Kapitel 22
Tod dem Zauberer!« Die auf eine lange Stange gespießte Figur in der Robe war über der schreienden Menge auf der Place de Grève kaum zu sehen.
»Tod dem Nostradamus!« Männer und Frauen in Holzschuhen und mit Kleidung aus selbstgesponnenem Gewebe liefen herbei und warfen noch mehr Stroh auf die Reisigbündel.
»Verbrennt den Hexer, der den König getötet hat!«
»Au feu, au feu!« Ein Mann hielt eine Brandfackel an das Stroh, wo sie kurz qualmte, dann schoß eine schmale Flammenzunge empor. Am Rand des Platzes, unweit der kunstvollen Gitter des Eingangstors zum Hostel de Ville, stand ein halbes Dutzend Bogenschützen mit breiten Helmen und Harnischen mit Ziernägeln herum, die Arme verschränkt.
»Wer ist Nostradamus?« fragte einer.
»Hast du das nicht mitbekommen? Ein Hexer, der den König mit dem Todeszauber belegt hat.« Die Flammen setzten jetzt den Saum der Robe in Brand, und dichter Rauch verhüllte die Figur.
»Für wen hat er gearbeitet?«
»Man sagt, für die Spione der englischen Königin…« Jubelgeschrei, als die Flammen jäh in der strohgefüllten Puppe hochschossen, die sich in einer Feuersglut auflöste.
»Er soll entwischt sein.«
»Man hat ihn überall gesucht, aber er ist verschwunden. Also mußte man die Wut an etwas anderem auslassen…«
»Ha! Falls er sich jemals wieder in Paris zeigt, ist ihm ein warmer Willkommensgruß gewiß!«
»Alle Zauberer sollten brennen. Erst hier, dann in der Hölle.«
»Nun, Anael«, sagte Nostradamus, der sich die Szene im Wasser seiner Wahrsageschale ansah, »falls ich vorgehabt haben sollte, diese elende Stadt noch einmal aufzusuchen – jetzt gewiß nicht mehr.« Selbst nach Mitternacht lastete die Tageshitze noch drückend im Dachzimmer des Hauses in Salon, und Nostradamus, von dessen Gesicht der Schweiß rann, bedauerte bereits, unter seinem Zaubergewand noch seine schwere Robe zu tragen. Das Metall seiner Armillarsphäre glänzte matt im Kerzenschein, und Anael war nur als dunstiger Umriß zu erkennen.
»Die Menschen lassen keine Vernunft walten«, meinte die nebelige Gestalt. »Die Zukunft vorauszusagen bedeutet nicht, sie auch in die Wirklichkeit umzusetzen.«
»Pariser. Widerliche Menschen. Schlechte Bezahlung. Drohen mir mit der Inquisition. Und jetzt verbrennen sie eine Puppe als mein Abbild. Habe ich dir schon einmal vom Gasthof zum heiligen Michael erzählt? Die Laken waren dreckig, und für den abscheulichen Essig, den sie Wein nannten, hat der Wirt einen Wucherpreis verlangt…«
»Hundertmal, Michel. Du wirst alt und griesgrämig. Aber was noch schlimmer ist, du wirst so vergeßlich, daß du deine Klagelieder wiederholst.«
»Ich? Nie im Leben! Mein Hirn ist so scharf wie ein Küchenmesser. Aber gewiß reise ich nie wieder. Meine Magenverstimmung, ganz zu schweigen von der Undankbarkeit der Leute…«
»Wenn ich du wäre, würde ich mich darauf nicht verlassen«, sagte der Engel der vergangenen und künftigen Geschichte.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ob es heute wäre, weil ich gerade beim Drucker war, um das Manuskript meiner neuesten Dialoge mit dem Titel Cena abzuliefern. Nicht gerade in dem von mir bevorzugten gehobenen Stil geschrieben, entsprach es doch eher dem, was ich bin, als dem, wie ich zu scheinen vorgab wie in meinen früheren Werken. Wenn die Leute es nicht mögen, was soll's? dachte ich. Als ich mein Bündel auf den Tisch legte, holte der Drucker die Druckfahnen meiner Sammlung neuester Gedichte hervor, die im Stil der Zeit gehalten waren und unter dem Titel Garten der Sorgen nur in den ausgewähltesten Kreisen verteilt werden sollten. Gleichzeitig zwei solch unterschiedliche Werke in Händen zu halten – das eine voller Wahrheit, das andere weniger-, regte mich dazu an, über die Heuchelei zu grübeln, und so war ich noch ganz in Gedanken vertieft, daß ich unter einer Leiter durchging, und das sollte man tunlichst vermeiden, weil es immer Unglück bringt.
Bereits als ich in unsere salle trat, merkte ich, daß etwas ganz und gar nicht stimmte. Tante Pauline war so weiß wie eins ihrer Gespenster, hatte dunkle Ringe unter den Augen und saß starr und steif in ihrem großen Polstersessel. Neben ihr stand der Abbé, der noch verhutzelter als gewöhnlich aussah. Sechs schwer bewaffnete Bogenschützen in der Livree der Königinmutter umringten sie.
»Was bedeutet das?« fragte ich.
»Ihre Majestät, die Königinmutter, möchte sich mit Euch beraten und befiehlt, daß Ihr den Kasten mitbringt, den Ihr in Eurer Obhut habt.« Es war soweit. Mir sank das Herz in die Schuhe.
»Aber… Ihre Majestät residiert doch gar nicht in Paris«, stammelte ich.
»Wir sollen Euch nach Chaumont bringen und dafür sorgen, daß Ihr dort wohlbehalten ankommt«, entgegnete der Rittmeister der Bogenschützen.
»Ich… ich muß ein paar Sachen packen«, sagte ich.
»Es wird Euch dort an nichts fehlen. Ihr sollt nicht packen, sondern auf der Stelle mitkommen. Ist das der Kasten, der da hinten steht?« Menander thronte auf seinem gewohnten Platz auf der Anrichte und summte leise, eifrig, fast unhörbar vor sich hin, wie er es beinahe die ganze Zeit tat, jetzt, wo er völlig in seine Überlegungen vertieft war. Du nutzlose, ärgerliche Schachtel voller Unheil, dachte ich. Was ist, wenn sie herausfindet, daß du ihr nun nicht mehr nützlich sein kannst? Sie wird beschließen, daß ich zuviel weiß… Ich muß mir etwas einfallen lassen.
Als wir durch das Stadttor klapperten, musterte ich die grimmigen Mienen der Männer, die mich umringten, und versuchte, sie in eine Unterhaltung zu ziehen. Doch sie gaben keine Antwort, und einer, jünger als die anderen, wandte sogar den Blick ab. Auch Befehl, dachte ich. Sie haben Angst, daß ich mich aus meiner Bedrängnis herausrede. Während wir in Richtung Süden durch die sanft gewellte Herbstlandschaft ritten, wo sich die ersten gelben Blätter zeigten, wurde mir immer klarer, daß mich auf dem abgeschieden gelegenen Schloß der Königin, fern von meinen Verwandten und Freunden und jeglicher Hoffnung, nichts Gutes erwartete.
Es dunkelte bereits, und der Nachtwächter machte seine Runde durch die Straßen, als Madame Tournet Baptiste, mit einem Entermesser bewaffnet, an die Haustür schickte, auf die jemand ungestüm einhämmerte.
»Madame Tournet, ich bin es, Nicolas«, rief eine Stimme, und Tantchen hievte sich, nur mit Hemd und einer Schlafmütze bekleidet, aus dem Bett. Sie ließ sich von ihrer Zofe in einen stoffreichen Hausmantel helfen und eine Kerze anzünden. Als sie in die salle trat, erblickte sie auf der Schwelle Nicolas und seinen Vater, in schwere Umhänge gehüllt und mit Laternen in der Hand.
»Kommt herein und setzt Euch«, sagte sie. Im Dunkeln hüpften die Kerzenflammen der Dienerschaft hierhin und dorthin, während Stühle herangezogen wurden und man eine Flasche Wein nebst Bechern von der Anrichte holte.
»Wo ist Eure Nichte?« fragte der alte Mann. »Mein Sohn ist heute abend eingetroffen. In der Kapelle St. Jacques de la Bûcherie wartet ein Priester, der die beiden noch heute nacht vermählt. Wir werden dafür sorgen, daß sie noch im Morgengrauen außer Landes sind, ehe die Spione der Königinmutter überhaupt darauf kommen, was geschehen ist.«
»Zu spät«, sagte Tante Pauline. »Man hat sie heute nachmittag abgeholt.«
»Sie ist fort?« sagte Nicolas, und sein Blick drückte Verzweiflung aus. »Wohin, um Himmels willen? Hat man es Euch gesagt?«
»Nach Chaumont-sur-Loire«, antwortete Tante Pauline. »Unter schwerer Bewachung.«
»Ein furchtbarer Ort«, sagte Scipion Montvert. »Die Königinmutter soll in Chaumont einen gräßlichen Turm voller Zaubersachen haben und mit Hilfe von Wahrsagern und Zauberern, die sie dort um sich schart, Unschuldige mit einem bösen Bann belegen.«
»Ein schlechtes Omen, würde ich meinen. Es ist offenkundig, daß sie Pläne schmiedet, wie sie Menander den Unsterblichen loswerden kann.«
»Und meine Sibille… meine Sibille… ich reite los, ich reite auf der Stelle los…«
»Selbst der wahren Liebe öffnen sich die Stadttore von Paris nicht vor Sonnenaufgang«, entgegnete Madame Tournet. »Bitte, bleibt über Nacht hier. Ich… brauche Gesellschaft.«
Nachdem sie Nicolas überzeugt hatten, daß er Schlaf benötige, leistete der Bankier Madame Tournet Gesellschaft, während die Kerzen niederbrannten und sie Flasche um Flasche leerten.
»Mein einziger Sohn, Ihr versteht…«, seufzte der alte Mann.
»Ich habe mich seit ihrer Geburt um sie gekümmert…«, sagte Tantchen.
»Ob ich ihn nun gehen lasse oder ihn zum Bleiben bewege – ich verliere ihn so oder so.« Monsieur Montvert stützte den Kopf in die Hände. »Liebe ist eine Katastrophe.«
»Ja, eine Vernunftheirat ist so viel einfacher«, bestätigte Tantchen. Doch vor ihrem inneren Auge sah sie ihren Vater, wie er über ihr stand, als sie den Ehevertrag mit einem Mann unterschrieb, den sie niemals lieben konnte.
»Man sollte zuerst heiraten, wie es sich ziemt, und sich dann liebenlernen«, sagte der Bankier, doch in seinem Herzen stieg das Bild eines Mädchens mit dunklem Teint und braunen Augen an einem gewissen Brunnen in Florenz auf, wie sie ihren Krug füllte. Sorgsam, rasch löschte er das Bild und ersetzte es durch das schmale, kränkliche Gesicht seiner Frau, einer Erbin aus bestem Haus – die Wahl seines Vaters. Sein Vater hatte natürlich recht gehabt. Sein Vater hatte immer recht gehabt.
»Ja, so sollte es sein«, sagte Tante Pauline und schenkte noch einen Becher Wein ein. »Die Liebe ist ein Fluch.«
Doch der alte Bankier erwiderte nichts. Er war – nicht mehr ganz nüchtern – eingeschlafen, und der Kopf war auf die Lehne gesunken. Als er anfing zu schnarchen, bemerkte Tante Pauline eine verirrte Träne auf seinem unrasierten Gesicht. Sorgsam deckte sie ihn mit seinem Umhang zu und taumelte ins Bett, wo sie die ganze Nacht von Blut träumte.
Die wartenden Bootsleute hörten über dem Wasser das Geräusch von Riemen, und die beiden Fackeln, die im Bug des herannahenden Bootes angebracht waren, glühten in der dunklen Nacht wie zwei hellrote Augen. Die Mondsichel über ihnen wurde immer wieder von vorbeiziehenden Wolken verdeckt, zwischen denen hier und da Sterne blinkten. Die Loire war ein schwarzer Fluß mit schwarzen Ufern und spiegelte das flackernde Licht, das sich auf der dunklen Wasserfläche gleichsam wie Öl ausbreitete. An der Anlegestelle stampften ungeduldige Pferde mit leise klirrendem Zaumzeug, und man konnte schwach den Umriß einer Sänfte und Reiter mit Laternen ausmachen.
»Er ist da«, flüsterte ein Wachposten.
»Wurde auch langsam Zeit. Er sollte schon nachmittags eintreffen.«
»Um diese Jahreszeit ist die Strömung ungünstig.«
Das Boot rumpelte, dann knirschte es gegen den Anlegeplatz, und zwei kräftige Männer hievten ein Bündel aus dem Heck.
»Wir sind da, Maistre«, sagte einer. »Legt bitte ein gutes Wort für mich ein, ja?«
»Bei der Königinmutter oder bei den Geistern?«
»Bei beiden, falls Euch das gelingt. Denkt daran, mein Sohn möchte ein eigenes Boot haben.« Auf dem Hügel über ihnen schimmerte im matten Sternenschein eine Festung aus weißem Stein mit spitzen Türmen.
»Hoffentlich erwartet sie nicht, daß ich da zu Fuß hochgehe«, sagte Nostradamus, der sich seine zerdrückte Robe zurechtzupfte wie ein aufgeschrecktes Huhn, das geplusterte Federn glättet. Er machte vorsichtig ein, zwei Schritte, wobei er sich schwer auf seinen Stock stützte. »Meine Gicht! Schlimmer als üblich. Ich sage Euch, das hier ist meine letzte Reise. Geheimmission, pah!« Ein halbes Dutzend schwerbewaffnete Wachen kletterten hinter Nostradamus aus dem Boot.
»Er gehört euch«, sagte der befehlshabende Offizier zu einem der Reiter. »Und vergeßt nicht: Die Königin schneidet euch die Ohren ab, wenn ihm auch nur ein Härchen gekrümmt wird. Er kann nicht mehr als zehn Schritte zu Fuß gehen, braucht zwei Federkissen, ißt nichts Gebratenes und trinkt keinen Wein, der jünger ist als fünf Jahre. Viel Vergnügen.«
Der alte Doktor und ein großes, geheimnisvolles Bündel wurden in die wartende Sänfte verladen. Von Vorreitern mit Fackeln begleitet, schwebte die Sänfte den steil ansteigenden Weg hinauf zum Schloß. Im Wald unter ihnen schuhuten die Eulen. Ein Wachposten bekreuzigte sich abergläubisch. Wer wußte schon, welch dämonischen Zauber das Bündel des furchteinflößenden Propheten des Untergangs barg? Das waren keine Eulen, sondern Satansdiener, die ihren Zunftgenossen willkommen hießen.
Die Königinmutter saß noch spät am Sekretär und schrieb bei Kerzenschein. Es war ein Brief an Madame de Humières, in dem es um die Pflege ihres kleinen Lieblings Hercule ging, der schon wieder mit einer Kinderkrankheit darniederlag. »Und man hat mir versichert, es gäbe ein unfehlbares Heilmittel, das die Gifte in der Lunge löst. Rauch von Eibenholz zusammen mit einem Umschlag aus Lilienöl und Lavendel…« Es klopfte an die Tür, und eine der Hofdamen öffnete und verkündete, Maistre Nostredame sei endlich eingetroffen.
Die Königin ließ alle draußen warten, wo sie sich an der Tür in der Hoffnung drängten, ein, zwei Worte von den Geheimnissen mitzubekommen, die im Zimmer besprochen wurden. Sich gegenseitig Schweigen bedeutend, knieten die Damen nieder, und eine legte das Ohr ans Schlüsselloch, doch alles vergebens. Das einzige Wort, das sie auffing, lautete »Ruggieri«, und das äußerte der alte Prophet voller Entrüstung.
»Richtig, ich habe ihn damals, als ich den Astrologenraum im Turm eingerichtet habe, zu Rate gezogen. Er enthält alles, was Euer Herz begehrt, Maistre – aber Ihr versteht gewiß, daß ich ihm in einer so heiklen Angelegenheit nicht vertrauen konnte.«
»Cosmo Ruggieri könnte keinen Zauberspiegel herstellen, auch wenn sein Leben davon abhinge«, sagte Nostradamus verstimmt.
»Selbst wenn er es könnte«, erwiderte die Königinmutter, »würde er zu meinen Feinden überlaufen und dem Nächstbesten die Informationen verkaufen. Außerdem wißt Ihr, daß ich Euch für den einzig wahren Propheten halte.«
»Anscheinend ist Ruggieris Versuch mißglückt.«
»Woher wißt Ihr?« fragte die plumpe, kleine Frau in Schwarz.
»Vor zwei Tagen schon habe ich es im Boot gesehen. Und aus der Tatsache geschlossen, daß man mich mit der Zusicherung, ich wäre in diesem Fall der einzige Wahrsager, zu dieser Reise gezwungen hat. Meine Gabe ist ein Fluch«, knurrte er.
»Ich muß es wissen«, sagte sie geheimnisvoll.
»Was genau?«
»Ich dächte, das hätte Euch Eure Gabe bereits eingegeben«, gab die Königinmutter etwas spitz zurück.
»Und wenn schon, ich möchte es aus Eurem Munde hören.«
»Nun gut, ich muß wissen, wie es um die Zukunft des französischen Throns bestellt ist. Es ist wichtig für mich.«
Damit meint Ihr, wie lange die Königin der Schotten und die Guise im Hühnerstall noch das Sagen haben, dachte der alte Prophet. »Ein Zauberspiegel ist ein sehr empfindliches Ding«, sagte er. »Glücklicherweise habe ich mit den zweiundvierzig Tagen der Reinigung bereits auf der Reise angefangen, wir werden also beim nächsten Vollmond bereit sein.«
»Ihr seid entlassen«, sagte die kleine Frau in Schwarz. »Wenn Ihr geht, sagt meinen Dienerinnen, sie können zurückkommen. Und denkt daran, daß Euch eine reiche Belohnung winkt, wenn Ihr mich nicht enttäuscht.«
Lieber wäre mir für heute nacht ein anständiges Bett, knurrte der alte Prophet in seinen Bart. Dieses Versprechen dürftet Ihr eher halten. Vielleicht sollte ich um einen Vorschuß bitten, ehe ich mich an den Spiegel mache. Wenn sie erst gesehen hat, was er vorhersagt, breche ich höchstwahrscheinlich mit leeren Händen auf. Hmm. Wie bringe ich das taktvoll an? Ich könnte vielleicht mehrere Pfund seltene Kräuter und Gewürze für den Zauber brauchen. Etwas, was man gegen harte Münze weiterverkaufen kann. Eines steht jedoch fest, diesmal möchte ich mir nicht das Geld für die Rückreise borgen müssen.
Neun Stunden nach Nostradamus' nächtlicher Ankunft erreichte Nicolas Chaumont bei hellichtem Tag. Da saß er nun auf seinem kleinen Pferd, musterte das Schloß, das über ihm thronte, und begriff allmählich, wie aussichtslos seine Mission war. Chaumont dräute über der Loire auf der Kuppe eines grünen Hügels. Auf der Landseite von Wald eingeschlossen, wirkte es abgeschieden und düster: vier Flügel um ein Geviert gebaut, von einer Burgmauer umgeben, eine Festung, die erst noch zu einem Lustschloß im neuen Stil umgebaut werden sollte. Die weißen Türme hatten schiefergedeckte Spitzdächer, die Fenster waren schmal, und der einzige Zugang führte über eine Zugbrücke. Wie sollte er jemals dort hineinkommen, grübelte Nicolas. In der guten alten Zeit wäre er in voller Rüstung hinaufgesprengt, hätte auf den Schild am Tor eingehämmert und den Verwalter des Schlosses zu einem ehrlichen Zweikampf gefordert; als Sieger hätte er dann die bedrängte Jungfrau aus den Fängen ihrer bösen Häscher befreit. Doch in ein Lederwams und einen staubigen kurzen Umhang gekleidet saß er nun auf einem gescheckten Pferdchen, das einem Schlachtroß so wenig ähnelte wie er einem Ritter in schimmernder Rüstung. Na schön, sagte er sich, das Zeitalter des Rittertums geht vielleicht zu Ende, aber das des Geistes dämmert herauf; wozu habe ich eigentlich einen hellen Kopf?
Die Zugbrücke wurde offensichtlich zur Nacht nicht hochgezogen, und während er so zuschaute, sah er, daß Besucher, offenbar Menschen von Rang, angehalten und befragt wurden. Wagen mit Getreide und Heu rumpelten jedoch aus und ein, als wären sie unsichtbar, alte Frauen mit Körben voller Eier auf dem Kopf, Schweinehirten mit ihren Schweinen und Melkerinnen mit Kühen wurden nicht aufgehalten. Das ist es, dachte er, als er sein Pferd zum Dorfgasthof führte, um es dort einzustellen, und dann zu Fuß bergauf ging. Vor ihm mühte sich ein Ochsengespann, das einen Karren mit Weinfässern zog, die ausgefahrene Straße hinauf; der Eigentümer der Fässer war abgestiegen und schob, während der Junge, der das Ochsengespann lenkte, die Peitsche über ihren Rücken knallen ließ – jedoch mit kläglichem Erfolg.
»He, Bursche, laßt mich helfen!« rief Nicolas und dankte den Sternen, daß er nun doch nicht in schimmernder Rüstung daherkam. Nach kurzem Verhandeln verstaute er seinen verräterischen Schwertgurt und seinen Umhang im Karren und mühte sich mit dem Winzer, den Karren aus den tiefen Furchen zu schieben. Nichts einfacher als das, dachte er, als sie den Wachposten passierten, ohne angerufen zu werden, und holte sein Schwert zwischen den Fässern hervor. Und ehe jemand auf den Gedanken kam, ihn zu befragen, duckte er sich in den nächsten Eingang, der auf den gepflasterten Hof ging. Einfach drauflosgehen, als ob du in Geschäften unterwegs bist, sagte er sich.
»He, Bursche, wohin des Wegs?« fragte der Rittmeister der Bogenschützen, der auf der Treppe stand.
»Kurier von Signor Gondi für Ihre Majestät, die Königinmutter«, sagte Nicolas mit starkem italienischem Akzent.
»Ha! Der Bankier! Bring demnächst meinen Sold mit!« Nicolas tat, als sei es mit seinem Französisch schlecht bestellt, nickte jedoch freundlich, wie es Fremdländer tun, wenn sie einen Witz nicht verstehen, und eilte zum Treppenabsatz hoch. Ein unangenehmer Gedanke durchzuckte ihn. Wie sollte er in dieser Ansammlung von Stein herausfinden, wo man seine Sibille versteckte?
»Bursche, dort geht es nicht zu den Gemächern der Königinmutter!« rief der Wachposten und deutete vage in eine Richtung.
»Mille grazie«, bedankte sich Nicolas.
»Vermaledeiter Fremdländer«, brummte der Wachposten und spuckte auf die Steintreppe.
Nicolas tat so, als wüßte er, wohin er wollte, und ging in die Richtung, die ihm die Hand gezeigt hatte, bis er außer Sichtweite war; dann wandte er sich an einen Pagen, der einen Wasserkrug trug, und der sagte ihm, daß die Königin gerade die Astrologenkammer verlassen habe. Astrologenkammer, dachte Nicolas. Genau der Ort, wo sie wohl den widerlichen sprechenden Kopf aufbewahrt. Und wo der Kopf ist, da muß auch Sibille sein. Mit der Hand am Schwertknauf stieg er die Stufen zum Observatorium im Turm hinauf, wo er die Astrologenkammer vermutete. Als er durch die Tür stürzte, stand er in einem hohen Raum mit Ziegelsteinwänden, in dem das letzte Zwielicht gedämpft durch hohe, schmale Fenster fiel. Auf einer riesigen offenen Feuerstelle stand ein Athanor, in der Ecke erblickte er ein Himmelbett, längs der Wand einen Arbeitstisch mit Büchern, Flaschen und einem menschlichen Schädel.
»Herein«, sagte eine Stimme aus dem Schatten, und Nicolas machte hinten im Raum die Gestalt eines Mannes von mittlerem Wuchs und mit langem Bart aus. Vor ihm auf einem Schreibtisch lag etwas Flaches, Metallisches, und auf dem Boden stand ein Käfig mit lebenden Tauben. Der Mann trug Hut und Arztrobe. Montpellier, nicht Paris, dachte Nicolas. Ich kenne ihn. Das ist der Doktor, der Sibilles Arm behandelt und mir mein Sternzeichen auf den Kopf zugesagt hat.
»Ich habe Euch erwartet«, sagte der alte Mann.
»Doktor Nostredame«, sagte Nicolas, »was macht Ihr hier?«
»Ein geheimer Auftrag«, erwiderte der große Prophet, trat aus dem Dunkel und begrüßte Nicolas. »Wenn Ihr es unbedingt wissen müßt, ich soll einen Zauberspiegel herstellen, für den man mir vermutlich weitaus weniger bezahlt, als er wert ist. Und ich, ich verlasse mein schönes, warmes Klima, das meinen Gelenken so zuträglich ist, lasse mich wie einen Sack Gerste von der Leibwache der Königin mitten in der Nacht abschleppen, und das alles, weil eine Dame mittleren Alters das schlechte Gewissen plagt. Und dabei hätte sie mich um Rat bitten können, als noch Zeit war, alles zu bereinigen. Aber nein, nein. Cosmo Ruggieri, Simeoni, Gauricus, jeden alten Quacksalber, der bei ihr angeklopft hat – nur nicht Nostradamus, der immer schon gewußt hat, daß sie besser die Finger davon gelassen hätte. Und warum seid Ihr hier?«
»Ich denke, das wißt Ihr auch schon«, entgegnete Nicolas.
»Nein, ich hatte nur einen dieser kleinen prophetischen Träume, daß Ihr hier vollgestaubt stehen und mich mit irgend etwas belästigen würdet. Sagt, was Euer Begehr ist, und dann geht.«
»Das muß Schicksal sein«, seufzte Nicolas. »Ich bin gekommen, weil ich Sibille Artaud de la Roque retten will, meine einzig wahre Liebe. Sie wird hier gefangengehalten, aber ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Ihr jedoch, ein Wahrsager, müßt sie doch auf der Stelle finden können.«
»Ah, die Dichterin. Und Ihr erwartet, daß ich sie finde?« sagte der alte Doktor. »Aber sagt, warum glaubt Ihr, daß sie hier ist?«
»Ihr wißt doch, dieser grausige mumifizierte Kopf, den man ihr aufgebürdet hat«, sagte Nicolas. »Ihre Tante Pauline glaubt, daß die Königin ihn jetzt loswerden will. Und die einzige Art, ihn loszuwerden, besteht darin, auch Sibille loszuwerden.« Unversehens fiel Nicolas vor dem alten Mann auf die Knie, nahm den Hut ab und drückte ihn ans Herz. »Maestro, Ihr müßt mir helfen. Ich flehe Euch an. Falls Sibille etwas zustößt, muß ich mich töten, und das würde meinem Vater das Herz brechen.«
»Eures etwa nicht?« fragte der alte Doktor und kicherte. »Ach, ihr Jünglinge. Als ich in Eurem Alter war, hatte ich auch eine Leidenschaft – aber die galt der Weisheit.«
»Die Weisheit, die ich habe, genügt mir. Ich will nur Sibille. Rettet sie, Maestro!«
»Ach, mein lieber junger Mann. Wir erlangen im Leben oftmals mehr Weisheit, als uns lieb ist. Aber wie dem auch sei – ich merke schon, Ihr seid drauf und dran, Euch mit gezücktem Schwert auf die Palastgarde zu stürzen, um Eure Demoiselle zu retten, was Euch nur zu einem verfrühten Ableben verhelfen würde. Verlaßt Euch also auf mich. Heute um Mitternacht kommt die Königin zu mir, um sich die Zukunft auslegen zu lassen. Ich habe da einen Plan.«
»Einen Plan? Nur einen Plan?«
»Aber der Plan ist von Nostradamus, junger Mann.«
»Nicolas bitte.«
»Gut, dann Nicolas. Nicolas, bleibt also und helft mir. Ich bin zu steif, um das alles allein zu machen. Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat, als sie mich auf diese Weise hierher zerren ließ. Ich hätte ihr doch alles mit der Post schicken können.« Der alte Doktor brummelte etwas in seinen Bart und öffnete den Taubenkäfig.
»Was soll ich tun?« fragte Nicolas.
»Als erstes kramt Ihr mir etwas aus der Truhe da. Ich brauche eine menschliche Tibia.«
»Eine was?«
»Ein Schienbein. Und falls Ihr daran interessiert seid, zeige ich Euch, wie man eine Katze magnetisiert.«
»Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich. Da, sieh dir an, was du wieder angerichtet hast«, sagte ich zu Menanders Kasten, der vor mir in schimmligem Stroh auf dem Boden stand. Das einzige Licht in dem kleinen Raum mit seinen Steinmauern spendete eine flackernde Kerze in einem schäbigen eisernen Kerzenhalter. Ein Luftzug, der aus unbestimmter Richtung wehte, verschaffte mir etwas frische Luft. Doch es gab nicht einmal ein Fenster. Einen Stuhl auch nicht, und Wände und Fußboden schwitzten Feuchtigkeit aus. »Ich habe kalte Füße, und wenn ich weiter so auf dem Boden hocke, schläft mir noch die Kehrseite ein.«
»Halt den Mund, ich muß nachdenken«, schimpfte das Ding im Kasten, dann schwieg es wieder. Das hier dürfte der tiefste Keller im ganzen Bergfried von Chaumont sein, dachte ich. Man hat mich zum Narren gehalten, als man mich hier einsperrte. Das hat jemand anders angeordnet, nicht die Königin. Jemand, der es auf Menander abgesehen hat, und das heißt, ich bin so gut wie tot. Wer hört mich hier schreien, so tief unten, hinter einer so schweren Tür? Dann dachte ich an Nicolas, der nicht einmal erfahren würde, was mir zugestoßen war, und da liefen die Tränen, und ich schluchzte lange, lange vor mich hin. Plötzlich vernahm ich ein Schlüsselklirren, dann wurde die Tür nach innen geöffnet. Auf der Schwelle stand ein Wachposten mit einem Schlüsselring und einer brennenden Fackel, hinter ihm sah ich zwei weitere Wachen und einen hünenhaften Burschen mit Lederschürze, der einen großen Sack in der Hand hielt. Wortlos betraten sie nacheinander den Raum. Ihnen folgte ein weiterer Wachposten mit einer Fackel, und dann stand die Königin höchstpersönlich vor mir. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und hatte sich einen dichten schwarzen Schleier vors Gesicht gezogen. Das verhieß nichts Gutes.
»Mademoiselle de la Roque, Ihr könntet zumindest aufstehen, wenn Eure Königin das Zimmer betritt.«
»Es tut mir sehr leid, aber meine Gelenke sind ganz steif, und die Beine sind mir eingeschlafen«, sagte ich und tat so, als ob ich mühsam hochkommen wollte, es jedoch nicht schaffte. Wenn man umgebracht werden soll, kann man als erstes auf gute Manieren verzichten.
»Ihr versteht gewiß, daß die Zukunft des Staates Vorrang hat vor Euren persönlichen Belangen… Eure Gedichte werden Euch überleben, das dürfte Euch ein Trost sein.«
»Ich hätte lieber Kinder, die mich überleben. Was Ihr im Sinn habt, ist ganz und gar ungerecht.«
»Es ist nun einmal so, daß Menander vernichtet werden muß, und da Ihr bedauerlicherweise nicht von ihm zu trennen seid, muß ich auf Eure Anwesenheit bei Hofe verzichten. Dieses Opfer muß ich einfach bringen.«
Wie niederträchtig und kalt die Königin war – es wollte mir nicht in den Kopf, daß ich sie einmal nett gefunden hatte. O Sibille, sagte mein dichterisches Selbst, blauäugig wie ein Kind hast du dir Honig um den Mund schmieren lassen, und nun bist du verloren. Der arme Nicolas wird dein Grab vergeblich suchen, und das bricht ihm das Herz. Alles war sehr poetisch. Aber mein niedrigeres Selbst sagte, mach es ihr nicht so leicht. »Mein Blut wird Euch mit ewiger Schuld beflecken«, sagte ich, doch die Königin schien sich nicht daran zu stören.
»Ich bin bereits verflucht«, sagte sie, »und alles durch Eure Schuld, weil Ihr mir das teuflische Ding im Kasten da vor Euren Füßen gebracht habt. Und das, obwohl Ihr wußtet, was es anrichtet. Ihr habt schuld am Tod des Königs.«
»Wohl kaum. Schließlich wolltet Ihr es haben, und hättet Ihr nicht nach Menander geschickt, wäre mir vieles erspart geblieben, und ich würde in diesem Augenblick in meinem Vaterhaus sein und glücklich Pflanzen zeichnen und Gedichte schreiben.« In Wirklichkeit würde ich ganz und gar nicht glücklich sein, dachte ich. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. Im Vergleich dazu bin ich mit Menander besser gefahren – aber es ist und bleibt ungerecht.
»So geht es, wenn Frauen mit ihrem Los nicht zufrieden sind und nach Ruhm und Ehre streben«, entgegnete die Königin. »Laßt Euch das eine Lehre sein; die Frau wird gekrönt durch den Dienst an ihrer Familie. An allem, was geschehen ist, seid Ihr schuld. Ihr habt Glück, daß ich so gnädig bin. Den Becher und die Flasche…« Sie winkte dem Mann mit der Schürze und dem großen Sack, der eine kleine Flasche und einen Metallbecher herausholte und ihr beides reichte. Sie füllte den Becher, und auf ihren Wink hin stellte er ihn neben mich. »Das hier wirkt sehr schnell«, sagte sie. »Ihr könnt wählen, entweder das oder den langsameren Weg.«
»Was meint Ihr damit?« schrie ich und kam mühsam hoch.
»Aha, jetzt könnt Ihr aufstehen. Ich habe immer gewußt, daß Ihr unverschämt seid. Ja, Ihr verdient Euer Los wirklich. Haltet sie fest, während er den Kasten da verschließt«, befahl sie, und während ich mit den Wachen rang, holte der Mann mit der Schürze einen Holzhammer und sieben lange Nägel aus seinem Sack und hämmerte sie mitten durch Menanders Kasten.
»Aufhören«, kam eine lederne Stimme von innen. »Ihr stört mich beim Denken.«
»Ich versichere dir, von nun an wirst du ewigen Frieden haben, boshaftes Ding«, gab die Königin zurück.
»Was habt Ihr vor?« rief ich.
»Nun, die Tür verschließen und dann zumauern, damit sie völlig unsichtbar ist. Die Wachen hier habe ich ausgewählt, weil sie taubstumm sind. Die verraten kein Sterbenswörtchen, wo Ihr oder der schreckliche Zauber geblieben seid, mit dem Ihr den König vernichtet habt.«
»Lügnerin! Das habt Ihr getan!« schrie ich und biß dabei den Wachposten, der mich festhielt, in die Hand. Es gelang mir, mich loszureißen, und ich wollte aus der Tür laufen, bevor sie für immer verschlossen würde. Einer der taubstummen Wachen schnappte mich, seine riesigen Hände hielten mich an den Armen fest, ich trat nach ihm, dann machte es ratsch, mein Kleid zerriß, und ich rannte zur Tür. In dem Gerangel hörte ich, wie die Königin ungeduldig hervorstieß: »Wie könnt Ihr es wagen!« Dann packten mich zwei kräftige Arme, und ich landete ziemlich unsanft am Boden, als auch schon die Tür zuschlug. Die Kerze war umgefallen und auf dem feuchten Boden erloschen. Da lag ich nun allein im Dunkeln und tastete den Boden ab, dabei verschüttete ich das Gift. Wie lange dauert es, bis man verhungert, dachte ich.
An der Tür war ein merkwürdiges Schaben zu vernehmen – ja, das war es: Jemand strich Mörtel glatt. »Laßt mich raus, laßt mich raus! So begreift doch. Menander kann keine Wünsche mehr erfüllen. Er ist zu beschäftigt. Begreift Ihr das denn nicht? Er ist wertlos!«
Ganz leise drang die Antwort der Königin zu mir: »Aber, aber meine Liebe, Ihr seid es, die nicht begreift! Es darf auf dieser Erde keinen lebenden Zeugen geben, der Kenntnis davon hat, was meine Wünsche ausgelöst haben. Und Ihr – Ihr allein – wißt, wie sie gelautet haben und wie sie in Erfüllung gegangen sind.«
»Das ist so ungerecht!« schrie ich durch die verschlossene Tür.
»Das Leben ist ungerecht«, sagte die Stimme vor der Tür und verklang. Alles, was ich noch hörte, war das Schrapp, Schrapp, Plopp, mit dem die Ziegelsteine aufgemauert wurden.
Und ich gebe nicht auf, noch bin ich am Leben, redete ich mir zu, während ich völlig außer mir auf dem Boden nach dem Kerzenhalter suchte. Wie konnte er mir nützlich sein? Er hatte einen Griff, einen runden Rand und einen Dorn, auf dem die Kerzen aufgespießt wurden. Mir war aufgefallen, daß die Tür nach innen aufging: Das hier war also kein Gefängnis, sondern irgendein Lagerraum, ein Ort, wo niemand nach einem menschlichen Wesen suchen würde, das keiner vermißte, wenn man es einschloß. Die Türscharniere waren innen angebracht, und falls es mir gelänge, sie zu lösen und die Tür herauszunehmen, folgerte ich, könnte ich mit dem Kerzenhalter den Mörtel wegkratzen, ehe er getrocknet war, und die Ziegelwand zum Einsturz bringen. Ich preßte das Ohr an die Tür. Nichts mehr zu hören. Was war, wenn man vor der Tür Wachen postiert hatte? Würden die mein Tun bemerken? Warum hatte ich die Tür nicht eingehender gemustert, als die Kerze noch brannte? Und wenn es keine Stifte in den Scharnieren gab? Wenn sie zu schwer und eingerostet waren und sich nicht bewegen ließen? Voller Entsetzen und mit eiskalten Fingern tastete ich im Dunkeln nach der Türkante.