17. August
Die Sache mit Martin ging Sören selbst während der Gerichtsverhandlung nicht aus dem Kopf. Zudem war er unausgeschlafen, sein Kopf brummte unaufhörlich. Nachdem er sich kurz mit Minna Storck beraten hatte, suchte Sören in der Verhandlungspause den Staatsanwalt auf, um sich ein Bild davon zu machen, welches Strafmaß man dort für seine Klientin wohl beantragen würde. Er kannte Dr. Gustav Roscher aus dem Landgericht, wo er zuvor tätig gewesen war. Der Mann war recht umgänglich und hatte ein gutes Gespür für Verhältnismäßigkeiten. Seit Anfang des Monats vertrat Roscher den Oberstaatsanwalt, und Sören war erstaunt gewesen, als er seinen Namen unter der Anklageschrift gelesen hatte.
Dr. Roscher nickte nur kurz, als Sören ihm mitteilte, dass man ein Strafmaß unter 200 Mark respektive eine Haft von nicht mehr als 20 Tagen ohne Revisionsantrag akzeptieren würde. Sie brauchten nicht viele Worte zu verlieren. Beiden war klar, dass Minna Storck ein, wenn auch fauler, so doch kleiner Fisch war. Roscher lachte über Sörens Wortspielerei. Der Richter folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das Strafmaß im Wiederholungsfalle deutlich höher ausfallen würde. Die Angeklagte wurde zu einer Geldstrafe von 180 Mark verurteilt. Minna Storck nahm das Urteil mit Armesündermiene an, und da sie natürlich kein Geld besaß, fügte sie sich dem Schicksal der Inhaftierung. Die Blicke, die sie Sören zuwarf, als sie abgeführt wurde, verrieten ihm, dass er richtig gelegen hatte mit seiner Vermutung. In Zukunft würde Minna Storck wahrscheinlich nicht so schnell mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Sören quittierte den Erhalt seines mageren Beihilfe-Honorars an der Gerichtskasse, zwinkerte bei Verlassen des Gebäudes wie üblich der steinernen Justitia zu und bestieg seine Droschke. Es war genau zwölf Uhr. Altena Weissgerber arbeitete bis zur Mittagszeit in dieser Fabrik. Mit etwas Glück traf er sie vielleicht schon zu Hause an.
Sören wählte den Weg über die Carolinenstraße, ließ den Zoologischen Garten rechter Hand liegen und fuhr den zweiten Durchschnitt bis zur Grindelallee, wo er sich in den dichten Verkehr der stark befahrenen Allee einreihte. Es war immer noch heiß und staubig. Nachdem er den Grindelberg hinter sich gelassen hatte, kreuzte er den Canal der Isebek. Das wenige Wasser im Canal blühte, und ein moderiger Gestank lag über dem ganzen Viertel. Sören lenkte rechts in den Lehmweg und fuhr weiter bis zur neuen Wagenbauanstalt der Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft, deren Terrain sich inzwischen fast bis zu den Abendroth’schen Besitzungen hin ausdehnte. Vor drei Jahren hatte man hier begonnen, Produktions- und Reparaturwerkstätten für Pferdefuhrwerke zu errichten. Der Betrieb war rasch gewachsen. Allein die Pferdestallungen hätten jedem Dragonerregiment zur Ehre gereicht.
Für die vielen Arbeiter dieses großen Betriebes musste natürlich Wohnraum geschaffen werden, also hatte man vor zwei Jahren damit begonnen, auf dem benachbarten Gelände zwischen den Straßen Falkenried, Lehmweg und Löwenstraße ein Ensemble aus Wohnterrassen und Passagen zu errichten. Diese Bauweise, mit Hinterhauszeilen durchzogene Straßenblöcke, war für moderne Arbeiterquartiere durchaus nicht unüblich, aber im Unterschied zu den großen Durchgangshöfen, etwa des Hammerbrook, gab es hier keine geschlossene Straßenrandbebauung und keine Torwege. Außerdem wirkten die nur dreigeschossigen Terrassen mit ihrer großzügigen Anlage fast wie Wohnhöfe. Einige hatte man sogar begrünt, so breit waren die Abstände zwischen den Häuserzeilen. Alles wirkte hell und freundlich. Die Olgapassage führte vom Falkenried zur Löwenstraße. Sören konnte den Wagen bequem zwischen den Kopfbauten hindurch in die Passage lenken. Die Fassaden in der Passage bestanden aus roten Verblendziegeln, und das Sockelgeschoss war deutlich mit einer starken Gesimszone abgesetzt. Durch den Wechsel von horizontalen Ziegel- und Stuckbändern wirkte das Ensemble wie eine aufgeschichtete Torte.
«Gibt es Neuigkeiten?», fragte Altena Weissgerber hoffnungsvoll, nachdem sie ihren Gast begrüßt hatte.
Sören wiegte den Kopf hin und her. «Wie man es nimmt. Ich habe mich ein wenig umgehört.» Er wollte sie nicht unnötig beunruhigen, daher vermied er zu erwähnen, dass man Steens Messer in der Brust des Toten gefunden hatte. «Ich benötige noch einige Angaben von Ihnen.»
Sie schloss die Tür hinter Sören und bat ihn, in der Küche Platz zu nehmen. «Sie haben Glück, dass Sie mich angetroffen haben. Die Zeit zwischen der Arbeit reicht gerade aus, um mich umzukleiden und noch ein paar Einkäufe zu erledigen», erklärte sie. «Dann muss ich mich auf den Weg zum Hafen machen. Den Pferdewagen kann ich mir nicht täglich leisten. Um vier beginnt mein Dienst.»
«Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Sie ein Stück mit der Droschke mitnehmen.»
«Ich stehe so oder so schon in Ihrer Schuld.» Sie schüttelte den Kopf, während sie ihre Schürze abwickelte. «Sie entschuldigen mich einen Augenblick?» Sie verließ die Küche, um sich im Nachbarzimmer umzuziehen. Durch die halb geöffnete Tür konnte Sören ihren Schatten an der Wand sehen. Verschämt wandte er seinen Blick ab. «Fragen Sie ruhig!», rief sie ihm aus dem Nebenraum zu. «Ich bin gleich fertig!»
Sören schaute sich in der Küche um. Alles wirkte sauber und aufgeräumt. «Wie lange kennen Sie Marten Steen schon?»
«Im Oktober ist es ein Jahr», antwortete sie.
«Wissen Sie etwas über Schulden, die er haben könnte?»
«Davon hätte er mir bestimmt erzählt!»
«Zechschulden vielleicht? Ist es möglich, dass der Wirt der ‹Möwe› seinen Lohn nicht auszahlen wollte?»
Altena Weissgerber kam in die Küche zurück. «Marten ist kein Trunkenbold, wenn Sie das meinen.» Sie nahm zwei Bänder von einem Regal und wickelte damit ihre roten Haare hoch. «Ich habe ihn bis zu diesem Tag nie betrunken erlebt.»
«Haben Sie Freunde von ihm kennen gelernt? Ich meine, was pflegt er für einen Umgang?»
«Marten ist eigentlich ein richtiger Einzelgänger», erklärte sie. «Die Leute von seiner Gang – gut, mit denen geht er nach Arbeitsende wohl mal einen trinken, aber richtig befreundet ist er mit ihnen nicht.» Sie überlegte einen Augenblick. «Er hat mal etwas von einem Freund in Melnik oben im Böhmischen erzählt. Der fährt auf einem der Kettenschiffe auf der Elbe, und wenn er bis nach Hamburg kommt, dann treffen sie sich. Ich glaube, er heißt Alwin oder Albin, aber ich habe ihn nie kennen gelernt.»
«Und die beiden Kumpane, die ihn in der besagten Nacht nach Hause brachten? Sie sagten, der Name des einen wäre Gustav …»
«Es ist mir ein Rätsel, wie Marten an die geraten ist.»
«Sie erwähnten auch, dass das ziemlich schräge Vögel gewesen wären …»
«Ich habe mit solchen Kerlen eben meine Erfahrungen. Richtige Scheißkerle sind das.»
«Vorher gesehen haben Sie die beiden aber noch nie?»
Sie schüttelte den Kopf.
«Eine Beschreibung wäre hilfreich. Wirkten sie wie Hafenarbeiter? Versuchen Sie sich zu erinnern. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.»
Altena Weissgerber setzte sich zu Sören an den Küchentisch, stützte die Arme auf und vergrub den Kopf zwischen ihren Händen. «Nein, Hafenarbeiter waren das bestimmt nicht. Das waren Ganoven, glauben Sie mir. Der Kleinere von den beiden hatte zwei hässliche Narben auf der Wange. Ich glaube, auf der rechten. Eine richtig fiese Visage hatte der. Und eine Fistelstimme. Der andere, also der Gustav, hat kaum gesprochen. Riesengroß war der. Stand da einfach nur mit verschränkten Armen. Glupschaugen hatte er – an mehr kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.»
«Aber wiedererkennen würden Sie die zwei?»
«Ganz bestimmt.» Sie blickte auf. «Wie spät ist es jetzt?»
Sören zog seine Taschenuhr heraus. «Gleich zwei Uhr. Mein Angebot, Sie mitzunehmen, gilt noch.»
Sie lächelte. «Das wäre wirklich sehr freundlich. Ich muss noch schnell zu einer Nachbarin. Zum Markt schaffe ich es nach der Arbeit nicht. Sie bringt mir immer ein Bund Gemüse und Suppengrün mit. Milch gibt es in der Nachbarpassage. Da ist ein kleiner Laden.»
«Eine Frage hätte ich noch: Sie besitzen nicht zufällig einen Schlüssel zur Wohnung Ihres Verlobten? Sie sagten, Sie waren dort, als die beiden ihn nach Hause gebracht haben.»
Altena Weissgerber presste die Lippen aufeinander. «Das darf aber niemand wissen», meinte sie schließlich. «Der Vermieter schmeißt Marten raus, wenn er erfährt, dass er einen Nachschlüssel hat machen lassen.»
Sören nickte. «Ich glaube, das ist im Moment das geringste Problem. Geben Sie ihn mir bitte.» Er lächelte sie an. «Ich habe wenig Lust, von meinem Dietrich Gebrauch zu machen.»
Nachdem Sören Altena Weissgerber vor der Kaffeeklappe im Hafen abgesetzt hatte, lenkte er den Wagen in Richtung Schaarmarkt. Es war an der Zeit, Hannes Zinken einen Besuch abzustatten. Zinken, der diesen Namen wegen seiner großen Knollennase trug, war so etwas wie der König der Ganoven. Und er war Sören noch einen Gefallen schuldig – einen großen sogar, wenn man es genau betrachtete. Ohne die Hilfe seines Verteidigers wäre Zinken vor dem Scharfrichter gelandet. Das Todesurteil war schon rechtskräftig gewesen, als Sören förmlich in letzter Minute doch noch den Zeugen ausfindig machte, der Zinkens Unschuld beweisen konnte und aufgrund dessen Aussage der wirkliche Täter ermittelt wurde. Mit Mord und Totschlag hatte Hannes Zinken nichts am Hut. Ein Gauner und Dieb war er trotzdem, auch wenn er wohl aufgrund seines Alters nicht mehr selber auf Tour ging. Das überließ er seinen Leuten.
Sören lenkte den Wagen den Stubbenhuk hoch bis über den Brauerknechtgraben hinaus. An der Ecke zum Schaarsteinweg stellte er die Droschke ab und ging den Rest des Weges zu Fuß. Bis zum Lieschengang waren es nur noch wenige Meter. Es gab nur eine Möglichkeit, zu Hannes Zinken zu gelangen. Und auch die setzte voraus, dass man die Spielregeln einhielt. Die Spielregeln eines Viertels, in das sich niemand ohne wichtigen Grund hineingewagt hätte.
Der Junge vor dem kleinen Kolonialwarenladen an der Ecke mochte höchstens sechs sein. Dennoch wusste er sofort, worum es ging. Unter einem Groschen brauchte Sören es gar nicht erst zu versuchen. Dafür war er zu vornehm gekleidet. Den Hafenarbeiter hätte ihm in dieser Gegend so oder so niemand abgenommen, also hatte Sören es gar nicht erst versucht, sich zu kostümieren. Wer hier im Kirchspiel von St. Michaelis zwischen Großem Bäckergang und Teilfeld lebte, war aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt. Sören folgte dem Jungen bis zum Großen Bäckergang. Kaum hatten sie den Weg passiert, tauchte ein größerer Junge aus einer Tordurchfahrt auf und winkte sie in einen Hauseingang. Der kleinere Junge blieb draußen vor der Tür und passte auf, ob ihnen jemand gefolgt war. Sören kannte das Spiel schon. Ab hier begann das Labyrinth. Das letzte Mal hatte ihn der Weg zu Hannes Zinken sieben Groschen gekostet. Er kontrollierte, ob er genug Geldstücke dabeihatte, dann steckte er dem Jungen seinen Groschen zu. Der Durchgang zum Hof war niedrig. Als der Junge merkte, dass Sören den Fuß nachzog, drosselte er von sich aus das Tempo, denn wenn der Nächste um seinen Verdienst gebracht wurde, bedeutete das Kloppe. Kurz darauf übergab er den Besucher an ein weiteres Kind, das Sören durch die geheimen Wege des Viertels lotste. Er hatte längst die Orientierung verloren. Das lag vor allem daran, dass nirgendwo der Stand der Sonne zu sehen war, so eng waren die Wege. Außerdem hatten sie mehrere Haken geschlagen, waren durch zwei Keller hindurch in andere Höfe gekommen, hatten sich auf schmalen Stegen zwischen Häuserwänden entlanggetastet und waren durch mehrere Bretterverschläge hindurchgekrochen. Sören war nur froh, dass man ihm nicht wie beim ersten Mal die Augen verbunden hatte. Allerdings waren sie damals schneller am Ziel gewesen. Schon zweimal war es ihm nun so vorgekommen, als ob sie denselben Hof durchquerten, jedoch in entgegengesetzter Richtung.
Nachdem sie über eine schmale Galerie in einen kleinen Hof gelangt waren, bedeutete ihm der Junge zu warten. Nach etwa zwei Minuten kam er atemlos zurück. «Luft ist rein», schnaufte er nur, zeigte auf ein hölzernes Gatter, pfiff zweimal durch die Finger und verduftete. Sören schob das Gatter beiseite und betrat einen kleinen gepflasterten Platz, der immerhin so breit war, dass ein paar Sonnenstrahlen den Weg bis auf den Boden fanden. Vor einem morschen Bretterzaun erblickte er Hannes Zinken, der, wie immer eine Pfeife im Mundwinkel, auf einem alten Holzhocker saß und den Besucher mit listigen Augen aufmerksam musterte.
«Lange nich gesehn.»
«Stimmt, Hannes», antwortete Sören genauso knapp. «Alles gesund?»
Der Alte nickte. «Du humpelst.»
«Nicht der Rede wert», entgegnete Sören. Zinken war vor dreißig Jahren bei einer seiner nächtlichen Touren durch ein morsches Dach gestürzt und hatte sich beide Beine gebrochen. Seither war sein rechtes Bein steif.
«Setz dich doch.» Hannes Zinken deutete auf den leeren Stuhl neben sich. Er trug ein kurzärmliges Unterhemd. Seine Arme waren bis zu den Schultern dicht behaart, und es sah aus, als würde er ein Hemd mit Ärmeln aus grauer Wolle tragen. Der weiße Bart war in den Mundwinkeln vom Tabak gelblich verfärbt. Als er die Pfeife kurz aus dem Mund nahm, konnte man eine breite Zahnlücke erkennen. Die oberen Schneidezähne hatte Zinken eingebüßt, als er sich seiner letzten Festnahme widersetzen wollte. Mit gutem Grund traute sich seither kein Polizist mehr allein in die Gänge dieses Viertels. «Was führt dich zu mir?», fragte er endlich, nachdem Sören neben ihm Platz genommen hatte.
«Ist ’ne ganze Menge an Fragen.»
«Dacht ich mir schon, dass du dich nich nur zum Tachsagen herbemühst. Schieß los!»
«Ilse Mader.»
«Wat denn? Stiefel-Elli?» Zinken lachte. «Braucht der Herr was Dominantes?»
«Du weißt genau, was ich meine», sagte Sören, ohne mit der Wimper zu zucken.
«Klar. Is schon klar. Schätze mal, die is auf und davon, nachdem man ihren Willy abgestochen hat. Entweder sie war’s selber, oder sie hat gesehen, wer’s getan hat, und hat sich aus Schiss verkrochen.»
«Was weißt du von dem Mord an Willy Mader?»
«Ist nicht meine Ecke.»
«Die ‹Möwe› steht keine fünfhundert Meter von hier», sagte Sören.
«Ich will damit sagen, ich habe mit solchen Dingen nichts zu tun, Herr Advokat! Ist nicht mein Gebiet, nicht meine Sache. Mord ist ’n mieses Ding. Da kann man nich von leben. Hab höchstens mal einem ’nen Scheitel gezogen, wenn der mich am Arsch gehabt hat, aber sonst? Nee, nee. Da leg ich die Ohr’n an.»
«In Ordnung. Kennst du einen Gustav?»
«Soll das jetzt ’n Witz sein, oder was? Gustav heißt doch jeder Zweite.»
«Nu mach ma ’nen Punkt mit den Sprüchen, Hannes! Die Sache ist ernst. Hängt wohlmöglich das Leben eines Unschuldigen dran. Kennst du doch, so eine Geschichte, nicht?» Er blickte Hannes Zinken scharf an. «Ich bin hier nicht zu meinem Vergnügen! Also nochmal: Der Name ist Gustav, ein Kerl groß wie ein Schapp, Glupschaugen, redet nicht viel. War in Begleitung einer fiesen kleinen Type mit heiserer Piepsstimme. Zwei hässliche Narben im Gesicht. Fällt dir wer dazu ein?»
«Also die Gustavs, die ich kenne, sind alle irgendwie recht bullig. Scheint am Namen zu liegen. Aber mit Glupschaugen? Nee. Keine Ahnung.»
«Und der Kleine?»
«Könnte sich um Ratte handeln. Kommt aus Altona. Verdingt sich als Eintreiber. Irgendwann ist er mal an den Falschen geraten, der ihm den Kehlkopf eingeschlagen hat. Seither spricht er, als wenn er Kreide gefressen hätte. Lange nichts gehört von Ratte.» Er blickte Sören neugierig an. «Nun sag mal, warum suchst du die beiden? Haben die den Willy auf dem Gewissen? Warum fragst du mich nach alledem?»
Sören zuckte mit den Schultern. «Es ist da irgendwas im Anzug … Ein ziemlich krummes Ding.»
«Hier?» Zinken lachte auf. «Davon wüsste ich.»
«Irgendwo in der Stadt. Am 22. August», meinte Sören mit ernster Stimme. «Das ist in fünf Tagen.»
Hannes Zinken schüttelte energisch den Kopf. «Das kann nicht sein. Hier läuft nix, ohne dass ich davon erfahre.»
«Scheint wieder was mit Blut zu sein, Hannes.» Sören erhob sich. «Ach, noch was: Hast du schon mal von einer Inge Bartels gehört?»
«Wer soll denn das nun schon wieder sein?»
«War mal Wirtin in der ‹Roten Rose›.»
«Nie gehört den Namen, und die ‹Rose› gibt’s nicht mehr.» Hannes Zinken streckte Sören die Hand entgegen. «Ich mach lange Ohren, ich versprech’s dir. Wenn ich was höre, dann erfährst du’s.»
Ein kleiner Junge kam auf den Hof gerannt. «Opa Zinken! Opa Zinken!», rief er außer Atem. «Das Mariechen hat sich inne Röcke gemacht. Nu sieht se ganz elend aus!»
Hannes Zinken erhob sich schwerfällig von seinem Hocker. «Na, die kann was erleben. – Meine Nichte», meinte er zu Sören gewandt.
Der Junge zog an der Hand des Alten. «Komm schnell! Ganz blau is die!»
Sören musste nur einen Blick in den Kellerraum werfen, um die Situation richtig einzuschätzen. Das Mädchen auf dem Boden wand sich in Krämpfen und würgte ununterbrochen Galle. Ihre Augen waren eingefallen und ihre Haut bläulich verfärbt. Um sie herum hatte sich eine Lache flüssiger Exkremente ausgebreitet. Es stank erbärmlich. Sören lief hinein, packte das Mädchen vorsichtig unter den Achseln und trug es aus dem Keller. Ihr Körper zitterte, und außer einem würgenden Röcheln gab sie keinen Ton von sich.
«Was ist mit ihr?», fragte Hannes Zinken, der wusste, dass Sören über medizinische Kenntnisse verfügte.
«Sie muss dringend ins Krankenhaus», entgegnete Sören und tupfte dem Mädchen mit einem Taschentuch die Stirn ab. «Ich fahre sie mit meiner Droschke nach Eppendorf.» Zinken wollte etwas einwenden, aber Sören kam seinen Worten zuvor. «Sie stirbt sonst. – Wie komme ich hier am schnellsten raus? Mein Wagen steht am Schaarsteinweg.»
«Bring ihn hin!», schnauzte der Alte den Jungen an. «Und dann zeigst du dem Mann die Hofeinfahrt am Krayenkamp!»
«Sie muss warm gehalten werden», wies Sören den Alten an. «Am besten wickelst du sie in eine Decke ein.»
«Bei der Hitze?»
«Mach, was ich sage, Hannes. Ihr Zustand ist bedenklich. Am besten legst du sie auf ein Türbrett, so können wir sie am einfachsten zum Wagen tragen. Hast du Schnaps im Haus?»
Der Alte blickte Sören entgeistert an und nickte.
«Gut», meinte Sören. «Wasch dir gründlich die Hände mit dem Zeug und spül dir am besten auch den Mund aus. Und rühr um Gottes willen die Sauerei im Keller nicht an. In ihren Ausscheidungen lauert der Tod. Du musst alles mit Chlorkalk bedecken. Besorg dir am besten einen ganzen Sack davon!»
Sören staunte, wie kurz der Weg aus dem Labyrinth des Viertels in Wirklichkeit war. Innerhalb weniger Minuten hatten sie den Schaarhof erreicht, der auf die Große Bäckerstraße mündete. Der Junge kannte eine Abkürzung durch die Höfe zum Herrengraben. Von hier aus waren es nur noch wenige Meter bis zu dem Platz, wo Sören die Droschke geparkt hatte. In der Nähe von St. Michaelis gab es eine Apotheke. Wenn sich das Mädchen wirklich mit Cholera infiziert hatte, war größte Vorsicht geboten. Sören kaufte eine Flasche Kaliseifenlösung und rieb sich vorsorglich die Hände ab.
Der Wagen passte gerade eben durch die enge Einfahrt. Zu Hannes Zinken hatten sich inzwischen zwei kräftige Männer und eine ältere Frau gesellt. Sie warteten am Ende des Gangs. Wie verabredet, war das Mädchen in Wolldecken eingehüllt und lag auf einem ausgehängten Türbrett. Sie schien in den Minuten seiner Abwesenheit um Jahre gealtert zu sein. In Wirklichkeit mochte sie etwa sechzehn Jahre alt sein, aber jetzt sah sie aus wie eine alte Frau. Das Türbrett passte nicht auf den Wagen. Einer der Männer hielt das Mädchen, das apathisch in den Himmel blickte, während der Fahrt im Arm. Obwohl Sören das Pferd antrieb, brauchten sie zwei Stunden bis nach Eppendorf.
Doktor Rumpel, der die Patientin entgegengenommen und untersucht hatte, machte ein besorgtes Gesicht. Der Arzt war noch sehr jung, etwa dreißig, wie Sören schätzte. «Sie sind nicht der Erste heute.» Er schüttelte den Kopf. «Das ist der sechste oder siebte Fall seit den Morgenstunden.»
«Ist das Cholera?», fragte Sören.
«Den Symptomen nach, ja. Am besten sprechen Sie mit Doktor Rumpf, meinem Chef. Wir haben Proben der Ausscheidungen eines anderen Patienten mit denselben Symptomen unter dem Mikroskop gehabt und kommaförmige Stäbchen ausmachen können. Aber jeder Versuch, die Stäbchen in Petrischalen in Kultur zu nehmen, ist uns bislang misslungen.»
Der junge Arzt zeigte auf einen der Pavillons, die auf dem Gelände verteilt standen wie Garnisonszelte römischer Legionäre. Das ganze Krankenhaus bestand eigentlich nur aus diesen frei stehenden Pavillons, die sich glichen wie ein Ei dem anderen. Es waren einfache, hölzerne Baracken, deren Außenwände von einer Vielzahl senkrechter Holzleisten gegliedert wurden. Besonders charakteristisch waren die Lüftungshauben auf den Satteldächern sowie die großen, weiß gestrichenen Sprossenfenster, deren untere Scheiben aus milchigem Glas bestanden. Viele moderne Krankenhäuser wurden neuerdings in dieser Form errichtet; die Bauweise sollte die Ansteckungsgefahr unter den Patienten minimieren. Außerdem bot ein solches System die Möglichkeit, die Anlage nach und nach mit einfachen Mitteln zu erweitern. «Ich glaube, er ist gerade in B7. Das ist die Baracke hinter dem Waschhaus.»
«Wenn das so weitergeht, brauchen wir hier spätestens in einer Woche ein Feldlazarett!» Doktor Rumpf war sichtlich erregt, als Sören ihn nach der Anzahl der Patienten mit ähnlichen Symptomen fragte. «Seit drei Tagen verdoppelt sich die Zahl von Tag zu Tag. Wir haben noch Kapazität für etwa vierzig Kranke, dann müssen wir Notbetten in den Krankenlagern aufstellen. Fragen Sie mich nicht, wo das enden soll.»
«Also eine Epidemie?»
Doktor Rumpf nickte. «Wie sollen wir es sonst nennen? Die Patienten kommen aus allen Stadtteilen, und die Symptome sind identisch. Vor allem die Altstadt, St. Georg und der Billwärder Ausschlag scheinen betroffen zu sein. Die junge Frau, die Sie brachten, ist unser vierter Fall aus der Neustadt heute. Alle aus dem Gebiet um den Großneumarkt. Da geht es also auch los.»
«Es gibt demnach keinen einzelnen lokalen Herd?», fragte Sören.
«Nein», antwortete Rumpf. «Eine Ansteckung zwischen den eingelieferten Personen können wir ausschließen. Hier handelt es sich nicht um einen Erreger, der per Tröpfcheninfektion übertragen wird, wie etwa bei der Tuberkulose. Aus den anderen Krankenhäusern der Stadt hört man ähnliche Vorfälle. Ich habe mit Doktor Kümmell vom Marienkrankenhaus gesprochen. Das gleiche Bild. Auch er sieht die Gefahr einer epidemischen Verbreitung innerhalb der ganzen Stadt. Es ist sehr beunruhigend.»
Sören nickte. «Ihr Kollege Rieder vom Krankenhaus in St. Georg ist der gleichen Ansicht. Was gedenken Sie zu tun?»
«Was ich zu tun gedenke? Mir sind die Hände gebunden!» Doktor Rumpf machte eine Geste der Hilflosigkeit. «Fragen Sie die Oberaufsicht! Fragen Sie Medicinalrat Kraus. Ich habe die Vorfälle natürlich sofort gemeldet und meinen Verdacht geäußert, aber er schüttelt nur den Kopf. Kraus ist der Meinung, es handele sich um eine zufällige Häufung einzelner Fälle von Cholera nostras, so nennt man gemeinhin die unspezifischen Formen choleraähnlicher Erkrankungen des Verdauungstraktes, wie sie während der Sommermonate in der Stadt durchaus vorkommen können. Von einer Epidemie will Kraus nichts wissen. Meine Diagnose glaubt er nicht. Es scheint geradezu, als käme die Cholera asiatica in der Hamburger Medicinal-Ordnung gar nicht vor.»
«Was sagen Ihre Kollegen?»
«Viele trauen sich nicht, ihre Diagnose beim Namen zu nennen. Eine epidemische Ausbreitung der asiatischen Cholera hätte schwerwiegende Folgen für die Stadt. Nicht nur, was die Krankheit an sich betrifft, sondern vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Da möchte man, wenn es irgend geht, den Deckel auf dem Topf lassen. Die ganze Stadt würde ja mit sofortiger Wirkung unter Quarantäne gestellt. Können Sie sich vorstellen, was da für eine Verantwortung auf den Ärzten ruht, falls sich ihre Diagnose im Nachhinein als falsch herausstellt? Und selbst wenn es jemand wagen sollte … Man kommt an Kraus nicht vorbei. Er hat die Oberaufsicht über die öffentliche Gesundheit der Stadt, die Oberaufsicht über die gesamte Ärzteschaft …»
«Wollen Sie etwa andeuten, dass Medicinalrat Kraus sich weigert, Ihre Meldungen an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten?»
«Es ist seine verdammte Pflicht, das zu tun!» Rumpf lächelte Sören gequält an. «Aber nur dann, wenn wir den Erreger isoliert in Kultur genommen haben. Das wäre dann der Beweis.»
«Und wie lange mag das dauern?»
Rumpf zuckte die Achseln. «Es gibt so gut wie keinen Arzt hier in der Stadt, der mit den entsprechenden Methoden und Verfahren vertraut ist. Die Hamburger Ärzte scheinen nicht viel von Robert Koch zu halten.» Er deutete auf den hinteren Teil der Baracke, der offenbar als Labor diente. «Meine Kollegen Gläser und Erman versuchen seit zwei Tagen, die Vibrionen, die wir gefunden haben, in Kultur zu nehmen. Bislang erfolglos. Unser Spezialist für diese Sachen, der Kollege Dr. Fraenkel, befindet sich unglücklicherweise im Urlaub.»
«Das heißt, solange vonseiten der Stadt keine Maßnahmen getroffen werden, kommt Ihre Arbeit hier einem Tropfen auf den heißen Stein gleich?»
«Das klingt bitter, aber so ist es. Wir tun unser Bestes, aber es bleibt nur Flickschusterei.»
«Wie behandeln Sie?», fragte Sören interessiert. Ihm war nicht bekannt, in welcher Form die moderne Medizin einer Infektion mit dem Choleraerreger begegnete.
«Das hängt stark vom Zustand der Patienten ab. Merkwürdigerweise scheint es schlimmere und weniger dramatische Krankheitsbilder zu geben. Am wichtigsten sind natürlich zuerst die lebenserhaltenden Maßnahmen. Da kommt es vor allem darauf an, die lebensgefährliche Dehydrierung zu unterbinden. Da die meisten jegliche Flüssigkeit immer wieder erbrechen, versuchen wir es mit der russischen Methode. Das heißt, wir verabreichen große Mengen einer Kochsalzlösung intravenös. Leider birgt diese Methode die Gefahr einer Embolie. Unsere Infusionsnadeln sind einfach zu groß, sodass immer wieder Luft in den Blutkreislauf gelangt. Außerdem besteht dabei natürlich die Gefahr einer Septikämie, wenn die Bestecke nicht absolut steril sind. Aber was bleibt uns schon anderes übrig? Wenn der Patient so weit stabil ist, gehen wir daran, den Verdauungstrakt zu säubern. Die Bazillen müssen abgetötet werden. Derzeit verabreichen wir eine geringe Dosis von Gerbsäure und Kalomel.»
Sören nickte stumm. Er bedauerte es nicht, dass er die Medizin an den Nagel gehängt hatte. Um nichts in der Welt wollte er in diesem Moment in der Haut von Doktor Rumpf stecken. «Und wo kommt der Erreger her? Wie entsteht er?», fragte er.
«Er entsteht nicht», antwortete der Arzt. «Er verbreitet sich nur und gedeiht und überlebt unter bestimmten Voraussetzungen prächtig.»
Rumpf wiegte unschlüssig den Kopf hin und her. «Wir sehen eigentlich nur eine Möglichkeit …»
«Und die wäre?»
«Es schlängeln sich mehr als 400 Kilometer Rohrleitung der Wasserversorgung durch die Stadt. Wenn sich der Bazillus dort eingenistet haben sollte …»
«Das Trinkwasser also? Das wäre eine Erklärung.»
«Kochen Sie das Wasser ab», sagte Rumpf bloß und reichte Sören ein Fläschchen Lysol. «Sie sollten sich gründlich waschen … Ich werde alles in meiner Macht Stehende für das Mädchen tun.»
Sören zog die Flasche mit Kaliseifenlösung aus der Rocktasche. «Danke, aber ich habe bereits vorgesorgt.»
«Sie kennen sich aus?»
«Ein wenig», entgegnete Sören. «Nur ein wenig.»