Kapitel 19
Der heiße südliche Nachmittag hatte Nostradamus an einem schattigen Fleckchen seines Gartens Zuflucht suchen lassen, auf einer Bank unter einem Baum, wo er auf seinem Lieblingskissen saß und einen Brief las. Über ihm raschelten sacht die grünen Blätter, und um ihn herum war ein Flattern und Tschilpen. Ganz in seiner Nähe schmeichelte das Plätschern eines kleinen Springbrunnens seinem Ohr, und über allem konnte man den Lärm spielender Kinder hören. Rosen in voller Blüte wölkten ihren lieblichen Duft in die warme Luft, und nur sein Pflichtgefühl hielt den alten Doktor davon ab, ein Nickerchen zu machen, zu dem der Nachmittag geradezu einlud.
Der Brief war von seinem alten Lehrer, dem brillanten uralten Gauricus, der auf seine Bitte hin die römischen Archive durchforstet und ein Buch mit längst vergessenen Geheimnissen gefunden hatte, nämlich den Originalvertrag zwischen Menander dem Unvergänglichen und seinem Meister Luzifer, dem Fürsten der Hölle.
»Hmm«, sagte Nostradamus und las den Brief zum zehnten Male, »da muß es doch etwas geben… Laßt sehen, ewiges Leben und Macht über irdisches Glück zu den folgenden Bedingungen…«
»Papa, was machst du mit dem Papier da? Liest du eine Geschichte?« Der kleine César, ein frühreifer Lockenkopf, mit runden Augen, blickte fragend zu ihm hoch. Er war noch ein Kleinkind im langen Röckchen und ritt auf einem Steckenpferd mit bemaltem Kopf.
»Was ich mache? Ich rette Frankreich, mein kleiner César«, sagte der alte Mann.
»Bloß mit Papier?«
»Mit Papier und Weisheit, mein Junge«, antwortete Nostradamus. »Eines Tages wirst du begreifen, wieviel Kummer man sich mit der richtigen Anwendung dieser beiden Zutaten ersparen kann.«
»Dann habe ich ein Schwert – Galopp, Galopp!« rief der kleine Junge, ritt auf seinem Holzpferdchen davon und gesellte sich zu seinen älteren Vettern.
»Und du wirst in einer besseren Welt leben, wenn Menander vernichtet ist«, sagte Nostradamus, dem kleinen Jungen nachblickend.
Als er sich wieder seiner Lektüre widmete, dachte er, kein Wunder, daß Menander so ist, wie er ist. Geht einfach hin und unterschreibt diesen zwielichtigen Vertrag, und dabei ist sein Schicksal glasklar formuliert, klarer geht es gar nicht. Man hat ihn hinters Licht geführt; sein Blick war getrübt, als er sich einbildete, er bekäme mehr als da buchstäblich geschrieben steht. Kein Wunder, daß er nun allen anderen das gleiche antun will. Laß sehen: »Mit dem Tod des Körpers – des Körpers, aha – endet die Fähigkeit, eigene Wünsche zu haben.« Was für ein schmutziger Trick. Und laut Paragraph 3B muß er erfüllen, was auch immer gewünscht wird, es sei denn, es ist logischerweise unmöglich. Wie interessant, sogar die Hölle hat ihre Grenzen… Also noch einmal das Horoskop.
Nostradamus entfaltete den Entwurf von Sibilles Horoskop, auf dem er soviel herumgekritzelt hatte, um es mit dem wahren Geburtsdatum, das Pauline Tournet ihm anvertraut hatte, in Einklang zu bringen. Und das war nun wirklich ein Geburtstag! Unter den gegebenen Umständen der glücklichste überhaupt. Und daraus ergab sich ein ganz anderer Charakter als der der zerbrechlichen, launischen Lilie des späteren Datums. Dieses Geschöpf, Steinbock im Übergang zum Schützen, war unerschrocken, einfallsreich und leidenschaftlich. Eindeutig ein besserer Charakter, dachte er. Das kommt nicht nur durch das Datum. Zählen wir die Monate – sieben, acht, neun – und jetzt nehmen wir einmal an, da sie die Älteste ist, haben sie ihren Geburtstag als neun Monate nach der Eheschließung der Eltern angegeben, und um zu diesem Datum zu kommen, rechnen wir noch einmal… Ja, das ist es. Die junge Frau wurde drei Monate früher gezeugt. Wer war der Vater? Falls es nicht der Mann ist, der sie aufgezogen hat, haben wir hier einen Ansatzpunkt zu…
An diesem Abend saß Nostradamus trotz der Hitze in seiner Zauberertracht in der kleinen Dachkammer, seinem abgeschiedenen Studierzimmer, vor der Zauberschüssel und rief Anael herbei.
»Michel, bist du nicht ganz bei Trost? Du solltest im Bett liegen. In diesem kleinen Zimmer ist es heißer als an den Pforten der Hölle.«
»Anael, bewahrst du in deinem Schrank nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit auf?«
»Natürlich. Die Vergangenheit ist doch nichts als übriggebliebene Zukunft. Ich habe das alles irgendwo…«
»Kannst du mir eine Szene aus der Vergangenheit zeigen?«
»Ich habe mich schon gefragt, wann du darauf kommen würdest. Zukunft, Zukunft, Zukunft, das ist es, was alle wissen wollen. Wahre Kenner ziehen die Vergangenheit vor, ihr Geschmack ist viel eleganter und kultivierter. Hättest du gern die Krönung Karls des Großen gesehen? Die habe ich gleich hier oben.«
»Ich hatte eigentlich an etwas anderes gedacht. Du weißt, was ich haben will?«
»Michel, du bist ein alter Mann und hast eine schmutzige Phantasie.«
»Bitte, es handelt sich um wissenschaftliche Forschung.«
»Alles der guten Sache zuliebe, um Menander loszuwerden, was? Michel, du erstaunst mich. Aber ich glaube, ich habe da etwas…« Ein Teil von Anaels Oberkörper verschwand, und dann waren Geklapper, Geknister und Geklirr zu hören, während alle möglichen Dinge im Schrank hin und her gerückt wurden. Wenn der Engel herumkramte, erzeugte er immer so einen eigenartigen Lärm, daß der Doktor neugierig wurde, in welcher Form vergangene und zukünftige Geschichte dort wohl gelagert war. Bücher waren es gewiß nicht.
»Rühr in deiner Schüssel, Michel. Ich kann die eigentliche Sache nicht finden, aber das hier tut es auch.«
Nostradamus rührte das Wasser mit seinem Zauberstab um, und als sich die Oberfläche wieder glättete, sah er eine seltsame Szene. Es war dunkel, und Männer mit Fackeln beugten sich über einen Toten auf der Straße. Er lag ausgestreckt am Fuße einer Leiter, und rings um ihn breiteten sich auf dem Pflaster Blutlachen aus, die im Fackelschein schwarz aussahen. Hinter den Fackeln schluchzte aufgelöst ein Junge. Nein, kein Junge… Das lange Haar war aufgegangen und fiel unter einer tief in die Stirn gezogenen Mütze hervor. Ein als Junge verkleidetes Mädchen. Ein Fluchtversuch war schiefgegangen. Ein grauhaariger Mann, der neben der Leiche stand, steckte sein Schwert in die Scheide, trat rasch auf das Mädchen zu, packte es bei den langen Haaren und hielt ihr Gesicht über das des Toten. Das Gesicht des alten Mannes war verzerrt, sein verkniffener Mund formte unverständliche Worte. Doch lag die Szene zu weit zurück, als daß man hören konnte, was er sagte.
»Wie alt ist der Jüngling?« fragte Nostradamus.
»Gerade mal achtzehn«, antwortete Anael.
»Er kommt mir bekannt vor… Die Nase, ja – das ist es. Aber sie ist älter. Ich könnte schwören, er ist das Abbild von Sibille, der gräßlichen Dichterin.«
»Wenn du doch nur nicht so hart mit ihr ins Gericht gingest, Michel. Ich habe sie recht gern. Und wie ich dir gesagt habe, sie wird dir zum Trotz in die Geschichte eingehen. Sie ist nämlich begabt, weiß das nur nicht richtig anzuwenden. Und sie ist so mitfühlend. Du bist nichts als ein neidischer alter Mann.«
»Das ist ihr Vater, nicht wahr? Ist das Mädchen unten an der Leiter schwanger?«
»Im dritten Monat, du engstirniger alter Kerl.«
»Mit Verlaub, ich bin Arzt.«
»Und dennoch ein engstirniger alter Kerl. Was hast du jetzt vor?«
»Ich habe herausgefunden, wie man Menanders bösen Taten ein für allemal ein Ende setzen kann«, triumphierte Nostradamus.
»Und wie?« fragte der Engel der Geschichte.
»Es gibt keine Möglichkeit, ihn zu töten, aber ich werde ihn so beschäftigen, daß er nie wieder etwas anzustellen vermag. Was auch immer ihm aufgetragen wird, muß er erfüllen. Wünscht sich jemand etwas in sich Widersprüchliches, etwas Unmögliches, muß er schrecklich lange nachdenken, arbeiten und arbeiten und kommt doch nie zu einem Ende. Ich werde also an Sibilles Tante schreiben, daß Sibille Menander um einen Gefallen für ihren Vater bitten soll, den Sieur de la Roque, dann ist Menanders Hirn für alle Zeiten ein Knäuel, weil ihr Vater nicht ihr Vater ist. Und was den Verlust ihrer Seele angeht, so muß sie sich keinerlei Sorge machen, auch wenn sie sich den Mond wünschen würde. Siehst du da ihren wahren Geburtstag? Die Tante war so darauf bedacht, ihn zu verheimlichen, daß ihr die Bedeutung noch nicht klargeworden ist. Mitternacht am Heiligabend. Haargenau zwischen dem vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Dezember. Satan höchstpersönlich könnte keinen Handel mit jemandem abschließen, der zu dieser heiligen Zeit geboren wurde. Hätte Menander nur so viel Glück gehabt.«
»Endlich hast du es begriffen. Es ist zwar nicht der klügste Wunsch, aber er tut es gewiß.«
»Du hast es gewußt? Du hast es gewußt und es mir nie gesagt?«
»Ich bin lediglich verpflichtet, die Geschichte aufzubewahren, nicht sie zu verändern«, sagte Anael von oben herab.
»Es ist spät geworden. Ich schreibe noch das Horoskop ab, an die Tante wende ich mich morgen.« Der Prophet konnte sein Gähnen nur mit Mühe unterdrücken.
Als der Bolzen der Armbrust den Rand der Zielscheibe traf, klatschten die Hofdamen, die sich hinter der Schützin scharten, mit behandschuhten Händen Beifall. Dann nahm ein Lakai der Mädchenkönigin der Schotten die Armbrust aus der Hand, ein anderer zog einen zweiten Bogen auf, lud ihn und legte ihn auf den langen, schmalen Tisch vor ihr.
»Das macht die Entfernung«, sagte Königin Katharina, »außerdem weht eine Brise. Hineinzielen, meine Liebe.« Die dahinziehenden weißen Wolken verdeckten die Sonne, und der Schießstand draußen vor dem Louvre lag einen Augenblick im Schatten. Man hatte den Stand in den Schranken des Turnierplatzes aufgebaut, der für den alten König Karl einst als Garten am Ufer der Seine angelegt worden war. Einige Frauen und Diener sahen von Baikonen und Fenstern aus zu, nur wenige Edelmänner von Rang – zu alt oder zu krank für den Krieg – warteten den Königinnen auf. Die Herzogin von Valentinois, die etwas entfernt unter einem Sonnensegel saß, fröstelte und zog sich ein leichtes Tuch über das weiße Dekollete. Sie beteiligte sich nie am Sport im Freien, aber es durfte nicht sein, daß sie bei einem gesellschaftlichen Ereignis nicht anwesend war. Sie mußte ihre Geschöpfe, zu denen sie auch die beiden Königinnen vor sich zählte, auf ihren Platz verweisen.
Als die Sonne wieder hervorkam, griff das ranke rothaarige Mädchen zur Armbrust und sagte mit einem hochmütigen Blick auf die plumpe kleine Königin von Frankreich: »Dieses Mal mache ich es besser.« Sie hatte sich die Mütze mit der Feder keck in die Stirn gezogen, ihre gesteppten, gestickten Satinärmel schimmerten im Sonnenschein, ihr hübsches Gesicht war angespannt, so sehr sammelte sie sich, doch als sie das weit entfernte Ziel anvisierte, glich sie ganz und gar einem Märchenwesen. Hinter den hohen Mauern rauschte der grüne Fluß; ein klammer Geruch wehte von ihm herüber. Die Herzogin von Valentinois nickte im Gespräch mit der Gouvernante der Königin von Schottland, einer der Damen, die sich unter dem Sonnensegel um sie geschart hatten. Sie hatte die Gouvernante selbst ausgesucht, ebenso wie die gesamte Dienerschaft der Kinder. Sie sorgte in der Öffentlichkeit so gut für die königlichen Kinder, daß sogar der König die Herzogin allmählich für eine Art offizielle Mutter für sie hielt. »Unsere kleine Königin schlägt sich gut für ihr zartes Alter«, sagte die Herzogin in vertraulichem Ton, so als wäre sie und nicht die Florentinerin die Mutter und die Königin.
»O ja, wirklich«, bestätigte König Heinrichs Gemahlin, die die spitze Bemerkung durchaus mitbekommen hatte. Katharina von Medicis Ton war berechnend honigsüß, und der darin enthaltene Stachel war kaum zu überhören, so daß einigen der älteren Zuschauer jäh einfiel, wie sie als vierzehnjährige Braut, die soeben auf der Galeere des Papstes eingetroffen war, den großen König Franz I. in einem ähnlichen Wettstreit geschlagen hatte. König Franz hatte schallend gelacht und gefragt, welche anderen Tricks sie noch beherrsche. Doch das war in der guten alten Zeit, am alten Hof; damals, als das Lachen irgendwie gelöster und weniger boshaft geklungen hatte.
Der Mechanismus knackte, und es zischte, als der Bolzen von der Armbrust der Fünfzehnjährigen davonschoß und sich in den mittleren Ring der Zielscheibe bohrte.
»Viel, viel besser«, lobte Katharina die Schützin. »Laßt mich auch einmal versuchen.« Sie stellte sich zu dem Mädchen hinter dem Tisch, während Lakaien herbeieilten und einen neuen Satz Armbrüste luden. Ein kunstvoll geschlitztes, besticktes Kleid mit zahlreichen Unterröcken, eine schmal gefältelte Halskrause und Reihen von künstlichen Locken, auf denen ein kleiner, überladener Seidenhut mit Schmuck und Federn saß, vermochten die pummelige Figur der Königin nicht zu verbergen. Als die gedrungene, kleine Frau mit geübter Hand die Armbrust ergriff, unterdrückte einer der jüngsten Diener der Herzogin ein Lächeln. Wie konnte die Italienerin nur den stummen Anflug eines spöttischen Lächelns in ihrem Rücken ahnen? Doch so war es, es war für sie genauso spürbar wie die Windrichtung auf ihren Wangen und die Stärke und Spannung der Armbrust, die sie begutachtete, während sie einen Augenblick innehielt. Sie kniff ein schlaues, dunkles Auge zusammen, dann hörte man ein Klicken, und der Bolzen landete genau in der Mitte der Zielscheibe. Ringsum bewunderndes Lachen und Beifall von den wenigen loyalen Damen ihrer »fliegenden Schwadron«, während unter dem Sonnensegel Schweigen herrschte.
Als die Lakaien Tische für eine Stärkung aufstellten, bemerkte die Herzogin zu einer ihrer Damen: »Aber natürlich hat mich der König als erste zu Rate gezogen… In Kriegszeiten kann man bei Anstellungen gar nicht vorsichtig genug sein. Und natürlich hat er gebeten, daß ich zu ihm in sein Hauptquartier nach Compiègne komme.«
Die Königin kniff den Mund fest zusammen. War das ein Spiel der Sonne auf ihrem Gesicht, oder funkelten ihre Augen vor heimlichem Zorn über die taktlose Art, wie die Stimme der ach so teuren Herzogin zu ihr herüberdrang? Gelassen wandte sich Katharina an Madame Gondi, die in ihrem Kleid aus dunkelgrüner Seide finster und ernst wirkte. »Oh, so viele neue Gesichter und so viele Verwandte der Herzogin. Es ist, glaube ich, an der Zeit für ein kleines – künstlerisches Zwischenspiel. Holt Demoiselle de la Roque und sagt ihr, sie möge ihren Freund mitbringen. Ich will mit ihr über… Poesie sprechen.«
Wir hatten Mitte August und damit die Hundstage, an denen durch die geöffneten Fenster statt einer frischen Brise nur der Gestank der Straße ins Zimmer dringt, als mich die Königin wieder einmal holen ließ. Auf der engen Straße gab es Bewegung und Aufruhr, als sechs bewaffnete Reiter in der Livree der Königin über das Pflaster klapperten und vor unserer Tür anhielten.
»Aha«, sagte Tantchen, die den Tumult durchs geöffnete Fenster gehört hatte, »du schaffst es, glaube ich, doch noch, der Hitze zu entfliehen. Habe ich dir nicht gesagt, daß es so kommen würde? La Reine des Épées hat letzten Abend quer zu den ausgebreiteten Karten gelegen.« Wir hörten, wie die unbekannten Männer durch die Tür zu ebener Erde eingelassen wurden, und Stimmen, die riefen: »Auf Befehl der Königin.«
»Hoffentlich«, meinte der alte Monsieur Montvert, der bei uns weilte, um Tantchen in Finanzdingen zu beraten, »ist das kein böses Zeichen.« Seit das Duell sein Familienuniversum auf den Kopf gestellt hatte, suchte Montvert mehr und mehr bei Tantchen Trost und Rat und erteilte ihr im Gegenzug sehr kluge Ratschläge für Geldanlagen, durch die sie ihr Vermögen beinahe verdoppelt hatte. »Es ist das Seufzen, das Schluchzen am Fenster, das Briefeschreiben, das mich zum Wahnsinn treibt«, pflegte er zu sagen. »Meine Frau hat mich gezwungen, mich mit seinem Vater in Verbindung zu setzen, und das ist ein fürchterlicher Blutsauger von altem Adel, dem nichts anderes einfiel, als daß ich die Mitgift verdopple. Diese Heuchelei! Falls gewöhnliches Blut so befleckt ist, wie könnte Geld wohl alles reinwaschen? Warum habe ich nicht auf sie gehört, als sie Nonne werden wollte? Mit dieser Mitgift hätte ich ein ganzes Kloster ausstatten können. Jeden fettfleckigen Brief, den dieser widernatürliche Laffe von der Front schreibt, birgt sie am Busen, und dann bläst sie Trübsal und läuft mit einer Leichenbittermiene herum, als hätte sie das Viertagefieber. Sitzt den ganzen Tag an ihrem Schreibtisch. Was diese Kuriere kosten! Ach, da tut es gut, Leute zu besuchen, die noch bei klarem Verstand sind. Wenn sich der gelehrte Doktor Nostradamus doch nur mit seinem Brief und mit der Erklärung beeilen wollte, wie wir den mumifizierten Kopf da loswerden können, dann wäre Euer Haushalt in bester Ordnung.« Der alte Bankier tat sich noch ein paar von Tantchens Küchlein auf und ließ sich bekümmert in den Sessel zurücksinken, auf dem in der Regel der Abbé saß. Der jedoch war ausgegangen, um sich einen neuen Flötenspieler anzuhören, der sehr gut sein sollte.
»Ich bezweifle, daß die Königin der Schwerter ein schlechtes Vorzeichen ist«, sagte Tantchen, beugte den massigen Leib zu ihm und meinte in vielsagendem Ton: »Schließlich hat der König der Münzen auf ihr gelegen.«
»Leider kenne ich mich mit Tarot überhaupt nicht aus. Was genau hat das zu bedeuten?«
»Mein lieber Scipion, Ihr seid der König der Münzen. Habt Ihr das nicht gewußt? Also, was ist nun mit dieser kleinen Leibrente?«
»Kann ich nicht empfehlen, da ich die Leute kenne, die sie auflegen, statt dessen rate ich zu…«
»Ich hole meine Sachen«, beeilte ich mich zu sagen, als der befehlshabende Offizier in unseren kleinen Salon im oberen Stock geführt wurde. Jedes Mal, wenn die Königin nach mir schickt, wird mir eine eindrucksvolle Eskorte zuteil. Bei Menander geht die Königin kein Risiko ein.
So ritt ich also inmitten der königlichen Eskorte davon. Gargantua hechelte neben mir her, und Menanders Kasten war in einer Tasche aus Sackleinen hinter meinem Sattel festgebunden, aber ich mußte unwillkürlich denken, wie sehr ich es doch verabscheute, mit dieser alten Mumie zu reisen. Zum einen roch sie bei Hitze immer so fürchterlich, und zum anderen wußte man nie, was für unanständige Bemerkungen sie in der Öffentlichkeit machte, nur damit ich mich zu Tode schämte. Als wir durch die engen Straßen zum Palast ritten, hörte ich Menander ein schmutziges Liedchen summen, denn die Leute sollten denken, ich wäre das. Glücklicherweise herrschte zuviel Geklapper und Lärm, und Straßenhändler riefen ihre Waren aus, so daß nur ich ihn vernahm. Zu guter Letzt erreichten wir den Hofeingang zum Schloß, mußten jedoch den Rest des Weges zu Fuß gehen – so wie alle, die nicht von königlichem Blut sind. Der Hof war groß, das Pflaster uneben und heiß, Menander verbreitete seinen Mumiengeruch, und ich wünschte, ich könnte ihn der Königin einfach schenken und Ferien auf dem Lande machen.
Man führte uns eilig die Freitreppe hinauf und an der Ehrenwache vorbei, durch riesengroße, reichverzierte Portale und in Flure, die nach Urin stanken und von auftragenden Dienern und Frauen und den Höflingen wimmelten, die krank oder verwundet oder aus anderen Gründen nicht in der Lage waren, den König in sein Hauptquartier an der Nordfront zu begleiten. Wir stiegen zwei weitere Innentreppen hinauf und wurden in ein stickiges, fensterloses Vorzimmer geführt. Hier übergaben mich die Wachen der Obhut von Madame Gondi, der italienischen Dame, die eine der engsten Vertrauten der Königin ist.
»Der Hund da. Er ist sehr groß. Muß er mit?« fragte sie.
»O Madame, ich bitte um Entschuldigung, aber ich habe ihn nur ein einziges Mal zu Haus gelassen, und schon hat jemand versucht, mich mit Vitriolöl zu bespritzen. Er ist zwar groß, aber sehr artig.« Als verstünde mich Gargantua, legte er sich zu meinen Füßen und seufzte so genüßlich und abgrundtief, daß es wie der Blasebalg eines Schmiedes klang.
»Vitriolöl…«, murmelte Madame Gondi, »das hört sich an nach, nein, das ist unmöglich. Was könnte sie gegen eine Frau haben, die keine Rivalin ist?« Und laut, mit einer Spur Furcht in der Stimme, sagte sie: »Weiß sonst jemand von dem Unsterblichen?«
»Madame, niemand weiß von ihm außer mir und meiner Patin, und keine von uns hat ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Ihn zu besitzen ist beileibe kein Spaß«, seufzte ich und holte Menanders Kasten aus der Sackleinentasche. »Und es ist mir schrecklich peinlich, daß er mir gehört.«
»Peinlich?« sagte Madame Gondi etwas ratlos. »Das ist nicht gerade das Wort, das ich gebrauchen würde.« Sie drehte sich um, kratzte an der Innentür des Vorzimmers, und eine Hofdame der Königin machte auf und zog sich dann zurück. Die Königin hatte Briefe geschrieben; mehrere lagen bereits auf ihrem Schreibtisch. Briefe an die Gouvernante ihrer Kinder, Briefe, in denen sie um Posten für italienische Freunde bat, einige waren bereits gefaltet und versiegelt. Hinter dem Schreibtisch stand in einer Ecke ein kleiner Tisch mit zwei schwarzen, brennenden Kerzen, obwohl es ein heißer, hellichter Sommertag war. Sie hatte Menander erwartet; wahrscheinlich hatte er sogar einen Termin in ihrem Kalender: »Donnerstag nachmittag den unsterblichen Kopf befragen.« Ich konnte es mir richtig ausmalen. Ich sah, daß sie über ihrem Hofkleid eine Adeptenrobe aus weißem Leinen trug, die man eigens für sie angefertigt hatte. Offensichtlich hielt sie noch mehr von ihren magischen Kräften, seit sie sich mit Menander eingelassen hatte. Wie hinterlistig sich diese alte Mumie doch die menschliche Eitelkeit zu eigen macht, dachte ich. Je aufgeblasener sie sind, desto besser kann er sie hinterher ins Verderben stürzen. Doch dann sagte eine leise Stimme in meinem Hinterkopf: »Und wenn er sie nun nicht ruiniert? Warum wünschst du dir nichts, damit auch du bekommst, was du begehrst?« Halt den Mund, sagte ich zu der Stimme, aus dir spricht der leibhaftige Teufel. Ich reichte der Königin den Kasten, ging unter Verbeugungen rückwärts aus dem Zimmer und ließ mich aufseufzend auf die Bank im Vorzimmer gegenüber von Madame Gondi fallen, die auf den Knien lag und den Rosenkranz in einer Schnelligkeit betete, die selbst den Blitz herausforderte.
Doch die Tür war nicht verriegelt, und die Königin war zu vertieft, um zu merken, daß sie sich etwas geöffnet hatte. Durch diesen schmalen Spalt konnte ich ihre leise Stimme hören, die unverständliche Beschwörungen murmelte, doch Sitte und Anstand geboten, nicht zu lauschen. Dann übertönte Menanders höhnisches Lachen sogar Madame Gondis Gebete, und sie riß die Augen auf. Beide vernahmen wir nun deutlich, wie die Stimme der Königin entschlossen sagte: »Ich möchte in Staatsangelegenheiten von meinem Gemahl respektiert und um Rat gefragt werden.«
»Es sei, wie Ihr wünscht, erhabene Königin«, hörten wir Menander antworten.
»Und das bald«, sagte sie. »Madame de Valentinois, diese überhebliche alte Frau, herrscht noch immer im Herzen meines Mannes, Ihr habt bezüglich meines letzten Wunsches noch immer nichts unternommen.«
»Die Zeit wird die Wahrheit erweisen, erhabene Königin«, erwiderte Menander. Mir wollte scheinen, daß seine Stimme etwas gekränkt klang. »Große Dinge erfordern große Taten. Ich denke viel über meine Arbeit nach. Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden, desgleichen kann sich das Herz eines mächtigen Königs nicht über Nacht ändern.«
»Beuge dich meinem Zauber, ungehorsamer Diener«, befahl die Königin und sprach eine neue Zauberformel. Du liebe Zeit, die lernt ja dauernd etwas Neues, dachte ich, als ich hörte, wie sie Menanders Kasten zuschlug. Heute abend werde ich keinen Schlaf finden, weil ich mir sein Gejammer anhören muß. Wenn sich Nostradamus doch beeilen und mir das Geheimnis schicken würde, wie ich ihn loswerde. Diese schauerliche Mumie im Kasten wird noch meinen Willen brechen, wenn sie mich jede Nacht wachhält, aber das darf sie nicht wissen.
Vom Flur draußen drang Gekreisch herein, begleitet von trippelnden Frauenschuhen. Dann wurde auf die Tür des Vorzimmers eingehämmert. Die Königin trat aus dem inneren Gemach.
»Was ist los?« fragte sie. »Hat eine von Euch etwas gehört?« Auf Madame Gondis verneinendes Kopfschütteln hin befahl sie, die äußere Tür zu öffnen. Vor ihr standen einige Hofdamen und rangen die Hände, eine von ihnen weinte.
Unter ihnen war auch ein Kurier, der aus Compiègne vom König kam, schwungvoll niederkniete und die Nachricht verlauten ließ: »Der König, Euer Gemahl, schickt Kunde, daß das Nordheer, das die Garnison von St. Quentin verstärken sollte, von den Engländern geschlagen wurde; Konnetabel Montmorency ist verwundet worden und in Gefangenschaft geraten, und Marschall St. André ist auch gefangen. Man hat den Dauphin zu seiner eigenen Sicherheit nach Süden, nach Blois gebracht, und der König bittet Euch, die königlichen Kinder und die Königin der Schotten auch dorthin zu schicken.« Die sich um uns Scharenden waren starr vor Entsetzen. Mehrere Damen fingen an zu weinen.
»Was befiehlt mir der König, mein Gemahl, sonst noch?« Die matronenhafte Frau blieb ungerührt. Ihre Augen blickten schlau und tränenlos. Und jetzt sah ich in dieser ungeliebten, plumpen Mutter mit den honigsüßen Tönen erstmals ein anderes, bislang verstecktes Wesen, stahlhart und brillant, jedoch leise, und listig wie eine Giftschlange. Diese brillante und gefährliche Seite hat sie vor allen verborgen gehalten, sogar vor sich selbst, schoß es mir durch den Kopf. Wehe dem, der dieses wahre Wesen aus der juwelenbesetzten Schale weiblicher Selbsttäuschung befreit.
»Er möchte, daß Ihr die Juwelen aus der Kathedrale und der königlichen Gruft in St. Denis holen laßt und sie nach Süden, in sicheren Gewahrsam schickt«, sagte der Kurier.
»Mein alter Tratschfreund ein Gefangener und verwundet.« Die Königin schüttelte verwundert den Kopf. Dieser verschlagene Krieger, dachten die anderen. Wie konnte das nur geschehen? »Weiß man, ob der Konnetabel Montmorency noch am Leben ist?«
»Das weiß niemand. Viertausend liegen tot auf dem Schlachtfeld, und die Herolde sind noch nicht mit dem Zählen fertig.« Bei diesen Worten stockte mir der Atem. Mein kühner Bruder Annibal. Lebte er oder war er tot? Was war mit Philippe d'Estouville, Clarettes großer Liebe?
Doch Katharina von Medici blieb so ruhig, als säße sie am Stickrahmen. »Ist St. Quentin schon gefallen?« fragte sie.
»Der Neffe des Konnetabel, Coligny, hält die Stadt noch, aber sie sind in der Minderzahl.«
»Wenn St. Quentin fällt, steht der Weg nach Paris offen. Guise ist in Italien. Wer kann unsere Hauptstadt jetzt noch vor den feindlichen Truppen schützen? Was ist mit meinem Gemahl, dem König?«
»Er ist zutiefst betroffen durch den Verlust des Konnetabel und hat Madame de Valentinois holen lassen, daß sie Bittgottesdienste für Montmorencys Genesung arrangiert. Auch hat er Maistre Paré befohlen, sich durch die feindlichen Linien zu schlagen und sich um die Wunden des Gefangenen zu kümmern. Der Kronrat wurde einberufen, ist aber noch nicht zusammengetreten. Auch hat er eine feierliche Prozession in Notre-Dame angesetzt.«
»Aha«, sagte die Königin leise zu sich selbst. »So steht es also. Die Herzogin hat ihn noch immer fest im Griff. Und wir müssen alle Guise anflehen zurückzukommen, und wenn er das tut, wird er regieren, wer auch immer auf dem Thron sitzt.« Dem Kurier befahl sie: »Kehre zu Seiner Majestät, meinem Gemahl, zurück und melde ihm, daß alles geschieht, wie er befohlen hat.« Als der Kurier gegangen war, wandte sich die Königin an Madame Gondi. »Schickt einen Kurier zu Eurem Gatten: Er und die anderen Bankiers, die noch in Paris sind, werden für morgen zu einer Audienz einberufen. Die Zofen sollen Trauerkleidung für mich zurechtlegen. Ich werde persönlich mit meinen Hofdamen vor das Parlament treten. Ich, die Königin, werde darum bitten, Geld zur Verteidigung der Stadt aufzubringen. Wir werden alle Schwarz tragen, damit sie begreifen, daß der Thron selbst in Gefahr ist.
Prozessionen in der Kathedrale, schön und gut, aber trotz allem, was die blaublütigen Familien hier behaupten, führt man Krieg nicht mit Federn und Ritterlichkeit, sondern mit Geld. Und Ihr, Demoiselle«, jetzt drehte sie sich um, als hätte sie gerade bemerkt, daß ich mit offenem Mund dastand, »Ihr bleibt bis morgen früh. Ich will Euren Freund auf die Probe stellen. Er soll dafür sorgen, daß die feindlichen Truppen wie angewurzelt am Fleck verharren.« Eine Medici, wie sie leibt und lebt, dachte ich, die geht auf Nummer Sicher, verhandelt mit Gott und Mammon gleichzeitig – und zu allem Überfluß auch noch mit dem Teufel.
Die Kunde verbreitete sich rasch, und während die Schlacht von St. Quentin noch tobte, schickten wohlhabende Familien ihre eigenen Feldschere an die Front, damit sie ihre verwundeten Söhne suchten und nach Haus brachten. Verwundete, denen es gelungen war, sich zur Behandlung nach Paris durchzuschlagen, brachten gräßliche Berichte von Rathäusern voller Sterbender mit. Die arme Clarette war ganz außer sich vor Angst und wartete auf die Diener, die ihr Vater nach Norden geschickt hatte, damit sie Kunde von Philippe und Annibal brachten. Doch auch die gingen im Mahlstrom unter, wurden zweifellos ins Heer gepreßt, und als man nichts hörte, mußte man das Schlimmste befürchten. »Wie gut, daß Nicolas außer Landes ist; sie nehmen jetzt jeden gesunden Mann«, sagte Monsieur Montvert. Und dann begann er, mit Tantchen Pläne zu schmieden, wie er Frau und Tochter sowie die wichtigsten Haushaltsgüter zusammen mit uns aus der Stadt wegbringen könnte.
»Mein lieber Scipion, seid versichert, Ihr seid alle in meinem Haus in Orléans willkommen, solange dieser furchtbare Krieg dauert.«
»Meine liebe Madame Tournet, der Umzug ist nur vorübergehend. Viel länger kann der Krieg nicht dauern. Beide Seiten sind bankrott. Die einzige Frage ist, wer hat den längeren Atem. Und falls wir das nicht sind, fällt Paris noch bevor der Friede ausgerufen wird.«
»Scipion, zuweilen glaube ich, Ihr seid der Prophet und nicht Maistre Nostredame.«
»Nein, leider nicht. Es handelt sich lediglich um gesunden Menschenverstand angesichts des Unfaßbaren.«
»Wie schön könnte die Welt beschaffen sein, wenn jeder gesunden Menschenverstand walten ließe. Und was die Mitnahme der Juwelen Eurer Frau betrifft – mein Haus verfügt über einen verborgenen Safe, doch für die Reise empfehle ich, daß sie diese in ihr Mieder einnäht.«
Während dieser sonderbaren Wochen, als die ganze Stadt auf den Sieg der Verteidiger von St. Quentin wartete, lieferte ein Kurier in unserem Haus in der Rue de la Cerisaie eine kleine Schachtel ab. Philippe d'Estouville sei der Absender. Doch ehe ich ihn weiter ausfragen konnte, hatte er sich weggestohlen.
»Tantchen, das muß ein Irrtum sein. Clarette hat seit Wochen keinen Brief erhalten, und mir schickt er einen märchenhaften Schmuck? Den darf ich einfach nicht annehmen – er ist gewiß für sie bestimmt.« Aber dann dachte ich, daß Clarette annehmen könnte, er wolle mich als Mätresse haben. Wenn ich Clarette also den Schmuck gäbe, würde ich ihr das Herz brechen. Also legte ich das Kästchen in meinen Frisiertisch und grübelte weiter darüber nach, doch dann vergaß ich die Angelegenheit im Getümmel des Aufbruchs.
Während dieser schrecklichen Zeit vermischten sich Gerüchte und Nachrichten zu gleichen Teilen. Nevers würde die Stadt verteidigen, Nevers habe versagt. Die Truppen König Philipps von Spanien seien eingetroffen und überwachten den Angriff. Die Truppen König Philipps von Spanien seien in einer heldenhaften Schlacht zurückgeworfen worden. Doch endlich, gerade vor Monatsende, kam die Kunde, daß die Stadt St. Quentin in einer Orgie aus Blut und Plünderung gefallen sei. Jetzt brach Panik aus, und auf den Straßen von Paris stauten sich Karren mit Möbeln. Verstörte Frauen, die ihre Säuglinge an die Brust drückten, wohlhabende Männer, die versuchten, Pferde zu kaufen, Menschenmassen auf Mauleseln, zu Fuß und mit Handwagen, alles drängte durch die Stadttore in Richtung Süden. Doch Tantchen und der gewitzte, alte Bankier hatten die wertvolleren Möbelstücke bereits Richtung Süden geschickt.
»So lebt denn wohl, meine Lieben«, sagte Monsieur Montvert. »Ich schicke Euch Nachricht, falls die Stadt verschont bleibt – falls nicht, so wünscht mir glückliches Entrinnen.« Er umarmte uns alle der Reihe nach und vertraute uns für die Reise in den Süden dem Abbé an, dann wandte er sich ab, damit wir die Tränen auf seinen Wangen nicht sehen konnten. Und gleich darauf schob sich unsere merkwürdige Karawane aus dem Hof und mischte sich unter die außer Rand und Band geratene Flüchtlingsschar, die wie ein Fluß die Rue St. Antoine entlangströmte. Tantchens Sänfte mit ihren Kissen, die klumpig waren, weil wir in letzter Minute Wertsachen eingenäht hatten, schwankte und wurde angerempelt, so daß Madame Montvert, die zusammen mit Tante Pauline reiste, aufschrie. Und wir, die wir jeweils zu zweit ritten, sorgten uns, daß uns bei den Menschenmassen und bei all dem Geschrei und Peitschengeknalle über eingeklemmten Karren und Packeseln die Pferde durchgingen und uns abwarfen. Doch es war nicht die Angst auf der Straße, die mir am schwersten auf der Seele lag. Es war eher das sichere Wissen, daß wir auf halbem Wege in la Roque-aux-Bois Station machen mußten. Bei dem Gedanken an zu Hause kam ich mir unansehnlich und schäbig vor: wieder und wieder hörte ich den letzten heftigen Wortwechsel zwischen Tantchen und Vater. Nicht einmal der Gedanke, daß ich meine Mutter umarmen würde, konnte ihn aus meinem Kopf vertreiben.
»Ich sehe, du bläst Trübsal«, sagte Tantchen, als könne sie Gedanken lesen. »Hör auf, dir Sorgen zu machen. Die Gesetze der Gastfreundschaft bestehen noch, und ich bin seine Schwester. Er wird unentwegt an mein Geld denken. Außerdem bringen wir vornehme Gäste mit. Glaub mir, er wird sich von seiner besten Seite zeigen.«
Heimat. Kann man dorthin zurückkehren, wenn sie zerstört ist? Gewiß, gewiß, redete ich mir gut zu. Es wird nett werden. Wir werden uns unterhalten, meine Schwestern und ich, wir werden Karten legen wie in alten Zeiten. Endlich kann ich Mutter erzählen, was ich ihr in Briefen nicht schreiben konnte. Es wird alles gut. Es muß gut werden. So gingen meine Gedanken im Rhythmus des Pferdegetrappels, während die Landschaft immer vertrauter wurde.
Zwei Tage später tauchte eine hochgewachsene, schwere Gestalt in grauem Umhang im Laden des eleganten Handschuhmachers auf, der in der Rue de la Cerisaie gegenüber von Tante Paulines Haus lag. Er hatte einen grauen Bart und schulterlanges, fettiges graues Haar. Ein Auge war von einer Augenklappe aus schwarzem Samt verdeckt.
»Irgendwelche Neuigkeiten für mich? Haben sie schon den Doktor gerufen?«
»Keine Neuigkeit, und dabei habe ich seit Eurem Besuch meinen Jungen jeden Tag Ausschau halten lassen.«
»Seid Ihr sicher?« sagte Thibauld Villasse und ließ ein paar Münzen in die ausgestreckte Hand der Frau gleiten.
»Völlig sicher. Ich bin eine ehrliche Person. Aber Ihr braucht nicht mehr zu kommen, die ganze Familie ist vor zwei Tagen abgereist, und bei diesem schrecklichen Krieg weiß ich nicht, wann sie zurückkommen.«
»Ein Jammer, ein Jammer – aber habt Ihr keinerlei Anzeichen mangelnder Gesundheit gesehen?«
»Nichts. Sie ritt einen großen Braunen, die Zofe hinter sich, und zog so fröhlich los, als ginge es zum Ball.«
»Verflucht! Vielleicht hat der Kurier es nicht abgeliefert.«
Thibauld Villasse ging zu dem Haus gegenüber und untersuchte dann die verschlossenen Tore.
Dort hatte sich bereits ein Besucher, ein staubiger Geselle in schäbigem Selbstgesponnenem, eingefunden, ein gewöhnlicher Kurier, der auf die Tür einhämmerte und keine Antwort erhielt.
»Kein Glück, Bursche?« fragte Villasse. Der Kurier wandte sich mit einiger Erleichterung zu ihm um, denn Villasse war offenkundig ein Edelmann.
»Seit zwei Tagen versuche ich, das hier bei Madame Tournet abzuliefern, aber es ist nie jemand zu Hause.«
»Ich bin ein Freund der Familie«, sagte Villasse honigsüß. »Leider sind alle geflohen. Ich habe vor, mich in den nächsten Tagen zu ihnen zu gesellen. Würdet Ihr mir die Briefe anvertrauen, damit ich sie überbringe?«
»Es ist lediglich einer…«
»Es wäre nicht recht, wenn Ihr keinen Lohn bekommen würdet… Sagt dem, der ihn geschickt hat, Monsieur de la Tourette wird ihn in Madame Tournets Haus in Orléans abliefern«, und Villasse ließ eine kleine Börse vor den geblendeten Augen des Kuriers klimpern.
»Ei, vielen Dank, Monsieur de la Tourette, Ihr seid sehr großzügig«, stammelte der Kurier, während er Villasse' Silberlinge im Wams verstaute. Als er ging, schob Villasse einen Daumen unter das Siegel, das er nicht kannte, und als er das erste Blatt las, verzog sich sein Gesicht zu einem schauerlichen Lächeln.
»Potzblitz, sie hat am vierundzwanzigsten Dezember und ganz und gar nicht am elften Februar Geburtstag«, sagte er bei sich. Er rechnete die Monate an den Fingern zurück. »Das bedeutet – sie ist außerehelich gezeugt worden. Was für eine Überraschung! Daraus könnte ein geschickter Advokat gewiß einen Vorteil ziehen, der meine Sache befördert.« Doch als er weiterlas, blieb ihm der Mund offenstehen. »Zauberei? Der Herr aller Wünsche? Wer würde wohl den Kräften eines magischen, unsterblichen Kopfes Einhalt gebieten wollen? Glücklicherweise kennt sie den Schlüssel dazu nicht – den habe ich hier… Irgendwie muß ich das Ding in meinen Besitz bringen. Laß mich überlegen: Der Herr aller Wünsche gehört der Königin, das steht hier zwischen den Zeilen. Was aber, wenn ich ihn stehle? Ich werde mir wünschen, daß sie ihn nicht zurückbekommt. Weiber – sind so töricht, daß sie niemals zu Ende denken.
Doch angenommen, er fällt jemand anders in die Hände? Verflucht! Sie muß unterwegs in la Roque haltmachen! Hercule de la Roque, du Mistkerl, du sollst meinen Zauberkopf nicht in die Finger bekommen… Ich muß sie abfangen…« Villasse war so in die Planung seines ersten Wunsches vertieft, daß er sich nicht die Mühe machte, auch die zweite Seite zu lesen, auf der Sibilles Horoskop stand.
Villasse kehrte in den Stall zurück, in dem er sein Pferd untergestellt hatte, und erwischte den Stallmeister auf frischer Tat, wie er einem Fremden, der es eilig hatte, aus der Stadt zu kommen, unter der Hand sein Pferd verkaufen wollte. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, erdolchte er den Mann und schlug den anderen in die Flucht; dann stieg er auf und mischte sich unter die Menschenmassen, die sich auf den Straßen in Richtung der Stadttore drängten. Zielstrebig und ohne nach rechts und links zu sehen, verschaffte er sich mit der Reitpeitsche Platz in Richtung Pont aux Meuniers. Dabei drängte er Reisende zu Fuß beiseite, die ihm Verwünschungen nachriefen. Unter der Brücke rumpelten und ächzten noch immer die Mühlen von Paris; die grünen Fluten der Seine waren verstopft von schwerbeladenen Booten mit Menschen und Möbeln, die vom Kai abstießen. Am Stadttor mußte er fluchend und vor Wut kochend warten, bis eine Abteilung eben eingetroffener Schweizer Söldner mit fliegenden Fahnen durchgezogen war. Als er außerhalb der Stadtmauern war, trieb er sein Pferd zum Galopp an, überholte langsam fahrende Karren und flößte anderen Reitern mit wutentbrannten Blicken aus seinem einzigen Auge solche Furcht ein, daß sie auswichen. Wer ihn so sah, hegte nicht den leisesten Zweifel, daß hier ein Irrer kam, bei dem es um Leben und Tod ging.
Nach nur einem halben Tag erblickte er vor sich, an der vertrauten Straßenbiegung, die Wirtschaftsgebäude von la Roque-aux-Bois, den wohlbekannten Taubenturm über dem geöffneten Haupttor, den staubigen Hof dahinter. Hühner stoben vor den schweren Hufen seines dampfenden Reitpferdes auseinander; im Nu hatte er die kleine Brücke überquert und dem Diener an der Freitreppe des Gutshauses die Zügel zugeworfen. Laurette, die ihn aus einem der oberen Fenster erspäht hatte, war bereits zu seiner Begrüßung an die Eingangstür geeilt. Potzblitz, dachte er, sie ist doch ein hübsches Dingelchen mit ihren blonden Locken, die ihr von der Sommerhitze feucht auf den rosigen Wangen liegen. Und kein Wunder, daß sie so anders ist als ihre Schwester, so weiblich, so fügsam – sie ist ja nur eine Halbschwester. Gott allein weiß, welcher Lakai oder Priester ihrer Mutter unter die Röcke gekrochen ist und sie als erster gehabt hat. Aber ich kann Laurette wirklich nicht heiraten, auch wenn sie noch so hübsch ist, jetzt, da ich das Geheimnis kenne. Die Familie ist einfach nicht ehrbar genug für mich, nun bin ich der Höhergestellte. Aber im Augenblick brauche ich Laurette; sie muß die Sachen ihrer Schwester durchsuchen und den Kopf für mich finden. Er kann nur in irgendeinem Bündel sein. Und wenn ich den Herrn aller Wünsche erst einmal habe, bekomme ich auch eine Ehefrau von Rang und Vermögen, die obendrein noch schön ist.
Villasse' Gesicht verzog sich zu einem gütigen Lächeln, das Laurette versicherte, er wäre noch immer verliebt in sie, selbst nach einem Aufenthalt in einer Stadt kultivierter, nach der neuesten Mode gekleideter Damen. Er liebt mich noch, dachte sie, und das tröstete sie über den schrecklichen Ärger wegen des Besuchs ihrer älteren Schwester hinweg, die wunderschön gekleidet und anscheinend überhaupt nicht entstellt in Gesellschaft einer wohlhabenden jungen Großstädterin mit deren Mutter hier weilte. Schlimmer noch, das bleiche, dunkelhaarige Geschöpf mit der seidenen Unterwäsche und den baumelnden Diamantohrringen hatte sich vor ihr mit der bevorstehenden Verlobung mit ihrem Philippe d'Estouville gebrüstet und ihr anvertraut, daß sie ein Dutzend Liebesbriefe von ihm an ihrem flachen Busen barg. Das reichte, da konnte ein Mädchen nur noch in die Kirche fliehen und darum beten, Philippe möge beim nächsten Angriff der Spanier fallen.
»Liebster Monsieur Villasse, habt Ihr Eurer kleinen Freundin etwas aus Paris mitgebracht?« fragte Laurette und klapperte mit den Wimpern.
»Ei ja, ich habe wahrhaftig einen Schatz für Euch«, erwiderte Villasse.
»Wo habt Ihr ihn versteckt? In Eurer Tasche? Wie groß ist er?«
»Nun, er ist sooo groß, aber Ihr sollt ihn erst später haben, nicht sofort, mein hübsches Püppchen.«
»Erst später?« Laurette spielte die Schmollende. Aber was sah sie da in seinem Gesicht, als sie wie gewohnt unter ihren niedlichen Wimpern hervorlugte? Einen Anflug von Härte, einen Hauch von Zurückhaltung, eine Spur von Geistesabwesenheit? Hatte er in der großen Stadt eine hübschere, gebildetere, besser gekleidete Frau kennengelernt? Gewiß keine hübschere – aber möglicherweise eine kultiviertere. Dergleichen konnte Männern den Kopf verdrehen.
»Ist Eure Schwester schon eingetroffen?« fragte Villasse.
Eine Faust schnürte Laurette das Herz zusammen. Hatte er den neuen Reichtum, die neuen Beziehungen ihrer Schwester bemerkt und sich mit ihr ausgesöhnt? »Ja, und woher wißt Ihr das?«
»Halb Paris ist auf der Flucht, und als ich ihr Haus verlassen vorgefunden habe, da dachte ich mir, sie könnte hier sein.«
Das war es, das war es – er hatte beschlossen, ihrer Schwester erneut nachzustellen, er freite wieder um Sibille. Welches Recht hatte Sibille, ihrer jüngeren Schwester die einzige Aussicht auf Ehe und Stellung zu rauben? Oh, warum war ihr Gesicht nicht entstellt worden? Alles wäre soviel einfacher gewesen. »Sie ist mit einer ganzen Meute hier. Gestern sind sie angekommen wie Bettler von der Landstraße, mit einem verschrumpelten alten Abbé, der eine Magenverstimmung hat und nichts essen kann, Tante Pauline, unter deren Gewicht der Stuhl zerbrach, auf den sie sich setzte, und einer langweiligen alten Madame Montvert und ihrer hochnäsigen Tochter. Vater wollte sie wegschicken, hat sich aber zu sehr geschämt, einer Verwandten seine Gastfreundschaft abzuschlagen, also hat er sich gefügt. In ein, zwei Tagen sind sie wieder weg, sowie sie uns alle Haare vom Kopf gefressen haben.«
»Ach, das ist wunderbar«, murmelte Villasse, und nun wurde Laurette wirklich bang ums Herz. »Tut Thibaulds liebes Püppchen ihm einen Gefallen?«
Auf keinen Fall überbringe ich einen Brief, dachte Laurette, von Bosheit gepackt. »Eure Herzallerliebste ist Euch gern gefällig«, erwiderte sie.
»Dann, meine Süße, gibt es einen Gegenstand, den Ihr Eurer Schwester wegnehmen und mir bringen sollt – einen Kasten. Er gehört mir, und ich will ihn zurückhaben. Es ist ein ungewöhnlicher Kasten, in dem sich etwas befindet, nun, etwas Häßliches – das merkt Ihr schon, wenn Ihr es seht.«
»Aber was ist es?« fragte Laurette.
»Nun ja, es ist – eine anatomische Probe. Ihr wißt doch, daß Eure Schwester immer Knochen zeichnet – es handelt sich um einen Kopf.«
»Einen Kopf? Von einem Menschen?«
»Nun ja, ja. Nur ein Kopf. Ein alter. Keine Bange, er ist säuberlich im Kasten verpackt. Aber ich muß ihn zurückhaben. Und wenn Ihr ihn mir bringt, hat Euer lieber Thibauld auch eine hübsche Überraschung für Euch – einen Diamantring, der größer ist als alle Ringe an den Fingern der Königin.« Als er sah, wie ihre Augen blitzten, lächelte er dieses besondere Lächeln, das Menschen lächeln, wenn sie die Schwäche eines anderen völlig richtig eingeschätzt haben. Was ist ein Diamant gegen einen Zauberkopf? Nichts als Schnickschnack, dachte er. Sie ist mir zu Diensten, ich kann mit ihr tun, was ich will. »Laßt uns ins Haus gehen, ich möchte Eure Eltern begrüßen. Und was die andere Sache angeht, so treffen wir uns morgen gleich nach dem Mittagsmahl an der alten Mauer hinter dem Obstgarten.«
»Und ihr bringt dann mein süßes, kleines Geschenk mit?« Ich habe ihn, dachte Laurette. Falls an diesem Kopf etwas geheim ist, muß er mich heiraten, weil ich ihm auf die Schliche gekommen bin. Wenn ich doch nur ein Seidenkleid hätte.
»Das und noch viel, viel mehr, mein teures Schätzchen.« Zusammen gingen sie ins Haus, und nachdem Villasse ihren Vater begrüßt hatte, brach er wieder auf.
»Was sollte das?« knurrte Hercule de la Roque, nachdem Villasse sich verabschiedet hatte. »Habe ich ihm letzten Monat etwa nicht die Zinsen für die neue Anleihe gezahlt? Und er kommt her, grinst wie ein Wolf und überbringt nachbarliche Grüße. Ich dachte, er ist in Paris.«
»Zweifellos geht es um Sibille«, sagte seine Frau und nähte gelassen weiter an einem neuen Satz Kopfkissenbezüge.
»Sie hätte besser zielen sollen«, sagte Sibilles Vater.
Da sich die Mädchen ein Zimmer teilten, war es für Laurette ein Kinderspiel, einen günstigen Moment abzupassen, um nach dem geheimnisvollen Kasten zu suchen. Das Zimmer stand voller Kisten und Taschen, manche verschnürt, andere ausgepackt, dazwischen lagen die Kissen aus der Sänfte, in die man rätselhafte Gegenstände eingenäht hatte. Im Schrank hing ein Dutzend wunderschöner Seiden- und Samtkleider, Schachteln mit Schmuck und kostbare Parfümfläschchen zierten den Frisiertisch. Über eine Ecke des Spiegels darüber hatte Clarette einen schönen Rosenkranz aus Elfenbein gehängt. In einer offenen Schachtel inmitten weiterer kleiner Schätze und Schnickschnacks erblickte Laurette ein Armband aus ziseliertem Gold mit Brillanten, nach dem es sie sehr verlangte. Sibilles oder Clarettes? Gleichviel. Rechtens gehörte es Laurette, denn sie war am hübschesten. Ich probiere das Armband nur einmal an, dachte sie, und dazu diesen Ring hier. Würde mir das Kreuz mit dem Rubin in der Mitte stehen? Ja, es sah wirklich elegant aus. Jammerschade, daß meine Ohren nicht durchstochen sind, dachte sie, als sie in einem Schächtelchen in einer Schublade die heißbegehrten Diamantohrringe erblickte.
Oh, der wunderbare Seidenschal. Keine vorteilhafte Farbe für eine Brünette… Einer Blondine würde er viel besser stehen. Sie legte ihn sich um die Schultern, dann drapierte sie ihn anders, steckte ihn wie ein Fichu in den Halsausschnitt, wo er schimmerte und leuchtete. Solche Sachen habe ich auch, wenn ich erst mit Thibauld verheiratet bin, dachte sie. Ei, sieh doch nur im Spiegel – so hübsch könnte ich glatt bei Hofe empfangen werden. Wenn mich Thibauld in voller Schönheit erblickt, wird er schon merken, daß mir keine das Wasser reichen kann, falls er mir die richtigen Kleider schenkt. Ah! Was ist denn das für eine schöne, kleine rote Schachtel, ganz versteckt und tief unter den Strümpfen verborgen, so als ob es sich um ein Geheimnis handelt? Welch eine Brosche! Was für wertvolle Perlen, wie zierlich gefertigt, wie geschaffen für eine Frau – eine richtige Blume und wie geschaffen, um den Schal zu befestigen! Autsch! Hat die eine scharfe kleine Nadel! Ja, so ist es richtig. Wie schön ich jetzt aussehe. Madame de la Tourette. Weil ich nicht die Älteste bin, bin ich nicht einmal eine Demoiselle de la Roque. Bloß Laurette Artaud. Das Leben ist zu ungerecht. Vor allem wenn Menschen, die hübsche Sachen verdienen, sie nicht bekommen.
Nachdem Laurette den Nadelstich an ihrem Finger geleckt hatte, fing sie an, nach einem sonderbar aussehenden Kasten zu suchen, und schon bald kam ihr der Gedanke, die Kleider im Schrank beiseite zu schieben. Da stand er auf dem Boden, in einer Ecke hinter Volants und Reifröcken, ein alter versilberter Kasten. Sie ging in die Knie und griff da nach, da vernahm sie ein ungemein merkwürdiges Geräusch, beinahe wie das Schnarchen eines Hundes, nur daß weit und breit kein Hund im Zimmer schlief. Als sie den Kasten her vorzog, fielen ihr das eigenartige Muster und die unverständlichen Worte auf. Dann öffnete sie ihn. Drinnen lag ein grausiges Andenken an eine Hinrichtung – ein vertrockneter alter Kopf mit schilfernder Haut. Hinter verdorrten Lippen bleckten lange braune Zähne, und seine Augen waren geschlossen. Etwas erschien ihr sonderbar: Das Schnarchen kam offensichtlich von dem häßlichen alten Ding im Kasten. Das ist komisch, dachte sie. Wie kann derlei schnarchen? Es hat doch nicht einmal eine Brust zum Atmen. Das muß der Wind draußen sein. Doch was den Kopf selbst anging, so hatte sie schon weit schlimmere menschliche Reste gesehen, die viergeteilt neben der Landstraße aufgestellt worden waren, und schließlich ist tot tot und ein Diamantring ein Diamantring.
Sie steckte den Kasten in ein Kopfkissen und warf sich im Spiegel einen letzten Blick zu. Sie tat niemandem weh, wenn sie sich diese hübschen Sachen für ein Weilchen borgte, nur um für Thibauld schön zu sein und ihn daran zu erinnern, daß sie immer so gut aussehen könnte, wenn er sie mit kostbaren Dingen schmückte. In Windeseile stahl sie sich aus dem Tor und hastete durch den Obstgarten zu der bröckelnden Mauer neben dem Bach. Dort saß auch schon Villasse in einem alten ledernen Jagdrock und hohen Stiefeln, das Pferd an einen niedrigen Ast gebunden, und säuberte sich mit seinem schweren Messer die Fingernägel. Als er das Rascheln ihrer Schritte im trockenen Gras hörte, blickte er gespannt auf. Das macht der Schmuck, dachte sie. Ich sehe wie eine Hofdame aus. Er ist überrascht, daß ich so schön bin.
»Habt Ihr meinen Kasten?« fragte er barsch und ohne Umschweife.
»Ja, hier ist er. Und wo ist mein Ring?«
»Zuerst den Kasten – ich muß sehen, was darin ist.« Hastig und außer sich riß er den Kopfkissenbezug auf, ergriff den Kasten, ohne auch nur einen Blick auf den sonderbaren Gott mit dem Hahnenkopf zu verschwenden, und öffnete das Schloß. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, stockte selbst ihm der Atem. Das mumifizierte Ding bewegte sich – und Schrecken über Schrecken, seine verschrumpelten Lider öffneten sich und zeigten zwei böse, glotzende Augen!
»Welche Quälgeister haben mich denn jetzt schon wieder gestohlen?« fragte Menander. »Arbeit, Arbeit, Arbeit! Da mache ich ein kleines Nickerchen… Oh, was für ein herrlich böses Gesicht! Ich wittere einen Seelengefährten. Und die andere auch… Was habt Ihr doch für harte Augen in Eurem hübschen Gesicht, meine Liebe. Sagt mir, was Ihr Euch wünscht, aber schnell. Bedauerlicherweise muß ich dorthin zurück, woher ich gekommen bin.«
»Als erstes wünsche ich mir einen sehr großen Diamantring für den Finger dieses Mädchens hier…«
»Nein, nein – Ihr seid mir ja ein komischer Zauberer. Zunächst sprecht Ihr die Worte nach, die auf dem Kasten geschrieben stehen.« Menander hörte sich gereizt an.
»Thibauld, was ist das für ein Ding? Hat es mit Zauberei zu tun?«
»Es ist ein uraltes Geheimnis, als der Herr aller Wünsche bekannt.«
»Na schön, wenn Ihr fertig seid, wünscht Ihr mir ein Seidenkleid und eine weiße Stute mit Silbergeschirr, und wenn wir verheiratet sind, könnt Ihr mir ein Schloß wünschen…«
»Verheiratet? Glaubt Ihr etwa, ich heirate Euch? Warum sollte ich Euch nehmen, wenn die schönsten Frauen des Königreiches aus gutem Haus und mit Vermögen mein sein können, jetzt, da ich diesen Zauber besitze? Da werde ich doch keine Provinzgans zur Frau nehmen.«
Mit einem Aufschrei stürzte sich Laurette so aufgebracht auf Villasse, daß Menander zu seinen Füßen in den Dreck fiel.
»Was tust du da, du Harpyie – jetzt habe ich ihn fallen lassen. Aufhören, du kleines Biest, ich habe mich an deiner Nadel gekratzt.« Er schlug Laurette kräftig mit dem Handrücken ins Gesicht, und sie fiel zu Boden. Erst als er den Kratzer leckte, bemerkte er, was für eine Brosche sie an ihrem Busen trug. Entsetzt fuhr er zurück. »Woher habt Ihr die Brosche da? Gehört sie Eurer Schwester?«
»Auch wenn Ihr es nicht glaubt, Ihr häßlicher, alter Kerl, ich habe sie angesteckt, weil ich mich für Euch schönmachen wollte. Schön für Euch. Was für ein Witz. Ihr seid häßlich wie die Nacht, eine einäugige Mißgeburt. Ihr verdient eine Kröte zur Braut!« Bei diesen Worten rann Blut aus ihrer Nase, das sie mit dem Handrücken abwischte.
»Wenn Ihr selbst nicht so dumm wärt wie Bohnenstroh und so heiß wie eine Hündin, hättet Ihr die Sachen Eurer Schwester niemals angerührt. Ich habe ihr die Brosche geschickt, dumme Gans, und sie ist vergiftet.«
»Vergiftet?«
»Ja, aber das Gift wirkt langsam. Ich wünsche mich mit dem Herrn aller Wünsche hier einfach gesund, gehe zu Eurer Beerdigung und vergieße Tränen. Denkt an mich, wenn Ihr mir zuliebe das Zeitliche segnet.« Rasch hob er den mumifizierten Kopf auf, warf ihn in den Kasten und stieg auf sein Pferd. Kreischend rannte das Mädchen hinter ihm her und durch den Bach, doch das schnelle Pferd bespritzte sie in ihrem Staat von Kopf bis Fuß, während Villasse auf der Hauptstraße verschwand. Schluchzend, naß und blutend stolperte Laurette nach Haus, wo sie ihrem Vater in die Arme lief, der aus dem Stall kam.
»Villasse…«, brachte sie gerade noch hervor.
»Hat er dir die Tugend geraubt?« rief ihr Vater mit zornesroter Miene.
»Nein, meinen Zauberkopf, der Wünsche erfüllt…« Hercule de la Roque blickte seine starrköpfige, hübsche kleine Tochter an. Genau wie ich, dachte er, und dafür liebe ich sie. Blut rann ihr aus der Nase, sie bekam allmählich ein blaues Auge, und ihre Kleider waren mit Wasser und Dreck bespritzt.
»Woher hast du all den Schmuck? Von dem Zauberkopf?« fragte er. Seine Augen blickten schlau und abschätzend. Die Brosche da mit der großen Perle in der Mitte war das Lösegeld eines Königs wert.
»Nein, aus Sibilles Sachen. Die Brosche – die Brosche, er hat gesagt, sie ist vergiftet, und ich habe ihn damit gekratzt. Vater, ich muß den Kopf zurückhaben, damit ich mich gesund wünschen kann. Er hat ihn gestohlen, und er sagt, er wünscht sich, daß das Gift bei ihm nicht wirkt, ich bin ihm einerlei, denn dann muß er mich nicht heiraten. Vater, er sagt, er kommt zu meiner Beerdigung!«
»Er wird nicht eingeladen«, sagte ihr Vater. »Ein Kopf, ein Kopf, der Wünsche erfüllt… Aber Villasse ist bereits über alle Berge. Wie zum Teufel soll ich ihn noch einholen? Was ist, wenn er mich tot wünscht?«
»Vater, ich habe gewußt, daß Ihr mich rettet.«
»Aber gewiß doch. Ein Kopf, der Wünsche gewährt – wenn ich den hätte! Redet er?« Sie gingen jetzt ins Haus zurück.
»Ja, er sagt schreckliche Sachen. Aber zuerst müßt Ihr die Worte auf dem Kasten nachsprechen.«
»Und was hat er sonst noch gesagt? Alles ist wichtig.«
»Er… er hat gesagt – und ich kann beschwören, ich weiß es noch –, daß er irgendwohin zurück muß, also beeilt Euch…«
Als Villasse die Grenzen von La Roque-aux-Bois hinter sich gelassen hatte, brachte er sein Pferd im Schatten eines großen Baumes zum Stehen und öffnete den Kasten. Etwas daran stimmte nicht, er schien im nachmittäglichen Licht zu flimmern, und man konnte die Worte über dem Schloß kaum noch lesen. Gerade hatte er angefangen, sie nachzusprechen, als die Stimme der Mumie, raschelnd wie abgestorbene Blätter, sagte: »Zu spät.«
»Was meinst du mit zu spät?«
»Ich kehre bereits zurück. Sibille de la Roque besitzt mich, und ich bin an sie gebunden…«
»Komm zurück. Wehe, du verflüchtigst dich! Ich brauche dich, du mußt bewirken, daß das Gift aus meinem Blut verschwindet.«
»Schade, zu spät, leb wohl…«, und bei diesen Worten wurden Menander und sein Kasten durchsichtig und verblaßten unter Vilasse' Händen. Außer sich wandte Thibauld Villasse sein Pferd und spornte es zum Galopp in die Richtung, aus der er gekommen war. Und während er ununterbrochen auf das schaumbedeckte Tier einpeitschte, dachte er: Wie lange, wie lange braucht das Gift, ehe es wirkt? Was hat dieser gottverdammte Astrologe noch gesagt? Unsägliche Qualen, hat er gesagt, langsam. Wie langsam? Wie viele Stunden, Tage, Wochen?
Als sie das Gutshaus betraten, hörten Hercule de la Roque und seine zweite Tochter einen entsetzten Schrei, der von oben kam. Bei dem Geräusch setzte sich der Abbé, der über einem Buch eingenickt war, mit einem Ruck auf. Plötzlich, so kam es Sibilles Vater vor, schienen aus allen Richtungen lästige Frauenzimmer nach oben zum Mädchenzimmer zu eilen: Clarette und ihre Mutter legten die Stickreifen beiseite und rannten hoch, seine Frau und seine Schwester kamen aus der Küche, seine anderen Töchter – Sibille auch unter ihrem ganzen Putz knochig und unansehnlich wie eh und je –, alle stürzten dahin, woher Isabelles Schreckensschreie erklangen. Hercule schob sie beiseite und stürzte ins Zimmer, und da sah er die kleine Isabelle völlig außer sich vor einem offenen Kasten, in dessen Innerem sich ein lebendiger abgeschlagener Kopf zu materialisieren schien.
»Halt den Mund, kleiner Kretin, und wünsche dir etwas«, schimpfte der Kopf. »Du kannst alles haben, was du willst. Es kostet dich nichts als deine Seele, aber deine ist federleicht und ist kaum der Mühe wert, daß du sie behältst. Solch ein kleines Opfer, und so viele hübsche Dinge, die dir gehören könnten. Möchtest du ein Pferdchen haben?«
Doch Isabelle heulte nur: »Er lebt! Er ist häßlich und schmutzig! Mama!«
»Das ist er! Das ist der Zauberkopf!« rief Laurette.
»Ich weiß«, sagte ihr Vater. Doch statt den Kasten zu ergreifen, packte er Sibille, verdrehte ihr den Arm auf dem Rücken und schrie sie an: »Endlich, du eingebildete alte Jungfer, endlich taugst du zu etwas. Wünsche für mich, Sibille.«
»Was – was meint Ihr damit, Vater?«
»Ich habe gehört, was er gesagt hat. Glaubst du etwa, ich möchte beim Wünschen meine Seele verlieren? O nein, du wünschst für mich. Als erstes will ich ein Vermögen und ein Schloß an der Loire haben. Beeil dich, sonst kannst du was erleben.«
»Aber Vater, das Gift…«, kreischte Laurette.
»Später, später. Immer schön der Reihe nach. Sibille, wünsche dich an meiner Stelle in die Hölle. Na mach schon, mach schon, sonst wünschst du dir in Zukunft gar nichts mehr.« Sogar Tante Pauline, die den Türrahmen ausfüllte, erstarrte vor Entsetzen. Niemand wagte sich zu bewegen.
Selbst in der unnatürlichen Stille des Zimmers waren die Zauberworte kaum zu hören, so laut schluchzte Sibille. »Bei Agaba…«
»Wehe, du sprichst doppelzüngig. Mach ihm klar, daß das Schloß für mich ist.«
»Ich wünsche mir von dir, daß du… meinem Vater, Monsieur Hercule de la Roque… ein sehr großes Vermögen und… und… ein Schloß an der Loire…«
»Im neusten Stil, in gutem Zustand, mit hervorragenden Jagdgründen…«
»Im… im… neusten Stil… in gutem Zustand… mit hervorragenden… hervorragenden Jagdgründen gibst.«
»Na endlich, Sibille«, sagte Menander. »Das war ein hartes Stück Arbeit – härter als alles in tausend Jahren. Deine Seele wird dir gar nicht so sehr fehlen. Sie ist so leicht, fast unsichtbar, und ihr Menschen fühlt sie fast nie.«
»Hercule, du widernatürliches Ungeheuer. Je eher du tot und begraben bist, desto besser für deine Familie«, sagte Tante Pauline, die unter ihrem Puder noch bleicher war als üblich.
»Aber Vater, das Gift…«, jammerte Laurette. Sie schwitzte vor Angst.
»Gleich, ich will auch ewige Jugend haben«, sagte ihr Vater, der Sibille noch immer in seiner Gewalt hatte. »Mach weiter, Sibille, wünsch es für mich.«
»Tut mir leid«, kam Menander dazwischen. »Ich bearbeite noch den ersten Wunsch.«
»Dann setz ihn einfach auf die Liste und nimm ihn als zweiten dran«, sagte Hercule de la Roque ungeduldig.
»So funktioniert das nicht«, entgegnete Menander. »Zuerst muß ich mir ausdenken, wie ich einen Wunsch erfülle, dann setze ich das Schicksal in Gang, erst dann kann ich mich dem nächsten Wunsch widmen.«
»Das dürfte leicht sein. Hast du so wenig Zauberkräfte, daß du mir nicht einmal ein schlichtes Schloß geben kannst?«
»Oh, ich habe zu meiner Zeit schon Königreiche geschenkt. Und im Augenblick bin ich dabei, Philipp von Spanien den Kopf zu verwirren, damit die Spanier nicht in Paris eindringen. Ich wirke große Dinge, wie du siehst.«
»Dann beeil dich, ich will ewige Jugend haben. Und dann Macht – unendliche Macht… Fürwahr, wenn ich die habe, dann behalte ich dich am Ende doch, Sibille. Du kannst gute Werke für mich tun. Endlich eine pflichtbewußte Tochter. Fürwahr, ich werde dem König, dem Kaiser, ja selbst dem Papst befehlen können.«
»Noch nicht ganz, gieriger alter Mann. Ich denke noch nach. Es gibt da ein kleines Problem«, murrte Menander.
»Was meinst du mit Problem?«
»Nun ja, Sibille hat sich etwas für ihren Vater gewünscht, aber der ist tot. Für einen Toten kann man nichts mehr wünschen. Die Seele ist dort, wo immer sie hingegangen ist. Tut mir leid…«
»Wach auf, wach auf, du vermaledeites Stück Abfall! Wehe, du schließt jetzt die Augen!« Hercule de la Roque war außer sich vor Wut, ließ Sibille los, stürzte zum Bett, packte den Kasten und schüttelte ihn. Der Kopf rollte zu Boden, ihr Vater ergriff ihn am Ohr, das sich löste und in seiner Hand zurückblieb. Unter dem Gekreisch der Frauen trat er nach dem Kopf und trat auf ihm herum.
Doch selbst er fuhr entsetzt zurück, als der Kopf aus der zerstampften Masse erneut Gestalt annahm und sagte: »Könnt Ihr mich nicht in Ruhe lassen, damit ich nachdenken kann? Ich habe Euch doch gesagt, stört mich nicht bei der Arbeit.«
»Wo ist Sibille?« brüllte Hercule de la Roque und blickte wild um sich. »Vermaledeites Miststück! Das hat sie mir angetan.« Doch die Frauen waren alle geflohen. Nur seine Schwester Pauline, dieser riesige Fleischberg, verharrte, auf den Spazierstock gestützt, noch im Zimmer.
»Nun, Hercule, anscheinend hast du wieder einmal alles verdorben. Das war eine dumme Frage. Wenn du das Ding da lange, lange behältst, wacht es vielleicht wieder auf.«
»Ich habe mir schon immer gedacht, daß dieses Mädchen nicht von mir ist. Und der Geburtstag, das Taufdatum – als ich nach Hause kam, hatte ich die Beweise dafür…«
»Hercule, ich habe mit dem Priester geschlafen, um ihn dazu zu bewegen, die Dokumente zu fälschen.«
»Du?«
»Damals war ich hübsch, falls du dich noch erinnerst, und ich wurde in aller Eile mit einem Mann verheiratet, den ich trotz seines Geldes nicht lieben konnte. Der Priester war schön, Hercule, und geistreich – und er hat mir Absolution erteilt.«
»Pauline, du verdienst keine Absolution.«
»Für das, was ich getan habe, o ja. Und er hat gesagt, Gott würde mir verzeihen, wenn ich es wiedergutmache.«
»Wiedergutmachen? Was? Daß du mit ihm geschlafen hast?«
»Nein, daß ich meine beste Freundin verraten habe, denn ich habe den Mann geliebt, der sie erwählt hatte. Du spottest? Ich war zu großer Liebe fähig, damals. Was verstehst du schon von großen Gefühlen? Du und Vater – in eurer Gier… Es war alles umsonst.« Pauline schüttelte den Kopf, ihr seltsames Gesicht eine Maske quälender Erinnerung und des Bedauerns. »Als sie versuchten wegzulaufen und heimlich zu heiraten, war ich es, die sie verriet. Wie vergiftet ich damals war vor Neid! Das war meine Sünde, Hercule. Neid. Ihr Vater segnete mich dafür – und schlachtete ihn ab wie einen Hund. Nie, niemals wollte ich seinen Tod! Und ich war schuld…«
»Wenn es wirklich so war, Pauline, dann war es das einzig Ehrliche, was du jemals begangen hast.«
»Mein ganzes Leben habe ich es bereut und alles gegeben, um wiedergutzumachen, was nicht mehr gutzumachen war. Ja, ich habe dafür gesorgt, daß die Geburtsdaten gefälscht wurden, als du im Krieg warst. Ich hätte sie adoptiert, aber du wolltest es nicht…«
»Sie verdiente es nicht…«
»Aber jetzt ist sie mein, und ich werde alles dafür geben, um sie glücklich zu machen.«
»Pauline, du Hexe…«
»Nur um eine Erbin zu heiraten, warst du zu allem fähig, nicht wahr – sogar zu einem Mord. Du und Helenes Vater habt ihn entkleidet und in den Fluß geworfen in jener Nacht. Leugne es nicht, ich weiß alles. Aber du wußtest nicht, daß du nur Reste bekommen würdest.«
»Dieser verdammte alte Mann… Er hat mich belogen. Wie ihr alle.«
»Die Diener haben nämlich seine Kleidung verkauft. Ich fand seine Gürtelschließe, sein Tagebuch und das Amulett, das er am Hals trug. Mein Gott, die Tränen, die auf das Buch getropft sind! Selbstsucht ist das schlimmste aller Verbrechen…«
»Und du bist die schlimmste aller Verbrecherinnen. Dein Betrug hat mich um die Chance meines Lebens gebracht.«
»Du hattest deine Chancen und hast sie verspielt. Und ich habe lediglich geflickt, was noch zu flicken war. Was dir das eingetragen hat – ha! Einen Scherz – einen Scherz des Schicksals…«
»Du hast mir ein Kuckucksei ins Nest gelegt – dafür könnte ich dich umbringen.«
»Wohl kaum, Hercule. Wenn ich hier sterbe, weiß es alle Welt, und mein Vetter, der Abbé, hat wirklich gute Beziehungen. Ganz zu schweigen von dem guten Priester, der mir Absolution erteilt hat. Er ist hoch gestiegen, Hercule. Ich glaube nicht, daß du wissen möchtest, wie hoch. Hast du gedacht, ich würde deine Gastfreundschaft jemals ohne Zeugen annehmen?« Als sie sich abwandte und aus dem Zimmer marschierte, ergriff ihr Bruder wutentbrannt den Kasten mit dem Zauberkopf und schüttelte ihn noch einmal tüchtig.
»Geh weg, ich habe zu tun«, murrte dieser.
»Zum Teufel mit dir«, schrie Hercule de la Roque. »Bist du zu dumm, um dir zu merken, daß der Wunsch für mich war – für mich – Hercule de la Roque.«
»Das hat das Mädchen nicht gesagt. Wenn du nicht zufrieden bist, dann mach es mit ihr aus«, entgegnete der Kopf mit leiser, hinterhältiger Stimme.
»Sibille«, Hercule de la Roque wurde zunehmend wütend. »Ja, Sibille… gut, ich werde es mit ihr ausmachen.« Mit Zornesfalten auf der Stirn, an den Schläfen schwellenden Adern und hochrotem Gesicht stürmte er aus dem Zimmer und auf die Treppe zu. Die Schatulle unter seinem Arm stieß ein höllisches Gelächter aus. Doch auf halbem Weg die Treppe hinunter blieb er stehen, denn unten wartete jemand auf ihn – mit gezogenem Schwert. Am Fuß der Treppe stand Thibauld Villasse – sein Gesicht hager und verzerrt, seine Kleidung fleckig von Schweiß und Staub des stürmischen Ritts.
»Hercule, gebt mir den Kasten«, sagte Villasse. Ein verzweifelter Ton schwang in seiner Stimme. Machte sich das Gift bereits bemerkbar? Schon glaubte er einen pochenden Schmerz zu verspüren… Oder war es ein brennender? Hatte der Quacksalber davon gesprochen, daß es brennen würde? Oder hatte er etwas von den Augen gesagt? Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. »Gebt ihn mir, beeilt euch!« wiederholte Villasse schrill.
»Niemals! Er gehört mir«, erwiderte Sieur de la Roque wutschnaubend. »Ich muß erst noch etwas mit Sibille klären. Geht mir aus dem Weg, Ihr Hornochse.«
»Bettler! Wie könnt Ihr es wagen…«
Mit einem Satz war er bei Sieur de la Roque und stach den alten Mann nieder, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Während der Kasten vor der Leiche geräuschvoll die Treppe hinunterkollerte, packte Villasse die blutige Trophäe und rannte zur Tür.
»Bei Agaba, Orthnet, Baal, Agares, Marbas beschwöre ich dich. Almoazin, Membrots, Sulphae, Salamandrae öffnet das dunkle Tor und hört mich an. Gib mir, was ich mir wünsche. Entferne das Gift aus meinem Blut.«
»Stört mich nicht, ich muß nachdenken.«
»Erfülle meinen Wunsch, du verfluchtes Ding«, schrie Villasse und schüttelte den Kasten.
»Ich habe Euch doch gesagt, daß Ihr mich nicht stören sollt. Ich denke nach. Wenn ich damit fertig bin, kümmere ich mich um Euren Wunsch. Aber im Augenblick ist noch jemand vor Euch dran. Ein Vermögen und ein Schloß für Sibilles Vater. Oder vielleicht für diesen Kerl, diesen de la Roque. Ein Problem. Das muß ich erst noch austüfteln.«
»Hör auf zu faseln und gib mir, worum ich dich gebeten habe«, rief Villasse, und er war so beschäftigt mit dem Kasten, daß er die stämmigen Feldarbeiter nicht bemerkte, die sich mit Stricken und Mistgabeln leise hinter ihm gesammelt hatten.
»Nicht möglich«, beharrte der Kopf, und Villasse schrie auf, als sich sechs Männer auf ihn stürzten.
»Fesselt ihn!«
»Tötet ihn!«
»Nein, tut ihm nichts. Warum sollten wir uns die Hände schmutzig machen? Fesselt ihn, und den Rest erledigt der Richter.«
Die ganze Nacht über, während er in einer fensterlosen Kornscheuer eingesperrt war und auf die Ankunft des bailli wartete, versuchte Villasse wieder und wieder sich auszurechnen, welcher Tod schlimmer war; der, den das Gesetz vorschrieb, oder der, den ihm Gottes Gerechtigkeit zugedacht hatte. Und welcher würde zuerst eintreten?