Kapitel 13
Cosmo Ruggieri hatte sich, um sich zu verkleiden, von seinem jüngeren Bruder ein mit Farbe bekleckertes braunes Lederwams mit abgewetzten Ärmeln ausgeborgt und sich auf den Weg zum Hostel de Sens gemacht, weil er mit eigenen Augen sehen wollte, was mit seinem Todeszauber schiefgelaufen war. Doch am Haupteingang zur Residenz wurde er von einer Menschenmenge fast zu Tode gequetscht, die lauthals forderte, Nostradamus zu sehen und sich die Zukunft weissagen zu lassen.
»Für heute ist Schluß«, schrie der Wachposten. »Er muß sich erholen.«
»Sagt ihm, daß Madame de Bellièvre ihr Horoskop wünscht.«
Ein Page drängte sich staubbedeckt und ganz außer Atem durch die Menge am Tor. »Laßt mich auf der Stelle ein, ich bin ein Page des Königs.«
»Ich habe einen Termin«, behauptete Ruggieri in der Hoffnung, sich dem Pagen des Königs anschließen zu können.
»Für heute hat er keine Besprechungen mehr angesetzt.« Danke lieber Gott für die alten Kleider meines Bruders, dachte Ruggieri. »Bei meinem Termin geht es nicht um ein Horoskop«, erläuterte der verschlagene Zauberer, »sondern um sein Porträt im Auftrag der Königin.« Der Wachposten warf einen Blick auf das fleckige Wams, die zerrupften Federn auf dem billigen, farbenprächtigen Hut und den abgetragenen Umhang aus umgearbeiteter grüner Wolle. Tatsächlich hielt er die Schachtel mit den Giften und der Zauberausrüstung für einen Malerkasten und ließ Ruggieri im Gefolge des königlichen Pagen durch.
Ruggieri schlich durch lange Flure und spähte in unbekannte Räume, bis er endlich zum Schlafgemach kam, in dem Nostradamus Wohnung genommen hatte und wo der Page unentwegt auf die Tür einhämmerte. Die Tür ging einen Spalt auf, und ein Diener vertrat ihm den Weg. Ruggieri konnte die Stimme des Propheten hören.
»Was ist los, Königspage? Du machst einen Heidenlärm wegen eines entlaufenen Hundes. Such auf der Landstraße nach Orléans, dort wirst du ihn, an einer Leine geführt, finden.« Meiner Treu, er hat den Knaben nicht einmal gesehen oder gehört, was sein Begehr ist. Nein, das kann nicht sein – das ist ein billiger Trick. Als sich der tief beeindruckte Page zum Gehen wandte, um nach dem wertvollen Hund aus dem königlichen Zwinger zu suchen, der ihm entlaufen war, hörte man die Stimme erneut. »Lungert nicht länger vor meiner Tür herum, Cosmo Ruggieri der Jüngere. Der Geist hat mir gesagt, daß Ihr kommen und mich behelligen würdet. Geht oder kommt herein, stellt Euch vor, wie es sich gehört, und setzt Euch. Ihr wollt, glaube ich, wissen, warum Euer Todeszauber nicht gewirkt hat.«
»Keine Ahnung, was Ihr meint, Maestro«, sagte der Zauberer und kam der Aufforderung nach.
»Aha, so seid Ihr also am Wachposten vorbeigekommen«, sagte Nostradamus, während er Ruggieris abgerissene Maskerade musterte. »Es war sehr unhöflich, mich mit einem Todeszauber zu belegen, ehe Ihr zu einem Anstandsbesuch antretet.« Der alte Doktor saß in einem Sessel mit hoher Rückenlehne neben einem Tisch, auf dem Geburtskarten und eine Wahrsageausrüstung lagen. Seinen Gichtfuß hatte er auf einen gepolsterten Schemel gebettet.
»Wieso glaubt Ihr, daß ich es war?« fragte Ruggieri.
»Mein zweites Gesicht«, antwortete Nostradamus gelassen. »Ihr seid kaum zu verkennen – Ihr schlagt stark nach Eurem Vater, als er in Eurem Alter war. Und ich hätte Euch verdrängt, falls ich der offizielle Astrologe der Königin werden sollte. Wer sonst hätte sich also meinen Tod gewünscht?«
»Dieser Simeoni«, beeilte Ruggieri sich zu sagen. »Ihr habt keine Vorstellung, wie mißgünstig er ist.«
»Simeoni kann nicht einmal Regen vorhersagen, wenn der Himmel bewölkt ist. Habt Ihr die Geschichte gehört, wie er beim Horoskop des Herzogs von Mailand wegen eines Tintenkleckses den Mond in Jupiter gebracht hat?«
»Ha! Simeoni, wie er leibt und lebt«, höhnte Ruggieri und dachte nur eines: Horch ihn aus. Bring ihn zum Reden. Er wird sich brüsten und sein Geheimnis preisgeben. Das tut jeder. »Den könnte ein Kleinkind übertrumpfen. Aber ich… mich schlägt niemand im Wahrsagen – oder im Zaubern…« Ruggieri merkte, wie Nostradamus ihn musterte, abschätzte. Jetzt kann er nicht widerstehen, dachte der gerissene italienische Zauberer.
»Leider habe ich Euch übertrumpft. Aber natürlich war es einfach – ich hatte Hilfe von Menander dem Unvergänglichen.« Nostradamus lächelte ein geheimnistuerisches Lächeln, das Ruggieri noch mehr reizen sollte.
»Ihr habt ihn… Ihr habt den Kasten. Er… er gehört mir. Ich habe ihn holen lassen. Gebt ihn mir.«
»Leider habe ich ihn nicht«, sagte der alte Doktor. »Er ist im Besitz einer jungen Frau, die nicht weiß, was sie an ihm hat.«
»Hat sie ihn geöffnet?«
»Natürlich nicht; sie bekommt das Schloß nicht auf. Sie hat ihn hergebracht, damit ich mit meinem Zweiten Gesicht herausfinde, was sich drinnen befindet, und ich habe ihr gesagt, sie solle sich nicht sorgen, er sei wertlos.« Mit einem Blick zur Decke, als überlege er, sagte der listige alte Doktor: »Also – ich könnte mir vorstellen, daß sie ihn Euch verkauft, falls Ihr sie darum bittet. Sie wohnt in dem recht teuren Gasthof zum heiligen Michael, und ich bin überzeugt, daß sie demnächst Geld brauchen wird.« Und als Ruggieri enteilte, ohne sich auch nur zu bedanken, sagte Nostradamus zu seinem Diener: »Leon, lauf schnell zu Madame Tournet und sag ihr, sie soll ihren Schmuck verstecken und den Kasten für jedermann sichtbar aufstellen. Der Astrologe der Königin wird ihn in Kürze stehlen.«
»Und Ihr habt ihm nicht gesagt, er könne ihn kaufen?«
»Falls er nur annähernd so geizig und verschlagen ist wie sein Vater, denkt er nicht im Traum daran. Es auf die ehrliche Art zu tun widerspräche seinem Stolz. Nein, zweifellos wird er des Nachts ins Fenster klettern oder die Frauen mit einer List aus dem Haus locken. Dieser Mann ist zu allem fähig, wenn er dabei einen Sou sparen kann. Beeil dich, ich möchte nicht, daß sie überrumpelt werden oder Schaden nehmen.« Während Leon davoneilte und die Tür hinter sich zuzog, trat eine dunkelblaue Gestalt voll funkelnder Sprenkel aus ihrem Versteck im Schatten.
»Also, Anael, zurück an die Arbeit; dies war meine gute Tat für den heutigen Tag.« Nostradamus ergriff seinen Zauberstab, der auf dem Tisch lag. »Ich habe auf einen Streich diese albernen Frauen für ein Weilchen von der Versuchung befreit, habe Ruggieri ein Mittel gegeben, mit dem er sich selbst in die wohlverdiente Hölle wünschen kann, und mit ein wenig Glück der drohenden Dichterkarriere jener Demoiselle Einhalt geboten, die Frankreich mit weiteren schlechten Gedichten beschenkt hätte.«
»Recht gut eingefädelt«, meinte der Geist der Geschichte.
»Du weißt nicht zufällig, wie es ausgeht, oder?« fragte der alte Prophet.
»Ich dachte, gestern hätte ich jenen Abschnitt gefunden, und wollte ihn für dich aufheben, aber jetzt habe ich ihn wieder verlegt«, sagte der Geist und plusterte seine dunklen Flügel.
Auf dem Pont-au-Change, unweit des steinernen Tores mit den hohen Türmen, das die Brücke mit den zahlreichen Läden von der Cité trennt, bot sich Vorbeikommenden ein merkwürdiger Anblick, der zum Stehenbleiben verlockte. Eine farbenprächtige Sänfte mit Vorhängen, die zwischen zwei schmucken grauen Pferden schwebte, hielt vor dem Laden eines Goldschmieds. Hinter den zugezogenen Vorhängen gestikulierte eine mit Ringen geschmückte Frauenhand, und ein Lakai in Livree, einer von einem halben Dutzend, eilte herbei, um der Dame aus der Sänfte und in den Laden zu helfen.
Ein großer junger Mann mit kantigen Zügen in ein schwarzes Samtwams gekleidet, an dem zwei Knöpfe nicht geschlossen waren und einer fehlte, blieb stehen und gesellte sich zu den Gaffern. Kein Wappen auf der Sänfte, dachte er. Die Mätresse irgendeines bedeutenden Hofmannes, die einkaufen will. Eine Hand tauchte auf, ein Arm im seidenen Schlitzärmel, dann ein Fuß – ein recht großer, der taktvoll mit einem samtverbrämten Saum verdeckt wurde –, und der Mann sah die hochgewachsene königliche Gestalt einer schlanken jungen Frau aufs Pflaster treten. Ringsum waren Lärm und Getümmel: Ein Straßenhändler schob einen Karren mit alten Schuhen und Stiefeln vorbei, eine Frau verkaufte Aalpasteten, und – als Begleitmusik zu allem – rauschte die Strömung zwischen den Brückenpfeilern, begleitet von dem ständigen Gepolter und Geratter der Mühlräder unter der Brücke, die das Korn für die Bäckereien von Paris mahlten. Doch der junge Mann schien das alles nicht zu bemerken! Eine eigenartige goldene Stille breitete sich aus. Die Dame umgab für einen Augenblick eine Art Gloriole – war es nur eine Gaukelei des Lichts? Gott helfe mir armem Sünder, dachte er, sie ist ja noch schöner als bei unserer Begegnung im Hof der bischöflichen Residenz in Orléans. Oh, wie sich ihr edles Profil vor dem schwarzen Samt ihrer Kapuze abhebt – ein Adler, ein Falke –, ihre Haltung, wie vornehm, ihr Gang – ein Reh in der Morgendämmerung… Eine Königin, nein, eine Kaiserin. Nichts ist gut genug für sie – und dennoch, oh, nicht auszudenken, soll sie sich begnügen mit dem unehrenhaften Umgang bei Hofe. Und dann wuchs in ihm die Neugier wie ein alles verschlingendes Rankengewächs. Ich werde ihr folgen. Ich muß wissen, mit wem sie sich eingelassen hat, wer sie aushält. Ich kann sie nicht aufgeben, ehe ich nicht ihre Gründe erfahren habe.
Doch in dem Augenblick, als ein erstaunlicher Haß auf den verderbten Lebemann, der ihr vermutlich die Unschuld geraubt hatte, sein Herz mit ehernen Klauen packen wollte, mußte er schon wieder staunen. Eine Frau von außergewöhnlicher Statur wurde von vier ächzenden Lakaien aus der Sänfte gehoben. Der junge Müßiggänger stand da mit offenem Mund; sein Auge konnte die Leibesfülle dieser Frau kaum fassen, die von bauschigen Unterröcken und einem prächtig verzierten Rock über einem spanischen Reifrock noch vergrößert wurde. Und dann dieser gepuderte Teint mit Rouge, der offensichtlich noch nie die Sonne gesehen hatte, und der phantastische Kopfputz aus gelber Seide mit den vielen schimmernden Perlen, und bei jeder Bewegung rauschte, raschelte und glitzerte es. Was für eine erstaunliche Duena, dachte der junge Mann, ich habe mein Lebtag keine zwei Damen erblickt, die so wenig zusammenpassen. Der Drang, sie heimlich zu beobachten, verstärkte sich. Er ging sehr langsam, besah sich die Auslagen der Läden und tat so, als mustere auch er die Vorbeigehenden, blieb mehrmals vor dem Schaufenster eines Juweliers stehen und erhaschte einen Blick auf das im Innern stattfindende Geschäft. Es war seltsam – die Ältere, die Duena, schien auszusuchen, nicht die Jüngere. Als sie den Laden munter plaudernd verließen, schnappte er den Satz auf: »Señor Alonzos Kruzifix könnte an der Kette gar nicht besser zur Geltung kommen. Mein Schatz, du mußt es wirklich vorteilhafter zeigen…« O weh, die Mätresse eines Ausländers! Schlimmer noch, die eines Spaniers. Es gilt die Ehre Frankreichs: Ich muß ihn ausfindig machen und zum Duell fordern, dachte der junge Mann. Ich werde ihn auf dem Felde der Ehre mit Schmach und Schande bedecken und ihn in seinen Hundezwinger jenseits der Pyrenäen zurückschicken. Das berauschende Gefühl, eine Mission zu haben, überkam ihn und löschte jeden noch so flüchtigen Gewissensbiß darüber aus, daß das Verfolgen einer Dame auch nicht gerade ehrenhaft war.
Am späten Nachmittag kannte er den Handschuhmacher, dem sie den Vorzug gaben, und die drei Schuster, den Tuchhändler, einen Fächerhersteller und zwei Konditoren, die sie mit einem Besuch beehrten. Außerdem hatte er bemerkt, daß die junge Dame die eigenartige Angewohnheit hatte, naturwissenschaftliche Werke zu lesen und zu diesem Zweck am Montag nachmittag in zwei Wochen zu ›Den vier Elementen‹ in der Rue St. Jacques zurückkehren und sich erkundigen wollte, ob ihre Bestellung der Historia Animalium eingetroffen war. Sie ist zu gut für diesen Spanier, dachte er betrübt, während er zu seinem Vaterhaus in der Rue de Bailleul zurückging. Sie kommt doch aus einer recht anständigen Familie, abgesehen von ihrer wirrköpfigen Base Matheline. Was hat sie dazu getrieben? Man kann nicht die ehemalige Mätresse eines Spaniers heiraten, selbst wenn man ihn getötet hat. Wozu sollte ein Duell noch gut sein? Ihr Ruf ist ruiniert. Es ist vorbei. Schlag sie dir aus dem Kopf, redete er sich ein. Doch je mehr er sich gut zuredete, desto klarer zeichnete sich ihr Bild strahlend vor der Sonne ab.
»Tantchen, meinst du nicht auch, daß Mutter das hübsche Armband, das wir ausgesucht haben, einfach hinreißend findet? Und die silberne Rassel ist genau richtig für das Kleine…« Das Gesicht der hochgewachsenen jungen Frau glühte vor Freude, während sie ihre Einkäufe auf dem Bett ablegte. Die außergewöhnlich runde alte Dame, die ihr gefolgt war, seufzte, während sie sich auf den Stuhl neben dem Tischchen sinken ließ.
»Oh! Meine Füße. Ach, Sibille, das war ganz wie in alten Zeiten. Deine Mutter und ich hatten so viel Spaß, als wir noch jung waren. Wenn sie doch nur bei uns sein könnte! Wir würden auf der Straße nach dem schönsten jungen Mann Ausschau halten und davon träumen, daß wir eines Tages jede in einem Schloß wohnen und uns gegenseitig besuchen. Aber mein Bruder ist so tyrannisch, daß er sie nicht einmal mehr aus dem Haus läßt – ich weiß wirklich nicht, warum du darauf bestanden hast, auch ihm ein Geschenk zu kaufen. Ach! Sieh mal, der Tisch! Der gräßliche Kasten ist weg!«
»Und das Fenster steht offen«, bemerkte die Jüngere, ging durchs Zimmer und blickte nach draußen. »Nein, so etwas! Jemand ist geradewegs vom Balkon da unten hochgeklettert und hat ihn gestohlen. Dieser Nostradamus ist der größte Prophet der Welt!« Sie schloß das Fenster und tanzte durchs Zimmer, während die alte Frau verständnisvoll lächelte.
»Nur eins verstehe ich nicht«, sagte Tante Pauline und bettete ihren schlimmen Fuß auf einen Schemel.
»Was denn nicht, Tantchen?«
»Wir haben vor drei Tagen Nachricht nach Saint-Germain geschickt, daß wir angekommen sind, und mittlerweile hätten wir darauf Antwort haben sollen. Allmählich kommt mir das alles verdächtig vor.«
»Ma tante, wir haben den Brief, und darin steht, daß sie so viel von meinen Gedichten gehört hat und wünscht, die Autorin kennenzulernen.«
»Ja, aber der Bote hat auch gesagt, daß es nichts schaden könne, wenn wir eine gewisse Schatulle mitbrächten, an der die Königin interessiert ist, wir wüßten schon, welche. Also, was hat dieser Leon noch gesagt – wer würde sie stehlen? Maistre Cosmo, der Astrologe der Königin. Sibille, ich glaube, wir sind da in etwas hineingeraten, und nicht etwa wegen deiner Gedichte.«
»Die Königin muß keine Diebe losschicken, da wir ihr Menander mit Freuden überlassen würden.«
»Ja, aber vielleicht wissen noch mehr Menschen, daß wir ihn besitzen. Habe ich dir nicht gesagt, du solltest es geheimhalten? Bist du dir sicher, daß deine geschwätzige Base Matheline nichts davon mitbekommen hat?«
»Vollkommen sicher. Ich habe keiner Menschenseele davon erzählt. Aber es ist mir schrecklich peinlich, daß meine Kunst vielleicht nur den ihr zustehenden Beifall erhält, weil ich durch Zufall in den Besitz eines mumifizierten Kopfes gelangt bin.«
»Na schön, aber hier geht etwas vor… Ich frage mich, wie viele Menschen bei Hofe wohl wissen, daß wir ihn haben. Ich kann nur hoffen, daß man nicht herausfindet, wie man ihn dir endgültig wegnehmen kann und…«
»Du meinst, falls er wahrhaftig gestohlen ist, wird die Einladung widerrufen, und wir schleichen uns in Schimpf und Schande mit den Leseexemplaren nach Hause. Und falls er zurückkehrt, ist mein Leben in Gefahr…«
»Mehr oder weniger, ja.«
»Wirklich, Tantchen, ich weiß nicht, was schlimmer ist. Ist dir klar, wie sich Vater über mich lustig machen wird? Bei dem Gedanken wäre ich lieber tot.«
»Und ich lasse weder das eine noch das andere zu. Mir muß etwas einfallen. Ja, ich ziehe noch einmal Maistre Nostredame zu Rate. Der scheint sich mit Menanders Gewohnheiten gut auszukennen.«
»So schnell zurück?« sagte der Inhaber der ›Vier Elemente‹. »Das Buch ist noch nicht da und sie auch nicht.« Die Ladenglocke klingelte erneut, als sich zwei Alchimisten, in ein Gespräch vertieft, durch die Tür schoben. Das Fenster, das neben der Tür zu einem Schaufenster heruntergeklappt war, stand offen, ließ sowohl Licht als auch Luft herein, und den Studenten und gelehrten Doktores des Linken Ufers bot sich eine verlockende Auslage von Büchern.
»Ich… ich suche nach Marozzos Opera Nova«, sagte Nicolas Montvert.
»Zum Kaufen oder zum Schmökern?« fragte Maistre Lenormand.
»Zum Kaufen, sowie mein Vater mir Geld gibt«, verkündete Nicolas. Der Buchhändler rümpfte spöttisch die Nase. »Tut nicht so herablassend«, sagte Nicolas. »Ich erwarte jeden Augenblick Geld von Achille – sonst kaufe ich woanders.«
»Nach all dem Geld, das ich Euch vorgestreckt habe? Ich hätte nicht übel Lust, Eurem Vater zu erzählen, daß Ihr Euch gegen Bezahlung in einer nicht zugelassenen Fechtschule mit Gecken meßt…«
»Dann wird er dafür sorgen, daß ein gewisser Verhaftungsbefehl für die Bastille ausgestellt wird, und ich kann nie mehr Bücher bei Euch kaufen«, gab Nicolas zurück.
»Aber, aber, wer wird denn gleich so frech werden?« beschwichtigte der alte Mann. »Ihr wißt doch, daß ich kein hartes Herz habe.«
»Ihr solltet Euch lieber mit mir gutstellen.« Nicolas holte sich das begehrte Buch vom Bord und blätterte darin. »Ich habe die Absicht, eines Tages berühmt zu werden. Die Leute werden in Scharen genau hierher strömen, und das nur, weil ich hier Marozzo gelesen…«
»Legt das zurück, Ihr nutzt es ab.«
»Da, seht her. So wie Marozzo hier die Riposte mittels einer niedrigen Parade beschreibt, liegt er völlig falsch. Mein Buch wird viel besser als das hier – Ihr werdet Dutzende von Exemplaren verkaufen.«
»Euer Buch existiert noch gar nicht, junger Herr. Und Ihr glaubt, Ihr könntet den berühmten Marozzo übertreffen? Habt Ihr es bereits zu Ende geschrieben? Habt Ihr schon einen Drucker gefunden?«
»Ja – ich bin fast fertig… Und ich bin sicher, daß jeder gute Drucker die Gelegenheit ergreifen würde, einen solch wichtigen neuen Text über das Fechten zu…«
»Nicolas, Nicolas, hört auf den guten Rat eines alten Mannes. Lernt das Gewerbe, das Euer Vater für Euch vorgesehen hat. Widmet Euch Euren Studien, macht ihn glücklich. Er ist kein schlechter Mensch, und er will nur Euer Bestes. So wie Ihr lebt, wie Ihr Euch mit diesen üblen Gesellen herumtreibt, endet Ihr eines Tages tot in der Gosse und brecht ihm das Herz. Tretet in sein Geschäft ein, Nicolas, Ihr gewinnt keinen anderen Stand als den, in den Ihr hineingeboren seid, wie sehr Ihr Euch das auch wünschen mögt.«
»Ich und Bankier werden? Aber dann – dann dürfte ich es nicht einmal wagen, den Blick zu ihr zu erheben. Sie steht so weit über mir, Maistre. Ich kann doch nicht im Dreck leben, wenn ich nach den Sternen greifen will. Ich muß berühmt werden, und das auf der Stelle. Berühmt und reich…«
»Oder berüchtigt und tot«, knurrte der alte Buchhändler, als er Nicolas nachblickte, der auf die geschäftige schmale Straße trat.
Wieder einmal stand Madame Gondi vor Ruggieris Dachkämmerchen Wache. Hinter der verschlossenen Tür lüftete der Zauberer schwungvoll ein Seidentuch, das einen langen, mit Flaschen vollgestellten Tisch unter dem Dachgesims bedeckte. Selbst um die Mittagszeit war es in dem kleinen Raum dunkel, und es roch nach Staub. Mehrere astrologische Karten waren aufs Geratewohl an die Wand geheftet, auf dem Kamin stand in Rot das magische Zeichen des Asmodeus geschrieben.
»Meine Königin«, sprach der Magier, »ich habe weder Kosten noch Mühe gescheut, um diesen Schatz für Euch zu erwerben.« Mit verstohlener Gier musterte die Königin die versilberte Schatulle mit den seltsamen Verzierungen, die zwischen den anderen Gegenständen auf dem Tisch thronte, dann die boshafte, triumphierende Miene ihres Zauberers. Der Hauch eines Lächelns zuckte um ihren Mund.
»Ihr meint, Ihr habt ihn der Zauberin gestohlen. Einfallsreich, Cosmo, einfallsreich. Sie dürfte keine nennenswerten Zauberkräfte besitzen, wenn Ihr sie so leicht überlisten konntet. Dann wird also nichts aus ihrem Versuch, sich meine Gunst zu erschleichen, und Ihr bleibt Sieger.«
»Majestät, vor Euch läßt sich nichts verbergen. Ihr seid noch immer die brillanteste und scharfblickendste Frau des Königreiches.«
»Aber jetzt werde ich auch die beliebteste. Macht den Kasten für mich auf, Cosmo.«
»Eure Majestät muß ihn selbst öffnen, sonst funktioniert er nicht«, sagte der Zauberer und wandte den Blick ab, während sie am Verschluß nestelte.
»Herr Jesus, es bewegt sich. Es lebt. O mein Gott! Was für ein grausiges Ding!« entfuhr es der Königin. Die spröden, pergamentenen Lippen des mumifizierten Kopfes bewegten sich, das Ding bleckte verfaulte, gelbe Zähne. Ein schrumpliges Lid hob sich, und ein glitzerndes, böses Auge, lebendig und leuchtend, wurde in der Tiefe der Augenhöhle sichtbar.
»Ihr seid auch nicht gerade anziehend«, sagte der Kopf Menanders des Unsterblichen.
»Cosmo – Cosmo, sagt ihm, was ich will«, hauchte Katharina von Medici, die sich in dieser Epoche ihres Lebens noch nicht so weit mit Schwarzer Magie eingelassen hatte, um angesichts des Entsetzlichen ungerührt zu bleiben. Die Resonanz eines schauerlichen, zittrigen Tons erfüllte den Raum, so als ob die Hölle selbst am Saum ihres Kleides und an ihren langen, glitzernden Ärmeln, ja, an ihrem Herzen zerrte.
»Majestät, das müßt Ihr ihm selbst sagen und zuerst die Worte nachsprechen, die über dem Schloß des Kastens stehen.«
»Ich will die Herzogin nicht töten, Cosmo, sie soll leben, damit sie meinen Triumph sehen kann. Ich will…« Doch da begann der Kasten zu schimmern, dann wurde er durchsichtig und wollte ganz entschwinden. »Meine Schatulle. Wohin verzieht sich mein Zauberkopf?« rief die Königin.
»Ich wäre gern gefällig gewesen«, sagte der Kopf, während er langsam unsichtbar wurde, »aber dort, wohin ich gehöre, vermißt man mich bereits…«
»Wo ist das?« schrie der Zauberer der Königin, entsetzt über das geheimnisvolle Verblassen seines Schatzes.
»Sibille de la Roque besitzt mich, zumindest im Augenblick…«, flüsterte es aus dem Kasten, ehe er sich völlig in Luft auflöste.
»Nun ja, Cosmo, wie sich zeigt, seid Ihr doch nicht so über alle Maßen schlau. Ich hätte wissen müssen, daß Ihr schlicht mißgünstig wart, als Ihr sagtet, ich solle den Zeitpunkt ihres Besuchs noch verschieben. Sie ist eine mächtigere Zauberin als Ihr, aber das sollte ich nicht herausfinden. Wahrscheinlich hat sie jeden Eurer Züge vorausgesehen und sich den Schatz stehlen lassen, um Euch, wie eben, bloßzustellen.« Cosmo Ruggieri erblaßte. Was sollte er tun? In die winzige Wohnung seines Bruders ziehen? Seine Feinde… er hatte so viele. Ohne die Protektion und Gönnerschaft der Königin war er ein toter Mann. Und alles war ihre Schuld. Wem zuliebe hatte er sich diese Feinde gemacht? Ohne sie hätte er eine angenehme kleine Praxis in guten Kreisen haben können, aber nein, er mußte Opfer ihrer Undankbarkeit werden. Oh, die Undankbarkeit der Mächtigen. Wie sie treue Diener wegen einer Modeerscheinung verstießen, wegen eines blöden Zaubertricks, wegen eines mumifizierten Kopfes, der reden konnte. Wahrscheinlich gewährte er ohnedies keine Wünsche. Alles Lug und Trug inszeniert von dieser geheimnisvollen Zauberin.
»Cosmo, komm mir ja nicht auf die Idee, sie zu vergiften. Falls sie umgänglich ist, will ich dafür sorgen, daß sie in meiner Nähe bleibt, damit mir der Kopf ständig zur Verfügung steht und nicht in die falschen Hände gerät. Damit nimmt sie die Gefahren auf sich, die sein Besitz mit sich bringt, und niemand außer mir kommt in den Genuß, sich etwas von ihm zu wünschen. Ich will meinen Zauberkopf zurückhaben, aber wehe, du bringst sie um und er verflüchtigt sich möglicherweise für immer…« O je, dachte Cosmo, daran habe ich noch nicht gedacht. Ich müßte an Ort und Stelle sein, wenn ich sie töte…
»Sieh mir in die Augen, Cosmo, du Wurm. Ich kann deine Gedanken lesen, ist dir das klar? Spiel mir keinen Streich. Ich will diesen Kopf haben, sonst nehme ich mir deinen, und dann können wir sehen, wieviel deine Weissagung über meinen Tod wert ist. Ich kann mir andere Zauberer kommen lassen, die deine Kunst zunichte machen. Ei, vielleicht hebe ich deine Weissagung einfach mit meiner schönen neuen Zauberschatulle auf. Und jetzt benimm dich, sonst sperre ich dich ein und lasse dich so lange hungern, daß du dir wünschst, du wärst tot.«
»Erhabene, gnädige Königin, verzeiht Eurem elenden Diener«, stammelte er und ließ falsche Tränen rinnen, warf sich zu Boden und küßte den Saum ihres modischen Gewandes aus lila Taft und Samt. »Ich wollte Euch einen Gefallen tun, ach, seht meine übergroße Betrübnis und meine Leiden. Vergebt, vergebt!«
»Für Euch gibt es keine Vergebung, wenn Ihr den Saum meines Kleides befleckt, Cosmo. Schale Tränen, ich habe im Theater schon Besseres gesehen.«
»Dann vergebt Ihr mir; Ihr seid belustigt – ja, ich, Ruggieri der Jüngere, bin der elende Gegenstand Eurer Belustigung – welche Freude, daß mein erbärmlicher Zustand der erhabenen Königin einen Augenblick des Vergnügens bereitet hat, eine flüchtige Ablenkung von ihren schweren Pflichten…«
»Cosmo, Schluß jetzt. Ich weiß, was Ihr denkt, und es gefällt mir nicht. Damit Ihr mich recht versteht: Ich erwarte, daß Ihr höflich zu der neuen Zauberin seid, die ich zu Rate ziehen will, und keine Pülverchen verstreut – O ja, und auch keinen Todeszauber aussprecht.«
»Das kann ich ohnedies nicht«, knurrte er, »dagegen ist sie durch diesen Kopf gewappnet.«
»Mein Gott, tatsächlich? Was für ein Schatz! Mächtiger als meine Magensteine. Ja, ich schicke auf der Stelle meine Leibwache zu ihr, eine meiner vertrauenswürdigsten Damen soll sie begleiten. Oh, ich kann es kaum erwarten…«
Undankbar, dachte Ruggieri und sah der plumpen Gestalt nach, die aus der Dachkammer rauschte. Welch bitterer Lohn für all meine Treue, meine unendliche Hingabe…
Eine große, wuchtige Gestalt mit fettigem langem Haar und grauweißem Bart stand auf der Schwelle zu der kleinen Wohnung in der Rue de la Tisseranderie. Selbst Beatrice, die an den Anblick bedrohlicher Leute gewöhnt war, verspürte eine gewisse Beklemmung, als sie den finsteren einäugigen Mann sah.
»Euer Ehemann, ist er daheim?« fragte der Mann.
»Ei, augenblicklich nicht. Habt Ihr geschäftlich mit ihm zu tun?« fragte Beatrice, und der Gedanke schoß ihr durch den Kopf, der Mann könnte ein gedungener Mörder sein.
»Ich höre da drinnen eine Männerstimme«, sagte Villasse.
»Der – der Bruder meines Mannes. Ein Maler. Der Hofmaler.«
»Das habe ich nicht gewußt. Laßt mich ein, ich will auf ihn warten. Ich habe Geschäfte mit Eurem Mann zu besprechen. Wie ich höre, verkauft er etwas, das ich erwerben möchte.« Oh, die Erleichterung. Er will nicht ihn ermorden, dachte Beatrice, während er sich an ihr vorbeidrängte und auf dem besten Stuhl in ihrem kleinen Vorderzimmer Platz nahm.
»Möchtet Ihr ein Glas Wein trinken, während Ihr wartet?« fragte sie.
»Hier lieber nicht«, sagte Villasse mit einem höhnischen Auflachen. Er hatte den Raum flüchtig gemustert und sich gefragt, was die Zauberzeichen über dem Kamin zu bedeuten hatten, als Lorenzo, vollbeladen mit Päckchen, nach Hause kam.
»Maestro«, sagte Villasse, während Lorenzo seine Bürde ablegte und sich seinem Kunden zuwandte. »Maestro, wie ich höre, verkauft Ihr Vitriolöl.« Im Hinterzimmer hörte man einen Säugling plärren.
»Das und ein Dutzend weiterer Dinge. Ich nehme an, Ihr wollt Rache an einer Frau üben?«
»Woher wißt Ihr das?«
»Ganz einfach, weil jedermann dafür Vitriol haben will. Das Gesicht einer Frau – ist es nicht alles, was sie hat? Sagt mir, habt Ihr vor, selbst Gebrauch davon zu machen?«
»Natürlich nicht. Es könnte Zeugen geben. Dazu will ich jemanden dingen. Vielleicht könnt Ihr mir einen Namen nennen?«
»Ich kenne mehrere Burschen, aber die sind teuer. Falls Ihr nicht soviel ausgeben wollt, versucht es im Schwarzen Bullen, unten am Fluß. Dort verkehren ausgediente Soldaten, die zu allem bereit sind. Nur bezahlt dem gedungenen Mann nicht gleich die volle Summe. Bietet ihm die Hälfte, und die andere, wenn die Arbeit getan ist.«
»Eine ausgezeichnete Idee, Maestro. Ich merke schon, hier bin ich an der richtigen Adresse.«
»Ich bin stets bemüht, meinen Kunden nur beste Qualität anzubieten«, sagte Maestro Lorenzo und holte eine kleine braune Flasche mit Vitriolöl aus einem verschlossenen Schrank hinten im Zimmer. »Denkt daran, falls Ihr es doch selbst schleudern wollt, Ihr müßt unbedingt Handschuhe tragen.«
Eine träge Sommerbrise mit einem unterschwelligen Hauch des nahenden Herbstes bewegte die Baumwipfel. Jenseits der Gartenterrasse von Saint-Germain erstreckte sich im Dunst das Panorama der Stadt Paris mit Fluß, fernen Mauern und Kirchtürmen. Die hochgewachsene junge Dame blieb stehen. »Ach, wie wunderbar«, seufzte sie. Sie spazierte am Arm ihres Bruders, eines kühnen, fröhlichen jungen Mannes von mittlerem Wuchs, der die Stiefel, die Pluderhosen und das Wams des Offiziers trug. Ein hellroter Umhang lag über seiner Schulter. Seit ihrer letzten Begegnung hatte er sich einen Schnurrbart wachsen lassen, der jedoch nicht ganz so prächtig ausgefallen war wie erhofft. Zu ihrer Linken schritt ein ungewöhnlich schneidiger junger Offizier mit durchdringenden blauen Augen und einem stattlicheren Schnurrbart. Er trug das otterbraune Haar unter dem kleinen Federhut straff zurückgekämmt, sein Wams mit dem hohen Kragen hatte eine Krause, die ihm bis zu den Ohren reichte – die allerneueste Mode. Ein kunstvoll gegossenes italienisches Rapier an seiner Seite, auch die allerneueste Mode, kündete vom Reichtum und vom Wagemut des Besitzers.
»Gedichte, Sibille – wer hätte gedacht, daß sie dir einmal eine königliche Audienz eintragen würden?« sagte ihr Bruder lachend.
»Ich bin mir sicher, daß ich die Gedichte deiner Schwester genauso zu würdigen wüßte wie deine Schwester selbst«, schmeichelte der junge Offizier.
Sibille errötete vor Freude. »Ich habe, abgesehen von dem Vorzeigeexemplar, nur eine armselige Abschrift.«
»Und welch ein Zufall, daß ich dich hier antreffe, daß der Konnetabel und M. de Damville von Ecouen hierher gekommen sind. Wer weiß, vielleicht wirst du die neue Entdeckung bei Hofe werden und sogar eine königliche Zuwendung erhalten. Wer hätte gedacht, daß dein Gekritzel so viel wert ist? Als ich Laurettes Brief bekam, mußte ich wirklich lachen. Man konnte sie vom Gut her vor Wut kreischen hören. Natürlich bin ich dir immer wohlgesinnt gewesen – aber du kannst es Laurette nicht verdenken, daß sie neidisch ist, weil Tante Pauline dich zur Gesellschafterin haben will, und nicht sie.«
»Ich bin froh, daß es zwischen uns nichts geändert hat, Annibal. Du bist der einzige, der sich über mein Glück zu freuen scheint.«
»Und ich«, fügte Philippe d'Estouville mit angenehm schmeichelnder Stimme hinzu. »Niemand hat das Glück mehr verdient.«
»Wie geht es Villasse?« fragte Annibal. »Laurette schreibt, daß ihn ein Jagdunfall fast aufs Sterbelager geworfen hat.«
»Tantchen ist fest entschlossen, die Verlobung zu lösen, ob er nun gesund ist oder krank. Sie hat einen Advokaten gefunden, der beweisen kann, daß er durch einen entfernten Vetter mit Großvater verwandt ist. Und das bereinigt also alles. Sie sagt, der Gedanke, daß er auch nur den Hauch einer Gelegenheit erhält, die Hand auf ihr Vermögen zu legen, ist ihr unerträglich.« Sie war so vertieft in die Unterhaltung mit dem charmanten Offizier zu ihrer Linken, daß sie das leichte Zögern ihres Bruders beim Ausschreiten nicht bemerkte, auch nicht, wie er bei der Erwähnung des Wortes »Vermögen« in die Ferne blickte.
»Ich bin dem Mann einmal begegnet. Er ist zu häßlich für eine schöne junge Dame – Annibal sagt, er sei außerdem habgierig.«
»Nach einem Weinberg, meiner Mitgift«, ergänzte Sibille.
»Nach einem Weinberg, pah – was für ein kleinlich denkender Mensch«, entrüstete sich d'Estouville. Sibilles verstörter Blick ließ ihn hastig hinzusetzen: »Damit will ich sagen, daß ein Mann nur nach Schönheit trachten, nur aus wahrer Liebe heiraten sollte. Meint Ihr nicht auch?«
»O ja, natürlich«, antwortete Sibille erleichtert.
An diesem Abend klopfte es an die Tür der Räume, die der Abbé in der Kleinstadt zu Füßen des Schlosses gemietet hatte. Ein kleiner Page sagte: »Für Demoiselle de la Roque«, und drückte dem erstaunten Abbé einen Brief in die Hand.
»Was steht drin?« fragte er, während Tantchen versuchte, den Brief über Sibilles Schulter zu lesen.
»Es ist ein Rondeau – von Monsieur d'Estouville –, und es ist mir gewidmet«, antwortete Sibille, und dabei überzog ein rosiger Hauch ihren olivfarbenen Teint, und ihre Augen strahlten vor Freude, weil sich unerwartet ein heimlicher Traum erfüllt hatte.
»Ich habe noch nie gehört, daß er Gedichte schreibt«, wunderte sich Tante Pauline.
»Aber er schreibt welche, und das hier ist eins, und es ist obendrein sehr nett. Hört Euch das an: ›Rose, du errötest vor Neid auf meiner Sibille leuchtenden Blick…‹«
»Wahrscheinlich hat er es schreiben lassen und dafür gezahlt«, entrüstete sich Tante Pauline.
»Hübsch formuliert, die Zeile ist sehr ausgewogen«, meinte der Abbé.
»Sein Interesse kommt mir ein wenig plötzlich«, wandte die alte Dame ein.
»Er ist mit Annibal unterwegs gewesen. Außerdem ist es nur natürlich, daß man bei Hofe neue Freunde findet.«
»Ganz recht«, sagte eine gedämpfte, sarkastische Stimme im Kasten auf dem kleinen Tisch. »Und gewiß verschwendet er keinen Gedanken an all das Geld, das du einmal erbst.« Aber Sibille war so glücklich, daß sie den Einwand überhaupt nicht hörte.
Die Gattin von Katharinas italienischem maistre d'hostel, Madame d'Alamanni, stellte die hochgewachsene junge Frau der Königin vor, die im Kreise ihrer Hofdamen thronte. Auf einem Stuhl nahe der Raummitte erkannte Sibille die Herzogin von Valentinois an ihrem schwarz-weißen Kleid; ihr spitzes Gesicht war nicht mehr jung, aber offenkundig sorgfältig gepflegt. Sie war in eine Unterhaltung mit einer ihrer Hofdamen vertieft. Außer ihr saßen nur die beiden anwesenden Königinnen auf Stühlen, das rothaarige Mädchen, die Königin der Schotten, und die Königin von Frankreich. Diese hatte sich auf einem geschnitzten Polstersessel an einem reichverzierten Tisch niedergelassen, auf dem mehrere prachtvolle Bücher lagen. Demoiselle de la Roque – ihre Tante hatte sie bestens instruiert – näherte sich und machte einen tiefen Hofknicks, dann reichte sie der Königin zunächst zwei dünne gebundene Bücher im Quartformat mit schön gearbeitetem Ledereinband und eine versilberte Schatulle mit seltsamem Muster.
Wer in der Nähe auf einem der Samtpolster saß, die auf dem farbenprächtigen Orientteppich verstreut waren, konnte mehr oder weniger der Unterhaltung folgen, doch war diese nicht so ungewöhnlich, daß sie von dem üblichen Gesellschaftsgeplänkel des Nachmittags hätte ablenken können: vom Schöne-Augen-Machen, von Musik, Kartenspiel und der Lesung eines Dichters, der ein Werk vortrug, das die göttinnengleiche Schönheit der vierzehnjährigen schottischen Königin pries. Das junge Mädchen auf seinem Stuhl war groß – größer als so mancher Franzose, und es würde noch weiterwachsen; die Hofdichter sahen seit neuestem von rühmenden Vergleichen mit Elfen und Feen ab und verlegten sich auf größer geratene Wesen. Einige Gattinnen von Katharinas italienischen Günstlingen bei Hofe schwatzten in ihrer Muttersprache – es ging um Fieber beim Zahnen –, und weiter hinten ließ ein junger Hofmann, von seinen Freunden angefeuert, seine Hand verstohlen unter die Röcke einer jungen Demoiselle gleiten, die sich angeregt mit zwei vor kurzem vom Land angereisten Basen unterhielt.
»Es ist mir eine Ehre, Euch dies anzubieten…«, sagte Sibille, und die Königin nickte und verzog den Mund zu einem flüchtigen, aber eindeutig triumphierenden Lächeln.
»Es ist ganz rot geworden und hat die ganze Nacht gebrüllt, und ich habe der Amme Anweisung gegeben…«, erzählte eine der italienischen Damen.
»Ihr sagt, es gibt da ein Problem? Nichts Ernstes hoffentlich…« Die Stimme der Königin erhob sich über das Geplauder.
»Zähne schimmernd wie Perlen des Orients…«, ließ sich die Stimme des Dichters in der Ecke leise vernehmen.
»Das Ding verblaßt, anscheinend folgt es mir überallhin. Doch die Ehre, im Besitz einer Person von Eurem Range zu sein, wird es hoffentlich dazu bewegen, bei Euch zu bleiben…« Die Königin beugte sich vor und begutachtete die junge Frau neugierig.
»Ha! Die Königin der Becher. Ich habe gewonnen! Meinen Preis, Demoiselle!«
»Also, wenn er zu Euch zurückkehrt, dann müssen wir dafür sorgen, daß Ihr dem Hof folgt. Eine Anstellung vielleicht, ein geeigneter und fügsamer Ehemann… Ihr sagt, der zweite Band hier enthält keine Gedichte?«
»Nur ein sehr kleines Werk mit dem Titel Ein Dialog der Tugenden.«
»Ich habe gesagt, nur einen! Nur weil Ihr das Spiel gewonnen habt, bedeutet das noch lange nicht, daß Ihr das Recht auf mehr als auf einen Kuß habt…«
»Als Eure Gönnerin. Eine Lesung hier und einen Verleger…«
»Kalte Kompressen gegen das Fieber…«
»Eure Majestät, die – die Ehre ist zu groß für mich…«
»Dankbarkeit und Stillschweigen. Unser kleines Geheimnis…« Vom hinteren rechten Rand des Teppichs kam ein Aufschrei, die Demoiselle stand jäh mit hochrotem Gesicht auf, weinend vor Wut und Verlegenheit.
»Wie könnt Ihr es wagen, in meiner Gegenwart«, zischte die Königin mit einem bösen Blick in ihre Richtung. »Fort mit Euch, alle beide – ich möchte Euch hier nicht wieder sehen.«
»Aber, aber das war doch er…«, schniefte die junge Frau.
»Man sollte Euch auspeitschen lassen«, sagte die Königin zu der kleinen Hofdame, dann wandte sie sich wieder der hochgewachsenen Bittstellerin zu. »Und jetzt, o ja, Euer Dialog der Tugenden. Genau die Art Literatur, die ich fördern möchte. Wie ungewöhnlich für eine Frau, ein solches Werk zu schreiben. Habt Ihr die Alten Meister studiert?«
»Ein wenig. Vor allem aber die Naturwissenschaften.«
»Ach ja«, meinte die Königin vielsagend. »Ja, ungewöhnliche Studien. Vielleicht möchte ich Euch von Zeit zu Zeit zu den Naturwissenschaften befragen.« Als sich die junge Dame zurückzog und zu ihrer Duena gesellte, einer sehr üppigen und farbenprächtigen Gestalt, wandte sich die Königin an Madame Gondi und sagte auf italienisch: »Ich hätte nie gedacht, daß es so leicht sein würde. Natürlich hat sie etwas zu verbergen, aber offensichtlich spürt sie meine eigenen spirituellen Kräfte. Wir, die wir dem Jenseits befehlen, erkennen einander. Man hat es einfach im Gefühl – eine Art Kribbeln, das man gar nicht falsch deuten kann. Und wie bescheiden: sie will lediglich einen Platz bei Hofe. Deswegen spielt sie mir Streiche mit meiner schönen neuen Schatulle. Und Schriftstellerin. Wer hätte das gedacht? Schriftsteller sind allesamt so eitel, so leicht zu blenden. Ein wenig Lob, von Zeit zu Zeit eine Börse mit Geld oder ein Orden, und die Peitsche hübsch verbergen. Sie gieren nach Lob wie Kleinkinder nach Süßigkeiten.« Sie seufzte und dachte an Cosmo Ruggieri. Wenn der doch nur Gedichte schreiben würde…
»Maddalena, man denke nur, jetzt habe ich nicht nur meine Schatulle, sondern auch einen beträchtlich gefügigeren Cosmo, seit er weiß, daß sie die Hüterin ist und daß mir die Kräfte dieser seltsamen Schatulle ständig zu Diensten stehen.« Auf einem niedrigen Tisch neben einer juwelengeschmückten Elfenbeinstatue der Jungfrau mit Kind und einem gebundenen Manuskript über die Heiligkeit der Ehe, Geschenke dieses Tages für die Königin, wirkte die versilberte Schatulle angemessen. Niemand saß so nahe, daß er das eigenartige Pulsieren spüren oder das leise Gesumm im Innern des Kastens hören konnte.
Cosmo Ruggieri quälte sich hinter seinem neunjährigen Neffen die dritte Außenstiege zu den Räumen seines Bruders hinauf. Im Lederbeutel an seiner Hüfte trug er ein Destillat aus Eisenhut, das rasch wirkte und garantiert tödlich war. Der Donner rollte in größeren Abständen, da das Gewitter langsam abzog, doch ein letzter Regenschauer durchnäßte das schwarze Lederwams.
»Vater sagt, du sollst die Hintertür nehmen, weil der Mann jeden Augenblick zur Vordertür reinkommen kann.« Der Junge kratzte leise an der Hintertür, dann ließ Lorenzos Frau in Haube und Schürze ihren Schwager verstohlen in die Küche. Im Raum war es erstickend heiß, und es roch nach feuchter Wäsche und gebratenem Fleisch. Beatrice bot Cosmo einen Schemel an, legte den Finger auf die Lippen und zeigte auf die geöffnete Tür hinter einer Wäscheleine, auf der Windeln trockneten. Die Stimmen im Raum drüben waren deutlich zu hören.
»Noch immer ziert sie sich trotz allem, wozu Ihr mir geraten habt.«
»Habt Ihr den Dichter angeheuert, wie ich empfohlen habe?«
»Ich habe ihr ein Rondeau, drei Sonette und eine Villanelle geschickt, alles sehr teuer, möchte ich hinzufügen, doch sie weigert sich, sich allein mit mir zu treffen.«
»Habt Ihr sie bei Vollmond mit dem Zauber verhext, den ich Euch gegeben habe?« Lorenzos Stimme drang durch den Vorhang aus Windeln. Verstohlen holte Cosmo die kleine braune Flasche mit dem Gift aus seinem Beutel und reichte sie Beatrice.
»Gieß das in eins davon«, flüsterte er und deutete auf mehrere leere grüne Glasgefäße auf dem Tisch. Sie trugen in großen eckigen Lettern die Aufschrift »Liebestrank«. »Paß auf, daß du die Flüssigkeit nicht berührst.«
Beatrice nickte stumm. »Ich brauche dazu einen Trichter«, wisperte sie, ergriff die braune Flasche und eine der grünen und verschwand hinter einer durchhängenden Wäscheleine mit Unterhemden und Kinderstrümpfen.
»Einmal bei Vollmond und einmal sicherheitshalber bei Neumond«, hörte man den Besucher im anderen Zimmer sagen.
»O weh, dann haben sie sich gegenseitig aufgehoben. Seid Ihr sicher, daß Ihr über keine anderen Mittel verfügt, sie zum Heiraten zu bewegen?« Lorenzos Stimme klang brüsk und fachmännisch, Beatrice tauchte wieder hinter der Wäscheleine mit den Hemden und Socken auf, reichte Cosmo stumm die umgefüllte Flasche und nickte verschwörerisch. Als Cosmo die kleine grüne Flasche mit der Aufschrift »Liebestrank« musterte, huschte der Anflug eines verkniffenen Lächelns über sein Gesicht.
»Ich muß schnell heiraten; wir ziehen ins Feld, und ich brauche einen neuen Brustharnisch und Helm, wie es sich für meinen Rang schickt. Monsieur d'Andelot fordert meine Spielschulden ein. Selbst mein Schneider will meine samtverbrämte neue Kniehose nicht ausliefern. Ich habe geschworen, er bekommt die Pferdepeitsche zu spüren, wenn er es noch länger hinauszieht. Ihr habt keine Ahnung, welche Schwierigkeiten mich plagen. Ihr Vormund ist eine wahre Goldgrube. Falls ich sie liebestoll machen und kompromittieren kann, wird sie mich anflehen, sie zu heiraten, je schneller, desto besser. Ich brauche den Liebestrank. Habt Ihr schon einen gemischt?«
»Ich glaube schon – laßt mich im Hinterzimmer nachsehen. Aber zunächst brauche ich mein Honorar im voraus. Habt Ihr Bargeld bei Euch?«
»Aber ja doch, was denkt Ihr von mir?«
»Daß Ihr ein Mann von Stand seid und ich ein armer Bürgerlicher, der nicht von den bloßen Versprechungen hochstehender Herren leben kann.«
Cosmo konnte den Mann mit einer Börse klappern hören, dann tauchte sein Bruder auf, duckte sich unter den Windeln. »Hast du es?« flüsterte dieser.
»Hier«, wisperte Cosmo und reichte ihm die kleine Flasche mit dem stark destillierten Eisenhut. Es war eigene Herstellung, eine Spezialität, und tötete garantiert in Sekundenschnelle. Ein stummes Nicken, und sein Bruder verschwand wieder hinter den Windeln. Stimmen wehten durch die Türöffnung.
»Das hier bewirkt, daß sich jeder, der es trinkt, auf der Stelle und heftig in den ersten Menschen verliebt, den er nach dem Aufwachen erblickt.«
»Aufwachen? Also schläft man davon ein?«
»Man fällt in eine todesähnliche Ohnmacht. Entscheidend ist, daß Ihr der erste seid, den sie sieht, wenn sie die Augen wieder aufschlägt.«
»Aha, aha, aber das dürfte schwierig zu bewerkstelligen sein. Ihr Vormund ist ein furchtbares altes Weib und könnte mich daran hindern, falls sie ohnmächtig wird.«
»Ah, Ihr müßt es ihr also in Gesellschaft verabreichen, das ist nicht so einfach«, sagte Lorenzo. »Für gewöhnlich verabreicht es ein… Liebender… wenn man allein ist, danach läßt man der Natur freien Lauf, falls Ihr wißt, was ich meine. Dann habt Ihr sie gehabt, und sie erwacht liebestoll.«
»Das ist ein Problem, aber kein unlösbares; ich muß mir eine Einladung zu einem Diner verschaffen, das ist alles, und dabei neben ihr sitzen.«
»Genau das ist es, genau. Viel Glück, mein Herr. Bald seid Ihr reich.«
Schön, dachte Cosmo auf seinem Horchposten in der Küche. Sie stirbt, und ihm gibt man die Schuld daran. Der Gedanke, wie der wohledle Philippe d'Estouville einer Leiche Luft zufächelte und sie anschmachtete in der Hoffnung, sie würde sich liebestoll wiederbeleben, freute ihn über die Maßen. Er mußte nur noch herausfinden, wann die Einladung zum Diner war, und den Kasten an sich nehmen, wenn sie nichts mehr mitbekäme…