Kapitel 10
Nun sieh nur, Sibille. Man ahnt gar nicht, daß wir den Unterrock etwas eingehalten, einen schlichten Streifen angesetzt und ihn vorn verlängert haben. Jetzt dreh dich um. Ja, die Schuhe sind fast nicht mehr zu sehen.« Eine Woche lang hatten Näherinnen sich bemüht, die Kleider abzuändern, die Tantchen aus ihrer reichhaltigen Garderobe mit den vielen unterschiedlichen Größen ausgesucht hatte. Die Farben, die sie gewählt hatte, kamen mir ein wenig zu leuchtend vor, und der Schnitt… nun ja, ich behaupte nicht, daß ich viel von Mode verstehe, da ich mich mein Leben lang höheren, geistigen Zielen gewidmet hatte. Aber die Kleider sahen nicht aus wie die, die andere Menschen trugen. Und nun, nach der Änderung, schon gar nicht mehr. Aber wenigstens waren sie aus kostbarer Seide und erlesenem Samt, und Gewebe und Schimmer strahlten eine ganz eigene sinnliche Schönheit aus. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, jemals solche Sachen zu tragen. Dabei kam mir der Gedanke, daß ein kultivierter, dekorativer Stil vielleicht meine Gedichte beflügeln könnte, insbesondere das Epos, in dem möglicherweise Piraten vorkommen würden. Jeden Nachmittag legte ich mich eine Stunde hin, auf dem Gesicht einen Brei aus zerstoßenem Obst und Gemüse und anderen glitschigen Dingen, der den Teint bleichen und verfeinern sollte. Doch bei den Füßen half gar nichts; wir konnten nur schlichte, dunkle Schuhe für mich bestellen, damit die Größe nicht so auffiel, wie Tantchen meinte.
»Falls man Schleppkähne unsichtbar machen kann«, sagte Menander der Unsterbliche oben auf der Kommode.
»Wenn du weiterhin so niederträchtige Bemerkungen machst, klappe ich deinen Kasten wieder zu«, gab ich zurück. Seit Tagen verfolgte mich der Kasten durchs ganze Haus, materialisierte sich im Schlafzimmer und mäkelte an meinen Waschungen herum, folgte mir ins Empfangszimmer, wo er mich beim Kartenspielen mit Tantchen kritisierte, und in den Garten, wo er mir den geistigen Austausch mit der Natur verdarb. Das Ding im Kasten gab aufreizende Geräusche von sich; damit beabsichtigte es, daß ich den Deckel aufmachte und es mitbekäme, was los war. Und da lag es dann völlig vertrocknet und häßlich und verdrehte die abartigen, lebendigen Augen unter den pergamentenen Hängelidern und störte ständig durch Bemerkungen. Ganz erstaunlich, wie sehr man sich daran gewöhnen konnte, wenn man es jeden Tag sah.
»Niedertracht liegt in meiner Natur«, sagte der unsterbliche Kopf. »Du hast Glück, daß ich dich nicht in den Wahnsinn treibe. Ich habe eine ganze Reihe meiner Besitzer völlig verrückt und irre gemacht. Weißt du, was aus einem Menschen wird, der keinen Schlaf mehr bekommt?«
»Er kriegt eins auf den Kasten, dann findet er auch keinen Schlaf mehr«, erwiderte Tante Pauline ungerührt. »Sibille, probiere bitte die himmelblaue Seide an. Die bringt deinen Teint so schön zur Geltung. Und ich möchte sehen, wie sich das Kleid macht, das wir durch das Samtband unter dem Mieder verlängert haben.«
»Es wäre einfacher gewesen, wenn du dir deine Kleider länger gewünscht hättest«, schmollte der Kopf.
»Und wir den ganzen Spaß mit dem Umändern nicht gehabt hätten? Ehrlich, du weißt aber auch gar nichts. Das ist noch unterhaltsamer als Möbel umstellen«, widersprach Tantchen. Inzwischen hatte ich mich bis auf Unterrock und Schnürleibchen ausgezogen. Natürlich hielt es keine Zofe auch nur kurze Zeit mit mir im selben Raum aus, weil mir dieser lächerliche Kopf überallhin folgte.
»Was für eine knochige Figur«, höhnte der Kopf. »Laß die Quälerei und begnüge dich mit dem Wissen, daß du eine Mißgeburt bist.« Ich funkelte ihn böse an und ging zur Kommode, um den Kasten zu schließen. Doch der Kopf, der tatsächlich ziemlich raffiniert war, lenkte mich mit einer Bemerkung von meinem Vorhaben ab. »Ehrlich«, sagte er und verdrehte beim Anblick meiner Unterwäsche ein grausiges Auge, »warum drückst du dich mit dem steifen Ding da so flach und ziehst dann die bauschigsten Kleider darüber, die ich je im Leben gesehen habe? Ich habe schon Geschwülste gesehen, die hatten eine gefälligere Form als deine ausgestopften Ärmel. Als ich jung war, da haben die Frauen wirklich schön ausgesehen in ihren fließenden Gewändern, die einen entzückenden kleinen Busen sehen ließen.«
»Du hast überhaupt keine Ahnung von Damenmode«, sagte Tantchen. »Wie lange ist es her, daß du dergleichen gesehen hast?« Sie hielt die himmelblaue Seide hoch und wollte sie mir über den Kopf ziehen.
»Ungefähr tausend Jahre. Aber damals war die Mode schöner.«
»Das sagen alle alten Leute«, meinte Tantchen und half mir beim Zuknöpfen.
»Du bist mehr als tausend Jahre unter Menschen und hast noch nie bemerkt, was Frauen so tragen?« fragte ich.
»Nicht meine Schuld«, murrte der Kopf. »Die meiste Zeit war ich mit Zauberern eingesperrt. Ewig das gleiche Fledermausdekor, die gleichen mystischen Gewänder, die gleichen Zauberstäbe und Karten. Und ich war beschäftigt. Ich war sehr beschäftigt. Es ist gar nicht so leicht, sich Mittel und Wege auszudenken, wie man die Leute durch ihre eigenen Wünsche in ihren wohlverdienten Untergang zieht. Dazu braucht man ein brillantes, stets arbeitendes Hirn.«
»Papperlapapp«, sagte Tantchen. »Das schaffen die Menschen auch allein, dazu brauchen sie dich nicht.«
»Das«, murrte der Kopf, »ist eine schwere Beleidigung. Derlei Bemerkungen vergesse ich nicht. Von mir hast du keine Gnade zu erwarten.«
Tantchen lachte.
»Das ist nichts Neues. Sibille, mein Schatz, sieh in den Spiegel. Du mußt doch zugeben, daß du ganz verwandelt bist.«
Das Kleid, ein umgeändertes spanisches Modell, hatte einen Schlitzrock aus dunkelblauem silbrigem Brokat, der mit himmelblauer Seide unterlegt war. An das dazu passende Oberteil waren abnehmbare und geschlitzte Puffärmel aus gleicher Seide angebracht, die mit Spitzenvolants verlängert worden waren, damit sie meine langen Arme und die knochigen Handgelenke verbargen. Über einem steifen, mit Fischbein verstärkten Kragen reichte die schmale gefältelte Krause mir fast bis an die Ohren. Das war die ganz große Mode und das eleganteste Kleid, das ich je im Leben gesehen hatte.
»Es sieht aus, als ob dein Kopf auf einem Teller liegt«, bemerkte das Ding im Kasten.
»Ist das richtig so?« fragte ich.
»Die allerneueste Mode, von der Herzogin von Valentinois selbst eingeführt. Das hat mir meine Schneiderin letzten Monat versichert«, sagte Tantchen. »Laß dich nicht von der alten Mumie da beirren.«
»Ich habe schon Kalbsköpfe gesehen, die genau so serviert wurden«, kicherte der unsterbliche Kopf.
Tantchen griff zu ihrem Spazierstock und schlug mit einer einzigen raschen Bewegung den Deckel des Kastens zu. »Es reicht«, sagte sie, während das Ding nur noch erstickt und entrüstet quietschen konnte. »Und da du jetzt so elegant bist, Sibille, laß uns im Empfangszimmer Karten spielen. Ich habe eine Botschaft von… einem alten Freund und erwarte für heute einen Besucher, auch wenn ich nicht weiß, wann er kommt. Freitag. Ja, wir haben Freitag, nicht wahr? Julian hat gesagt, er würde gegen Freitag morgen draußen sein.« Julian? Wer war das? Du liebe Zeit, kannte sie den Bischof etwa persönlich? Sie stemmte sich von ihrem Stuhl hoch und bewegte sich schwerfällig und mit tappendem Spazierstock zur Tür.
»Aber ja, natürlich ist heute Freitag, Tantchen. Wer kommt denn?«
»Das, mein Schatz, ist eine Überraschung. Und nun sag, warum nimmst du beim Kartenlegen immer die Trumpfkarten heraus und legst nur die Münzen aus?« Wir gingen jetzt in Richtung des Empfangszimmers im vorderen Teil des Hauses. Einige kostbar möblierte, kleinere Zimmer gingen ineinander über und bildeten eine Art Flur. Ein ums andere Mal blieb Tantchen stehen und fegte mit dem Spazierstock ein besonders großes Spinnennetz weg. All dieser Luxus, und nahezu unbewohnt.
»Im Giardino dei Pensieri steht, daß man es so tun soll. Es ist doch nur ein Spiel, Tantchen. Matheline hat mir gezeigt, wie es geht, als sie mir das Buch schenkte.«
»Diese Matheline. Eine Pfuscherin auf allen Gebieten! Du mußt alle vier Farben ausspielen, mein Schatz, und alle Bildkarten. Denn gerade die Bildkarten vermitteln das geheime Wissen. Ich bringe es dir bei. Bei mir lügen die Karten nie. Sie haben mir gesagt, daß du kommst, und so ist es geschehen. Jetzt erzählen sie mir, daß ich reisen werde. Und das in meinem Alter! Ich habe nicht die geringste Lust. Also mußt du die Karten legen und für mich deuten. Eine zweite Meinung kann nie schaden.«
»Tantchen, ich mag die Trumpfkarten nicht. Sie flößen mir so komische Gefühle ein, wenn ich sie ansehe.«
In diesem Raum waren die Vorhänge zufällig nicht zugezogen, doch das machte keinen Unterschied. Die Fenster waren von wildem Wein zugerankt, und es drang fast kein Tageslicht herein.
»Komische Gefühle? Ach, warum solltest du dich vor ihnen erschrecken? Mein Schatz, ich glaube, du bist die geborene Kartenlegerin. Schließlich macht dir der seltsame, gefederte Kerl im hinteren Schlafzimmer auch nichts aus. Warum also solltest du dich vor gemalten Bildern auf Pappe fürchten?«
Wir verbrachten den größten Teil des Tages in angenehmer Unterhaltung beim Studium der Karten. Und für eine gewisse Zeit blieb der schmollende Kopf schweigsam in seinem Kasten und materialisierte sich nicht.
»Und jetzt leg sie noch einmal aus, Sibille, die zweite Reihe quer zur ersten. Siehst du, dieses Mal haben wir die Päpstin. Das ist mein ganz besonderer Liebling.«
»Was macht ihr da? Schon wieder eine neue Mode?« Menanders Kasten nahm allmählich schimmernd auf der geschnitzten Anrichte aus Zedernholz Gestalt an. Seine Stimme klang so verlogen, als erwarte er etwas, was wieder seinen miesen Charakter erfreuen konnte. »Zu meiner Zeit hat eine gute Widderleber zum Wahrsagen genügt. Macht meinen Kasten auf.« Doch uns blieb keine Zeit zum Antworten. Ohne darauf zu warten, daß man ihn anmeldete, hatte jemand die Haustür so heftig aufgerissen, daß sie gegen die Wand donnerte. Tantchen sah nicht einmal von ihren Karten auf. Man hörte ein Gerangel, als der Besucher Tantchens Lakai beiseite schob.
»Heb ab, Sibille«, sagte sie, ohne auch nur aufzusehen. Eine Stimme dröhnte durch das von Geistern bewohnte Haus.
»Da bist du also, du habsüchtiges altes Weib! Und was treibst du hier, Sibille, aufgeputzt mit kostbarer Seide wie die Mätresse eines reichen Mannes? Ich reiße dir den Tand vom Leib. Habe ich es doch gewußt, daß ich dich hier finden würde. Habe ich dir nicht gesagt, daß du nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen darfst? Zieh sofort deine alten Sachen an. Ich bringe dich auf der Stelle nach Haus!«
Vater.
Das war nicht gerade das Wiedersehen, das ich mir ausgemalt hatte, in meiner Phantasie war es viel bewegender ausgefallen und hatte Dankbarkeit und Rührung beinhaltet. Vielleicht, so hatte ich gedacht, würde er weinen, wenn er mein Gesicht erblickte, nachdem er der Schwelle des Todes so nahe gekommen war, und mich dann umarmen und mich für meine Tapferkeit wegen der Bittschrift beim Bischof loben und sagen, daß er mich noch nie richtig zu schätzen gewußt habe, daß er jetzt aber, angesichts seines nahenden Todes, blitzartig zu Einsicht gelangt sei. So hatte ich es mir mehr oder weniger vorgestellt, doch vermutlich spielte mir das Schicksal, das mir meine Rede verdorben und mich gedemütigt hatte, auch diesen unerquicklichen Streich, um meinen bereits angeschlagenen Stolz endgültig zu vernichten.
»Ja, ja, Hercule. Undankbar wie eh und je. Du hast mich noch nicht einmal begrüßt.« Sie hatte noch immer nicht von den Karten aufgeblickt.
»Pauline, du weißt, was du bist. Ich habe Sibille verboten, dieses Haus jemals wieder zu betreten. Und jetzt treffe ich sie hier beim Kartenspielen an, in einem Kleid, das ihr nicht gehört, und an wer weiß welchen Ausschweifungen beteiligt.« Vater befand sich in einem erbärmlichen Zustand. Er benötigte dringend ein Bad, und sein Haar war ganz zerzaust.
»Ei, Hercule, ich erinnere mich noch gut, wie du im Haus unseres Vaters vor mir gekniet und mich angefleht hast, der Familie zuliebe Kapitän Tournet zu heiraten. Du hast mir versprochen, mich nie im Stich zu lassen. Ehre! Ha! Du kennst dieses Wort nicht einmal.«
»Du erwartest doch wohl nicht… Wer würde meine Töchter überhaupt noch heiraten wollen, wenn er wüßte, daß wir mit dir verwandt sind. Mein guter Ruf…« Vater schnaufte, hielt inne in seiner Jagd auf dem türkischen Teppich und packte mich beim Ohr.
»Oder die Töchter eines hingerichteten Ketzers? Sibille, das pflichtbewußteste deiner Kinder, hat sich allein auf den Weg gewagt, um dem Bischof eine selbstverfaßte Bittschrift zu überreichen, in der sie in außerordentlich stichhaltigen Argumenten deine Unschuld beteuert hat.«
»Dummes Zeug. Lüg nicht das Blaue vom Himmel herunter. Ich habe nie gestanden. Meinen eisernen Willen hat nicht einmal der Anblick der Folterinstrumente brechen können. Man war so beeindruckt von meiner Loyalität, daß mich der Bischof höchstpersönlich verhörte. Dann haben sie mir erlaubt zu widerrufen. Widerrufen! Ich! Wißt Ihr, was es bedeutet, wenn man ihr schmieriges, verlogenes Papier unterschreibt? Und wie wird es mir nun gedankt, daß ich meine Familie – meine Tochter – vor dem sicheren Ruin bewahrt habe?« Hohläugig und verbittert spuckte Vater diese Worte geradezu aus.
»Den Dank verdient deine Tochter«, sagte Tante Pauline kalt. »Nicht jeder erhält die Gelegenheit zu widerrufen – vor allem nicht, wenn ein königlicher Günstling mit dessen Besitz liebäugelt.« Vater kniff die Augen zusammen und musterte mich eingehend.
»Sie verdient gar nichts. Ich bin es, dem Dank gebührt, weil ich mich darum bemühe, ihr ein anständiges Leben zu bieten.«
»Blau steht ihr gut, findest du nicht? Es bringt ihren schönen, olivfarbenen Teint zur Geltung. Und der Kopfputz mit den Perlen – sie hat so ausdrucksvolle, kluge Augen.« Irgend etwas an ihren Worten brachte ihn in Rage. Mit wutentbranntem Blick wollte er mich packen, aber ich sprang so rasch auf, daß ich beinahe den Tisch umstieß. Im gleichen Augenblick sauste Tantchens Stock blitzschnell herunter und traf ihn am Musikantenknochen. Aufheulend griff er sich an den Arm, und schon eilten mehrere Diener herbei, um ihn hinauszubefördern. »Gewalttätig wie eh und je«, meinte Tantchen und winkte ab. »Setz dich auf den Stuhl da drüben. Falls du dich aus eigener Kraft befreit hast, dann sag mir doch bitte, woher ich wußte, daß ich diesen Stuhl genau am Freitag für dich bereithalten mußte? Arnaud, schenke M. de la Roque einen Becher von dem ausgezeichneten Wein ein, den ich für ihn aufgehoben habe. Hercule, ich habe dir ein geschäftliches Angebot zu machen, und ich will, daß du mich bis zu Ende anhörst.«
»Der ist gewiß vergiftet«, knurrte Vater, während man ihm Wein eingoß. »Sibille so aufzuputzen, ihr den stolzgeschwellten Kopf noch weiter zu verdrehen. Demut ist es, was sie braucht. Demut und harte Arbeit, keine Seidenkleider.«
»Was kümmert es dich, wenn es mir gefällt, sie hübsch zu sehen?« sagte Tantchen. »Schließlich ist es mein Geld. Alles mein Geld, Hercule, und nur meines.« Ich beobachtete die beiden, wie sie sich böse anfunkelten, und es kam mir so vor, als liefen hier zwei Unterhaltungen ab, die eine mit Worten und die andere wortlos, und die hatte mit lange verborgenen Geheimnissen zu tun, von denen ich keine Ahnung hatte. »Und im Gegensatz zu meinem seligen Mann muß ich mich nicht bemühen, deine Gunst zu erkaufen in der vergeblichen Hoffnung, dadurch etwas ehrbarer zu werden.«
»Das sieht dir ähnlich, Pauline, nichts als Ausreden für Knauserigkeit und dafür, daß du deiner Verwandtschaft den Rücken kehrst.«
»Nicht ich habe dir den Rücken gekehrt, Hercule.«
»Falls du etwas zu sagen hast, dann heraus damit. Ich möchte hier nicht noch mehr Zeit verschwenden.«
»Gut, dann will ich ganz offen sein. Es macht mir Freude, Sibille hier zu haben. Sie ist klug und geistreich und kann sich angeregt über tausend Themen unterhalten. Ihr ist es einerlei, daß mein Haus voller…«
»Und wovon ist es voll? Ratten? Typisch. Wahrscheinlich will sie ihre Knochen studieren oder Ratten züchten, damit sie sehen kann, ob alle die gleiche Farbe haben. Pfui. Ich habe immer gewußt, daß du eine schlechte Hausfrau bist, Pauline. Oder ist es voller Ungeziefer?«
»Gleichviel. So etwas in der Art«, sagte Tantchen. »Kommen wir zum Thema zurück.« Ich konnte sehen, daß sich Dona Dolores hinter Vater manifestierte und sehr interessiert zuhörte. Warum spürte er sie nicht einmal? Vermutlich gibt es Menschen, die sich nicht durch Geister stören lassen. Vielleicht gehörte auch M. Tournet dazu? Das ist wohl nötig, wenn man ein Lasterleben führt. Tantchen beugte sich zu Vater und legte ihre Faust, an der auf jedem Finger ein Ring prangte, auf den Tisch. »Hercule«, sagte sie, »ich möchte, daß du mir Sibille überläßt.«
»Niemals«, entgegnete Vater. »Das haben wir alles schon besprochen.«
»Ja, aber da hattest du noch nicht dein letztes Stück Land beliehen.«
»Sibille, du hast schon wieder geplaudert. Lernst du denn nie, den Mund zu halten.« Ich machte große Augen. Das war ganz und gar ungerecht. Kein Sterbenswörtchen hatte ich verlauten lassen.
»Welchen anderen Grund könntest du haben, außer mir eine Bitte abzuschlagen?« sagte Tante Pauline. »Du weißt, daß Gott mir keine Kinder geschenkt hat. Ich wünsche mir eine Tochter, und du bist so knauserig, daß du sie nicht einmal verheiratest.«
»Und wieviel willst du dieses Mal bieten?« Was meinte er mit dieses Mal? Liebte mein Vater mich wirklich? Weigerte er sich aus Ehrgefühl, mich als Gesellschafterin zu verkaufen? Und war meine nachsichtige, immer freundliche Patin in Wirklichkeit nur kalt und geldgierig und dachte, mit Geld bekäme sie alles? Ich war entgeistert. Es ging nicht nur um meine zarte Seele, sondern ich zweifelte allmählich daran, daß ich mich mit dem menschlichen Charakter auskannte, während die beiden vor meinen eigenen Augen die Gestalt zu wechseln schienen.
Doch jetzt feilschten sie um mich wie um ein Schwein auf dem Markt. Vater mit vom Wein erhitztem Gesicht und Tantchen mit ihrem bleichen, teigigen Teint und Pupillen, die im Halbdunkel riesig wirkten.
»Du hast mehr geboten, als sie sechs war.«
»Damals war auch ich jünger. Sie hätte mein sorgenvolles Leben schon jahrelang verschönern können.«
»Du hättest sie durch und durch verdorben, meinst du. Sie mußte lernen, wo ihr Platz ist.«
»Du hast sie ja nur behalten, weil ich sie haben wollte.«
»Pauline, du verdienst keine Kinder, ist dir der Gedanke noch nie gekommen?«
»Und du verdienst keinen sou von meinem Geld. Alles fällt nach meinem Tod an die Kirche.«
»Oder an Sibille, wenn ich sie dir gebe. Warum sollte ich ihr zu einem schönen Leben verhelfen, damit sie dann ihre Schwestern und ihren Bruder herumkommandieren kann?«
»Habe ich nicht gesagt, ich bezahle all deine Schulden? Das ist mehr als genug. Denk an meine Großzügigkeit und daran, wie wenig du sie verdienst, du kaltherziger Schuft von einem Bruder.«
»Wer ist hier der Schuft, Pauline? Ich habe sie ehrbar aufgezogen und überdies eine anständige Heirat für sie arrangiert, und das ist mehr, als sie verdient.«
»Sklavendienste für ein junges Ding? Das nennst du anständig? Ich nenne das die kälteste aller Grausamkeiten. Und was wäre, wenn Großvater ihr nicht den Weinberg vererbt hätte? Villasse! Und welche Schandtat hast du mit dem ausgeheckt? Ha! Das hätte ich ja fast vergessen. Du mußt sie hierlassen, Bruder, ob ich dich nun auszahle oder nicht. Ein Jammer, daß dir nun das ganze Geld entgeht!«
»Wovon redest du, du Wahnwitzige?«
»Villasse ist tot, und Sibille hat seinen Tod verursacht. Sie ist vor dem Skandal geflohen, Bruder. Du kannst sie nicht im Haus behalten, ohne daß der gute Ruf deiner ganzen elendigen Familie in Gefahr gerät.«
»Sie hat ihn in den Selbstmord getrieben? Das hätte ich ihm nie zugetraut. O Gott, diese Schande!«
»So ähnlich jedenfalls. Ich an deiner Stelle würde es nie erwähnen. Du willst doch nicht, daß es sich herumspricht.«
»Die Anleihen, die er mir versprach… Was ist mit meinen Schulden?«
»Habe ich mir doch gedacht, daß dich das interessiert. Betrachte mich als Ersatz für Villasse und unterschreibe das Papier hier, Bruder. Ich traue dir in keiner Weise und habe bereits alles vorbereitet. Eine rechtskräftige Vormundschaft. Die verhindert, daß du, wenn sie ihre Mutter besucht, deine väterlichen Rechte wieder geltend machst und beschließt, sie ins Kloster zu stecken.«
»Das hier ist ein altes Papier…«
»Ja, aber es ist so gültig wie am Tag, an dem es aufgesetzt wurde.«
»Dann nimm Sibille und zur Hölle mit dir. Wie schön, sie los zu sein. Sie hat mir nur Ärger bereitet, und jetzt ist sie überreif und nicht mehr zu verheiraten. Ich wünsche dir viel Freude an ihr.«
»Aber, aber Vater…« Tränen schossen mir in die Augen.
»Und ich will Bargeld sehen«, sagte Vater.
»Keine Bange, Hercule, du bekommst es. Weine nicht, Sibille, es ist zu deinem eigenen Besten.« Aber ich war bereits aus dem Zimmer gestürzt. Als ich in mein Schlafzimmer kam, legte ich das schöne Seidenkleid, die hohe Leinenkrause und den Perlenkopfputz ab – warf mich aufs Bett und weinte.
»Du könntest dir doch wünschen, daß sie dich wahrhaft lieben«, sagte die Schmeichelstimme aus dem Kasten.