau Horrlein versprach, das Protokoll so schnell wie möglich zu liefern.

»Ach«, winkte sie ab, »das pressiert nicht. Das gibt ja eh nicht viel her.« Und um das wenige, das diese Befragung erbracht hatte, würde sie sich selbst kümmern müssen.

Als sie ihr Büro betrat, wartete eine Überraschung auf sie: Heinrich Bartels war fast direkt, nur mit einem Tag Verspätung und ohne den Umweg mit dem gelben Verlängerungsschein, aus dem Krankenstand an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Er saß auf seinem Stuhl, an seinem Schreibtisch, den er sich mit all seinen Unterlagen, Akten und Schreibmaterialien binnen Kurzem zurückerobert hatte, und sah seine Chefin voller Bitterkeit an. Eva Brunners Hab und Gut lag achtlos aufgestapelt auf dem Fensterbrett.

»Das ist aber toll, dass du wieder da bist. Da freue ich mich, Heinrich, wirklich sehr.« Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand als Willkommensgruß.

Statt einer Erwiderung maunzte er nur: »Deine neue Praktikantin hat sich ja ganz schön breitgemacht, die will hier wohl Wurzeln schlagen. Ich finde das ziemlich dreist, einfach so den Schreibtisch eines anderen …«

»Erstens: Die heißt Frau Brunner. Und zweitens hat sich Frau Brunner nicht breitgemacht, sondern einen Schreibtisch gebraucht. Oder hätte ich sie deiner Ansicht nach auf den Aktenschrank setzen oder an die Garderobe hängen sollen? Jetzt, nachdem du wieder da bist, müssen wir eben einen Tisch für sie organisieren. Irgendwie schaffen wir das schon.«

»Da bin ich ja gespannt, wo du den hinstellen willst. In den Gang oder baust du hier einen Wintergarten an?« Er hatte die Arme verschränkt und starrte störrisch auf die Schreibtischplatte.

»Was ist denn los mit dir? Wir, du und ich, haben eine neue Kommissaranwärterin, wie wir schon einige hier im Büro hatten. Und diese Anwärterin wird hierbleiben, bis der Fall Shengali erledigt ist. Von uns allen dreien abgehakt ist.«

»Da gibt man sich Mühe, verlässt das Krankenhaus vorzeitig, verzichtet sogar auf eine weitere Krankschreibung, nur um dir behilflich zu sein. Und du holst dir mir nichts, dir nichts einen Ersatz. Man kann den Eindruck kriegen, dir liegt gar nichts mehr an mir.« Den letzten Satz sprach Heinrich so leise, dass sie Mühe hatte, ihn zu verstehen. Bis dahin hatte sie mit gespitztem Mund und ironischem Lächeln auf ihn herabgesehen, doch die wehleidige Schlusssentenz rührte sie.

»Was redest du da für einen Bockmist, Heinrich! Hast du vergessen, dass du im ganzen Polizeipräsidium der wichtigste Mensch für mich bist? Und es immer bleiben wirst? Aber allein, nur auf mich gestellt, das wäre bei diesem Fall nicht gegangen. Fleischmann wollte mir schon einen von Trommens Leuten geben. Das wiederum wollte ich …«

In diesem Moment kam eine blendend gelaunte Eva Brunner herein, der anzusehen war, wie sie darauf brannte, die Ergebnisse ihrer ersten Befragung loszuwerden. Und zwar bis ins letzte Detail.

»… nicht«, vollendete Paula Steiner ihren Satz. »Darum habe ich Frau Brunner in unsere kleine Kommission gebeten. Sie kennen sich ja schon, oder?« Beide nickten. Heinrichs Miene hatte sich nach dieser schmeichelhaften Klarstellung deutlich aufgehellt, während die Anwärterin, die fragend auf ihren okkupierten Interims-Schreibtisch blickte, ihre gute Laune schlagartig eingebüßt zu haben schien.

»So, und jetzt suchen wir einen Tisch für Sie, Frau Brunner. Hat jemand eine Idee?«

»Ja«, meldete sich Heinrich, »der kleine Tisch aus der Teeküche wäre doch was. Außerdem kann man den hier«, er deutete an das rechte Ende seines Schreibtischs, »gut unterbringen. Ich hole ihn mal.«

»Wunderbar, dann kann ich mich ja zurückziehen. Ich bin in der Kantine, wenn was sein sollte.«

Sie verließ den Raum eilig Richtung Treppenaufgang, doch sie stieg nicht ganz hinauf bis unters Dach, wo die Kantine untergebracht war, sondern nur bis in den dritten Stock, in die Teppichetage. Vor dem Zimmer der Reußinger blieb sie kurz stehen und zwang sich zu einem entgegenkommenden Lächeln. Dann klopfte sie an die Tür. Nach einer Weile hörte sie ein helles: »Jaha.«

Sie trat ein und sagte: »Grüß Gott, Frau Reußinger. Ich würde gern Herrn Fleischmann sprechen, wenn es von Ihrer Seite aus möglich ist. Ich muss ihm ein kleines Missgeschick meinerseits beichten. Aber wenn nicht, dann komme ich auch gerne später wieder.« Sie hatte das Gesicht der Sekretärin bei dieser einstudierten Rede genau beobachtet und sah darin ihre Strategie mehr als bestätigt – das Wort »Missgeschick« war ihr Türöffner.

»Einen Augenblick bitte, ich sehe mal nach, Frau Steiner.«

Nach kurzer Zeit schon wurde sie mit einem ermunternden Lächeln eingelassen. Wie einfach und harmonisch doch das Miteinander sein konnte, wenn man sich an ein paar Höflichkeitsregeln hielt, die dem anderen wichtig waren! Selbst mit einer Reußinger.

Fleischmann sah sie erstaunt an. »Sie wollen mir etwas beichten?«

»Ja.« Und dann erzählte sie ihm die Wahrheit von der Donnerstags-Razzia in Gostenhof. Von ihrer Schuld, dass Heinrich das Gleichgewicht verloren hatte. Von dem Rempler, der ihn endgültig zu Fall brachte. Und auch von dem Grund für dieses Malheur – von ihrer Angst vor Bartels’ Waffe.

Fleischmann, der sie reden ließ, hatte während ihres Berichts immer wieder genickt. So als ob ihn das nicht erstaunen würde. Als sie geendet hatte, fragte er nur: »Aber warum hat Herr Bartels dann damals nicht einfach den Mund gehalten, sondern gesagt, er sei ins Stolpern geraten?« Eine Frage, die er sich selbst nach einer Sekunde beantwortete: »Eine überflüssige Frage bei Ihnen beiden. Denn einer trage des andern Last. Und was erwarten Sie jetzt von mir?«

»Dass Sie das am kommenden Montag, bei unserer Konferenz, vor allen klarstellen. Oder ich mache das selbst.«

»Frau Steiner, das halte ich für eine schlechte Idee. Denn darunter würde Ihr hausinterner Ruf leiden. Das hätten Sie sofort nach dem vergeigten Einsatz machen sollen. Obwohl, auch das wäre momentan nicht in meinem Sinn gewesen. Herrn Bartels, der, wie Sie ja wissen, bei manchen Kollegen nicht die Anerkennung hat, die er verdient, wäre damit nicht gedient gewesen. Ihnen auch nicht. Und am allerwenigsten mir, der ich Sie beide überaus schätze. Es sind nämlich schon seit Längerem Bestrebungen im Gange, Ihre Kommission einer anderen Kommission zuzuschlagen. Das möchte ich verhindern. Denn dadurch würden Ihrer beider Fähigkeiten und besondere Erfahrung vergeudet, die eben in dieser kleinen Zweier-Konstellation am besten zum Tragen kommen.«

Er griff zum Telefon und gab seiner Sekretärin Anweisung, Herrn Bartels sofort zu ihm heraufzuschicken. Die Wartezeit überbrückten Paula Steiner und ihr Vorgesetzter mit Schweigen. Als Heinrich hereinkam, sah er sie fragend an.

»So, Herr Bartels, zuallererst möchte ich Ihnen sagen, dass ich mich freue, dass Sie anscheinend wieder so weit hergestellt sind, um an Ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Und zum Zweiten hat mir Frau Steiner soeben berichtet, wie es zu Ihrem Unfall in Gostenhof kam. Ich weiß jetzt, dass Sie keine Schuld an der missglückten Razzia trifft. Und das ist in diesem speziellen Fall auch die Hauptsache. Frau Steiner wird Ihnen das Weitere dazu sagen. Und dennoch, ich verabscheue es, angelogen zu werden. Egal …«

Als die Hauptkommissarin und ihr Oberkommissar Einspruch zu diesem Vorwurf erheben wollten, bedeutete Fleischmann ihnen mit erhobener rechter Hand zu schweigen und sprach den Satz zu Ende: »… aus welchen Gründen. Ich denke, wir haben uns verstanden.« Das schien das Signal für das Ende ihres Gesprächs zu sein. Sie erhoben sich und verließen das Zimmer. Dankbar, dass ihr Ohne-Wenn-und-Aber-Plan so glimpflich ausgegangen war, schenkte sie Sandra Reußinger zum Abschied sogar noch ein »Danke für Ihr Entgegenkommen«.

Am ersten Treppenabsatz blieb Bartels stehen und sagte, was sie von ihm erwartet hatte: »Das hätte es doch nicht gebraucht, Paula.«

»Doch. Genau das hat es jetzt gebraucht. Ich hätte das schon viel früher machen müssen.«

Er stand immer noch auf der ersten Treppe. »Ich war richtig froh, als der Anruf von der Reußinger kam. Die Brunner ist zwar ganz nett, aber die textet einen ja dermaßen zu, dass man völlig wirr im Kopf wird. Das ist richtig anstrengend.«

Nach einer Weile fügte er ironisch hinzu: »Wo ich doch Schonung brauche, ich bin ja immerhin Rekonvaleszent, frisch aus dem Krankenhaus entlassen.«

»Das sehe ich vollkommen ein, Heinrich. Drum müssen wir jetzt umgehend etwas für deinen Genesungsprozess unternehmen. Ich brauche übrigens auch Schonung. Wir gehen essen, ich lade dich ein, und wir lassen uns ganz viel Zeit dafür. Das können wir auch, weil es sich dabei um ein hochgradig wichtiges Arbeitsessen handelt.«

Sie gingen zum Ausgang, meldeten sich an der Pforte ab und spazierten einträchtig nebeneinanderher Richtung Hauptbahnhof. Eine Regung von Dankbarkeit Heinrich gegenüber machte sich bemerkbar. Fast hätte sie sich bei ihm untergehakt, so vergnügt und heiter war sie. Alles schien ihr an diesem Septembertag mit seinem Nieselregen leicht und schön. Denn endlich war alles, was ihr im Leben wichtig war, so wie früher. Oder schien es zu sein.