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Mittwoch, 2:38

Ich fuhr hoch und riß die Arme vors Gesicht, um den nächsten Schlag abzuwehren. Mit strampelnden Beinen schob ich mich auf der Matratze vorwärts, bis ich ans Kopfbett gepreßt kauerte und hin und her schaukelte wie ein Kind. Ich sah mich im dunklen Zimmer um. Obwohl ich wußte, daß der Traum vorbei war, roch ich noch immer den alkohol- und tabakgeschwängerten Atem meines Vaters. Meine Nase brannte, und vom Zähneknirschen tat mit der Kiefer weh. Außerdem war mein Mund so trocken, daß es schmerzte. Ich machte Licht. Da ich voll bekleidet schlafen gegangen war, trug ich immer noch meine Stiefel. Der Geruch nach Scotch und Zigaretten kam einzig und allein von mir. Ich rappelte mich auf, zog mich aus und ging ins Bad, um einen Schluck Leitungswasser zu trinken. Das kalte Wasser schmerzte zwar an den Zähnen, doch (las Brennen in Mund und Kehle ließ nach. Dann zündete ich mir eine Marlboro aus dem Päckchen in der Hausapotheke an und setzte mich in den Ohrensessel neben dem Bett. Ich hatte Angst, fühlte mich hilflos und leer.

War ich wirklich so viel stabiler als Westmoreland? Oberflächlich betrachtet war ich Arzt, fuhr einen Rover und lebte mit einer Berufskollegin in Marblehead. Ich hatte mit einem psychotischen Obdachlosen nichts gemein. Aber im Grunde meines Herzens wußte ich, (laß es auch einige Übereinstimmungen gab. Er hatte kein Heim, ich fühlte mich in meinem nicht wohl – ja, nicht einmal in meiner eigenen Haut. Er wurde von Stimmen und Visionen geplagt, ich von meinen Erinnerungen, die mich aus dem Schlaf rissen und die ich nur im Drogennebel vergessen konnte. Wie stark mußte der Schmerz, wie schrecklich ein Erlebnis sein, damit ich ebenfalls den Verstand verlor?

Mehr als ein Drittel der sechsunddreißig Stunden, die Emma Hancock mir zugestanden hatte, war schon vorbei. Und ich wußte kaum mehr über Westmoreland als am Anfang.

Gerade wollte ich mir einen Scotch eingießen, als das Telephon läutete. Da ich vermutete, daß es Kathy war, überlegte ich, ob ich rangehen oder sie darüber im ungewissen lassen sollte, wo ich steckte. Am Ende von Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gibt es eine Szene, in der Paul Newman das Telephon einfach weiterklingeln läßt, weil er ahnt, daß seine untreue Exfreundin am Apparat ist. Eigentlich wollte ich es genauso machen, aber ich bin nun mal nicht Paul Newman, und ich hatte das Beürfnis, mit ihr zu sprechen. »Clevenger«, meldete ich mich.

»Ich hab's gefunden!« sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Hallo?«

»Ich hab's!«

»Paulson, weißt du, daß es drei Uhr früh ist?«

»Hast du verstanden. Ich hab's gefunden!«

Er klang wie ein manischer Patient. »Beruhige dich erst mal. Was hast du denn gefunden?«

»Bist du bereit?«

»Im Moment habe ich zufällig gerade nichts anderes vor.«

»Okay, dann hör mal gut zu. Bist du noch dran?«

»Paulson ...«

Er kicherte. »Es war so schwierig, weil es eigentlich ganz einfach ist. Was übrigens für alle bedeutenden Fragen der Wissenschaft gilt. Ich habe nur den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Hier ist die Antwort: Westmoreland hat sie nicht vergewaltigt und anschließend umgebracht, sondern sie erst umgebracht und dann vergewaltigt. Deswegen hat sie sich nicht gewehrt und sich nicht mal untenrum verkrampft. Das konnte sie nämlich nicht, weil sie nicht mehr lebte.« Das klang plausibel. Ich zog an meiner Zigarette.

»Kann man das mit einemTest beweisen?«

»Nicht definitiv, aber ich habe was entdeckt. Normalerweise ziehen unwillkürliche Kontraktionen der glatten Muskeln das Sperma hinauf und durch den Muttermund. Sogar bei einer Vergewaltigung. Bei Sarah befand sich das Sperma ausschließlich in der Vagina. Wahrscheinlich haben ihre Muskeln nicht mehr zucken können, als Westmoreland sie vergewaltigt hat.«

»Das Problem ist nur, daß sich für Westmoreland dadurch nicht viel ändern dürfte«, meinte Levitsky. »Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Als ich das letztemal nachgeschlagen habe, stand auf Vergewaltigung in Tateinheit mit Mord dieselbe Strafe wie auf Mord in Tateinheit mit Vergewaltigung.«

Als ich mir die Nase abwischte, bemerkte ich Blut auf meinen Fingern. »Warum bist du so sicher, daß er sie ermordet hat?«

»Ich bin überhaupt nicht sicher. Aber ich bin Realist. Wie Malloy und die Hancock an die Sache rangehen, spielt es wahrscheinlich sowieso keine Rolle. Besonders jetzt, nachdem Sam Fitzgerald eingeschaltet wurde.« Sam Fitzgerald war Gerichtspsychiater. Der Inhalt seiner Gutachten hing eindeutig davon ab, wer sein Honorar bezahlte. »Was soll das heißen?« fragte ich.

»Ich dachte, du wüßtest es. Die Hancock hat ihn beauftragt. Als ich gestern abend meinen vorläufigen Bericht abgab, war Fitzgerald gerade auf dem Weg zu Westmoreland. Er sagte, er würde dich anrufen, sobald er fertig ist.«

»Soviel zur katholischen Mädchenschule.«

»Was?«

»Nichts.« Ich blies einen Rauchring in die Luft und sah zu, wie er davon schwebte. »Inzwischen sollte ich gelernt haben, daß man viele Konkurrenten hat, wenn man den geraden Weg nimmt.«

Eigentlich brauchte ich mehr Schlaf, aber ich hatte keine Zeit. Zum Glück war noch etwas von meinem Vorrat übrig. Ich hob die Jeans vom Boden auf, kramte eines der kleinen Zellophanpäckchen aus der Tasche und schnupfte den restlichen Stoff. Dann ging ich unter die Dusche.

Das warme Wasser auf meinem Rücken wirkte entspannend. Ich lehnte mich in die Ecke und preßte mein Gesicht gegen die kühlen Marmorkacheln. Ich mußte an Rachel denken, wie sie auf dem Barhocker gesessen hatte, das Kleid geschlitzt bis fast zwischen die Beine. Ich stellte mir vor, sie hätte meine Hand auf ihrem Bein liegengelassen. Ich schob ihr die Knie auseinander und strich mit dem Finger die Innenseite ihres Schenkels entlang. »Bitte ... «, flüsterte sie. Sie keuchte. Ich streichelte ihre von Stoff umhüllte Haut, malte mir aus, wie sie sich auf die Unterlippe biß. Sie flehte mich an: »Bitte, bitte, bitte ...« Mit geschlossenen Augen lehnte ich mich an die Wand, schließlich verscheuchte ich die Gedanken an Rachel. Dann stellte ich mich unter den Duschstrahl und spülte mir die Haare aus dem Gesicht. Inzwischen wirkte das Koks, und ich konnte klarer und schneller denken. Ich mußte in Westmorelands Verstand eindringen. Aber ich hatte keine fünf Jahre, um ihn zu analysieren und die Hintergründe seiner Psychose zu ergründen. Mir blieben nicht einmal die zwei Wochen, die es dauern würde, bis das Thorazin seine inneren Stimmen zum Schweigen brachte. Emma Hancock würde sich nie darauf einlassen, doch ich wußte, daß Amytal die einzige Antwort war.

Amytal beseitigt die Schutzmechanismen des Verstandes und setzt traumatische Erinnerungen frei. Ich hatte das Medikament zum erstenmal als Assistenzarzt in der psychiatrischen Abteilung des Boston V. A. Medical Center angewendet. Wir waren eine von drei bundesweiten Spezialkliniken für Patienten mit posttraumatischer Streßreaktion, therapieresistente Vietnamveteranen, die so unbeschreibliche, grauenvolle Dinge erlebt hatten, daß sie sich nicht daran erinnern, geschweige denn darüber sprechen konnten. Allerdings wiesen ihre Suizidversuche deutlich auf ihre traumatischen Erfahrungen hin. Fast jeden Tag machte jemand Anstalten, mit irgendeinem verfügbaren Gegenstand Selbstmord zu begehen – einer Plastikgabel, einem ungeschützten Stromkabel, einer als Schlinge an einer Toilettentür befestigten Hose. Wie Chirurgen, die Geschwülste aufschneiden, injizierten wir einem nach dem anderen Amytal und hörten zu, wenn sie sich ihre verdrängten Ängste von der Seele redeten. Nachdem ihre Schutzmechanismen gefallen waren, wußten wir wenigstens, mit welchen Geistern wir zu kämpfen hatten.

Eine Spritze Amytal würde Westmoreland zwar nicht von seiner Schizophrenie heilen, doch vielleicht würde sie seinen Widerstand brechen, damit er uns die Ereignisse im Wald von Lynn schilderte.

Ich stellte das heiße Wasser ab und hielt den Atem an. Wenn Kathy und ich zusammen duschten, wetteten wir immer, wer es länger unter dem kalten Strahl aushielt. Sie gewann meistens, weil ihre Schmerztoleranz viel höher lag als meine – vermutlich höher als die jedes Menschen, den ich kannte. Ich hatte sie noch nie auch nur ein Aspirin nehmen sehen, nicht einmal, als sie nach einem meiner Seitensprünge mit der Faust an die Wand geschlagen und sich zwei Finger gebrochen hatte. Ich lehnte mich wieder an die Marmorfliesen und versuchte mir vorzustellen, wie sie nackt dastand und schadenfroh kicherte, während ich vor Kälte zitterte. Wo duschte sie wohl heute morgen?

Um Viertel nach sechs kam ich im Revier an. Ein Polizeibeamter namens Tobias Lucey hatte Dienst an dem kleinen Schalter vor der Tür zum Gefängnis. Er las den Boston Herald. »Ich bin Doktor Clevenger«, unterbrach ich seine Lektüre. »Mr. Westmorelands Psychiater.«

Er blickte kurz auf und beugte sich dann wieder über die Zeitung. »Ich brauche die Erlaubnis von Captain Hancock, um Sie reinzulassen.« Für einen Polizisten sah er ziemlich schwächlich aus, und sein Tonfall war höchst arrogant. »Ich weiß, daß Sie noch neu sind.« Ich lächelte. »Ich besuche hier immer meine Patienten.«

»Ich habe keine Vormerkung«, entgegnete er und blätterte um. »Glauben Sie etwa, ich komme um diese nachtschlafende Zeit hierher, um mich mit Ihnen herumzustreiten?«

Endlich sah er mich an. »Westmoreland kriegt keinen Besuch. Er steht unter besonderer Bewachung, weil er gestern jemanden angegriffen hat.«

»Das weiß ich. Interessiert es Sie, woher?«

Er antwortete nicht.

»Weil ich derjenige bin, der angegriffen wurde. Und wenn ich ihm nicht seine Medikamente bringen darf, dreht er vielleicht wieder durch.« Ich hielt die Ampulle Amytal hoch.

»Ich kann Sie nicht reinlassen, bevor Captain Hancock kommt. Keine Ausnahme.« Nach einem Blick auf die Uhr wandte er sich wieder seiner Zeitung zu. »Sie ist um halb acht hier.«

»Gut, dann hinterlege ich das da bei Ihnen«, sagte ich und schob das Amytal unter der Glasscheibe durch. »Und Sie erklären Tante Emma, daß ich um halb sieben hier war, um ihm wie vereinbart seine Spritze zu geben. Wenn Westmoreland ausflippt und sich den Schädel an der Zellenwand einschlägt, ist das nicht mein Problem. Ich wollte nur meinen Auftrag erfüllen.« Ich machte Anstalten zu gehen.

»Äh, Doktor... »

Ich blieb stehen und drehte mich um. »Clevenger, Frank Clevenger.«

»Spielt eine Stunde mehr oder weniger wirklich eine Rolle?«

Ich zog eine große Show ab, als müsse ich mich erst beruhigen. »Nun, Officer Lucey, das ist schwer zu sagen. Vielleicht hält Westmoreland bis sieben durch. Möglicherweise auch bis halb acht oder sogar bis acht. Aber es kann genauso gut sein, daß er sich schon in zwanzig Minuten einen Finger abbeißt oder ein Auge aussticht.«

»Das wußte ich nicht.« Lucey zuckte die Achseln.

»Das war der erste Schritt.«

»Wie bitte?«

»Der erste Schritt in Richtung Erleuchtung: Sie wissen, daß Sie nichts wissen.«

»Wenn Sie meinen ...« Er sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. »Dann bringen wir ihm eben seine Medizin.« Westmoreland hatte erst nach Mitternacht sein Thorazin bekommen. Jetzt lag er, nur im T-Shirt und schmutzigen Boxershorts, zusammengekrümmt auf dem Boden und schlief unruhig. Seine restlichen Sachen waren in der Form einer menschlichen Gestalt auf dem Bett ausgebreitet. Die Sonne ging gerade auf, und die Gitterstäbe vor dem Fenster warfen lange Schatten. Immer wieder zitterte eines seiner Gliedmaßen.

»Er stinkt wie ein Müllhaufen«, sagte Lucey. Er nahm den Schlüsselring von seinem Gürtel und stieß einen Schlüssel ins Zellenschloß. Ich packte ihn am Handgelenk und drückte den Daumen in die weiche Stelle zwischen den Knochen. »Psst«, zischte ich. Er verzog das Gesicht und versuchte, sich loszumachen. »Psst«, wiederholte ich und hielt den Finger an die Lippen. Er funkelte mich wütend an, schob aber die Tür auf.

Ich ging allein hinein. Neben Westmoreland kniete ich nieder. Seine Augen zuckten unter den Lidern. Er atmete keuchend. Ich zog eine Spritze mit Amytal auf und band ihm vorsichtig den Arm ab. Eine Vene sprang hoch. Ich stach die Nadel hinein. Westmoreland schnitt zwar eine Grimasse, doch er wachte nicht auf. Langsam drückte ich den Kolben herunter.

Amytal brennt beim Eintreten in den Blutkreislauf. Als ich gerade mit der Spritze fertig war, schlug Westmoreland die Augen auf. Minen Moment lang starrte er den kleinen Blutstropfen an, der sich auf seiner Haut bildete. Dann die Spritze in meiner Hand. Er warf mir einen panischen Blick zu. Und im nächsten Moment schlug er sich wortlos selbst ins Gesicht.

»Halten Sie ihn fest!« rief ich Lucey zu.

Westmoreland fing an, wie ein Wilder auf sich einzuprügeln. Da ich nur eine seiner Hände festhalten konnte, erwischte er seine Nase.

Lucey stand da und beobachtete uns ängstlich.

Ich packte ihn am Gürtel und zog ihn auf den Boden.

Gemeinsam versuchten wir Westmoreland zu bändigen, doch er schaffte es trotzdem, sich die Lippe blutig zu schlagen und sich eine Platzwunde über dem Auge zuzufügen. Immer noch sträubte er wich mit Leibeskräften gegen uns – oder gegen sich selbst.

»Was zum Teufel ist mit ihm los?« fragte Lucey. »Was für einen Dreck haben Sie ihm da gegeben?«

»Der Dreck ist weg!« brüllte Westmoreland. »Weg ist der Speck!«

»Es ist gleich vorbei«, antwortete ich ruhig. Westmoreland befreite sich aus Luceys Griff und landete einen satten Treffer auf sein eigenes Ohr.

»Der ist ja vollkommen durchgedreht«, sagte Lucey.

»Seien Sie still und halten Sie ihn fest.«

»Verdammte Scheiße.« Lucey schnappte sich Westmorelands Arm und drückte ihn auf den Boden. »Die heilige Maria ist mir erschienen«, stammelte Westmoreland. In einem letzten Versuch, uns abzuschütteln, bäumte er sich auf und sackte dann in sich zusammen.

»Wenn er tot ist, sind Sie dran«, meinte Lucey.

»Er ist nicht tot.«

Er sah mich zweifelnd an. »Ich werde diesen Vorfall sofort Captain Hancock melden.«

»Ich könnte Sie hier aber brauchen.«

»Finger weg von ihm«, warnte er mich noch, stand auf und ging zur Tür.

»Haben Sie etwa Angst, daß ich ihm was antue?«

Die Zellentür fiel ins Schloß. »Total bekloppt«, murmelte er.

Obwohl Westmoreland das Blut übers Gesicht lief, wirkte er jetzt friedlicher. Er lag reglos und mit geschlossenen Augen da. Ich wartete etwa eine Minute, bis ich seine Hand nahm. Seine Haut fühlte sich trocken und schwielig an. »Mr. Westmoreland«, sagte ich. »Ich bin Psychiater. Mein Name ist Frank Clevenger. Wir haben miteinander gesprochen, wissen Sie noch?«

Er reagierte nicht.

»Das Medikament, das ich Ihnen gegeben hatte, wird es Ihnen leichter machen, mit mir zu reden«, fuhr ich fort. »Es ist wie ein Wahrheitsserum.«

Er bewegte lautlos die Lippen.

»Es ist okay, sich mir anzuvertrauen.«

»Okay«, flüsterte er.

Ich wollte mit den einfachen Fakten anfangen. »Wissen Sie, wo wir sind?«

»Ja.«

»Und wo sind wir?«

»In der Hölle, Vater. In den Gedärmen des Universums. Und ich bin der Abschaum der Menschheit.«

»Und wie heißen Sie?«

Westmoreland verzog nur das Gesicht und schwieg. Ich wollte nicht riskieren, daß er sich wieder einigelte, weil ich ihn mit Fragen bedrängte, die er nicht beantworten konnte. »Warum sind Sie hier, mein Sohn?« sagte ich deshalb. »Gott hat sie mir gegeben«, erwiderte er und brach in Tränen aus. »Den Inbegriff der Reinheit.«

»Sie haben ein Geschenk von Gott bekommen?«

»Ich habe die Jungfrau Maria im Wald gefunden.« Er schlug die Augen auf und sah durch mich hindurch. »Ich habe sie beschmutzt. Kein Sohn Gottes wird je wieder auf Erden wandeln.«

Ich erinnerte mich an Westmorelands Wahnidee, die ihn dazu gebracht hatte, die Madonna aus der Church of Angels zu stehlen. »Wie haben Sie die Jungfrau beschmutzt?« fragte ich.

Er schwieg eine Weile. »Die Schlange«, sagte er schließlich. »Ich habe die Schlange in ihren Schoß gelegt.«

»Hat sie sich gewehrt?«

»Sie war nie gegen mich.«

»Hat sie geschrien?«

»Sie ist nicht aufgewacht. Mein Engel schlief in einer Wolke aus Laub.«

»In einer Wolke aus Laub ...«

»Sie hat mir nur die Hand gereicht. Aber die Hand war mir nicht genug, Vater. Nein. Nein. Nicht einmal die heiligste aller Hände. Ich entblößte ihre Beine und ihren Schoß. Ich bin ein Sünder und habe Gottes Zorn verdient. Ich bin der übelste Bösewicht, den es je auf Erden gegeben hat. Ich muß verurteilt werden.«

»Woher wußten Sie, daß die Madonna tot war?«

Westmoreland atmete immer schneller. »Ich nahm sie in die Arme ... Gott hatte sein schreckliches Zeichen auf ihr hinterlassen ... Blut ... klebrig und naß ... überall.«

»Was für ein Zeichen hat Gott hinterlassen?«

»Er hat ... Er hat ihr die Milch genommen.«

Ich hörte, wie die Zellentür aufging.

»Ende der Vorstellung, Frankenstein«, sagte eine Stimme. »Sie haben unsere Gastfreundschaft schon zu lange strapaziert.« Als ich aufblickte, sah ich Malloy auf der Schwelle stehen, breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt. Neben ihm Lucey. »Diesmal haben Sie sich selbst übertroffen«, höhnte Malloy. »Captain Hancock wird Ihnen Ihren Kopf auf einem silbernen Tablett servieren. Sie sollen in ihrem Büro auf sie warten.«

»Jemand muß auf ihn aufpassen«, meinte ich und wies mit dem Kopf auf Westmoreland. »Das Amytal wirkt noch mindestens zwanzig Minuten.«

»Was Sie nicht sagen! Haben Sie noch nicht kapiert, daß ich Ihr blödes Psychogequatsche satt habe? Los, raus hier.«

»Und wer beaufsichtigt ihn?«

Malloys Finger schlossen sich um den Gummiknüppel. »Soll ich kommen und Sie holen?«

Ich stand auf. »Nur zu«, höhnte ich und sah ihn an. »Oder stimmt es, daß Sie sich nur bei Leuten trauen, die schon Handschellen tragen?«

Ein paar Sekunden hielt er meinem Blick stand, doch dann senkte er die Augen. »Raus hier, hab ich gesagt.« Langsam ging ich aus der Zelle und kam auf ihn zu. »Jetzt hören Sie mal gut zu, Malloy. Entweder Sie oder Officer Lucey müssen bei Mr. Westmoreland bleiben. Wenn er das Gefühl bekommt, daß ihm jemand die Gedanken gestohlen hat, wird er Panik kriegen. Verstanden?«

»Heg, General, kann es sein, daß Sie was vermissen?« rief Malloy in die Zelle.

Westmoreland rührte sich nicht.

Mit einem Kniestoß in den Wanst hätte ich Malloy leicht außer Gefecht setzen können. Aber Lucey stand dicht hinter ihm, und ein frischgebackener Polizist mit einer Pistole ist unberechenbar. Also holte ich tief Luft und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, warum Sie so ein Idiot sind, aber Sie sollten sich mal Gedanken darüber machen, bevor Sie die Antwort von mir kriegen.«

»Ich sterbe vor Angst.«

»Sehen Sie, das wäre schon mal ein Anfang«, sagte ich und marschierte los. »Jetzt können Sie mich zu Emma bringen.« Er drängte sich an mir vorbei, um voranzugehen.

»Noch ein paar Sitzungen, und Sie brauchen die polierten Stiefel und die Polizeimarke vielleicht nicht mehr«, meinte ich. Die drei Stunden Schlaf hatten einfach nicht gereicht. Am liebsten hätte ich etwas von meinem zweiten Gramm geschnupft, doch es ist nicht sehr ratsam, auf einem Polizeirevier zu koksen. Also lief ich in Hancocks Büro auf und ab und betrachtete die Photos von ihr mit den örtlichen Honoratioren, die die Wände pflasterten. Emma und Bürgermeister McGinnis. Emma und der Abgeordnete DeTuleo. Emma und Kultusminister Coughlin. Emma und Stadtrat Caldwell. Emma und Polizeipräsident Rollins. Auf jedem Bild war Hancock das Auffälligste. Das lag zum Teil an ihrer Leibesfülle und zum Teil daran, daß sie die einzige Frau auf all den Photos war. Ich kicherte, allerdings nicht vor Freude. Als ich so auf sie wartete, fühlte ich mich an meine Kindheit in der Shepherd Street erinnert. Ich saß in meinem winzigen Zimmer und versuchte mich mit einem Spider-Man-Comic davon abzulenken, daß mein Vater schon fast eine Flasche Bourbon geleert hatte und jetzt im Wohnzimmer herummarschierte und Befehle aus dem Koreakrieg brüllte. Wenn er nüchtern war, sprach er nie von der Front. Später hörte ich ihn die Treppe hinauftorkeln, während ich im Geiste eine Liste sinnloser Möglichkeiten durchging. Ich konnte mich unter dem Bett oder im Schrank verkriechen. Doch wenn er mich dort fand, würde er mich noch schlimmer verprügeln. Ich konnte aus dem Fenster und über die Feuerleiter fliehen, aber ich war überzeugt davon, daß er schneller rannte als ich. Ich konnte auch nach meiner Mutter rufen, allerdings wußte ich, daß sie sich wahrscheinlich selbst irgendwo versteckte. Deshalb wartete ich schweigend und lauschte den langsamen Schritten meines Vaters auf der hölzernen Treppe. Näher und näher. Manchmal schaffte ich es, mir einzureden, daß sich Spiderman draußen an die Mauer vor meinem Fenster klammerte, um mir eine Spinnwebe zuzuwerfen, an der ich mich in die Freiheit schwingen konnte. Aber pünktlich wie die Uhr öffnete mein Vater auf der vierzehnten Stufe mit einem Klicken seine Gürtelschnalle. Darauf folgte das gräßliche Knirschen von Leder, wenn man es durch die Schlaufen zieht. Das Schlimmste war der Gesichtsausdruck, mit dem er schließlich mein Zimmer betrat. Er sah nicht wütend aus, sondern eher müde und gleichgültig, so als würde er den Müll runterbringen. Damals verstand ich seine unbeteiligte Miene nicht, und sie machte mir angst. Heute weiß ich, daß er es gar nicht auf mich abgesehen hatte. Er hatte keine Ahnung, warum er so gewalttätig war, und das erklärt wahrscheinlich, weshalb die Prügel immer so verdammt lang dauerten.

Ich hatte gerade meine Runde durch Hancocks Ehrengalerie beendet, als sie hereinkam. Sie war völlig außer Atem. Ihr derbes Gesicht war hochrot. »Morgen, Frank«, sagte sie, ohne mich anzusehen.

»Tut mir leid, daß ich Ihnen Schwierigkeiten bereitet habe.«

Sie ging zum Schreibtisch und fing an, ihren Aktenkoffer auszupacken. »Als Malloy anrief, bin ich so schnell wie möglich gekommen.« Sie warf einen Stapel Papiere auf die Schreibunterlage, holte einige Ordner aus der Tasche und verstaute sie in ihrem Aktenschrank. »Es ist zwar kein besonders tolles Büro – nicht wie bei einem Arzt oder bei einem Anwalt –, aber ich bin stolz darauf.« Sie schloß die Schublade des Schrankes und setzte sich auf die Schreibtischkante. Dann wies sie auf die Photos an der Wand.

»Ich würde mich freuen, wenn Ihnen diese Bilder das Gefühl vermitteln, daß jeder, der bei der Stadt arbeitet – vom Polizisten bis zum Lehrer –, an einem Strang zieht. Es ist wichtig, daß sich keiner ausklinkt. Denn ohne Teamwork wäre diese Stadt – jede Stadt – am Ende.«

Ich unterbrach sie mit einer Handbewegung. »Ich weiß, worauf Sie hinauswollen.«

»Das hatte ich eigentlich auch gedacht«, antwortete sie kopfschüttelnd. »Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie meinem Gefangenen hinter meinem Rücken ein Betäubungsmittel gespritzt. Falls Ihre Vorstellung von Teamwork so aussieht ...«

»Darf ich es Ihnen erklären?«

»Ich bitte darum.« Sie klickte mit den Fingernägeln. Ein roter Lacksplitter flog hoch. »Schießen Sie los.«

»Ich mußte schnell handeln. Leute wie Westmoreland, richtige paranoide Schizophrene also, fühlen sich ständig wie bei einer Belagerung. Jeder versucht, in sie einzudringen, ihre Gedanken zu lesen oder ihnen Ideen einzuflößen. Wir müßten ihn wochenlang mit Thorazin vollpumpen, damit auch nur die geringste Hoffnung besteht, seine Paranoia zu durchbrechen. Und wir brauchen die Antworten jetzt.«

»Könnte das daran liegen, daß Ihnen die Antworten, die wir schon haben, nicht in den Kram passen? Aber egal. Nicht Sie sind Leiter dieser Abteilung, sondern ich. Und ich habe Ihnen nur eine einzige Frage gestellt: Wann bekomme ich ein Geständnis von meinem Gefangenen? Oder habe ich Sie etwa aufgefordert, auf eigene Faust zu ermitteln?«

»Emma, ich habe meine Probleme mit diesem Fall. Amytal war die einzige Methode herauszufinden, was in Westmoreland vorgeht. Ich dachte, wenn er Sarah umgebracht hat, könnte er uns sagen, wo wir die Mordwaffe und« – Hancock klopfte mit dem Fuß auf den Boden – »ihre Brüste finden. Wenn er nicht der Mörder ist, hat er ihn vielleicht beobachtet. Was er mir erzählt hat, läuft darauf hinaus, daß er Sarah zufällig unter einem Laubhaufen fand.«

»Igitt. Sind Sie fertig?«

»Sie war bereits tot.«

»Sie war bereits tot. Wissen Sie, wie viele Mörder Stein und Bein schwören, daß sie die Leiche rein zufällig gefunden hätten? Und was ist mit dem Blut auf seinen Sachen?«

»Er hat Sarahs Wunden erst gesehen, nachdem er sich an ihr vergangen hatte und sie in die Arme nahm. Er hielt sie für die Madonna. Als er von einer Telephonzelle aus hier anrief, hat er nicht von irgendeiner Jungfrau gefaselt, sondern von der Jungfrau. Der Jungfrau Maria. Ein Geschenk Gottes.«

»Ein Geschenk Gottes. Es würde mir gerade noch fehlen, daß die Reporter des Item Wind davon bekommen. Vielleicht können sie noch einen Begleitartikel über Außerirdische dazu schreiben.« Sie schüttelte den Kopf. »Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele Psychopathen sich hinter Gott verstecken? Er ist die Lieblingstarnung des Teufels.« Gerne hätte ich Hancock gefragt, ob sie sich auch hinter ihrer Religion versteckte. »Westmoreland ist kein Teufel«, sagte ich statt dessen. »Er ist nicht einmal ein ganz gewöhnlicher Mörder, sondern nur ein verrückter Obdachloser, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist.«

»Er hat sich am Tatort gestellt. Seitdem will er dauernd ein Geständnis ablegen. Und jetzt denken Sie beide sich eine neue Version der Geschichte aus, während er unter Amytal steht. Sie überraschen mich. Ich dachte, Sie wären vorsichtiger geworden, seit Prescott die Cheerleaderin umgebracht hat. Mich erinnert das stark an damals.«

»Lassen Sie Prescott aus dem Spiel ...« Ich spürte, daß mir langsam die Geduld riß, und ich brauchte eine Weile, um mich wieder zu beruhigen. »Der Einsatz von Amytal ist eine anerkannte Methode, um durch ein Trauma verschüttete Erinnerungen wieder zutage zu fördern.«

»Anerkannt? Ich dachte, man hätte diesen Blödsinn schon vor zehn Jahren auf den Müllhaufen geworfen. Damit können Sie jeden dazu bringen zu sagen, was Sie wollen.«

»Nicht, wenn das Gespräch von einem Experten ...«

»... wie Ihnen durchgeführt wird, dem großen Genie. Alles klar. Allerdings sind die Gerichte da anderer Ansicht und ich ebenfalls. Was Westmoreland Ihnen in der Zelle erzählt hat, kann in einer Verhandlung nicht verwendet werden. Aber das würde mich nicht einmal stören. Ich bin hauptsächlich deshalb enttäuscht, weil Sie mich hintergangen haben.« Jetzt platzte mir endgültig die Hutschnur. »Hintergangen? Warum hätte ich Sie hintergehen sollen? Sie waren ja so aufrichtig zu mir.«

»Sie brauchen nicht in Rätseln zu sprechen. Ich weiß, daß Ihr Freund Levitsky Dr. Fitzgerald hier gesehen hat. Na und? Ich habe das Recht, einen zweiten Experten hinzuzuziehen, wann immer es mir gefällt. Ich habe Ihnen sechsunddreißig Stunden gegeben, bevor Westmoreland unterAnklage gestellt wird, und das habe ich ehrlich gemeint. Doch das bedeutet nicht, daß ich dasitzen und Däumchen drehen muß.« Sie zeigte mit dem Finger auf mich.»Was Sie sich da geleistet haben, ist keine Kleinigkeit, Frank. Eigentlich sollte ich Sie bei der Ärztekammer melden. Sie hatten keine richterliche Genehmigung, Westmoreland eine Spritze zu verabreichen. Und ganz sicher hatten Sie auch nicht seine Einwilligung.«

»Wieviel bezahlen Sie Fitzgerald?«

»Weniger als ich Ihnen dafür bezahle, daß Sie mir in den Rücken fallen. Okay?«

»Ich falle Ihnen nicht in den Rücken. Ich weiß, daß ein Mörder, der frei herumläuft, Ihnen miserable Schlagzeilen einbringt. Doch wenn Sie den falschen Mann einsperren und noch jemand umgebracht wird, ist der Schaden um einiges größer. Dann können Sie die Ernennung zur Polizeipräsidentin endgültig vergessen.«

»Soll ich Ihnen was verraten? Ich brauche keinen Berufsberater, und außerdem habe ich mich abgesichert.«

»Das kann ich mir denken. Solange es keine weitere Leiche gibt. In diesem Fall wäre die Hölle los.«

»Keine Frage. Aber wissen Sie was? Dazu wird es nicht kommen. Ich mache diesen Job schon eine ganze Weile – und bereits etwas länger als Sie. Westmoreland wird für den Mord, den er begangen hat, vor Gericht gestellt und schuldig gesprochen werden.«

»Die Verteidigung wird mich als Zeugen aufrufen. Dann steht mein Wort gegen das von Fitz. Und ich werde aussagen, daß er meiner Ansicht nach nicht der Mörder ist.«

»Vielleicht haben Sie bis dahin gar keine Lizenz mehr, in diesem Staat als Psychiater zu praktizieren.« Meine Geduld war jetzt zu Ende. »Hören Sie auf, mir zu drohen, Emma. Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mich unter Druck setzt.«

»Könnte das an Ihren kleinen nächtlichen Einkaufstouren vor dem Emerson Hotel liegen?« spöttelte sie. »Sie schlafen nicht genug, und das macht Sie nervös. Möglicherweise trübt es auch Ihr Urteilsvermögen. Eigentlich sollte ich das der Ärztekammer ebenfalls mitteilen.«

»Was zum Teufel haben Sie ...«

»Sparen Sie sich die Mühe, Frank. Wir haben seit Monaten Überwachungskameras vor dem Emerson installiert. Sie sollten vorsichtiger sein.«

In diesem Augenblick stürmte Officer Lucey herein. Er wirkte verstört. »Wir brauchen da drin Hilfe. Westmoreland rastet wieder aus.« Ich rannte mit den beiden zur Zelle. Westmoreland hatte sich an die gegenüberliegende Wand gepreßt. Malloy stand vor ihm. Der Gefangene streckte die Zunge heraus und biß darauf. Das Blut lief ihm über Kinn und Hals. Malloy machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Immer mit der Ruhe«, sagte er.

Westmoreland stieß einen Schrei aus. Blut spritzte durch die Luft. Dann biß er sich wieder kräftig auf die Zunge. »Scheiße«, schimpfte Malloy. Er wischte sich das Blut aus dem Gesicht.

»Kann mir jemand erklären, was hier los ist?« forderte Hancock. Malloy drehte sich nicht um. »Ich habe ihm nur eine einfache Frage gestellt, und er ist ausgeflippt.«

Ich ging in die Zelle und stellte mich neben Malloy. »Was haben Sie ihn denn gefragt?«

Er zuckte die Achseln. »Nur, wie er richtig heißt.«

»Hat er geantwortet?« wollte Hancock wissen.

»Am Anfang nicht. Ich mußte nachfragen, um ein George La-irgendwas aus ihm rauszukriegen. Danach hat er wieder dichtgemacht.«

Westmoreland preßte die Kiefer zusammen. Das Blut floß immer schneller.

»George. Sie tun sich doch nur weh«, meinte Hancock. Etwas Dümmeres hätte sie nicht sagen können. Westmoreland stieß wieder einen Schrei aus und biß sich noch kräftiger in die Zunge. Für mich was das allerdings sehr aufschlußreich. Allmählich gewann ich den Eindruck, daß es nur einen Menschen gab, dem Westmoreland wehtun wollte, und zwar er selbst. Ich entfernte mich von Malloy und blieb ein paar Meter vor Westmoreland an der Wand stehen. Dann zog ich das kleine silberne Taschenmesser heraus, mit dem ich immer mein Koks zerhacke, und ließ die Klinge aufschnappen.

»Stecken Sie das Ding weg!« schrie Hancock.

Ich sah Westmoreland an, und unsere Blicke trafen sich. »Ihr Leiden ist mein Leiden«, flüsterte ich. »Sagen Sie mir, wann wir aufhören können.«

Westmoreland preßte weiter die Kiefer zusammen.

Ich fuhr mir mit der Klinge über die Haut, daß ein weißer Kratzer auf meinem Handgelenk zurückblieb. Er riß die Augen auf, ließ aber nicht locker. Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr ich mir wieder übers Handgelenk, diesmal mit so viel Druck, daß die Haut aufgeritzt wurde. Der glatte Schnitt verfärbte sich blutrot.

»Oh, mein Gott«, flüsterte Malloy.

Westmoreland starrte erst auf mein und dann auf sein Handgelenk.

Ich setzte das Messer am Anfang des Einschnittes an, schloß die Augen und drückte die Spitze etwa einen halben Zentimeter tief hinein. Kurz spürte ich einen scharfen Schmerz: ein Pochen breitete sich in meiner ganzen Hand aus. Mit schmerzverzerrtem, Gesicht taumelte ich an die Wand.

Westmoreland fing an zu schluchzen.

Ich stach mir noch ein bißchen tiefer ins Fleisch.

Er fiel auf die Knie und öffnete endlich den Mund. »Hören Sie auf, Vater« , flehte er. »Ich habe schon genug gesündigt.« Ich wartete einen Moment und ging zu ihm hinüber. Als ich die Hand ausstreckte, griff er danach. Er ließ sich von mir zu seiner Pritsche führen.

»Kümmern Sie sich darum, daß er ärztlich behandelt wird«, sagte Ich draußen vor der Zelle zu Hancock. »Das war ja eine eindrucksvolle Vorstellung, Frank«, meinte sie. Woher wußten Sie, daß er aufhören würde?«

»Weil er kein Mörder ist.«

Sie zuckte zusammen. »Bei Ihrer bisherigen Trefferquote sollten Sie keine so große Lippe riskieren.«

»Normalerweise führe ich keine Punktelisten, wenn es um Menschenleben geht«, entgegnete ich und ließ sie einfach stehen.