8. KAPITEL

Der Vorort Balmoral lag nur zehn bis fünfzehn Minuten Fahrzeit von Fionas Büro in St. Leonard’s entfernt. Doch die kurze Zeit neben Philip in seinem schwarzen Jaguar kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor. Trotzdem plauderte sie munter drauflos, als hätte sie nicht die allergeringsten Probleme.

Philip tat erst gar nicht so, als wäre er in guter Stimmung. Steif saß er am Steuer und konzentrierte sich auf den Verkehr. An der Konversation beteiligte er sich nur mit einsilbigen Antworten. Als schließlich Balmoral nur noch einen Steinwurf weit entfernt war, entspannte er sich etwas und hielt das Lenkrad nicht mehr so krampfhaft fest wie zuvor. Seine Miene wirkte jedoch immer noch finster.

Fiona konnte sich nicht vorstellen, warum Philip so zornig war. Der Gedanke, dass er sich vielleicht all die Jahre nach ihr gesehnt hätte und sie seine große Liebe gewesen sei, kam ihr viel zu fantastisch und zu kühn vor. Es musste einen sehr realen Grund für seine schlechte Laune geben.

Oder war sein Ego als Mann immer noch verletzt? Möglicherweise war er deshalb so sarkastisch.

Philip hatte immer ein gesundes Selbstbewusstsein gehabt. Schon mit zwanzig Jahren waren die Frauen hinter ihm hergelaufen. Er hatte bestimmt nicht aus Büchern gelernt, so ein geschickter und einfühlsamer Liebhaber zu sein.

Da sie die erste Frau war, die ihn zurückgewiesen hatte, war es eine ganze neue Erfahrung für ihn gewesen, mit der er nicht hatte umgehen können. Den meisten Männern fiel es schwer, eine Zurückweisung zu verkraften. Du liebe Zeit, ich kann gut verstehen, dass Philip geglaubt hat, diese naive, leichtgläubige und dumme kleine Noni würde ihn sein ganzes Leben lang anbeten, überlegte sie.

Aber diese Noni gab es schon lange nicht mehr. An ihre Stelle war Fiona getreten, die weder naiv noch dumm noch leichtgläubig war. Sie würde sich von Philip nicht ausfragen lassen. Nicht einmal im Traum dachte sie daran, ihm zu verraten, warum sie sich wirklich von ihm getrennt hatte. Ich bin doch keine Masochistin, dachte sie.

Als er den Jaguar den Hügel hinab durch eine Kurve lenkte, lag plötzlich die herrliche Bucht vor ihnen. Der Anblick war atemberaubend schön.

„Oh“, sagte sie leise, „das ist fantastisch.“

„Ja“, stimmte Philip zu und warf ihr einen verblüfften Blick zu. „Hattest du nicht erwähnt, du seist schon im Watermark gewesen?“

„Nein, ich habe nur davon gehört.“

Unten am Hügel fuhr er langsam nach rechts weiter, an der gewundenen Bucht vorbei über die Esplanade. Fiona betrachtete fasziniert die wunderbare Umgebung und malte sich aus, wie herrlich es sein würde, hier zu wohnen und jederzeit in dem warmen goldfarbenen Sand liegen oder im Schatten einer der riesigen Bäume an der Promenade sitzen zu können.

Das Wasser war tiefblau, und die Wellen schlugen sanft ans Ufer. Die ganze Atmosphäre wirkte entspannend und erfrischend.

Ausflugsschiffe für Touristen gab es hier nicht, stattdessen lagen viele Jachten an den privaten Landungsstegen. Fiona betrachtete die teilweise sehr großen Häuser am Hügel und beneidete die Eigentümer um die großartige Aussicht. Obwohl man in Citynähe wohnte, war man weit genug weg und kam sich vor wie in einer Oase der Ruhe und des Friedens.

Erst jetzt erinnerte Fiona sich wieder daran, dass eins der Häuser Philip gehörte.

„Du bist sicher sehr glücklich, hier zu leben“, sagte sie, während er den Wagen auf den Parkplatz in Strandnähe lenkte, wo der größte Feigenbaum stand, den Fiona je gesehen hatte.

„Im Sommer ist es nicht ganz so angenehm“, antwortete er und stellte den Motor ab. „Unglaubliche Menschenmengen und Blechlawinen wälzen sich hier durch. Alle wollen sich ein Stückchen vom Paradies erobern. Aber im Prinzip hast du recht. Als ich zum ersten Mal hier war, habe ich mir vorgenommen, mir ein Haus mit Blick auf den Ozean zu kaufen. Es hat dann noch eine Zeit lang gedauert, bis ich das Geld für mein Traumhaus gespart hatte. Voriges Jahr war es endlich so weit.“

Fiona runzelte die Stirn. „Ich hätte gedacht, du könntest dir jedes Haus kaufen. Du hast doch das Vermögen deines Vaters geerbt.“

„Stimmt. Aber es macht mehr Freude, sich die Wünsche vom selbst verdienten Geld zu erfüllen.“

„Hast du dich deshalb dafür entschieden, Strafverteidiger zu werden, weil man damit mehr verdienen kann?“

„Nein. Das Körperschafts- und Unternehmensrecht ist keine echte Herausforderung für mich. Außerdem arbeite ich nicht gern im Team, ich bin eher ein Einzelkämpfer. Der Gerichtssaal ist meine Welt. Man kann dort kämpfen und muss sich anstrengen, wenn man gewinnen will. Es ist eine aufregende Herausforderung und ein unglaublich gutes Gefühl, die Arena als Sieger zu verlassen.“

Seine Stimme klang so leidenschaftlich, dass Fiona Herzklopfen bekam. Diese Leidenschaft unterschied Philip von den anderen Männern, die sie in den vergangenen zehn Jahren kennengelernt hatte.

„Du liebst deine Arbeit, stimmt’s?“, fragte sie leise.

„Ja, ich glaube, du hast recht“, erwiderte er so überrascht, als hätte er es selbst gerade erst festgestellt. „Aber warum betonst du es so seltsam?“ Er betrachtete sie aufmerksam. „Liebst du deine Arbeit etwa nicht?“

Fiona wandte sich ab und dachte nach. Wenn sie eine Hochzeit erfolgreich organisiert hatte, war sie hinterher mit sich zufrieden. Doch andererseits fand sie es nicht immer leicht, glückliche Paare zu sehen, die an ihrem großen Tag vor Freude strahlten und nach der Feier voller Optimismus in die Flitterwochen fuhren. Das erinnerte sie ständig daran, was in ihrem Leben fehlte.

„Es gefällt mir, selbstständig zu sein“, erwiderte sie ausweichend. „Außerdem verdiene ich gut.“

„Geld ist nicht alles.“

„Ja, Philip, das weiß ich“, erklärte sie kühl. „Ich bin keineswegs oberflächlich, wie du offenbar unbedingt glauben willst. Doch weshalb interessiert es dich überhaupt?“

Er schien zu überlegen. „Du hast recht, du kannst so leben, wie es dir gefällt. Es geht mich nichts an, und ich sollte dich nicht kritisieren. Entschuldige bitte, wenn ich unhöflich war. Aber es ist einfach so, dass …“ Er unterbrach sich und sah sie sekundenlang schmerzerfüllt an.

„Was wolltest du sagen?“, fragte sie sanft.

„Ach nichts. Ich begreife jetzt, dass die Erinnerung unsere Beziehung verklärt hat, vielleicht dich als Noni auch. Es ist möglich, dass du nie diejenige warst, für die ich dich gehalten habe. Damals konnte ich es nicht glauben, als du behauptet hast, du hättest mich nur wegen des Babys geheiratet und wolltest die Ehe nicht fortsetzen, nachdem du es verloren hattest. Für noch unglaublicher hielt ich deine Behauptung, du würdest mich nicht richtig lieben, es sei nur eine sexuelle Beziehung, die sich früher oder später sowieso von selbst erledigen würde.“

Fiona blickte ihn schweigend an und überlegte beunruhigt, wohin das führen sollte. Würde sie die Lügen von damals wiederholen müssen?

Er lachte auf. „Keine Sorge, Fiona, ich betrachte dich nicht mehr durch eine rosarote Brille. Du hast nicht gelogen, das sehe ich jetzt ein. Sex war das Einzige, was uns verbunden hat. Wir hätten uns irgendwann scheiden lassen. Du warst vernünftig, während ich hoffnungslos romantisch war. Doch damals hätte ich schwören können, es sei genau umgekehrt.“

Sie blickte ihn unverwandt an.

„Dabei hätte ich die Wahrheit selbst erkennen können“, fuhr er fort. „Was haben wir überhaupt gemeinsam unternommen, außer uns immer wieder zu lieben? Wir sind nie ausgegangen, haben uns nur wenig unterhalten, sondern uns nur gegenseitig die Kleidung vom Leib gerissen. Und das ist nichts anderes als Sex, es hat mit Liebe nichts zu tun, wie du gesagt hast.“

Fiona zuckte insgeheim zusammen, als er das, was sie für die große Liebe gehalten hatte, einfach abtat, als wäre es nichts gewesen. Er klang so überzeugt, dass sie selbst Zweifel bekam. War es vielleicht auch bei ihr nur körperliches Verlangen gewesen, das von selbst vergangen wäre? Hatte sie wegen einer Illusion an gebrochenem Herzen gelitten? War es ein sinnloses Opfer gewesen, das sie gebracht hatte?

Während sie nach Antworten suchte, sah sie Philip bestürzt an. Aber das verwirrte sie noch mehr, denn ihr Körper fing an, auf seinen zu reagieren. Und das war genau die Ebene, von der Philip soeben geredet hatte und auf der sie sich damals schon so gut verstanden hatten. Ihr fiel ein, dass sie sich immer wieder im Auto geliebt hatten. Sie hatten Stellungen und Aktivitäten in dem kleinen Wagen erfunden, die auch im Kamasutra nicht beschrieben wurden.

Ihr wurde der Mund trocken, und sie fühlte sich irgendwie ganz leicht im Kopf. Doch dann lief ein Kind laut lachend am Auto vorbei und brachte Fiona in die Wirklichkeit zurück.

Sie musste sich unbedingt ablenken. Deshalb zauberte sie ein Lächeln auf die Lippen.

„Ich bin froh, dass wir das endlich geklärt haben“, stellte sie fest. „Dann können wir beim Lunch über deine Hochzeit sprechen.“ Rasch stieg sie aus, zog an ihrem Rock und atmete tief aus und ein.

„Wolltest du nicht die Details mit meiner Mutter besprechen?“

„Das tue ich auch. Trotzdem muss ich wissen, was du möchtest.“

„Ich möchte einfach nur mit dir essen gehen, Fiona, ohne über die Hochzeit zu reden“, antwortete er schroff. „Meinst du, wir könnten das Thema auf später verschieben, wenn wir bei dir im Büro sind?“

Sie war verblüfft und auch leicht beunruhigt, zugleich jedoch entschlossen, weiterhin die Gleichgültige und Unbeteiligte zu spielen. Deshalb zuckte sie die Schultern. „Wenn du es so willst.“

„Ja, ich will es“, bekräftigte er energisch. Dann packte er sie am Ellbogen und dirigierte sie zu dem Gebäude vor ihnen.

„Außerdem“, fügte er hinzu und blieb unvermittelt vor der Tür des Restaurants stehen, „ist mir immer noch unklar, was genau vor zehn Jahren geschehen ist. Ich habe dazu eine Frage.“

„Dann frag ruhig“, forderte sie ihn betont unbekümmert auf.

„Nicht hier. Es hat Zeit.“ Er ließ sie los und hielt ihr die Tür auf.

Irgendwie gelang es ihr, zu lächeln, während sie an ihm vorbei ins Restaurant ging.