Kapitel 5

16. März 1554

Meine Frau wird zwei Tage vor Michaeli ihr bestes Umschlagtuch einbüßen. Die neue Magd, die nächsten Monat zu uns kommt, wird es stehlen. Marie wird dann mit dem Blechschmied durchgebrannt sein, der sich mit seinen Töpfen und Pfannen in die Küche eingeschmeichelt hat. Anne daran erinnern, daß sie keine Mägde mit fehlendem Vorderzahn einstellt. Habe ihr eindringlich gesagt, daß der Zuber zum Wäschekochen nicht ausgebessert werden muß. Aber wann hätten Frauen jemals zugehört?

Letzten Dienstag das Geburtsdiagramm für meinen Sohn César vollendet. Das Sprichwort ›Schusters Kinder gehen barfuß‹ hat etwas Wahres. Der Junge ist darüber fast ein Jahr alt geworden. Vielversprechend! Aus ihm wird einmal ein namhafter Historiker, und er wird die Vergangenheit erforschen wie ich die Zukunft. Vielleicht ein sichererer Weg – nein, Tyrannen und Gönner wollen ihre Vergangenheit genauso geschönt haben wie ihre Wünsche und Marotten für die Zukunft. Nur Heilige legen keinen Wert auf diese Art Schmeichelei. Und Heilige gehören nicht zu den Gönnern von Historikern oder Weissagern. Ich will ihm mein großes Werk widmen, Centuries, falls mir der Geber aller guten Gaben die Zeit zugesteht, es zu vollenden.

Eine Gesichtssalbe bestellt, deren Rezeptur ich für Madame de Peyrés angefertigt habe. Dem elenden Apotheker gesagt, daß ich woanders herstellen lasse, falls er nicht schneller arbeitet. Madames Sohn hat sich von seinem Katarrh erholt, nachdem man ihm den Kopf mit meinem Balsam aus Lilienöl, Gartenraute, Dill und Mandeln eingerieben und ihm ein von mir erfundenes Klistier verabreicht hat, das die schädlichen Säfte austreibt. Ha! Und das alles, nachdem dieser falsche Arzt von der Pariser Fakultät angeordnet hatte, ihm Blut aus der Lebervene abzuzapfen! Hätte er mein Buch gelesen, statt den sogenannten Weisheiten seiner jämmerlichen Lehrer anzuhängen, dann hätte er gewußt, daß dergleichen nur bei Rippenfellentzündung hilft, die der Schwachkopf nicht von einer Wintererkältung unterscheiden konnte. Nachdem seine Kur nicht angeschlagen hatte, ist er mit eingekniffenem Schwanz in seinen Hundezwinger an der Seine zurückgekrochen. Ich sage immer, man sollte sie mit ihren eigenen Lanzetten zur Ader lassen und ihnen eine Dosis ihrer eigenen falschen Arzneien eintrichtern, bis sie den Himmel um Gnade für ihre Sünden anflehen.

Ich selbst… Auf königlichen Befehl in zwei Jahren eine lange, unerquickliche Reise gen Norden. Ein Mann meines Alters wird es leid, daß man wie nach einem Damenschneider nach ihm schickt. Sehe für diese Reise wenig Gewinn und viel Ärger voraus. Muß mich erneut mit Anael beraten.

Das geheime Tagebuch des Nostradamus

Nostradamus hatte nicht die Absicht, an jenem goldenstaubigen Augusttag auf der Straße Paris-Orléans zu sein, als er der alleinreisenden Dame im schwarzen Kleid vor der Schänke begegnete. O nein, der gute Doktor hätte es vorgezogen, in seinem bequemen Haus in Salon de Provence zu bleiben, wo er, umgeben von seinen zahlreichen Familienmitgliedern, einen florierenden Versandhandel mit Weissagungen betrieb und obendrein noch gewinnträchtige Almanache für Bauern und medizinische Bücher zur Selbsthilfe herausbrachte. Er reiste ungern: Zu seinem grauen Bart hatte sich die Gicht gesellt. Daher verließ er sein Heim nur noch, wenn es seine reichen ortsansässigen Gönner oder sein Lehrstuhl an der medizinischen Fakultät der Universität Montpellier von ihm verlangten. Das war nicht immer so gewesen. Betäubt vom Tod seiner ersten Frau und seiner Kinder, die Praxis vernichtet, hatte er auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens Europa und Asien durchwandert. Er hatte zu Füßen von Magiern, Philosophen und Mystikern studiert. Was er gefunden hatte, war – nun ja, was es auch immer war, es führte dazu, daß er in seine sonnige Heimat zurückkehrte, eine wohlhabende und gutherzige Frau ehelichte und sich in einem behaglichen Haus niederließ, das von einer wachsenden Zahl Nachkommen bevölkert wurde.

Nun hatte ihn das Schicksal abermals auf eine Reise geschickt. Er hatte es vor zwei Jahren mit gelindem Ärger in der mit Gravuren versehenen Wasserschale aus Messing kommen sehen, die in seinem Geheimzimmer auf einem hölzernen Dreifuß stand. »Vermaledeit«, hatte er gesagt, als er sein Abbild hoch zu Roß erblickte, das nach einem anständigen Gasthof Ausschau hielt. Der Geist der vergangenen und zukünftigen Geschichte namens Anael beugte sich über seine Schulter und lachte stillvergnügt.

»Geschieht dir recht, da du mich zu so ungelegener Zeit belästigst«, sagte er. Das war im Jahre 1554 in einer stürmischen Märznacht um die zwölfte Stunde, zwei Jahre vor seiner langen und beschwerlichen Reise gen Norden. Der Wind klapperte mit den Fensterläden und pfiff gespenstisch, und die Balken des Hauses knarrten.

»Ich habe dich um eine Vision vom Ende der Zeit gebeten, nicht um das da.« Draußen zogen regengeblähte Wolken über das bleiche Antlitz des Mondes. Eine angemessene Nacht zum Beschwören von Geistern, wenn auch ein wenig kühl.

»Tut mir leid«, sagte Anael. »Bei mir liegt alles durcheinander. Ihr Menschen unterteilt die Geschichte in ordentliche Kategorien, wenn sie Vergangenheit ist. Dann schreibt ihr alles auf, und für euch ergibt das einen Sinn, aber nicht für mich. Ihr verwahrt die Geschichte auf eure Weise, ich auf meine. Na und?« Jetzt prasselte der Regen auf das Dach und spritzte in Schauern gegen die Fensterläden. Der Meister des Okkulten trug zum Schutz vor Kühle und Feuchtigkeit unter der heiligen weißen Wahrsagerrobe aus Leinen einen pelzgefütterten Morgenmantel. Hausschuhe aus Pelz und ein seidengefütterter viereckiger Doktorhut, mit Pferdehaar versteift und von einem Knopf geziert, vervollständigten den Aufzug. Es ging um die Autorität. Geistern mußte man zeigen, wo ihr Platz ist.

Nostradamus zog sein kleines grünes Notizbuch hervor, das geheime, das nur für Vorhersagen für sich und seine Familie bestimmt war, und schrieb: »Eine lange, unerquickliche Reise gen Norden…«

»… auf königlichen Befehl«, half Anael nach und legte einen schemenhaften Finger – dunkelblau wie wehender Rauch – auf die Stelle in dem Büchlein, wo die Feder des alten Doktors innegehalten hatte.

»Königlicher Befehl? Dann schaut am Ende ein wenig Geld dabei heraus«, sagte der Doktor und wurde merklich heiterer.

»Darauf würde ich nicht rechnen«, sagte Anael.

»Böser und ungehorsamer Geist«, skandierte Nostradamus und spritzte ein wenig Wasser aus der Bronzeschale in Anaels Richtung, »beuge dich meinem Willen. Ich beschwöre dich mit den vier Wörtern, die Gott zu seinem Diener Moses sprach, Josata, Ablati, Agla, Caila…«

»Schon gut, schon gut, wenn du es so haben willst«, fügte sich der Geist, richtete sich zu voller Größe auf und stieß dabei an die Decke des Studierzimmers, dann verschränkte er die Arme. Anael war ein stattlicher Geist: Aus irgendeinem Grund, den nur ein spielerischer Gott kannte, war er nicht nur der Hüter vergangener und zukünftiger Geschichte, sondern auch des Planeten Venus mit all seinen Epizyklen und Einflüssen. Sein äußeres Erscheinungsbild war das eines jungen Mannes, doch völlig nackt und mit langem, ungebärdigem Haar. Er war durchscheinend und von mitternachtsblauer Farbe mit kleinen, funkelnden Sprenkeln, die umherwirbelten, wenn Anael sich ärgerte – so wie jetzt. Dazu kam ein riesiges Paar rabenschwarzer Flügel, die irisierend blau und violett schimmerten und die er wie einen Umhang zusammengefaltet hatte. Seine seltsamen gelben Augen schienen bis zum Anfang und Ende der Zeit zu sehen. Dazu besaß er ein bezauberndes spöttisches Lächeln und einen recht seltsamen Sinn für Humor, wie sowohl die Geschichte als auch die Liebe zu wiederholten Malen bewiesen haben…

»Zeige mir, o Geist, eine Vision vom Ende der Zeit«, beschwor Nostradamus, steckte das grüne Notizbüchlein weg und holte ein großes aus braunem Leder mit Prägung hervor. Das stand voller Weissagungen, die der Geist ihm eingegeben hatte: Kriege, Todesfälle, Eroberungen. Es sollte sein Meisterwerk werden, der Almanach der Almanache, und die französische Monarchie leiten bis zur Wiederkehr des Herrn und bis zum weltweiten Triumph des katholischen Glaubens. Zur Fertigstellung war nur noch eine aufrüttelnde Vision vom Ende der Zeit erforderlich, dann konnte es gedruckt werden. Als er es Anael zum ersten Mal erläuterte, hatte der hämisch gelacht. Dann hatte der Geist das Wasser bewegt und ihm die Vision eines bleichen, fetten kleinen Mannes gezeigt, dem vor einer Menge vulgärer Menschen mit Hilfe einer Art Apparatur der Kopf abgeschlagen wurde. In jener Nacht waren Michel de Nostredame ein paar neue weiße Fäden in seinem Bart gewachsen, die seine Frau zu dem Rat veranlaßten, von seiner haarsträubenden Liebhaberei abzulassen, nämlich der nächtlichen Beschwörung höllischer Geister.

»Unfug, mein Schatz. Das bedeutet Brot und Butter auf dem Tisch. Außerdem möchte ich sehen, wie alles endet«, hatte er ihr entgegnet. Sie seufzte. So ein guter Mann, so weise, so würdevoll und ansehnlich und ein so guter Vater. Vermutlich ist diese ganze Magie besser als eine Mätresse, dachte sie. Mutter hat immer gesagt, daß auch der beste aller Ehemänner eine Schwäche hat. An diesem Abend kochte sie ihm sein Lieblingsgericht. Dazumal, als der Geist mir gezeigt hat, welche Frau ich heiraten sollte, da hat er gute Arbeit geleistet, erinnerte sich der alte Doktor, während er darauf wartete, was er ihm dieses Mal zeigen würde.

Doch Anael war vom Bauchnabel an unsichtbar. Man hörte Gepolter und Geklapper, so als ob er in einem großen unordentlichen Schrank herumkramte. »Scheine ich verlegt zu haben«, kam eine Stimme aus dem Nichts herangeweht. »Möchtest du einen Antichrist haben?«

»Was meinst du mit einem? Gibt es denn mehrere?« fragte Nostradamus, der langsam eine Gänsehaut bekam.

»Oh, und hier ist noch einer, der dir vielleicht gefällt.« Auf einmal spürte der alte Mann seine Erschöpfung.

»Na schön, zeige sie mir. Es ist spät, und morgen muß ich zur Taufe von Sieur de Granvilles Sohn. Sein Bruder hat als Geschenk ein Horoskop bestellt, und das muß ich noch zu Ende abschreiben.« Die obere Hälfte des Geistes tauchte wieder auf, er hatte die Arme verschränkt und eine geheimnisvolle Miene aufgesetzt, und seine gelben Augen wirkten schwarz und unergründlich. Nostradamus ließ das Wasser in der Messingschale kreisen, dann blickte er lange Zeit hinein. Als sich das Wasser beruhigte, bildeten sich allmählich Farben und Formen.

Ein überfüllter Saal mit Männern und Frauen in üppigen, fremdartigen Gewändern. Eine Zeremonie. Der Papst mit sämtlichen Insignien seiner Macht. Er sieht alt und krank aus. Er will einem gedrungenen kleinen Mann mit schlauer Miene und durchdringendem Blick eine höchst merkwürdige Krone aufsetzen, keine königliche Krone, sondern eine, die an den goldenen Lorbeerkranz der römischen Imperatoren aus alter Zeit gemahnt. Plötzlich greift der Mann nach oben und nimmt dem Pontifex die Krone aus den zitternden Händen. Er krönt sich selbst.

»Ein Usurpator«, flüstert Nostradamus. »Er hat sogar den Papst bezwungen. Was hat er sonst noch getan?«

Eine Stimme hauchte dem alten Mann etwas ins Ohr. Mit der Vorsicht, die eine kurze Begegnung mit der Inquisition bewirkt hatte, verschlüsselte Nostradamus die Silben und vermischte sie. Soll sie doch jemand anders entschlüsseln, wenn die Zeit gekommen ist. »Po, Na, Loron.« Napoleon.

»Wird die einzig wahre Kirche vor dem Ende siegen?« fragte der alte Prophet.

»Immer stellst du die falschen Fragen«, entgegnete der Geist milde.

»Wie viele Antichristen gibt es?«

»Nach deiner Auslegung drei«, wisperte Anael.

»Wann wirst du sie mir offenbaren?«

»Laß nur, sie werden sich schon einstellen. Sie sind irgendwo da drin. Ich bin nämlich wirklich sehr sorgsam. Habe noch nie etwas verloren. Die Dinge sind nur ein wenig durcheinandergeraten. Möchtest du nicht das andere Bild sehen, das ich gefunden habe?«

Die Vision im Wasser verflüchtigte sich. Nichts war im Zimmer zu hören als das Kratzen der Feder, mit der der Prophet in sein braunes Buch schrieb. Dann hielt der alte Mann inne, bedeckte die Augen mit den Händen und gönnte ihnen ein Weilchen Ruhe. Die Kerzen im siebenarmigen Kandelaber auf seinem Arbeitstisch flackerten jäh auf, so daß er zusammenzuckte und die Augen aufriß. Ein leichtes Beben durchlief seinen Körper. Als er das Wasser mit seinem Zauberstab berührte, merkte er, daß seine Hand zitterte. Ein Bild formte sich unter der gekräuselten Oberfläche, und dann erkannte er allmählich die Gesichter, die Kleidung. Das hier ist unserer Zeit ganz nahe, dachte er. Und ich kann alles, was sich zuträgt, deutlich hören. Und – ja – sie sprechen französisch. Kannst du, o Geist, mir nicht wenigstens die Geräusche ersparen?

Die Vision einer brennenden Scheune, umgeben von Söldnern. Männer, Frauen und Kinder in schlichter dunkler Kleidung wollen durch die offene Tür fliehen. Reiter stürzen sich auf sie und metzeln sie nieder. Geschrei, Hufschläge, das gräßliche Knirschen von Stahl, Entsetzensschreie. Kinderleichen, Frauen, die sich über ihre Kinder warfen und zu Tode getrampelt worden sind. Bücher, die die Sterbenden fallen ließen, liegen zerstampft in Schlamm und Blut. Die Scheune ist nur noch ein Haufen rauchender Balken. Zwei Männer hoch zu Roß reiten heran und prüfen den Schaden. Die Anführer. Der alte Doktor erkennt sie. Zwei Brüder mit schmalen, spitzen Gesichtern. Die Brüder Guise. Bei dem Älteren zieht sich eine eingefallene große Narbe über die Wange, wo ihm einst der Knochen zertrümmert wurde. Franz, Herzog von Guise, auch Le Balafre – »Die Narbe« – genannt. Der Jüngere, der den geistlichen Habit zugunsten einer Halbrüstung abgelegt hat, ist der Kardinal von Lothringen, Großinquisitor von Frankreich.

»Wieder ein Nest von Teufelsanbetern ausgehoben«, sagt die Narbe. Nostradamus bemerkt nun auch den Geruch. Die Strafe dafür, daß er so nahe an der Jetzt-Zeit ist. Er riecht Pferdeschweiß und Blut und auch die Ausdünstungen des Herzogs, der sich des längeren nicht gewaschen hat.

Die Szene im Wasser verändert sich, und bei ihrem Anblick entringt sich dem Zuschauer, dem alten Mann, ein tiefer Seufzer. Jetzt ist Rauch zu sehen, der über der Stadtmauer zum Himmel wölkt. Eine vertraute Mauer. Noch näher, ja, das ist Orléans selbst, die Stadt der Fürsten und Schätze, und da ist die große Kathedrale, die die Stadtsilhouette beherrscht. Auch sie steht in Flammen. Bewaffnete Männer in schlichter, dunkler Kleidung schwärmen aus wie Ameisen, Plünderer flüchten aus den Portalen.

»Reißt den Satansturm ein.«

»Rache! Vernichtet die Götzenanbeter! Heute ihre Kathedrale der Schändlichkeiten, morgen den Großen Antichrist in Rom!« Man hört ein Krachen und Knirschen, als die Balken nachgeben, dann eine Explosion, als die Pulverladungen, die man unter das Fundament geschoben hat, endlich zünden. Der riesige altehrwürdige Turm fällt in sich zusammen, und die Menge rings um die Kathedrale johlt.

»Ein Bürgerkrieg«, entfuhr es Nostradamus mit bebender Stimme. »Ein blutiger Religionskrieg. Und schon bald. Anael, immer mußt du mehr Fragen aufwerfen, als du beantwortest. Wer bleibt Sieger in diesem Krieg? Die einzig wahre Religion?«

»Hmm. Den Teil scheine ich unter einem Haufen südamerikanischer Präsidenten verlegt zu haben«, antwortete Anael, wobei sein Oberkörper schon wieder verschwand.

»Du Versucher, du elendiger Teufel«, sagte der alte Mann.

»Mit Verlaub, ich bin ein Engel.«

»Ein gefallener.«

»Nur halbwegs gefallen. Außerdem war es deine Idee, mich zu beschwören. Schließlich habe ich mich nicht freiwillig gemeldet. Du willst die Geheimnisse aller Zeiten wissen. Jetzt hast du sie. Ihr Menschen seid doch nie zufrieden.« Anael gähnte und reckte die rabenschwarzen Flügel. Die funkelnden Sprenkel hörten auf zu wirbeln und bildeten nach und nach kleine Spiralmuster. »Ich muß los; ich bin es müde, all diese Fragen zu beantworten.«

»Noch eine letzte kleine«, sagte Nostradamus. »Was ist ein südamerikanischer Präsident?«

Doch der Geist war bereits verschwunden.

Im Schloß von Fontainebleau wurde emsig ausgepackt. Mehrere schwere Karren mit Möbeln waren auf den schlammigen, ausgefahrenen Straßen steckengeblieben und erreichten erst jetzt den Hof, wo sie unter großem Durcheinander entladen wurden. Mägde mit Armen voller Bettwäsche trippelten durch die Flure, Scharen von Lakaien trugen schwere Kisten herein, während Diener die letzten Teppiche entrollten und den Gobelin im Empfangszimmer des Königs aufhängten. Auf dem Hof wimmelten die verschiedenen Haushaltungen durcheinander: die des Königs, die der Königin, die der anwesenden Hofdamen und Kammerherren, die der hohen Offiziere und des Adels, die mit dem Hof zogen und nicht auf ihren Ländereien weilten. Hinzu käme noch der Haushalt der Kinder, doch diese hielten sich wieder einmal wegen Ansteckungsgefahr in Blois auf. Sogar die Zwerge der Königin hatten ihren Haushofmeister, ihre Wäscherinnen, Diener und Haustiere. Durch diesen Tumult schritt die Königin, nur von zwei dames d'honneur begleitet, ohne nach rechts oder links zu blicken.

Die Damen, die der Königin an diesem Tag aufwarteten, waren ihre engsten Vertrauten – Italienerinnen aus verbündeten Florentiner Familien, die französische Edelmänner geheiratet hatten. Sie stiegen zunächst eine breite, dann eine schmale Treppe hinunter, durchmaßen mehrere Schlafgemächer und gelangten zuletzt an eine niedrige Tür. Hier klopfte die Königin brüsk an, und als sich die Tür öffnete, bedeutete sie ihren beiden Begleiterinnen, draußen Wache zu halten. Der Raum, den sie betrat, war schlecht beleuchtet und staubig, die Gegenstände darin waren erst zur Hälfte ausgepackt. Leere Arbeitstische, in einer Ecke ein Athanor, der Sandbad-Ofen der Alchimisten, dessen Feuer noch nicht angezündet war, kalt und bar aller Gefäße. Hinten im Raum wieselte eine in schwarzes Leder gekleidete Gestalt zwischen Kisten und Kästen voller Glasgegenstände hin und her wie ein unheilvoller Krebs.

»Schickt Euren Jungen fort, Cosmo, ich muß allein mit Euch reden«, befahl die Königin und blickte den jämmerlichen Wurm an, der ihr die Tür geöffnet hatte. Der Junge verschwand wortlos, und Cosmo Ruggieri, durch Erbrecht Zauberer der Königin, trat herbei und verbeugte sich vor seiner Herrin.

»Schönste, erlauchteste Hoheit.«

»Es reicht, Cosmo. Ich brauche deine Wahrsagegabe, du mußt herausfinden, mit welchem Zauber sich die Herzogin von Valentinois die Liebe des Königs erhält.«

»Endlich seid Ihr zu mir gekommen, zu Eurem armen, treuen Cosmo, statt zu den furchtbaren Scharlatanen zu gehen, die Euch belagern.« Der Zauberer der Königin sprach jetzt italienisch, als könnte die Unterhaltung in ihrer Muttersprache das Herz seiner Gönnerin erweichen.

»Als ob ich das nicht früher auch getan hätte! Was hast du mir nicht alles versprochen? Und ich habe dich mit Gold überschüttet, deine Verwandten eingestellt und Intrigen geduldet, deren sich eine Schlange schämen würde.«

»Cosmo hat hart daran gearbeitet, hart gearbeitet, Euch zur Königin zu machen, Euch Erben zu schenken…«

»Verübelst du noch immer die Zahlungen, die der König an Doktor Fernel geleistet hat? Daran konnte ich nichts ändern.«

»Wenn Ihr dem König meine Fähigkeiten schildern würdet…«

»Der König glaubt nicht an deine Fähigkeiten, ungetreuer Schurke. Es soll dir genügen, daß ich daran glaube. Und ich glaube auch, daß die Herzogin im Besitz eines Zauberringes ist. Den zu allem Überfluß nur du hergestellt haben kannst.«

»Meine Königin, da ich Eure Wünsche kenne, war er für Euch bestimmt.«

»Lügner, du hast ihn für sie gegossen. Dein Vater hätte keinen Tag länger gelebt, wenn er meinem Vater das angetan hätte.«

»Mein Vater war aber auch höher angesehen; er hatte bei großen Anlässen Zutritt bei Hofe, während ich versteckt werde, und dabei bin ich so arm, habe so viel bedürftige Angehörige…«

»Cosmo, ich schwöre dir, dieses Mal lasse ich dich umbringen. Ich lasse dich bei lebendigem Leibe in Stücke reißen und zur Erbauung aller treulosen Magier verbrennen.«

»O Majestät, das wäre ein großer Jammer. Ihr wißt doch: Die Sterne sagen, daß Ihr mich nur um drei Tage überlebt.«

»Du niederträchtiger, hinterhältiger Lügner…«

»Versucht es nur, Majestät. Ach, so sehr ich mich auch wegen meines eigenen Todes grämen würde, für Frankreich wäre es ein weitaus größerer Verlust, eine solche Königin zu verlieren.«

»Ich lasse dir die Zunge herausschneiden.«

»Was für eine törichte Verschwendung. Ich könnte Euch nicht mehr zu Diensten sein.«

»Ich schicke dich fort.«

»Habt Erbarmen, Majestät. Fern Eures schönen und erhabenen Antlitzes würde ich mich aus lauter Gram vergiften.«

»Cosmo, du bist ein Teufel. Und das weißt du.«

»Ach, Madame, ich bin nur ein Florentiner, genau wie Ihr.«

»Von allen Andenken, die ich von daheim mitgebracht habe, würde ich mich am freudigsten von dir trennen. Weißt du das, Cosmo?«

»Oh, Majestät, das macht nur diese augenblickliche Bitterkeit, daß Ihr so mit Eurem treuesten Diener redet. Euer Kummer greift mir ans Herz. Wie ich mich der schändlichen und schmeichlerischen Lügen dieser bösen Herzogin schäme! Doch aus innigster Ergebenheit laßt mich Euch mit Verlaub einen Vorschlag unterbreiten: In genau drei Wochen steht Saturn im Haus des Königs, die Gelenkkrankheit von einst wird ihn erneut überfallen, zusammen mit einem Fieber, das ihn aufs Krankenlager wirft. Macht Euch die Aufregung in seinem Krankenzimmer zunutze, und wenn die Herzogin von Valentinois nicht an seinem Lager weilt, laßt Ihr ihm den Ring abziehen.«

»Cosmo, verschaffe mir diesen Ring zurück, und du stehst wieder in meiner Gunst.«

»Nur in Eurer Gunst? Die Taufe meines jüngsten Neffen, die Geschenke, Ihr versteht, das Fest, alles so teuer…«

Doch die Königin von Frankreich hatte bereits die Tür hinter sich zugeschlagen.

Pfützen schimmerten auf dem Kopfsteinpflaster, und silbrige Wassertropfen hingen noch an den Bäumen, als Michel de Nostredame, der Seher von Salon, an die Haustür trat und die städtischen Würdenträger begrüßte, in deren Gesellschaft er zur Taufe von Sieur de Granvilles Sohn reisen wollte. Es war einer dieser frischen südlichen Märztage nach einem ausgiebigen Regen, wenn der Wind die Wolken fortgeblasen hat und eine bleiche Wintersonne am blauen Himmel den Mai erahnen läßt. Doch Nostradamus hatte zu lange gewacht, um den Tag genießen zu können; der Kopf schmerzte ihm, weil er zuviel Rauch vom Kohlebecken mit den fremdartigen Kräutern eingeatmet hatte, und das Herz war ihm schwer vom schmerzlichen Wissen, das ihm seine mitternächtlichen Untersuchungen vermittelt hatten. Jetzt sah er, daß sich zwischen ihm und dem Jungen mit dem Maulesel Stadtbewohner und ein halbes Dutzend Bauern vor seiner Haustür drängelten, die vom Landgut des Sieur de Chasteauneuf geschickt worden waren und in einem Korb ein Ungeheuer mitgebracht hatten.

»Maistre Nostredame, Maistre Nostredame«, schrie es aus der Menge auf.

Lieber Gott, nicht schon wieder. Jede Mißgeburt auf dreihundert Meilen in der Runde wird mir ins Haus gebracht. Behutsam, gestützt auf seinen Malakkastock mit dem silbernen Knauf, stieg er die Stufen hinunter und trat näher. Die kühle Nacht war seiner Gicht nicht gut bekommen. So viele Geheimnisse, dachte er, und ich bin nicht schlau genug, um das Geheimnis der Gicht zu enträtseln. Vielleicht hat Anael ja recht, ich sollte mich zurückziehen.

Seine klugen dunklen Augen schweiften über die Menge.

Rings um jede Gestalt sah er in der Luft eine tanzende, schimmernde Bewegung, nicht unähnlich den Hitzewellen über einem sommerlichen Weizenfeld. Und jede Aura vermittelte ihm ein Gespür für das Schicksal ihres Trägers: Hier ein Unfalltod, dort Vermögen und ein rüstiges Alter, an anderer Stelle eine tödliche Krankheit, die im verborgenen nagte. Eine jener Fähigkeiten, die er während seines langen Exils entwickelt hatte und die zu besitzen er jetzt bedauerte. Bei normalen Unterhaltungen mußte er immer so tun, als ob die Aura nicht vorhanden wäre, die ihm die Geheimnisse des Gegenübers entgegenrief. Sonst riskierte er ein blaues Auge oder eine gebrochene Nase oder, schlimmer noch, eine Runde auf der Wippe, die einen seiner Lehrmeister, den großen Guy Lauric, verkrüppelt hatte, weil der so töricht gewesen war, dem Tyrannen von Bologna die Wahrheit zu sagen.

Mein Fluch, dachte er. Ich war jung und dumm und erfüllt von dem leidenschaftlichen Verlangen, in die Zukunft zu sehen. Ich habe gewußt, daß es falsch ist, aber wer hätte dem Abgesandten des Versuchers höchstpersönlich schon widerstehen können? Ein gerechtes Schicksal hat meine Strafe genau in dem Augenblick festgesetzt, als das üble, übernatürliche Ding mir die Kräfte, um die ich bat, gewährt hat: Jetzt sehe ich und bin zum Schweigen verdammt. Meine Strafe ist ein Leben im quälenden Käfig des Wissens. Kassandra wurde wenigstens die Gnade gewährt zu sagen, was sie sah, auch wenn man ihr nicht glaubte. Mir wird geglaubt, aber wenn ich nicht in Stücken vor dem Stadttor hängen möchte, darf ich nichts sagen. Lieber Gott, wie bist du doch ironisch. Da bin ich ausgezogen, das Geheimnis der Ewigkeit zu erforschen, und wo bin ich gelandet? Als Verfasser von Almanachen, nach denen die Bauern ihre Felder bestellen.

»Ei, ei«, sagte Nostradamus und strich sich den Bart, »was haben wir denn da? Aha, ein Kind mit zwei Köpfen.« Einer der Köpfe, auf dem sich neben Stirnhöckern auch ein Paar mißgebildeter Ohren abzeichnete, blähte ihn an. »Hmm, es lebt und macht Lärm. Ich fürchte, das ist ein schlimmes Omen.«

»Meister, Meister, sagt uns, was es bedeutet.« Die Leute umdrängten ihn. Eine allgemein gehaltene, recht hoffnungsfrohe Antwort ist stets die sicherste, dachte der alte Mann und nickte, als wälzte er tiefschürfende Gedanken.

»Es bedeutet«, sagte er bedächtig, »daß das Königreich Frankreich zweigeteilt wird, daß jedoch Leib und Seele letzten Endes eins bleiben und daß das Rechte obsiegt.« Der mißgebildete Kopf blökte erneut. Der Kopf mit den beiden normalen Ohren sah aus, als schliefe er.

»Ha! Der Häßliche ist Lutheraner!« rief ein Spaßvogel, der – wie die meisten anderen auch – den Unterschied zwischen Lutheranern und Calvinisten nicht kannte.

»Der recht denkende Kopf schläft. Wach auf, wach auf! Die Heiligen sind in Gefahr!« schrie ein anderer.

»Beiß ihn, beiß ihn«, drängte eine Stimme den schläfrigen. Nostradamus schüttelte den Kopf. Wie sich diese Toren doch in einen endlosen Irrgarten aus Sorge und Blut stürzen, dachte er. So wie jeden Mensch umgab auch die Menge eine Aura. Und die war voll flackernder schwarzer Flecken. Tod und Wahnsinn. Aber wann? Falls er sein Centuries jetzt veröffentlichte – ob das auch nur einen Menschen dazu bringen würde, sein Tun zu ändern, innezuhalten auf dem schrecklichen Abstieg in den Untergang? Nachts wachte er zuweilen auf und spürte Frankreichs Aura. Und dabei gerann ihm das Blut in den Adern.