5
Vier Tage vergingen, und meine Männer kamen wieder in ihre Grenzen.
Nadav sagte: »Wow, Mama, du siehst aus wie ein Mann.
Und sein Vater sagte: »Wie ein Marinesoldat. Sag, hast du eine Kopfwehtablette da?« Er drückte den Daumen gegen eine Schläfe und einen Finger gegen die andere. »Ich habe eine schreckliche Migräne.« Er schloss die Augen.
Wodka schob seine Zunge aus dem Maul und leckte meine Beine, vergeblich suchte er in mir seine ehemalige Besitzerin.
Schon bald stellte sich heraus, dass seine schreckliche Migräne eine Horrormigräne war. Er erbrach sich, legte sich hin, setzte sich gleich wieder auf und bekam Schüttelfrost. Ich stopfte ihm Kissen unter den Rücken, sodass er halb saß, halb lag, brachte ihm Wasser, machte ihm Kompressen, maß ihm Fieber und stützte ihn, wenn er zur Toilette musste, ich hielt seinen Arm und packte seine Hüften, und jede Stelle, die ich berührte, kam mir knochig vor.
»Papa, vielleicht stirbst du bald«, sagte Nadav, und ich warf einen Blick aus dem Fenster, um mich zu versichern, dass kein Rabe auf dem Haus saß und eine schlimme Nachricht in den Hof schrie.
Nachdem nichts, was wir taten, zu einer Besserung führte, ließen wir den Jungen und Wodka bei Schoschana, der Tochter des Alten, und fuhren zu einer Krankenambulanz.
»Vielleicht bist du dehydriert, du wirst eine Infusion bekommen und wieder zu dir kommen.«
»Vielleicht.« Auf dem Weg vom Parkplatz zur Aufnahmetheke stützte er sich erst auf mich, danach stützte er sich auf die Theke. Die Schwester fragte wenig und tippte viel, und bis der Drucker Papiere und Aufkleber ausspuckte, machte sie Witze mit dem Sanitäter, streckte die Arme aus, klopfte mit ihren Fingernägeln auf die Computertastatur. Gideons Kopf sank nach vorn, als würde er gleich von der Theke auf ihren Tisch fallen, über ihre Beine rollen und auf den Boden knallen.
»Los, lassen Sie ihn schon gehen, der Mann ist fertig«, flüsterte ihr der Sanitäter zu, er hatte einen Blick für Menschen, die am Ende waren, sein Alter bewies, dass er schon seit vielen Jahren Kranke vom Röntgensaal in Behandlungsräume schob, sie mit dem Aufzug hinunterbrachte und wieder hinauf zu ihren Stationen und dabei aufpasste, dass sie die Hände nicht aus den Gittern schoben oder nicht an die Wände stießen, und dass er ihre aus dem Bett gerutschten Glieder wieder zurücklegte.
»Gleich kommt ein Arzt«, sagte man zu uns und wies uns ein Bett mit einem grünen Paravent zu. Zwischen all den Geräuschen der anderen Kranken waren wir so eng zusammen, wie schon lange nicht mehr. Ich massierte seinen Nacken, und er schloss die Augen, abwechselnd genoss er den Kontakt und quälte sich, genau wie ich. Ich strich ihm mit meiner Verkäuferinnenhand über die Haare und streichelte seinen schmerzenden Schädel und biss mir auf die Lippe. Dieser Mann war meiner, falls es überhaupt so etwas gab, dass einer im Besitz des anderen war. Ich drückte meinen Mund auf seine Stirn und spürte salzige, klopfende Hitze. Ich betete zu Gott, er möge ihm nichts Böses antun, schließlich war jetzt Elul, der Monat der Buße und der Gnade und was alles dazugehörte. Ich schloss die Augen und unterdrückte meine Tränen. Gideon klammerte sich an meinen Arm, richtete sich auf, wollte sich übergeben, dann legte sich die Welle der Übelkeit, er ließ sich wieder zurücksinken und sagte: »Amiki.« Wegen dieses Amiki zerdrückte ich eine weitere Träne, die größer war als die zuvor. Lieber Gott, hoffentlich ist in seinem Kopf nichts Schlimmes gewachsen, das mit seinen wild gewordenen Zellen unsere Zukunft in Geiselhaft hält. Die Übelkeit ließ nach, auch die Schmerzen, er öffnete die Augen, und zum ersten Mal, seit er mit dem Jungen und dem Hund zurückgekommen war, schaute er mich ruhig an, hob die Hand, fuhr mir über den geschorenen Kopf und sang leise: »Er wusste ihren Namen nicht, aber ihr Zopf begleitete ihn auf dem ganzen Weg …« Durch die ganzen Ereignisse hatte ich vergessen, was für einen schönen Bariton er hatte. Wie wir in unserer Studentenzeit zusammen gesungen hatten, »Klein ist es, mein Zimmer, und eng«, und »Meine Stirn schmückt schwarzes Gold«. Seine Hand streichelte meine Stoppeln, bis er sie senkte, weil eine neue Welle von Übelkeit in ihm aufstieg.
»Und er wusste, eines Tages würden sie sich treffen …« Der Arzt schob den Paravent zur Seite und trällerte das Lied zu Ende, das wir begonnen hatten.
Er wandte sich an Gideon. »Und was ist mit Ihnen?«
»Schreckliche Kopfschmerzen.«
Der Arzt legte die Formulare zur Anamnese aufs Bett, betrachtete Gideon, bat ihn, die Schmerzen zu beschreiben, die Häufigkeit, die Stelle und die Dauer der Anfälle. Er erkundigte sich auch nach seiner Arbeit, und Gideons Gesicht verzerrte sich vor Schmerzen.
»Rechtsanwalt«, antwortete ich an seiner Stelle, und er riss sich zusammen und sagte: »Fischer.«
»Entscheiden Sie sich, Rechtsanwalt oder Fischer?« Der Arzt beugte sich zu Gideon und leuchtete ihm in die Pupillen.
Wir antworteten gleichzeitig. »Fischer.« »Rechtsanwalt.«
»Hören Sie, wenn Sie Fischer sind, haben Sie vielleicht eine Karpfionitis, und als Rechtsanwalt könnte es eine Juristotitis sein«, sagte der Arzt, er war der Einzige, der darüber lachte. Er kontrollierte die Reflexe an den Ellenbogen und an den Knien und befahl Gideon, die Augen zu schließen und mit dem Zeigefinger seine Nase zu berühren. Der gerade Rücken des Arztes und seine ruhige, selbstsichere Sprechweise machten den Eindruck, als führe er ein gutes Leben, als stammten seine Ruhe und sein Humor aus psychischer und vermutlich auch materieller Wohlhabenheit. Er war nicht mehr jung, aber gut erhalten, einer von jenen Männern, von denen man nicht sagen konnte, ob sie fünfundvierzig oder achtundfünfzig sind, aber was hatte er mit uns zu tun, er war er, und wir waren wir.
»Und Sie?«
»Was ist mit mir?«
»Was arbeiten Sie?«, fragte er, während er die Drüsen an Gideons Hals abtastete.
»Ich arbeite in einem Lebensmittelladen, und ich habe keine Laditis, Herr Doktor, mir tut nichts weh.«
»Sie ist Unternehmensberaterin«, sagte Gideon, als der Arzt seinen Hals losließ.
»Sagen Sie, kennen Sie einander überhaupt oder haben Sie sich hier getroffen?« Der Arzt lächelte, wurde wieder ernst und notierte etwas in den Anamnesebogen. Bevor er uns seine Vermutung und Anweisungen zum weiteren Vorgehen gab, fragte er: »Also, was ist das für eine Geschichte mit doppelten Berufen, Fischer oder Rechtsanwalt?«
»Rechtsanwalt, der sich eine Auszeit genommen hat und zum Fischen gegangen ist«, sagte ich, und Gideon schloss die Augen, er hatte das Interesse verloren.
»Warum eine Auszeit? Stress? Druck?«
»Leere«, brachte Gideon mühsam heraus und hielt sich mit gespreizten Fingern die Stirn.
Der Arzt warf ihm einen forschenden Blick zu, als hätte die Leere eine Bedeutung für die Diagnose. Wie zu viel Kalium oder Kreatinin. Er schaute ihn an, dann mich, als wäre ich die Überträgerin eines Virus, das ihn erwischt hatte. Und weil er mich anschaute, schaute auch ich mich an, sah mein ausgeblichenes T-Shirt, das ich normalerweise zu Hause trug, das ich aber nie draußen tragen würde, auch wenn wir mit Raketen beschossen werden, ich sah meine abgewetzten Jeans, mit denen ich sonst im Garten arbeitete, meine abgetragenen Flipflops, meine Fingernägel, die dringend geschnitten gehörten. Gideons graues T-Shirt machte keinen besseren Eindruck, seine Bermudas waren ebenfalls abgewetzt, und er trug Gummisandalen. Es war mir peinlich. Im Bett nebenan lag ein alter Mann, gelb und schwitzend, mit eingefallenen Wangen und tief in den Höhlen liegenden Augen. Eine Frau saß bei ihm, ihre ausgetrocknete, knochige Hand mit den alten Fingern ließ seine Schulter nicht los. Ihre Kleidung, die vermutlich vor meiner Geburt genäht worden war, machte ihnen offenbar nichts aus.
Sie hatten es also überlebt, diese lebenswichtige Last, die man Familie nennt, ein Paar, ein Ehepaar, sie waren schon jenseits der Lust und der Feindschaft, der Rache und der Begierde, am Ende ihrer Tage hielten sie sich an den Händen. Wenn dieser Arzt einen Blick auf ihre alten Hände werfen würde, würde er sehen, dass sie zitterten, und er würde den Parkinson erkennen, er würde sehen, dass die Fingernägel blau verfärbt waren, und wissen, dass sie zu wenig Sauerstoff im Blut hatten, doch wenn er sich Zeit nahm und sie länger betrachtete, würde er auch ihre Berührung wahrnehmen. Aber der Arzt war in Gideon vertieft. »Hören Sie«, sagte er, »vorläufig scheint es ein schwerer Migräneanfall zu sein. Ich werde Ihnen eine Spritze gegen die Schmerzen geben und Sie nach Hause gehen lassen. Wenn Sie in ein oder zwei Tagen einen erneuten Anfall bekommen, sollten Sie nochmals kommen, und dann werden wir einige Untersuchungen machen.« Wenn er sich weiterhin erbrechen müsse, sagte er, oder wenn er Sehstörungen oder Gleichgewichtsstörungen feststelle, solle er sofort kommen. Er wandte sich zum Gehen, hielt aber noch einen Moment inne und sagte, Kopfschmerzen seien zuweilen auch auf seelischen Druck und Anspannung zurückzuführen. Die Leere erwähnte er nicht mehr.
Eine Schwester mit einer Spritze in der Hand kam auf uns zu. Dabei rief sie einer anderen Schwester zu: »Das war peinlich, sage ich dir, superpeinlich.« Dann trat sie in unsere kleine Kabine. »Sind Sie das mit den Kopfschmerzen? Gideon?« Sie verglich den Namen auf dem Anmeldebogen mit dem auf dem Etikett, zog am Paravent und schloss ihn schwungvoll.
»Drehen Sie sich zur Seite, nicht so … ja, so, ich brauch ein Stück Po … Sie werden einen kleinen Einstich spüren …« Sie zog Gideons Bermudas herunter und entblößte ein Stück Gesäß, weiße, verletzliche Haut unterhalb der Bräunungslinie. Gideon bedeckte sein Gesicht und versuchte, sich von dem grausamen Geschehen zu distanzieren. Die Schwester desinfizierte die Haut. »Locker lassen, ja, schön …« Die Nadel stieß zu, die Haut zuckte und gab nach. Die Finger einer fremden Frau auf dem Po meines Mannes, zwei Goldringe mit einem Rubin drückten den Spritzeninhalt in seinen Hintern, und ein kleiner Blutstropfen folgte der Spritze und sah aus wie der Punkt unter einem Ausrufezeichen. Sie drückte einen Tupfer auf das Blut, mit einem kräftigen Druck, der in Gideons Fleisch eine Grube entstehen ließ, als wollte sie den Blutstropfen in ihn zurückdrücken, und der besiegte Hintern meines Mannes wehrte sich nicht und zog seine Muskeln nicht zusammen. Sie entfernte den Tupfer, ein neuer Blutstropfen erschien, sie drückte wieder, hob das Gesicht und schaute uns zum ersten Mal an.
»Ist ihm das zum ersten Mal passiert?«, fragte sie mich.
»Ja«, antwortete ich, als koalierte ich mit der Drückerin gegen den Gedrückten, dann strich ich ihm sofort über die Wange, um klarzustellen, auf wessen Seite ich stand, und meine Hand wurde feucht von Schweiß oder von Tränen.
»Also wirklich, das war nur eine Spritze.« Die Schwester nahm den Tupfer weg. »Das war’s.« Sie griff nach dem Gummiband der Bermudas und zog sie hoch, die Unterhose blieb, wo sie war. Gideon schob eine Hand unter den Rand und zog die Unterhose hoch und legte sich auf den Rücken. Er schwitzte, seine Augen glänzten, er legte die Hände unter den Nacken und sagte: »Schauen Sie, Blut, Tränen und Schweiß.«
»So groß sind Ihre Schmerzen?«, sagte die Schwester. »Männer halten nichts aus. Wenn sie Kinder gebären müssten, wäre das das Ende der Welt, es würde keine Kinder mehr geben. Hören Sie, Sie bleiben noch ein paar Minuten hier liegen, dann können Sie nach Hause gehen.« Sie schob den Paravent zur Seite und entblößte uns vor aller Augen, ich fragte, was die Spritze bewirke, aber sie ging schon ihrer Wege.
Bis sich das Mittel im Körper verteilte und den Schmerz betäubte, hielten wir uns an den Händen wie unsere betagten Nachbarn, Gideon umklammerte meine Hand, als wäre sie ein Geländer, und ich stand ihm mit jeder Faser meines Körpers zur Verfügung und fühlte mich schuldig. Mein Mann litt, Gott weiß, woran, vielleicht litt er schon seit Monaten, und ich? Ich lebte, ich führte einfach das normalste Leben, das man sich vorstellen kann, ganz so wie ein Wachmann, der eine Tasche nach der anderen kontrolliert, und das Leben geht an ihm vorbei, die Leute gehen ein und aus, und nichts passiert, alles ist ruhige Routine, bis eines Tages ein giftiger Skorpion aus einer der Taschen springt und in seine Hand sticht. Ich hatte gut daran getan, die Bank zu verlassen, wenn ich jetzt noch dort wäre, hätte ich den Stich nicht gespürt, ich wäre höher und höher gestiegen und dabei wäre unter mir alles zerbröckelt. Während mein Gewissen rückwirkend überlegte, wo ich mich geirrt und was ich nicht gesehen hatte, glätteten sich die Falten des Schmerzes in Gideons Gesicht und die Vertiefung zwischen seinen Augenbrauen wurde flach. Er ließ meine Hand los, richtete sich auf und stützte sich auf die Ellenbogen. »Gehen wir?«
Ich musste ihm nicht mehr helfen, im Gegenteil, er hielt meinen Arm und führte mich, als sei ich diejenige, die sich erholen müsse.
»Einen Moment«, sagte ich, ging zu den grünen Paravents zurück und wünschte den beiden Alten gute Genesung. Die Frau sagte: »Auch euch, vielen Dank, auch euch«, hob eine Hand mit krummen Fingern zum Himmel, um uns zu zeigen, dass alles von Ihm abhing und diese ganze Ambulanz nichts wert wäre ohne Seine Hilfe.
Gideon legte den Arm um meine Schulter, wir verließen das Krankenhaus und sahen aus wie ein verliebtes Paar, das aus dem Kino kommt. Unsere Sandalen klapperten über den gepflasterten Platz, auf dem die Krankenwagen ihre leidende Last abluden, und unser gemeinsamer Schatten ließ eine Figur mit doppeltem Kopf und vier Beinen vor uns hertanzen. Aber wir kamen nicht aus dem Kino, wir kamen von einem Kopfproblem, wir waren vorsichtig und stützten einander auf einer glatten, zerbrechlichen Bahn.
Bevor wir Nadav von Schoschana abholten, blieben wir einen Moment vor ihrer gepflegten Villa stehen, sie hatte vom bevorzugten Baurecht für im Ort geborene Kinder profitiert, einen Bauplatz bekommen und darauf gebaut, von anderen Erben des Alten hatten wir nichts gehört und nahmen an, es gebe keine. Die Villa stach hervor durch ihr strahlendes Weiß, durch drei Stockwerke und durch die spitzen, roten Dächer, und trotzdem war sie nicht geschmacklos, die hübsche Bepflanzung um das Haus herum relativierte seine auffallende Größe. Es gab Beete mit Kapuzinerkresse, Stiefmütterchen, Schilf und Kakteen. Weder angeberische purpurne Rosen noch Tonlöwen oder Porzellanschwäne. Wir stiegen die Stufen hinauf und klopften an die Tür, und Nadav empfing uns mit einer Neuigkeit: »Sie ziehen um, sie ziehen nach Herzlija, ans Meer!«
Wodka und Schoschanas Kinder ließen alles stehen und liegen und kamen ebenfalls zu uns gerannt, und vier Augenpaare hefteten sich auf uns, um zu sehen, welchen Eindruck die Nachricht auf uns machte. Wodka wedelte mit dem Schwanz, das Mädchen bohrte energisch in der Nase, ihr Bruder blies die Wangen auf und stieß die Luft aus, und Nadav war aufgeregt und hüpfte von einem Fuß auf den anderen, ballte die Hände und boxte in die Luft.
»Was soll man machen, ihr wisst ja, wie es mit Hightech ist, Etans Firma hat ihm einen besseren Posten versprochen, in der Filiale in Herzlija …« Schoschana trocknete sich die Hände an einem Küchenhandtuch und lächelte entschuldigend, als wäre ein Ortswechsel wegen einer Beförderung bei uns nicht üblich.
»Es ist nicht so, dass wir eine Villa am Strand bekommen … Im Gegenteil, hier haben wir eine Villa, dort werden wir in eine normale Wohnung ziehen.« Sie zog zwei Stühle unter dem großen Esstisch hervor. »In drei Wochen, nach den großen Ferien, aber setzt euch, warum steht ihr herum, oh, ich bin schrecklich, ich habe noch nicht mal gefragt, was die im Krankenhaus gesagt haben …«
Ich konnte mich nicht beherrschen. »Wie hat dein Vater diese Nachricht aufgenommen?« Wen würde der Alte beschimpfen und was konnte er essen, ohne die Töpfe mit dampfender Suppe, die ihm von Schoschanas kräftigen Händen gebracht wurden?
»Mein Vater? Das ist nicht einfach. Tatsächlich wollte ich mit dir sprechen, aber nicht jetzt.« Sie schielte zu den Kindern, die sich um uns versammelt hatten und uns mit den Augen verschlangen.
Nadav und der Hund hüpften vor uns her, Nadav sang: »Herzlija, Herzlija«, und nieste vom Staub fremden Glücks, er drehte sich zu uns um und warf uns einen schnellen Blick zu, dann hüpfte er weiter, der Hund schnüffelte am Beet mit der Kapuzinerkresse, zertrat die Stiefmütterchen, tobte herum und blieb vor dem Schilf stehen, hob ein Hinterbein und leerte seine Blase. Der Junge betrachtete die Szene, wartete, und dann hüpften beide weiter. Nach ein paar Sprüngen blieb er stehen und fragte: »Papa, du stirbst also noch nicht so bald?« Der Hund sah, dass der Junge ihm nicht folgte, stoppte und kehrte zurück, befreit und fröhlich, wie es nur Hunde sein können.
Nachdem ihm klar wurde, dass der Tod seines Vaters noch nicht aktuell war und der Himmel zwischen uns und Herzlija wolkenlos, sagte er »kleine russische Hure« und wiederholte immer wieder das Mantra der Freude.
Wir saßen im Auto, ein Vater, eine Mutter, ein Sohn und ein Hund. Eine glückliche Familie, so wie alle glücklichen Familien. Stimmt nicht, Tolstoi hat sich geirrt. Die armseligen Familien gleichen einander, denn sie sind zahlreich wie Sand am Meeresstrand, wie originell kann Armseligkeit schon sein? Ich saß am Lenkrad, der Junge und der Hund saßen hinten, Gideon neben mir, und seine Hand lag auf meinem Oberschenkel, nicht aus Schwäche und nicht gedankenlos, sondern aus Liebe. Ich nahm eine Hand vom Lenkrad und verschränkte meine Finger mit seinen. Schoschanas Villa war weniger als einen Kilometer von unserem Haus entfernt, weniger als drei Minuten, aber jede Minute hatte sechzig Sekunden, und jede einzelne war glücklich. Gideon würde nicht sterben, es war nur eine Migräne, mehr nicht, Nadav blickte bis zum Mittelmeer, der Hund war begeistert, die Hand meines Mannes lag offen auf meinem Schenkel und bereitete mir eine Gänsehaut unter der Jeans.
In der Nacht waren wir zwei Menschen, die gerade das Amerika der Lust entdeckten, er knabberte an meinem Ohrläppchen und flüsterte mir Worte zu, die aus dem Blut kamen und nicht aus dem Kopf, und ich sagte mir, er sei nicht fähig, mehr als eine Frau zu lieben, denn was er mir in dieser Nacht gab, war alles, was er zu geben hatte. Ich kümmerte mich nicht um die Torheit, die in diesem Satz lag, und fragte nicht, wer Nadja war.
Der Morgen kam, und er packte seinen Rucksack mit einer Konzentration, als stopfe er seine Seele mit hinein. Angespannt saugte er die Wangen zwischen die Zähne und zog sich in sich selbst zurück.
»Was macht der Kopf?«, fragte ich.
»Was für ein Kopf?«
»Der, der dir wehgetan hat.«
»Worüber sprichst du? Mir hat nichts wehgetan.« Er schwor, er wisse es tatsächlich nicht.
»Was heißt das, worüber ich spreche? Hast du vergessen, dass wir in der Notaufnahme waren und du eine Spritze in den Hintern bekommen hast?«
Er erstarrte einen Moment, als suche er in seinem Gedächtnis und schiebe die Erinnerung zur Seite, sein Gesicht verdüsterte sich, und er kümmerte sich wieder ums Einpacken.
Er verstaute sehr wenig in seinem Rucksack, als plante er, in zwei Tagen wieder zurückzukommen.
»Nimm noch ein paar Unterhosen mit, und ein Handtuch reicht nicht«, riet ich ihm.
»Nicht nötig.« Er holte alles, was er eingepackt hatte, heraus und fing erneut an.
»Was ist mit deinem Kopf?«, fragte ich noch einmal.
»Wie neu.« Er klopfte sich dreimal mit einem gekrümmten Finger an den Kopf und war ernst und düster.
Der Junge umklammerte seine Beine. »Uff, schade, dass du weggehst.« Wodka leckte seinen großen Fußnagel, als sammelte er Gerüche. Gideon war verwirrt und wollte die Abschiedszeremonie abkürzen, er bückte sich, küsste den Jungen mitten auf den Kopf, richtete sich wieder auf und wandte sich an mich: »Ich habe es dir nicht gesagt, aber deine Frisur ist toll.« Er schaute mich an. »Wirklich«, sagte er und streichelte mir über den Kopf, ließ die Hand zum Nacken sinken und dort liegen. Seine Schultern passten wieder zu einem Talar, auch sein Hals hatte sich gestreckt, es war der ideale Moment, um ihm zu sagen: Hör zu, Gideon, schaffst du es, dort etwas zu sparen? Unsere Situation auf der Bank ist nicht so großartig, seit sie den schrecklichen Billigmarkt auf der anderen Straßenseite aufgemacht haben, macht der Laden nur Verlust … Aber die waagrechte Falte in seiner Stirn hielt mich davon ab.
»Gut, also bye.« Er nahm die Hand von meinem Nacken, gab dem Jungen einen flüchtigen Kuss und ging.
Die Sonne knallte auf den Rollladen des Alten, Lichtstrahlen schlugen zurück und blendeten uns, wir konnten nicht wissen, ob er uns durch die Ritzen beobachtete und was er von dem Tag der Migräne und des schlechten Gewissens mitbekommen hatte. Mitten am Vormittag kam Schoschana aus der Stadt, überquerte den Hinterhof und klopfte an unsere Küchentür.
»Ich hoffe, dass er mich nicht gesehen hat«, sagte sie schwer atmend und trat zur Seite. »Hör zu, dieser Mann …« Sie bewegte den Kopf von links nach rechts.
Ich brachte ihr kaltes Wasser, bot ihr Kaffee an, und sie saß am Tisch und sagte: »Hier haben wir einmal gewohnt. Ich habe dieses kleine Haus sehr geliebt. Gut, damals …« Sie gab mir zu verstehen, dass das »Damals« ein Sack voll Leben war, den sie auf dem Stauboden abgelegt und seit Jahren nicht mehr berührt hatte. Sie lehnte sich zurück und tat, als wäre unsere Küche ein alter gemütlicher Schuh, von dem man jede Ausbeulung und jedes Loch in der Sohle kennt.
»Ist dein Mann wieder gesund geworden?« Sie schaute sich um, um sicherzugehen, dass außer uns niemand im Haus war. »Er ist weggefahren? Bestimmt fällt dir das nicht leicht, aber da kann man nichts machen, heutzutage fällt es jedem schwer, den Lebensunterhalt zu verdienen, glaub mir, ich wäre nie von hier weggegangen. Deshalb bin ich auch zu dir gekommen.« Sie zerknitterte einen alten Autobusfahrschein, den sie aus der Tasche genommen hatte, schaute, was ihre Finger taten, und suchte nach Worten. »Du hast bestimmt schon gemerkt, dass mein Vater kein einfacher Mann ist. Das war er noch nie, aber seit … Gut, das spielt keine Rolle, um die Wahrheit zu sagen, nur ich komme mit ihm zurecht, doch wenn ich weggehe, ist niemand mehr da, der für ihn kocht, wer wird ihm seine Medikamente bringen, ihn besuchen, einkaufen … Er wird jeden wegjagen, den ich ihm anbringe, niemand wird seine Verrücktheiten aushalten, also, was ich dich fragen wollte, das heißt, mir ist aufgefallen, dass du die Einzige hier bist, die noch nicht mit ihm gestritten hat, na ja, sagen wir mal, die Einzige, die er hier nicht hasst, also kannst du vielleicht, natürlich gegen Bezahlung, ein Auge auf ihn haben, und wenn du dich auf Kochen und Saubermachen einlässt, dann rede ich von wirklich gutem Geld, und wenn nicht, dann ginge es nur um Aufsicht, das heißt, ich stelle jemanden an, der die Arbeit im Haus macht, und du vermittelst nur zwischen beiden und passt auf, dass die Sache läuft, und das natürlich auch gegen Bezahlung, als ob … wie eine Sozialarbeiterin oder so etwas, damit ich weiß, dass jemand aufpasst, dass er etwas isst und sich wäscht und seine Medikamente nimmt, er nimmt etwas gegen Depressionen, ich darf gar nicht daran denken, was passiert, wenn er die Tabletten nicht nimmt …« Während sie sprach, starrte sie die ganze Zeit die Karte an, die sie immer dünner drehte, bis sie eine Art Faden daraus gemacht hatte, mich schaute sie kein einziges Mal an, als ob mit der Busfahrkarte alles stehen oder fallen würde.
Bei allem Mitleid, das ich für sie und ihren schrecklichen Vater empfand, wäre es mir nicht eingefallen, meinen geschorenen Kopf in das Bett des Kranken zu stecken. Schoschana war eine gute Frau, ihr Gewissen fesselte sie an diesen Mann. Sie war etwas über vierzig, üppig, aber nicht dick, sympathisch, aber nicht schön, nicht elegant, aber gepflegt, und vor allem einfach, im positiven Sinn des Wortes, wie Schwarzbrot, nicht raffiniert, gut für jeden Gaumen, nicht anmaßend wie Biobrot mit Rosinen oder andere modische Brotarten.
»Wenn ich nicht da bin und er weiß, dass er keine Wahl hat, wird er sich anders verhalten. Übrigens, er hat nicht versucht, mich zurückzuhalten, geht, hat er gesagt, ihr sollt es zu etwas bringen. Er ist kein böser Mann, aber er hat seine Eigenheiten, er hat viel mitgemacht im Leben.«
Kein böser Mann? Vermutlich hatte sie nie gehört, auf welche Art der Horowitz-Schmock seine Seele dem Schöpfer zurückgegeben hatte.
Sie goss sich noch etwas Wasser ein. Man sah ihr an, dass dieses Treffen sie viel Kraft kostete, sie schwitzte und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Ein Teil ihres Glücks hing von der Antwort ab, die ich ihr geben würde, aber das Glück meiner Familie, meines Mannes, meines Sohnes und des Hundes, ging vor. Der Alte würde meine ganze Kraft und meine Geduld aufsaugen, mir würde nichts für die anderen bleiben. Andererseits war da die Nachricht, die ich von der Bank bezüglich des Dispokredits bekommen hatte, und Schoschana hatte von gutem Geld gesprochen, da sollte ich vielleicht nicht voreilig reagieren. Nein, ich war nicht voreilig. Bevor ich einen alten, mürrischen, senilen Mann bediente, konnte ich immer noch in meinen Beruf zurückkehren, außerdem hatte ich eine Wohnung, die ich vermieten konnte, und einen Mann, der mit Gottes Hilfe wieder gesund wurde und seinen juristischen Ruf wiederbeleben konnte, und wenn trotzdem alles schiefging, konnten wir noch immer den Laden verkaufen …
Sie wartete geduldig. »Wenn du darüber nachdenken möchtest, mir ist es recht, es gibt leider nicht so viele Anwärter auf diesen Job.«
Ihre Ehrlichkeit rührte mich, auch ihre Finger, die nicht aufhörten, die gequälte Fahrkarte zu rollen, rührten mich. Ich wollte keine falschen Hoffnungen in ihr wecken und sie auch nicht mit leeren Händen gehen lassen.
»Gib mir zwei, drei Tage zum Nachdenken, vielleicht fällt mir eine passende Person ein.«
Sie bedankte sich, lächelte ein bisschen enttäuscht und stand auf. Das armselige Haus, das wir von ihrem Vater gemietet hatten, meine verblichenen Jeans und der Ehemann, der offenbar wegen einer Arbeit durch die Gegend zog, hatten sie auf den Gedanken gebracht, ich sei nicht wählerisch und scharf auf eine zusätzliche Einnahme. Nun wandte sie das Gesicht dem Fenster ihres Vaters zu und überlegte, wie sie ungesehen zurückgehen könnte.
»Darf ich dich etwas fragen?«, wagte ich zu fragen, als sie die Klinke schon in der Hand hielt.
Sie ließ die Klinke los. »Bitte«, sagte sie gespannt.
»Warum interessiert sich dein Vater für Schuhe Größe achtundzwanzig?«
»Nicht jetzt, bitte lass mich. Ich habe ja gesagt, dass er viel mitgemacht hat im Leben.«
»Hat es etwas mit der Schoah zu tun?«
»Nein, nein, er ist hier geboren.« Sie machte die Küchentür auf und sagte: »Nicht alles Unglück kommt von der Schoah. Auch hier gibt es ausgezeichnetes Leid. Gut, er soll nicht wissen, dass ich hier war.« Sie ging mit schnellen Schritten davon, verschwand im Wald und machte einen Umweg um sein Haus.
Nadav sagte: »Ich will nicht, dass du dich um ihn kümmerst. Ich habe Angst vor ihm.«
»Er ist alt und krank, er hat niemandem etwas getan.«
Er nahm es mir nicht ab, sagte, wenn er krank sei, solle er ins Krankenhaus gehen und nicht an seinem Fenster herumstehen und ihm Angst machen.
Trotzdem war er einverstanden, mit mir hinauszugehen, sich vor dem Fenster aufzustellen und dem Alten direkt in die Augen zu schauen und so die Angst zu besiegen. Er rief den Hund, und wir gingen zu dritt hinaus. Nadav stand aufrecht neben mir, in einer Haltung wie zum Singen der Nationalhymne, die geballten Hände neben den Oberschenkeln, und hob die Augen zum Fenster, nicht ohne sich versichert zu haben, dass auch ich der Angst ins Auge schaute.
Der Alte vergrößerte die Spalten des Rollladens, dann öffnete er ihn und beugte sich hinaus, und hätte das Sonnenlicht seine Augen nicht geschlagen, wären sie ihm wohl aus den Höhlen gesprungen und auf den Rasen gefallen. Er fragte, was wir hätten und was wir wollten.
»Mein Junge hat Angst vor Ihnen, Herr Levi. Ich beweise ihm, dass Sie nicht gefährlich sind.« Nadav drückte das Gesicht halb an mich und hielt ein Auge auf den Alten gerichtet.
Die Sonne verzerrte das Gesicht des Alten, und wir wären nicht darauf gekommen, dass er weinte, bis wir sein Schluchzen hörten. Sein Kinn zitterte, und wir sahen, dass Tränen seine eingefallenen Wangen nässten.
»Wer hat Ihnen gesagt, dass ich nicht gefährlich bin? Was wissen Sie überhaupt? Fragen Sie die Polizei, da wird man es Ihnen schon erzählen, Sie können auch Gott fragen, auch er weiß so einiges.« Er zitterte und stützte sich auf das Fensterbrett.
»Komm«, sagte ich zu dem Jungen, und er nahm meine Hand und folgte mir, als wäre er einer Katastrophe entronnen. Wir betraten unser Haus und kamen mit einer Flasche kalten Wassers wieder heraus, aber der Alte beugte sich nicht vor und streckte nicht die Hand aus, um sie zu nehmen. Er stand starr im Fensterrahmen, schwer atmend und vor Schweiß glänzend, und ignorierte uns.
Nadav schätzte die Entfernung zwischen mir und dem Fenster und sagte: »Wenn du dich auf die Zehenspitzen stellst, kommst du vielleicht dran.«
Ich sagte, man könne niemanden zwingen zu trinken, und bedauerte den Unterricht zu den Gesetzen der Angst, den ich ihm hatte erteilen wollen. Er sagte, er habe noch nie einen Erwachsenen weinen gesehen, und fragte, was er eigentlich über die Polizei und Gott gesagt habe. Die neuen Eindrücke drängten aus ihm heraus. Er schaute Wodka an, doch der Hund schenkte ihm kein Ohr, er hatte sich im Schatten der Palme zusammengerollt, vertrieb ab und zu eine Fliege und döste. Die mediterrane Sonne war den Genen eines Deutschen Schäferhunds fremd, in dessen DNA die Kälte der Berge und der Schnee anderer Orte konserviert waren.
Nadav versuchte, ihn aufzuscheuchen, aber der Hund reagierte nicht. Der Alte ließ sich durch seine Tränen, die inzwischen getrocknet waren, nicht beirren und befasste sich mit den nackten Füßen des Jungen. »Weißt du nicht, dass am Ende des Sommers die Schlangen herauskommen?«
»Ich laufe gern barfuß«, antwortete Nadav und fummelte am Halsband des Hundes.
»Was hast du gesagt? Schau mich an, wenn du mit mir sprichst.«
»Dass ich gern barfuß laufe. Los, Wodka, auf.« Er sprang um den Hund herum, und Wodka streckte die Beine, gähnte und stand langsam und schwerfällig auf, als würde er sagen, schon gut, du Drängler.
»Geh und zieh Schuhe an, sonst kriegst du einen Platten.« Die Stimme des Alten verfolgte den Jungen und den Hund, sie liefen davon und verschwanden aus seinem Blickfeld, und obwohl der Junge in der Nacht von Schlangen träumte und sich erschrak, war dieser Tag eine Wegmarke in seiner Beziehung mit dem Alten.
Die Sonne war aggressiv, kämpfte darum, die Gesetze des Globus und uns zu besiegen, doch die Anzeichen des Saisonendes waren an allem zu erkennen, die Blätter der Rose wurden gelb, die Dornen vertrockneten aufrecht, Gurken gärten auf den Fensterbrettern als Rahmen für »Bereite selbst das eingelegte Gemüse für den Winter«. Die Zurechtweisungen aus unserem Briefkasten hörten nicht auf, doch die zunehmende Feuchte der Nacht weichte das Papier auf und das, was darauf geschrieben stand. In den Höfen der Villen mit Kaminen stapelten sich, um sie zu erwärmen, Holzscheite wie in Europa, und wie in Europa würde der Rauch des verbrennenden Holzes aufsteigen und uns einen exquisiten pastoralen Eindruck verleihen. Doch noch war August, und wir waren im Mittleren Osten, sowohl die Villenbesitzer als auch wir, die Bewohner der einstöckigen alten Häuser, wischten den Schweiß von der Stirn.
Schoschana und Etan packten ihre Sachen und Nadav betrachtete mit großen Augen die Kisten, die sich aufhäuften. Am Tag ihrer Abreise würden wir an die Türen seiner Altersgenossen klopfen und zugeben, dass wir Freunde suchten. Schoschana hatte uns drei Kinder empfohlen, sie hatte die Namen und die Telefonnummern aufgeschrieben und vorgeschlagen, zu vermitteln, aber wir wollten sie nicht behelligen, ihr Kopf war voller Pläne für den neuen Lebensabschnitt und damit, sich vom alten zu lösen. Und das, wovon sie sich zu lösen hatte, führte sie von ihrem Haus zu dem des Alten, sie brachte gewaschene Wäsche, sie fror gekochte Hühnerteile ein, sie schleppte saubere Bettwäsche an, haltbare Lebensmittel, Öl, Reis, Zucker, und ihr Vater stand in seinem Fenster und sah sie kommen und gehen, schwieg und rührte keinen Finger, um sie abzuwehren oder um ihr zu helfen. Was würden ihm gefrorene Schnitzel nützen, wenn niemand da war, der den Kühlschrank aufmachte und sie herausnahm, was würde ihm eine Flasche Öl nützen, wenn niemand den Korken herauszog. Sie nahm an, dass die Rettung früher oder später kommen würde, und inzwischen würde sie zweimal in der Woche von Herzlija herkommen, sauber machen, waschen, kochen, ihm die Medikamente in der Plastikbox herrichten, auf der die Wochentage angegeben waren, und sie würde ihm gut zureden, mit ihn schimpfen, schweigen, je nachdem.
»Könnte ich dich darum bitten, mich anzurufen, wenn du etwas Außerordentliches bemerkst?«
Sie notierte mir ihre neue Telefonnummer in Herzlija. Was sollte man bei diesem Mann etwas Außerordentliches nennen? Wenn er sich einen Strick um den Hals legte? Wenn er vom Fenster aus auf den Rasen herunterhing? Wenn er am Fenster stand und Kikeriki rief?
Wenn man schon von Außerordentlichem sprach, auch mir fehlte es nicht daran, und das Dringendste war das Bankkonto, das den Direktor dazu brachte, zum Telefon zu greifen und uns mitzuteilen, dass sich das Minus wirklich nicht lohne, und wenn wir ein Darlehen bräuchten, käme uns die Bank entgegen, aber so, wie es jetzt sei, könne es zu seinem Bedauern nicht weitergehen. Er hatte recht. Seit der Billigmarkt gegenüber aufgemacht hatte, verkaufte der Laden nur noch Brot, Milch und Kaugummis, und ich war noch immer gefangen in dem heroischen Image, das ich mir aufgebaut hatte, als müsse die Welt mir alles bieten, als müsse die Welt mich loben, weil ich ein Diplom in BWL hatte und mich mit Brötchen und Margarine beschäftigte, Kisten hin und her schob, Käse aufschnitt und Oliven für alte Leute abwog, die Rheumatismus und abgewetzte Knorpel daran hinderten, die Straße zu dem großen Billigmarkt gegenüber zu überqueren. Es war nötig, meinen Bruder Jonathan, seine Frau Tamar und meinen Mann einzubeziehen, um zu entscheiden, ob wir den Laden als Denkmal für die erfolgreiche Existenz Channas und Jizchaks, zweier Überlebender der Schoah, erhalten sollten, ein Denkmal für ihrer Hände Arbeit, die ihnen Ehre machte, und für ihren bescheidenen Gaumen, der sich mit zwei Käsesorten zufriedengab, mit magerem und neunprozentigem israelischen Käse, und für den Ruhm des Staates Israel, und ob man den Friedensprozess weiterhin fördern und Amjad beschäftigen oder ihn entlassen sollte, oder ob man den Laden schließen, verpachten oder verkaufen und sich das, was nach dem Bezahlen der Schulden übrig blieb, teilen sollte.
Und wo war Gideon in dem allen? Der Mensch hatte eine normale Existenz, einen Beruf, eine Frau, einen Sohn, eine Wohnung, und eines Morgens wollte er ein anderes Leben. Als wäre das Leben, das man sich jahrelang aufgebaut hat, ein Mantel, den man nach Belieben an- und ausziehen konnte. Gestern hatte er angerufen und erzählt, er habe sich von einem zweiten Migräneanfall erholt, der wie der erste gewesen sei. Diese Nadja habe ein Taxi bestellt und ihn zur Sanitätsstation gebracht, dort habe man ihn untersucht und ihm etwas gegen die Schmerzen gespritzt.
»Wer ist diese Nadja?«
»Eine Frau, die Zimmer vermietet.«
»Ist sie schön?«
»Das ist eine Frage des Geschmacks.«
»Single?«
»Das weiß ich nicht.«
»Hat sie noch andere Mieter?«
»Ja, ein junges Mädchen mit Katze, beide rothaarig.«
Er hörte sich müde und kraftlos an, offenbar war er der Letzte, den man beschuldigen konnte, er würde seine Nächte damit verbringen, mit einer gewissen Nadja auszugehen.
»Gideon, du musst dich gründlich untersuchen lassen.«
»Lass uns einen weiteren Anfall oder zwei abwarten, es ist nicht so eilig.«
Noch ein Anfall oder zwei, so eilig ist es nicht, oder? Wir haben das ganze Leben vor uns. Was macht er jetzt dort, betrachtet das Meer? Mit einem Buch, das auf seinen Knien liegt? Fegt er das Zimmer, das er von Nadja gemietet hat? Kocht er sich eine Suppe? Notiert Erkenntnisse zur Bedeutung des Lebens? Ich fragte ihn nicht, und ich beteiligte ihn auch diesmal nicht am Minus bei der Bank. Das Heulen einer Katze drang aus dem Hörer, bestimmt die Rote von der Rothaarigen. Auch Katzen bekommen Migräne, auch bei ihnen gibt es welche, die ihr altes Katzenleben ausziehen und ein neues beginnen wollen, die zur Bank gehen, nach Herzlija ziehen oder ein Rabe sein wollen, alles ist möglich.
»Hör zu, Gideon, noch ein Anfall, und du lässt dich untersuchen.« Plötzlich war ich wütend.
»Was drängelst du denn, alles wird gut.«
Ich hätte schwören können, dass er lächelte, dieses halbe Lächeln, das bei Gericht seine Gegner immer verunsichert hatte.
»Gideon, du bist nicht allein auf der Welt, du trägst die Verantwortung für eine Familie, du hast gesagt, du gehst weg, um über das Leben und das alles nachzudenken, ich habe gesagt, in Ordnung, geh, wir kommen zurecht. Ich habe nicht gewusst, dass es bedeutet, dass du dich selbst vernachlässigst … Uff, ich habe keine Kraft, dir zu erklären, wie unmoralisch du dich uns gegenüber verhältst, wenn du dich nicht untersuchen lässt.«
Er sagte, ich bräuchte ihm nichts zu erklären, und seine Stimme war trocken und brüchig wie eine Eierschale. Dieser Mann entglitt mir, entglitt uns. Vielleicht verbarg sich hinter dem seelischen Leiden, dessentwegen er uns verlassen hatte, irgendeine schreckliche Krankheit. Das ganze großartige Gehirn ist ein biochemisches Geflecht, vielleicht fehlten ihm einige Moleküle von irgendetwas, vielleicht hatte er welche zu viel, und wir beschäftigten uns stattdessen mit dieser idiotischen Bedeutung des Lebens. Draußen bellten Hunde. Wodka hatte schon den Sinn seines Lebens im Dorf gefunden, er bellte den Sinn heraus, den er gefunden hatte, er rannte herum und suchte Weibchen. Er lebte. Ganz einfach, er lebte. Der Junge rannte wie der Hund, aber der Schatten erstreckte sich schon hinter ihm, und seine Ohren lernten zu hören, wie dünne Eierschalen brachen. Nachts lauschte er den Holzwürmern, die in den Fensterstürzen Gänge bohrten, den Nachtfaltern, die um unsere Lampen tanzten, und den beiden ständigen Fliegen, und freute sich über das Leben, das sich um uns herum abspielte. Wir waren nicht allein. Und zu allem Erfreulichen, das um ihn herum geschah, gehörte auch das Auftauchen der kleinen russischen Hure.
Zum Beispiel als sie in einem himmelblauen, extrem kurzen Kleidchen bei uns auftauchte, aus einem Minimum an Stoff, mit dünnen Baumwollträgern über den nackten Schultern. Wie ein Stängel, und auf dem Kopf ein Haarschopf wie eine Paradiesvogelblume. Die Riemen einer winzigen Handtasche wanden sich um ihr Handgelenk, ihre Füße steckten in goldfarbenen Sandalen. Ohne Ankündigung trat sie durch unser Tor, als betrete sie ihr eigenes Haus. Der Junge hob den Kopf von dem Loch, das er grub, und sperrte den Mund auf.
»Hi, Nadav, wie geht’s?« Sie blieb über ihm stehen und der Wind blies ihm ihr Minimalkleid über den Kopf. Er hob den Kopf und seine Augen hatten die Wahl zwischen ihrer geblümten Unterhose und den durchsichtigen Federwolken, die am Himmel entlangsegelten. Sie legte einen Finger auf den Mund und lachte. »Was ist mit dir, bist du geschockt?« Der schwarze Lack auf ihren Fingernägeln glänzte. »Weißt du nicht mehr, wer ich bin?«
Nadavs Mund schloss sich, um zu schlucken, dann ging er voller Staunen wieder auf. Über ihm richteten sich lange weiße Beine auf und leuchteten in der Sonne. Auch der Alte, der durch die Ritzen schaute, konnte zwischen der Haartolle, den nackten Schultern und, dem Wind sei Dank, ihrer geblümten Unterhose wählen.
»Erinnerst du dich an die Parole?«, flüsterte sie dem Jungen zu, und ihr Kleid klaffte vorn auf, hob sich hinten in die Höhe und entblößte den Körper eines Mädchens, eine attraktive, freche, unreife Frucht, die vermutlich schon von groben Händen berührt worden war.
»Kleine russische Hure«, platzte er heraus, wie ein automatischer Anrufbeantworter, und sie lachte und legte beide Hände auf den Mund, und ihre kleine Plastikhandtasche schaukelte und glitzerte.
Ich wollte nicht, dass die flache Reproduktion von Marilyn Monroe unser Haus betrat und Spitzenpyjamas in unseren Betten versteckte. Ich sagte mir, beginnen und beenden wir den Besuch im Hof, im Stehen, machen wir ihn kurz und ungeduldig.
»Hi, deine Haare sind gewachsen.« Sie drehte den Kopf nach rechts und nach links und begutachtete meinen Schädel. »Bestimmt schon einen Zentimeter. Nun, geschnittene Haare wachsen blitzschnell nach. Ich verstehe etwas vom Friseurhandwerk.«
Nadav machte endlich den Mund zu. Er fühlte sich erleichtert. Nun, da sie sich von ihm abgewandt hatte und mich anschaute, konnte er sich ganz seinem Erstaunen hingeben.
»Danke, dass du mir mit der Polizei geholfen hast.« Sie zog ein Bein an, blieb wie ein Storch stehen. »Ich bin gegen Kaution freigekommen, was ich dich bitten wollte, sag immer, wenn sie dich ausfragen, ich hätte bei euch geschlafen.«
»Hör zu, Süße.« Ich näherte meinen Mund ihrem Ohr und senkte die Stimme. »Wir haben nicht vor, dein Alibi zu sein. Mach keine Dummheiten, dann werden sie weder dich verhören noch mich.«
»Ich werde dich nicht unnötig in irgendetwas verwickeln. Ein Wort von Madonna ist ein Wort, du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«
Aus Angst vor dem Alten bedeutete ich ihr mit einer Handbewegung, leiser zu sprechen, inzwischen verbargen dünne Wolken die Sonne, ballten sich zusammen und erinnerten uns daran, dass nach dem Sommer der Winter kam, und dann würde man ein Dach über dem Kopf brauchen, auch diese Mädchenfrau vor mir. Und überhaupt, wo war sie zu finden, wenn man mich zufällig nach ihr fragen würde. Ich wartete, dass der Rabe, der kreischend zwischen unserem Dach und dem Dach des Alten flog, sich beruhigte, und fragte sie, wo sie wohne.
»Da und dort, wie es sich gerade ergibt. Aber ich schlafe nie irgendwo, wo es keinen Wasserhahn und keine Dusche gibt.«
»Arbeitest du? Wovon lebst du?«
»Ich komme schon zurecht. Sieht man das etwa nicht?« Sie drehte sich im Kreis wie eine Ballerina, machte eine Verbeugung und lachte, und die gegelte Tolle auf ihrem Kopf zitterte. »Vielleicht entdeckt mich ja ein Filmproduzent, vielleicht nimmt mich irgendein Oligarch …«
»Dieses Kleid ist also zu Ehren eines oligarchischen Filmproduzenten?«
»Wieso denn das. Nein, wegen meines Geburtstags. Ich habe heute Geburtstag.«
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Das Glück ist gerade im Eimer, aber es wird schon werden.« Sie legte drei Finger auf den Mund und schickte einen Kuss zum Himmel. »Ich kann die Welt um meinen Finger wickeln, aber Gott hält mich kurz, er sagt, warte noch ein bisschen, bleib ruhig sitzen, Madonna, du hast es nicht eilig, deine Zeit wird noch kommen.« Sie lachte und verschluckte ein Stückchen Sonne, hob ihr Gesicht nach oben und machte den Engeln schöne Augen, damit sie sich bei ihrem Herrn für sie einsetzten.
Dann fragte sie: »Du bist alleinerziehende Mutter, nicht wahr?«, und blickte weiter hinauf zum Dach der Welt, als stelle sie die Frage der Sonne. »Du bist immer allein mit dem Jungen, sonst niemand, nur einmal war ein Mann da …« Sie wandte das Gesicht von der Sonne und fragte, ob es möglich wäre, bei uns zu schlafen, falls sie einmal abends keinen anderen Platz fände, wenn ich wollte, könnte sie bei uns sauber machen, den Boden putzen und das alles, als Bezahlung für das Übernachten.
Plötzlich ließ ein Bellen die Kiefernnadeln erzittern, Wodkas Nase hatte sie gerochen, leichter Parfümduft strömte von ihren Achselhöhlen und ließ ihn aufspringen, wild und begeistert kam er angerannt, scheuchte einen Schwarm Spatzen nach allen Seiten, warf eine Gießkanne um, zertrat Radieschen, Schatten und glänzende Glasscherben, bellte den Schrei des verlorenen Sohnes, warf sich auf Madonnas goldfarbene Sandalen, erhob sich auf die Hinterbeine und stellte die Vorderfüße an ihre weißen Oberschenkel. Sie hob ihn hoch, Wodutschka, verrückter Kerl, umarmte ihn, mein Augenlicht, Wodka, küsste ihn, Gott sei dir gnädig, was für ein Wildling du bist, Wodka. Der Junge betrachtete sie von dem Bewässerungsgraben aus und ließ seine Augen zwischen Madonna und dem Hund hin und her flitzen.
Wodka begeisterte sich für ihr Kleid, leckte den dünnen Träger, biss in den spitzen Ausschnitt, kostete das Himmelblau. Sie hielt ihn, wie man ein Baby hält, das ein Bäuerchen machen soll, seinen Bauch an ihre flache Brust gedrückt, die Hände auf seinem Rücken, zärtlich und weich klopften sie auf seine Rippen, ihre kleine Handtasche sprang von rechts nach links, schwarz und glänzend wie die Augen des Hundes. Sie sah aus wie Holly Golightly aus ›Frühstück bei Tiffany‹. Ich klopfte mir an den Kopf, lass dich nicht von ihr und ihrem blauen Kleidchen täuschen, das ist die Betrunkene, die dir nachts in die Küche gefallen ist. Die Betrügerin, die dir einen Pyjama ins Bett des Jungen gelegt hat, die von dir Geld geliehen und dir dafür einen Hund gebracht hat.
Aber sie hatte heute Geburtstag. Es ließ sich nicht ignorieren, dass sie einmal auf die Welt gekommen war, und damals war ihr Sündenregister leer und sauber gewesen.
»Komm, hilf mir«, sagte ich zu Nadav, aber er war vertieft in das plötzliche Glück, das über uns hereingebrochen war.
Ich ließ die drei allein, wenn man den Alten nicht in Betracht zog, der am Fenster klebte und dessen Schatten durch das Gitter zu sehen war, und betrat das Haus. Ich ordnete die sieben Rogelech, die vom Schabbat übrig geblieben waren, auf einem Teller zu einem Kreis, und in den Kreis legte ich Mandeln und Rosinen und ganz in die Mitte einen Apfel, steckte eine Kerze hinein, zündete sie an, ging hinaus und sang: »Happy birthday to you …«
Madonnas Hände öffneten sich, und Wodka sank zu Boden, die schwarzen Lippen gingen zu, der Vogelschopf verbeugte sich.
»Das letzte Mal, als man meinen Geburtstag gefeiert hat, war ich sieben«, sagte sie zu den Rogelech. »Ich bekam einen Strauß halb verwelkter Gerbera, und die Kinder haben Blütenblätter aus dem Strauß gerupft, wie man Federn aus einem Huhn rupft.« Der Hund sprang an ihr hoch, der Wind ließ ihre Unterhose sehen, die kleine Tasche an ihrem Handgelenk sah aus wie eine schwarze Träne.
Plötzlich brach sie in ein kurzes, nervöses Lachen aus. »Es reicht, das ist keine Beerdigung.« Sie öffnete die Hände und den Mund und sang mit heiserer Stimme: »Madonna hat Geburtstag heut …« Los, Nadav, steh schon auf. Sie hielt ihm die Hand hin und zog ihn hoch, nahm ihn an beiden Händen und tanzte mit ihm im Kreis, und seine dünne Stimme mischte sich mit ihrer, als tanze er mit dem Geist Gottes. Die Kerze ergab sich dem Wind, tropfte etwas Wachs auf den Apfel und ging aus, der Hund versuchte, die Beachtung wiederzuerlangen, die man ihm genommen hatte, wälzte sich im Sand, bellte die Luft an. Der Alte hüstelte in seinem Fenster, der Rabe senkte sich Richtung Teller, und Madonna wedelte mit ihrer Handtasche und vertrieb ihn.
Der Junge war glücklich.
Ich führte die Geburtstagsgesellschaft zum hinteren Hof, zu einem Platz außerhalb der Sichtweite des Alten, und alle drei folgten mir, der Junge an Madonnas Hand und der Hund als Nachhut hinterher, als würde er eine imaginäre Schleppe tragen.
Ich wollte den Alten nicht von der Feier vertreiben, wie viele Feiern hatte er noch in seinem Leben, aber ich wollte mit Madonna über seine Angelegenheit sprechen.
»Da und dort. Wenn es sich ergibt. Wenn du damit eine regelmäßige Arbeit meinst, dann nicht. Ich halte das Arbeitsamt und die Sozialversicherung und das ganze Zeug nicht aus.«
»Unser alter Nachbar braucht jemanden, der ein bisschen für das Haus sorgt. Die Arbeit wird gut bezahlt.«
Sie brach in so heftiges Gelächter aus, dass ihre Haartolle erzitterte, die mit Gel zusammengeklebten Haare hüpften und rissen auf.
»Wenn du wüsstest, wie chaotisch ich bin, ich …« Sie lachte, aber nur ab der Kehle, ihre Schultern blieben starr. »Du kannst dich gut organisieren, wenn du willst«, sagte ich, als würde ich sie von irgendwelchen Wohltätigkeitsaktionen her kennen und als ob das, was ich von ihr wusste, gut für den Alten wäre. Falls er Alkohol zu Hause hatte, bestand große Aussicht, dass die Flaschen verschwinden würden, die gleiche Gefahr gab es für Geld und Wertsachen und für das Entstehen hitziger Wortgefechte waren die Bedingungen günstig. Andererseits würden sie sich, da sie, sowohl was das Alter als auch das Ansehen betraf, so gegensätzlich waren, vielleicht wie Edelmetalle verhalten und einander nicht berühren, sie würde tun, was ihr aufgetragen war und ansonsten schweigen, und er würde am Fenster stehen, mit dem Rücken zu ihr, und schweigen, Schoschana würde ihr ein Gehalt bezahlen, und wenn etwas verschwand, würde die Polizei kommen.
»Mama, ist der Geburtstag zu Ende?« Der Junge versuchte, den plötzlichen Ernst zu durchbrechen. Er zählte Lieder auf, die wir noch nicht gesungen hatten, und suchte Hilfe beim Geburtstagsprotokoll des Kindergartens, aber die Heldin des Geschehens unterbrach ihn: »Es ist vorbei. Siehst du das nicht?« Nervöse Ungeduld hatte sie gepackt, sie trat mit einer goldfarbenen Plastiksandale nach Wodka. »Hör schon auf, du Nervensäge. Was klebst du so an mir.«
Sie schaute mich an. »Ich habe nicht genug Geduld, um bei einem total bescheuerten Alten zu arbeiten.« Sie nahm eines der Rogelech, aß es und zog die Nase kraus. »Es ist nicht frisch, gut, dass es wenigstens viel Füllung hat.« Ihr Kleid war zerknittert und armselig nach allem, was die Sonne und der Hund ihm angetan hatten, und nun, da der Himmel sich wieder verdüsterte, war auch das Blau nicht mehr so blau. Schade.
Ich schaute hinauf zum Himmel, dessen Blau ebenfalls dunkler geworden war, und sagte: »Der Sommer ist bald zu Ende. Wir haben jetzt Mitte Elul.«
»Wie kommst du auf diesen Elul? Sag August.« Ihr Gesicht verzog sich. »Elul sagen nur die Frommen, was hast du mit ihnen zu tun.« Das Wort Elul spritzte aus ihrem Mund wie ein ordinärer Fluch, als handle es sich um jemanden, der ihr Böses wollte. Sie hob den Kopf zum Himmel und suchte nach irgendwelchen Zeichen, steckte zwei Finger in den Mund und stieß zwei Pfiffe des Abscheus aus.
»Na gut, ich hau ab. Und denk dir nichts, mit allen Schwierigkeiten, die ich mache und nicht mache, Polizei und alles, alte Leute und Kinder rühre ich nicht an.« Ein paar Gelflocken lösten sich aus ihrem Hahnenkamm und sprangen auf ihren Kopf, ein Träger war ihr von der Schulter auf den Arm gerutscht, das Schwarz von ihren Lippen abgewischt, Rogelechkrümel klebten an ihrem verschwitzten Hals. Holly Golightly löste sich vor unseren Augen auf.
»Brauchst du etwas?« Ohne ihre Armseligkeit und ohne das Gebilde, das auf ihrem Kopf zusammenbrach, hätte ich nicht gefragt. Es war gefährlich, ihr die Tür einen Spaltbreit zu öffnen, nachdem sie von sich selbst verkündet hatte, dass nur Alte und Kinder von ihr verschont blieben, schließlich hatte ich einen guten Platz in der Mitte, war also prädestiniert für Unheil.
»Zehn Schekel, um in die Stadt zu kommen.«
Sie nahm die Münze, die ich ihr hinhielt, und steckte sie in ihre schwarze Tasche. »Ich gebe dir das Geld zurück. Mach dir keine Sorgen. Bye, Nadav.« Sie wandte sich zum Gehen und der Hund sprang auf und lief ihr hinterher. »Du sollst hierbleiben, Idiot«, sagte sie, trat mit dem Fuß in die Luft und ging.
»Sie sieht aus wie ein Wiedehopf«, sagte der Junge und schaute dem Haarbüschel hinterher, das einen Schatten auf den Weg warf.
Die zehn Schekel, die sie uns zurückgab, wogen ein Kilogramm und waren kugelig, in sich zusammengekrochen und zitternd.
»Damit bezahle ich meine Schuld zurück.« Sie setzte ein graues Kaninchen auf unsere Schwelle und sagte nicht, wo sie es gefunden hatte oder ob es gestohlen war. Weniger als einen Tag lang befand sich die zitternde Schuld bei uns, dann verließ sie das Land der Lebenden, man könnte sagten, diese zehn Schekel verschafften Nadav den ersten Anschauungsunterricht vom Tod. Ein ums andere Mal ließ er seine Schuhe Nummer 28 zu dem Hügel rennen, der die kleine Leiche bedeckte, und jedes Mal kam er mit schweren Schritten zurück, offenbar hoffte er, der Erdhaufen würde sich öffnen, und das gestorbene Tier würde aus seinem Loch hüpfen und an einer Karotte knabbern. Er hob im Kühlschrank Salatblätter und Gurkenschalen für das Kaninchen auf und glaubte fest daran, dass die Auferstehung von den Toten ein Versprechen war, das in der Regel gehalten wurde.
Mitte Elul drehte sich die Weltkugel, was unten war, war oben, und was oben war, unten. Sommer und Winter wechselten die Plätze, in zwei Wochen war er wieder kindergartenpflichtig, und das Wort Pflicht wird unverrückbar an seinem Leben kleben, er wird wachsen und irgendwann einmal in einem Kreis sitzen, und man wird ihn fragen: Wahrheit oder Pflicht? Und die Entscheidung, was weniger bedrückend ist, wird ihm schwerfallen.
Er wird groß werden und begreifen, dass dann, wenn im Elul die Blausterne blühen und die Zugvögel über das Land ziehen, die Zeit gekommen ist, für Wahrheit oder Pflicht zu bezahlen. Sogar Madonna hatte sich, als sie Elul hörte, geschüttelt, als hätte man ihr gegen einen verstauchten Knöchel getreten.
Inzwischen gelang es dieser Nadja, Gideon erneut zur Sanitätsstation zu bringen, und wieder bekam er eine Spritze gegen die Schmerzen. Mein Vorschlag, er solle nach Hause kommen und sich untersuchen lassen, blieb ohne Erfolg. »Was drängst du so, wer hat denn keine Kopfschmerzen, so, wie sie kommen, gehen sie auch wieder.« Hätte ich seine Stimme nicht brüchig wie eine Eierschale gehört, hätte ich mir keine Sorgen gemacht, aber sie war leer und hohl, er war nicht mehr er selbst.
Auch im Laden geschahen keine Wunder. Amjad stand in der Tür wie ein Seemann auf dem Deck eines untergehenden Schiffes. Er wischte den Staub von den Deckeln alter Marmeladengläser und von Maisdosen, und die meiste Zeit saß er auf einer Kiste, trommelte nervös auf die Seitenwände und sang sehnsüchtige Lieder. Es gab nicht genug Arbeit für uns beide. Der Laden brauchte viel Erbarmen, um zwei Familien zu ernähren, und das Maß an Erbarmen, das ihm zuteil wurde, reichte noch nicht einmal für eine. Amjad sah das wohl, er schaute hinüber zum Billigmarkt, betrachtete die roten Leuchtbuchstaben, die Toilettenpapier und Dosen mit Champignons als Sonderangebote anpriesen, er sah Lastwagen, die Waren anlieferten, und Einkaufswagen, die Münzen schluckten und einer nach dem anderen aus der Reihe gezogen wurden. Zu Hause hatte er drei Kinder, und in zwei Wochen würden sie neue Federmäppchen brauchen, Hefte und heile Schuhe. Ich sagte, wenn du etwas Besseres findest, dann mach es, und wenn du eine Empfehlung für das Führungszeugnis brauchst, wirst du sie bekommen. Aber heutzutage benötigte auch der letzte Bettler oder Käseschneider ein Diplom, Hingabe und Ehrlichkeit waren nichts mehr wert. Er hatte schon Falten auf der Stirn, silberne Fäden im Haar und eingefallene Wangen, er war ungefähr in Gideons Alter, aber der Himmel über seinem Kopf hing unvergleichlich viel tiefer. Ich wusste nicht, wie ich seinen Lohn aus dem sterbenden Laden ziehen konnte, auch nicht das Geld für seine Abfindung. Als Erstes musste unsere Wohnung vermietet werden, ihre nackten Wände konnten uns Früchte bringen, und wir schlossen einfach die Tür ab und bezahlten den Staub, der sich auf ihnen sammelte, die Grundsteuer, den Verwaltungsbeitrag, den Anteil an Wasser und Strom und zusätzlich die Miete für unsere Unterkunft im Dorf. Ich rief meinen leidenden Fischer an und beschrieb ihm unsere zunehmend beengte wirtschaftliche Lage. »Gideon, wir können uns nicht länger erlauben, so weiterzumachen, wir müssen die Wohnung vermieten.«
»Dann vermiete sie doch, wo ist das Problem.« Seine Stimme war leer und flach, und ich hatte das Gefühl, als platze in mir eine tonnenschwere Bombe. Wo ist das Problem. Wirklich, wo war das Problem. Es fehlte uns ein bisschen Geld, das war alles, da vermieten wir eben die Wohnung und leben glücklich und zufrieden bis an unser Lebensende.
»Natürlich, wo ist das Problem, alles läuft doch fantastisch«, fuhr ich ihn an. »Los, komm aus diesem Film, Gideon. Unser Leben ist im Arsch. Wo ist das Problem, wo ist das Problem, wo lebst du eigentlich, Gideon?«
Ich verließ den Laden, ich wollte Amjad den armseligen Striptease unseres Lebens ersparen, ich ging die Straße hinunter, und zwischen zwei mickrig belaubten Bäumen sagte ich zu meinem Herzen, los, zerbrich, lass alles heraus, und es zerbrach. »Hör zu, Gideon, der Laden ist zu Ende, und mit Romantik lässt sich das Minus nicht stopfen, diese ganze Auszeit, die du dir genommen hast, und der Luxus vom Sinn des Lebens muss auf die Zeit warten, wenn du in Rente gehst. Die Bank versteht nur eine Sprache, hörst du mir überhaupt zu?«
»Ja, tue ich.«
»Also, wenn du mir zuhörst, dann hör dir noch etwas an. Auch unser Familienleben steckt tief im Minus. Der Junge braucht dich, und seine Mutter auch.«
Er schwieg, ich hörte sein Atmen und dazwischen ein Schlucken und im Hintergrund Bluesmusik aus dem Radio. Das Blut stieg mir von den Beinen, dem Bauch und der Brust nach oben und strömte durch meine Halsschlagader in den Schädel, bis er zu platzen drohte.
»Das war’s, Gideon, diese Regelung ist zu Ende. Ich will nicht mehr. Komm nach Hause, geh wieder zum Gericht oder wohin auch immer, aber komm zurück. Ich rede mit dir, antworte! Wann kommst du zurück?«
»Ich kann nicht, Amiki.«
Ich kann nicht, Amiki. Ich erschrak. Was war es, was diese Worte so bedrückte, dass sie derart zerquetscht herauskamen.
»Dann eben nicht.« Das Blut strömte in meine Beine zurück, die Schwerkraft verdoppelte sich. Ich war allein zwischen zwei mageren, von der Stadtverwaltung gepflanzten Bäumen, als ich verstand, dass das, was war, nicht mehr sein würde.
»Du brauchst Hilfe, Gideon, gib mir deine Adresse, und ich komme.«
Er wollte nicht, dass ich kam, er gab mir weder seine Adresse noch den vollen Namen jener Nadja. Es ist in Ordnung, sagte er, es wird vorbeigehen, er brauche nichts, nur Ruhe und Zeit.
Amjad spürte, etwas war passiert, mein geschorener Schädel verriet das Blut, das mir in den Kopf gestiegen war. Er zog den Stuhl hinter der Theke hervor, stellte ihn für mich vor den Eingang, und ich setzte mich. Zugvögel flogen am Himmel zwischen dem Billigmarkt und unserem Lebensmittelgeschäft und über die Siedlungen, sie flogen zwischen der schwächer werdenden Sonne oben und den schwächer werdenden Menschen unten und umgingen das dünne Erbarmen, das im Elul vom Himmel tropfte. Amjads Hände waren frei, sie hatten nichts zu rücken, zu heben, zu halten, sie öffneten sich für nichts und schlossen sich um nichts.
»Ich könnte dir eine weitere Arbeit anbieten, zwei, drei Stunden am Tag.«
»Was für eine Arbeit?« Er ging um eine Plastiktüte herum, die über den Gehweg schwebte, und drehte mir nicht das Gesicht zu.
»Das Haus eines alten Mannes in Ordnung halten, einkaufen, sauber machen und so weiter. Sie bezahlen gut.«
»Warum nehmen sie keine Thailänderin oder jemanden aus dem Ausland?«
»Der Alte müsste halb tot sein, damit man ihm eine Philippinin oder eine Thailänderin genehmigt, der Alte geht noch auf seinen eigenen Beinen, zieht sich an, wäscht sich. Er spricht. Aber er ist ein schwieriger Mann, deshalb sind sie bereit, mehr zu bezahlen.«
»Wie viel für die Stunde?«
Ich wusste Schoschanas Tarif nicht, und wie hoch sie die Verrücktheiten ihres Vaters in Schekel einschätzte, wie sie Geschrei und Flüche bewertete, was sie an Schweigen und Trauer hinzufügte und welche Summe am Schluss herauskam. Ich versprach ihm, mich zu erkundigen, und während ich sprach, gerieten neben dem Laden zwei Hunde aneinander, der kleinere forderte den großen heraus, und der große stieß ein warnendes Gebell aus, als wollte er sagen, wart’s ab, wart’s ab. Aber der kleinere wartete nicht, er wollte sofort eine Entscheidung herbeiführen und bellte abgehackt, und der große posaunte zurück. Der Staub, der von diesem Kampf aufgewirbelt wurde, drang in Amjads Augen.
»Was treiben sie da, sie kämpfen um die Ehre«, sagte er und rieb sich die Augen, holte ein altes Brötchen aus der Kiste mit den Waren, die zurückgingen, und warf es zwischen die Hunde. Der Große drehte es um, schlug seine Zähne hinein und hielt es in der Schnauze, bellte und vergaß, dass er dazu das Maul aufmachen musste, das Brötchen fiel heraus, der Kleine machte einen Satz, packte es und rannte pfeilschnell davon. Geschlagen und hechelnd stand der Große da und bellte die Schmach, die man ihm angetan hatte, laut heraus, sein Gebell überquerte die Straße, hinüber zum Billigmarkt, aber dort wurden die Wagen wie üblich geschoben und elektronische Augen öffneten ihnen die Tür und schlossen sie hinter ihnen.
»Alles auf der Welt ist Geld und Ehre.« Amjad hob die Augen und betrachtete die Zeichen der Zeit, die Vögel, die schwächer werdende Sonne, die Farbe des Himmels, die daran erinnerte, dass das Leben sich bewegte, dass die Zeit nicht stehen blieb.
»Wo wohnt der alte Mann, von dem du geredet hast?«
»In einem Dorf, ein paar Minuten von der Stadt entfernt.«
»Spielt es für sie eine Rolle, ob ich diese Arbeit übernehme oder meine Frau?«
»Er ist ein schwieriger Mann, und deine Frau ist zart, er könnte ihr Beleidigungen an den Kopf werfen.«
»Wenn es nur Worte sind, macht es nichts, Worte kann sie aushalten. Aber angenommen, er schlägt sie, dann ist es etwas anderes.«
Woher sollte ich wissen, ob es nur um Worte oder auch um Ohrfeigen ging? Auch das Messer, mit dem er den Hahn erledigt hatte, hatte ich nicht vorausgeahnt, Voraussagen waren nicht meine starke Seite.
Die Sonne drang mit langen Strahlen in den Laden, brach auf dem Regalfach mit dem Öl und brachte das gelbe Blut der Hülsenfrüchte zum Leuchten. Im Billigmarkt galt: Volkes Stimme ist Gottesstimme, Neonlicht beleuchtete Flaschen, Dutzende, Hunderte Liter kränklich gelblich grünen Öls in durchsichtigen Plastikflaschen. Kaum vorstellbar, dass sie früher Samen von Sonnenblumen gewesen waren, die ihre Köpfe zur Sonne reckten, in der Blüte ihres Lebens gepflückt, geknackt, ausgepresst und verpackt worden waren, und damit war ihr Leiden noch nicht zu Ende. Was für eine Welt, auch Samenkörner in ihren Schalen haben ihre Via Dolorosa vor sich. Ich seufzte, und Amjad wusste nicht, warum. Die Dinge passierten, und ich hatte keine Zeit, über die Schrauben und Verbindungsstücke nachzugrübeln, die sich in unserem Leben gelockert hatten, denn ich hatte genug damit zu tun, sie wieder zu befestigen. Ich begann mit einer Notbluttransfusion für unser Bankkonto und schrieb die Wohnung zum Vermieten aus, vier Zimmer, teilweise möbliert, Aussicht auf die judäische Wüste, Miete drei Monate im Voraus, ohne Makler.
Nach dieser Notbehandlung konnte ich aufatmen und mich Schoschanas Problem zuwenden und rief sie an. »Es könnte sein, dass ich jemanden für deinen Vater habe«, sagte ich.
Schon am gleichen Tag kam sie von Herzlija, traf Amjad im Laden und fuhr mit ihm in ihrem Auto zum Haus ihres Vaters.
»Er ist verrückt, ihr Vater«, sagte Amjad später, nachdem sie ihn zurückgebracht hatte und wieder losgefahren war, »aber sie bezahlen gut. Weil ich Araber bin, verlangt er ein polizeiliches Führungszeugnis. Ich habe gesagt, in Ordnung. Ich habe gehört, wie er mit seiner Tochter redet und dass sie nicht beleidigt ist, und da habe ich mir gesagt, warum sollte es mir besser gehen als ihr, ich werde auch nicht beleidigt sein. Man lässt einen Menschen, der krank im Kopf ist, einfach reden, was er will. Sie, seine Tochter, hat gesagt, mein Vater hat viel mitgemacht im Leben, er ist kein schlechter Mensch, er ist nur seltsam und schwierig. Als sie mich durch das Haus geführt hat, hat er mich nicht aus den Augen gelassen, und da gab es eine Schublade, von der hat er gesagt, die rührst du nicht an. Hast du gehört? Hast du gehört? Und seine Tochter hat gesagt: Papa, er ist nicht taub. Und als wir draußen waren, sagte sie zu sich selbst, gut, ich habe also schon jemanden zum Putzen, jetzt muss ich noch jemanden zum Kochen finden. Ehrlich gesagt, sie hat mir leidgetan. Sie wollte mir Geld im Voraus geben, ich habe gesagt, nein, wieso denn.«
Der Junge war bei Kim, dem neuen Freund, den wir für ihn im Dorf gefunden hatten, und ich lief durch den Wald, um nachzudenken. Ich lief langsam, wie es die Menschen im Kino tun, die ihren Gedanken nachhängen, mit auf dem Rücken verschränkten Händen. Doch ich stammte nicht aus dem Kino, ich kam aus dem richtigen Leben, und meine gemessenen Schritte brachten mir keine neuen Erkenntnisse. Was ich vorher gedacht hatte, war dasselbe, was ich jetzt dachte, ich würde zu ihm fahren, ich würde den Jungen bei meinem Bruder Jonathan lassen, nach Eilat fahren und an eine Tür nach der anderen klopfen, bis ich ihn gefunden hätte. Der Abend senkte sich sehr schnell über den Wald, und die Bäume akzeptierten das Urteil des Himmels, sie zogen ihre Zweige ein und standen stumm da. Kein Vogel zwitscherte, nicht ein Vogel flog … Heruntergefallene Nadeln zerbrachen unter meinen Sandalen, laut und lärmend, als würde die Erde Karotten kauen, und schnelle Zuckungen gingen durch die Wipfel. Vielleicht war es besser, ihn zu lassen, um was hatte er denn gebeten, um Zeit und Ruhe, ich werde anständig sein, ich werde ihm die Zeit und die Ruhe lassen, die er braucht. Er ist klug, er weiß, was sein Problem ist und wie es sich lösen lässt. Schließlich hat er sich wegen dieses genauen Wissens die Klienten und die Ehre erworben, die die anderen dazu brachte, ihm Platz zu machen, wenn er an ihnen vorbei durch die Flure lief. Aber auch Wissen kann, wie alles im Leben, Schaden nehmen, auch Wissen hängt von Fleisch, Blut und Nervenzellen ab. Reicht nicht eine einzige widerspenstige Zelle, die außer Kontrolle gerät und sich vermehrt, oder ein Mangel an Serotonin oder eine verstopfte Ader oder sonst etwas, und das vollkommene Wissen ist versaut? Vielleicht wird sein Zustand mit jeder Minute schlechter, vielleicht wird die widerspenstige Zelle immer wilder, das Serotoninniveau sinkt, und ich riskiere das Blut meines Mannes, statt alles stehen und liegen zu lassen und loszufliegen, um ihn zu retten.
Das Handy klingelte, und die Bäume bewegten sich, Vögel raschelten, und Nadav fragte: »Mama, wann kommst du und holst mich ab?« Das bläuliche Glühwürmchen des Telefons leuchtete und leuchtete, die zerbrechenden Nadeln unter den Sohlen weckten die Sinne der Waldbewohner. Der Junge. Wie hatte ich ihn vergessen können. Die Dunkelheit, die ihm aus Kims Fenster entgegensah, war ihm neu und fremd, sah ganz anders aus als die Dunkelheit in unseren Fenstern, man musste bei ihm sein, während er sich an die neue Dunkelheit gewöhnte. Ich rannte, so lange ich konnte.
Er war aufgeregt von all dem Neuen, das seine Augen im Haus seines neuen Freundes gesehen hatten, weißt du, sie haben eine Fernbedienung für das Garagentor, und sie haben so einen großen Fernseher, nein, so, er streckte die Arme aus, ohne die Größe zu erreichen, größer als das Wohnzimmerfenster, glaubst du das? Und ihre Rollläden sind elektrisch, und sie haben eine Warnanlage gegen Diebe und zwei Boxer, einen im Haus und einen im Hof. Und Kim hat vielleicht tausend Playmobilteile. Und zwei Brüder.
»Und ich habe dich.« Ich deckte ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Und du hast Papa.« Er schloss die Augen und schlief ein. Ich ging hinaus, um Wäsche aufzuhängen, nachts sahen die kleinen Unterhosen auf der Leine traurig aus, der Mond machte sie blass, und der Wind brachte sie zum Zittern. Alles wird gut, sagte ich zu den Klammern, die ein Unterhemd kniffen, alles wird gut, er hat sich ausdrücklich ein bisschen Zeit vom Lärm der Stadt ausbedungen, da dürfen Frau und Kind nicht zu Fesseln an seinen Füßen werden. Er ist nicht krank, er ist nur müde, es wird alles gut, du kennst ihn doch, er ist vernünftig, er ist verantwortungsbewusst, er ist seelisch gesund, er wird wieder morgens zur Arbeit gehen und abends zurückkommen, er wird seine Robe zur Reinigung bringen und wieder abholen. Ein Helikopter flog über uns, westwärts, Richtung Krankenhaus, eine knatternde Mahnung an Geschichten, die schlecht ausgehen, jemand hat eine Kugel in den Kopf bekommen, jemand hat sich eine Kugel in den Rachen geschossen, ist von einem Dach gesprungen …
»Waren Sie das, die diesen Scheißaraber hergeschickt hat?« Die Worte kamen aus dem Fenster des Alten.
»Sie werden ihn nicht Scheißaraber nennen, ist das klar?« Meine gereizten Nerven reagierten auf die Gelegenheit, die sich ihnen bot, und die Sicherung flog raus.
»Sie werden frech. Haben Sie eine Ahnung, wie alt ich bin?«
»Das interessiert mich nicht. Auch wenn Sie hundert wären, dürften Sie ihn nicht beleidigen. Entschuldigung, mein Telefon klingelt.« Ich drehte ihm den Rücken zu und drückte das Handy an mein Ohr.
»Es geht um die Wohnung, ist das Angebot noch aktuell?«
Ich erkannte ihn sofort. »Nicht für dich«, sagte ich gereizt.
»Einen Moment, gibt es keine Begrüßung?« Scha’ul Harnoi lachte und sagte, noch immer lachend, sein Vertrag in der Feigenstraße 9 gehe zu Ende, er habe die Anzeige in der Zeitung gesehen und die Telefonnummer erkannt, deshalb habe er gedacht, es sei überhaupt keine schlechte Idee, schließlich würden sich beide Seiten kennen, man könne schnell zu einem Abschluss kommen, sind deine Haare übrigens schon ein bisschen gewachsen? Das männliche Lachen, das früher mein Herz erzittern ließ, hörte sich jetzt an wie Regen auf Blech, aber wenn man das Lachen von heute und von damals außer Betracht ließ, warum sollte ich nicht an ihn vermieten? Er ist anständig, er wird pünktlich bezahlen, er ist ordentlich und sauber, er wird den Vorhang aufziehen, wenn die Sonne die Anrichte erreicht, er wird das Klobecken entkalken, und er wird die Dichtung an den Wasserhähnen erneuern. Ich werde ihm den Schlüssel geben und ihn dann nicht mehr sehen, die Miete geht auf unser Konto … und wenn der Abfluss überläuft …
»Es tut mir leid, Scha’ul, nein.« Das hat mir noch gefehlt, künstlicher Regen und Trommeln auf Blech, soll doch dieser Sommer zu Ende gehen, mit Blausternen und allem, mit Dornen und allen anderen banalen Anzeichen der vergänglichen Zeit, und sollen danach die Regenfälle kommen, wie es der Lauf der Natur ist. Das neue Jahr wird seine Segnungen bringen, Gideon wird nach Hause zurückkehren, wir werden uns an den Händen halten, wie wir es auf unserem Weg von der Klinik nach Hause getan haben, und wie es die beiden Alten auf der anderen Seite des Paravents taten.
»Willst du noch darüber nachdenken?«
»Nein.«
»Wenn du es dir anders überlegst, weißt du, wo du mich finden kannst.« Die Worte kamen trocken aus dem Telefon, kein Regen und nichts.
Gleich danach rief noch jemand an.
»Wegen der Wohnung …«, sagte eine müde Stimme, leblos, alt, heiser von Zigaretten oder vom Weinen.
Am folgenden Morgen erwartete ich den Mann um zehn Uhr in der Wohnung. Er erschien mit einer Verspätung von sieben Minuten. Weder alt noch jung. Seine Augen waren blau, kalt, mit feinen roten Adern. Auf dem Kopf hatte er dichte Stoppeln grauer Haare. Er hatte einen zerknitterten Kragen und kräftige Hände mit großen, gewölbten Daumen, Hände, wie man sie durch körperliche Arbeit bekommt. Er war einfach gekleidet, die Falten seiner Hose bewiesen, dass sie von einer Wäscherei gebügelt worden war.
»Tausend Dollar im Monat.« Ich nannte einen überhöhten Preis, um aus der Sache herauszukommen, ich wollte, dass er erschrak und zurücktrat. Aber er schaute aus dem Fenster, betrachtete die trockenen Hänge der judäischen Wüste und sagte: »In Ordnung.« Wegen Zigaretten oder einem Lungenleiden klang seine Stimme viel älter, als er tatsächlich war. Er fragte, wann er einziehen könne.
»Heute.« Ich wollte ihn loswerden, und ich brauchte das Geld, je eher, umso besser.
Im Treppenhaus warteten zwei neue graue Koffer auf ihn, und das war seine ganze Ausrüstung. Hätte ich die ganze Angelegenheit geschoben, wäre er mit den Koffern woandershin gegangen. Ich fragte nicht, woher er kam, was er arbeitete, ob er allein hier wohnen würde, ich wollte auch keine Empfehlungen. Er hatte ein Bündel neuer Geldnoten in der Tasche, zählte sie mithilfe seines seltsamen Daumens ab und bezahlte mir drei Monate im Voraus, und während der ganzen Zeit sah er mich kein einziges Mal direkt an.
»Man muss einen Vertrag machen«, sagte ich.
»Einen Vertrag? In Ordnung.« Er schaute hinüber zu den Bergen, die im Fenster zu sehen waren. Am Nachmittag erwartete er mich beim Rechtsanwalt, unterschrieb an der Stelle, die man ihm zeigte, er las nichts durch, stellte keine Fragen, bat um nichts. Der Rechtsanwalt verglich sein Aussehen mit dem Foto in seinem Pass, verglich noch einmal und gab sich zufrieden. Dem Vertrag entnahm ich, dass der Mann, den ich beiläufig in unser Leben gebracht hatte, Gabriel Bar hieß.