7. KAPITEL

Um fünf Minuten vor zwölf beendete Fiona die Unterredung mit Rebecca. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Als sie am Morgen ins Büro gekommen war, hatte sie sich noch über Philips arrogante Bemerkungen am Telefon geärgert. Wieso glaubte er, das Recht zu haben, sie zu verhören? Niemals werde ich zulassen, dass er mich über die Vergangenheit ausfragt, nahm sie sich vor. Zehn Jahre hatte sie gebraucht, um darüber hinwegzukommen, was damals geschehen war, und sie beabsichtigte nicht, alles noch einmal zu durchleben. Und sie würde auch nichts erklären.

Bis um elf hatte sie keine Probleme gehabt und war bei ihrem Entschluss geblieben. Doch dann war sie langsam nervös geworden bei dem Gedanken, allein mit Philip im Restaurant beim Lunch zu sitzen. Um halb zwölf hatte sie angefangen, immer wieder auf die Uhr zu sehen und darauf zu warten, dass ihr seine Ankunft gemeldet würde.

Doch während der letzten fünfundzwanzig Minuten war ihr Telefon stumm geblieben. Das kam Fiona irgendwie seltsam vor, denn normalerweise läutete es an einem Montagmorgen ununterbrochen.

Sie betrachtete den verdammten Apparat, aber er stand einfach da auf ihrem Schreibtisch und schien sich über ihre wachsende Unruhe lustig zu machen. Und als es dann genau zwölf Uhr war, hatte sie das Gefühl, die Anspannung nicht mehr ertragen zu können. Es blieb alles völlig ruhig im Büro, es waren keine Stimmen zu hören, nichts rührte sich. Fiona fand die Ruhe bedrückend, und kurz nach zwölf war sie nahe daran, die Beherrschung zu verlieren. Deshalb sprang sie auf und ging ruhelos im Zimmer umher.

Plötzlich klingelte das Telefon. Sekundenlang stand sie wie erstarrt da, dann stürzte sie an den Schreibtisch.

„Ja?“, meldete sie sich atemlos.

Es war jedoch nur die Floristin, mit der sie zusammenarbeitete. Die Frau hatte einige Fragen wegen der Hochzeit am Wochenende.

Fiona war völlig frustriert und konnte sich nur mühsam beherrschen. Sie atmete tief ein, setzte sich auf die Schreibtischkante und schlug die Beine übereinander. Und dann gelang es ihr sogar, kühl und sachlich zu klingen.

Wenn sie so tat, als wäre alles in Ordnung, hatte sie sich rasch wieder unter Kontrolle, das wusste sie aus Erfahrung. So war es auch dieses Mal. Fiona wippte lässig mit dem Fuß und redete ruhig mit der Floristin, als es klopfte und Owen den Kopf zur Tür hereinsteckte.

„Moment bitte“, sagte sie ins Telefon. „Was ist los, Owen?“

„Janey hat Philip zu mir gebracht, weil du telefonierst. Soll er reinkommen?“

Fiona hatte das Gefühl, der Magen würde sich ihr verkrampfen. Das muss aufhören, er ist doch nur ein Mann und kein Racheengel, mahnte sie sich.

„Okay“, erwiderte sie betont gleichgültig. „Er kann sich hinsetzen, ich bin gleich fertig.“ Sie drehte sich um, damit sie Philip nicht anzulächeln brauchte. Dann tat sie so, als wäre sie in das Gespräch vertieft. Aber aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie er allein hereinkam, die Tür hinter sich zumachte und sich auf das bequeme Sofa setzte.

Obwohl sie sich bewusst war, dass er ihre langen Beine interessiert betrachtete, redete sie ruhig weiter mit der Floristin. Es würde lächerlich wirken, wenn sie hastig die Position veränderte, den Rock hinunterzöge und die Knie sittsam zusammenpresste. Philip hatte sowieso mehr von ihr gesehen als nur ihre Beine.

Beim Gedanken daran versteifte sie sich. Erinnerte er sich vielleicht auch daran, wie es damals gewesen war?

Sie war zunächst sehr scheu gewesen, aber nicht lange. Nachdem sie zum ersten Mal zusammen gewesen waren, hatte sie sich allzu gern von ihm ausziehen lassen und alle Hemmungen überwunden. Er hatte ihr gezeigt, wie falsch ihre Vorstellungen von der Liebe gewesen waren.

Obwohl er nicht der erste Mann für sie war, war sie in jeder anderen Hinsicht völlig ahnungslos. Sie wusste nicht, wie herrlich es sein konnte, jemanden tief und innig zu lieben. Philip lehrte sie mit atemberaubender Geschwindigkeit und Geschicklichkeit, Sex und sinnliche Lust zu genießen. Nach einem Monat gab es für Fiona keine Tabus mehr, so heftig waren ihr Verlangen und ihre Leidenschaft. Sie tat alles, was er wollte, manchmal schon, ehe er es überhaupt aussprach. Sie war seine kleine Liebessklavin gewesen, seine Noni, die niemals Nein sagte.

Sie hatten nicht genug voneinander bekommen können.

Fiona biss die Zähne zusammen, als sie daran dachte, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie errötete etwas und spürte, wie ihre erogenen Körperstellen anfingen zu prickeln. Ihre Brüste fühlten sich an, als wären sie geschwollen, was sie irritierend fand, weil sie keinen BH trug. Und ihre Brustspitzen richteten sich unter dem seidigen Material ihres Tops fest und hart auf, während ihr Hals und ihr Gesicht sich warm anfühlten.

Das Kostüm kam ihr plötzlich viel zu eng vor, und sie hätte sich am liebsten mit dem Schreibblock, der neben ihr lag, Luft zugefächelt. Stattdessen öffnete sie den Knopf ihrer Jacke und atmete immer wieder tief ein. „Ja … ja … Das wäre schön … Ich muss jetzt Schluss machen … Ein Kunde. Bis später, Gillian.“

Nachdem das Gespräch beendet war, stand sie auf, ohne Philip anzusehen, und machte die Jacke wieder zu, während sie um den Schreibtisch herumging. Erst als sie in ihrem Sessel saß, blickte sie Philip an.

Er fixierte sie geradezu – und sah ungemein sexy aus. Er trug einen dieser eleganten dunklen Anzüge, die sie an Männern liebte. Aber Philip wirkte auch ohne diese exklusiven Outfits attraktiv, am attraktivsten ohne alles und völlig nackt.

Rasch nahm sie sich zusammen und verdrängte die Bilder. Es war schlimm genug gewesen, dass er sie so intensiv gemustert hatte, als würde er sie mit Blicken ausziehen, während sie telefonierte. Wenn sie selbst jetzt auch noch damit anfing, würde die ganze Situation völlig unerträglich.

Es war jedoch schwierig, ihn anzusehen und sich nicht auszumalen, wie er nackt aussah. Er war kräftiger und muskulöser als damals. Fiona bezweifelte nicht, dass er als reifer Mann körperlich noch beeindruckender wirkte als vor all den Jahren. Und das wollte etwas heißen, denn schon damals hatte sie ihn faszinierend gefunden.

So einen Mann wie ihn hatte sie nie wieder kennengelernt. Aber solche Gedanken halfen ihr natürlich wenig, ruhig, kühl und beherrscht zu bleiben.

Sie räusperte sich und schob einige Unterlagen und einen Ordner über den Schreibtisch.

„Ich habe alles vorbereitet, was du dir ansehen wolltest“, begann sie geschäftsmäßig. „Die Referenzen, die Fotos und einen Mustervertrag, den du durchlesen kannst. Vielleicht kommst du etwas näher“, fügte sie hinzu und blickte ihn schließlich so unbeteiligt an, als wäre er nur ein Kunde.

Kühl und hart erwiderte er ihren Blick. Dann stand er auf und öffnete die Tür. „Das können wir später erledigen“, erklärte er kurz angebunden. „Ich stehe auf einem Fünfzehnminuten-Parkplatz, die Zeit ist abgelaufen.“

Fiona wollte etwas erwidern, überlegte es sich jedoch anders. Wenn sie sich jetzt auf eine Diskussion mit ihm einließe, verriet sie wahrscheinlich ihre Gefühle. Und er sollte nicht wissen, dass er immer noch Macht über sie hatte.

Deshalb stand sie auch auf und hängte sich die Tasche über die Schulter. Dann ging sie um den Schreibtisch herum und leichten, sicheren Schritts zur Tür.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie betont beiläufig, als sie an ihm vorbeieilte.

„Nach Balmoral Beach.“

Sie wirbelte herum und wäre beinah mit ihm zusammengestoßen. Sekundenlang legte sie ihm die Hand auf die Brust, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doch dann zog sie sie so unvermittelt zurück, als hätte eine Kobra sie gebissen.

„Wenn du glaubst, ich würde mit zu dir fahren, hast du dich getäuscht“, fuhr sie ihn an.

Ihre Reaktion überraschte ihn. Er blickte sie nachdenklich an. „Woher weißt du, dass ich in Balmoral wohne?“

„Deine Mutter hat es erwähnt“, behauptete sie schlagfertig.

„Ach ja?“

„Ja. Warum?“

Er zuckte die Schultern. „Es hat mich nur interessiert, woher du es weißt. Aber du brauchst nicht in Panik zu geraten. Ich wollte dich nicht mit in meine Wohnung nehmen, sondern habe im Watermark, einem Restaurant an der Balmoral Beach, einen Tisch reserviert.“

Fiona konnte es kaum glauben. In dasselbe Restaurant hatte Mark sie zum Dinner eingeladen. „Davon habe ich schon gehört“, erwiderte sie angespannt.

Philip verzog die Lippen zu einem müden Lächeln. „Das habe ich mir gedacht.“

„Was heißt das?“, fuhr sie ihn an.

„Dass eine so beliebte junge Frau wie du natürlich dort schon gegessen hat“, erklärte er spöttisch.

„Wer sagt denn, ich sei beliebt?“

Er kniff die Augen zusammen und musterte sie von oben bis unten. Ganz besonders intensiv betrachtete er ihre Brüste, die sich unter ihrer Jacke deutlich abzeichneten.

„Komm jetzt, Fiona“, forderte er sie dann auf. „Auch wenn du mir mit deiner früheren Figur in gewisser Weise lieber warst, lässt sich nicht übersehen, dass du ungemein attraktiv und reizvoll bist. Ich kann mir gut vorstellen, dass du viele Einladungen bekommst und immer einen Liebhaber hast, der allzu gern bereit ist, deine sicher immer noch vorhandenen Bedürfnisse zu befriedigen. Egal, wie sie alle heißen, wichtig ist für dich nur, dass sie gut sind und dir nicht lästig werden.“

Fiona war verblüfft über seine verbale Attacke. Sie konnte verstehen, dass er sie für flatterhaft und oberflächlich hielt. Und sie konnte damit zurechtkommen, dass er keine allzu hohe Meinung von ihr und ihrer Loyalität hatte nach all den Lügen, die sie ihm vor zehn Jahren aufgetischt hatte, und nachdem sie sich in die zweite Ehe gestürzt hatte. Doch deshalb hatte er noch lange nicht das Recht und auch keinen Grund, sie indirekt als Schlampe zu bezeichnen.

Sie wollte sich verteidigen, überlegte es sich jedoch anders. Warum versuchte sie überhaupt, ihn zu überzeugen, dass sie anders war, als er glaubte? Solange er so schlecht über sie dachte, konnte sie sich in gewisser Weise sicher fühlen.

„Na und? Was geht dich das denn an?“, fragte sie betont gleichgültig.

„Nichts“, antwortete er kühl. „Aber der arme Mark tut mir leid.“

Sie lachte. „Ich bezweifle, dass er darauf Wert legt. Doch ich werde es ihm heute Abend beim Dinner erzählen. Er holt mich nach der Arbeit ab.“

„Ah ja, deshalb das elegante Outfit. Ich hätte mir auch nicht vorstellen können, dass du dich meinetwegen so angezogen hast.“

„Wie klug du doch bist! Gehen wir? Oder willst du dir einen Strafzettel wegen Falschparkens einhandeln?“