13. KAPITEL

„Oh Fiona, Sie sehen ganz bezaubernd aus! Weiß steht Ihnen ausgesprochen gut, Sie sollten es öfter tragen.“

Fiona verkrampfte sich das Herz. Charlotte hat ja keine Ahnung, wie ironisch die Bemerkung sich für mich anhören muss, nachdem sie mich an meinem eigenen Hochzeitstag vor zehn Jahren so sehr verletzt hat, dachte sie.

„Weiß ist für eine Karrierefrau keine gute Farbe“, erwiderte sie. „Die Frisur wirkt auch nicht professionell“, fügte sie hinzu und warf noch einen Blick in den Spiegel. Charlotte hatte sie dazu überredet, das Haar hochzustecken und einzelne Strähnchen dekorativ Gesicht und Nacken umspielen zu lassen.

„Zu dem romantischen Kleid brauchen Sie eine romantische Frisur“, hatte Charlotte erklärt.

Das elegante weiße Seidenkleid wirkte wirklich romantisch. Der Ausschnitt war tief, aber nicht gewagt. Weil sie sich um den Hals herum ziemlich nackt vorgekommen war, hatte Fiona eine Perlenkette angelegt und auch noch die dazu passenden Ohrstecker.

Als sie Charlotte zum Kauf des Kleides für die Hochzeit begleitet hatte, hatte Fiona das weiße Kleid entdeckt und es spontan gekauft. Jetzt hätte sie lieber eins in Schwarz getragen, es hätte viel besser zu ihrer trüben Stimmung gepasst.

Stattdessen sah sie an Philips Hochzeitstag sehr weiblich und sanft aus, beinah so, als wäre sie die Braut.

„Ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken, dass Sie letzte Nacht bei mir geblieben sind, meine Liebe“, sagte Charlotte.

Fiona schreckte aus den Gedanken auf und lächelte. „Es war nett, dass Sie mich gefragt haben.“ Seltsamerweise mochte sie die Frau sehr.

Es war kein Problem für sie gewesen, bei Charlotte zu übernachten, denn weder Corinne noch Philip waren da gewesen. Philip hatte seinen letzten Abend als Junggeselle bei Steve verbracht, und Corinne war zu Hause geblieben. Sie hatte irgendeine Ausrede benutzt, aber Fiona vermutete, dass sie mit Carmel zusammen gewesen war.

Die beiden jungen Frauen wollten nach dem Lunch von zu Hause abfahren und würden gegen drei Uhr eintreffen. Dann hätten sie noch vier Stunden Zeit, sich für die Trauung zurechtzumachen, die auf sieben Uhr festgesetzt war. Die Kleider hingen in der Gästesuite bereit, die Charlotte der Braut zur Verfügung gestellt hatte. Philip und Steve würden erst kurz vor sieben erscheinen.

Die Zeremonie sollte an einem Ende des Swimmingpools zwischen den Marmorsäulen stattfinden, mit den Gartenanlagen im Hintergrund. Für die über zweihundert Gäste hatte man viele Reihen roter Stühle auf beiden Seiten des Pools und am anderen Ende aufgestellt. Dummerweise hatten beinah alle, die eingeladen worden waren, auch zugesagt. Es waren sogar in letzter Minute noch mehr hinzugekommen, weil Corinnes Vater einige einflussreiche Persönlichkeiten vergessen hatte.

Nach der Trauung sollten die Stühle weggeräumt werden, damit um den Swimmingpool herum getanzt werden konnte. Im Zelt, das unterhalb der Terrasse auf dem Rasen stand, war nicht viel Platz dafür. Es war zwar groß, doch vollgestellt mit Tischen und Stühlen für das offizielle Dinner.

„Hoffentlich verläuft alles nach Plan“, sagte Fiona. Irgendwie hatte sie ein ungutes Gefühl, was ihr bisher noch nie passiert war.

Charlotte blickte sie überrascht an. „Das wird es bestimmt. Das Wetter ist schön, und alles sieht wunderbar aus, das Haus, das Zelt und die Beleuchtung. Sie sind wahrscheinlich nur beunruhigt, weil Sie nicht an der Probe teilgenommen haben. Aber Ihr Geschäftspartner hat niemanden geschont. Er hat darauf geachtet, dass alles klappt. Da fällt mir etwas ein. Geht es Ihnen auch wirklich wieder gut? Sie sehen jedenfalls so aus, finde ich.“

„Ja, ich bin wieder in Ordnung. Es war wohl nur so ein Vierundzwanzigstundenvirus.“ Außer Owen und natürlich Philip wusste niemand, dass sie gar nicht krank gewesen war.

Fiona hatte Owen nicht die ganze Wahrheit gesagt, sondern nur erklärt, zwischen ihr und Philip herrsche eine gewisse Spannung. Deshalb sei es ihr lieber, er, Owen, würde den Ablauf der Zeremonie mit dem Brautpaar und den anderen Beteiligten proben. Er war sogleich einverstanden gewesen.

„Corinne befürchtete schon, Sie könnten nicht zur Hochzeit kommen.“ Charlotte streichelte Fiona die Hand. „Aber Philip war sicher, dass Sie es schaffen würden.“

Demnach ist er immer noch wütend auf mich, überlegte Fiona. Dachte er etwa, sie würde sogar in letzter Minute noch versuchen, die Hochzeit zu verhindern?

Sie seufzte, und sogleich betrachtete Charlotte sie prüfend. „Sie sind doch noch etwas blass. Lassen Sie uns hinuntergehen und einen Brandy trinken. Was halten Sie davon?“

Fiona lächelte. „Gute Idee, Charlotte.“

Corinne und Carmel kamen kurz nach dem Lunch an und wurden nach oben geschickt mit der Aufforderung, eine Stunde vor der Trauung zum Fotografieren fertig zu sein.

Danach wurde es hektisch. Die Blumen wurden geliefert, und die Leute vom Partyservice erschienen. Und schließlich die Parkwächter, die Fiona bestellt hatte, damit die vielen Gäste nicht wild durcheinander parkten. Bill, der Fotograf, würde nicht vor halb sechs eintreffen, das wusste Fiona. Aber der Mann mit der Videokamera war schon da, um das große Ereignis zu filmen.

Fiona eilte hin und her, prüfte alles und hoffte, dass nichts schief ging.

Um fünf verzog Charlotte sich nach oben, um sich umzuziehen. Sie hatte ihr weißes Kostüm nicht zu früh anziehen wollen, um es beim Sitzen nicht zu zerknittern.

Damit hatte Fiona kein Problem, aber sie hatte auch nicht vor, sich hinzusetzen.

Genau um halb sechs erschien Bill mit seinem Assistenten und mehreren Kameras. Fiona holte die Blumen, die sie ins Wasser gestellt hatte, und begleitete den Fotografen nach oben. Er sollte einige Fotos von der Braut und der Brautjungfer auf der Treppe machen.

Fiona gestand sich ein, dass die beiden sehr schön aussahen, ganz besonders natürlich Corinne. Sie wirkte wie eine Märchenprinzessin.

Da Bill sie nicht brauchte, ging Fiona wieder hinunter, um sich zu vergewissern, dass alles für die Zeremonie und den anschließenden Empfang vorbereitet war. Die Sonne ging gerade unter und hüllte den Garten und den Swimmingpool in ein zauberhaft goldenes Licht.

Alles war so, wie es sein sollte. Rasch warf sie noch einen letzten Blick in das Zelt, das großartig aussah mit der aufwendigen Dekoration und den eleganten Tischen und Stühlen.

Ich habe alles getan, was ich konnte, um die Hochzeit zu einem Ereignis zu machen, an das man sich gern erinnert, überlegte sie. Sekundenlang geriet sie jedoch in Panik, weil der Pfarrer noch nicht da war. Rasch rief sie ihn übers Handy an und erfuhr, dass er unterwegs sei und jeden Moment eintreffen müsse.

Schließlich erschien Charlotte wieder. Sie sah sehr schön aus, wirkte aber etwas angespannt. Es war ganz normal, dass Mütter so reagierten. Fiona machte Charlotte Komplimente und steckte ihr eine Orchidee an die Jacke. Eine rote Rose wäre für diese elegante Dame irgendwie unpassend gewesen. Dann schenkte sie Philips Mutter noch einen Brandy ein.

„Trinken Sie auch einen, Fiona“, forderte Charlotte sie auf, und Fiona tat es.

Die ersten Gäste trafen kurz nach sechs ein. Charlotte und Fiona begrüßten sie gemeinsam und führten die Leute in die riesigen Wohnzimmer, wo Drinks serviert wurden und eine Band leise spielte. Später würden die Musiker auf der Terrasse spielen.

„Es gefällt mir ausgesprochen gut, dass die Leute nur Schwarz oder Weiß tragen. Ihnen auch?“, flüsterte Charlotte Fiona zu, als die alte Standuhr halb sieben schlug.

Aber Fiona hörte weder Charlottes Worte noch das Schlagen der Uhr. Stattdessen war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Wagen gerichtet, der gerade vor der Haustür vorfuhr – auf den schwarzen Jaguar.

„Ich … muss noch die Beleuchtung am Swimmingpool überprüfen, Charlotte“, erklärte sie schnell und eilte davon.

Ihre Gefühle gerieten in Aufruhr, und sie befürchtete, die Beherrschung zu verlieren. Oh nein, ich habe geglaubt, ich schaffte es, doch es geht nicht, ich kann es einfach nicht, dachte sie gequält.

Sie lief so rasch, wie es die hohen Absätze zuließen, und blieb nicht stehen, bis sie beinah gegen eine der Marmorsäulen am Swimmingpool gestoßen wäre. Sie hielt sich daran mit beiden Händen fest, zuerst, um das Gleichgewicht zu halten, und dann, weil hilflose Wut in ihr aufstieg.

Es gelang ihr nur mit größter Anstrengung, das verdammte Ding loszulassen. Langsam drehte sie sich um, lehnte sich dagegen und spürte den glatten Marmor im Rücken. Dann schloss sie die Augen und atmete tief ein.

Ich muss mich beruhigen, mahnte sie sich. Sie musste die Sache bis zum Ende durchstehen, eine andere Wahl hatte sie nicht.

Plötzlich berührte jemand sie leicht an der Schulter, und sie machte unvermittelt die Augen auf.

„Du liebe Zeit, Philip“, rief sie aus und rang nach Fassung. „Du … hast mich erschreckt.“

„Entschuldige“, sagte er schroff. „Es sah so seltsam aus, wie du da gestanden hat mit geschlossenen Augen. Ich dachte, du fühltest dich vielleicht nicht wohl, obwohl du auf mich nicht krank wirkst“, fügte er hinzu. „Wenn du mir die Bemerkung gestattest, du siehst zum Anbeißen gut aus.“

Fiona blickte ihn empört an.

Er verzog die Lippen. „Oder sollte ein Mann, der im Begriff ist zu heiraten, so etwas nicht zu einer Frau sagen, die nicht seine Braut ist?“, fragte er spöttisch. „Nein, vielleicht nicht, aber du weckst immer die eigenartigsten Gefühle in mir, Fiona. Offenbar hast du einen direkten Draht zu meinen Hormonen.“

„Philip, ich …“

„Ja, ich weiß, es tut dir leid und mir auch“, stieß er hervor. „Es tut uns beiden leid. Ah, da kommt Steve, um mich vor mir selbst zu retten. Keine Sorge, ich habe ihm nichts verraten, und er wird dich nicht erkennen“, erklärte er leise.

Und so war es dann auch. Steve hat sich sehr verändert, überlegte Fiona, während der kräftige Mann mit dem sandfarbenen Haar auf sie und Philip zukam. Er sah besser aus als damals und wirkte selbstsicherer. Mit Philip war er jedoch nicht zu vergleichen.

Lächelnd musterte Steve sie von oben bis unten. „Das ist also die geheimnisvolle Fiona, die ich aus irgendwelchen Gründen nie getroffen habe. Philip hat mir verschwiegen, dass Sie aussehen wie eine Göttin.“

„Fiona hat einen festen Freund“, sagte Philip. „Gib dir keine Mühe.“

„Frauen wie Fiona haben immer einen Freund, mein Lieber. Aber sie trägt keinen Ring. In der Liebe ist alles erlaubt. Was machen Sie heute Abend nach der Hochzeit, meine Schöne?“

Vor zehn Jahren hätte Fiona sich gefreut über Philips eifersüchtige Miene und es als Kompliment betrachtet. Doch jetzt war sie nur traurig.

„Es tut mir leid, Steve“, erwiderte sie höflich. „Philip hat recht, es gibt momentan einen anderen Mann in meinem Leben. Und der reicht mir. Ich muss euch allein lassen und mich darum kümmern, dass die Gäste Platz nehmen. Corinne wird sicher gleich kommen, Philip, geh bitte nicht weg.“

„Natürlich gehe ich nicht weg, Fiona. Ich bin hier, um zu heiraten.“

„Und ich bin hier, um dafür zu sorgen, dass es auch klappt.“ Sie drehte sich um und ging davon, während Steve hinter ihr herpfiff und sie bewundernd betrachtete.

Eine halbe Stunde später waren Philip und Corinne Mann und Frau. Und drei Stunden später zog Corinne sich zurück, um sich für die Hochzeitsreise umzuziehen. Carmel begleitete sie. Unterdessen fing Philip an, sich von den Gästen zu verabschieden und sich für ihr Kommen zu bedanken.

Fiona wurde immer deprimierter und sah, wie Steve sich den Weg durch das überfüllte Zelt zu ihr bahnte. Deshalb floh sie ins Haus, wo sie Charlotte entdeckte, die blass und erschüttert unten an der Treppe stand.

„Charlotte! Was ist los? Geht es Ihnen nicht gut?“

Die Frau blickte sie gequält an. „Fiona, ich bin schockiert. Es ist entsetzlich, und ich weiß nicht, was ich machen soll.“

„Weshalb sind Sie schockiert? Kann ich Ihnen helfen?“

„Niemand kann mir helfen“, antwortete sie schwach.

„Das möchte ich lieber selbst beurteilen“, entgegnete Fiona bestimmt. „Jetzt erzählen Sie mir endlich, was passiert ist.“

„Es geht um Corinne“, begann Philips Mutter zögernd. „Ich bin nach oben gegangen, weil ich helfen wollte. Als ich an die Tür klopfte, blieb alles ruhig. Deshalb habe ich die Tür geöffnet, aber das Zimmer war leer. Ich war verblüfft und bin hineingegangen. Und dann habe ich … ich habe …“

„Was haben Sie?“, drängte Fiona.

„Ich habe sie gesehen“, stieß Charlotte schließlich hervor. „Im Badezimmer. Im Spiegel habe ich sie gesehen …“

Fiona verkrampfte sich der Magen. „Was und wen haben Sie gesehen, Charlotte?“

„Corinne und Carmel. Sie … umarmten und küssten sich.“

„Sonst nichts?“

„Nein, aber nicht wie Freundinnen, Fiona, sondern wie … Liebende. Ich kenne den Unterschied sehr gut“, erklärte sie unglücklich.

Plötzlich wurde Fiona alles klar. Die Teile des Puzzles fügten sich zusammen. Sie schüttelte den Kopf.

„Sie müssen es Philip sagen, Charlotte.“

„Oh, das kann ich nicht, nein, wirklich nicht. Das verstehen Sie nicht.“

„Aber Sie können ihn doch nicht mit dieser Frau in die Flitterwochen fahren lassen. Das ist unmöglich, Charlotte.“

Charlotte schlug die Hände vors Gesicht. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“, jammerte sie.

„Sie wissen, was Sie tun müssen. Kommen Sie mit ins Arbeitszimmer, und warten Sie dort bitte. Ich hole Philip, dann können Sie ihm alles erzählen.“

Widerstrebend willigte Charlotte ein.

Philip bestand darauf, Steve mitzunehmen, und Fiona fühlte sich von seinem Verhalten verletzt. Aber nichts konnte sie von ihrem Entschluss abbringen, die Wahrheit über Corinne aufzudecken. Sie hatte Philip vor zehn Jahren nicht aufgegeben, damit eine hinterhältige Frau, die ganz bestimmte Absichten hatte, ihn betrog.

„Was ist eigentlich los?“, fragte er ungeduldig, nachdem Fiona die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

Charlotte saß steif im Sessel und rang verzweifelt die Hände. Schließlich schien auch Philip zu begreifen, dass etwas Entscheidendes geschehen war. „Was ist passiert? Geht es um Corinne?“ Seine Stimme klang scharf.

„Deine Mutter wird es dir erzählen“, erwiderte Fiona angespannt.

Endlich fing Charlotte an, ihm zu berichten, was sie gesehen hatte. Philip wurde blass, während Steve leise fluchte.

„Bist du absolut sicher?“, fragte Philip schließlich seine Mutter.

„Sie … hatten nur ihre Dessous an“, flüsterte sie.

Jetzt fing auch Philip an zu fluchen. Dann blickte er Fiona an. „Komm mit“, forderte er sie schroff auf.

Sie sah ihn irritiert an. „Wohin?“

„Nach oben. Ich brauche eine Zeugin, wenn ich Corinne zur Rede stelle, und ich glaube nicht, dass ich es momentan meiner Mutter zumuten kann. Steve bleib bitte hier, und sorg dafür, dass meine Mutter einen Tee oder etwas anderes trinkt.“

„Natürlich, Phil. Sieh zu, dass du mit Corinne klarkommst. Ich möchte dich jetzt nicht daran erinnern, dass ich dich gewarnt habe. Doch ich hatte immer ein ungutes Gefühl, wie du weißt.“

„Ja, du hast ja recht.“

Fiona musste sich beeilen, um mit Philip Schritt zu halten, als er zwei Stufen auf einmal nahm. Oben auf dem Flur blieb er unvermittelt stehen und drehte sich zu ihr um. „Hast du es schon vorher gewusst?“

Sie war bestürzt. „Nein, sonst hätte ich es erwähnt.“

„Aber du hast angedeutet, Corinne würde mich nicht wirklich lieben. Warum hast du das gesagt? Weich mir nicht aus, ich will die Wahrheit hören. Irgendetwas musst du gewusst haben.“

„Nein, das stimmt nicht. An dem Tag jedoch, als wir zusammen das Brautkleid gekauft haben, wurde ich stutzig. Sie erzählte, dass ihr Vater niemals damit einverstanden sein würde, wenn sie ein Baby bekäme, ohne verheiratet zu sein. Deshalb würde sie dich heiraten. Ich hielt es für eine seltsame Bemerkung. Wenn man den Partner liebt, sagt man so etwas nicht.“

„Das war alles?“

„Ja, das musst du mir glauben. Wenn du denkst, ich hätte dich im Wissen der Wahrheit Corinne heiraten lassen, irrst du dich. Ich habe schon erwähnt, dass ich mich um dich sorge, Philip, und das stimmt auch.“

„Dann bitte ich dich, mir zuliebe zu lügen. Behaupte bitte Corinne gegenüber, du hättest sie und Carmel zusammen gesehen.“

Fiona hob den Kopf. „Gern.“

Philip klopfte nicht an, sondern stürmte einfach ins Zimmer. Corinne und Carmel hatten sich offenbar in der Zwischenzeit angezogen, doch bei Philips ärgerlichem Auftritt wirkten ihre Mienen schuldbewusst.

„Was ist los, Philip?“, fragte Corinne und rang nach Luft. „Ist etwas passiert?“

„Das wirst du mir verraten, Corinne.“

Die Braut wurde blass. „Was … meinst du?“

„Vorhin ist Fiona ins Zimmer gekommen und wollte euch helfen“, erklärte er hart. „Sie hat geklopft, aber da niemand geantwortet hat, ist sie hineingegangen. Offenbar warst du mit Carmel … anderweitig beschäftigt“, spottete er. „Im Badezimmer. So war es doch, Fiona, oder?“

„Ja“, bestätigte sie.

„Hast du nichts dazu zu sagen, Corinne?“, stieß Philip hervor.

Langsam veränderte sich ihre Miene. Corinne wirkte jetzt nicht mehr schuldbewusst, sondern eher trotzig. „Nein“, antwortete sie herausfordernd. „Was gibt es da noch zu sagen? Wenn sie uns gesehen hat, ist doch alles klar.“

Philip blickte seine Braut verächtlich an. „Verrat mir eins. Wann hättest du mich wieder verlassen? Nach der Geburt des ersten Kindes oder davor?“

„Ich hatte nicht vor, dich überhaupt zu verlassen.“

Er war schockiert, und endlich empfand Corinne doch so etwas wie Gewissensbisse.

„Ich habe dich gemocht, Philip“, bekräftigte sie. „Ehrlich. Du bist der erste und einzige Mann, dessen Berührungen ich ertragen konnte. Deshalb habe ich mich für dich entschieden. Das verstehst du doch, oder?“

„Momentan ist mir nur klar, dass du meine Liebe angenommen und sie mit Füßen getreten hast.“

„Oh Philip, sei doch nicht so melodramatisch. Du hast mich nie wirklich geliebt. Ich weiß genau, wie es ist, jemanden wirklich zu lieben, denn ich liebe Carmel. Und sie liebt mich. Wir lieben uns schon seit unserem fünfzehnten Lebensjahr. Du hast mich nur gern gehabt, das ist alles.“

„Verlass bitte mit deiner Freundin das Haus. Ihr seid mit dem Auto gekommen, oder?“

„Ja.“

„Dann steigt ein und fahrt weg. Du wirst von mir hören, sobald alles geregelt ist. Ich werde die Urkunde über die Annullierung der Ehe an die Adresse deines Vaters schicken.“

„Verrat es ihm bitte nicht, Philip, sonst wird er mich enterben. Deshalb musste ich ja auch heiraten. Er kann Homosexuelle und Lesben nicht ausstehen und unverheiratete Mütter auch nicht.“

„Ich werde mit niemandem darüber reden. Meinst du, ich will mich lächerlich und zum Gespött der Leute machen?“

„Niemand würde über dich lachen, Philip. Du bist ein netter Mensch und …“

„Du liebe Zeit hör damit auf, und verschwinde mit deiner Freundin.“

Dann sah er hinter den beiden Frauen her, bis sie ins Auto gestiegen waren. Erst als der Wagen den Hügel hinunterfuhr, blickte er Fiona an, die die ganze Zeit schweigend neben ihm gestanden hatte.

„Hast du einen Mantel dabei?“, fragte er unvermittelt.

„Eine Jacke“, erwiderte sie.

„Hol sie. Wir treffen uns hier in zwei Minuten. Nimm auch deine Handtasche mit und alles, was du sonst noch brauchst. Wir verschwinden auch.“

„Wie bitte?“

„Du bist gerade im Begriff, meine Braut zu werden. Wenn wir uns jetzt unbemerkt zurückziehen, wird jeder Verständnis dafür haben. Meine Mutter kann Corinnes Vater erklären, dass ihr geliebter Sohn und seine geliebte Tochter früher als geplant weggefahren seien.“ Philip lächelte ironisch. „Natürlich denkt er dann, Braut und Bräutigam seien schon in die Flitterwochen aufgebrochen. Ich lasse Steve mit zwei oder drei anderen hinter uns herwinken. Dass du schwarze Haare hast, wird man durch die getönten Scheiben meines Wagens nicht erkennen können.“

„Aber …“

„Überleg doch, welche Alternative es gibt. Sollen wirklich alle wissen, dass die Hochzeit praktisch geplatzt ist? Woran sollen sich die Leute dann erinnern? An die herrliche und perfekt organisierte Feier oder daran, dass Braut und Bräutigam sich schon vor dem Empfang wieder getrennt haben?“

Er hat recht, dachte Fiona und seufzte. „Okay, ich hole meine Jacke.“

Philip lächelte kühl. „Ich habe damit gerechnet, dass du mir hilfst.“