6

Die Natur tat alles zu Ehren der Winde des Monats Elul, von den Bäumen fielen Nadeln, und Zapfen zerplatzten auf dem Boden, die Wipfel wurden dünner und bekamen Lücken, Wind blies die Wäsche auf, riss am Rosmarin und ließ das Küchenfenster klappern, bis wir gezwungen waren, es am Rahmen festzubinden. Und zu allem Neuen, das wir durch den Wechsel der Monate erlebten, kam noch Kim, Nadavs neuer Freund, dessen Mutter Mirjam geheißen hatte, bis ihre neue Villa gebaut war und sie zu Maja wurde, und aus seinem Vater Aharon wurde Ron. Wir standen an ihrer Tür, wir streckten die Hände aus. »Sehr angenehm, Amia, sehr angenehm, Maja.« Sie sagte, Mirjam und Aharon würden, obwohl es biblische Namen seien, nicht mehr passen, deshalb hätten sie beschlossen, sich mit dem neuen Haus auch neue Namen zuzulegen.

»Für unsere Kinder haben wir von vornherein Namen ausgesucht, die zum Dorf passen, nicht zu diesem Dorf«, sie lachte, »sondern zum globalen Dorf, Kim und Natalie, Namen, die man in jedem Land der Welt kennt. Kann ich dir eine Tasse Kaffee anbieten?« Sie lächelte freundlich und legte eine Hand auf Nadavs Kopf. »Er ist so süß, ich bin schrecklich froh für Kim, dass er ihn hat, vielleicht magst du trotzdem eine Tasse Kaffee?« Die Tür war breit und ließ mich einen Teil der geräumigen Zimmer und die schön gestalteten Wohnebenen sehen, und die Hausherrin freute sich, dass ich sah, was es zu sehen gab, und genierte sich auch ein bisschen. »Wir haben da und dort vielleicht ein bisschen übertrieben, aber Roni ist so vorausschauend, wir haben das Grundstück fast umsonst bekommen, deshalb haben wir gesagt, wenn schon, denn schon.« Ihre Haare waren gefärbt und sorgfältig frisiert, und ihr mit Steinen besetzter Schmuck passte gut zu dem neuen Haus, aber ihre rissige Hand, die mich zum Eintreten aufforderte, passte zum alten Haus.

Nadav war aufgeregt, als der Gegenbesuch anstand. Er ordnete die Spielsachen auf dem Teppich und beschwerte sich wegen der besseren Spielsachen, die wir in der vermieteten Wohnung zurückgelassen hatten. Seinen Trumpf, das Feuerwehrauto, stellte er an den Kopf der Reihe, er bereitete sich einen Aussichtsplatz am Fenster vor und bedauerte, dass wir keine elektrischen Rollläden hatten, er schaute nach, ob im Kühlschrank Eis am Stiel vorrätig war, und bemühte sich, Wodka beizubringen, dass er sich hinlegte, wenn er den Befehl »Platz« hörte, aber Wodka, der Deutsche Schäferhund, war nicht überzeugt, dass ihn dieser Besuch zu irgendetwas verpflichtete, er weigerte sich.

Kim und seine Mutter erschienen zur verabredeten Zeit, und die Augen des Alten, der vom frühen Morgen bis zum Abend den Weg beobachtete, verpassten sie nicht, als sie durch das Tor gingen.

»Was machst du hier, Mirjam?«, fragte er von seinem Fenster aus.

»Meine Mama heißt Maja«, schrie ihm Kim mit dünner Stimme zu.

»Das willst du mir erzählen, Kleiner? Ich erinnere mich an sie, als ihr der Rotz aus der Nase lief und sie ihn sich nicht abgewischt hat.«

Sie nahm ihren Sohn an der Hand und fragte wie nebenbei: »Wie geht es Ihnen, Herr Levi?« Sie senkte die Schultern, machte sich klein, Hauptsache, Ruhe bewahren.

»Du hast das Haus schrecklich nett eingerichtet«, sagte sie, als sie eingetreten war und sich umschaute. »Ich erinnere mich noch daran, als dieser alte Mann, Herr Levi, mit seiner Familie hier gewohnt hat. Schoschana war eine Klasse über mir. Jede Woche habe ich ihnen einen Karton Eier aus unserem Hühnerstall gebracht, dann haben sie gebaut und sind in das neue Haus umgezogen, und alles ist schiefgegangen.« Sie warf einen Blick in den kleinen Spiegel auf der anderen Seite der Tür und ordnete ihre Haare. »Der Ortswechsel war für sie ein Wechsel des Glücks. Deshalb hatte ich Angst, in unser neues Haus zu ziehen, aber touch wood«, sie krümmte einen Finger und klopfte an den Türstock, von dem etwas alte Farbe abblätterte. »Als er noch ein kleines Haus hatte, hatte er alles, heute hat er ein großes Haus und sonst gar nichts mehr.« Kim riss sich von ihr los, rannte Nadav hinterher zum großen Zimmer und kreischte mit seiner dünnen Stimme: »Was, das ist dein Zimmer? Hast du keinen Computer? Ich hatte mal genau so ein Feuerwehrauto.«

Seine Mutter betrachtete unseren kleinen Flur wie ein Foto in einem Album. »Glaub mir, bei der ganzen großartigen Villa, die ich habe, wäre ich manchmal froh, in so ein kleines Haus zurückzukehren.«

Ich glaubte ihr. Wie viele andere verband sie ein kleines Haus mit Wärme und Nähe, ihr war anzusehen, dass sie sich in ihren geräumigen, durchgestylten Zimmern einsam fühlte. Sie nahm den Kaffee, den ich ihr anbot, setzte sich auf einen der drei Plastikstühle in meiner Küche, der Stuhl senkte sich unter ihr, und sie seufzte, als habe ihr jemand in einem Warteraum einen Platz angeboten. Die Mirjam, die zur Maja geworden war, spähte aus den Ritzen, die sich im schweren Make-up ihres Gesichts und ihres Halses auftaten, der jahrelang der Sonne ausgesetzt gewesen war und auf dem die Creme jetzt glänzte wie Margarine auf einem Toast. Sie war zehn Jahre vor mir geboren, aber alles, was sie sich angetan hatte, um zu Maja zu werden, hatte sie älter werden und zwischen uns die Kluft einer Generation entstehen lassen.

»Du siehst wunderbar aus«, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Bestimmt ist es nicht leicht für dich, ein Kind allein aufzuziehen.«

»Wieso allein? Ich habe einen Mann.«

»Im Ernst? Entschuldige, ich war sicher, du bist alleinerziehend.« Sie wurde rot und nahm einen Schluck Kaffee. »Ich habe dich sogar ein bisschen beneidet, dass du mich nicht falsch verstehst, Roni ist ein guter Ehemann, aber es gibt keine Frau, die sich nicht von Zeit zu Zeit vorstellt, wie es wäre, allein zu sein. Meinst du nicht auch?«

Ich stimmte ihr zu. Die Kinder löschten im Zimmer Brände, Sirenengeheul schwoll an und ab. Sie schossen, wurden getroffen, siegten und gerieten in die schlimmsten Katastrophen, die man sich nur vorstellen konnte, und inzwischen befriedigte ich die Neugier meiner Besucherin und erzählte ihr, dass mein Mann nach Eilat auf eine Fischfarm gefahren war und oft nach Hause kam, und in dem Moment, in dem Gideon zu einem Mann wurde, von dem man erzählt, kam er mir fremd und fern und anziehend vor, und ich wusste nicht, wohin ich meine Sehnsucht richten sollte, deshalb rief ich: »He, Kinder, wollt ihr ein Eis?«

Roter, süßer und tropfender Lärm eroberte die Küche, ich könnte ein ganzes Eis auf einmal verschlingen, na und, ich auch, Mama, gibt es mehr? Kriegen wir zwei? Wodka hörte es und kam angerannt, sprang auf die Eistropfen, die die Münder verfehlten, und vergrößerte den Lärm noch. Maja-Mirjam war fasziniert von dem lebendigen Gewühl, das sich in unserer Zwei-mal-zwei-Meter-Küche zusammendrängte, hätte ich eine so geräumige und gut ausgestattete Küche wie sie, hätte es viel mehr Platz zwischen den Feiernden gegeben, und die Feier hätte sich in Luft aufgelöst.

»Und was machst du?«, fragte sie, nachdem die Kinder wieder im Zimmer verschwunden waren, um zu sprengen und zu erobern.

»Ich habe ein kleines Lebensmittelgeschäft.«

»Bei dir ist alles klein und einfach, deshalb siehst du so gut aus. Wir haben einen großen Porzellanbetrieb, Keramik und das alles, und je größer die Firma wird, umso mehr Kopfschmerzen macht sie.«

Ich schluckte das flüssig gewordene Eis und erzählte ihr nicht, welche Migräneanfälle das einfache Leben hervorrufen kann.

Sie war so offen und aufrichtig wie ihre Hände und ich nicht, ich begnügte mich mit einer Fischfarm, mit einem kleinen Lebensmittelgeschäft, mit der Darstellung eines bescheidenen, sympathischen Lebens. Wo blieben die Gerichtsroben und das Diplom in Betriebswirtschaft, wo die Schulden und die Migräne und das »Ich kann nicht mehr, Amiki«, und wo blieb der seltsame Mensch, dem wir die Wohnung vermietet hatten, ich schämte mich und suchte nach ein paar Worten, um den Eindruck ins rechte Licht zu rücken. »Na ja, du weißt doch, nichts ist so, wie es von außen aussieht.«

»Du hast recht. Wer Herrn Levis Villa sieht, deines Vermieters, denkt, wer weiß, was für glückliche Leute dort wohnen, die Wände, der Verputz und das rote Dach lügen.«

Ich feuerte sie nicht zum Reden an, die Worte kamen einfach aus ihr heraus. »Weißt du, früher war er normal, ganz normal, auch seine Frau und sein Sohn und Schoschana, eine gute Familie.«

»Er hat einen Sohn?«

»Klar, und was für einen Sohn. Aber nach dem Unglück ist alles zerfallen, keine Familie, keine Frau, kein Sohn, kein Gott, nichts.« Sie hatte ihre hochhackigen Sandalen ausgezogen und ihre nackten Füße daraufgestellt.

Ich fragte nichts und erhob mich, um Wasser für eine zweite Runde Kaffee zu kochen.

»Hörst du, Amos, sein Sohn … Hast du Süßstoff? Kurz gesagt, Amos ist vier Jahre älter als ich, er war der King bei uns in der Schule … Amos Levi, jahrelang, die ganze Zeit im Gymnasium, war ich in ihn verliebt, und nicht nur ich, aber er beachtete mich nicht, beim Militär hat er eine Frau kennengelernt, eine gewisse Orna, und sie geheiratet. Was für ein Mann  … Aber seit dem Unfall hat man ihn hier nicht mehr gesehen. Er hat den Ort nicht mehr betreten, an dem er seinen Jungen verloren hat, sein einziges Kind, verstehst du, es hat Jahre gedauert, bis Orna schwanger wurde, man hat sie mit Hormonen vollgestopft, Spritzen, Behandlungen, am Schluss hat man ihnen eine Befruchtung im Reagenzglas gemacht, das hat dann geklappt, und das ganze Dorf hat ihre Schwangerschaft gefeiert. Entschuldige, kann ich noch ein bisschen Milch haben?« Maja-Mirjam rührte die Milch in den Kaffee, legte die Hände um die Tasse und starrte hinein, als läse sie darin die Geschichte der Familie Levi.

»Weißt du, es hat hier Leute gegeben, die haben aufgehört, an Gott zu glauben, nach allem, was geschah, denn so einen Jungen gibt es nicht noch mal, er war fünf, wie mein Kim, und so gescheit, ein Genie, und schön wie aus der Werbung, erstaunlich, wirklich erstaunlich … Wenn er an einer Krankheit gestorben wäre, hätte man gesagt, gut, Schicksal, vom Himmel, aber dass er so sterben musste?« Sie umschloss die Tasse noch fester, ihr Kopf bewegte sich hin und her, nein, nein, nein, um die Geschichte der Familie Levi und die Ungerechtigkeit von Katastrophen zu demonstrieren.

Die Kinder kamen aufgeregt in die Küche, Mama, gibt es Cola? Mama, weißt du, dass Kim einen Drachen mit Fernlenkung hat? An Schabbat besuchen wir sie, er wird ihn mit seinem Papa fliegen lassen … Sie tranken, wuschen sich das Gesicht am Wasserhahn in der Küche, schüttelten ihre nass gewordenen Haare, spritzten die Anrichte voll und rannten wieder ins Zimmer, nur Wodka blieb bei uns, leckte die Tropfen vom Fußboden, probierte auch den großen Zeh der Besucherin, ihren Unterschenkel, und überließ sich der Hand, die sein Ohr ergriff und es massierte. Sie erzählte die Geschichte nicht zu Ende, ich wusste nicht, ob es gut war zu fragen, nicht alles, was Erde und Zeit bedecken, lohnt es auszugraben. Ich wagte noch nicht einmal zu fragen, ob diesem Amos nach dem Unglück noch andere Kinder geboren worden waren, und inzwischen hatte der Himmel aufgeklart und rötliches Licht drang in die Küche, und ich fühlte mich gezwungen zu sagen: »Ende des Sommers, schau nur, was für ein schöner Sonnenuntergang.«

Aber sie schaute nicht hin. »Auch damals war es Ende des Sommers«, sagte sie.

»Elul?«

»Mag sein, ich erinnere mich nicht, jedenfalls war es schrecklich. Alle Kinder des Dorfes kamen, um zu sehen, was vorgefallen war, sie sammelten sich um die Unglücksstelle. Wenn dieser Junge am Leben geblieben wäre, wäre er heute fünfzehn Jahre alt. Für uns sind diese zehn Jahre wie nichts vergangen, für seine Eltern war jeder Tag bestimmt wie ein ganzes Jahr. Was für eine Vergeudung, wie viel Geld und wie viel Hoffnung hatten sie aufgebracht, bis er geboren wurde, und wie viel haben sie in ihn gesteckt, nachdem er auf der Welt war, und dann kamen ein paar Wörter und brachten ihn um. Fünf Wörter! ›Du hast noch ein bisschen‹, das waren die verfluchten Wörter. Amos saß in seinem Geländewagen mit Allradantrieb, mit dem er überall herumfuhr, er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr rückwärts in den Hof seines Vaters, und der alte Levi dirigierte ihn. ›Du hast noch ein bisschen‹, rief er, und Amos fuhr noch ein paar Zentimeter und hielt, und der Alte rief: ›Du hast noch ein bisschen‹ und bedeutete ihm mit der Hand, er solle Gas geben, und in diesem Moment kam der Junge auf den Hof und rannte direkt in …«

Sie bedeckte das Gesicht, und die Tusche floss von ihren Wimpern auf ihre Finger.

»Was soll ich dir sagen, schrecklich, schrecklich, das war schrecklich«, sie schüttelte den Kopf. »Das Einzige, was von ihm geblieben ist, sind seine Schuhe. Seine Beine waren zermalmt und seine Schuhe nur zerdrückt, ihnen ist nichts passiert.«

»Achtundzwanzig.« Ich sprang auf, als hätte ich die Lösung eines Kreuzworträtsels gefunden.

»Wieso achtundzwanzig?« Etwas Schminke löste sich von ihrer Schläfe und bildete einen Fleck.

»Die Schuhe.«

»Woher weißt du das? Na ja, die Größe spielt keine Rolle, was wichtig ist, sind die fünf Wörter, die eine ganze Familie zerstört haben. Fünf Wörter, verstehst du? Carmela, Levis Frau, die Großmutter des Jungen, fing an zu schreien, was heißt schreien, man sagt, ihre Schreie hätten Gottes Trommelfell zerrissen. Levi ist weiß geworden wie ein Leichentuch, und hat immer wieder gesagt, ›ich habe ihn umgebracht, ich habe ihn umgebracht‹, wie eine kaputte Schallplatte. Das ganze Dorf lief zusammen, Krankenwagen, Polizei, was für ein Durcheinander …«

»Und Amos?«

»Was für eine Polizei, Mama?« Die beiden Jungen standen in der Küche. »Los, Mama, was hast du von der Polizei gesagt?« Kim schüttelte die Hand seiner Mutter und trampelte mit seinen Schuhen Größe siebenundzwanzig auf dem Boden.

»Nichts, gar nichts.« Sie rutschte auf dem Stuhl, und im selben Moment erzitterte der Fußboden vom Müllauto, das die Straße entlangkam, die Kinder rannten hinaus, um das wunderbare Auto und den Mann, der es bediente, nicht zu verpassen.

»Du hast nach Amos gefragt? Hast du einmal einen Toten gesehen? So war er. Weißlich grau, stand völlig erstarrt da, man sagt, er war hart und kalt wie Stein, als ob ihm mit einem Schlag das Blut im Körper erstarrt wäre. Sie haben versucht, ihn zu bewegen, es ging nicht, seine Hand zu schließen, nichts. Wie eine Statue. Als Orna kam, war der Junge schon im Krankenwagen, in einen schwarzen Sack verpackt. Das ganze Dorf wich zurück und machte ihr Platz, sie rannte wie verrückt, rannte, um den Sack aufzureißen und ihn zu sehen, sie hat getobt, und man hat sie nicht gelassen, sie hat sich auf Amos gestürzt und geschrien: ›Du hast ihn genommen, du musst ihn zurückbringen.‹ Sie hat lauter geschrien als Carmela, ihre Schreie drangen an einer Seite in den Himmel und kamen auf der anderen wieder heraus.«

»Willst du Wasser? Noch einen Kaffee?« Ich stand auf, ging zum Fenster, um nach den Kindern zu schauen und aufzupassen, dass der Fahrer nicht rückwärtsfuhr und dass keiner ihm zurief: Du hast noch ein bisschen. Sie trank nichts, es war, als müsse sie zuerst die Geschichte der Familie Levi loswerden, wie man in der Synagoge den Thoraabschnitt, der sich mit Flüchen beschäftigt, lesen muss.

»Ist da draußen alles in Ordnung mit ihnen?« Sie erhob sich, schaute hinaus, setzte sich wieder und sagte: »Hör zu, was dieser Familie danach passiert ist, war wie ein Dominoeffekt, ein Stein fällt, dann fällt die ganze Reihe. Diese Orna drehte völlig durch, sie stürzte in eine Depression, sie packte ihr Zeug und ging, sie wartete das Ende der dreißig Trauertage nicht ab, sie verlangte die Scheidung. Du musst es verstehen, dieser Junge war das Einzige, was sie zusammengehalten hatte. Sie schickte ihm einen Rechtsanwalt mit endlosen Forderungen. Sie verlangte Millionen für den Jungen, den er ihr umgebracht hatte. Verstehst du, ihr umgebracht? Er hat das Haus verkauft, den Jeep, alles, was sie hatten, und hat es ihr gegeben, ihm sind nur Unterhosen und Unterhemden geblieben. Er wollte keinen Cent von seinem Vater, keinen Cent, er hat die Beziehung zu ihm abgebrochen, zehn Jahre ist er nicht zu ihm gekommen, kein einziges Mal, hörst du? Und Amos’ Mutter hielt ein Jahr durch, und eines Morgens stand sie auf und verließ den Alten ebenfalls. Sie konnte ihm das ›Du hast noch ein bisschen‹ nicht verzeihen, und er war völlig verrückt geworden, er hatte ihr die Hölle heiß gemacht, bis sie aufgab, ihre Kleider nahm und zu ihrer Schwester zog, einer alten Witwe, die in irgendeinem Loch in Galiläa lebt. Das war’s. Keine Ahnung, wie sie mit dem Haus, dem Geld und allem zurechtkamen, und so ist dieser Levi allein zurückgeblieben, nur Schoschana hat ihn nicht im Stich gelassen, und jetzt ist sie ebenfalls weggezogen, nach Herzlija. Was soll ich sagen, sie tut mir leid. Er tut mir leid. Auf dieser Welt braucht man Glück oder Erbarmen. Wer keins von beidem hat, ist erledigt.« Sie ballte die Hände und schlug mit einer Faust auf die andere, als wolle sie das Glück mit dem Erbarmen verbinden.

»Wie sehr ich in Amos verliebt war, damals, im Gymnasium, und stell dir vor, was für ein Schicksal. Weißt du, wie viele Mädchen hinter ihm her waren? Und er hat diese Orna beim Militär kennengelernt, und dann hatten sie so ein Pech. Wenn die Menschen einen Turm hätten, auf den sie steigen könnten, um zu sehen, was sie in der Zukunft erwartet … Gut, ich rede Blödsinn, ich muss jetzt gehen, ihr seid herzlich bei uns eingeladen, du und Nadav, und wenn dein Mann auftaucht, müsst ihr an Schabbat mal zum Essen kommen  …« Sie richtete sich auf, und der Plastikstuhl knirschte unter ihr.

Ein Sonnenstrahl färbte das Porzellan über dem Spülbecken rosa, Maja-Mirjam betrachtete den roten Himmel und sagte: »Nach dem Unfall hat Levi die Kipa abgenommen, er hat seine Gebetsriemen in eine Schublade eingeschlossen und gesagt, ich bin fertig mit Gott.«

Bevor sie ging, fragte ich sie, wie der tote Junge geheißen hatte.

»Chagi«, sagte sie und betrachtete die Kacheln, die langsam grau wurden. »Seine Geburt war das große Fest ihres Lebens. Auf seinen Grabstein haben sie nur seinen Namen und das Geburts- und Todesdatum schreiben lassen. Das war alles. Sonst nichts. Als gäbe es auf der ganzen Welt keine Worte, um zu beschreiben, was für ein Junge er gewesen war.

Der Alte hat sich einen Platz neben ihm gekauft. Von der ganzen Familie sind nur der Alte und der Junge im Dorf geblieben. Der eine unter der Erde, der andere darüber.« Sie betrachtete vom Fenster aus unsere Petersilie mit einem Interesse, als habe sie vergessen, dass es die Erde ist, die viele verschiedene Gewürzpflanzen hervorbringt, nicht irgendwelche Kisten im Supermarkt. Wir gingen hinaus, ich pflückte ihr Petersilie, und sie hielt sich den Strauß an die Nase und roch daran. »Weißt du, Amos hat sich mit Landwirtschaft beschäftigt, er hat einen Doktor in Agrarwirtschaft, er hatte kleine Beete, in denen er alle möglichen Pflanzen gezüchtet und Versuche gemacht hat. Wenn du an seinen Beeten vorbeigegangen bist, sind deine Nasenlöcher aufgegangen, als wärst du in einem himmlischen Laden. Aber nachdem das passiert ist, ist alles vertrocknet, tot, vorbei.« Sie berührte die Petersilienblätter vorsichtig, als hielte sie einen Strauß, den sie jemandem aufs Grab legen wollte. Die Straßenlaternen gingen an, verkündeten offiziell den Beginn des Abends und erinnerten sie daran, dass ihr Mann bald die Türen hinter den Badewannen und Kloschüsseln versperren würde, die sie verkauften, um nach Hause zu fahren. Sie würde ihm ein Omelett oder ein Rührei braten, und die Messer der Gegenwart würden das Brot schneiden und auf dem Teller klappern.

»Gut, es reicht, wir gehen nach Hause, Kim, es wird schon dunkel.« Sie fuhr sich durch die Haare mit den blonden Strähnchen und rief nach ihrem Sohn.

Bevor sie gingen, gab sie mir den Strauß Petersilie zurück und sagte: »Entschuldige, ich will dich nicht kränken, aber ich kann nichts essen, das in diesem Garten gewachsen ist. Ich weiß nicht, es ist, als läge ein Fluch auf Levis Erde, ich kann nicht vergessen, dass das Blut des Jungen in diese Erde geflossen ist.« Die Stängel, die sie mir zurückgab, waren warm von ihren Fingern, sie drückte die nun leere Hand auf ihr Herz. »Es war dumm von mir, dass ich dir alles erzählt habe, du sagst jetzt bestimmt, das ist Aberglaube, aber was soll man tun, ich habe nicht den Mut, das Schicksal herauszufordern.«

Ich blieb mit meinem Jungen am Tor stehen und schaute zu, wie Maja-Mirjam und Kim sich entfernten und immer kleiner wurden, neben ihnen sahen die Laternenpfosten wie Ausrufezeichen hinter den Sätzen unseres Lebens aus. Der Husten, der aus dem Fenster des Alten drang, war diesmal tief und schwer und hörte sich an, als huste das Herz. Schon einige Zeit hatten wir die Zettel nicht herausgeholt, die sich mit Prospekten zur Körperertüchtigung und für neue Rollläden und ein oder zwei Briefen in unserem Briefkasten gesammelt hatten. Nun, da wir am Tor standen und nicht dringend irgendwohin mussten, leerte ich den Briefkasten und brachte das Papierbündel ins Haus, und in der anderen Hand trug ich die gepflückte Petersilie. Der Alte konnte von seinem Fenster aus sehen, wie der Kies unter den kleinen Turnschuhen aufspritzte und in den Bewässerungsgräben für die Rosen landete. In der Nacht fuhr ein großer schwarzer Jeep durch meine Träume zum Zimmer des Jungen, und ich sprang ihm nach und schrie: Du hast noch ein bisschen, du hast kein bisschen mehr. Gut, dass die Tage von allein fortliefen, denn wenn wir es tun müssten, hätte ich es nicht geschafft, zum folgenden Tag zu wechseln. Das heißt, es ist ein Glück, dass die Erdkugel ihrer Bahn folgt und uns diese Last nicht zumutet. Und als würde nicht reichen, was wir hatten, erlegte ich mir noch andere Lasten auf, zum Beispiel Levis toten Enkel. Am folgenden Tag ging ich zum Friedhof des Dorfes, um mit meinen eigenen Augen den Grabstein zu sehen, von dem mir Maja-Mirjam erzählt hatte. Ich ging den Feldweg hinunter, der vom Dorf zum Haus des Lebens führte, wie man diese endgültige Wohnstatt auch nennt. Wer sich diesen bescheidenen Ort in einer Senke ausgesucht hat, die man vom Dorf aus nicht einsehen kann, hat eine gute Wahl getroffen. Die Toten stören die Lebenden nicht, und die Lebenden ihrerseits ermöglichen ihnen die richtige Ruhe. Man sah, dass das Dorf das Potenzial der Grundstücke, dieser Löcher der Ewigkeit, nicht erkannt hatte, vorläufig waren dort nur die Ortsansässigen begraben. Ich ging in dem bescheidenen, recht gepflegten Friedhof auf und ab. Die Friedhofsverwaltung hatte der Tatsache, dass alles eitel ist, Rechnung getragen und dafür gesorgt, dass alles sympathisch und bescheiden wirkte. Der Grabstein, klein, wie man ihn nimmt, wenn etwas nicht nach der Natur abgelaufen ist, zog meinen Blick sofort auf sich. Grauer Staub bedeckte den weißen Stein, der Name des Jungen war an der rechten Seite eingemeißelt, eher flüchtig, und im Gegensatz dazu waren die Geburts- und Sterbedaten tief in den Stein gegraben und groß, als würden sie das Ausmaß des Absurden verkünden. Der Junge war am neunzehnten Elul gestorben, nach dem Vollmond, auch jetzt waren der Elul und der Mond bereits am Abnehmen, vielleicht war heute der neunzehnte oder spätestens morgen. Der Grabstein zeigte keinerlei Anzeichen, dass man sich in der letzten Zeit um ihn gekümmert hätte. Wenn jemand kam, um sich an ihn zu erinnern, wäre das vermutlich morgen. Wenn ich gewusst hätte, dass es der Todestag des Kindes war, wäre ich nicht mit leeren Händen gekommen, aber es war nicht zu spät, ich konnte den Fehler noch korrigieren.

»Komm, begleite mich«, sagte ich zu meinem Jungen, damit er das andere Ende des Weges kennenlernte, nicht nur die pastorale Seite, behauene Steine, Bäume, Blumenstöcke, durchsichtige Kerzenbehälter, aber er wurde von Kims technischen Effekten stärker angezogen, er wollte lieber dort auf mich warten.

Ich ging in der Dämmerung hin, in der Zeit zwischen Tag und Nacht, damit niemand mich sah und sich fragte, was diese Frau mit dem Friedhof zu tun hatte. Ich nahm einen Stein mit, einen runden Stein, klein wie ein Taubenei, den ich im Garten seines Großvaters gefunden hatte, und einen kleinen Strauß Petersilie, die aus der Erde dieses Gartens gewachsen war. Die Dunkelheit kam plötzlich, im Osten stieg der Mond auf, und sein Licht wurde vom Berg versperrt. Ich legte den Stein über seinen Namen und die Petersilie zwischen das Geburts- und das Todesdatum. Der Junge war nicht da, er würde es nicht sehen und nicht wissen, der Einzige, der es sehen würde, war der, der von oben zusah.

Noch während ich da stand und nachdachte, ertönte eine durchdringende Stimme aus der Dunkelheit zwischen den Gräbern und fragte: »Wer sind Sie?« Schritte kamen auf mich zu. Ich erstarrte und suchte Halt an dem kleinen Grabstein. Ich hörte hinter mir leichtes Atmen und Klicken, etwas blitzte auf, grell und blendend. Mein Herz klopfte zuerst wie verrückt, beruhigte sich dann aber, wenn ich verloren war, war ich eben verloren. Die Taschenlampe, deren Licht mich getroffen hatte, ging aus, das Gesicht des Mannes lag im Dunkeln, doch hatte ich keinen Zweifel.

»Sie sind Amos, sein Vater, ich habe von Ihrem Vater das alte Haus gemietet«, stieß ich atemlos heraus.

Er machte die Taschenlampe an und lenkte das Licht auf den Grabstein, der Kiesel, den ich hingelegt hatte, blitzte auf, die Petersilie zitterte im Wind, er ließ das Licht der Länge und Breite nach über die Grabplatte wandern, über den Staub, der den Grabstein bedeckte, prüfte jedes Staubkörnchen, als wolle er wissen, mit wem sein Sohn den Sommer verbracht hatte.

»Was suchen Sie hier?« Seine Stimme war hart und kalt, ein verirrter Lichtschein traf sein Gesicht, ich sah seine Augen aufflackern, eine zerfurchte Stirn.

»Ich habe einen fünfjährigen Jungen, genauso alt wie Ihr Sohn war, als es geschah, deshalb weiß ich, was das …«

»Sie wissen gar nichts«, unterbrach er mich und machte die Taschenlampe aus.

»Es tut mir leid, ich hätte daran denken sollen, dass jemand von Ihnen heute Abend kommt, ich werde Sie nicht länger stören, ich gehe.«

»Sie gehen nirgendwohin. Das hier ist keine Fußgängerzone, hier läuft man nachts nicht allein herum.«

»Ich fürchte mich nicht.«

»Damit hat das nichts zu tun. Mein Sohn braucht kein zweites Unglück, das mit seinem Namen verbunden ist.«

Der Mond war höher gewandert und spendete den Toten einen Teil seines Lichts, und ich sah, dass Levis Sohn so mager war wie sein Vater, aber kleiner, mit einem geraden Rücken, als habe man einen Stock in seine Wirbelsäule gesteckt, vielleicht weil er so oft den Kopf gereckt hatte, um mit dem Himmel abzurechnen. Ein Nachtvogel fauchte in einer der Zypressen, löste sich vom Ast und flog davon, ihm folgten andere Vögel, einer nach dem anderen. Die Nacht wurde tiefer, ich wandte mich zum Gehen.

Er packte mich fest am Arm. »Sie gehen nirgendwohin.«

»Ich warte am Tor.« Ich befreite mich aus seinem Griff und fügte mich kampflos, wer sich in fremde Feierlichkeiten drängt, darf sich nicht beklagen, wenn die Bedingungen ihm nicht gefallen. Ich lehnte mich an das Gittertor, mit dem Rücken zu den Toten, um nicht zu sehen, wenn er den Kopf gegen den Grabstein schlug oder die Hände zum Himmel reckte. Was tat ein Mann, der statt eines Sohnes einen leeren Schädel hatte, ein knöchernes Behältnis, das einmal ein Gehirn umschlossen hatte, von dem Maja-Mirjam gesagt hatte, es sei wunderbar gewesen.

Ich sehnte mich danach, die Beine meines Jungen zu berühren, die Beine meines Mannes zu streicheln, Gott zu bestechen, ihm ein Gelübde abzulegen und zu beten, dass sie mir nie durch die zusätzliche Drehung eines Autoreifens entrissen werden würden. Ich rieb mir die Nase mit Fingern, die noch nach Petersilie rochen, mein Junge war im Haus von Maja-Mirjam, und ich hatte keine Ahnung, wie lange dieser Vater bei seinem toten Sohn bleiben würde, was wäre, wenn es die ganze Nacht dauerte, er war dort in das Seine versunken, und ich stand am Tor, ich konnte heimlich weggehen, ich schuldete ihm nichts, im Gegenteil, er schuldete mir etwas, weil es außer mir niemanden gab, den der alte Levi beschimpfen konnte, und außer mir gab es niemanden, der bezeugen konnte, ob der Alte morgens die Augen aufmachte. Glücklicherweise hatte der Hausmeister der Toten die Türangeln geschmiert, damit sie nicht laut quietschten. Das Tor bewegte sich leise, der riesige Flügel öffnete sich zum Weg, ich bat Gott, mich vor allen lauernden Feinden zu schützen, ich stand am offenen Tor und wagte nicht, hinauszugehen. Ich habe einen Jungen, so zart wie ein Schmetterling, ich habe einen Mann mit Migräne, ich trage die Verantwortung, ich kann mir nicht erlauben, zu dieser Zeit meines Lebens zum zufälligen Opfer eines Perversen zu werden. Tränen stiegen mir in die Augen und rieben den Mond, er wurde zu einem polierten Kristall, und er wurde umso schmerzhafter, je heller er wurde. Der Vorabend des 19. Elul, ein Jahrestag zum Verzweifeln schön. Ich werde zu diesem Mann gehen und sagen, hören Sie, ich muss jetzt los, und schon war ich unterwegs zu ihm, und plötzlich erklang ein Lied zwischen den Grabsteinen. »Lauf, Pferdchen, renne durchs Tal, flieg auf den Berg, renne und fliege Tag und Nacht, ich bin ein Reiter, ein Held, ein Ritter  …« Er stand am Grab seines Sohnes, und statt »Erhoben und geheiligt werde sein großer Name« sang er das Reiterlied, sang aus voller Kehle. Die Stimme breitete sich auf dem Friedhof aus, die Toten waren tot, aber alle anderen, die jetzt atmeten, Nachtvögel, Ratten, Ameisen, Grillen, Eidechsen und ich, hielten die Luft an.

Sein Auto war alt und klein. Ich stieg ein und er sagte: »Er war verrückt nach diesem Lied.« Und das war die ganze Trauerrede, die er für ihn hielt. Wir kamen am hinteren Eingang des Dorfes an, er blieb stehen, und ich wollte aussteigen.

»Wie geht es dem Alten?«, fragte er und starrte vor sich hin.

»Trotz allem ist er noch am Leben.«

»Trotz allem, ja?« Er sprach zur Frontscheibe des Autos.

»Haben Sie ihn seit damals nicht mehr gesehen?«, wagte ich zu fragen und wollte schon die Tür öffnen. Gleich würde ich aussteigen und hätte keine Ahnung, wie er aussah, welche Farbe seine Augen hatten und welche Zeichen die Zeit und das Leben auf seinem Gesicht hinterlassen hatten. Wie alt war er? Fünfundvierzig? Achtundvierzig? In der Dunkelheit war er gekommen, in die Dunkelheit würde er verschwinden.

»Nein.«

Ich machte die Tür auf, und er sagte, es sei seltsam, dass ich Petersilie gebracht hatte, denn was hätte ein Kind mit Petersilie zu tun.

»Ich habe etwas gebracht, das aus der Erde seines Großvaters gewachsen ist.« Mein linker Fuß tastete über die Steine auf dem Weg, und bevor ich auch den anderen Fuß nach draußen schob, fragte ich, ob ich seinem Vater erzählen dürfe, dass er hier gewesen sei.

Bis er antwortete, schaffte es der Mond, die Hauptstraße des Dorfes zu überqueren, er wanderte vom Wasserturm zu den ersten Baumwipfeln des Waldes.

»Ich überlasse es Ihnen, Sie wissen besser als ich, was ihn zum Sturz bringen kann.« Er hatte mich noch kein einziges Mal angeschaut, nun, da mein zweiter Fuß schon den Boden berührte, drehte er das Gesicht zu mir und sagte trocken und kalt: »Ich wohne im Norden. Seit zehn Jahren habe ich keinen Kontakt mit ihm, an dem Tag, an dem mein Sohn umkam, ist mein Vater für mich gestorben. Aber da Sie nun schon mal hier sind, haben Sie bitte ein Auge auf ihn.«

Ich wusste nicht, ob er den lebenden Alten oder den toten Jungen meinte, seine Kehle war heiser davon, dass er das Pferd hatte traben lassen, Runde um Runde.

Ich bot ihm eine Tasse Kaffee und das Benutzen der Toilette an, bevor er in den Norden fuhr, und er klopfte ungeduldig auf das Lenkrad und sagte, dafür gebe es Tankstellen.

»Schreiben Sie sich meine Telefonnummer auf, für den Fall, dass Sie wissen wollen, was hier los ist«, sagte ich.

»Das werde ich nicht wollen, aber von mir aus.« Er tippte die Nummer, die ich ihm notierte, in sein Handy und fragte nicht nach meinem Namen.

Ich stieg aus und er fuhr los, seine Reifen wirbelten Staub auf, und das Mondlicht wirbelte mit dem Staub und senkte sich mit ihm.

Am Morgen des 19. Elul schlief mein Junge noch, und ich stand am Fenster, atmete den Kaffeeduft aus der Tasse in meiner Hand ein und betrachtete den durchsichtigen Dampf, der aufstieg und sich in nichts auflöste, bis Herr Levi, der mit einem Hut aus dem Haus trat, meine Grübeleien plötzlich unterbrach. Sein Gesicht war verschlossen wie bei einer Zeremonie, er trug einen grauen Anzug und eine dunkelrote Krawatte, hatte einen Gehstock in der Hand und stieß damit hart auf die Stufen.

»Gehen Sie dorthin?«, fragte ich.

»Ich gehe, wohin ich will.«

»Ich kann Sie hinfahren.«

Die Sonne traf seine Krawatte und ließ sie aussehen, als hätte er Blutflecken auf der Brust.

»Ich brauche nichts.« Der Stock schlug durch die Luft, richtete sich auf und stieß auf den Weg. »Wer hat es Ihnen erzählt, Schoschana? Sie kann nichts für sich behalten, was?« Wir waren auf dem Weg zu unserem Tagwerk, als er uns von dort entgegenkam und seinen Stock im Dunst, der vom Asphalt aufstieg, schwenkte. Nadav, der hinten angeschnallt in seinem Sitz saß, erzählte Wunderdinge von Kims Fotoapparat, als wir neben dem Alten und seinem Stock anhielten, der nicht den Weg traf, sondern gegen einen Reifen schlug.

»Wenn ich nur wüsste, wer dieser Mistkerl war«, sagte er schwer atmend, Schweiß lief ihm von der Stirn und tropfte vom Nasenrücken auf seine Krawatte. Er hatte seit damals, seit man seinen Anzug gekauft hatte, viel Gewicht verloren, die Schulterpolster hingen herunter, ein Gürtel hielt den zu weiten Hosenbund zusammen, und der Wind blies die Hose gegen die Beine.

»Wenn ich ihn in die Hände bekomme, wird er vergessen, wie er heißt. Juden legen Steine aufs Grab, von mir aus brauchen sie gar nichts hinzulegen, aber das Grab lächerlich machen? Was ist, soll er etwa in seinem Grab Suppe kochen, dass man ihm verwelkte Petersilie hinlegen muss? Morgen legen sie ihm dann Hühnerbeine hin.« Er fuchtelte mit dem Stock und schlug auf seine unsichtbaren Feinde ein.

»Steigen Sie ein, Herr Levi, es ist sehr heiß.« Ich machte die Beifahrertür auf.

»Nicht nötig. Von Hitze stirbt man nicht, und wenn ich sterbe, bin ich versorgt, ich habe einen Platz.«

»Steigen Sie ein. Ich möchte Ihnen etwas erzählen.«

»Der Jahrzeittag meines Enkels ist kein Tag für Geschichten. Hast du deine Schuhe an, Kleiner?« Er drückte die Stirn an die breite Scheibe, um die Füße des Jungen zu sehen, und sein Hut wurde an das Glas gequetscht. Der Junge öffnete den Gurt, zog seine Knie an und schob seine Füße zwischen die beiden Rücksitze, um sie zu zeigen.

»Gut, gut, ich habe es gesehen. Sie sind dir zu groß. Du hast auch noch Platz bis Größe achtundzwanzig.« Er trat von der Scheibe zurück, rückte seinen Hut gerade, verabschiedete sich entschlossen, drehte sich um, und sein Stock schlug hart auf den Asphalt.

»Mama, wen will er erwischen?« Der Junge schnallte sich wieder fest, und dabei schob er die neuen Eindrücke zugunsten der früheren zur Seite. »Mama, wenn du gesehen hättest, was für einen Blitz sein Fotoapparat hat …«

Der Alte wurde immer kleiner in meinem Seitenspiegel, wurde zu einem grauen Strich, zu einer Linie, die den Staub durchschnitt, zu einem Streichholz, einem Punkt, bis er nicht mehr zu sehen war. Ich fuhr weiter. Früher hatte ich für drei zu sorgen gehabt, für den Jungen, den Mann, die Bank. Die Gehälter kamen von allein aufs Konto, der Aufstieg entsprach den Erwartungen, die Maßanzüge passten zum Status, der schmale Himmel im Fenster lud ein, ihn zu betrachten, der Kindergarten des Jungen entsprach seiner Entwicklung, das Leben entsprach den Wünschen, bis wir ein einfaches Leben anstrebten. Ein Lebensmittelgeschäft, eine Fischfarm, ein Dorf, Jeans, kilometerweiten Himmel und kilogrammweise Sinn. Vier Monate, und der Packen Sinn, den ich auf dem Kopf hatte, war angeschwollen, jetzt brauchte ich den Kopf einer Beduinin, um diese Last zu tragen und nicht darunter zusammenzubrechen. Wer hätte gedacht, dass diese Petersilie, statt das Herz des toten Jungen zu erfreuen, das Blut seines Großvaters zum Kochen bringen würde? Der Mensch weiß nicht mehr, was er tun soll und was nicht. Ich betrachtete die Menschen, die auf der Straße gingen, sie sahen aus, als hätten sie weniger Sorgen als wir, außer jenen, die sich an der Haltestelle der Linie 19 drängten und auf den Autobus warteten, um zum Krankenhaus gebracht zu werden, wo sie sich ihren Beschwerden entsprechend aufteilen würden, in die Onkologie, die Orthopädie, die Neurologie  … Vielleicht waren unter ihnen auch welche, die unter chronischer Migräne litten und unter einer Schwächung der Arme. Ich werde im Laden erst Inventur machen, wie eine Spinne, die ihr Netz in Ordnung hält. Ich werde Gideon anrufen, meinen Bruder Jonathan, den seltsamen Mann, der unsere Wohnung gemietet hat, und sie fragen, wie es ihnen geht. Und wenn ich mit ihnen fertig bin, werde ich alle aufzählen, die ich nicht anrufe und die nicht mitgerechnet werden, meine toten Eltern und Schoschana und Levi und Amos und der tote Junge und Madonna und Nadja …

Aber das Leben wartete nicht auf mich, es geschah von allein, zum Beispiel stand Madonna, von niemandem gerufen, plötzlich am frühen Morgen im Laden, noch vor mir. Sie aß ein Bejgel, beugte sich vor Amjad über die Theke und unterhielt sich mit ihm. »Nehmen wir dich, man sieht dir an, dass du Araber bist, das lässt sich nicht ändern, aber was ist mit mir? Bei mir sieht man nichts, man sagt, ich wäre Russin, und das bin ich absolut nicht, wenn du wüsstest, woher ich stamme …« Sie sah mich den Laden betreten, richtete sich auf, biss in das Bejgel und sagte hi, mit vollem Mund. Feuerstreifen brannten in ihrer Rabentolle, ihr Gesicht war blass, die Augenbrauen und die Lippen schwarz angemalt, ein kleiner Metallknopf blitzte unter ihrer Nase. Sie trug eine enge Lycrahose und ein rotes Oberteil. Ich fragte nicht, woher sie erfahren hatte, wo sich der Laden befand und was sie noch über unser Leben wusste. Ich überging sie und wandte mich an Amjad. »Was ist, sind das alle Brötchen, die übrig sind? Man muss sie mit Folie abdecken. Ist die Milch schon gekommen? Wie viel ist von gestern noch da?«

Sie leckte Salz von der Bejgelrinde, er sprang los wie von einer Schlange gebissen und deckte die Brötchen zu, und ich zählte im Stillen bis zehn, dann bis zwanzig, um nicht auf unangemessene Weise über Madonna herzufallen. Es war nicht ihre Schuld, dass Gideon nicht anrief, obwohl ich ihm schon zwei Nachrichten auf die Mailbox gesprochen und eine SMS geschickt hatte. Hätte ich nur den vollen Namen dieser Nadja gewusst. Würde ich mich an die Polizei wenden und ihn als vermisst melden, würden sie mir raten, ein Glas Wasser zu trinken und ihn in den nächsten achtundvierzig Stunden immer wieder anzurufen, aber warum war der Gedanke so abwegig, dass ihm das Telefon ins Meer gefallen oder die Batterie zu Ende war oder dass die rote Katze seiner Nachbarin es verschluckt hatte. Madonna hielt das Bejgel zwischen den Zähnen wie ein Hund seinen Knochen und half Amjad dabei, die Folie über die Brötchen zu spannen.

»Acht sind noch da, zwei dreiprozentige und sechs mit einem Prozent«, sagte er und verstaute sie in der Kiste, die zur Rückgabe bestimmt war.

»Wie geht es deinem Sohn? Deine Haare sind schon ein bisschen gewachsen, lässt du sie oder schneidest du sie wieder?« Madonna sprach, kaute, biss ab und sprach. Sie war so dünn, dass ich mir vorstellte, sie würde, äße sie das ganze Bejgel, eine Beule unter dem roten T-Shirt bekommen. Von ihrem Nabel bis zur Wirbelsäule waren es keine fünf Zentimeter.

»Soweit ich gesehen habe, ist dieser Laden im Eimer. Ich bin schon eine Stunde da, und nur zwei Kaugummis sind über die Theke gegangen. Ich an deiner Stelle hätte daraus einen tollen Friseursalon gemacht. Weißt du was? Sogar ein Schuster würde hier mehr verdienen, in dieser Gegend gibt es viele Menschen, die vom Sozialamt leben, all die Looser, die am Achtundzwanzigsten des Monats ihre Schuhe für fünf Schekel reparieren lassen, für zehn Schekel, bevor sie sie wegwerfen. Kann ich einen von den Joghurts zum Zurückgeben haben?«

»Gib ihr einen frischen, Amjad.« Ich ging zum Waschbecken im Hinterzimmer des Ladens und wusch mir das Gesicht, ließ das Wasser in einem so starken Strahl über mich laufen, als gäbe es keine Wasserknappheit, kein Wasseramt und kein Bußgeld für übermäßigen Verbrauch, dann ging ich wieder nach vorn, tropfend und belebt, und sah zwei junge Männer an der Theke stehen. »Habt ihr Marlboro?«, fragte einer und stützte den Ellenbogen auf die Theke. Amjad erhob sich vom Kühlschrank, doch Madonna war schneller, sie zog zwei Schachteln aus dem Zigarettenregal und hielt sie ihnen hin. Sie legten Geld auf die Theke, einer zog am Zellophanstreifen und machte die Schachtel auf, steckte sich eine Zigarette in den Mund, hielt sie unangezündet zwischen den Lippen und musterte Madonna.

»Los, komm«, sagte der zweite, betrachtete sie ebenfalls lange und sagte: »Eine ganz Süße.«

»Bist du neu im Land? Aus Russland?«

»Siehst du, ich habe es dir ja gesagt.« Madonna strahlte und stieß Amjad ihren spitzen Ellenbogen in die Seite.

»Ja, aus Moskau. Noch etwas?« Sie presste ihre schwarz angemalten Lippen zusammen und formte einen kindlichen Schmollmund. »Cola? Bier?«

»Ja, bring uns zwei Bier, warum nicht«, sagte der Mann, der hatte gehen wollen und inzwischen zurückgekommen war. Amjad brachte zwei Dosen Bier und stellte sie ihnen hin, sie stießen eine Dose an die andere und sagten: »Prost, Süße!«

»Los, wir müssen gehen, diese Frau wartet schon eine Ewigkeit, gebt ihr, was sie will.« Einer löste sich und wandte sich mir zu. »Bitte, Gnädigste, kaufen Sie.« Er bedeutete mit einer Handbewegung, ich solle vortreten.

Madonna brach in Lachen aus. »Was soll das, dieser Laden gehört ihr.«

»Echt? Tut mir leid, meine Dame, ich habe Sie nicht erkannt, Sie hatten mal andere Haare, nicht wahr? Um die Wahrheit zu sagen, ich habe hier schon lange nicht mehr gekauft …«

»Ja, sie hatte lange Haare, einen sehr schönen Zopf.« Madonna nahm das Geld für das Bier, legte die Münzen aufeinander und zog die Hand zurück.

»Also dann, bye. Wenn die Zigaretten aus sind, kommen wir wieder, Süße.« Einer löste sich von der Theke, der andere folgte ihm, er legte vier Finger auf den Mund und warf Madonna einen Kuss zu, bevor er hinausging und dem anderen etwas ins Ohr sagte, sie brachen in Lachen aus und entfernten sich.

»Woher hast du gewusst, dass du mich hier finden kannst?« Ich legte das Geld in die Schublade und knallte sie zu.

»Weißt du noch, als ich bei dir geschlafen habe?«, sagte Madonna, und eine Frau betrat den Laden und fragte, ob wir gelbes Waschpulver hätten, sie wisse nicht mehr, wie es hieß, aber die Packung sei gelb gewesen, und sie sei zu müde, jetzt in den Supermarkt zu gehen, nur für eine Sache …

»Klar, Supermarkt, das heißt Warteschlangen und Durcheinander«, sagte Madonna. »Warum muss es eigentlich das gelbe sein, auch dieses Waschpulver hier wäscht ausgezeichnet.« Sie deutete auf das einzige Waschmittel, das es im Laden gab.

»Von mir aus«, sagte die Frau, ohne lange nachzudenken, und Amjad holte eine Schachtel herunter, wischte sie mit einem Tuch ab und entfernte so Staub und Zeit.

»Viel Spaß beim Waschen«, wünschte ihr Madonna, die Frau bezahlte und ging.

»Kurz gesagt, du erinnerst dich, als ich bei dir geschlafen habe? Also, ich habe die Augen einer Katze, ich habe an deinem Kühlschrank eine Stromrechnung mit der Adresse vom Laden hängen sehen, und da habe ich gedacht, na ja, schau ich doch mal, was für einen Laden sie hat. Ehrlich gesagt, ich hätte nicht geglaubt, dass der Laden so heruntergekommen ist. Ich habe auch eine Rechnung mit der Adresse der Wohnung gesehen, die du vermietet hast. Eine tolle Wohnung, echt.«

Ich erschrak. Ich versuchte, mich zu erinnern, welche anderen Zettel ich an meinem Kühlschrank zur Schau gestellt hatte, einen Bankauszug? Die Telefonnummer des Gynäkologen? Den Namen des Neurologen, an den ich mich wenden könnte, wenn die Situation schlimmer würde? Eine Zeile von ›Bird on the wire‹ von Leonard Cohen? Die Telefonnummer des Installateurs, des Elektrikers, des Handwerkers für den Rollladen, für Waschmaschinen, der Krankenkasse und weitere Nummern von Rettern aus der Not? Der heiße Wüstenwind blies trockene Blätter vor den Laden, trieb sie in der Gosse zusammen und ließ sie um die Beine der Frau mit dem weißen Waschpulver wehen. Die Blätter fielen früh von den Bäumen, was lässt sich über Bäume sagen, die dem Elul so schnell nachgeben? Hätten sie die Wahl, würden sie sich vielleicht widersetzen, wären nach Eilat gezogen und hätten über den Sinn des Lebens nachgedacht, aber sie waren botanische Geschöpfe, von der Stadtverwaltung in die Erde gepflanzt, mit Bewässerungskuhlen, was für eine Wahl hatten sie? Madonna spannte ihren geschmeidigen Rücken in dem roten T-Shirt, schob eine schwarze Strähne aus der weißen Stirn, leckte den Rest Joghurt aus dem Becher und sagte: »Weißt du was? Der Mann, der die Wohnung von dir gemietet hat, war im Gefängnis. Acht Jahre hat er bekommen, dann hat man ihm wegen guter Führung zwei erlassen, er hat sechs abgesessen.« Sie schob die Zunge in den Becher, um das letzte bisschen aufzulecken.

»Wegen was hat er gesessen?« Amjad brach sein Schweigen und fuhr fort, den Staub von den Waschmittelpaketen zu wischen.

»Woher soll ich das wissen, du solltest dich bedanken, weil ich weiß, dass er gesessen hat. Bis ich das aus ihm rausgebracht habe. Ich habe von dem Zettel auf deinem Kühlschrank die Adresse von deiner Wohnung gewusst, also bin ich hingegangen, ich wollte mich einfach mal umschauen. Ich habe an die Tür geklopft. Erst hat er nicht aufgemacht, hat gefragt, wer ich bin, dann hat er sie einen Spaltbreit aufgemacht, und ich habe gesehen, dass er die Augen eines Hundes hat, den man in den Arsch getreten hat. Ich habe gesagt, ich müsste dringend auf die Toilette, und er hat mich reingelassen. Im Badezimmer habe ich neue Handtücher gesehen, neue Kleidungsstücke, auch das Geld in seiner Hose, die im Badezimmer hing, war neu, als wäre er direkt vom Mond gekommen, mit einer Ausrüstung, damit er etwas für den Anfang hat. Da habe ich gleich Bescheid gewusst. Ich habe es ihm ins Gesicht gesagt, du hast gesessen, nicht wahr? Er hat gesagt, stimmt. Lasst mir Zeit, dann bekomme ich heraus, warum er gesessen hat. So oder so, ich muss wieder zu ihm, ich habe ihm hundert Schekel aus der Hose genommen, wie ich es bei dir gemacht habe, weißt du noch? Also, wenn ich etwas habe, das ich ihm zurückgeben kann, gehe ich wieder hin, genau wie ich es bei dir gemacht habe.«

Amjad hielt inne. »Was, du hast gestohlen?«

»Ich habe etwas genommen, ich habe dir gesagt, dass ich es zurückgebe, also warum nennst du das gestohlen?«

»Er wird dich nicht mehr in die Wohnung lassen«, sagte er, kehrte zum Staub zurück und behielt seine Gedanken für sich, vielleicht dachte er an seine drei Kinder, und was er tun müsste, damit sie nicht bei fremden Menschen an der Tür klopften, in ihren Hosentaschen herumwühlten und etwas nahmen.

»Wirklich? Es gibt niemanden, der mir Nein sagt. Frag sie.« Sie machte mich zur Zeugin ihres Charakters, ich nickte weder, noch schüttelte ich den Kopf. Wer hätte das gedacht, während ich mein Leben oben fortführte, sorgte jemand für die Wurzelarbeit unten. Die Luft war trocken, die Elektrostatik drückte eine Plastiktüte an den Kühlschrank und ließ Madonna die Haare um den Kopf stehen. Soweit ich mich aus dem Physikunterricht bei Elimelech erinnerte, hat die Elektrostatik etwas mit einem Ungleichgewicht der Spannungen zwischen negativen und positiven Feldern zu tun und entlädt sich in elektrischen Funken. Elimelech, der Lehrer, hatte eine Stirn voller positiver Spannungen und eine gespaltene Lippe voller negativer Spannungen, und jedes Mal, wenn er niesen musste, entlud sich die Spannungsdifferenz, schüttelte sein Gesicht und versprühte feuchten Speichel.

Der heiße Wüstenwind drückte die Wipfel der mageren Bäume nach unten, doch er verhielt sich wie ein erschöpfter Wind, der Lust und Interesse verloren hat. Eine Frau kam in den Laden, und statt zu grüßen, sagte sie: »Was für eine Hitze.« Sie erkundigte sich, ob wir Biolinsen hätten, und Madonna, die das begrenzte Angebot des Ladens bereits kannte, sagte: »Wir haben normale, und merken Sie sich, dass all dieses Biozeug nur Augenwischerei ist, sie waschen die Linsen doch so oder so, nicht wahr? Nach dem Waschen sind die Biolinsen und die Nichtbiolinsen gleich, warum wollen Sie dann mehr bezahlen?«

»Natürlich wasche ich sie, ja, also geben Sie mir normale.« Auch diese Kundin dachte nicht lange nach. Amjad brachte eine Tüte mit Linsen, und sein Gesicht wurde rot, er ging hinter den Laden und fing an, die Papiere zusammenzukehren. Madonna ließ einen Träger ihres T-Shirts über die Schulter rutschen und entblößte eine weiße Schulter, sie fragte, ob sie eine Zigarette bekommen könne, eigentlich eine ganze Schachtel, und schwor, sie zu bezahlen, sobald sie Geld hatte.

Ich gab ihr eine Schachtel, ich wollte sagen, schade um deine jungen Lungen, aber mein Handy meldete sich, auf dem Display leuchteten die Worte: »Mir geht es gut.« Vier Wörter und das bisschen Zeit und Kraft, die nötig waren, sie einzutippen. Ich atmete tief und füllte meine Lungen mit windiger Luft und Staub.

»Möchtest du hier arbeiten?«, fragte ich sie. Die Worte »Mir geht es gut« drängten mich, etwas zu unternehmen, und sie hatte ja bewiesen, dass sie Eskimos Schnee verkaufen konnte.

»Was, hier verkaufen?« Ihre schwarz umrandeten Augen gingen weit auf, ihre Stirn bekam Falten, als wolle sie rufen: Ich glaub es nicht, aber als sie hörte, dass sie sich dafür bei der Rentenversicherung anmelden musste, senkten sich ihre Brauen.

»Nein, lass mich, je weniger sie über einen wissen, umso besser«, sagte sie entschieden, und ihre Stirn glättete sich wieder.

»Für den Fall, dass du den Vorschlag annimmst, musst du wissen, dass hier im Laden nicht geraucht wird und dass man nicht einen Träger nach unten rutschen lässt, und beide schon gar nicht«, sagte ich. Sie schob den Träger noch tiefer und entblößte noch mehr Schulter, zog eine Zigarette aus der Schachtel und ging zum Rauchen hinaus auf die Straße, die Amjad fegte. Sie ging hinaus, und er kam herein, wütend und verschlossen.

»Ich habe ihr vorgeschlagen, hier zu arbeiten«, sagte ich. Ich dachte, es sei besser, wenn er es von mir erfuhr als von ihr.

»Warum? Weil sie die Kunden belogen hat?« Er ballte die Hand um den Besenstiel und hielt ihn wie eine Lanze. »Soll das heißen, an meiner Stelle?« Seine Brauen zogen sich zusammen, und vor Zorn oder Kränkung saugte er die Wangen zwischen die Zähne.

»Was ist mit dir, Amjad, du führst den Laden, und sie tut, was du ihr sagst.«

»Es gibt hier nicht genug Arbeit für zwei, woher willst du Arbeit für drei nehmen?«

»Ich übertrage dir die Aufsicht. Ich werde demnächst kaum Zeit haben.«

Madonna sagte weder Ja noch Nein. Amjad blieb wütend und verschlossen, er fürchtete um das Brot für seine Kinder und hatte Angst, die Neuerungen würden den Laden erschüttern, der ohnehin auf wackligen Beinen stand. Madonna ging zur Toilette im Lager, dann zog sie ein graues, sommerliches Jackett an, das bisher auf der Kiste mit den Sachen zum Zurückgeben gelegen hatte, ging mit herausfordernden Schritten die Straße entlang und verschwand, im nächsten Augenblick war es, als wäre sie nie hier gewesen.

»Siehst du?« In Amjads Augen blitzte es triumphierend auf, er stand auf der Leiter vor den Fächern mit den scharfen alkoholischen Getränken, nun kam er herunter und machte mir Platz auf der Leiter, damit ich hinaufstieg und nachschaute, was es dort oben zu sehen gab. Zwischen den Flaschen war ein runder Fleck im Durchmesser eines Wodkaflaschenbodens, und drum herum Staub wie vorher, als die Flasche noch hier gestanden hatte. Das war ein Beweis.

»Wenn du sie einstellst, wird sie den Laden leer stehlen.«

Ich wollte ihn nicht kränken und sagen, dass Madonna die einzige Chance für diesen Laden war, selbst wenn es geklauten Wodka bedeutete.

»Komm, machen wir uns einen Kaffee.« Ich stellte Wasser auf und dachte, dass Madonna in dieser Nacht den geklauten Wodka in ihren dünnen Körper gießen und anschließend herumtorkeln und sich auf den Küchenboden von irgendjemanden werfen wird, dann wird die Polizei kommen und sie Gott weiß wohin bringen. Amjad wird in dieser Nacht traurig sein, er wird gereizt auf seine Kinder reagieren und mit seiner Frau schimpfen und seinen Ärger an ihnen auslassen, denn die Erde bebte unter dem Laden, und er hatte keine Ahnung, wie es weiterging.

Es verging kaum ein Tag, da tauchte Madonna wieder im Laden auf, angezogen wie am Tag vorher, blass, wild, mit tiefen Ringen unter den Augen, ihr rotes T-Shirt war zerknittert, das Jackett zerdrückt, in der Hand hielt sie eine Schachtel, in deren Deckel zwei Löcher gerissen waren und aus der das Rascheln eines Lebewesens drang, das verzweifelt versuchte, herauszukommen. Sie stellte die Schachtel auf die Theke und stützte sich mit beiden Armen darauf, als wolle sie sich gleich der Länge nach auf der Holzplatte ausstrecken. Sie war fix und fertig.

»Das ist für den Wodka, den ich genommen habe«, sagte sie heiser, streckte eine müde Hand aus und nahm den Deckel von der Schachtel. Winzige Augen blinzelten in das plötzliche Licht, ein kleiner Vogel lief von einer Wand zur anderen, hüpfte in die Luft, faltete die dünnen Beine auf dem Karton, drängte sich an die Luftlöcher, die für ihn gerissen worden waren, und konnte nicht wissen, dass er für einen armseligen Handel eingetauscht wurde.

»Bring ihn deinem Jungen«, sagte sie vernebelt, und ihre Stimme kroch über die Theke.

»Durch deine Klauereien werden wir bald einen ganzen Zoo haben.« Ich hob abwehrend die Hand zum Zeichen, dass ich es nicht nehmen wollte, dieses winzige Geschöpf war keine Sühne für den Alkohol in ihren Venen. Bevor ich den Vogel befreien und seinem Schicksal überlassen konnte, stellte Amjad ihm einen Unterteller mit Wasser und ein eingeweichtes Brötchen hin, und der Vogel senkte den Schnabel und pickte in den feuchten Teig. Amjad verschlang den Vogel mit den Augen. »Wenn er wegfliegt, fliegt er weg, wenn er bleibt, bringe ich ihn meinen Kindern.« Er legte eine flatternde Hand auf die Vogelfedern und dachte nicht zweimal nach, der Vogel blieb bis zum Abend in der Schachtel, dann begleitete er Amjad nach Hause.

Doch bevor es Abend wurde, schlief Madonna zwei Stunden lang auf dem Fußboden in unserem Lager, bevor sie erholt aufstand.

»Nun, was ist?« Sie kam nach vorn, energisch, mit emporragender Rabentolle, und ihr T-Shirt, das gestern eng anliegend war, schlotterte jetzt, sie zog die Träger sorgfältig nach oben, damit sie nicht mehr abrutschen konnten. »Wie viel bekomme ich in der Stunde, wenn ich hier arbeite?«

»Zwanzig, wenn deine Diebstähle bezahlt sind.«

»Was hast du, zwanzig mache ich in der Minute.« Sie ließ einen Träger sinken und bat um einen Kaugummi, dann fiel ihr ein, dass sie noch die gestrigen Zigaretten schuldig war. »Also schreib alles auf eine Rechnung, mit dem Kaugummi, und wenn ich Geld habe, bezahle ich dich …« Mager, blass, mit kräftigen Armen, die Schläge empfangen und verteilen konnten. Hatte sie ein Zuhause? Oder nicht? Wo lagen ihre T-Shirts? Ihre Schuhe? Ihre Zahnbüste? Fast hätte ich die Hand ausgestreckt und ihre entblößte Schulter umarmt, hätte den schmalen Träger berührt, der es auf sich genommen hatte, der Welt zu trotzen. Das hätte man sich denken können, niemand kümmerte sich um die Menschen in Ruanda und im Sudan, sollte sich die Welt dann für eine magere Madonna interessieren? Für eine junge Frau von etwas über vierzig Kilo? Für die Welt waren sie und der Vogel in der Schachtel ein und dasselbe.

Eine Minute verging, dann zerbrach sie so plötzlich wie ein Tonkrug, sie wühlte in der Tasche ihres Jacketts, holte einen Personalausweis hervor. »Hier, nimm, melde mich an, was immer du willst.« Sie ließ den Ausweis auf die Theke fallen. Das Gesicht auf dem Ausweisfoto war rund und kindlich, die Augen gaben dem Leben noch Kredit, als müsse nicht zwangsläufig alles schiefgehen. Sie war sechzehn, wohnte in der Jisa-Bracha-Straße und hieß Rivka Schajnbach. In den drei Jahren, die seither vergangen waren, hatte Madonna Solschenizyn die Herrschaft über Rivka Schajnbach übernommen und sie ausgelöscht, und auch die Straße, deren Name Segen bringen sollte, brachte ihr nichts mehr. Sie war einen Kilometer von diesem Laden entfernt geboren worden und hatte sich erneut auf dem Roten Platz auf die Welt gebracht, und von allen Berufen, die jener Platz zu bieten hatte, hatte sie sich die kleine russische Hure ausgesucht.

An diesem Tag schloss Amjad den Laden und nahm den kleinen Vogel mit, ich die Daten, die ich aus ihrem Ausweis abgeschrieben hatte, und sie ihr zerknittertes Jackett. Wir standen vor dem Laden, Amjad drückte den atmenden Karton an die Brust und ging nach Hause, heute musste er sich nicht um den Alten kümmern, denn dieser hatte angekündigt, dass am 19. Elul niemand sein Haus betreten dürfe, auch Gott nicht. Ein letzter Lichtstrahl glitt weich über Madonna, als ob sie noch immer Rivka Schajnbach wäre, mit schwarzen Strümpfen, bis zum Hals zugeknöpft und mit Zöpfen. Nervös und zornig stand sie in dem schwachen Licht und überlegte ihre nächsten Schritte, und bevor sie sich auf den Weg zum Platz im Stadtzentrum machte, an dem sich die Ausgestoßenen sammelten, schärfte ich ihr noch einmal die vier neuen Gebote ein: Du sollst im Laden nicht rauchen. Du sollst im Laden keinen Alkohol trinken. Du sollst nicht betrunken zur Arbeit kommen. Du sollst nicht stehlen.

»Man könnte glauben, dein Laden ist eine Synagoge. Nun, und wenn ich etwas trinke, was machst du dann mit mir? Entlässt du mich? Egal, ich komme mit oder ohne Arbeit klar.« Sie schob eine Hand in ihre wilde Haartolle, die andere hob sie in die Luft, um anzuzeigen, dass sie, wenn es nötig wäre, die Weltkugel anheben und auf einem Finger balancieren könne.

»Hast du einen Platz, wo du zu Abend essen kannst?« Das sanfte Licht, das ihr Kinn rund und ihre Augen größer machte, erlaubte mir nicht, sie allein vor der Dunkelheit stehen zu lassen.

»Zu Abend essen? Klar doch, ich habe Vorspeise, Hauptgericht, Nachspeise  …«, sagte sie verächtlich und wandte sich zur Straße, und ich schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Von wo waren sie bloß alle über mich gekommen, der Alte, Madonna, Maja-Mirjam, der freigelassene Gefangene, der die Wohnung gemietet hatte, und, ja, auch jener Amos.

Menschen verließen Büros mit Aktentaschen und Umhängetaschen und gingen nach Hause, in Restaurants, zu ihren Geliebten. Ein Lebensweg, sauber und hygienisch, könnte man sagen, auch wir hatten uns einmal eingereiht, mit weißen Kragen und guten Schuhen. Jetzt trug ich flache Sneakers, und meine Haare waren geschoren, sammelten sich auf meinem Kopf wie verlorene Schafe, dürftig und starrköpfig. Geld geht zu Geld und Last zu Last. Na und, hätte ich jetzt zurückkehren wollen? Nein, auch wenn man das Fenster vergrößert und den Ausschnitt des Himmels verdoppelt hätte. Doch andererseits, was würde mit uns passieren, wenn Gideon weiterhin das Leben betrachten und der Laden weiterhin Schulden anhäufen und der Bankautomat schließlich den Mund zumachen würde. Mein Bruder Jonathan wird sagen, du hast ein Diplom und einen Beruf, der Geld einbringt, geh und verdiene was. Er wird es aus Sorge und aus Liebe und aus der Sicherheit heraus sagen, dass der Heilige, gelobt sei er, dem hilft, der sich selbst hilft. Er ist zum Beispiel sicher, dass Gott sieht, dass er und Tamar sich selbst zu helfen versuchen, indem sie sich um ihre Fruchtbarkeit kümmern, und früher oder später wird er ihnen helfen. Wie kommt es, dass ich so selten an sie denke? Alle zwei Tage? Einmal in der Woche? Wie kommt es, dass ein fernstehender Nachbar mir öfter in den Kopf kommt als ein nahestehender Bruder? Am Abend sagte ich zu Nadav, die hohen Feiertage, diese furchtbaren Tage, kommen näher, und wir werden zum Neujahrsfest zu Jonathan und Tamar fahren. Er fragte, ob die Tage wegen der Anschläge furchtbar seien und ob man an Neujahr Staub von den Schuhen wischen dürfe, und obwohl er sich freute, war er traurig. Er hatte keine Geschwister, und Jonathan und Tamar hatten keine Kinder, was sollte er dort zwei Tage lang anfangen.

Wir hatten ihm geschadet, wir hätten in unserem alten Leben bleiben sollen, wir hätten seine Kindheit nicht erschüttern dürfen, es hätte ihm gut getan, in dem Jugendbett zu schlafen, das wir für ihn gekauft hatten, als er drei war und ich schwanger, aber ohne Erfolg, es hätte ihm gut getan, vor dem Fenster zu schlafen, dessen Dunkelheit ihm vertraut war. Wenn wir jetzt dorthin zurückkehren wollten, würden wir es nicht können, dort wohnte ein anderer Mann mit den Augen eines Menschen, den man in den Arsch getreten hat, und sein Vertrag galt für ein Jahr, und ein Jahr – du lieber Gott, was konnte in einem Jahr alles passieren. Nadav fragte, wann sein Vater endlich mit dem Fischen aufhören und zurückkommen würde. Ich schlug ihm ein Lagerfeuer im Hof vor, wir könnten Kim einladen und Kartoffeln in der Glut garen. Er sagte, ein Lagerfeuer sei prima, und verzichtete auf seine Frage. Während ich noch darüber nachdachte, wie ich ihn aufbauen könnte, drückte woanders ein fremder Finger digitale Zeichen zu meinem Handy.

»Spreche ich mit Gideons Frau? Hier ist Nadja, hören Sie, er, wie soll ich es sagen, er ist nicht gesund, er hat viel geschlafen, wie sagt man das, er …«

»Was ist mit ihm?«

»Er liegt im Krankenhaus.«

»Was ist passiert, was für ein Krankenhaus, können Sie …«, fragte ich.

»Er war im Krankenhaus in Eilat, jetzt wird er mit einem Krankenwagen zu einer Klinik gefahren, die eine neurologische Abteilung hat, ich glaube, man bringt ihn nach Be’er Sheva.«

Das Handy, das plötzlich Nachrichten übermittelt hatte, hörte damit auf, das Gespräch wurde unterbrochen. War er bei Bewusstsein? Ohne Bewusstsein? Vielleicht eine Migräne auf Stufe sieben auf der Migräne-Richterskala, vielleicht eine schwere Grippe, Fieber, Hirnhautentzündung, kein Stress, heutzutage gibt es gute Antibiotika … Ich zog mich um, zweimal erwischte ich den falschen Knopf und fing neu an, der Junge stopfte seinen Pyjama in seinen kleinen Rucksack, die Zahnbürste, einen Kamm, ein kleines Handtuch. »Und du glaubst, dass man bei Kim zu Hause nachts das Licht anlässt? Hat Papas Krankenwagen die Sirene an? Wird Papa sterben?«

Maja-Mirjam sagte: »Klar, natürlich, lass ihn bei uns, mach dir keine Sorgen, Hauptsache, dein Mann wird wieder gesund, fahr vorsichtig.«

Der Junge stand mit seinem Rucksack in der weitläufigen Diele zwischen dem Wohnzimmer und der Küche von Maja-Mirjam. »Mama, glaubst du, dass … Mama, kommst du morgen früh wieder zurück?«

Kim tauchte hinter ihm auf. »Los, komm schon, spielen wir, dass ich ein Seeräuber bin …«

»Was soll ich sagen, hoffentlich geht alles gut«, sagte Maja-Mirjam an der Tür, sie stand da und starrte in die Dunkelheit, bis der Mazda anfuhr, und vielleicht stand sie auch danach noch dort.