Kapitel 8
Au feu, au feu, meurent les Luthériens!« Tod den Ketzern! Der Anblick, der sich mir draußen vor der Stadtmauer unweit des Tores bot, war nicht gerade vertrauenerweckend. Eine große Menge drängte sich unter dem schweren Fallgitter hindurch und strömte auf die dahinterliegende Landstraße. In ihrer Mitte ging ein Mann im Hemd, der auf dem Rücken ein Bündel Anmachholz trug. Ein Häretiker, der vor die Stadtmauern geführt wird, um bei lebendigem Leib verbrannt zu werden. Wer war er? Ich erkannte ihn nicht. Schon möglich, daß er jener Handschuhhändler war. Und was war mit Vater? ging es mir durch den Kopf. Angesichts dieser von Leidenschaften aufgepeitschten Menge trieb ich den verschreckten Jungen am Zügel meines Pferdes zur Eile an, um durch das Gedrängel am Stadttor zu gelangen.
»Demoiselle, Ihr wollt hinein, während alle Welt hinaus will«, hörte ich einen Mann sagen. Ich erblickte einen gedrungenen, ungehobelten Gesellen, der aussah wie ein Artillerist, auf dem Weg zu seiner Kompanie. Er hatte seine Pulverladungen um den Hals geschlungen und ein Bündel auf dem Rücken. An seiner Seite hing ein Kurzschwert, und auf dem Kopf trug er einen verbeulten Hut mit einer struppigen Feder. Irgend etwas sah verkehrt an ihm aus, aber was?
»Wo ist Eure Arkebuse?« fragte ich.
»Ach, Demoiselle, das ist eine lange Geschichte – ich habe sie als Sicherheit bei einem Pfandleiher in der Rue Sainte Anne innerhalb dieser Stadtmauern gelassen, und ohne sie kann ich nicht zu meiner Kompanie zurück. Legt mein Bündel hinter den Sattel, dann helfe ich Eurem Jungen, freie Bahn zu schaffen.« Ich war noch immer völlig durcheinander von dem Menschenauflauf vor mir und nickte. Gargantua beschnüffelte das Bündel, das der Mann befestigte, als enthielte es etwas Köstliches, etwa Schinken, doch für Gargantua sind auch alte Schuhe ein Leckerbissen. »Macht Platz, macht Platz für die Demoiselle, die man ans Totenbett ihrer Großmutter ruft«, schrie der Soldat, und mit seinem Geschrei und seiner wuchtigen, kriegerischen Gestalt bahnte er uns einen Weg zum Tor.
»Gillier, du alter Salzschmuggler, halt an«, rief einer der Wachposten, und die beiden anderen stürzten herbei, ehe er sein Schwert aus der Scheide ziehen konnte.
»Ich und anhalten? Damit Ihr es nur wißt, ich bin bekehrt und stehe im Dienste dieser Dame hier«, sagte er. Jetzt kamen Leute hinzu, um sich unser kleines Spektakel anzusehen, und trotz meiner damenhaften Eleganz wollte ich nichts als weg, ehe mich jemand als Tochter des Mannes erkannte, der sein Haus an den Ketzer vermietet hatte.
»Ich will meine kranke Tante, Madame Tournet, besuchen, die unweit des Domplatzes wohnt«, erklärte ich. Die Wachen durchsuchten den Soldaten, und ich war schon im Begriff, ihm sein Bündel zu geben, doch da fiel mir Villasse und sein Salzmonopol ein, und ich beschloß, ihn darin keineswegs zu unterstützen, auch wenn es ihm jetzt nichts mehr nützte. Warum Beweismaterial aushändigen, flüsterte mein vernünftiges Selbst. Damit wirst du nur hineingezogen und aufgehalten. Sehr gut, sagte mein edleres Selbst, dieses eine Mal bin ich derselben Meinung. Schließlich sollte Salz frei erhältlich sein, da es Gott für alle Menschen in großer Fülle erschaffen hat. Dieser abscheuliche Villasse hätte auch noch versucht, sich Luft bezahlen zu lassen, wenn das möglich gewesen wäre. Da kam mir der Gedanke, daß es seine Schuld war, wenn er ermordet wurde, weil Gott ihm dieses Ende wegen seiner Habgier zugedacht hatte. Ich war lediglich ein göttliches Instrument und hatte mir deshalb so gut wie nichts vorzuwerfen.
Mitten in diesen Überlegungen überkam mich die Angst, daß gewisse weltliche Behörden, die sich derzeit der Verbrennung des Handschuhhändlers widmeten, meine Rolle als göttliches Instrument durchaus falsch verstehen konnten. Der Mann warf mir einen erschrockenen Blick zu, als wollte er sagen, gib es ihnen nicht. Da wurde mir klar, daß eine Befragung wegen gesetzwidrigen Besitzes auch zur Aufdeckung des unseligen Unfalls von Monsieur Villasse führen konnte. Mein vernünftiges Selbst reagierte sofort. »Meine Tante hat gesagt, ich dürfe mich nicht verspäten. Ich habe einen Brief meiner Mutter an sie«, sagte ich mit hoher Stimme. Ich sah, wie sie die Anschrift mit zusammengekniffenen Augen musterten, und wußte, daß sie nicht lesen konnten.
»Das reicht, Ihr könnt passieren«, sagte der Wachtposten. »Aber Euer Diener kommt vor den bailli.« Der ist bald wieder draußen, dachte ich, schließlich haben sie keine Beweise, und dann sind wir beide im besten Sinne vogelfrei.
Als mein Junge und ich das Tor passierten, wollte uns ein merkwürdiger, dunkelhaariger Mann mit Ohrring nacheilen.
»Kerl, du nicht«, hörte ich die Wachtposten hinter mir sagen. »Du siehst wie ein Fremder aus. Falls du keine Geschäfte innerhalb der Mauern nachweisen kannst, darfst du nicht hinein. Diese Stadt ist kein Ort für Fremde und herrenloses Gesindel.« Vollkommen richtig, dachte ich. Man kann gar nicht genug aufpassen, sonst läßt man noch jeden Gauner in die Stadt.
In der gesamten Erbauungsliteratur ist nachzulesen, daß es das Schicksal von Verbrechern ist, immer hoffnungsloser auf die schiefe Bahn zu geraten, bis das Jüngste Gericht sie in eine Feuergrube wirft. Und als ich mich dann vom Pferd beugte, um den Bronzeklopfer an Tante Paulines Hoftor zu betätigen, schoß es mir durch den Kopf, daß ich vielleicht schon tiefer gesunken war, als ich angenommen hatte. Das Tor sah unauffällig aus und anders, als ich es in Erinnerung hatte: ungestrichen, die Torangeln verrostet. Die Mauern zu beiden Seiten bröckelten und waren von Ranken überwuchert. Das hier war eindeutig mein erster Schritt auf der schiefen Bahn. Aber vielleicht verdammte mich das Schicksal ja nicht wegen des erforderlich gewesenen Abfeuerns der Arkebuse, sondern wegen der geheimen, freudigen Aufwallung, als ich merkte, wen ich da erschossen hatte. Ja, so war es. Es mußte mir lediglich leid tun, dann war ich nicht mehr schuldig, und der Arm der göttlichen Gerechtigkeit würde innehalten.
Ich klopfte erneut, dieses Mal lauter. Noch immer keine Antwort. Angenommen, Tante Pauline war gestorben, und niemand hatte uns benachrichtigt? Ein vernachlässigter Pflaumenbaum von einem verborgenen Garten hatte verfaulte Früchte über die Mauer geworfen, und der süßliche Geruch vermischte sich mit dem ekelerregenden Gestank der Straße. Als Monsieur Tournet noch lebte, hatte ihn sein Reichtum in allen zweifelhaften Kreisen beliebt gemacht, obwohl man uns nie erlaubt hatte, sein Haus zu betreten.
»Schmutziges Geld«, pflegte mein Vater zu sagen. »Sie hat unsere Familienehre für Bares an einen Niemand verkauft.« Zuweilen hörte ich die älteren Frauen zu Mutter sagen: »Natürlich können wir sie nicht empfangen, das mußt du verstehen. Der Mann, den sie geheiratet hat, ist vollkommen unmöglich. Was war nur in die Eltern deines Mannes gefahren, daß sie solch eine Mißheirat erlaubt haben?« Meistens schwieg Mutter, doch manchmal erklärte sie auch: »Madame Tournet bleibt eine Verwandte, wen auch immer sie geheiratet hat und damit Schluß.« Einmal, in einem schwachen Augenblick, sagte sie zu mir: »Und wie hätten deine Großeltern wohl ihr Anwesen ohne Jean Tournets Darlehen halten können? Die Flotten für den König zu finanzieren und auszurüsten, dazu war er gut genug, aber nicht gut genug für sie. Und sie halten es für unter ihrer Würde, ihm das Geld jemals zurückzuzahlen.« Solche Worte gaben mir eine leise Ahnung einer verborgenen Seite an ihr, ich sah eine Fremde, bei der Gerechtigkeit vor Rang kam. Welch andere geheime Gedanken, die sich so sehr von Vaters unterschieden, mochte sie noch hegen? Doch das verborgene Fenster zu ihren Gedanken schloß sich so jäh, wie es sich geöffnet hatte, und sie rauschte würdevoll und mit ausdrucksloser Miene davon, ein Abbild guter Erziehung und Korrektheit. Und dann war Monsieur Tournet dahingegangen – und mit ihm seine Darlehen und unser Wohlstand.
Ich hämmerte erneut auf das Tor ein, dieses Mal noch lauter. Und da tauchte hinter dem Gitter im Tor ein Gesicht auf, nahm meinen Namen entgegen und verschwand. Nach weiterer endloser Warterei öffnete sich das Tor unter furchtbarem Gequietsche. Während ich noch das nicht getünchte, zugerankte, fast verlassen aussehende Herrenhaus innerhalb der Hofmauer anstarrte, führte ein grämlicher Diener meinen Lakai und mein Pferd wortlos fort. Das Gesicht hinter dem Gitter gehörte zu einem alten Kammerdiener mit Holzbein, der mich stumm von Kopf bis Fuß musterte und mich dann über den kopfsteingepflasterten Innenhof zur Haustür begleitete, die nach innen aufging und in das dämmrige Innere des Empfangszimmers führte.
»Herein, herein«, erklang eine Frauenstimme aus der Tiefe des dunklen, eleganten Raumes. Auf einem mit seltenen Hölzern eingelegten Tisch standen ein paar Kerzen, und er glänzte und schimmerte in ihrem matten Schein. Dunkle, schwere geschnitzte Möbel, Stühle, Bänke und Truhen schienen an Wänden und in Winkeln zu lauern. Hier und da verfing sich das Kerzenlicht auf Satinkissen und seidenen Gobelins. Man hatte mich durch eine Flucht ähnlicher Zimmer geführt, alle leer, dunkel und nach Mäusen und Verfall riechend, ehe wir in diesem anlangten. »Ach, du hast einen Hund mitgebracht. Das wird Señor Alonzo aber gar nicht gefallen.«
»Tut mir leid, Madame Tournet. Er ist von daheim durchgebrannt und mir nachgelaufen, er will einfach nicht von mir weichen.«
»Madame Tournet? Sibille, meine Patentochter, nenne mich Tantchen oder ma tante. Schließlich bin ich deine Tante. Komm näher, komm näher. Ich habe dich nicht mehr zu Gesicht bekommen, seit du sechs warst, und ich möchte doch wissen, wie du dich herausgemacht hast.« Tantchen saß am Tisch und hatte ein Spiel Karten vor sich ausgebreitet. Bildkarten, Trumpfkarten, Farben, da wurde ein vollständiges Tarockspiel gespielt. Sie legte eine Münzen-Sechs aus und tat den Rest des Spiels beiseite.
»Ich bringe dir einen Brief meiner Mutter«, sagte ich und reichte ihn ihr. Tantchen hatte Vaters Nase, der Rest war sie selbst. Sie war mit den Jahren mollig geworden und benötigte einen ziemlich breiten Stuhl. Ihr Haar glänzte so eigenartig schwarz, wie es nur das Färben bewirkt. Ihre Augen blickten klug, ein bernsteinfarbenes Braun, und waren umkränzt von Krähenfüßen – Zeugen eines geheimen, schrecklichen Wissens. Ihr Mund war geschminkt, und auf ihren Wangen prangten Kreise aus Rouge. Sie hatte einen Anflug von Damenbart, doch ihre Haut war weich und weiß und für ihr Alter sonderbar faltenlos. Meine Erinnerung hatte nicht getrogen, Gesicht, Haltung und die Art, wie sie die Hände bewegte, ließen noch immer erkennen, daß sie einst eine große Schönheit gewesen war. Ein Stock mit einem seltsamen Silberknauf in Form eines Affen lehnte an ihrem Stuhl. Gargantua, der in dem fremden Zimmer herumschnüffelte, stieß ihn um. Als sie zu dem Brief griff, hob ich ihn wieder auf.
»Ach, danke, mein Schatz. Meine Gicht, na, du weißt schon. Zuweilen fällt mir das Gehen schwer. Die Siegel auf diesem Brief sind erbrochen. Sibille, du unersättlich neugierige Patentochter, hast du ihn gelesen?«
»Tantchen, den hat die ganze Welt gelesen. Man wollte mich so kurz vor Sonnenuntergang nicht in die Stadt lassen, also mußte ich Mutters Brief vorzeigen.«
»Wie unangenehm für dich, daß man dich für eine übelbeleumdete Person gehalten hat. Man muß sehr grob mit dir umgesprungen sein.« Was hatten Tantchens absonderliches Haus und ihre noch absonderlichere Erscheinung nur an sich, daß ich mir wund und bloß vorkam und ich mich danach sehnte, ihr meine sorgsam gehüteten Geheimnisse anzuvertrauen.
»Ich bin schlimmer als eine übel beleumdete Person, Tantchen. Ich bin eine Mörderin. Und falls Vater nicht freikommt, auch eine Bettlerin. Wirst du mich nun aus dem Haus weisen?« Sie blickte mich mit ihren bernsteinfarbenen Augen an, deren Pupillen im Halbdunkel wie große schwarze Brunnen waren.
»Eine Mörderin? Der Daus, wie diskret sich deine Mutter in ihrem Brief ausdrückt. Wen hast du denn ermordet?« Tantchen blieb ganz gelassen.
»Meinen Verlobten, Thibauld Villasse.«
Bei diesen Worten ließ die alte Frau ein seltsames Geräusch vernehmen, halb war es ein Schnauben, halb ein Kichern. Als sie sich wieder gefaßt hatte, sagte sie: »Zieh dir einen Stuhl heran, mein Schatz. Ich will alles darüber wissen. Du kannst dich darauf verlassen, daß ich dein Geheimnis wahre. Danach dann ein bescheidenes Abendessen.« Sie läutete ein Silberglöckchen. »Arnaud«, sagte sie, »lege ein drittes Gedeck auf. Meine Patentochter wird ein Weilchen bei uns bleiben.«
Ich hatte die Geschichte, wie sich Thibauld plötzlich und unerwartet die religiöse Literatur zu eigen gemacht hatte, kaum zu Ende erzählt, da war es Zeit, die Unterhaltung an den zum Abendessen gedeckten Tisch zu verlegen.
»Du meine Güte, mein Schatz«, sagte sie, während sie sich an Dutzenden üppiger Speisen gütlich tat, die eine nach der anderen aufgetragen wurden, »du ißt ja wie ein Spatz. Kein Wunder, daß du so dünn bist.«
»Tantchen, obwohl ich hungrig bin, bekomme ich kaum einen Bissen hinunter. Ich mache mir solche Sorgen um Vater, daß ich Magenschmerzen habe.« Bei der Erwähnung ihres Bruders rümpfte sie fast unmerklich die Nase, dann bediente sie sich von der Entenbrust mit kandierter Orangenschale und einem eigenartigen Gewürz, das für mich fast unerträglich roch. Ihre Tafel ist wirklich sonderbar, dachte ich, während ich ihr beim Kauen zusah. Mir gegenüber befand sich ein leerer Platz, der mit einem kleinen Silberkelch und Teller gedeckt war. Der Stuhl davor war hoch, schmal und hatte ein Kissen.
»Um den solltest du dich heute abend nicht kümmern«, bemerkte sie. »Es ist wichtiger, daß du ißt und dich ausruhst. Du hast gewiß einen furchtbaren Schreck bekommen. Villasse. Ha, ha, ha.« Sie wischte sich die Lippen mit der Serviette, dann nahm sie von dem Rindsragout in einer großen Silberschüssel. »Jammerschade, daß es Señor Alonzo nicht beliebt, uns Gesellschaft zu leisten. Sieh mal. Ich habe heute abend sein Lieblingsgericht auftragen lassen, kandierte Birnen. Das wird ihn ärgern, diesen undankbaren Wicht. Leider, mein Schatz, ist er eifersüchtig, weil du gekommen bist. Er wird von Jahr zu Jahr verhätschelter.« Aha, das war also Señor Alonzos Stuhl, kein Kinderstuhl. Er mußte ein Zwerg sein. Alle reichen Damen halten sich Zwerge und Narren. Die vertreiben ihnen zwischen Karten, Klatsch und der Jagd die Zeit. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, daß Tantchen etwas für die Jagd übrig hatte.
»Wer…«
»Also, du mußt mir jetzt genau erzählen, wie du Villasse' Ableben bewerkstelligt hast. Ich möchte mir die Einzelheiten auf der Zunge zergehen lassen.« Tantchen war schon ein sonderbares Publikum. Wo ich erwartete, daß sie die Stirn runzelte, lachte sie ihr eigentümliches Lachen, wo ich Entsetzen erwartete, zeigte sie großäugige Sorge, wo Interesse, da Mißbilligung. Jemand wie sie war mir noch nie begegnet. Sie schien keine Ahnung davon zu haben, was sich im Leben gehörte und was sich nicht gehörte. Und während sie redete und zuhörte, verspeiste sie ein erstaunliches Aufgebot an Speisen. »Du sammelst Steine?« fragte sie, als ich ihr von Monsieur Villasse' blutrünstigem Tod erzählte. »Welche Arten? Oh, wie interessant. Aber du hast keinen Magenstein. Ich besitze mehrere. Vermutlich sind sie zu kostspielig für die Sammlung eines Mädchens. Aber du scheinst mir viel von Naturwissenschaften zu verstehen. Ach was, du zeichnest Knochen? Das würde ich eines Tages gern einmal sehen. Dieser Villasse, der hat erhalten, was er verdient. Aber wenn du deinen Vater freibekommst, kannst du gewiß sein, daß es seine Familie nie wagen wird, ein Wort darüber zu verlieren. Und nun sag einmal, interessierst du dich für Sterne? Ich ziehe die Nacht dem Tag vor. Die Sterne leiten uns; die Sonne verdirbt lediglich den Teint. Zieh die Vorhänge auf, Sibille. Es ist jetzt dunkel genug, und ich möchte den Mond aufgehen sehen.«
»Er muß unseren Verwalter bestochen haben…«
»Ach, das soll vorkommen. Das kommt immer wieder vor. Hier, innerhalb der Stadtmauern, haben wir trotz der städtischen Wache auch unsere Entführungen. Villasse war schon immer ungestüm. Ein schlechter Charakterzug, findest du nicht auch? Da sieh mal, ist der Mond nicht prächtig? Hilf mir aus dem Stuhl, ich will zum Fenster und mich mit ihnen unterhalten. Mit wem? Mit den Sternen natürlich. Da, siehst du den Polarstern? Der ist mein Führer. Ein sicherer Hafen, sagte mein Seliger. Mögen sich die anderen bewegen, der da bleibt am Fleck. Sibille, ich habe dich nie vergessen, auch wenn sie das gern gesehen hätten. Manches ist richtig, manches falsch. Der Polarstern ist immer richtig. Villasse, mein Schatz, langweilt mich bereits. Er war böse. Nun wird er in der großen Gruft der Geheimnisse begraben, die unter dieser Stadt verborgen liegt. Es ist wirklich komisch, daß dich ausgerechnet ein Mord zu mir zurückgebracht hat. Eines Tages wirst du begreifen, warum.« Jählings durchzuckten mich Gewissensbisse. Sie bemerkte es und sagte: »Was ficht dich an, mein Schatz, habe ich etwas gesagt, was dich erschreckt hat? Leider habe ich mir im Verlauf der Jahre angewöhnt, die Menschen zu erschrecken.«
»Nein, das nicht, Tantchen. Mir liegt etwas auf der Seele. Ich habe ein Bündel, in dem ist etwas, das nicht mir gehört, und ich weiß nicht, wie ich den Besitzer finden soll. Er hat mir nämlich sehr geholfen. Aber wenn ich es wegwerfe, mache ich mich schuldig.«
»Laß mich Arnaud rufen«, sagte sie, nachdem sie sich meine Geschichte angehört hatte. »Die ganze Sache kommt mir ziemlich verdächtig vor. Nach dem, was du erzählst, ist dieser Mann wahrscheinlich ein abgebrühter Geselle, der seinen Sack ohne dessen Inhalt überprüft zu haben, in die Stadt schmuggeln wollte. Du bist ein dummes Gänschen, mein Schatz, und viel zu vertrauensselig im Umgang mit Fremden.« Sie läutete, und der holzbeinige Hausdiener kehrte mit einer weiteren Flasche Wein zurück, aus der er uns beiden erneut die Becher vollschenkte. »Arnaud, hol mir den Sack, der bei der Kiste meiner Patentochter war; ich will sehen, was darin ist. Es sollte mich doch sehr wundern, wenn es Salz ist.« Nochmals mußte ich meine Geschichte erzählen, während Arnaud aufmerksam lauschte. »Meiner Meinung nach wird er ihn sich holen«, sagte Pauline.
»Ganz meine Meinung«, pflichtete ihr der Diener bei. »Ich teile es dem Hausgesinde mit.« Arnaud stapfte davon und kam mit dem Sack zurück, damit Pauline ihn untersuchen konnte.
Doch als er ihn auf dem Tisch öffnete, fiel der Kerzenschein auf funkelndes Metall, und wir hielten einhellig den Atem an. Es handelte sich um einen schweren Lederkasten, der mit dem Wappen der Königin von Frankreich versiegelt war.
»Sibille, mein Schatz, das hier ist schlimmer, als ich befürchtete. Dein Fremder hat einen königlichen Kurier beraubt.«
»Ein königlicher Kurier stirbt lieber, als daß er sein Gepäck hergibt«, meinte Arnaud.
»Da hast du recht«, sagte Tantchen und wischte sich mit ihrer Serviette Reste von Fett aus dem Damenbart. »Die Frage ist nur, ob wir den Kasten vergraben oder morgen früh dem bailli schicken und behaupten, wir hätten ihn auf der Landstraße gefunden. Glücklicherweise sind die Siegel unversehrt, ich denke, wir können es mit dem bailli riskieren. Die Kunde wird sich verbreiten, also brauchen wir nicht zu befürchten, daß die Räuber auftauchen, um sich ihre Beute zu holen. Arnaud?«
»Wird gemacht, Madame.«
»Ausgezeichnet. Bring das Ding dahin zurück, wo du es gefunden hast. Und noch einen kleinen Schluck von dem Süßwein dort. Der ist gut zum Einschlafen.«
Stunden später, beschwipst vom Wein, folgte ich dem taktvollen Hausdiener mit dem Holzbein auf mein Zimmer. Der gestohlene Kasten, der Mord, den ich begangen hatte, die ganzen Ereignisse der vergangenen Stunden, setzten mir zu und machten mir angst, Gefühle, die sich in dem fremdartigen, nach Schimmel riechenden Haus verstärkten. Der Schein der Kerze, die Arnaud durch gewundene Flure und Räume vor mir hertrug, beleuchtete bizarre fremdländische Gegenstände, die zwischen Gobelins mit Heiligen und Nymphenstatuen aufgestellt waren. Da lehnten bemalte Lederschilde, Speere und Keulen von Wilden, lange Röhren mit Pfeilbündeln. Häßliche Masken grinsten von den Wänden herab. Als wir den hohen Raum betraten, in dem ich wohnen sollte, begann ich – eine Frau, die, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Arkebuse abgefeuert hatte – zu frösteln. Genau in diesem Augenblick fing auch Gargantua an zu knurren, dann bellte er und hechelte durchs Zimmer, ich vernahm einen eigenartigen Schrei, und schon sprang mir etwas Pelziges, Übelriechendes und Klauenbewehrtes auf den Rücken und verfing sich in meinen Locken. Ich kreischte und versuchte, das haarige Ding abzuwehren. Es verschwand im Dunkel, und ich hörte es trippeln und klettern, während der Hund das Himmelbett anbellte, als hätte er eine Katze auf den Baum gejagt. Von der Decke her kam ein seltsames Geschnatter, und im Kerzenschein sah ich, daß der Betthimmel schaukelte und wippte, als spränge jemand darauf herum.
»Was ist das für ein gräßliches Ding?« rief ich, am ganzen Leib zitternd.
»Ach, Señor Alonzo, da bist du ja«, sagte der Hausdiener, der jetzt zum ersten Mal den Mund aufmachte. »Du fehlst Madame. Komm runter, komm runter.« Er stellte die Kerze hin, machte tssst, tssst, griff in seine Tasche und holte etwas heraus, was mir nach einem Stück Kuchen aussah. Es raschelte, dann sprang das Ding vom Betthimmel auf des Dieners Schulter, braun und haarig, langgeschwänzt und mit einer bestickten Samtjacke. Während es sich den Kuchen ins Maul stopfte, blickten mich schwarze Knopfaugen aus einem Gesicht an, das unbeschreiblich alt und trostlos aussah.
»Ein Affe«, sagte ich und faßte mich wieder. »Was hat ein Affe hier zu suchen?«
»Das hier ist nicht irgendein Affe. Das ist Señor Alonzo, mein zweiter Vorgesetzter«, sagte der Diener. »Wir beide, er und ich, sind zusammen zur See gefahren.« Bei diesen Worten zog der Affe auf seiner Schulter eine Grimasse und entblößte dabei spitze kleine Eckzähne. »Wir halten alles für Madame in Schuß, was, Alonzo?« Gargantua schnüffelte und jaulte auf dem Fußboden mitten in einem Berg von Unterröcken.
»Oh, meine Sachen! Alles ruiniert!« rief ich und beeilte mich, sie aufzuheben. Was für eine Katastrophe. Überall lagen Unterröcke und zerknüllte Manuskriptseiten herum, eine Flasche Parfüm war ausgelaufen, das ganze Gepäck zertrampelt.
»Tut mir leid, Mademoiselle. Der Señor muß den Hund gewittert haben. Und er ist böse auf Euch, weil Ihr hierbleibt und Madame Gesellschaft leistet. Ich bringe das alles für Euch in Ordnung. Ei, ist das ein schöner Kasten, den Ihr da mitgebracht habt. Was für ein seltsames Muster.« Als er die versilberte Schatulle aufhob und sie auf eine Kommode stellte, fing der Affe an zu plappern und sprang auf einen großen Schrank mit reichen Schnitzereien.
»Der gehört mir nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen… Nein.« Auf dem Fußboden lag der aufgerissene Lederkasten. In seiner Zerstörungsorgie hatte der Affe die Siegel erbrochen und die Verschlüsse geöffnet. »Eine Schatulle«, sagte ich. »Das war also in der Depeschentasche.«
»Na schön«, sagte der Diener mit dem Holzbein. »Das spricht gegen unseren Plan, ihn dem bailli zu übergeben. Man würde uns dort zu viele Fragen stellen, auf die Ihr keine Antwort wißt. Ich werde mich mit Madame beraten. Am besten stecken wir die Schatulle wieder in die Ledertasche, werfen sie morgen früh vor dem Stadttor fort und lassen das Schicksal entscheiden. Oder, besser noch, wir versenken sie in einem Brunnen.« Ich krümmte mich innerlich bei dem Gedanken an die Arglosigkeit, mit der ich auch noch meine Patin in solch gefährliche Lage gebracht hatte. Je eher wir das Ding loswurden, desto besser.
In dieser Nacht fand ich kaum Schlaf. Schreckliche Träume hielten mich wach. Wieder sah ich die bösartige, aufgebrachte Menge und hörte ihren unheildrohenden Gesang, nur daß jetzt Vater im Unterhemd das Holzbündel trug. Doch als ich das Schafott erblickte, sah ich nicht ihn dort, sondern eine andere Hinrichtung, jemanden, der enthauptet werden sollte. »Ach«, sagte ein Vorbeigehender, »eine Frau, die ihren Verlobten umgebracht hat. Furchtbar. Widernatürlich.« Vom Richtblock tropfte Blut… Und wieder und wieder schien eine leise Stimme listig zu sagen: »Ich kann dir alles geben, was du dir wünschst. Mach mich einfach auf, sprich die Worte, die über dem Schloß eingraviert sind, und deine schönsten Träume werden wahr.« Wer mochte das sagen? Ich wachte auf und starrte ins Dunkel, hörte aber nur Gargantua atmen. Doch dann wurde mir bewußt, daß da noch jemand anders atmete. Sehr, sehr leise, es war fast nur ein Hauch. Dieser gräßliche Affe, dachte ich, er hat sich zurückgeschlichen. Aber nein, die Tür war zu. Dann war ein leiser Laut zu vernehmen, ja, ein Flüstern, von oben auf der Kommode. Es ist doch der Affe, redete ich mir ein, und er hat Angst herunterzukommen, weil Gargantua hier ist. Ich zog mir die Bettdecke über die Ohren, drehte mich um und versuchte wieder einzuschlafen.
Endlich, als das silbrige Licht in mein Zimmer drang, das unter dem rosigen Vorhang der Morgenröte hervorlugt (oh, Sibille, das ist sehr gut, das mußt du dir für dein nächstes Gedicht merken), zog ich mir die Bettdecke vom Gesicht und sah, daß der Affe nicht da war. Feder und Papier, dachte ich, ich muß das mit dem Vorhang der Morgenröte aufschreiben, ehe ich es über den Sorgen des Tages vergesse. Die Poesie, einst meine ganze Wonne, sei mir jetzt Trost. Barfuß und im Nachtgewand begann ich, in dem seltsamen Schlafzimmer herumzutapsen.
Und da hörte ich das Geflüster, diesmal jedoch noch dringlicher als zuvor: »Du eingebildetes Weibsbild, bist du denn gar nicht neugierig? Mach die Schatulle auf, denn in ihr findest du ein Geheimnis, das dich zur größten Dichterin aller Zeiten macht.«
Ohne nachzudenken entgegnete ich: »Wozu sollte das gut sein? Es gibt ohnedies kaum Frauen, die sich den Musen wahrhaft hingeben.« Beim Klang meiner Stimme wachte Gargantua auf.
»Na, dann eben Dichter. Größter aller Schriftsteller, gottgleich verehrt, auf der ganzen Welt von Liebenden zitiert.« Das Geflüster klang jetzt gehetzt. Ja, ganz eindeutig. Es kam oben von der Kommode. Ich erstarrte. In der Schatulle war etwas, etwas Gräßliches. Und es flüsterte mir meine innigsten Träume zu. Ich erschauerte. Und war zugleich gedemütigt, weil diese vulgäre, schmeichlerische Flüsterstimme meine Geheimnisse ausplauderte. Also beschloß ich, diesen Kasten niemals aufzumachen. Je eher er auf dem Grund irgendeines Brunnens landete, desto besser.
»Deine Träume auf dem Grund eines Brunnens? Wie könntest du dergleichen tun?« Gargantua knurrte, als könnte er es auch hören.
Wenn etwas völlig Unlogisches geschieht, begegnet man ihm am besten mit Logik. Statt also wie eine Irre durch die Flure eines fremden Hauses zu rennen, redete ich lieber mit dem, was sich auf der Kommode befand: »Ich habe auf den Fremden gehört, und das hat mir nichts als Ärger eingetragen. Auf dich höre ich nicht. Wer du auch immer bist, ob Geist oder Dämon, ich habe genug von Versuchern. Die Zeit ist reif, daß du in die Feuergrube zurückkehrst. Ich hätte nicht übel Lust, dich exorzieren zu lassen.« Aus dem Kasten kam ein gespenstisches Wehgeschrei. Ganz klar ein Dämon, sonst hätte ihn die Drohung mit dem Weihwasser nicht so betrübt. Fast konnte er einem leid tun.
»Oh, das ist das Ende. Ich bin doch nur ein armes, erbärmliches Ding und hier drinnen eingesperrt. Ich könnte dein Herzensschatz sein, sanft und liebreich…«
»Lügner« entgegnete ich. Mein Gott, war das Ding schlau, es paßte sich jeder flüchtigen Laune an. So, sagt man, geht der Teufel vor.
»O nein, gar nicht schlau. Ein bekümmertes, elendes kleines Ding, das sich nach einer reinen Jungfrau sehnt, die es erlöst und durch einen Kuß in einen schönen Prinzen verwandelt…« Bei der Vorstellung, ich wäre eine liebeskranke, schwachsinnige Träumerin, wurde ich wütend.
»Es reicht!« schrie ich, stellte mich auf die Zehenspitzen, holte die Schatulle von der Kommode und stopfte sie in die lederne Depeschentasche.
Als ich sie zuschließen wollte, flüsterte die Stimme ein letztes Mal: »Bist du denn gar nicht neugierig, wer ich bin, wenn mich die Königin von Frankreich so unbedingt haben will?« Dann schwieg sie.
Vielleicht habe ich es umgebracht, weil ich so damit herumgepoltert habe, dachte ich. Es ist so schrecklich still. Was es wohl sein mag. Falls es tot ist, kann es mir nichts mehr tun. Es kann nicht so schädlich sein, wenn es die Königin höchstpersönlich haben will. Ich meine, wahrscheinlich ist es in einer Flasche oder so. Ich habe kein Glas bersten hören, also ist es nicht frei. Ein kleines Zauberding in einer Flasche. Ein Kobold oder eine Fee. Einmal kurz hineinschauen kann nicht schaden. Vor allem jetzt, wo es tot oder bewußtlos ist. Ich kann die Schatulle schnell wieder zuklappen, das ist, als hätte ich nie hineingeschaut. So viele Gedanken, aber kein Geflüster. Nur Schweigen. Gespenstisches Schweigen. Ganz klar, das Ding war zumindest bewußtlos. Ich zog die reichverzierte, versilberte Schatulle aus der Tasche. Kein Laut, nicht einmal ein Atmen. Falls ich es umgebracht habe, muß ich es wissen, dachte ich. Nur ein einziger Blick, mehr nicht. Als ich die Schatulle heraushob, jaulte Gargantua, dann verschwand er unter dem Bett.
Auf der Schatulle waren merkwürdige Buchstaben eingraviert, die ich nicht lesen konnte, weil ich dergleichen mein Lebtag nicht gesehen hatte. Auch die Zeichnung war recht sonderbar. Da war ein Ding in einem Streitwagen, das hatte gewundene Beine und einen Hahnenkopf. Über dem Schloß war ein Schild mit unsinnigen Wörtern in lateinischen Buchstaben angebracht. Ich schüttelte die Schatulle. Nichts klapperte. Ich schnupperte daran, roch aber nichts Ungewöhnliches. Ich stellte sie auf den Nachttisch und öffnete das Schloß, um einen winzigen Blick zu riskieren.
Auf einmal war da ein Getöse, das rosige Licht der Morgendämmerung wurde jählings zu Mitternacht, der Deckel flog auf, und ein kräftiger Wind zerrte an meinem Nachtgewand und ließ die Bettlaken durchs Zimmer flattern. Als das Licht zurückkehrte, erblickte ich etwas unsäglich Altes und Böses, das auf einem modrigen, hellroten Seidenkissen in der Schatulle thronte. Es war ein mumifizierter Kopf, verschrumpelt, dunkelbraun und mit pergamentener Haut.
»Lieber Gott!« schrie ich laut und bekreuzigte mich.
»Zu spät«, hörte ich die einschmeichelnde Stimme säuseln. Die vertrockneten, spröden Lippen bewegten sich dabei kaum. »Du hast einen Blick hineingeworfen. Jetzt gehöre ich dir.« Ein faltiges Lid hob sich, und ein Auge blickte mich lebendig an. Das abartige Ding zwinkerte, und seine Pergamentlippen schienen sich zu einem hämischen Lächeln zu verziehen. Mit einem Schrei knallte ich den Deckel zu.
Darauf entstand ein furchtbares Getümmel, denn Gargantua tauchte auf und bellte, Diener kamen herbeigestürmt, und zuletzt ächzte Tantchen im Morgenmantel und mit Rüschenhaube, auf ihren Spazierstock gestützt, ins Zimmer.
»Was ist denn hier los? Was hat der Tumult zu bedeuten? Hat dein Hund eine Ratte gefangen? Sibille, du bist mir doch wohl keine Zimperliese.«
»Tantchen, Tantchen, in dem Kasten ist ein gräßlicher, vertrockneter Männerkopf.«
»Hm«, sagte sie, »dann können wir ihn wohl doch nicht in einen Brunnen werfen. Er könnte ihn vergiften. Laß sehen. Ein Kopf per Kurier. Das könnte sehr wohl der Kopf eines vornehmen Menschen sein, den man hingerichtet hat…«
»Und nach dem wird jetzt gewiß schon gesucht. Vielleicht von verschiedenen Interessengruppen. Derlei Sachen haben Gefühlswert«, sagte Arnaud, der Kammerdiener.
»Dann vergraben wir ihn im Keller und werfen die Schatulle in den Brunnen«, verkündete Tantchen. Bei diesen Worten drang ein gespenstischer Aufschrei aus dem Kasten.
»Tantchen, er ist… Er ist lebendig. Er redet gräßliche, gräßliche Sachen…«, sagte ich, und bei dem Gedanken an das lebende, hämische Auge wollte mir schier der Atem stocken. Das Ding im Kasten gab so furchtbare Laute von sich, daß sich selbst Arnaud bekreuzigte.
»Sei still, du, ich denke nach«, sagte Tantchen und versetzte dem Kasten ein paar tüchtige Hiebe mit dem Spazierstock. Und dabei war sie so in ihre Gedanken vertieft, daß sie gar nicht merkte, wie sie den Deckel der kostbaren Metallschatulle eingebeult und zerkratzt hatte.
»Wehe, du beschädigst meinen Kasten«, schrie das Ding darin. Und vor meinen Augen beulte sich die Delle wieder aus, die Kratzer verblaßten allmählich, und dann war die Schatulle heil wie zuvor. Tantchen schien das nicht wahrzunehmen.
»Ein sprechender Kasten«, sagte sie. »Derlei ist Geld wert. Zweifellos sollte er als Kuriosität an den Hof geschickt werden. Kein Wunder, daß man ihn gestohlen hat. Sag an, du da drinnen, taugst du zu mehr als nur zum Schwatzen?« Darauf breitete sich Schweigen aus. Ich hatte eindeutig den Eindruck, daß das Ding im Kasten schmollte. »Heda, wach auf!« Tantchen hieb noch einige Male auf den Kasten ein. Es folgte ein leises, unheimliches Gejaule.
Endlich sprach eine schwache, erboste Stimme. »In den ganzen siebzehn Jahrhunderten nach meiner Enthauptung ist mir noch kein so widernatürliches Frauenzimmer begegnet. Weib, du bist der Gipfel der Abscheulichkeit.«
»Das möchte ich auch hoffen«, sagte Tantchen. »Ich habe einiges dazugelernt, seit dem Tag, da ich meinen Seligen seines Geldes wegen geheiratet habe. Und dazu gehört auch, daß ich mir von spirituellen Phänomenen mit schlechten Manieren nichts gefallen lasse. Sag an… Taugst du nun zu etwas? Sonst ab mit dir in den Keller. Ganz nach unten. Und laß dir ja nicht einfallen, dieses Haus zu verfluchen. Es ist bereits bis ans Dach voll wandelnder Gespenster und verfluchter Gegenstände. Die sind meinem Mann wegen seiner Arbeit nach Hause gefolgt. Das heißt, für dich ist kaum noch Platz.«
»Sprich die Worte über dem Schloß nach und blick mir ins Gesicht, dann erfülle ich dir deinen größten Herzenswunsch«, kam es herausgeweht. Doch es klang etwas matt.
»Wenn das keine Torheit ist. Die meisten Menschen denken darüber viel zu wenig nach und wären entsetzt, wenn sie das, was sie für ihren Herzenswunsch halten, erfüllt bekämen.«
»Genau das ist meine Methode«, sagte die Stimme auf einmal fröhlich. »Warum bist du der erste Mensch, der das erkennt, ehe er versucht ist, sich in meine Gewalt zu begeben?«
»Ganz einfach«, erklärte Tantchen. »Ich wollte vor allem anderen Geld haben. Und schon taucht Monsieur Tournet auf und wirft auf Schritt und Tritt mit Geld nur so um sich. Nicht der Herzenswunsch macht den Ärger, sondern die Begleitumstände.«
»Ah, sehr gut. Könnte fast von mir stammen.« Bei soviel hämischer Freude verstummte Tante Pauline einen Augenblick.
»Du bist weiß Gott ein boshaftes kleines Ding«, sagte sie. »Sibille, es wird Zeit, daß wir dieses Geschöpf loswerden. Zwar möchte gewiß die halbe Menschheit seiner habhaft werden, aber mir kommt es aus dem Haus. Ich habe einfach keinen Platz für eine weitere Kuriosität.«
»Zu spät«, freute sich das Ding im Kasten hämisch. »Die junge Frau, die sich einbildet, eine Dichterin zu sein, hat bereits in mein Antlitz geblickt. Da mein letzter Besitzer ermordet wurde, gehöre ich ihr, bis sie stirbt oder sich durch ihre ständigen Wünsche selbst zur ewigen Verdammnis verurteilt. Sie wird von mir angezogen wie von einem Liebhaber und wird sich jedes Mal, wenn sie mein Gesicht sieht, mehr hassen. O ja, ich schenke den Menschen genau das, was sie haben wollen, und dann müssen sie nachbessern und nachbessern, und geraten immer tiefer und tiefer hinein.«
»Nicht meine Patentochter, die belästigst du nicht auf diese Weise. Arnaud, bring das da fort und wirf es in den Fluß. Die Depeschentasche verbrennen wir. Sibille, hör auf zu schniefen und zieh dich an. Du hast heute zu tun, auch wenn dein Vater deine Ergebenheit nicht verdient. Mein innig geliebter Bruder, ha! Der hat seit Jahren nicht mehr mit mir geredet, außer um mich um Geld anzubetteln.«
Ich sah zu, wie Arnaud mit dem Kasten hinausging, und da hörte ich die Stimme: »Nicht in den Fluß, oh, bedenke, was ich gelitten habe. Ausgerechnet du, der ohne Bein lebt, du solltest einen Mann verstehen, der ohne Körper leben muß. Ich könnte dir deinen Herzenswunsch erfüllen – hättest du nicht gern wieder ein schönes, starkes Bein?«
»Du alter Quacksalber, warum gibst du dir dann deinen Körper nicht wieder?« Doch der Rest der Unterhaltung verwehte auf dem Flur. Ich sah Tantchen an, und meine Brauen hoben sich zu einer unausgesprochenen Frage.
»Oh, mach dir keine Sorgen. Der kommt nicht in Versuchung. Arnaud kennt sich mit dem Bösen recht gut aus. Und damit kein Zweifel besteht, der Kasten da ist das leibhaftige Böse.«
»Aber… Aber er hört sich ziemlich mitleiderregend an. Ich meine, er weiß, daß er häßlich ist.«
»Sibille, fall nicht darauf herein. Bösewichter hören sich immer mitleiderregend an, wenn man mit ihnen in Berührung kommt. Sie haben mehr Ausreden als der Hund Flöhe. Die ganze Welt ist schuld, nur nicht sie. Ha, zeige mir einen rechtschaffenen Mann, der behauptet, ihm sei übel mitgespielt worden, er revanchiere sich lediglich, und ich zeig dir einen wahren Schurken. Ich bin überzeugt, selbst wenn man ein so ruchloses Geschöpf wie Nero zu seinen Verbrechen befragte, würde man feststellen, daß auch er behauptet, er verdiene Mitleid.«
Selbst an besonders guten Tagen würde ich das für einen schwierigen Gedanken halten, und dieses war kein besonders guter Tag. Ich war jedoch mit den Nerven völlig am Ende und fragte nur höflich: »Tantchen, woher weißt du so viel über derlei Dinge?« In Wirklichkeit dachte ich, wie kaltblütig und furchtlos sie dem gegenübergetreten war, was mir einen nie gekannten Schrecken eingejagt hatte. Ich meine, da stand sie im Morgenmantel mit ihrem Spazierstock und hieb – noch vor dem Frühstück – auf diabolische Gegenstände ein.
»Über das Böse?« erwiderte sie. »Sibille, mein Schatz, vielleicht erzähle ich dir eines schönen Tages, wie Monsieur Tournet zu seinem Geld gekommen ist…«