Kapitel 21
Es gehört zu den Taschenspielertricks von Königen, ein schlechtes Friedensabkommen mit einem prächtigen Fest zu kaschieren. Und das hier würde ein großes Fest werden: zwei Hochzeiten in Folge mit großen öffentlichen Festlichkeiten, bei denen sich die Tochter des Königs mit dem früheren Feind, dem König von Spanien, mittels Stellvertreter vermählen und sich die unverheiratete alte Schwester des Königs mit dem Herzog von Savoyen verbinden würde. Für diese große Angelegenheit schufteten Arbeiter, Weber, Maler und Tischler Tag und Nacht und verwandelten die ganze Stadt Paris in einen Empfangssaal. Die Strecke des Umzugs wurde mit Fahnen dekoriert, Schätze wurden aus ihrer Verwahrung zur Ausschmückung der Kathedrale hervorgeholt, und da die Fläche am Louvre und sogar bei Les Tournelles als zu klein für die Schar von Würdenträgern und Gästen erachtet wurde, machte man die breite Rue St. Antoine, die sich vor dem Palast von Les Tournelles hinzog, zu einem Turnierplatz. Vor dem Palast errichtete man eine kunstvolle Tribüne für die hohen Damen und Ehrengäste, und jedes Fenster mit Blick auf die Straße war bereits reserviert und vermietet – einige von geschäftstüchtigen Hausbesitzern gleich zweimal. Tag um Tag Musik, Maskeraden, öffentliche Festmähler, Sport, Bälle, Austeilung von Kleidung und Nahrung: Wer mochte bei solch großem Ereignis wohl traurig bleiben? Und am glücklichsten waren die italienischen Bankiers, die für die Feierlichkeiten eine Anleihe mit hohen Zinsen gegeben hatten, denn durch den letzten Krieg mit dem Kaiserreich war das Königreich so gut wie bankrott.
In den Zimmern der Rue de la Cerisaie verzehrte Scipion Montvert Küchlein von einem Silbertablett und sprach über die Einkünfte aus einer gewissen kleinen Einlage, die ihm Pauline Tournet anvertraut hatte.
»Verdoppelt, meine Lieben, verdoppelt. Das ist eine Einlage, die ich auch für meine teure Mutter getätigt hätte, wäre sie noch am Leben. Bleibt nur noch die Frage, ob Ihr neu investieren, verteilt anlegen oder Euren Gewinn jetzt haben wollt.« Mehrere kostspielige neue Gemälde religiöser Natur blickten ihn von der Wand an. Madame Tournet hatte in einer Laune, die ihr wachsender Wohlstand ausgelöst hatte, alles, was im Zimmer nicht beweglich war, mit Goldfransen verziert.
»Wieviel Zeit haben wir, mein teurer Monsieur Montvert?«
»Das Schiff fährt nächsten Monat, aber es ist noch genügend Zeit, in die Ladung zu investieren. Ich rate jedoch, nicht das gesamte Geld darin anzulegen…«
»Ach ja«, sagte Tante Pauline und lachte stillvergnügt. »Die gefährlichen Piraten.«
»Und ich habe etwas Schönes für Euch: Genau gegenüber der Tribüne habe ich ein Zimmer mit zwei herrlich großen Fenstern gemietet. Es wäre mir eine Ehre, wenn Ihr und Eure Nichte zum Turnier meine Gäste und die meiner kleinen Familie wärt. Mein Schwiegersohn wird seinem Onkel als Knappe dienen. Das ist eine große Ehre.« Montvert blickte ungemein selbstgefällig. »Und wer weiß, Demoiselle Sibille, vielleicht kommt Euch dort die Inspiration zu einem Eurer kleinen Gedichte, die bei den Hofdamen so beliebt sind.«
»Ei, wir nehmen mit Freuden an«, sagte Madame Tournet. »Sibille braucht Abwechslung nach all dem Schmachten um Nicolas.«
»Kopf hoch, die Liebe findet schon einen Ausweg. Ich habe bereits den maistre d'hostel des Königs um Aufschluß gebeten, ob man möglicherweise einen Straferlaß für ihn erwirken kann… aber das ist eine heikle Sache, wie Ihr gewiß versteht. Und in der Zwischenzeit erlernt er endlich sein Gewerbe.«
»Ich würde auf der Stelle zu ihm reisen, wenn da nicht die Königin wäre«, sagte Sibille, die keinen Bissen von den Küchlein angerührt hatte. »Ich würde ihm barfuß bis ans Ende der Welt folgen. Könntet Ihr mir nicht zur Flucht verhelfen?«
»Wenn Ihr tot seid – und wir übrigens auch –, könnt Ihr kaum zu ihm. Falls Euch nämlich das widerwärtige kleine Ding im Kasten folgt, dann schützt Euch nur noch die Königin vor allen, die es auch haben wollen, und das einzige, was Euch vor der Königin schützt, ist das Ding und ihre Angst, Ihr könntet Euch selbst etwas wünschen. Hoffentlich findet sie nie heraus, daß es zu beschäftigt ist für einen weiteren bösartigen Plan. Wenn sie erst gemerkt hat, daß es nicht mehr funktioniert, dann sitzt Ihr wirklich in der Klemme. Die beste Art, ihren früheren Umgang mit ihm zu vertuschen, dürfte – nun ja – Eurer Gesundheit abträglich sein, leider. Florentiner, meine Liebe, sind eine rachsüchtige Sippschaft, und sie wissen ihre Geheimnisse gut zu wahren – das könnt Ihr mir glauben, denn ich gehöre auch dazu.«
»Was für einen hellen Kopf Ihr doch habt, Monsieur Montvert – er arbeitet wie ein Uhrwerk. Euch entgeht aber auch gar nichts. Noch ein Küchlein?« Tantchen deutete auf das Tablett.
»Ach, sie sind zu köstlich«, sagte Montvert und bediente sich abermals. »Ihr solltet auch eins nehmen, meine Liebe, sonst schwindet Ihr noch dahin. Ihr müßt auch geistig bei Kräften bleiben, Ihr seid nämlich in einer heiklen Lage, und nur Euer Verstand kann Euch da heraushelfen. Wenn man bedenkt, daß selbst ich, ein tölpelhafter Vater, Eure Verbindung zum Hof falsch gedeutet habe.« Er schwieg und verzehrte das letzte Küchlein, dann wischte er sich die Krumen ab, die ihm auf die Brust gefallen waren. »Aber so entzückt ich auch darüber bin, daß Ihr beide tugendhaft und von guter Familie seid. Ihr müßt zugeben, daß das wahre Hindernis für Eure Heirat weitaus ärgerlicher und schwerwiegender ist als normalerweise. Zunächst besitzt Ihr einen verfluchten Kasten – eindeutig ein Nachteil für eine Schwiegertochter. Ich befürchte, Ihr entkommt seinem teuflischen Einfluß niemals. Jetzt, da Ihr den Kasten endlich loswerden könnt, bringt Euch Euer Wissen um die Machenschaften der Königin in größere Gefahr denn je. Es sei denn, Ihr behaltet den Kasten, der Angst und bei gewissen Leuten das unverständliche Verlangen weckt, ihre Seele zu verkaufen. Wie auch immer, falls Ihr ihn behaltet, schwebt Ihr ständig in Gefahr. Eine verzwickte Lage – ich fürchte, noch verzwickter als die Menanders. Auch ich habe noch keinen Ausweg gefunden, außer Ihr flieht an einen Ort, wo Euch die Spione der Königin nicht erreichen können, und vergrabt den Kasten unterwegs an unbekannter Stelle. Aber können wir völlig gewiß sein, daß er die Fähigkeit verloren hat, Euch noch immer zu folgen? Ein Problem, ein Problem… Wir müssen es der Hand des Schicksals überlassen, uns einen Ausweg zu weisen.«
»Königin von Spanien, ja, Königin von Spanien! Mein innigster Wunsch geht in Erfüllung, genau wie ich es gewollt habe. ›Einen Thron für jedes meiner Kinder‹ habe ich gesagt, und siehe da, sie wird Königin genau in dem Alter, in dem man mich nach Frankreich geschickt hat.« Während all der Tage mit Bällen, Maskeraden und Festlichkeiten, die der Vermählung folgten, freute sich Katharina von Medici, ja, sie freute sich diebisch und klammerte sich an die Erinnerung, die auf ewig in ihrem Herzen eingegraben war: Elisabeth mitten in der großen Kathedrale in einem juwelenstarrenden Kleid, wie man ihr die schwere Krone von Spanien auf den schmalen kleinen Kopf setzte. Neben ihr König Philipps Stellvertreter, der Herzog von Alba, mit seinem langen, schütteren Ziegenbart, seiner Spitzenkrause, die sein kaltes schmales Gesicht eng umschloß, und ringsum die Blüte des französischen Adels, mit Stammbäumen, die so alt waren, daß sie sich im Dunkel der Geschichte verloren… Und alles verneigte sich vor ihrem kleinen Mädchen, ihrer Elisabeth, die zur Königin von Spanien ausgerufen wurde. Königin eines der bedeutendsten Reiche der Geschichte. Schwiegertochter des großen Karl V. der über zwei Kontinente und zwei Welten geherrscht hatte. Ha, das hatte die Herzogin von Valentinois nun von ihren Kränkungen. Ha, das hatte sie von den Jahren geheuchelter Freundschaft. Eure Nichte bekommt keinen Fürsten von Geblüt. Meine Tochter ist jetzt Königin.
»Das ist Schicksal, Majestät. Euch ist es zu verdanken, daß das Haus Valois von Sieg zu Sieg schreitet.« Während eine Zofe Katharinas Schnürleib enger zog, holte Madame Gondi die goldbestickten Unterröcke aus dem verschlossenen Kleiderschrank, und Madame d'Alamanni nahm das juwelenbesetzte Kleid heraus, das die Königin auf dem abendlichen Maskenball tragen wollte. Morgen sollte das letzte und größte Ereignis stattfinden, bevor Elisabeth nach Toledo aufbrach: das Drei-Königinnen-Turnier. Und dann – und dann – wäre Elisabeth nicht mehr da.
»Was für Gefahren habe ich auf mich genommen, was für Sorgen – und alles heimlich! Denn das ist ein Opfer, das Opfer einer Mutter. Elisabeths Gesellschaft fehlt mir schon jetzt. Sie ist eine so kluge Beobachterin, so rundum gebildet mit ihren vierzehn Jahren. Meine große Stütze, meine Freude… Aber Königinnen leben anders als gewöhnliche Menschen.« Katharina seufzte. Von all ihren Kindern war Elisabeth ihre wahre Gefährtin, ihr Lieblingskind. Sie allein war weder entstellt noch verkrümmt oder gar schwachsinnig, sondern hatte leuchtende Augen, eine olivfarbene Haut, eine rasche Auffassungsgabe, war taktvoll, aber auch lebhaft. Welche Mühe hatte sie sich gegeben, sie großzuziehen, obwohl sie als Kind oft gekränkelt hatte. Und wie selten, wie kostbar war solch ein Schatz! Doch jetzt würden sie beide Königin sein. Elisabeth würde für immer zu ihrer Rechten sitzen, wenn sie sich trafen, genau wie beim Drei-Königinnen-Turnier, das am morgigen Tag die Hochzeitsfeierlichkeiten krönen sollte. Und insgeheim war Katharina entzückt, denn zu ihrer Linken würde die Königin von Schottland sitzen, ihre schnippische Schwiegertochter – die Königin-Dauphinesse, wie sie jetzt genannt wurde. Diese Königin einer schäbigen halben Insel konnte noch jahrelang schmollend und verwöhnt auf Katharinas Ehrenplatz warten, während Elisabeth, ihre Elisabeth, Königin von Spanien war. Ach, heute mögt ihr allesamt dasitzen und noch soviel über Maria und Kaufmannstöchter tuscheln – mein Kind ist Königin von Spanien!
Ein Page in seidener Livree bahnte sich einen Weg durch die Menge. Lebhaft wandte sich die Königin dem hochaufgeschossenen Zwölfjährigen zu, ja, so lebhaft, daß die Zofe, die ihr die Halskrause ansteckte, sie um ein Haar gepiekst hätte. »Was hat der König, mein Gemahl, gesagt, als ich ihm meine Farben geschickt habe, damit er sie morgen beim Turnier trägt?«
»Majestät«, kiekste der Page, der im Stimmbruch war und in heller Aufregung von Hoch nach Tief rutschte, »Seine Majestät, der König, hat gesagt… er… würde die Farben… der Herzogin von Valentinois tragen.«
»Danke«, sagte die Königin so kalt wie Eis. In ihrem Herzen erstarrten Freude und Ruhm zu Stein, zu einem Grabstein, und der war schwer und hart. Die Herzogin von Valentinois, die ihr ausgerechnet ihren Augenblick des Triumphes verdarb. Wie lange, wie lange noch mußte sie auf die Erfüllung ihres anderen Wunsches warten?
In den königlichen Ställen von Les Tournelles hatte in der vergangenen Woche ein Heer von Schmieden, Stallknechten und Stalljungen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Das Gebrüll des Löwen in der Menagerie und das Kreischen der Pfauen im Park vermischte sich mit dem Klirren und Klappern vom Beschlagen der Pferde, von Pferderüstungen, die angepaßt wurden, und mit dem Geschrei von Bediensteten, die verlangten, andere sollten Platz machen, wenn eines der riesigen, gefährlichen Turnierpferde durch die Ställe in seine Box gebracht wurde. Dann begann ein allgemeines Mähnenflechten und Bürsten und Blankputzen und Schneiden und Hufevergolden – die ganze Schniegelei und Striegelei, damit das Turnierpferd eines Edelmannes in der Sonne wie poliertes Metall glänzte. Überall Karren mit Hafer, Stalljungen mit Eimern voller Wasser, Sattler mit neuen Zügeln, die mit Silberfransen verziert waren – es herrschte große Enge in den Stallungen, denn einige der Gäste hatten ihre eigenen Pferde zum Turnier mitgebracht. Alle hatten ihre Ausrüstung dabei, und Männer und Rüstungen mußten irgendwo untergebracht werden.
»Wird der König Le Victorieux reiten?« fragte ein Stallknecht den Oberstallmeister.
»Keinen Rötlichbraunen und keinen Kastanienbraunen. Er wird zu Ehren der Herzogin von Valentinois ganz in Schwarz und Weiß gehen und ein schwarzes Pferd wählen. Le Malheureux, ein Geschenk des Herzogs von Savoyen. Dort hinten, in der letzten Box. Und wir sollen Le Défiant bereithalten.«
Ein Stalljunge führte den großen türkischen Hengst, den der König reiten würde, aus seiner Box. Während zwei Stallknechte ihn auf Hochglanz striegelten, widmete sich ein dritter der heiklen Aufgabe, seine Hufe zu vergolden. Bei der Arbeit pfiff er leise vor sich hin. Er würde am nächsten Tag einen guten Blick haben, wenn auch nur vom Boden aus.
In dieser Nacht fuhr Katharina von Medici, die sich in Zauberei und Schwarzer Magie übte, schreiend aus dem Schlaf. Es war spät, sehr spät, und in den verschatteten Sälen des Louvre waren die Fackeln fast niedergebrannt. Ein Bogenschütze, der auf dem Treppenabsatz unter den Gemächern der Königin Posten bezogen hatte, meinte, etwas gehört zu haben, aber das mochte eine Katze oder vielleicht eine seltsame nächtliche Brise gewesen sein. Die Laken der Königin waren zerwühlt und schweißfeucht, und es kam ihr vor, als wäre sie aus großer Höhe gefallen. Entsetzen lauerte hoch oben in den Winkeln des brokatenen Betthimmels, und in ihren Ohren hörte sie das metallische Gelächter eines seit Jahrhunderten toten Kopfes. In ihrer Vorstellung verbarg sich das Ding irgendwo im Raum, irgendwo in seinem Kasten, und es lachte sie aus. »Dein Herzenswunsch geht in Erfüllung, erhabene Königin. Die Zeit wird die Wahrheit erweisen«, sprach das mumifizierte Ding mit einer Stimme, die raschelte wie tote Blätter. Und das Bild, das sie aufgeweckt hatte, wollte ihr nicht aus dem Kopf: Ihr Gemahl, der König, starr und tot in einer Blutlache, sein Auge eine gräßliche, blutende Höhle, sein Mund offen in einem letzten Ausdruck von Entsetzen und Überraschung.
Nicht das, nicht das, lieber Gott, das habe ich nicht gewollt, dachte sie.
»O ja, das alles und noch mehr«, sprach die raschelnde Stimme. »Ich habe dem Einfluß von Diana von Poitiers, der Herzogin von Valentinois, für immer ein Ende gesetzt, wie Ihr es Euch gewünscht habt.«
»Was ist los, Majestät?« fragte die Zofe, die auf dem Notbett schlief, wickelte ihre Blöße in ein Laken, lief eilig zum Bett und zog die schweren Vorhänge auf. Was sie erblickte war die Königin mit einem Gesicht, das eine Maske des Entsetzens war, und mit Augen, die auf etwas Unsichtbares oben am Bettpfosten starrten.
Dort sah die Königin eine Flammenschrift, die ihr Herz, ihr ganzes Inneres versengte: »Der junge Löwe wird den alten im Zweikampf besiegen.«
Zweikampf. Kein Kampf in der Schlacht, sondern Mann gegen Mann. Morgen turniert der König. Er darf nicht gegen einen Mann antreten, der einen Löwen im Wappen führt. Oh, das darf nicht sein. Heilige Jungfrau Maria, vergib mir, errette…
»Zu spät«, wisperte das Ding.
Die Zofe sah, wie sich die Lippen der Königin im Gebet bewegten. Stumm schloß sie die Bettvorhänge und zog sich zurück. Doch in dieser Nacht tat sie kein Auge mehr zu.
Der Tag war schön und klar, und fröhlich gestimmte Menschen drängten sich an jedem verfügbaren Fenster und auf jedem Dachfirst der Rue St. Antoine, in der man die buntbemalten Schranken aufgestellt und das ausgefahrene Pflaster dick und gleichmäßig mit Erde bedeckt hatte. Von jedem Türmchen des Palastes Les Tournelles, und das Bauwerk hatte unzählige, flatterten gestickte Seidenbanner. Die Damentribüne mit einem Baldachin und Gobelins war herrlich geschmückt, und genau in der Mitte, auf dem Ehrenplatz, saßen die drei Königinnen, die sich an Pracht überboten. Nur ein Mensch war grämlich und verärgert, doch das verbarg er noch besser als die bleiche Königin von Frankreich ihre Angst. Dieser zornige Mann auf der für fremdländische Würdenträger und Kirchenfürsten reservierten Tribüne war der englische Gesandte. Er hatte bemerkt, daß jede Fahne, jede Stickerei auf dem Ärmel der Herolde, das Wappen der Königin-Dauphinesse, das neben dem Wappen der Königin von Frankreich und dem Wappen der Königin von Spanien von der Tribüne hing, kurzum jedes hier zur Schau getragene königliche Wappen mit dem Wappen Englands geviert war. Deutlicher hätte man zwischen Maria, der katholischen Königin der Schotten, und Elisabeth, der jungen protestantischen Königin von England, nicht den Krieg erklären können. Doch für die Franzosen gehörte das alles zum Ruhm und zur Ehre des Tages. Der unvermeidliche Sieg der katholischen Liga war nur Teil von Gottes großem Plan mit Frankreich. Mit welchem Recht störte sich der Gesandte der Bankerttochter eines geschiedenen Königs daran?
Mit zusammengepreßten Lippen und weißen Knöcheln lauschte die Königin von Frankreich den Trompetenfanfaren, die das Eintreffen des Königs in den Schranken des Turnierplatzes verkündeten. Ob er die Botschaft, die sie ihm geschickt hatte, wohl erhalten hatte? Ich habe einen Traum gehabt, lautete sie. Turniert heute nicht. Denkt an die Worte von Luc Gautric und Nostradamus. Dies ist das einundvierzigste Jahr.
Der König im schwarz-weißen Surkot alten Stils über seiner funkelnden, mit Gold ziselierten Turnierrüstung hielt am Ende der Schranken, beugte sich aus dem hohen Turniersattel auf Le Malheureux' Rücken und nahm die Botschaft entgegen.
»Aberglaube«, zischte er, zerknüllte den Zettel und warf ihn fort. »Wofür hält sie mich, für einen Narren? Ein König zieht sich nicht zurück, wenn er zugesagt hat.« Darauf befahl er dem kleinen Pagen mit fester Stimme: »Richte der Königin, meiner Gemahlin, aus, daß ich heute turniere und daß der Sieg mein ist.« Sein Knappe reichte ihm die Lanze, und er legte sie ein. Er war ein gutaussehender Mann, schön beritten, und als er mit flatterndem Helmbusch und schimmernder Rüstung hinausritt und sich zeigte, bemerkte er zu seiner Genugtuung, wie die Menge ehrfürchtig den Atem anhielt. Noch bin ich nicht alt, dachte er. Noch habe ich nicht zuviel zugenommen. Ich kann Männern in ihren Zwanzigern noch einige Dinge zeigen. Er klappte das Visier aus goldenen Stäben herunter und gab dem schwarzen Hengst beim Signal die Sporen. Mit einem lauten Krach trafen die beiden Reiter aufeinander; die Lanze des Königs splitterte, sein Gegner fiel vom Pferd. Jubel und Beifall. Der König von Frankreich war noch immer der König der Ritterschaft. Ob Philipp von Spanien, der Alte mit dem müden Blick, da hätte mithalten können? Auf der Tribüne erblickte er Diana, die ihm mit ihrem weißen Taschentuch zuwinkte. Seine Gemahlin, bleich und gedrungen, lächelte nicht einmal über seinen Triumph. Wie viele Jahre würde er diese abergläubische, italienische Kaufmannstochter noch ertragen müssen?
Erneut Trompetenschall und erneut Sieg. Mag der Herzog von Alba zu seinem Herrn zurückkehren, diesem alten Mann, der sich in seinen Palästen verkriecht, und ihm erzählen, daß König Heinrich von Frankreich der größte Ritter und auf dem Feld der Ehre noch immer der Beste ist. Le Malheureux war jetzt naß von Schweiß, und die schwarz-weiße Satteldecke hing ihm feucht auf den Flanken. Die dritte und letzte Begegnung – sein eigener Rittmeister von der schottischen Garde. Erst achtundzwanzig Jahre alt, eine Herausforderung, die seiner würdig war.
Als Montgomery angekündigt wurde und in die Schranken sprengte, wurden die Lippen der Königin weiß. Der Jüngere ritt einen schönen Braunen aus dem königlichen Stall und trug am linken Arm einen Schild mit seinem Wappen: Sofort fiel ihr auf, daß darauf wie im Feuer gemalt ein roter Löwe prangte. Der junge Löwe, schoß es ihr durch den Kopf. Da kommt der Tod. Eine letzte Begegnung, dann waren die drei Durchgänge, wie sie die Turnierregeln erforderten, abgegolten. Maria, Himmelskönigin, betete sie stumm, während die beiden gewappneten Ritter an den Schranken entlang aufeinanderzurasselten. Sie trafen mit einem Donnerkrach zusammen; Montgomery saß fest im Sattel, der König wankte, konnte sich aber halten. Er hatte einen Steigbügel verloren. Man hörte ein Aufstöhnen, dann einen Aufschrei der Frauen ringsum, von den Fenstern, von der Menge zu ebener Erde. Doch die Königin sah mit eherner Miene zu und spürte, wie ihr Herz wieder anfing, Blut zu pumpen. Ihre Gebete waren erhört worden. Der König hatte überlebt. Heute abend würde er tanzen, speisen und seiner Tochter Lebewohl sagen. Alles war gut. Die Gefahr war gebannt; neunundsechzig Jahre hatte Nostradamus gesagt. Das Königreich würde sich von diesem mörderischen, nutzlosen Krieg erholen. Es würde die religiöse Spaltung überwinden, die es zu zerreißen drohte, und das größte Königreich der katholischen Christenheit werden. Frankreich würde England einnehmen, die Ketzerei besiegen, Gott dienen und noch mehr Macht gewinnen. Doch dann sah sie entsetzt, daß ihr Gemahl am hinteren Ende der Schranken nicht abgestiegen war.
Während Stallknechte seinem Pferd den Schweiß abwischten, trank König Heinrich einen Becher Wasser und reichte den leeren Becher herunter.
»Ich habe einen Steigbügel verloren«, sagte er. »Durch Montgomery habe ich einen Steigbügel verloren; ich möchte noch einmal gegen ihn antreten.«
Der Sieur de Vieilleville, der schon voll gerüstet und beritten auf den nächsten Durchgang mit Montgomery wartete, entgegnete: »Sire, Ihr habt Euch ehrenvoll geschlagen, die nächste Begegnung gehört mir. Reitet nicht noch einmal.«
Doch der König murrte erzürnt und dachte an die Schande, daß er vor dem Herzog von Alba einen Steigbügel verloren hatte. »Tretet zurück«, befahl er, »ich reite noch einmal gegen Montgomery, und dieses Mal besiege ich ihn.«
Aus der Ferne sah die Königin zwei gerüstete Gestalten, die sich hoch zu Roß unterhielten. Sie wandte sich an ihre Tochter. »Der König, dein Vater, möchte zum vierten Male reiten.« Die zarte Vierzehnjährige blickte sie verständnislos an. Drei Pagen standen hinter den Königinnen und hielten sich für kleine Botengänge zur Verfügung. Die Königin schickte den schnellsten mit einer Botschaft über den Turnierplatz.
Die lange Pause hatte die Menge unruhig gemacht. Die drei Durchgänge des Königs waren vorbei. Was war geschehen? Ein ungeduldiges Gemurr erhob sich, und als der König das hörte, bestätigte es ihn noch in seinem Entschluß. »Schickt eine Botschaft an Montgomery, daß die nächste Begegnung dem König gehört«, sagte er. »Ich bestehe auf Satisfaktion.«
Vieilleville blickte seinen Herrscher lange und fest an. »Majestät, in den letzten drei Nächten haben mich böse Träume gequält. Ich flehe Euch an, laßt ab von der nächsten Begegnung. Ich bin da, der Ehre ist Genüge getan. Laßt mich an Eurer Stelle auf Montgomery treffen.« Zwei kleine Pagen kamen angerannt, einer in Montgomerys Livree, einer in der der Königin.
»Was sagt Montgomery?« fragte der König.
»Euer Majestät, er sagt, der Ehre ist Genüge getan, und er bittet darum, nicht noch einmal gegen Euch antreten zu müssen«, sagte der Junge.
»Richtet ihm aus, er soll sich bereitmachen. Das ist ein Befehl.« Der König wandte sich dem zweiten Pagen zu und wölbte die dunklen Brauen. Sein langes Gesicht wirkte abfällig. »Was hat meine Gemahlin, die Königin, diesmal zu sagen?«
»Majestät, die Königin fleht Euch an, ihr zuliebe nicht noch einmal auf Montgomery zu treffen.«
Der König, von Kopf bis Fuß in den Farben seiner Mätresse, blickte zu ihm hinunter und sagte, ohne sich der Ironie bewußt zu sein: »Richte ihr aus, daß ich gerade ihr zuliebe noch einmal auf ihn treffe«, und er ließ die vergoldeten Stäbe seines Visiers herunter. Sein Knappe, den die sonderbare Aufforderung erschreckt hatte, überprüfte die Verschlüsse seiner Rüstung und befestigte das Visier. Alles schien in Ordnung zu sein. Auf Befehl des Königs erklangen die Trompeten, und der König ritt erholt wieder in die Schranken.
Er kam an einem kleinen Jungen vorbei, der aus der Menge herausgelaufen war. »Sire, turniert nicht«, rief er hinter ihm her, doch der König hörte es nicht.
Unter Hufgedonner preschten die beiden gerüsteten Pferde mit ihren bewaffneten Reitern in vollem Galopp die Schranken entlang. Die Lanze des Königs verfehlte ihr Ziel, und Montgomerys Lanze traf im falschen Winkel auf den Schild des Königs. Sie splitterte, rutschte nach oben, und Montgomery, der einen Augenblick bestürzt und betäubt war, gelang es nicht, den Stumpf schnell genug fortzuschleudern. Zu spät. Der gesplitterte Lanzenstumpf traf das sich öffnende Visier des Königs.
Die Menge sah, wie der König im Sattel schwankte und dann langsam zu Boden glitt. Ein einstimmiger Aufschrei, dann Rufe: »Der König ist gefallen!« Ehe die Diener des Königs ihn umringten, um ihn von seiner Rüstung zu befreien, sah Katharina von der Tribüne aus die Vision ihres Alptraums: Das Gesicht des Königs beschmiert mit dem Blut, das aus seinem rechten Auge floß und floß.
Oben am Fenster in einem gemieteten Raum in der Rue St. Antoine bedeckte eine große junge Dame mit der Hand den Mund und bekam vor Schreck keine Luft mehr. Eine andere junge Dame drehte sich jäh um, verdrehte die Augen und sank ihrer Mutter ohnmächtig in die Arme. Tante Pauline und Monsieur Montvert, der Bankier, blickten sich vielsagend an.
»Das ändert alles«, sagte Tantchen.
»Ich schicke sofort nach Nicolas. Der neue Herrscher dürfte schwerlich an der Verfolgung von Badehausduellanten interessiert sein.«
»Aber falls jemand argwöhnt, daß Menander daran schuld ist, schwebt Sibille in großer Gefahr.«
»Genau. Aber dabei handelt es sich nicht um irgend jemanden – sondern um die Königin.«
»Solange der König lebt, ruht alle Hoffnung auf ihm.«
»Und falls er stirbt, hält man die erforderliche Trauerzeit von vierzig Tagen ein. Beides gibt uns Zeit. Sie können heimlich heiraten und außer Landes gehen. Hoffentlich hegt Sibille nicht den gleichen Widerwillen gegen Sonnenschein wie Ihr, Madame.«
»Um diese Jahreszeit soll Italien sehr gesund sein«, sagte Tantchen. Die anderen, die sich mit ihnen im Raum befanden, waren von dem Geschehen so verstört, daß sie kein Wort mitbekamen.
Der Alte Konnetabel und der große Guise – durch den Frieden wieder versöhnt – trugen den König eigenhändig in den Palast von Les Tournelles. »Ich will selbst gehen«, flüsterte dieser am Fuße der Freitreppe, doch dabei mußten ihn mehrere hohe Herren des Hofes stützen. Ihnen folgte eine Gruppe von Höflingen, die den schwächlichen Erben trugen, der in Ohnmacht gefallen war. Ein schlimmes Vorzeichen, sagten die, die den gespenstischen Einzug in den Palast mit angesehen hatten. An diesem Abend wurde Les Tournelles abgeriegelt, und Montgomery, der junge Löwe, packte in aller Eile seine Sachen und floh außer Landes.
Der König lag in dem großen Himmelbett und verlor – nach kurzen Wachzuständen – immer wieder das Bewußtsein. Nacht und Tag verschwammen ihm mit Wundbehandlungen, tuschelnden Würdenträgern auf den Fluren, mit Papieren, die ihm für eine schwache Unterschrift vorgelegt wurden. »Vielleicht erholt er sich, die Chirurgen meinen, daß die Wunde nicht tödlich ist«, sagte die Königin zu Madame d'Alamanni, als sie sein Krankenlager verließ, um ein, zwei Stunden zu schlafen. Doch ihre angst- und schuldgeweiteten Froschaugen erzählten eine andere Geschichte.
»Ich habe den Helfer von Maistre Paré mit eigenen Ohren sagen hören, daß die Lanze nicht ins Hirn eingedrungen ist, er wird lediglich ein Auge verlieren«, antwortete ihre Gesellschafterin.
»Und er fiebert nicht«, ergänzte die Königin. »Wenn er kein Fieber bekommt, wird er gewiß genesen.« Sie hatte die Brüder Guise bereits gesehen, wie sie groß und überheblich in den Gemächern ein und aus gingen, wo sich ihr kränklicher Sohn von seiner rothaarigen und ehrgeizigen kleinen Gemahlin trösten ließ. Die Königin bedurfte keiner prophetischen Träume, um das Muster der Zukunft zu sehen, falls sich ihr Gemahl nicht wieder vom Krankenlager erheben sollte. Wenn sie während der Wundbehandlungen händeringend durch die Flure schritt, gefror ihr das Herz bei ihren Hirngespinsten und Trugbildern. Am dritten Tag riß sie sich zusammen, als der große Vesalius, Diener des Königs von Spanien und der beste Anatom der bekannten Welt, eintraf und der König Musikanten rufen ließ und nach seiner Genesung eine Pilgerfahrt zu unternehmen versprach. Ihr fiel ein, daß sie nichts gegessen hatte, und sie nahm ein wenig Wein und gekochtes Geflügel zu sich, dann schlief sie in der Nacht im Sitzen auf einem Stuhl neben dem Bett des Königs, beruhigt durch sein regelmäßiges Atmen.
Doch am vierten Tag stieg das Fieber, und keine Behandlung vermochte es zu senken.
Vor den verschlossenen Toren von Les Tournelles wies man Diana von Poitiers ab wie eine Bettlerin.
»Befehl der Königin«, sagte der Wachposten, als die Herzogin mit rotgeränderten Augen und bleichem, angespanntem Gesicht in ihre reichverzierte, vergoldete Sänfte floh. Diener zogen die Vorhänge zu, und der Posten, der die beiden schwarzweiß geschmückten Pferdchen ihre schwankende Last forttragen sah, dachte: Was hat der König bloß an der gefunden? Die ist ja älter als meine Großmutter und runzlig wie eine Trockenpflaume.
Im Empfangssaal ihres luxuriösen Herrenhauses in Paris schritt die Herzogin von Valentinois auf dem dicken türkischen Teppich auf und ab und merkte nicht, wie die Zeit verging. Jeder, der in die Nähe von Les Tournelles gekommen war – Niemande, Pagen, Klatschbasen, denen man in den vergangenen Jahren nicht erlaubt hatte, auch nur einen Fuß auf das Anwesen zu setzen –, wurde willkommen geheißen und hineingebeten.
»Lebt der König noch? Wird der König genesen?« wiederholte sie wieder und wieder mit angespannter, gequälter Miene.
Am vierten Abend erwachte sie mit einem Schrei aus ihrem Opiumschlummer und befahl der Zofe, die ihr zur Seite eilte, auf der Stelle zu den städtischen Bogenschützen zu gehen und den Wahrsager Simeoni festnehmen zu lassen; doch die Zofe faßte das als Halluzination auf und verabreichte der Herzogin noch eine Dosis ihres Schlafmittels.
Als die Herzogin am Morgen ihr levée abhielt, fehlten zahlreiche bekannte Gesichter aus dem Hochadel. Auf ihrem Hof waren keine Bittsteller, zu ihrer freien Tafel am Mittag kamen keine Gäste. Empört schickte sie mittels Kurier eine Botschaft an das Familienoberhaupt, das ihr viele Gefallen verdankte, doch die Guise sandten lediglich eine kalte, kurze Nachricht, durch die man sie wissen ließ, ihre Familie sei gewohnt, mit legitimen Herrschern zu verkehren, nicht jedoch mit ehemaligen Mätressen.
»Aber er lebt, er lebt noch«, schrie sie. »Bei Gott, so lasse ich mich nicht behandeln, solange er noch Atem in sich hat.« Doch mit jeder verrinnenden Stunde schien die verlassene Herzogin älter und älter zu werden. Fältchen vertieften sich, und ihr weißes Gesicht färbte sich grau. Es war, als hätte der König beim Verlassen der Erde auch den Zauber mitgenommen, der das Altern aufgehalten hatte. Sie griff nach einem Handspiegel vom Frisiertisch, und da starrte sie über ihrem juwelenbesetzten Mieder und der untadeligen Halskrause ein altes Gesicht an. Ein Gesicht – wie… oh, lieber Gott, wie die scheußliche Mumie im Kasten. Nein, es war ja das gräßliche, vulgäre Ding. Und während sie entsetzt die Augen aufriß, zwinkerte ihr das Ding im Spiegel mit einem ledernen Lid zu. Mit einem Aufschrei schleuderte die Herzogin den Spiegel fort, und er splitterte auf dem Fußboden, daß die Scherben durchs Zimmer flogen. Doch niemand hörte den Krach und eilte zu Hilfe.
Als die nachmittäglichen Schatten länger wurden und sie allein in ihrem Schlafgemach saß, wo auf einem Tablett neben ihrem Bett eine unberührte Mahlzeit stand, wurde schüchtern an die Tür geklopft. Ein Page, den der Wachposten am Tor hochgeschickt hatte, brachte ihr eine Botschaft, die mit dem königlichen Siegel verschlossen war. Es war ein Brief, der an La Mère Poitiers – die alte Mutter Poitiers –, nicht an die Herzogin, nicht an die teuerste Verwandte gerichtet war. Er kam von der Königin und enthielt die Aufforderung zur Rückgabe der Kronjuwelen, der Staatsgelder, der Schlösser und Geschenke aus der Schatzkammer und der königlichen Ländereien, mit denen der König sie überhäuft hatte. Die Königin wollte Chenonceaux haben, das weiße Schloß der lauen Lüfte und der fröhlichen Feste, das wie ein Hochzeitskuchen am Ufer des Cher lag. Dieser Brief schnitt so kalt und präzise wie ein Chirurgenmesser, und der Herzogin gerann das Blut in den Adern.
Er muß leben, er muß leben, wiederholte sie wieder und wieder bei sich, während sie im Betstuhl neben ihrem Bett niederkniete, der einst lediglich Zierat gewesen war. Doch ein Flüstern wie von vertrockneten Blättern drang in ihre Ohren: Du hast dir gewünscht, daß die Königin niemals Einfluß auf ihn bekommt, und siehe, es wird niemals geschehen. Ich habe deinen Herzenswunsch erfüllt.
Am zehnten Tag erlangte der König kurz das Bewußtsein und rief den Dauphin zu sich. »Mein Sohn«, wisperte er, »du wirst zwar ohne Vater sein, doch nicht ohne meinen Segen. Ich bete zu Gott, daß du mehr Glück hast, als mir beschieden war.« Der kränkliche Junge erlitt erneut eine Ohnmacht, und als er in seinem Schlafgemach wieder zu sich kam, sagte er unter Tränen: »Mein Gott, wie kann ich leben, wenn mein Vater stirbt?« Und obwohl ihm sogar der mächtige Kardinal von Lothringen Trost anbot, hatten sich für den Dauphin – einen Augenblick lang – die Nebel der Zukunft gelichtet, und er wußte, daß ihm nun nichts mehr half: nicht seine hübsche Gemahlin, nicht seine klugen Schwiegeronkel, nicht seine finstere Mutter. In diesem lichten Moment hatte ihn der Tod angeblickt.
In dieser Nacht rasselte der Atem des Königs, und die Chirurgen einigten sich auf eine verzweifelte letzte Maßnahme: Sie würden den Schädel öffnen. Doch als sie den Verband abnahmen, rann so viel Eiter aus der Augenhöhle, daß sie wußten, keine Operation, zu der sie fähig waren, konnte das Hirn des Königs retten. Sie verbanden den fiebernden Kopf und ließen die Priester zur Letzten Ölung holen.
Es war Sitte, daß die verwitweten Königinnen von Frankreich Weiß trugen, doch Katharina von Medici, die sich in ihren Gemächern eingeschlossen hatte, entschied sich für schwarze Trauerkleidung wie für eine Witwe von niederer Herkunft oder wie die Kleidung eines italienischen Höflings. Die funkelnden Goldstickereien, die bunten Samtkleider, die schimmernden Seiden wurden von Hofdamen weggebracht, Arbeiter kamen und verhängten die Gemächer der Königin im Louvre, ihre Möbel und ihre Fenster mit schwarzem Tuch. Während Katharina mit tränenverquollenem Gesicht in den abgedunkelten Räumen umherirrte, sich in den Betstuhl kniete – ihre Augen vermochten jedoch nicht lange auf dem Gebetbuch zu verharren – oder des Nachts aufrecht im Bett saß, kamen ihr andere Gedanken. Dann weckte sie ihre Dienerinnen mit der Forderung, ihr Wappen müsse geändert werden. Diese hofften, sie hätte es am nächsten Tag vergessen, doch die Königin ließ einen Gelehrten vom Wappenamt kommen, verbannte den Regenbogen, den ihr der alte König Franz vermacht hatte, und skizzierte eigenhändig eine abgebrochene Lanze in eine Kartusche und darunter das Motto Lacrimae hinc, hinc dolor, hier gibt es Tränen, hier gibt es Schmerz.
Doch in der anhaltenden Düsternis ihrer verhängten Gemächer, wo selbst bei Tage Kerzen brennen mußten, hörte die Königin ein Rascheln wie von trockenen Blättern und verstohlenes Lachen. Und dann ertönte die Stimme, bei der ihr ein Pfeil durch den Leib schoß und es in ihrem Kopf hämmerte, als ob er bersten wollte: »Erhabene Königin, die Herzogin wird sein Herz nie mehr besitzen. Seht, wie ich Euren Herzenswunsch erfüllt habe.«
Doch Katharina war eine Medici und aus hartem Holz geschnitzt. Sie flüsterte in die Schatten: »Noch hast du nicht gewonnen. Ich suche mir einen stärkeren Zauber und werde dich besiegen.«
»Oh, erhabene Königin, Ihr seid wirklich eine würdige Gegnerin. Eine wie Euch habe ich in tausend Jahren nicht kennengelernt. Aber falls Ihr glaubt, Ihr wärt gerettet, entsinnt Euch Eurer anderen Wünsche.«
»Meine Kinder!« entfuhr es der Königin.
»Ach ja, Eure Kinder. Wißt Ihr noch, was Ihr Euch gewünscht habt? Daß die Königin von Schottland nicht länger Einfluß auf Euren Sohn nimmt.«
»Nein, nein!«
»Oh, ich bin noch nicht fertig… Und Ihr habt Euch gewünscht, daß alle einen Thron bekommen. Jetzt seht, wie ich Euren allergrößten Wunsch erfülle.«
Glühendes Eisen rann durch den Leib der Königin und erstarrte. Die Damen, die dem Klingeln des Silberglöckchens gefolgt waren, meinten in der Ecke so etwas wie eine Statue, einen Geist, einen Dämon zu erblicken – in der Gestalt der Königin.
»Madame Gondi«, sprach das granitene Wesen in der Ecke, »laßt einen Kurier das schnellste Pferd im Stall des Königs nehmen und diesen Brief nach Salon de Provence bringen, in das Haus von Nostradamus. Sagt ihm, er müsse unverzüglich nach Chaumont kommen, dort will ich mich mit ihm treffen.« Und als sich Madame Gondi entfernte, sagte sie zu Madame d'Alamanni: »Madame, wie steht es um den Hof und meinen Sohn, den König?«
»Majestät, Euer Sohn ist erkrankt, doch er hat Anweisung gegeben, daß Konnetabel Montmorency und Marschall St. André die Ehre zukommt, während der vierzig Tage Trauerzeit die Totenwache beim Leichnam des Königs zu halten.«
»Das konnte ihm niemand anders einflüstern als die Guise. Mit anderen Worten, jetzt regieren sie uneingeschränkt.«
»Ja, Majestät.«
»Und am Ende der vierzig Tage, wenn der Konnetabel und der Marschall abgereist sind, ist niemand mehr da, der ihnen die Macht streitig machen kann.«
»Majestät, sie haben die Macht nur während Eurer Trauerzeit.«
»Meine Trauerzeit ist vorbei. Bitte, ruft den Schatzmeister des Königs, ich muß wissen, wie es finanziell um das Königreich bestellt ist. Ich habe gehört, daß der selige König, mein Gemahl, gesagt hat, die Soldaten hätten seit drei Jahren keinen Sold mehr bekommen.«
»Aber, Majestät…«
»Kein Wenn und Aber. Das ist der Stoff, aus dem sich Aufstände entwickeln. Und ich möchte herausbekommen, ob die Calvinisten mittlerweile ihr Gesicht zeigen, jetzt, wo ein Kind regiert. Bringt mir ihre Aufsätze; ich will wissen, was sie sagen, sie und ihre verräterischen Prediger. Falls sie ein Wort gegen mich äußern, soll man sie ergreifen und hängen. Und… o ja, laßt Demoiselle de la Roque holen. Sie soll auch nach Chaumont kommen. Schickt Ihr einen Soldaten zum Geleit, der aufpaßt, daß sie es sich nicht anders überlegt. Sagt ihr… sagt ihr, daß… die Königin eine besondere… Belohnung für all ihre Dienste bereithält.«
An ebendiesem Abend ritt ein schneller Kurier aus Genua auf einem erschöpften türkischen Berberpferd auf den Hof der Bank Fabris und Monteverdi in Lyon. Er überbrachte dem ältesten der Brüder Fabris ein Paket mit Briefen, nahm rasch ein Mahl zu sich und wechselte das Pferd, ehe er wieder in die Nacht hinausritt. Der Halbmond spendete gerade Licht genug, um die Straße zu beleuchten, und obwohl der Kurier nichts von Wert bei sich führte, war der dunkel gekleidete Mann mit einem italienischen Rapier, einem langen Dolch, einem gut versteckten Messer, einer Arkebuse und einer Schnur Pulverladungen bewaffnet, die er sich um den Hals gehängt hatte. Nicolas' Gesicht war hager vor Müdigkeit, und er hatte sich seit zwei Wochen nicht rasiert, doch sein Blick war fest. Sein Vater, sein hartherziger alter Vater hatte endlich menschliche Züge gezeigt. Aus Paris hatte er ihm geschrieben, daß er ihm alles vergab, ihm die Heiratserlaubnis erteilte und daß er sich beeilen solle, sonst würde die Niedertracht der Mächtigen die Liebe seines Lebens ins Grab bringen.