10

An den Tagen der Reue, als der Himmel überfüllt war und die Welt nicht wie sonst, war es schwer, die persönliche Last von der allgemeinen zu unterscheiden. Nur wenn sich das Gericht dort oben zum jährlichen Urlaub trifft und die Roben der himmlischen Verteidigung zusammengefaltet sind, können wir uns dem zuwenden, was wir haben und was nicht.

Die Sonne hatte ihre sommerlichen Auftritte schon hinter sich, aber am Ersten des Monats Cheschwan zeigte sie sich in ihrer ganzen Pracht und brannte heiß. Der Junge betrachtete die Hitze von unserem Fenster aus und rief: »Herr Levi! Herr Levi kommt!«

Der Alte kehrte allein nach Hause zurück. Das Taxi stand vor seinem Tor, sein Stock wurde herausgeschoben, tastete nach einer Vertiefung im Sand und bohrte sich hinein, Die Sonne schickte Strahlen auf die Hand, die den Stock hielt, und beleuchtete die alten Gelenke, die sich um ihn schlossen. Seine knochigen Knie tauchten auf, sein Körper bewegte sich sehr, sehr langsam, bis er aus dem Auto gestiegen war, und das Licht blendete ihn. Er hob eine durchsichtige Plastiktüte, um seine Augen zu schützen, und die Sonne drang durch die Tüte und ließ Hausschuhe sehen, einen Kamm und eine Zahnbürste.

»Warte, warte, wir werden noch sehen, wer wen begräbt.« Sein Stock fuchtelte einem Hahn der Horowitz entgegen, der zwischen den Torpfosten herumtrippelte. Der Hahn war schneller als der Stock, er stieß einen Schrei aus und brachte sich in Sicherheit.

»Guten Tag, Herr Levi«, rief der Junge erfreut aus dem Fenster. Der Stock, der den Hahn in die Flucht getrieben hatte, wurde nun grüßend zu dem Jungen erhoben. Wegen des grellen Lichts hob der Alte den Blick nicht zu uns, aber sein Stock bewegte sich nach rechts und nach links und malte einen weiten Bogen in die Luft. So weit, dass wir überzeugt waren, dass er sich freute, uns zu sehen. Der offene Hemdknopf ließ eine frische senkrechte, rote Narbe auf seiner Brust sehen, die Stelle, an der der Chirurg seine geologischen Schichten geöffnet hatte, durch all seine Babuschkas hindurch, und alles gesehen hatte. Mager und gebeugt wegen der Operation stieg er die Stufen zu seinem Haus hinauf, öffnete die Tür und trat ein, und niemand erwartete seine Ankunft. Wir nahmen Brötchen und Milch aus unserem kleinen Vorrat, eine Tomate, Käse und Marmelade und gingen zu ihm. Er öffnete die Tür spaltbreit, fragte, was wir wollten, schaute uns mit zornigen Augen an und nahm, was wir ihm gebracht hatten, murrte einen Dank und sagte: »Ich sehe, dass dir die Achtundzwanziger noch passen, sie werden auch im Winter noch gut sein, aber warum putzt du sie nicht? Du musst sie putzen, hast du gehört?«

Weil er so versöhnlich war, fragte ich ihn, ob seine Kinder wüssten, dass er aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

»Wofür? Der Große hat mit seinen eigenen Angelegenheiten genug zu tun, und Schoschana hat selbst ein lahmes Herz.«

Auch Nadav erkannte die Gunst der Stunde und sagte: »Wir haben eine neue Katze. Sie heißt Emotion.«

»Das ist ein Wort aus der Psychologie, kein Name für eine Katze.« Er machte die Tür ein Stück weiter zu und wich zurück, hinter ihm herrschte das Dämmerlicht heruntergelassener Rollläden, muffiger Geruch drang bis zur Tür.

»Die Katze gehört Ihrem Sohn, wir ziehen sie nur für ihn auf.« Der Junge bemühte sich, ihn ihretwegen gnädig zu stimmen.

»Ist das seine Bezahlung dafür, dass er tagelang bei Ihnen geschlafen hat? Eine Schande. Bekommt ein Hotel und bezahlt mit einer Katze.« Er atmete schwer. Das Stück Stirn, das im Türspalt zu sehen war, war feucht und blass. Ich bat ihn, alles stehen und liegen zu lassen und sich erst ein bisschen hinzulegen.

»Herr Levi, nicht alles, was man tut, tut man für Geld.« Mit diesen Worten zog ich Nadav hinter mir her.

»Sie brauchen mir keinen Unterricht zu geben. Ich könnte Ihr Großvater sein. Außerdem soll er mir keine neuen Mieter bringen. Ich habe an Sie vermietet, nicht an irgendeine Katze.« Er war wieder der Alte wie vorher. Die versöhnliche Stunde war vorbei. Ich griff fester nach der Hand des Jungen, wir gingen die Stufen hinunter, und hinter uns wurde die Tür zugeknallt. Der Junge machte sich daran, seine Schuhe zu putzen, und ich rief Amos an, um ihm mitzuteilen, dass sein Vater zurückgekommen war und sein streitsüchtiges Leben wieder aufgenommen hatte.

»Er gibt Gott nicht so schnell nach, er hat noch eine offene Rechnung mit dem Himmel, das weißt du doch.«

»Du auch, oder?«

»Ich? Die leeren Räume zwischen den Galaxien schulden mir nichts. Und was ist mit dir?«

»In der Sache mit dem Himmel oder allgemein?«

»Sowohl als auch.«

»Was den Himmel betrifft, so ist meine Beziehung mit ihm nicht konsequent und nicht geordnet. Und allgemein – wir sorgen gut für deine Katze und sehen Erfolg, sie hat zugenommen, und ihre Probleme mit dem Hund werden einfacher, je besser sich ihre Lungen entwickeln, sie produziert ein Fauchen, das ihm solche Angst macht, dass er nur mit Beruhigungstabletten zu besänftigen ist.«

»Ich habe nach dir gefragt, und du antwortest mit der Katze.«

»Dafür hat man eine Katze.« Er ist kein Kind mehr, dieser Amos, er hat schon Menschen getroffen, denen die Haut brennt und die über ihren Papagei oder ihre Katze sprechen. Ein Mann mit seiner Lebenserfahrung wird doch nicht erwarten, dass ich ihm beichte, wie gut der Herbst und der Blätterfall mir tun und dass ich mich mit den Bäumen identifiziere, die auf das Alte verzichten und sich mit der armen, sauberen Nacktheit auseinandersetzen. Er ist nicht der Mann, dem ich sagen könnte, dass ich ein paar Tage Regen brauche und ein Kilo oder zwei existenzielle Traurigkeit, um zu entscheiden, ob ich auf dem Papier verheiratet bleibe, ob ich auf dem Papier geschieden sein will, ob ich dem Gefühllosen eine Chance geben soll, dass sein emotionaler Stumpf nachwächst.

»Sie ist schon groß, du kannst sie zu dir holen, deine Hunde werden nicht den geringsten Eindruck auf sie machen.« Die Katze, die gewachsen war, hatte es nicht geschafft, mir zu gefallen. Ich hielt ihre Schlauheit nicht aus, ihre herrschsüchtigen Sprünge, die läufigen Kater, die sich nachts unter unserem Fenster versammelten, die Niedergeschlagenheit, die Wodka befallen hatte. Eine Katze, die keine Spur von Dankbarkeit zeigt, die sich aufbläst, als schulde die Welt ihr etwas. Der Junge stellte alles Mögliche mit ihr an, er setzte sie auf sein Fensterbrett, um ihr die Wunder des Hofs zu zeigen, und sie schlug ihre scharfen Krallen ins Holz und war zornig auf die Welt, die sich nicht genug anstrengte für sie.

Ihr Herrchen sagte, wenn er bei Gelegenheit ins Dorf komme, werde er sie mitnehmen, oder wenn wir zufällig mal in den Norden führen, könnten wir sie ihm bringen. »Was immer zuerst passiert«, sagte er, und das Gespräch ging zu Ende, wie viele nichtssagende Wörter kann man schon auf eine Katze von mittlerem Gewicht laden, wie viele Säcke mit Nichts kann sie schleppen?

»Gut, was immer zuerst passiert.« Insgeheim wusste ich schon, dass es das Richtige wäre, sie zu ihm zu bringen, damit sie sich aneinander gewöhnten und sie, wenn der Winter kam, ihren Auftrag erfüllen und ihm die Nächte erwärmen konnte. Der Junge freute sich über die Idee, in den Norden zu fahren, und war traurig wegen des Zwecks der Reise. Er hatte sich noch nicht von einer Trennung erholt, da stand ihm schon die nächste bevor.

Nachdem wir das Jahr mit gebrochenen Gefäßen begonnen hatten, kam Madonna und bewies, dass es möglich war, Gebrochenes zu reparieren. Der Laden hatte noch nie so geblüht, wie er unter ihren Händen blühte, seit sie zur Haupthelferin aufgestiegen war. Anfangs kamen die Leute, um ihre Frisur zu bestaunen, an manchen Tagen sahen ihre Haare aus wie gegelte Igelstacheln, dann wieder wie die Stacheln eines Stachelschweins, oder sie hatte schwarze Löckchen wie aufgeschäumte Sahne, oder die Krone eines Wiedehopfs, oder eine schwarze Locke, die wie eine Sechs in ihre Stirn hing. Auch ihre Kleidung, in die sie ihren geschmeidigen Körper steckte, verführte die Passanten zu einer Pause mit Milch und Brötchen. Sie kamen, um Schnüre zu sehen, Pailletten, Flicken, Samt, Röhrenkleider, denen es an Stoff fehlte, winzige Cloche-Röckchen, raschelnde Bänder, und Ausblicke auf ihren Bauch, wenn sie die Arme reckte. Und sie hörten sich ihre kernigen Sprüche und Schlagworte an, was ist mit Ihnen, dieser Käse? Eine einmalige Ziege hat ihre Milch dafür hergegeben, und diese Pasta? Eine bessere gibt es nicht. Oliven in dieser Größe? Im Supermarkt macht man drei aus so einer großen. Wenn Sie geräucherten Fisch wollen, gehen Sie zum Supermarkt, dort kriegen Sie auch den Magenkrebs zum halben Preis, bei uns bezahlen Sie die Sardinen und bekommen dazu eine Portion Omega 3 umsonst. Hören Sie doch auf mit Vollkornbrot, als ob es Brot gäbe, das nicht aus Korn gemacht würde. Wenn nicht aus Korn, etwa aus Steinen?

Sie hätte eine Ladentheke am Pol aufstellen und mit Eis spekulieren können und wäre dabei reich geworden, die Eskimos hätten bei ihr Schlange gestanden.

Der Strom der Kunden war lebhaft, wir schlossen später, abends sammelten sich auf dem Platz vor dem Laden Käufer von Bier und Zigaretten. Die Finger mit den schwarz gelackten Nägeln tanzten vom Morgen bis zum Abend über die Tasten der Kasse. Sie war ständig beschäftigt, während ich mich um die Bestellungen, die Retournierungen und die Rechnungen kümmerte. Manchmal rief ich sie zur Ordnung und wies sie auf die Knappheit des Saums oder die Tiefe ihres Ausschnitts hin, ich sagte ihr, wenn du dich bückst, sieht man deinen Bauchnabel, und wenn du Keksschachteln von oben herunterholst, sieht man deine Unterhosen, ich verbot ihr, Kaugummi zu kauen, wenn sie Kunden bediente, und ich schimpfte, als sie einen Milchlieferanten einen Hurensohn nannte. Sie machte den Laden morgens auf und schloss abends die Kasse und verriegelte die Tür. Manchmal schlief sie nachts im Laden, sie hatte im Lager eine Matratze, ein Kissen und eine Decke, ebenso einen roten Koffer mit einigen Unterhosen und Kleidern, die nichts wogen. Ich übersah den Alkohol, den sie auf Kosten des Hauses trank, und die Zigaretten, die sie sich nahm. Solange sie nicht übertrieb, ließ ich ihr diese kleinen Freuden.

Eines Morgens kam ein orthodoxer junger Mann mit einer glatten, weißen Stirn in den Laden, mit einem weichen Bart und traurigen Augen. Er senkte die Augen vor meinem Blick und fragte, ob Rivka Schajnbach hier arbeite.

»Madonna, jemand sucht dich«, rief ich.

Sie putzte den Laden und rief zurück: »Wer?« Einen Moment später kam sie heraus, mit wildem schwarzem Schopf, klopfte sich den Staub aus dem Rock und kam auf die Theke zu, der junge Mann sah sie, bevor sie ihn bemerkte, er schaute zur Seite, zu den Säcken mit Bohnen und Reis, und sagte: »Rivka, Vater ruhe in Frieden, die Beerdigung ist um zwei Uhr.«

»Ich bin für ihn schon seit zwei Jahren ›sie ruhe in Frieden‹, er hat meinetwegen seine Kleidung zerrissen und mich zur Hölle geschickt, was willst du, Nachman, dass ich zur Beerdigung komme?« Sie trat näher, blieb einen Meter von ihm entfernt stehen, ihr Gesicht hatte jede Farbe verloren.

»Rivka, es ist Vater.« Er schaute sie an, senkte aber schnell wieder den Blick. Ihre grüne Bluse saß zu eng auf den schmalen Rippen, und über dem Rockbund war ein Stück ihres nackten Bauchs zu sehen.

»Er ist dein Vater«, sagte sie, sie ballte die Hände zu Fäusten, und ihre Augen glühten in dem blassen Gesicht. »Soweit es ihn betraf, war ich schon seit zwei Jahren tot.«

»Du sollst deine Eltern ehren, Rivka. Die letzte Ehre.« Er sprach mit demütiger Stimme, sein Hals war gesenkt, sein Gesicht angespannt, seine Haut war so weiß wie die seiner Schwester, seine Augen ebenso schwarz, seine eine Hand tastete über die Schaufäden, die andere wusste nicht, was sie tun sollte, er öffnete und schloss die Finger.

»Ihr seid alle Angsthasen, Nachman. Du, Mutter und Channa und Towa und Jankel und Menachem, ihr seid alle Angsthasen, einer wie der andere. Plötzlich, nachdem er gestorben ist, fällt euch ein, dass ihr eine Schwester habt. Rivka ist auferstanden. Hätte er weitergelebt, wäre Rivka weiterhin tot gewesen.«

»Das ist nicht die Zeit, um abzurechnen, Rivka. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest auf Erden.« Sein Blick, den er zu ihr hob, war flehend, als fürchte er mehr um ihr Wohlergehen und um ihre Abrechnung mit dem Himmel, als um die Ehre seines Vaters.

»Richte der Familie Schajnbach das Beileid von Rivka aus, sie ruhe in Frieden.« Sie zog eine Zigarette aus der Schachtel, die auf der Theke lag, und steckte sie unangezündet zwischen die Lippen. Nachman verstand genau, was diese Zigarette ihm sagen sollte, nämlich: Ich lebe mein Leben und ihr eures.

»Gut … also …« Er wusste nicht, wie er mit Zigaretten reden sollte, senkte den Kopf und wandte sich zum Gehen.

»Vielleicht möchtest du ein paar Schachteln Kekse und Saft mitnehmen, damit ihr etwas für die Schiwa habt.« Ich wollte ihn nicht ungetröstet gehen lassen, aber er lehnte ab. »Danke, das ist nicht nötig.« Seinen schwarzen Schuhen war anzusehen, dass er nicht gerade im Wohlstand lebte, ebenso seinem zerschlissenen Kragen. Er küsste die Mesusa und ging mit gesenktem Kopf davon, Richtung Bushaltestelle. Madonna stellte sich vor den Laden und schaute ihm hinterher, sie stieß dichten Rauch aus Nase und Mund, als wollte sie, dass der Rauch ihn einholte, ihn begleitete bis zur Familie Schajnbach, und ihr einen rußigen Gruß von ihr brächte. Sie fuhr sich wild durch die Haare und trat mit dem Fuß gegen die Steine des Gehwegs. Es war schwer vorstellbar, dass ihre schmalen Lungen fähig sein sollten, solche Massen Rauch auszustoßen, sie rauchte, als wäre in ihr ein Brand ausgebrochen und würde dichtes Gift aus ihrem Hals und ihren Nasenlöchern blasen, und sie rührte sich nicht von der Stelle, bis der Autobus an der Haltestelle ankam und Nachman mit sich nahm. Die Türen gingen zu, und sie warf die Zigarette auf den Boden, trat sie mit dem Absatz aus, kam in den Laden, nahm das Brotmesser, setzte es am Ausschnitt ihrer Bluse an und schnitt einen Riss in den Stoff. Sie nahm ein Seelenlicht aus der Packung mit den Kerzen, zündete den Docht mit ihrem Feuerzeug an und brachte die Kerze ins Lager, wobei sie die Flamme mit der Hand schützte, und stellte sie auf den Rand des Waschbeckens.

»So, bis dahin war es Rivka, jetzt ist es wieder Madonna«, verkündete sie, zog den Schminkbeutel aus ihrer Tasche, malte die Lippen schwarz an, betonte die Augenbrauen, tuschte die Wimpern, legte Rouge auf die Wangen, drückte etwas Gel aus der Tube und fixierte ihre Tolle, nahm dann noch ein Fläschchen Parfüm und betupfte ihren Nacken.

»So. Rivka ist wieder in die Hölle zurückgekehrt, sie hat nichts zu tun mit Rafael Schajnbach, es geht ihr am Arsch vorbei, ob er lebt oder gestorben ist.« Sie prüfte ihr Aussehen in einem kleinen Spiegel, den sie in der Schublade unter der Theke aufbewahrte. »Weißt du was? Die Verbrecher in der Hölle haben viel gelacht über Rivka, sie konnten einfach nicht glauben, dass man sie wegen einer einzigen Zigarette hingeschickt hatte, die sie am Schabbat geraucht hatte. Die Bösewichte in der Hölle kannst du dir nicht vorstellen, und ihr Vater schickte eine Siebzehnjährige dorthin, wegen einer Zigarette am Schabbat.«

Eine Kundin betrat den Laden, fragte, ob die Milch frisch sei, und wühlte in der Kiste mit den Brötchen. Nach ihr kam Amjad, im roten Hemd des Billigmarkts, in seiner Pause auf einen Sprung vorbei und brachte sein Baguette gleich mit.

»Du hast einen Riss in der Bluse«, sagte er zu Madonna.

»Das ist jetzt Mode.«

»Gott behüte, morgen werden sie mit zerrissenen Unterhosen herumlaufen. Wie geht’s?«

»Alles in Ordnung«, sagte sie und drückte die Lippen zusammen, um den Lippenstift zu verteilen.

»Gibt es etwas Neues?« Er schaute sich um und nahm einen großen Bissen Baguette, schaute auf die Uhr, kaute und schluckte.

»Nichts«, sagte sie, ihre lackierten Fingernägel trommelten auf das Brotmesser und spiegelten sich in der glänzenden Klinge.

Er ging ins Lager, um sich die Hände zu waschen, sah die brennende Kerze und fragte, ob das wegen der Schoah oder wegen der Gefallenen des Unabhängigkeitskriegs wäre.

»Nicht jedes Leid hat mit der Schoah oder der Unabhängigkeit zu tun«, sagte sie, ganz Haut und Nerven. »Man kann auch eine Kerze für eine Katze anzünden, die überfahren worden ist, oder für einen Verrückten, der einem wehgetan hat. Wer kann es einem verbieten.«

»Ist dir eine Katze überfahren worden? Welche? Diese kleine gelbe?«

»Lass mich doch in Ruhe. Wie geht es den Vögeln?«

»Sie wachsen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Der Pfau hat schon drei blaue Augen im Schwanz. Meine Kinder stellen sich an, als wäre ihnen ein Bruder geboren worden, den ganzen Tag reden sie, was er gemacht hat, was er gegessen hat, was er geschissen hat, meine Frau sagt, sie verehren diesen Vogel, als wäre er Gott.« Wieder warf er einen Blick auf seine Uhr, wischte sich über den Mund, strich sein Hemd glatt, und bevor er zu den Zwiebeln und den Zucchini des Supermarkts zurückkehrte, sagte er zu mir: »Hoffentlich kommt dein Mann bald zurück. Aber Madonna stellt sich gut an. Ein Glück, dass du sie genommen hast. Gott soll dir und deinem Jungen helfen.«

Die Worte kamen aus seinem Mund, zusammen mit dem Geruch des warmen Baguettes, das er gegessen hatte, und weckten in mir eine Rührung, wie man sie sonst bei den Zeilen eines Gedichts empfindet.

Er ging hinaus, blieb auf dem Gehsteig stehen, schaute nach rechts und links, überquerte mit schnellen, erschrockenen Schritten die Straße, und die automatische Tür des Supermarkts öffnete sich vor ihm und schloss sich hinter ihm.

»Du kannst es noch schaffen«, sagte ich zu Madonna, es war halb zwei.

»Wohin?«

»Zur Beerdigung.«

»Du kennst meinen Vater nicht. Er wird aus dem Grab springen, wenn er mich dort sieht, er wird mich im Leichentuch verfolgen.« Sie stampfte mit dem Fuß auf, trommelte mit den Fingernägeln, knirschte mit den Zähnen, trieb zur Eile, wollte die Zeit mit Gewalt vorwärtsdrängen, und als sie im Radio sagten, es ist vierzehn Uhr, legte sie eine Kassette von Britney Spears ein und spielte sie in Diskothekenlautstärke ab, um die Stimmen der Beerdigungsgesellschaft und alles andere zu übertönen, was Akavja Ben Mahalal gesagt hatte, und damit die Seele ihres Vaters es hören musste, falls sie auf ihrem Weg nach oben über den Laden flog. Bitte sehr, soll seine Seele Britney Spears hören, soll er mit den Ohren schlackern.

»Meine Schwester Hanna hat geheiratet, und sie haben mir nichts davon gesagt, sie haben mich nicht eingeladen, sie haben mir keinen einzigen Krümel vom Kuchen aufgehoben. Für freudige Feste bin ich nicht gut genug, aber für den Friedhof schickt man mir eine persönliche Einladung.«

Eine Frau trat ein. »Was für eine Musik, was wird heute hier gefeiert, eine Hochzeit?« Sie hielt sich die Ohren zu und fragte, was Feuchtreinigungstücher kosteten. Ich ließ zu, dass Madonna gegen die Gegenwart tobte und sie mit Dezibel schlug, solange die Beerdigung ihres Vaters dauerte, nach einer halben Stunde stellte ich den Kassettenrekorder leiser, und damit endete die Trauerfeier, die im Laden für Rafael Schajnbach abgehalten wurde. Die Kerze löschte ich nicht, und Madonna ging immer wieder mal ins Lager und warf einen schnellen Blick auf die Flamme. Ein kleines Stück von Rivka Schajnbach steckte noch in ihr, das hatte sie noch nicht herausreißen können. Dieses Stück Rivka befahl ihr am nächsten Tag, für eine Stunde den Laden zu verlassen, zum Friedhof zu fahren und einen Stein auf das Grab zu legen.

»Ich habe ihm einen spitzen Stein hingelegt, so einen, wenn man jemanden mit dem trifft, dann sei Gott ihm gnädig.« Sie atmete tief, und ein Seufzer der Erleichterung verriet der Welt, dass sie ihre Rechnung mit einem wichtigen Thema abgeschlossen hatte. Doch sosehr sie sich auch bemühte, Madonna zu sein, sich anzog und schminkte wie Madonna und rauchte, blieb die kleine Rivka, die in ihr steckte, stur und brachte sie dazu, während der sieben Trauertage nervös und aufbrausend zu sein. Einmal rief sie in ihrem Elternhaus an und verlangte, mit Nachman zu sprechen, man sagte ihr, er sei mitten im Gebet und wollte wissen, wer ihn suchte, sie legte auf und rief kein zweites Mal an. Ich hörte, wie schnell sie atmete, und sah, wie sie Brotkrümel rollte, und sagte mir, vielleicht sind ja alle Entwurzelten so. Eines Morgens stehen sie auf, schneiden die Verbindung durch und gehen fort, aber für immer wird eine winzige Wurzelzelle in ihnen bleiben, und niemand wird etwas davon erfahren, bis sich zufällig eine Gelegenheit ergibt. Auch in meinem Mann wird sich, selbst wenn er auf einem Gipfel im Himalaja lebt, abgeschnitten von Gott und den Menschen, an irgendeinem Tag etwas regen und ein Samenkorn wird aufgehen. Seltsam, dass die dünne, leichtsinnige Madonna mich an Gideon erinnerte, aber wenn eine schwangere Frau die Straße entlanggeht, sieht sie lauter Schwangere, und eine Frau, deren Mann eine Metamorphose durchgemacht hat, sieht Metamorphosen.

Und wie einer Schwangeren, die in ihrer Schwangerschaft aufgeht, sodass niemand sie daran erinnern muss, so ging es mir auch, ich atmete, ich aß, ich schlief und beschäftigte mich ständig mit Gideons Rückzug aus unserem Leben. Wäre er in Feindseligkeit gegangen oder wäre er gestorben, hätte ich jemanden gehabt, den ich hassen oder um den ich hätte weinen können. Ich hätte einen Haufen Formulare auszufüllen gehabt, beim Rabbinat vorsprechen und einen Erbschein besorgen müssen, aber nun, da er so gegangen war, waren mein Kopf und mein Herz durcheinandergeraten, und ich wusste nicht, wie ich sie versöhnen und alles wieder zurechtrücken konnte.

Trotzdem waren die ersten Tage des Cheschwan ziemlich ausgewogen in dem, was sie von uns verlangten und was sie uns gaben. Der Laden blühte, Kunden kamen und gingen, die Retouren wurden weniger, die Bestellungen und die Gewinne größer, Madonna war die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt. Demgegenüber verlor die Aktie von Emotion, der gelben Katze, ständig an Wert, ihre Verhaltensstörungen waren so ausgeprägt, dass Nadav überzeugt war, sie sei eine Hexe, die sich als Katze verkleidet hatte, er bekam Angst, sie würde noch einmal zaubern und uns in Mäuse verwandeln. Die Frage, sie von uns zu entfernen, wurde entschieden, als sie Nadav eines Tages anfiel, und ohne den lauten Schrei, den ich ausstieß, hätte sie ihre Krallen in seinen Hals geschlagen. Wir befestigten eine lange Leine an ihrem Halsband und banden sie an einen Pfosten der Schaukel. Bei ihrem Geschrei flogen die Vögel erschrocken auf und den Hühnern sträubten sich die Federn, der Alte schob seinen Kopf durch das Fenster, warf einen feindseligen Blick in unseren Hof und sagte: »Sagt ihm, wenn er nicht kommt und dieses Vieh hier wegholt, wird er es erst in der nächsten Welt wiedersehen. Ich habe ein ausgezeichnetes Gift vorrätig für solche Fälle.« Wir riefen ihn an und sagten ihm: »Morgen bringen wir sie zu dir.«

Wir sagten Madonna und der Kindergärtnerin Bescheid, dass wir uns einen Tag freinahmen, liehen uns einen Käfig aus einer Kleintierhandlung, packten Emotion hinein und stellten den Käfig ins Auto. Sie brach in wütendes Fauchen aus, zerkratzte den Käfig, sprang gegen den Deckel und schlug gegen die Gitterstäbe. Doch wenige Minuten, nachdem sie von dem Wasser getrunken hatte, in dem wir ein Beruhigungsmittel aufgelöst hatten, wurde sie schwer, ihre Glieder entspannten sich, sie rollte sich auf dem Käfigboden zusammen und schlief ein.

Endlich lockerte sich der Nacken des Jungen, er lehnte sich zurück und betrachtete die Schäfchenwolken, die am Himmel hingen. Er fragte, ob Galiläa in Israel liege und ob in Galiläa jetzt Winter sei, und ob es dort jetzt früher Morgen oder später Abend sei. Ich versuchte, ihm zu erklären, was in Begriffen des Erdballs nah oder weit war, wie die Tage und die Jahreszeiten vergingen, und versprach, einen Globus zu kaufen, um ihm die wichtigsten Dinge des Planeten zu zeigen, auf dem sich unser Leben abspielt. Wir fuhren auf einer Straße, die sich durch ein langes Tal zog, wir sahen weite Felder, vertrocknete Hügel, ausgelaugte Erde und Gebiete, die von den Menschen nicht in Ruhe gelassen wurden, von denen er verlangte, dass sie sich bemühten und gehorchten. Der Junge staunte darüber, dass der Himmel die Bergkette berührte, fragte, warum der Regen sich entlud, bevor er die Bergkette erreichte, warum die Schäfchenwolken so langsam weiterzogen und warum die Berge aussahen, als wären sie zerbrochen. Und was passiert, wenn es noch einmal so ein Erdbeben gibt, wie du mir erzählt hast, und wir mit dem Auto unterwegs sind. Kein Requiem von Verdi hätte anrührender sein können als die Stimme des Jungen, der Fragen zu Dingen stellte, die er nicht verstand, und ich gab viele Antworten. Dank dem, der die Dinge erschaffen hat, die erhaben sind, die Berge, die Täler, die Wolken, die zerbröckelnde Erde, und uns damit von den kleinen Dingen ablenkt, die uns in der Kehle stecken bleiben und uns zu ersticken drohen.

»Mama, kommen wir Papas Platz näher oder entfernen wir uns weiter?«

»Wir fahren zu Amos, um ihm seine Katze zu bringen.«

»Aber ist Papa in dieser Richtung oder in der anderen?«

»In der anderen. Schau mal, diese Frau, der schwere Sack fällt ihr nicht vom Kopf.«

Es klappte, er richtete den Blick auf die Frau, drückte die Stirn an die Autoscheibe und hörte auf, nach seinem Vater zu fragen. Aber wer will solche Siege. Wer will eine schwer beladene Beduinin einsetzen, um den Sohn hereinzulegen und um seine Naivität auszunutzen, wer will sich schuldig fühlen, wer will bestechen und ein Bonbon anbieten.

»Was für eines?«

»Ein rosiges Toffee.«

Er fragte, ob der Geruch des Bonbons Emotion nicht aufwecken würde, und wickelte die Süßigkeit aus dem Papier, teilte sie mit den Zähnen, lutschte und kaute und schwieg, bis er eindöste und im Schlaf kleiner aussah als sonst, sein Kinn sank in seinen Hals, der Abstand zwischen den Wirbeln verringerte sich, seine Wirbelsäule zog sich zusammen. Der Schlaf verkleinerte seine Gestalt und vergrößerte meinen Kummer über das, was war, und das, was zwangsläufig sein würde, und die Angst vor den Tagen, die ihn erwarteten, wenn er heranwuchs und ihnen allein gegenüberstand. Er lachte im Schlaf, ein kurzes Lachen, als würde er gekitzelt, und seine Lippen waren weich, und der Rest des Lachens blieb auf ihnen zurück. So schlief er viele Kilometer lang, er verpasste die Störche im Tal von Beit Sche’an und die Biegung des flachen Jordans im Jordantal. Ich weckte ihn für den See Genezareth, aber er betrachtete ihn, als würde er noch immer schlafen. Die Katze bewegte sich in ihrem Käfig, sie stieß einen dumpfen Seufzer aus, wachte aber nicht wirklich auf.

Er sagte: »Es sieht so aus wie das Meer in Eilat, wo ich mit Papa war«, als wir am nördlichsten Punkt des Sees stehen blieben, um ihn zu betrachten.

»Das Meer, an dem ich mit Papa war, ist mehr wert. Wenn er erst wieder gesund ist und genug Emotion hat, fahre ich mit ihm dorthin.«

Auch mein Blick ruhte auf dem Wasser, aber was ich darin sah, kam aus meiner Seele, klar und deutlich sah ich Gideon mitten in dem silbrigen See, er war da und nicht da, wie Jesus, mager und kahl geschoren, gleichgültig und gelassen. Wäre er in Reichweite, hätte ich ihn geschlagen und angeschrien, du hast mich geliebt, du hast mit mir ein Kind bekommen, und eines Tages bist du aufgestanden, hast den Tod deines Gefühls verkündet und bist gegangen. Einfach und kurz wie ein Niesen. Hast du beschlossen, aus dem Spiel auszusteigen? Dann sei ein Mann, schneide dir die Pulsadern auf. Wenn du gehen willst, geh. Du hast es nicht getan, du hast nicht das Recht, dem Jungen den Vater wegzunehmen und ihm die Seele zu zerknittern. Und was mich betrifft, wir haben uns auf das Abenteuer eingelassen, das Familie heißt, und dann hast du mir den Mann weggenommen und mich mit einem Mann, der nur in der Kartei des Rabbinats existiert, zurückgelassen, mit Kleidern im Schrank und saurem Aftershave im Badezimmer. Die Wohnung ist auf unser beider Namen eingetragen, auch die Hypothek, auch das Kind, auch das Ehebett, auch ein paar Träume. Ich hätte dir eine Superohrfeige verpasst, hier, vor den Golanhöhen und vor Palmen mit niedrigen Wipfeln.

»Komm, fahren wir weiter, bevor die Katze aufwacht und uns Theater macht«, sagte ich. »Hast du Lust zu singen?«

»Nein, ich mag nicht.«

»Dann nicht.« Er hatte recht, er würde singen, wenn er Lust dazu hatte, und nicht, wenn seine Mutter Angst hatte vor der Stille. Wir fuhren weiter, und die Stille schwoll an, sie breitete sich aus und erdrückte uns. Wir verließen die Hauptstraße und fuhren eine gewundene, unbefestigte Straße mit vielen Bäumen hinauf, rechts und links neben uns wuchsen dicke Eichen. »Chagis Hof«, stand auf einem Schild, und ein Pfeil zeigte uns die Richtung zum Anwesen. Unter dem Pfeil war ein Zettel befestigt: »Arbeiter gesucht, für Wachdienste und zur Instandhaltung. Wohnmöglichkeit auf dem Hof.« Nur ein Verrückter oder einer, der vor der Welt flieht, würde seine Tage an diesem Ort verbringen wollen, der nach einem toten Jungen benannt ist.

»Wir sind gleich da«, sagte ich, und der Junge richtete sich auf, löste sich von der Lehne und schaute sich um. Er hatte Angst, dass die Schäferhunde, von denen Amos gesprochen hatte, sich auf uns stürzten, und wenn nicht auf uns, dann auf die Katze, oder dass die Katze aufwachte und uns alle  angriff. Aber die Hunde lagen unseretwegen an Laufleinen, die den Hof entlangführten, sie rissen rote Schnauzen auf und bellten uns entgegen, ihre Raubtiergebisse glühten in der Sonne und schnappten in die Luft. Das Tor, durch das wir gingen, lag außerhalb der Reichweite ihres Zorns.

Der Hausbesitzer, Herr Levis Sohn, kam uns mit einem Cowboyhut entgegen, in Arbeitsstiefeln und mit einem Gürtel, an dem eine Baumschere, ein Telefon und eine Pistole hingen. Er zeigte mir, wo ich den Mazda parken konnte, und kam auf uns zu. Sein Cowboyoutfit machte einen großen Eindruck auf den Jungen. »Mama, schau mal, er hat eine Pistole und …«

Hinter ihm sah ich ein zweistöckiges Steinhaus, weiß gestrichen, mönchisch, einfach, rechtwinklig, Fensterrahmen aus Holz und Rollläden aus Metall. Auch in dem großen Garten war keinerlei Schmuck zu sehen. Keine Rose, keine Lilie, kein Stiefmütterchen. Nur dickblättrige Kakteen und Felsen, die vom Berg bis in den Garten gebracht worden waren. Das Haus, das Anwesen, der Mann schmückten sich nicht und weigerten sich, der Welt zu schmeicheln.

»Wo ist die Dame?«, fragte er.

»In einem Käfig. Sie hat eine Beruhigungstablette bekommen und sich ergeben.«

Er beugte sich ins Auto und zog den Käfig heraus. Plötzlich schlug Licht gegen die Lider der Katze, sie krümmte sich, der Junge wich zurück, die Hunde bellten, als hätten sie den Verstand verloren, als bestünden sie nur noch aus Lungen und Kehlen. Die Katze hatte sich in einer Ecke des Käfigs verkrochen, jetzt kam sie langsam zu sich, spreizte die Beine und sah uns aus grünen Augen feindselig an. Sie lag auf dem Rücken, dann drehte sie sich um und richtete den Blick auf den Jungen, geduckt wie ein Sprinter am Start. Der Junge wich noch weiter zurück, schrie »Mama«, und dann fiel der Startschuss. Sie sprang gegen das Gitter und stieß ein schreckliches Geheul aus. Sogar die Hunde wurden still, das Gebell blieb ihnen im Hals stecken.

»Ich kann mich nicht erinnern, je so etwas gehört zu haben«, sagte Amos erstaunt in der kleinen Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Heulen. Aber er vergeudete keine Zeit, schwang den Käfig durch die Luft, stellte ihn auf die Erde, schrie »Ruhe!« und starrte die Katze an. Verblüfft und geschlagen drehte sie sich um sich selbst, dreihundertsechzig Grad in der Geschwindigkeit einer Diskuswerferin, sah aus wie ein gelber Fleck auf einem Karussell, sie drehte sich um die eigene Achse und wurde mit jeder Umdrehung schneller, eine Zentrifuge, die außer Kontrolle geraten ist. Der Junge war wie hypnotisiert, auch der Besitzer der Katze. Ihr wurde schwindlig, sie knallte von einer Wand ihres Käfigs zur anderen, ihre Drehungen wurden schwächer, sie brach zusammen, atmete schwer, bemühte sich aufzustehen, fiel wieder hin.

»Diese Lektion wird sie nicht vergessen. Kommt ins Haus, trinkt etwas.« Amos packte den Käfig samt Inhalt und bedeutete uns, an ihm vorbei hineinzugehen.

Das Haus war auch innen ordentlich, ohne zu protzen. Es enthielt alles, was zu einem praktischen Leben nötig ist, aber nichts nur fürs Herz, außer einem Foto, das allein an einer weißen Wand hing, an einer Stelle, die vom Licht aus dem nach Westen gehenden Fenster sanft beleuchtet wurde. Als sei der ganze Ort nur für dieses Bild erbaut worden. Das lebensgroße Schwarz-Weiß-Porträt eines fünfjährigen Jungen. Der Junge auf dem Bild war eine weichere, verfeinerte Version seines Erzeugers, er besaß eine Ernsthaftigkeit, der das Leben noch keinen Schaden zugefügt hatte. Seine Augen waren klar und lagen so tief in den Höhlen wie die des Mannes, der in die Küche gegangen war, um die Limonade zu holen, die er für uns vorbereitet hatte.

»Mama, wer ist der Junge auf dem Bild?«

»Der Sohn von Amos.«

»Kann ich mit ihm spielen?«

»Nein, das Foto stammt aus einer Zeit, als er so alt war wie du, das ist schon lange her.«

Amos hörte in der Küche, was ich sagte, und beeilte sich nicht mit der Limonade, er wusste, welche Kraft das Foto an der Wand ausstrahlte, und wartete darauf, dass wir uns wieder fassten. Der Mund des Jungen auf dem Bild war leicht geöffnet, als läge ihm ein Wort auf den Lippen, zurückgehalten, bevor die Stimme es ausgesprochen hatte. Ich trat näher an das Bild, die Augen des Jungen schauten mich mit durchdringendem Ernst an und verlangten von mir, etwas zu tun. Ich hielt den Blick nicht aus, ich fuhr mit dem Finger über die leicht geöffneten Lippen und hinterließ einen feuchten Streifen auf dem Glas.

»Mama, warum fasst du ihn an?«

»Da war ein bisschen Staub, ich habe ihn weggewischt.« Was würde es ihm helfen, wenn er wüsste, dass es ein Wort gab, das für immer gefangen blieb. Ich wollte auch nicht, dass der Lebende eifersüchtig würde auf den außergewöhnlichen Toten.

Amos deckte für uns einen bescheidenen Tisch in der Diele, die sowohl als Essecke als auch als Zimmer zum Empfang von Gästen diente. Wir saßen an dem großen, groben Holztisch, auch die Stühle waren knorrig und aus festem Holz. Es gab durchsichtige Glasteller, ohne Farbe und ohne Verzierung, und Schwarzbrot mit Körnern und Kleie. Der Salat war frisch und mit Kräutern und Olivenöl angemacht. Wir sprachen nicht viel, wir waren wie die Kartoffelesser auf dem Bild von van Gogh. Der Junge schielte von seinem Teller zu Herrn Levis Sohn und reckte den Kopf, um die Pistole zu sehen, die er am Gürtel trug. Die Katze betrachtete uns aus ihrem Käfig, ergeben, die Lektion war noch frisch und brennend. Das Geschirr, die vorhanglosen Fenster, der nackte Fußboden, auf dem kein Teppich lag, alles führte zu dem Schluss, dass Herr Levis Sohn ein Mann war, der jedes Interesse an den Spielereien des Lebens verloren hatte. Er saß am Kopfende des großen Tisches, dem Jungen auf dem Foto direkt gegenüber. Nadav und ich hatten auf der rechten Seite Platz genommen, und an den beiden übrigen Seiten des Tischs saß niemand. Hätte das Glas den Jungen nicht gefangen gehalten, wäre er herausgekommen und hätte sich links neben seinen Vater oder ans Fußende des Tischs gesetzt, ihm gegenüber. Die Augen des Jungen auf dem Bild waren auf mich gerichtet, immer nur auf mich, wohin ich mich auch bewegte, sie folgten mir. Falls ich einen Moment mit ihm allein bin, werde ich ihm versprechen, sein Grab im Dorf zu besuchen, sobald wir wieder zu Hause sind. Als Nachtisch servierte uns sein Vater selbst gemachten Obstsalat und bot an, nach dem Essen das Anwesen zu besichtigen. Nadav fischte sich nur die Rosinen aus dem Tellerchen mit dem Obstsalat, und er fragte, ob die Hunde während der Besichtigung angebunden blieben, und als die Katze sich sichtlich erholte, sagte er: »Mama, schau mal, Emotion.«

Sie machte akrobatische Kunststücke im Käfig, drückte sich gegen die Tür und schnurrte, riss das Maul auf, als wolle sie ein Jaulen ausstoßen, überlegte es sich aber anders.

Auch die Toilette war sauber, einfach, ohne Raumspray, ohne Dekor. Ein einfaches, weißes Klo aus Porzellan, billiges Papier, grobe Seife, billige Zahnpasta, ein quadratischer Spiegel, ein Plastikkamm, der in einer Haarbürste steckte, ein abgegriffenes Handtuch. Keine Keramik, keine Badematte, keine Creme, kein Aftershave, kein Duftbehälter. So lebte jemand, der vorhatte, immer er selbst zu bleiben, der das, was hässlich an ihm war, nicht versteckte und das Schöne nicht betonte.

Wir gingen mit ihm hinaus, und er zeigte uns sein Anwesen, drei schwarze Pferde, ein Versuchsgewächshaus, in dem er Biogemüse zog, einen großen Olivenhain und einen Obstgarten mit Apfelbäumen, einen Schuppen mit einem Traktor und einem Gabelstapler, und einen Geländewagen mit verdreckten Reifen. Der Junge lief herum wie Alice im Wunderland, immer wieder zog er mich am Ärmel zu sich herunter, um mir sein Erstaunen ins Ohr zu flüstern.

»Mama, das alles hier gehört dem Sohn von Herrn Levi?«

»Glaubst du, dass er wirklich auf diesen Pferden reitet?«

»Mama, er ist reich wie ein König.«

»Mama, schlafen wir heute Nacht hier?«

Amos hatte einen Hirtenstab in der Hand und ging vor uns her, er zeigte uns, was auf seinem Hof wuchs, erklärte uns die topografischen Details dieses Ortes, sprach über Windrichtungen und Regen, streckte die Hand mit dem Stab aus und deutete auf die Wasserquellen der Umgebung und die Orte, die Unheil verkündeten. Von Norden her wird das Unglück losbrechen. Und ich, statt der Linie zu folgen, die uns der Stab zeigte, wandte den Blick von dem Stab zurück zu der Hand, die ihn hielt, und zu dem Mann, dem die Hand gehörte. Wie sein Esstisch, wie seine Toilette und wie sein Badezimmer war an diesem Mann nichts Überflüssiges, kein Lächeln, keine Feinheit, keine Höflichkeit, auch keine Bitterkeit und keine Grobheit, nur Klarheit, Geradlinigkeit und keine überflüssigen Manieren. Ich fürchtete, er sei von dem Virus angesteckt worden, der Gideon das Gefühl zerstört hatte, doch als er eine Hand auf die Schulter des Jungen legte und ihm zeigte, wie kräftig die Beine einer Heuschrecke waren und welche Sprungkraft sie hatten, war nicht zu übersehen, welche Achtung er der mageren Schulter entgegenbrachte und mit wie viel Vorsicht und Respekt er sie berührte. Ich gebe zu, auch die cowboyhafte Erscheinung beeindruckte mich, der Hut, die Stiefel, der braun gebrannte, gegerbte Nacken, eine Männlichkeit, die man durch Zubehör aus Leder und Metall bekommt. So dumm sich das anhören mag, aber anscheinend schreibt die weibliche DNA eine Sehnsucht nach dem charmanten, starken Fremden vor den Brücken des Madison County vor. Aber es war nicht das Leder, das Metall oder der Hut, es war der Stempel, den ein schweres Schicksal seinem Gesicht aufgedrückt hatte, das verhaltene Lächeln, der Blick eines Mannes, den Gott an den Haaren gepackt und herumgewirbelt hat, dem er einen Blick in den Abgrund und ein anderes Wissen über das Leben gewährt hat.

Wir blieben über Nacht, Amos schlug es vor, und der Junge bettelte darum, und außerdem fehlten wir im Dorf niemandem, außer vielleicht dem Alten. Wir bekamen ein geräumiges, minimal möbliertes Zimmer im oberen Stock. Zwei Betten, ein schmaler Holzschrank, zwei Stühle und ein Fenster mit Fensterläden aus Metall. Das Fenster ging nach Westen, auf ein Wäldchen aus Kiefern und dicht belaubten Eichen hinaus.

Ich schlief nicht mit dem Sohn des Alten, aber wir waren nicht weit davon entfernt. Man könnte sagen, es war unvermeidlich, und trotzdem vermieden wir es. Der Junge war sofort eingeschlafen, wir saßen in der großen Diele im unteren Stock, Leder und Metall hatte er abgelegt, auch den Cowboyhut. Er war mager, sonnengebräunt und nicht mehr jung. Weil es weder Sessel noch ein Sofa oder einen Teppich gab, saßen wir einander an dem langen Esstisch gegenüber, wie bei einem Schachspiel, ohne Brett, ohne Turm und ohne Königin. Wir saßen jeder auf seinem Platz und unterhielten uns miteinander, es gab nichts, wohin der Blick abirren konnte, die leeren weißen Wände ließen keine andere Wahl, der Blick wanderte vom Bild des toten Jungen zu seinem Vater, der mir gegenübersaß. Ich erzählte ihm von unserem Leben in den letzten Monaten und beschrieb das Leben, das wir geführt hatten, als die Tage noch so gewesen waren, wie sie hatten sein sollen. Ich sprach viel und schnell, als hätte ich nicht genug Zeit, die Worte strömten aus mir heraus, denn sie hatten noch niemals bessere Bedingungen vorgefunden. Mein Gesprächspartner war neutral und ohne Forderungen, zufällig und nicht wirklich beteiligt, ohne Verstellung, und wenn er etwas fragte, tat er es nicht aus Höflichkeit, und er hörte auch nicht aus Höflichkeit zu. Ich beschrieb ihm in allen Einzelheiten die Szene meines Zusammentreffens mit Gideon auf dem Russischen Platz, einschließlich der vier Löcher, die ich ihm in die Handfläche gebohrt hatte. Ich erzählte auch von Gideons Magerkeit und seinem geschorenen Kopf. »Ich weiß nicht, ob es eine chemische Störung des Gehirns ist oder ein Ausdruck absoluter Freiheit. Als ich ihn heiratete, war er jedenfalls gesund genug, um die Last eines gemeinsamen Schicksals zu übernehmen. Und dann, eines Tages, gab es einen Schlag, und alles war vorbei …«

Emotion kam und rieb sich an meinen Beinen, sie war noch ängstlich in ihrem neuen Zuhause und besonders ihrem neuen Hausherrn gegenüber scheu. Ich beugte mich zu ihr und strich ihr über das Fell, denn obwohl sie wirklich unerträglich war, verdiente sie es nicht, allein auf der Welt zu sein.

Er fragte, ob ich etwas trinken wollte.

»Es brennt noch nicht.« Das war eine dumme Antwort, er hätte ihr entnehmen können, dass ich eine lange Sitzung plante. Ich schwieg, betrachtete die Katze, die sich an meine Beine schmiegte, und auch er schwieg, vermutlich betrachtete er mich, denn er sagte plötzlich: »Die geschorenen Haare, die du hattest, als wir uns zum ersten Mal auf dem Friedhof trafen, haben dir sehr gut gestanden.«

»Und jetzt, wo die Haare ein bisschen gewachsen sind?«

»Weniger gut.«

»Seltsam, dass du überhaupt etwas zu meiner Frisur sagst.«

»Warum?«

»Weil dich das nicht wirklich interessiert.«

»Wenn ich ein Bild sehe, das schief hängt, hänge ich es gerade.«

Ich war nicht gekränkt. Dieser Mann würde, wenn er alt war, so unsympathisch werden wie sein Vater. Wie alt war er eigentlich? Fünfzig? Dreiundfünfzig? Achtundvierzig? Ich nahm an, dass es zwischen uns einen Altersunterschied von etwa zwanzig Jahren gab.

»Im letzten Monat musste ich mich um Wichtigeres kümmern«, sagte ich.

»Ja, natürlich.« Er stand auf, um einen Kräutertee zu bereiten. Ich folgte ihm in die Küche, ich wollte nicht allein mit dem Jungen hinter Glas bleiben. Die Katze lief mir nach, ruhig und demütig. Er bewegte sich geschickt in seiner Küche, und weil er meine Hilfe nicht brauchte, schaute ich mich um. Die Küche war mit der gleichen sparsamen Bescheidenheit eingerichtet wie das übrige Haus. Über dem Spülbecken hing ein Trockengestell aus Metall, es gab einen Handtuchhalter aus Holz, Schränke aus glattem, weißem Resopal, eine graue Marmorplatte als Arbeitsfläche, ein großes, rechteckiges Fenster, das auf einen dunklen Garten hinausging, endlos, als sei dieses Anwesen aus den Lichtkreisen des Mondes oder der Sonne herausgeschnitten. Das Wiehern der Pferde drang vom Stall herüber und das Rasseln der Hundeketten.

»Zwei Hunde, drei Pferde und du. Fällt dir diese Einsamkeit nicht schwer?«

»Nein, es fällt mir schwerer, mit Menschen zusammen zu sein.« In der Edelstahlkanne war ein Aufguss aus Zitronenverbenenblüten und Pfefferminzblättern, er stellte zwei Teegläser auf ein Tablett, Löffelchen, einen Teller mit Rosinen und Pekannüssen, noch in Schalen. Dann brachte er das Tablett zum großen Tisch, und wir setzten uns wieder.

»Wenn es so ist, sind der Junge und ich eine Last für dich.«

»Wirklich nicht«, sagte er kurz und entschieden. »Außerdem bin ich euch für die Nächte, die ich bei euch geschlafen habe, auch etwas schuldig, und dafür, dass ihr die Katze für mich behalten habt.« Und mit der gleichen Sachlichkeit fügte er hinzu: »Deine Gesellschaft ist mir angenehm.«

Angenehm. Was hieß das, dass ich ihm nicht auf die Nerven ging? Dass ich ihn nicht bedrängte? Dass ich ihn nicht nervös machte? Dass ich erträglich war wie der Stuhl, das Fenster, die Hunde? Ich knackte eine Nuss, und während ich den Kern herauspulte, kam von oben ein kurzer, scharfer Schrei des Jungen. Ich sprang vom Stuhl und rannte die Treppe hinauf. Er schlief und murmelte im Schlaf vor sich hin. Ich stand im Dunkeln vor ihm, ein schwaches Licht fiel aus dem Treppenhaus herein und warf einen hellen Fleck auf den Fußboden, dann war es wieder dunkel. Der Hausherr stand hinter mir und lauschte mit mir den regelmäßigen Atemzügen des Jungen. Nadav schlief tief, auf dem Rücken liegend, mit ausgebreiteten Gliedern, war eins mit dem Universum.

Ich zog ihm die Decke über die Füße, er rührte sich nicht. Amos verließ das Zimmer, ich folgte ihm. Auf der dritten Treppenstufe stolperte ich und fiel nach vorn, wäre ich nicht gegen seine Beine gestoßen, wäre ich die ganze Treppe hinuntergerollt, hätte mir einen Knöchel verstaucht oder das Knie ausgerenkt. Er reichte mir den Arm und half mir, aufzustehen. Ich schwankte einen Moment und stützte mich auf ihn, ich ließ seinen Arm nicht los, auch als ich wieder fest auf den Füßen stand. Er traute mir nicht und stützte mich weiter mit seinem rechten Arm. So stiegen wir die restlichen Stufen hinunter, und dann spürte ich plötzlich den Wunsch, meinen Kopf an seine Schulter zu legen. Er blieb stehen, hob seine linke Hand zu meinem Gesicht und legte sie auf meine Wange. Ich schmiegte mich an ihn, und so standen wir auf einer der unteren Stufen, im schwachen Licht, zwischen den hohen, leeren Wänden, und ich atmete viele Liter Luft, bevor ich sagte: »Küss mich auf den Kopf, wie man ein Kind küsst.«

Er küsste mich mitten auf den Kopf. Ich spürte seine Lippen auf meiner Haut, und ihre Wärme drang bis in mein Gehirn.

»Komm hinunter«, sagte ich. Meine Stimme kam besiegt und zerbrochen aus meinem Mund. Zum Teufel mit Moral und Schuldgefühlen, diesen Schildwachen der Seele, die die Lust abtöten, noch bevor sie da ist, ohne zu fragen, was und warum. Wir gingen hinunter, mein Kopf lag da bereits nicht mehr an seiner Schulter, doch er stützte mich noch immer, berechtigterweise, meine Beine hörten nicht auf zu zittern.

Es war dumm, zu verzichten, schließlich hätte kein Mensch deswegen gelitten, niemand wäre betrogen worden oder hätte etwas verloren, wenn wir miteinander geschlafen hätten. Nun, da wir es nicht getan hatten, kam er mir womöglich noch anziehender vor als vor dem Nichts, das auf der Treppe geschehen war. Auch ich wurde wirklicher und vielleicht sogar schöner. Ich sah es ihm an. Er war nicht verlegen, im Gegenteil, er war sehr ruhig, als habe er die Antwort auf eine Frage bekommen, die ihn bedrückt hatte, und von diesem Moment an war unsere Unterhaltung leicht und selbstverständlich. Er erzählte, dass er dieses Anwesen aus dem Nichts aufgebaut hatte, nachdem er vor zehn Jahren alles verloren hatte. Seine Frau hatte ihn wegen des Unglücks verlassen, man könnte sagen, durch seine Schuld sei ihr alles genommen worden, deshalb habe er ihr das Haus und die gemeinsamen Ersparnisse überlassen, die Spielsachen des Jungen, seine Kleidung, seine Bücher, alles, was er jemals berührt hatte, sie hatte ihm noch nicht einmal die Zahnbürste des Jungen geben wollen. Der Alte hatte die Schuhe genommen, die man dem Jungen in der Pathologie ausgezogen hatte. Das war’s. Ihm, dem Vater, war noch nicht einmal ein Schnürsenkel geblieben, kein Knopf, kein Strumpf, kein angebissener Keks. Nur ein kleines Foto, das er in der Brieftasche gehabt hatte und mit dem er zu einem Fachmann gegangen war und gebeten hatte, es auf ein natürlicheres Format zu vergrößern. »Es ist das Foto, das du hier an der Wand siehst.«

»Dein Haus ist wie ein Kloster, der Heilige hängt an der Wand und außer ihm gibt es nichts.«

»Das Haus ist kein Kloster, und ich bin kein Mönch. Ich trinke sehr häufig Wein.«

»Und Frauen? Hattest du seit damals eine Frau?«

»Keine, die einer Erwähnung wert wäre.« Er schaute hinüber zu dem offenen Fenster, in die große Dunkelheit, und sagte, er habe weder das Interesse noch die Geduld für eine Beziehung mit einer Frau. Er könne keine Frau brauchen, die komme und den Sack mit ihrem Leben in seinem Haus aufhänge. Das sei das letzte, was er brauche, dass jemand komme und ihn von der Tatsache ablenken wolle, dass er einmal einen Sohn gehabt hatte und jetzt keinen mehr hatte.

»Strafst du dich? Warum ist es dir so wichtig, das Unglück jede Minute neu zu leben?«

»Ich lebe nicht das Unglück, ich lebe den Jungen. In mir lebt und atmet der Junge weiter, egal was passiert, er wird nicht vor mir sterben. Wir werden gemeinsam sterben. Ich brauche keine Frau, die mich bedauert und versucht, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mir geht es gut mit den Pferden, den Hunden und den Oliven, die ich ernte. Außer Zuneigung, ein bisschen Achtung und Essen erwarten die Tiere nichts von mir.« Er atmete tief. Er war nicht gewöhnt an Bekenntnisse, vor allem nicht an Vorträge. Und weil er seine Karten offen auf den Tisch gelegt hatte, war auch ich aufrichtig und ohne Winkelzüge.

»Und wenn wir uns vorhin hätten hinreißen lassen, miteinander zu schlafen, wäre das auf Kosten des Jungen gewesen? Hättest du mich danach verflucht?«

»Nein.« Er wandte das Gesicht vom Fenster, einen Moment später schaute er wieder hinüber und fragte: »Dieses Mädchen, die Kleine, die die Katze gebracht hat, wie geht es ihr?«

Ich war eifersüchtig. Es war ein scharfes, schmerzhaftes Gefühl. Ich sprach über zusammen Schlafen, und ihm kam Rivka Schajnbach in den Sinn. Ich spürte bis ins tiefste Innere eine Eifersucht, die nichts mit Vernunft zu tun hatte, denn was hatte ich mit seiner Lust zu tun, und was hatten er und ich überhaupt miteinander zu tun, und wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass Madonna ihm genau das hätte geben können, was er brauchte, und dass sie ihm nichts wegnehmen würde, außer Geld.

»Gut, mein Laden hat noch nie so viel eingebracht wie unter ihren Händen«, sagte ich trocken und schämte mich vor mir selbst. »Ihr Leben ist nicht leicht, aber es gelingt ihr, etwas Tolles daraus zu machen. Sie ist stark, eine, die überlebt.«

»Ja«, sagte er und knackte eine Nuss zwischen den Händen. »Das Leben hat sie einstweilen noch nicht zerbrochen, sie gehorcht ihrem Bauchgefühl.«

»Du auch«, sagte ich, und mein Telefon flackerte mir eine Nachricht von Gideon zu: »Hast du eine Minute Zeit?«

Was konnte er mir schon in einer Minute sagen? Was hatte er zu fragen? Mitzuteilen?

»Mein Mann«, sagte ich und tippte seine Nummer ein. Amos stand auf und ging hinaus, um meine und seine Privatsphäre zu wahren.

»Was ist los?« Ich achtete darauf, diese drei Wörter betont sachlich klingen zu lassen.

»Ich brauche Geld. Nicht viel. Nur so lange, bis ich eine Arbeit gefunden habe.«

»Und wo liegt das Problem? Geh zum Automaten und hol dir, was du brauchst. Einstweilen gehört uns das Geld gemeinsam.« Ich war kühl wie eine Angestellte am Busbahnhof.

»Ich habe das Gefühl verloren, Amia, nicht die Moral, ich möchte nicht auf deine Kosten leben. Ich bitte dich um ein kurzzeitiges Darlehen.«

»Okay.« Ich wollte mit seiner Gefühllosigkeit konkurrieren, aber der Preis waren heftige Kopfschmerzen.

»Wie viel gestehst du mir zu?«, fragte er.

»Im Ernst, Gideon, nimm, so viel du willst, und geh zum  Teufel.« Ich drückte einen Finger gegen die Schläfe, denn ich hatte das Gefühl, sie würde gleich platzen. Der tote Junge schaute mich vom Foto herunter an, das Wort, das zwischen seinen Lippen gefangen war und herausdrängen wollte, tat mir so weh wie die Schläfe, wie alles, was eingesperrt war und darum kämpfte, freigelassen zu werden.

»Hör zu, Gideon. Wir müssen miteinander sprechen und entscheiden, was mit unserer Ehe passiert, mit dem Jungen, dem Geld, dem Leben, mit allem.«

»Es gehört alles dir, Amia. Du bestimmst auch den Zeitpunkt, wann wir alles auflösen.«

»Ich will keine Zeit. Ich will die Entscheidung jetzt.«

»Dann entscheide. Ich werde deine Entscheidung akzeptieren.« In seiner Stimme lag eine unerwartete Weichheit oder eine tiefe Verzweiflung. Ich hörte, wie die Hunde draußen ihren Herrn mit Bellen begrüßten, auch die Pferde fingen an zu wiehern, und plötzlich kam ein Nordwind auf, peitschte gegen die Fensterläden und schlug einen von ihnen zu. Nur der Mann im Telefon schwieg. Ich verdrängte meine schmerzende Schläfe, unter dem Einfluss von Kopfschmerzen zu agieren war zu gefährlich, zu plötzlich, ein Blutgefäß, das sich in meiner Stirn zusammenzog, durfte nicht über unsere Zukunft entscheiden.

»Ich habe Kopfschmerzen, lassen wir es jetzt. Was für eine Arbeit suchst du?« Ich war bereits nicht mehr kühl und trocken, nur leidend und neugierig, wenn ich wüsste, welche Arbeit er suchte, würde ich etwas über ihn erfahren, was er anstrebte und wie weit er sich schon von uns entfernt hatte.

»Keine Ahnung, vielleicht Hirte, irgendetwas, wozu man kein Gehirn braucht, etwas, was jeder Dummkopf machen kann.«

Ohne die Kopfschmerzen, die sich von der Schläfe bis zum Hinterkopf hinzogen, hätte ich gesagt, hör doch auf mit Hirte, Gideon. Warum willst du auf das Gehirn verzichten, mach doch etwas … Aber ich hatte das Gefühl, als schlüge mir jemand mit dem Hammer gegen die Schläfen, ich schloss die Augen und sagte nichts. Zwischen dem Flackern in meinem Kopf flammte die Anzeige auf, die wir unterwegs gesehen hatten: »Arbeiter gesucht, für Wachdienste und zur Instandhaltung …«

»Ich habe eine Idee für dich. Hör zu, lass es mich checken, reden wir morgen früh.« Ich brach das Gespräch ab, machte die Augen auf und fühlte mich wie eine Mutter, die endlich einen Hort für ihren gestörten Sohn gefunden hat, obwohl niemand versprochen hatte, ihn dort aufzunehmen.

Trotz meiner Kopfschmerzen und trotz des Jungen, der im oberen Stockwerk schlief, und trotz der Warnung meiner Vernunft ging ich hinaus und suchte Amos, als wäre der Job von hundert Bewerbern belagert und jede Sekunde wichtig. Ich stand im Lichtkreis auf der Schwelle des Hauses, die Hunde waren von meiner Anwesenheit unbeeindruckt und blieben ruhig liegen, sie bellten nur einmal kurz auf, das war alles.

»Hi«, rief Amos mir aus der Dunkelheit zu.

»Sag, der Mann, den du zu Wachdiensten und zur Instandhaltung suchst, ist das noch aktuell?«, rief ich in seine Richtung.

»Was ist los, willst du diesen Job?«, rief er zurück und lachte, und sein Geisterlachen breitete sich aus und kam als Echo von allen Seiten zurück.

Eine wahnsinnige Eile trieb mich dazu, mir durch die Dunkelheit einen Weg in die Richtung zu ertasten, aus der das Lachen kam, als würde ich den Job verlieren, wenn ich nicht schnell genug war. Er drückte irgendeine Fernbedienung, und das Hoflicht ging an, ich sah, dass er an die Stallwand gelehnt dastand, die Hände im Nacken verschränkt, ein nicht mehr ganz junger Mann, seine Zähne leuchteten im schwachen Licht, als lache er noch immer. Ich ging zum Stall, das Licht erlosch wieder. Er sagte, Pferde und Hunde würden die Dunkelheit vorziehen, die Nacht sollte Nacht sein. »Wenn es dir unangenehm ist, mit mir hier in der Dunkelheit zu stehen, können wir wieder ins Haus gehen.«

»Im Gegenteil, mir tut die Dunkelheit gut, ich habe heftige Kopfschmerzen, das Licht stört mich.« Ich drückte die Hände an die Schläfen. Die Dunkelheit und die Stille waren tief, vielleicht wie vor der Erschaffung des Menschen, und sie mischten sich mit den Werken Gottes. Die Pferde schliefen, die Hunde schwiegen, mit ein bisschen Mühe konnte man das Gras wachsen hören und wie das Heu sich mit Tau vollsaugte und anschwoll. Dieser Mann hatte sich einen leeren, sauberen Platz geschaffen, einen Platz, an dem man sich selbst treffen konnte.

Ich sagte, Gideon suche eine Arbeit. Ich sprach schnell und viel, als stünden andere Bewerber hinter mir und würden mich vorwärtstreiben. »Hör zu, er ist ein verantwortungsbewusster Mann, er ist aufrichtig, anständig, fleißig, er ist nie zu spät bei Gericht erschienen oder zu einer Verabredung mit einem Mandanten, jetzt will er Ruhe, genau wie du, er möchte weg von der Gesellschaft der Menschen, du würdest dich nicht mit ihm unterhalten müssen, du gibst ihm Anweisungen und kannst ihn vergessen, er wird alles tun, was man ihm sagt  …« Ich betonte alle Vorzüge des Mannes, der sich aus meinem Leben gerissen hatte, ich übertrieb seine Fähigkeiten, ich war wie eine Heiratsvermittlerin, die zwei Parteien zusammenbringen wollte, um den Fall abzuschließen. Ein blasser, kränklicher Mond tauchte im Osten auf, erhob sich verwirrt über den Horizont, hastete den Himmel hinauf und verringerte die Dunkelheit.

»Ich bin bereit, es mit ihm zu versuchen«, sagte er.

Mein Dank kam aus meiner Kehle wie ein Brocken, der darin festgesteckt hatte, und auf seinem Weg zog er auch die Kopfschmerzen mit. Ich war leer und müde, mein Kopf war ganz leicht, Gideon wird eine Arbeit haben, eine Adresse, er wird unter der Obhut dieses asketischen Mannes sein, die neue Arbeit wird das Rad aufhalten und es, so Gott will, zurückdrehen. Ganz ohne Zweifel war Gott in den ruhigen, dunklen Bergen aufmerksamer.

Er brachte eine große Kiste, lud mich zum Sitzen ein und setzte sich neben mich. Das Schicksal hatte mich mit diesem fremden, kühlen Mann zusammengebracht, zufällig, wie zwei Menschen im Wartezimmer eines Arztes nebeneinander auf einer Bank sitzen und ein paar Worte miteinander wechseln, bis einer von ihnen hineingerufen wird. Wenn er wieder herauskommt, murmelt er ein ›Gute Besserung‹, und wenn er das andere Ende des Flurs erreicht, hat er schon alles vergessen. Trotzdem ist eine Kiste, auf der ein Mann und eine Frau in der Dunkelheit sitzen, keine Bank in einem Wartezimmer, und die atmende Stille war sehr lebendig. Ich dachte, wir sollten über etwas Fernes und Geheimnisvolles sprechen, zum Beispiel über Gott, aber für Gott braucht man Kraft, und die hatte ich nicht. Ich erzählte ihm von Madonna, die eigentlich als Rivka Schajnbach geboren wurde, von ihrem verstorbenen Vater, von dem Lippenstift, mit dem sie sich den Mund angemalt hatte, als er begraben wurde, von dem spitzen Stein, den sie auf sein Grab gelegt hatte. Solange ich über sie spreche, dachte ich, muss ich nicht über mich sprechen, aber er unterbrach mich: »Sie interessiert mich im Moment nicht, und ich bin sicher, dich auch nicht. Du brauchst keine Angst vor der Stille zu haben, es gibt sowieso zu viele Wörter auf der Welt.«

Wir schwiegen. Er lehnte mit den Schultern an der Stallwand, schaute nach oben und richtete drei spitze Dreiecke gen Himmel, seine Nase, sein Kinn und seinen Adamsapfel.  Ich hörte ihn atmen, ich roch die billige Seife, mit der er sich wusch, und schob mein Bein näher zu ihm, sodass mein Oberschenkel seinen berührte. Die Kiste knarrte, ein dumpfes Keuchen kam aus dem Stall. Er legte eine Hand auf mein Bein, die andere um meine Schulter. Wir rechneten nicht miteinander, aber unsere Lust war gesünder und einfacher als wir. Die Hand, die er um meine Schulter gelegt hatte, näherte sich meinem Hals, glitt an ihm herunter und blieb in meinem Ausschnitt liegen, ohne tiefer zu gehen. Es hört sich dumm an, aber das Leben konzentrierte sich in der Vertiefung der Schlüsselbeine, in der fremden Hand, die schwer dort lag. Seine Lippen erinnerten sich an die Stelle auf meinem Kopf und kehrten dorthin zurück, meine Lippen erinnerten sich an nichts und gingen zu seinem Hals und schmeckten trockene, raue Haut, salzige Falten, wanderten zu seinem Kinn, und ich stoppte sie, bevor sie seine Lippen trafen und alle Zäune fielen. Mit einem Mal kam das Leben zu mir zurück, das mich unabsichtlich zwischen den schweigenden Häusern des Dorfes in Gesellschaft des Alten verlassen hatte, Maja-Mirjam, die Hühner, die Raben, die Hunde und die lange Straße, die die Langeweile in zwei Hälften teilt. Ich kaute meine Lippen, bevor sie selbstständig etwas unternahmen, der dunkle, kahle Berg mit dem einzigen Mann, der ihn bewohnte, gab mir die Sehnsucht nach der großen Stadt zurück, mit ihren blendenden Lichtern und ihren Verführungen, mit ihren Pfiffen und ihrem Flüstern, mit ihren Hinweisen auf Anfänge, mit ihren Versprechungen, die in einer Sekunde geboren werden und in einer Minute sterben, mit Liebschaften, die entstehen und vergehen, all die Erregungen, die Leben bedeuten. Aber das waren lügnerische Vorspiegelungen der Lust, Illusionen im Moment vor dem Zusammenbrechen. Er streichelte den Ausschnitt meiner Bluse, knöpfte sie aber nicht auf. Er küsste meine Wange und meinen Hals, umging aber meinen Mund, er war glühend und verlangend, hatte aber Angst davor, seine Hand vom Ausschnitt und der Schulter wegzuziehen, er blieb dicht neben mir, unsere Oberschenkel berührten sich, unsere Arme berührten sich.

»Was passieren soll, wird passieren, und wenn nicht, dann soll es nicht sein«, sagte er verschlüsselt und war noch immer sehr dicht neben mir, verlangte nach meiner Nähe.

Was für eine Verzweiflung lag in allem. Ich hätte gern gesagt, egal was passiert oder nicht, unser Schicksal ist es, allein zu sein. Du bist allein, ich bin allein, Gideon ist allein, dein Vater ist allein, mein Sohn ist allein. Auch wenn zwei zusammen sind, sind sie allein. So ist die Welt, auch deine Pferde, die Hunde und die Katze sind allein. Ich schwieg. Es war nicht die Zeit für Gedankengänge über die Situation des Menschen in der Welt.

Wir standen auf und gingen ins Haus. Der Hof war übersät mit Steinen und Unebenheiten, er stützte mich, damit ich nicht stolperte, und diese gewohnheitsmäßige und beherrschte Berührung zerriss mir das Herz. Ich wollte ihn, ich wollte jemanden, jetzt, hier, in diesem Moment. Unerfülltes Begehren wird zu einem Lasso, das die Seele einfängt und je nach Wunsch festhält oder lockerlässt.

Ich schlief neben meinem Jungen, der nicht gemerkt hatte, dass ich weggegangen und wiedergekommen war. Sein Schlaf war tief. Als ich am Morgen die Augen öffnete, war er schon wach, stand im Bett und schaute aus dem Fenster.

»Ich wünschte, wir würden lange hierbleiben«, sagte er zu der hellen Welt, die sich vor dem Fenster auftat.

Ich wartete nicht darauf, dass sein Vater anrief, noch bevor ich mir die Zähne putzte, setzte ich mich mit ihm in Verbindung. Er freute sich nicht, weil er die Fähigkeit zur Freude verloren hatte, aber er wollte diese Arbeit. Er fragte, wann er anfangen könne und wie man dort hinkam, und dann fragte er nach der Telefonnummer von Amos, und es fiel ihm schwer, sich die Zahlen zu merken. Nach Geld und Arbeitsbedingungen fragte er nicht. Und ich, die ich lange Zeit nicht mehr gebetet hatte, legte auf und sagte: »Ich danke Dir, König, Lebender und immer Bestehender, dass Du mir in Barmherzigkeit meine Seele wiedergegeben hast, groß ist Deine Treue.« Ich sprang so leicht aus dem Bett, als gäbe es keine Gravitation auf der Welt, es war sehr hell, das Licht strömte ins Zimmer und die Wände warfen den weißen Glanz zurück. Und auch dafür dankte ich Gott.

Auf dem Esstisch erwartete uns frisches, grobes Schwarzbrot, Tomaten, Gurken, Paprikaschoten, Pflaumenmarmelade und Tee. Der Hausherr hatte sich schon in aller Frühe an die Arbeit gemacht, auf einem Zettel, den er hingelegt hatte, stand: »Quark ist im Kühlschrank, auf der Anrichte liegt eine Tüte mit Äpfeln für unterwegs, sie sind schon gewaschen. P. S. Ich habe die Katze mitgenommen.« Ich drehte den Zettel um und war eine Römerin in Rom, ich ersparte mir das übliche Gerede und schrieb nur: »Danke.«

Der Alte sah aus, als habe er seit gestern am Fenster gestanden und auf uns gewartet. Er war blass, seine Wangentaschen hingen herab, sein Hemd stand offen, die Operationsnarbe ertrug das Scheuern des Stoffs nicht, sie war rot und der Sonne ausgesetzt. Er sagte nichts, er war nicht zornig auf uns, weil wir einfach für einen Tag verschwunden waren, er fragte nicht, wo wir gewesen waren, seine Augen begleiteten uns, als wir den Pfad zum Haus entlanggingen, als fände endlich ein Aufmarsch statt, auf den er lange gewartet hatte. Wir winkten ihm zur Begrüßung zu, er nickte und hob seine knorrige Hand.

Wodka erwartete uns nicht, er war böse auf uns, weil wir mit der Katze weggefahren waren, und war weggelaufen, um in fremden Höfen um Futter zu betteln. Er hielt uns nicht die Treue, in der kurzen Zeit, die er mit Madonna verbracht hatte, hatte er schnell gelernt, dass alle Menschen lügen. Wir gingen ins Haus, aßen Äpfel aus der Tüte, die Amos für uns vorbereitet hatte, und bevor wir etwas anderes unternahmen, gingen wir zum Friseur.

»Man hat mir gesagt, dass es mir geschoren gut steht«, sagte ich zu dem Friseur, und er schob die Finger in die Schere und fing an zu schneiden.

Dann setzte er den Jungen auf das Brett, das den Sitz erhöhte, wickelte ihm einen weißen Nylonumhang um den Hals und schnitt ihm auch die Haare. Zufrieden verließen wir den Salon, frisch geschnitten und mit kleinen Härchen, die an unserem Nacken klebten. »Du siehst aus wie ein Mann«, sagte Nadav. Ich kaufte ihm ein Eis, und dann kaufte ich mir auch eins. Der Wind strich um das Eis und löste rosafarbene Tröpfchen, wir lachten, leckten sie schnell auf und lachten wieder, schließlich waren wir gesund, unsere Köpfe waren geschoren und luftig, wir hielten Eis am Stiel in der Hand, und vom Gehweg aus, vor dem Haus des Friseurs, schien das Leben groß und vielversprechend zu sein.

Wenn es einem gut geht, denkt man an andere erfreuliche Situationen. »Ich möchte noch mal zum Sohn von Herrn Levi fahren.«

»Das werden wir tun, Nadav, natürlich fahren wir wieder hin. Pass auf, dir läuft Eis über das Kinn.«

Der Friseur kam heraus und hielt uns Papiertücher hin, er deutete mit der offenen Schere zum Himmel. »Man sagt, es wird ein regenreicher Winter«, sagte er, er ließ den Blick über den Horizont wandern, blieb noch einen Moment stehen und kehrte dann zu seiner Arbeit zurück. Bis wir das Eis aufgegessen hatten, häuften sich Haare auf dem Boden des Ladens und Wolken am Himmel, und der Junge sagte: »Bald fängt der Winter an, und es wird in den Geschäften wieder Schokoküsse geben.«