Epilog
Es war ein Sommerabend – so heiß, daß selbst die Zikaden keinen Schlaf fanden und die Sterne vor Hitze flackerten. In Nostradamus' Garten in Salon plätscherte ein Springbrunnen im dunklen Schatten der Bäume. Die Fensterläden der Schlafzimmer waren geöffnet, um eine nächtliche Brise einzulassen, wenn sie sich denn einstellte. Doch oben im Haus waren die Fensterläden fest verriegelt, und durch die Ritzen war der flackernde Schein einer Kerze zu sehen. Der alte Prophet beschwor wieder einmal die Geister der Zukunft.
Unter seiner weißen Wahrsagerrobe aus Leinen trug der alte Zauberer nur sein Unterhemd, und dennoch rann ihm der Schweiß über den Körper. Den Doktorhut hatte er nicht abgelegt, auch nicht seinen Ring mit den sieben mystischen Symbolen und die Medaille am Band, die er von der Königin von Frankreich für seine außerordentlichen Verdienste erhalten hatte, denn selbst Geister erfordern ein gewisses Maß an Förmlichkeit in der äußeren Erscheinung. Mit seinem Zauberstab aus Lorbeer setzte er das Wasser in Bewegung und wiederholte die geheiligten Worte, bis er spürte, daß sich der vertraute Schatten hinter ihm erhob.
»Nun, Nostradamus, die Versuchung war wohl einfach zu groß. Man sollte meinen, du hättest es satt, einen Blick in die Zukunft zu tun«, erklang Anaels Stimme, dessen unsichtbare Anwesenheit die Luft in dem stickigen Raum zum Vibrieren brachte.
»O Geist, zeige mir eine Vision von den Wundern der fernen Zukunft«, skandierte der alte Prophet, während er mit dem Zauberstab das Wasser in der Wahrsageschale aus Messing umrührte. Als sich das Wasser beruhigte, sah er eine Stadt mit funkelnden Türmen und holzverkleideten niedrigen Häusern. In einem Hafen mit blauem Wasser erblickte er sonderbare Boote ohne Segel. Die Straßen waren staubfrei und mit irgendeinem glatten Material gepflastert, und sie wimmelten von merkwürdig aussehenden Leuten und plumpen Gefährten, die sich von allein bewegten, ohne daß auch nur ein einziges Pferd zu sehen war. Die Straßenschilder konnte er nicht lesen, sie waren in einer Schrift geschrieben, die ihm unbekannt war.
»Das ist nicht Frankreich«, sagte er, hingerissen von dem, was er sah.
»Sei froh«, bemerkte der Geist. Nostradamus beobachtete einen Mann, der stehenblieb und nach oben schaute. Hoch über der Stadt blitzte etwas Metallisches – ein Vogel, nein, ein Ding, das wie ein Vogel geformt war – am blauen Himmel. Der Mann beschattete die Augen mit der Hand und spähte kurz hinauf, dann ging er achselzuckend weiter.
In diesem Augenblick verschlang ein riesiges Feuer jählings die ganze Stadt, der entsetzte Prophet nahm nur noch einen Blitz wahr und dann Rot – nichts als ein Meer von Rot. Nostradamus blinzelte und sah, wie sich über der Stadt eine pilzförmige Wolke blähte, während das Metallding davonflog. Als sich die Wolke verzogen hatte, war alles in Schwarz getaucht, und vereinzelte Feuer brannten dort, wo eben noch die Stadt gewesen war.
»Anael, was war das?« Nostradamus fühlte, wie ihm die Worte im Hals steckenblieben.
»Es geschieht zweimal. Sogar der Wind wird vergiftet.«
»Zwei«, flüsterte Nostradamus, und seine Hand zitterte, als er mit dem Federkiel auf einem Bogen Papier kratzte: In der Nähe eines Hafens und in zwei Städten werden zwei Geißeln auftreten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat…
»Was bedeutet das«, rief er verzweifelt. »Was hat das zu bedeuten?«
»Woher soll ich das wissen?« erwiderte Anael. »Ich bewahre doch nur alles auf, ich mache es nicht.«
»Ich habe gedacht, vielleicht hat Er dir etwas gesagt.«
»Er denkt nicht wie du und ich, Michel. Dabei wirst du es belassen müssen.«
»Dann zeige mir etwas Fröhliches, Anael, sonst bricht mir das Herz.«
»Oh, dann rühre das Wasser um, Michel, ich habe genau das Richtige für dich. Das habe ich eigens für dich aufgehoben.« Anaels obere Hälfte verschwand, und es klapperte, während er in dem unsichtbaren großen Schrank herumstöberte. Dann herrschte Schweigen, und als Anael wieder auftauchte, wirkte er sehr zufrieden mit sich. Nachdem sich die Ringe in der Schale beruhigt hatten, kam ein mit Girlanden reich geschmückter Saal zum Vorschein, der von Menschen in festlichen Gewändern wimmelte. Wer war die buntgekleidete große Frau am Kopfende des Tisches, die vor Freude strahlte? Ihr Tischnachbar war ein verschrumpelter kleiner Mann in der Robe und mit dem Hut eines Abbé. Ja, das war doch…
»Ei, eine Hochzeit«, sagte Nostradamus und spähte ins Wasser. »Es muß ziemlich genau unsere Zeit sein. Die Musik kommt mir bekannt vor – ein branle. Ich spüre, wie meine Zehen den Takt mitklopfen. Hast du gewußt, daß ich in jungen Jahren ein guter Tänzer war?«
»Ich tanze auch sehr gern.«
»Geister tanzen?«
»Ja, aber nicht oft. Wir müssen vorsichtig sein. Denn dabei gerät das Universum ins Wanken.«
»Oh, sieh doch, da ist die Braut. Du meine Güte, so heiratet dieses knochige Mädchen, diese Sibille, zu guter Letzt doch noch. Ja. Und Nicolas, wie es sein sollte.«
»Der Bursche, der ihre Mitte umfaßt, scheint es nicht zu bemerken.«
»Tut man nie, wenn man verliebt ist. Sag, was ist aus Menander dem Unsterblichen geworden?«
»Wenn ich dir das zeigen soll, mußt du aufhören, mit dem Fuß zu klopfen«, sagte Anael.
»Ich klopfe gar nicht.« Der alte Doktor besann sich jäh auf seine Würde.
»Einerlei, aber sieh dir das an…«
Nostradamus blickte in die Schale, wurde aber nicht schlau aus der Szene. Dorfleute im Sonntagsstaat, ein Festtag, irgendeine Zusammenkunft. Aha, eine Kirmes – er hörte die Rufe einer Frau, die mit einem Tablett durch die Menge ging und Fleischküchlein feilhielt. Oh, ein Tanzbär. Wie niedlich, dachte er, aber was hat das mit Menander zu tun?
Jetzt drängten sich vier Mönche, die auf Stangen einen großen Holzkasten trugen, durch die Menge. »Tut Buße! Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe!« rief der Mönch, der vor ihnen herging, und läutete ein Glöckchen.
»Betrachtet die Reliquie!« schrien die Mönche, die den Kasten trugen. »Betrachtet die heilige Reliquie; nur eine kleine Gabe, und ihr dürft den Kasten küssen.« Ehe sie noch das schäbige kleine Rundzelt betreten und die Zeltklappe geschlossen hatten, umdrängten die Menschen bereits den Kasten, versuchten, ihn zu berühren, ihn zu küssen.
Vor dem Zelteingang hatte sich eine Schlange gebildet. Bauern im Sonntagsstaat, Krüppel, Frauen in Holzschuhen, manche hielten kranke Kinder auf dem Arm. Ein Mönch mit einem Opferstock sammelte emsig Spenden ein. »Der Kopf Johannes' des Täufers, der eine, der echte, der einzige… Alle anderen sind falsch«, rief er.
»Anael«, flüsterte Nostradamus, »die sehen mir ganz und gar nicht wie Mönche aus. Der eine da, ich könnte schwören, daß er ein Brandmal auf der Hand hat. Sieh nur, es ist übermalt.«
Im Zelt, oben auf der hölzernen Arche, in der man ihn getragen hatte, stand ein verbeulter, angelaufener versilberter Kasten weit offen und wurde von jeder Seite mit einer Kerze beleuchtet.
»Ich habe schon Besseres auf dem Rathausplatz aufgespießt gesehen«, knurrte ein Riese mit Holzschuhen. »Woher soll ich wissen, daß das hier nicht einfach der Kopf eines Verbrechers ist?«
»Er lebt«, entgegnete der wachhabende Mönch. Und bei diesen Worten zuckten die Lider, und der mumifizierte Kopf stöhnte. Entsetzt fuhr die Menge im Zelt zurück.
»Warum redet er nicht?«
»Der unsterbliche Kopf Johannes' des Täufers ist in heilige Gedanken versunken. Tretet näher, gute Leute, er segnet, er heilt, er erhebt… Und gebt es an all eure Freunde weiter.«
»Anael«, sagte Nostradamus, »hast du gewußt, daß dieser Mann zu Lebzeiten seine eigene Religion gegründet hätte? Und jetzt sieh ihn dir an…«
»Johannes der Täufer auch…«
»Das ist etwas ganz anderes, und das weißt du«, fuhr ihn der alte Doktor an.
»Ich kann gehen, ich kann gehen!« rief ein Mann und warf seine Krücken beiseite.
Vor dem Zelt schrie der Mann, der Geld einsammelte: »Ein Wunder! Ein Wunder! Schnell, schnell hinein. Er segnet euch! Er heilt!« Im Zelt wurden die Krücken zur Schau gestellt. Etwas weiter hinten kassierte der so wundersam geheilte Mann seinen Lohn bei einem der Mönche.
»Und bei alldem kein Sterbenswörtchen von Menander. Sie muß es geschafft und einen unmöglich zu erfüllenden Wunsch geäußert haben.« Nostradamus schüttelte den Kopf. »Ich bin wirklich stolz darauf, daß ich dieses Ungeheuer aus dem Verkehr gezogen habe.«
»In Umlauf gebracht trifft es eher«, meinte Anael mit einem fröhlichen Grinsen. Doch Nostradamus war mit einem Seufzer auf seinem Stuhl zusammengesunken.
»Jetzt ist mir klar, daß die Welt auch ohne Menander einfach nicht zu retten ist.«
»Michel, ich habe gedacht, ich hätte dir das erklärt. Die Geschichte ist wie ein Fluß…«
»Damit meinst du, daß die Menschheit zur Zerstörung der Welt gar keiner Zauberei bedarf. Daß sie das auch ganz allein schafft.«
»Genau. Und das hätte ich auch nicht besser formulieren können«, sprach der Geist der Geschichte.