10
Als ich die Eingangsstufen des Krankenhauses herunterging, startete Lucas gerade seinen Ferrari. Er schoß aus der Parklücke und blieb direkt vor mir stehen. »Das hätte ich Ihnen gleich sagen können. Im Augenblick hat sie keine Lust auf Gesellschaft«, rief er.
Und ich hatte keine Lust auf sein dummes Gequatsche. Ich kam einen Schritt näher.
»Mein Gott, die Frau ist wie ein Vampir!« Er lächelte. Dann zog er ein Paar schwarzlederner Autohandschuhe hervor. »Wenn sie könnte, würde sie uns beide mit Haut und Haaren verschlingen.«
Ich stützte den Arm auf das Verdeck und griff mit der anderen Hand nach dem Außenspiegel. »Sie sagt, Sie hätten sie geschlagen.«
Er zuckte zusammen. »Könnten Sie die Hand da wegnehmen? Der Wagen war gerade bei der Inspektion.« Ich ließ meine Hand, wo sie war, und betrachtete die Motorhaube. »Sieht aus wie neu. Aber was ist von einem Schönheitschirurgen auch anderes zu erwarten.« Dann steckte ich den Kopf durchs Fenster. Die champagnerfarbenen Lederpolster wirkten wie frisch aus dem Autohaus. Wo eigentlich Fußmatten hingehörten, lagen kleine, in passendem Burgunderrot und Beige gemusterte Orientteppiche. Der Schaltknopf war durch eine polierte Elfenbeinkugel ersetzt worden, in die mit Perlmutt das Yin-Yang-Symbol eingelegt war. »Gepflegt, daß es schon fast neurotisch ist«, stellte ich fest, während ich mich aufrichtete.
»Und so soll es auch bleiben. Also nehmen Sie die Hand weg.«
»Wird gemacht, keine Sorge. Aber erst geben Sie zu, daß Sie Kathy geohrfeigt haben.«
Er blinzelte zu mir hoch. »Bin ich der Weihnachtsmann?«
»Wie?«
»Lassen Sie sich von der Farbe nicht täuschen; das hier ist kein Schlitten. Ich habe keine Rentiere. Und auch keinen Wunschzettel. Ich steige nicht nachts durch den Schornstein und verbreite Freude und Wohlgefallen. Ich trage keine schwarzen Stiefel und ...«
»Schluß damit. Was soll das?« Ich drehte den Spiegel, bis das Metall knirschte.
»Verdammt! Hören Sie auf!«
»Dann geben Sie zu, daß Sie sie geschlagen haben! Ist das so schwer?«
Er schüttelte den Kopf. »Hören Sie, ich habe Ihre Frage verstanden. Und ich stimme Ihnen zu: Sie hat es nötig, mal ordentlich übers Knie gelegt zu werden. Eine anständige Tracht Prügel, meine ich. Doch das ist nicht meine Aufgabe, sondern Ihre. Aber Sie brechen ja schon zusammen, wenn sie nur ein Tränchen zerdrückt. Auch wenn Sie mir das Auto auseinandernehmen, werde ich nicht die Drecksarbeit für Sie erledigen.«
Ich starrte ihn an.
»Ich habe es mir folgendermaßen vorgestellt: Ich bringe sie in Fahrt, bis Sie den Mut haben, die Haube aufzuklappen und die Sache selbst zu reparieren. Ich werde dafür sorgen, daß sie immer hübsch geölt ist; aber wenn sie heißläuft, übernehme ich keine Verantwortung. Schließlich sind Sie hier der Psychiater.«
Ich fixierte den Punkt, wo Nase und Oberlippe zusammentreffen. Mit einem gezielten Schlag kann man das Nasenbein brechen und die Maxilla soweit zersplittern, daß es sich kaum je wieder richten läßt. In gewisser Weise faszinierte mich Lucas' Charakter, so wie Paulson Levitsky von bösartigen Bakterien begeistert war. Lucas war das Lehrbuchbeispiel eine Psychopathen.
»He, wo wir gerade von Musterexemplaren weiblicher Verführungskunst sprechen«, sagte er. »Das hier wird Ihnen gefallen.« Er wies auf die Windschutzscheibe.
Eigentlich wollte ich nur kurz hinsehen, doch dann blieb mein Blick wie gebannt an dem goldenen Ring haften, der an einem wenige Zentimeter langen blauen Stück Nahtgut vom Rückspiegel baumelte. Wieso hatte ich ihn bisher noch nicht bemerkt? Mein Herz fing an zu klopfen.
»Was ist das?« fragte ich.
»Das glauben Sie mir nie.«
»Meinen Sie?«
»Zuerst lassen Sie den Spiegel los.«
Ich legte meine Hand auf den Türrahmen.
»Kommt er Ihnen nicht bekannt vor?«
»Nein«, log ich.
»Dreimal dürfen Sie raten.«
»Das ist kein Spiel.«
»Das ganze Leben ist ein Spiel, Frank. Ich gebe Ihnen einen Tip: Er gehört einer der Tänzerinnen, die wir gestern abend gesehen haben. Candy, dem Mädchen mit den tollen Titten. Ich habe ihr einen Zehner spendiert.«
»Die mit dem Piercing.«
»Treffer.«
»Das ist der Ring, den sie getragen hat.«
»Der Ring, den sie getragen hat. Sprechen Sie es ruhig aus. Es ist ihr Mösenring. Schaffen Sie das?«
»Wie haben Sie ihn in die Finger gekriegt?«
»Sagen Sie es: Mösenring!«
»Gut. Woher haben Sie ihren Mösenring?«
»Das ist eine lange Geschichte. Hatten Sie nicht etwas vor?«
»Nein, ich habe Zeit.«
»Wußte ich's doch, daß Sie das interessiert. Wir sind uns verdammt ähnlich.« Zärtlich stubste er den Ring an, so daß er am Faden hin und her baumelte. »Ich bin gestern nacht noch bei ihr vorbeigefahren. Sie macht es gern im Auto.« Er ließ den Motor aufheulen und blickte auf meine Hand. »Spüren Sie es? Sie meint, es ist, wie wenn man in einem Düsenjet vögelt.«
»Unglaublich. Sie hatten Sex? Hier im Wagen?«
»Genau an dieser Stelle, mein Freund.« Er klopfte auf den Sitz. »Und ich nehme sie mir vor, wann ich will. So lautet unsere Abmachung.«
»Welche Abmachung?«
»Wird nicht verraten.«
Noch wollte ich ihm nicht zu stark zusetzen. »Jetzt tun Sie doch nicht so geheimnisvoll. War sie gut?«
»Phantastisch. Nicht die geringste Spur von Würgereflex.« Er schüttelte den Kopf. »Sie wissen ja gar nicht, wie wenige Frauen dazu in der Lage sind. Ihn ganz in den Mund zu nehmen und nicht nur zur Hälfte.« Er bewegte die Hände im Schoß vor und zurück, als würde er ihren Kopf führen. »Sie hat mich bearbeitet wie ein Kolbenmotor.«
»Phänomenal!« Ich nickte. »Aber wie kommen Sie an den Ring?«
»Wenn ich das erzähle, halten Sie mich bestimmt für verrückt.«
»Nun, wie Sie schon sagten, Sie sind nicht der einzige perverse
Arzt nördlich von Boston.«
Er griff zum Rückspiegel, löste den Knoten des Fadens und ließ den Ring in seine Handfläche fallen. »Wie haben Sie ihr das Ding abgeluchst?«
»In allen Einzelheiten?«
»Und lassen Sie nichts weg!«
»Sie sind ja genauso pervers wie ich.« Er sah sich um, ob uns jemand belauschte. »Stellen Sie sich vor, wie sie hier sitzt, den engen limonengrünen Rock bis zur Taille hochgeschoben. Sie trägt keinen Slip. So lautet das Gesetz: Wenn sie hier im Auto sitzt, muß sie von der Taille abwärts nackt sein.«
»Logisch.«
»Sie beugt sich vor und bläst mir einen.« Mit der linken Hand machte er die Bewegung ihres vor- und zurückwippenden Kopfes nach. »Ich fasse um ihren Hintern, zwischen ihre Beine, und zwei meiner Finger arbeiten wie verrückt – vor und zurück, vor und zurück.« Er zeigte mit den Fingern, wie er es gemacht hatte. »Sie schnappt nach Luft, denn sie hat mich tief im Mund, und es kommt ihr gleich, besonders wenn ich am Ring ziehe, verstehen Sie? Sie mag den Schmerz.«
»Gut.« Wider Willen erregte mich seine Schilderung.
»Aber ich halte ihren Kopf mit der Hand fest. Und ich pumpe wie ein Schlagbohrer.« Er bewegte die Hüften, als würde er reiten. »Ist ja reizend.«
»Dann verspritze ich meinen Saft, und sie schluckt ihn, ohne einen einzigen Tropfen zu vergießen, was auch zu den Regeln gehört. Aber irgendwie muß ich einen Augenblick einen Blackout gehabt haben, denn ich ziehe immer fester an dem Ring. Und reiße ihn heraus. Sie schreit, als hätte man in sie ein Messer gestoßen.«
»Und dann hat sie Sie gekratzt?«
Er verdrehte die Augen. »Haben Sie keine Ohren? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß das Kathy das Monster war.«
»Kathy das Monster?«
»So nenne ich sie, wenn sie durchdreht.«
»Aha!«
»Darf ich fortfahren?«
»Ich höre.«
»Gut, schließlich waren wir gerade am aufregendsten Punkt der Geschichte. Als Seelenklempner werden Sie ihn zu würdigen wissen.«
Als Moniques blutiger Leichnam vor meinem inneren Auge auftauchte, war meine Erregung schlagartig verflogen. »Fahren Sie fort«, stieß ich hervor.
»Also, kaum hatte ich ihr den Ring herausgerissen, da kommt sie, und es nimmt kein Ende. Und da wir gerade beim Thema Durchdrehen sind, was glauben Sie, hat sie mir gesagt?«
Ich konnte meinen Ekel nicht länger verbergen. »Keine Ahnung«, fuhr ich ihn an.
»Machen Sie sich nicht schlechter, als Sie sind. Wie sollten Sie das auch wissen? Sie beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr, daß sie ...« Er begann zu lachen.
»Sie ...«
»Sie sagt mir, daß sie ...« Er kicherte so hysterisch, daß er kaum weiterreden konnte. »Sie sagt mir, daß sie ... mich liebt.« Mir wurde übel. »Und deshalb haben Sie sie umgebracht«, stellte ich fest.
»Prima. Sie sind wunderbar.« Er wurde plötzlich ernst. »Ich weiß nicht, wer von uns beiden neurotischer ist.«
»Warum haben Sie sie zerstückelt?« fragte ich.
»Zerstückelt? Wie? Was meinen Sie damit?«
»Ich komme gerade aus der Gerichtsmedizin. Ihre Brüste und Genitalien sind verstümmelt. Warum haben Sie das getan?«
»Aus der Gerichtsmedizin ...« Er starrte mich verständnislos an. »Ich weiß von nichts. Warum sollte ich das tun?« Ohne Vorwarnung trat er aufs Gaspedal.
Ich konnte gerade noch seinem Hinterreifen ausweichen. Hart schlug ich auf dem Boden auf. Mich durchfuhr ein stechender Schmerz, als wären mir die Rippen eingedrückt worden. Ich rappelte mich auf und blickte suchend über den Parkplatz. Der Ferrari hielt an der Ausfahrt. Einen Moment lang blieb er stehen, dann raste er auf mich zu. Hastig schleppte ich mich zu den Treppenstufen.
Mit schlitternden Reifen kam der Wagen an der Stelle, wo wir vorhin miteinander gesprochen hatten, zum Stehen. Lucas stieg aus und kam näher.
Eineinhalb Meter, also außerhalb der Reichweite meiner Fäuste, hielt er an. »Entschuldigen Sie, Frank«, sagte er, »aber ich habe es satt, daß Sie mich schlechtmachen. Ich bin zufällig einer der ehrlichsten Menschen, die Ihnen je über den Weg laufen werden. Wenn ich jemanden umbringen würde, dann hätte ich dafür meine Gründe, und dann würde ich dafür auch die Verantwortung übernehmen.« Damit wandte er sich ab, stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Ich klopfte mir den Staub von den Kleidern und schleppte mich in den Rover. Nachdem ich die Türen verriegelt hatte, tastete ich meine Rippen nach Blessuren ab. Diese Untersuchung hatte ich schon lange vor meinem Medizinstudium kennengelernt. Als ich dreizehn war, hatte mir mein Vater mit einem Schlag zwei Rippen gebrochen. Ich habe vergessen, was ihn damals so in Wut versetzt hatte, und vielleicht wußte er es zu jenem Zeitpunkt selbst auch nicht. Doch ich erinnere mich noch gut, daß ich Henry Harris, dem Hausarzt unserer Familie, vorlog, ich hätte mich verletzt, als ich beim Basketballspiel im Park einem tiefangesetzten Ball nachtauchte. Harris war bei den Marines Boxer gewesen, und noch immer bewegte er sich geschmeidig wie eine Katze. Seine Finger tanzten über meine Rippen und meinen Brustkorb, während er mich aufmerksam beobachtete, damit ihm kein Zeichen des Schmerzes entging und er die Brüche genau lokalisieren konnte. Dabei erklärte er mir, wie man sich richtig hinfallen ließ, mit den Füßen voranschlitterte, ohne dabei den Korb aus den Augen zu verlieren. Nachdem er mir eine elastische Rippenbinde angelegt hatte, hob er mich mühelos auf, setzte mich auf das weiße Krepppapier, das heute wohl jeden Untersuchungstisch der Welt bedeckt, und gab mir noch etwas mit auf den Weg: »Du gehst jetzt nach Hause und ruhst dich aus. Ich werde mit deinem Vater mal ein Wort über Sportverletzungen sprechen. Wenn dir so was mal wieder passiert, kommst du auf der Stelle zu mir und berichtest mir davon.«
Als mein Vater nach Hause zurückkehrte, war seine Lippe aufgeplatzt und eines seiner Augen zugeschwollen. Später, als ich das Ohr an die Badezimmertür legte, hörte ich ihn zum erstenmal in meinem Leben weinen, und – ebenfalls zum erstenmal – spürte ich, daß ich ihn liebte, ihn immer lieben würde, trotz allem, was geschehen war. Doch damit wurden die Schläge nur noch schwerer zu ertragen.
Ich konnte keinen Bruch entdecken. Mein Atem ging regelmäßig, also brauchte ich mir um einen Lungenriß keine Sorgen zu machen. Doch das Erlebnis hatte mich sehr mitgenommen. Ohne nachzudenken, zog ich den Beutel mit dem weißen Pulver aus dem Handschuhfach. Zum Trost.
Trost. War es wirklich das, was ich brauchte? Welcher Unterschied bestand eigentlich zwischen Trost und Betäubung? Wie sollte ich die Motive eines Mörders ergründen, die immer auch mit leid zusammenhängen, wenn ich selbst alles daran setzte, meinen eigenen Schmerz zu verdrängen?
Im Geiste hörte ich Ted Pearson, wie er mir erklärte, daß jedes Verbrechen letztlich darauf zurückgeführt werden kann, daß der Täter sich weigert, seinen Schmerz zuzulassen. »Deshalb ist man moralisch verpflichtet«, sagte er, »sich den eigenen Problemen zu stellen. Nur dann können Sie ein anderer Mensch werden als Ihr Vater.«
Pearsons Warnung verhinderte jedoch nicht, daß ich meine Psychotherapie abbrach. jetzt sah ich ein, daß er recht hatte. Wie viele Menschen wollte ich noch verletzen, bevor ich den Schmerz annahm?
Ich hielt das Säckchen zwischen den Fingerspitzen. Verlockend rieselte das Pulver im Beutel. Ich riß die Schweißnaht auf, steckte die angefeuchtete Fingerspitze hinein und ließ den sauren Geschmack des Kokains noch ein letztes Mal auf der Zunge zergehen. Als sei es das Normalste der Welt, kippte ich dann die drei Gramm Koks aus dem Fenster. Eine Zeitlang saß ich reglos da. Ich zwang mich dazu, nicht die Fahrzeugtür zu öffnen und nachzusehen, ob man einen Teil des Pulvers wieder vom Pflaster aufkratzen konnte. Doch erst als ich mir vorstellte, wie ich auf den Knien lag und den Boden ableckte, verabschiedete ich mich endgültig von diesem Gedanken.
Ich mußte Emma Hancock berichten, daß Lucas Moniques Ring hatte. Doch erst wollte ich mir darüber klar werden, was ich ihr außerdem noch erzählen wollte. In meiner Wut und meiner Eifersucht konnte ich mich leicht dazu verleiten lassen, Lucas als den Mörder hinzustellen. Dabei wußte ich eigentlich nur, daß er etwas besaß, das dem zweiten Opfer gehört hatte. Zwar stand fest, daß er Monique kurz vor ihrem Tode gesehen hatte, aber das traf auf mich auch zu. Außerdem beschäftigte mich die Frage, die er mir gestellt hatte. Warum hätte er sie töten sollen? Falls er wirklich ein heimlicher Frauenhasser war, hatte er sich den idealen Beruf ausgesucht: Er durfte Frauen aufschneiden und wurde dafür auch noch prima bezahlt. Aber vielleicht reichte ihm (las jetzt nicht mehr, vielleicht fehlte ihm der Kitzel, weil sich seine Patientinnen freiwillig unters Messer legten. Schließlich mußte er seine Wut im OP soweit zügeln, daß er sich nach den Wünschen seiner Auftraggeberinnen richtete. Vielleicht hatte er es satt, ein Messerheld auf Bestellung zu sein. Womöglich verschaffte es einem Mann, der im Grunde seines Herzens ein Schlächter war, keine rechte Befriedigung mehr, saubere Schnitte an Gesicht oder Brust einer Frau anzusetzen. Doch warum zeigte er mir dann den Ring? Wollte er damit erreichen, daß ich ihn an seinem Tun hinderte? Das klang mir zu klischeehaft.
Mir waren Motive noch immer nicht klar. Vielleicht ließ sich ein Hinweis in Moniques Wohnung finden. Ich startete den Rover und setzte zurück. Am liebsten hätte ich vor meiner Abfahrt den Boden nach Kokainkrümeln abgesucht. Schließlich mußte ich nachdenken. Doch zum erstenmal seit langem begriff ich, daß ich mich endlich mit meinen Gefühlen beschäftigen mußte.
Die Union Street mündet in die Joyce Street, und die wiederum führt in die Highlands, jenes Gebiet von Lynn, das die ärmsten Bewohner beherbergt – ein Glasscherbenviertel, in dem Glassplitter auf den Straßen glitzern, zerrissene Bettlaken anstelle von Vorhängen aus den Fensteröffnungen wehen und zerbrochene Flaschen die Bordsteinkante säumen. Nachdem ich nach links in die Monroe Avenue eingebogen war, hielt ich vor der Nummer 115, einem schmuddeligen, grünen, zweistöckigen Gebäude. In der Einfahrt stand ein verrosteter Pick-up, und auf der nackten Erde, wo eigentlich der Vorgarten sein sollte, parkten zwei Streifenwagen.
Nur an der obersten der drei Klingeln befand sich ein Schild. Auf dem vergilbten Papier standen die Namen Marzipan und Peletier.
Ich betrat den Flur. Der abgestandene Geruch erinnerte mich an das Mietshaus, in dem ich aufgewachsen war, allerdings mit einer leicht süßlichen Komponente – geschmolzenes Kokain. Die Wohnung rechts von der Treppe hatte keine Tür, und ich sah eine Anzahl Matratzen auf der orangefarbenen Auslegeware. Zu Kugeln zusammengedrückte Aluminiumfolie lag auf dem Boden. Ich wußte, wozu sie gut war. Die Wohnung war eine Crack-Höhle. Für einen Zehner bekam man eine Ration, ein Stück Folie, um sich eine Pfeife zu basteln, und ein Plätzchen, wo man sie in Ruhe rauchen konnte. Der Müll auf dem Boden wies darauf hin, daß die Geschäfte glänzend liefen. Wahrscheinlich würde Malloy sie wieder öffnen lassen – gegen eine Monatsmiete, versteht sich –, sobald die Ermittlungen abgeschlossen waren. Nicht, daß es von Bedeutung war, was er tat – in einer Stadt, die vor die Hunde geht, gehört Crack zum Alltag. Ich ging die Treppe hoch. Die Holzdielen knarrten unter meinen Schritten.
Die Tür zur Wohnung im ersten Stock war geschlossen, aber ich hörte, wie sich ein Mann und eine Frau dahinter auf spanisch anbrüllten.
Ich eilte weiter. Quer vor den Eingang zu Moniques Wohnung war gelbes Klebeband mit der Aufschrift: »Polizeiliche Ermittlungen – Zutritt verboten« gespannt. Drinnen sah ich Angel Zangota, den Beamten, der mich bei meinem ersten Besuch in Westmorelands Zelle geführt hatte, und einen hageren Mann mit rasiertem Schädel. Als er mich entdeckte, kam er auf mich zu.
Ich riß das Klebeband von der Tür. »Verschonen Sie mich mit Ihrem ›Zutritt verboten‹«, sagte ich. »Ich arbeite für Emma Hancock. Wenn Sie mir nicht glauben, rufen Sie sie an.«
»Kevin Malloy ...«
»Malloy kann mich mal kreuzweise.«
Er unterbrach mich mit einer Handbewegung. »Malloy hat vor ein paar Minuten angerufen und mir mitgeteilt, daß Sie rein dürfen. Ich glaube, er mußte dringend zum Arzt. Sonst wäre er selbst gekommen.«
»Er hat Zahnschmerzen.«
»Richtig. Sein Anruf kam aus der Praxis von Dr. Plotka. Woher wissen Sie das?«
»Ist egal. Was hat er denn gesagt?«
»Er muß sich zwei Backenzähne fixieren lassen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine, über mich.«
»Ich soll Ihnen alles zeigen, was Sie sehen wollen. Auch das Erdgeschoß.«
»Was hat das Erdgeschoß damit zu tun?«
»Der beschlagnahmte Stoff ist im Streifenwagen.« Er blinzelte mir zu. »Auf der Rückbank, hinter dem Beifahrersitz. Streichhölzer finden Sie im Handschuhfach.«
Zweihundertfünfzig die Stunde, und so viel Kokain, wie ich rauchen oder schnupfen konnte. Was hätte ich vor zwei Tagen noch für solch ein Angebot gegeben! »Nein danke«, entgegnete ich.
»Ist das Ihr Ernst?«
»Vielleicht später.«
»Später gibt's nichts mehr. Der Stoff ist gut.«
Ich sah ihm in die Augen und stellte fest, daß er selbst high war. »Offensichtlich.« Ich ging an ihm vorbei und reichte dem Mann mit dem rasierten Schädel die Hand. »Frank Clevenger«, sagte ich. »Ich bin der Psychiater, der die Untersuchungen in dem Mordfall unterstützt.«
Er ergriff meine Hand. Seine Klauenfinger endeten in langen, rotlackierten Nägeln. »Entschuldigen Sie bitte die Unordnung hier«, zwitscherte er, »aber ich durfte nichts anrühren.«
Ich machte mich los und sah mich um. Der Couchtisch war umgestürzt. Eine Lampe lag in Scherben auf dem Boden. Mein Blick blieb an der Couch haften; das mittlere Sitzkissen war blutgetränkt, und auch an den Wänden entdeckte ich Blutspritzer.
Zangota trat zu uns. »Dr. Clevenger, das ist Mercury Marzipan.«
»Mercury Marzipan?« Merkur, wie der Götterbote? »Es gibt eben solche und solche, Frank«, meinte Marzipan. »Dem Himmel sei Dank. Ist das Ihr Künstlername?«
»Meine Eltern sind Rumänen und hatten einen Party-Service«, grinste er.
Ich erwiderte sein Lächeln.
»Den Namen habe ich mir zugelegt, als ich aus der CIA ausschied.«
»Sie haben für die CIA gearbeitet?« fragte Zangota.
Marzipan wandte sich zu ihm um. »Ich war Doppelagent«, spottete er, »bis die Mauer fiel.« Dann sah er wieder mich an. »CIA steht für das Culinary Institute of America. Mein Gesellenstück war ein einssechzig hoher Marzipan-Merkur, mit Kappe, Flügeln und allem, was dazugehört.«
»Daher also der Name Mercury Marzipan.«
»Er paßte besser zu meinem neuen Job.«
»Welchem neuen Job?«
»Konditor im Ritz.« Er wurde ernst. »Mein Geburtsname lautet Elliot Stankowitz.«
»Ich verstehe«, sagte ich.
»Mr. Marzipan hat die letzten beiden Jahre mit Monique Peletier zusammengewohnt«, schaltete sich Zangota ein. »Falsch, Zorro«, warf Marzipan ein.
»Zangota«, verbesserte ich ihn.
»Er soll nur kapieren, wie das ist. Es heißt Ms. Marzipan. So war es jedenfalls geplant. Sie als Seelenklempner verstehen das vielleicht besser. Ich lasse mich umwandeln, und das allein kostet mich schon Nerven genug. Aber nun noch dies ...« Er blickte sich im Zimmer um.
Erst jetzt fiel mir auf, daß sich unter Marzipans gelbem Leinenhemd kleine Brüste abzeichneten.
»Ich mußte im Leben auch schon viele Veränderungen ertragen.« Zangota nickte. »Erst Salem, dann Saugus und nun Lynn. Ich weiß, wie das ist. Man muß sich anpassen.«
»Er meint eine Geschlechtsumwandlung, Angel«, erklärte ich. »Mercury wird eine Frau.«
»Congratulaciónes!« meinte Zangota trocken.
»Zorro hat mir verboten, mein Haar zu tragen«, beschwerte sich Marzipan und wies auf die Kommode. Auf einem Porzellankopf thronte eine Perücke mit brauner, wallender Mähne. Das weiße Porzellangesicht war mit Blutflecken übersät. »Sie wird als Beweismaterial gebraucht«, erklärte ich ihm. »Ich brauche sie auch. Ohne sie fühle ich mich nackt!«
»Warum sagten Sie, es war geplant, daß Sie zur Frau werden. Haben Sie Ihre Meinung geändert?«
»Nicht im geringsten, und wenn ich solch ein Prachtexemplar von Mann vor mir habe wie Sie, fühle ich mich in meinem Entschluß nur noch mehr bestätigt.« Er musterte mich von oben bis unten. »Sie könnten als Model durchgehen. Aber das wissen Sie ja sicher schon selbst.«
»Vielen Dank. Aber wenn Sie keine Zweifel haben, was spricht dann noch dagegen, daß aus Ihnen eine Frau wird?«
»Da kommen Dinge ins Spiel, die sich meinem Einfluß entziehen«, meinte er kopfschüttelnd.
»Und das wäre?«
»Moniques Tod zum Beispiel.«
»Was ändert sich dadurch?«
»Sie war ein Teil der Abmachung.«
»Welcher Abmachung?« fragte Zangota.
»Ich sage kein einziges Wort mehr, ehe ich nicht meine Perücke aufsetzen darf. Schließlich bin ich hier schutzlos Ihren Blicken ausgeliefert und damit der Lächerlichkeit.«
»Sie haben recht. Setzen Sie sie auf«, sagte ich.
Marzipan ging zur Kommode.
»Er vernichtet ... «, setzte Zangota an.
»Hören Sie, dies ist nicht der Fall O. J. Simpson. Er hat das Ding schon hundertmal getragen. Wir wollen doch nicht wegen einer solchen Kleinigkeit aneinandergeraten!«
»Gut. Aber ich lehne die Verantwortung dafür ab.«
»Kein Problem. Ich erkläre dem Gerichtsreporter, daß Sie zu stoned waren, um was mitzukriegen.« Marzipan machte sich vor dem Badezimmerspiegel zurecht. Ich ging zu ihm hinüber und stellte mich in die offene Tür. Gerade trug er die Wimperntusche auf. »Also, was war das für eine Abmachung mit Monique?«
Er beugte sich zum Spiegel vor und prüfte seine Wimpern. Ich wartete.
»Es kommt doch nicht in die Zeitung, oder? Meine Eltern würden tot umfallen, wenn sie es erfahren.« Für mich hörte sich das eher nach einer Wunschvorstellung an. »Bei jeder Ermittlung gibt es undichte Stellen. Versprechen kann ich nichts.«
»Es wäre ein Schlag für die ganze Familie. Sie sind sehr konservativ. Dad ist Vorsitzender des Yachtclubs von Marblehead.« Er griff nach dem Rouge. »Als ich letztes Jahr wegen Drogenbesitz verhaftet wurde, erlitt er einen leichten Herzinfarkt.«
»Wenn das, was Sie mir erzählen wollen, tatsächlich so heikel ist, könnte es Ihren Eltern sicher schwer zusetzen«, meinte ich. »Besonders Ihrem Vater.«
Ich sah, daß Marzipan leicht grinste, während er einen rosa Lippenstift aufschraubte. Er schminkte sich die Lippen und preßte sie aufeinander, um die Farbe gleichmäßig zu verteilen. Dann wandte er sich zu mir um.
Mit der Perücke und dem Make-up hätte er jederzeit als Frau durchgehen können. Er war sogar recht hübsch. »Sehr überzeugend«, stellte ich fest.
»Danke für das Kompliment.« Marzipan sprach jetzt leiser und wirkte ruhiger. Er setzte sich auf den Rand der Badewanne und schlug die Beine übereinander. Sie waren rasiert. »Es ging dabei um die Operation zur Geschlechtsumwandlung. Als Entgelt für die Arbeit konnte mein Arzt Monique und mich haben, wann immer er wollte. Aber nun weiß ich nicht, ob das Geschäft ohne Monique noch gilt. Ich glaube, er mochte sie lieber als mich.«
»Wie kommen Sie darauf ?«
»Ich weiß nicht so recht.« Er runzelte die Stirn.
»Stellen Sie sich nicht so an, Mercury. Sie sprechen mit einem Psychiater.«
Er zuckte die Achseln. »Mit mir hatte er nur Sex in der Wohnung, hinter geschlossenen Türen, als würde er sich schämen. Monique aber nahm er, wo er gerade war. Selbst im Auto.«
Ich blieb einen Moment lang reglos stehen. »Was für ein Auto?« fragte ich schließlich.
»Ein Phallussymbol, wenn Sie mich fragen. Der Mann ist nämlich nicht besonders gut ausgestattet.«
»Was für ein Auto?«
»Eine Angeberkiste. Ein roter Ferrari.«
Ich rang um Fassung. »Warum sollte Monique das tun: sich verkaufen, damit Sie eine Frau werden können?«
»Logisch, daß Sie das fragen. Diese kleine Ratte hätte sich nicht mal auf eine französische Nummer eingelassen, wenn es um mein Leben gegangen wäre. Aber man soll ja nicht schlecht über die Toten reden.« Er beugte sich vor und klopfte auf den hölzernen Türrahmen. »Bei dem Geschäft ging es um zwei Operationen, meine und ihre.«
»Zwei? Was für eine Operation wollte sie vornehmen lassen?«
»Das war schon erledigt. Vor der Brustvergrößerung hatte sie einen Minibusen.« Er sah an sich hinunter. »Und ich wäre schon zufrieden, wenn ich eine halb so schöne Brust gekriegt hätte. Bei ihr hat man nicht die kleinsten Narben gesehen.«
»Dieser Arzt – heißt er Trevor Lucas?«
»Doch wohl nicht etwa ein Freund von Ihnen?«
»Nein.«
»Aber Sie kennen ihn.«
»Ich lerne ihn allmählich kennen.«
»Können Sie nicht ein gutes Wort für mich einlegen? Damit er mich nicht hängen läßt?«
Ich wollte mir nicht noch einmal vorwerfen müssen, daß ich einen Hinweis überhört hatte. »Sie sind doch nicht so verzweifelt, daß Sie sich etwas antun würden, Mercury? Das würden Sie mir doch sagen, oder?«
»Wirke ich so auf Sie?«
»Nein, aber wenn jemand das Wort ›hängen‹ benutzt ...«
»Das war nur ein Scherz.« Er faßte sich zwischen die Beine. »Hängen, verstehen Sie nicht?«
»Doch.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Halten Sie sich von Dr. Lucas fern. Es ist weitaus ungefährlicher, seine Meinung zu ändern als sein Geschlecht.«
»Sie Großkotz haben gut reden. Sie sind schließlich nicht im falschen Körper gefangen.« Er stand auf und ging zum Spiegel. Ich sah ihm zu, wie er einen weiteren Hauch Rouge auflegte. Am liebsten wäre ich tiefer in seine Psyche eingedrungen, um herauszufinden, warum er seine Männlichkeit nicht annehmen konnte. Mir war sogar schon ein Einleitungssatz eingefallen: Den Schwanz hat man Ihnen schon vor langer Zeit abgeschnitten. Das würde ihn wahrscheinlich so in Wut versetzen, daß er sich ein paar seiner Probleme stellte. Doch was dann? Was sollte er in zehn Minuten tun, wenn er auf die Wahrheit zusteuerte und ich nicht mehr da war? Ich seufzte und sagte: »Da haben Sie recht. Ich würde lange Zeit brauchen, um zu verstehen, wie man sich in Ihrer Situation fühlt.«
Er erstarrte mitten in der Bewegung und sah mein Spiegelbild an.
»Wenn Sie darüber sprechen möchten – ich meine, herausfinden wollen, was dahintersteckt –, meine Praxis ist in Marblehead, und äh ...« Ich hielt inne. »Ich könnte vielleicht einen Therapeuten finden, der sich damit auskennt. Einen guten Therapeuten.«
»Danke« erwiderte er zögernd.
»Keine Ursache.« Ich tätschelte ihm beim Hinausgehen den Arm. »Viel Glück, Mercury.«
Ich blieb neben Zangota vor der Schwelle stehen und sah zu, wie er das Klebeband erneuerte, das ich abgerissen hatte. Meine Gedanken überschlugen sich. Lucas war mit Monique in der Mordnacht zusammen gewesen. Er hatte ihr die Brust operiert, und ich war mir fast sicher, daß er ihr auch das Piercing verpaßt hatte. Vielleicht hatte sie ihm den Sex verweigert, den sie ihm schuldete, und so hatte er sich die von ihm verschönerten Körperteile zurückgeholt. Doch das war bisher nur eine Hypothese. »Keine Spur von der Mordwaffe?« fragte ich.
»Wir haben jeden Zentimeter der Wohnung und den ganzen Garten durchkämmt.« Mit einem Nicken wies Zangota auf die Tür. »Was hat er – oder sie oder was auch immer – Ihnen im Bad erzählt?«
Ich fand es zu früh, die offiziellen Ermittlungen auf Lucas zu lenken, denn ich fürchtete, Emma Hancock würde dann nicht mehr zu bremsen sein, ganz gleich, wie die Beweislage auch aussah. Und wenn wir Zeit verschwendeten, würden womöglich noch weitere Morde geschehen. »Nichts, was uns irgendwie weiterbringen könnte«, antwortete ich. Zangota blinzelte mich argwöhnisch an. »Dafür hat er aber ganz schön lange gebraucht.«
»Also gut, er hat gestanden. Er hat Monique und Sarah umgebracht. Und John F. Kennedy und John Lennon.«
»Er wollte doch von einer Abmachung erzählen.«
»Ach so, die dumme Sache mit der rückständigen Miete. Mercurys Hauswirt hat die Augen zugedrückt, weil er gern ein hübsches junges Ding wie Monique im Haus wohnen hat. Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, muß Mercury alles nachzahlen, wodurch seine Operation natürlich ...«
Plötzlich drang aus der Wohnung im ersten Stock lautes Geschrei. »Weshalb, zum Teufel, streiten die eigentlich«, fragte ich Zangota.
»Sie sagt: ›Laß ihn in Ruhe! Laß ihn in Ruhe!‹»
Die Frau kreischte.
Ich lief zur Treppe, gefolgt von Zangota. »Und was sagt der Mann?« rief ich.
»Er will ›dem kleinen Hurensohn eine Lektion erteilen‹.«
Als ich auf dem Treppenabsatz im ersten Stock ankam, hörte ich einen Schlag. Ich rannte schneller. Dann schrie ein Kind auf. Ich handelte automatisch, gesteuert von etwas tief in meinem Innern, auf das ich keinen Einfluß hatte. Ich trat einen Schritt zurück und rammte meinen Fuß gegen die Tür. Beim ersten Tritt brach sie aus den Angeln. Ein Blick sagte mir, was hier los war. Ein etwa dreißigjähriger Mann stand in einer Ecke des Zimmers. Als er sich zu mir umdrehte, nahm ich nicht sein Gesicht wahr, sondern nur die muskelbepackte Brust und die kräftigen Arme. Mein nächster Blick galt der Frau, die im Schneidersitz auf der Couch vor mir saß und das Gesicht in den Händen verbarg. Ich sah Wieder zu dem Mann hinüber. Vor ihm auf dem Boden kauerte ein Junge von etwa sieben, acht Jahren. Aus seiner Nase rann Blut. Ohne nachzudenken ging ich auf die beiden zu. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, was zu tun war. Der Mann vertrat mir den Weg. Ich ging weiter. Er holte aus, doch ich packte sein Handgelenk, riß seinen Arm nach vorne und hieb meinen Handrücken in seinen Ellenbogen. Das Gelenk knackte. Er fuhr zurück und umfaßte seinen lose baumelnden Unterarm. Dann beugte er sich vor und wollte wie ein Büffel auf mich losstürmen. Ich ließ ihn bis auf einen halben Meter an mich herankommen, dann trat ich zur Seite und rammte ihm das Knie in die Brust. Keuchend stürzte er zu Boden. Aus den Augenwinkeln sah ich, daß die Frau auf mich zustürzte. Ich packte sie, wirbelte sie herum und schleuderte sie zurück auf die Couch. Dann beugte ich mich über den Mann auf dem Boden.
Zangota schob sich dazwischen. »Das reicht«, sagte er. »Den Rest übernehme ich.«
Ich versuchte ihn fortzuschieben, doch er blieb, wo er war.
»Ich sagte, ich übernehme ihn«, fuhr er mich an. »Sie sollten sich lieber um den Jungen kümmern.« Um wen?«
»Den Jungen. Ihm geht's beschissen.«
Ich fuhr herum. Der Junge richtete sich zitternd auf. In seinen Augen stand Entsetzen. Ich ging zu ihm, kniete mich hin und wischte ihm das Blut von den Lippen. Dann legte ich ihm die Hände auf die Schultern. Er ließ sich an meine Brust sinken und begann zu weinen. Ich hielt ihn in meinen Armen. Plötzlich merkte ich, daß mir seine Tränen über die Wangen liefen, doch dann wurde mir klar, daß das nicht möglich war. Sein Kopf lag auf meiner Schulter. Es waren meine eigenen Tränen.