Kapitel 14
Während Nostradamus im Palast des Kardinals von Bourbon mit Gicht das Bett hütete, tagte König Heinrich II. in St. Germain-en-Laye mit dem Kronrat. Es ging um Krieg. Die sommerliche Hungersnot und der – wenn auch unsichere – Friedensvertrag mit Philipp II. von Spanien hatte dem französischen Heer Ruhe verschafft. Doch nun war der Herzog von Alba, Philipps Heerführer, in den Vatikanstaat eingefallen, und der Papst forderte den König von Frankreich auf, seine Zusagen einzuhalten und zur Verteidigung des Vatikans ein Heer nach Italien zu entsenden. Doch das Gelöbnis gegenüber dem Papst einzulösen und den Friedensvertrag mit Spanien zu brechen bedeutete Krieg mit Philipp. Durch seine Heirat mit Maria I. Tudor war Philipp II. nicht nur König von Spanien, sondern auch König von England. Frankreich wäre durch solch einen Krieg umzingelt von Feinden.
König Heinrich II. der auf einem reichverzierten Stuhl auf einer Estrade am Kopf des Ratstisches saß, beugte sich mit ernster Miene vor. »Sieur Konnetabel, Ihr habt den neuen besorgniserregenden Bericht über die Vorgänge im Vatikanstaat gelesen. Wie lautet Euer Rat? Wie sollen wir auf die Bitte des Heiligen Vaters reagieren?«
Der Alte Konnetabel mit dem grauen Haar, Edler unter Edlen, Heerführer zweier großer Könige, sprach bedächtig und überlegt. Es war ein offenes Geheimnis, daß er einen päpstlichen Dispens brauchte, um seinen Sohn, einen Soldaten, mit einer Nichte der Herzogin von Valentinois vermählen zu können. »Wenn der Herzog von Alba den Waffenstillstand von Vaucelles gebrochen hat, gebietet es die Ehre Frankreichs, daß wir Hilfe schicken. Das könnte zu einem großen Krieg mit Spanien in einer Zeit schlechter Ernten und magerer Steuereinnahmen führen. Falls Eure Majestät jedoch erklären, daß die Taten des Herzogs von Alba keine Verletzung des Abkommens darstellen, sind wir auch nicht verpflichtet, gegen Philipp ins Feld zu ziehen. Das scheint mir das weiseste Vorgehen; so können wir den Frieden wahren, während wir dem Heiligen Vater zu Mitteln verhelfen, damit er selbst ein Heer aufstellen kann.«
Doch die Brüder Guise, der mächtige Herzog Franz und der Kardinal von Lothringen, wurden bei diesem Vorschlag blaß vor Wut. Die große Narbe, die sich quer über die ausgeprägten Backenknochen des Herzogs zog, zeichnete sich auf den bleichen Wangen hochrot ab, und mit einem wutentbrannten Blick in Richtung seines Bruders bedeutete er ihm stumm, daß einer von ihnen den Mund aufmachen mußte.
»Majestät«, sagte Lothringen im hinterhältigen Ton eines Politikers und mit ungerührter Miene, »Eure Ehre erfordert es, der Bitte des Heiligen Vaters nachzukommen und unverzüglich eine Expedition zusammenzustellen.« Da spricht die Kirche, dachte Montmorency, doch zuallererst ist er ein Guise. Unter dem Saum der weiten Ärmel seiner purpurnen Kardinalsrobe konnte der Alte Konnetabel eine geballte Faust sehen.
»Falls sich Alba nicht sofort zurückzieht, müssen Eure Majestät den Krieg erklären, oder Ihr verliert in den Augen des Heiligen Vaters und der ganzen Welt Eure Ehre«, ergänzte ›die Narbe‹.
»Wir haben auch unser Ehrenwort gegeben, den Waffenstillstand einzuhalten«, sagte der Alte Konnetabel, noch immer bestrebt, den Herzog von Guise von einer militärischen Expedition nach Italien abzuhalten. »Aber«, so fuhr er fort, »wenn wir dem Papst zu Hilfe eilen, muß das so erfolgen, daß wir den Friedensvertrag nicht verletzen. Das ist nur möglich, wenn wir statt einer Armee Geld nach Italien schicken. Ansonsten laufen wir Gefahr, daß uns Philipps Truppen nicht nur an der südlichen, sondern auch an der nördlichen Grenze angreifen. Ein Zweifrontenkrieg nach dieser Hungersnot…«
»Wir müssen eine Armee entsenden«, drängte der Herzog von Brissac. »Die englische Königin Maria ist eine alte Frau, ihr Königreich geschrumpft und verbraucht. Sie wird ihren Gemahl, König Philipp, wohl kaum tatkräftig unterstützen können. Was kann er also im Norden ausrichten? Gar nichts.«
Konnetabel Montmorency erforschte eingehend das Gesicht des Königs, während die Debatte andauerte. Am Senken der schweren Augenlider las er, daß der Monarch dabei war, seine Meinung zu ändern. Ich habe getan, was ich konnte, dachte der Alte Konnetabel und spürte, wie sein Einfluß versickerte wie Wein aus einem geborstenen Faß.
Wie lange, wie klug hatte er die Zügel der Regierung in Händen gehalten, indem er den König vor verderblichen Einflüssen im Kronrat abgeschirmt hatte. Und dennoch spielten sich die Guise, kaum daß sie sich im Kronrat trafen, ihre gut abgestimmten Argumente zu und beeinflußten allzu schnell die Meinung des Königs. Fürwahr, bei Ratssitzungen argumentierten zwei aufeinander abgestimmte Köpfe immer besser als einer, besonders wenn sie vorgaben, unterschiedlicher Meinung zu sein. Und dieser unselige Antoine von Bourbon, der sich sonst immer unaufmerksam räkelte, war nun ganz Zustimmung, da es um einen Krieg ging, der ihm die spanische Hälfte seines Königreiches Navarra wiederbringen sollte. Da sieh ihn dir an, wie er nickt und mit jedem übereinstimmt und sich den jämmerlichen Ziegenbart in dem fetten, selbstgefälligen Gesicht streicht! Schau sie dir an, diese blinden Narren!
»Ich werde eine Armee entsenden«, sagte der König. »Da ich dem Papst lediglich zu Hilfe komme, verletze ich nicht den Waffenstillstand mit Spanien. Der Herzog von Guise, unser getreuer Diener, wird das Expeditionskorps in Italien befehligen. Wir müssen, ungeachtet der Hungersnot, die Steuern erhöhen.«
Guise. Er kann sich also rühmen, eine Armee zu befehligen. Frankreich wird verlieren, aber er nicht.
»Majestät, Steinen kann man kein Blut auspressen. Wir müssen die Bankiers in Lyon fragen – die italienischen Bankiers«, wandte der Alte Konnetabel ein.
»Und wer sagt das? Meine Gemahlin?« fragte der König.
»Majestät, wir müssen sie um Hilfe bitten, und die Königin ist dafür die beste Vermittlerin. Ihr Rat ist keineswegs ohne Wert.«
»Und ich sage Euch, ich möchte nicht, daß sich diese Frau in Staatsangelegenheiten einmischt! Begreift Ihr denn nicht, daß sie, wenn man ihr den kleinen Finger reicht, gleich die ganze Hand nimmt? Ich will nichts davon hören, sie darf sich nicht an Staatsgeschäften beteiligen. Frankreichs Thron finanziert seine Kriege selbst. Wir werden der Stadt Paris befehlen, mehr Geld zur Verfügung zu stellen…«
»Majestät, das Parlament könnte dagegen…«
»Das Parlament!« fauchte der Kardinal von Lothringen, der zugleich Großinquisitor im Königreich Frankreich war. »Ein Ketzernest! Jeder einzelne ein Verräter! Wenn ich doch jeden von ihnen hängen könnte.«
Es gleitet mir aus der Hand, dachte Montmorency. Krieg, Krieg an zwei Fronten, und, falls Lothringen auf das Parlament losgelassen wird, vielleicht auch noch ein Bürgerkrieg, ein Religionskrieg. Und mitten drin, wie Dämonen im Rauch, steigen die Guise auf, wächst ihr Haus, ihr Einfluß. Das darf nicht geschehen. Dieses Spiel können auch zwei spielen; ich mache mir das Durcheinander zunutze. Mein Sohn ist ein großer Heerführer geworden, und wenn er erst einmal mit Diana von Poitiers verschwägert ist…
Als die Guise zusammen aus dem Ratszimmer rauschten, hörte Montmorency, der allein ging, den Graf von Saint-Pol hinter sich zum König von Navarra sagen: »Habt Ihr gehört, was ich gesagt habe? Der König hat in meine Richtung genickt. Jetzt hört er auf meinen Rat. Ein empfindlicher Schlag, würde ich meinen…«
Und dann wehte die Stimme jenes ich verliebten Hohlkopfs Navarra bis zu ihm, die sprach: »Gut, gut. Eure Ideen sind vielversprechend. Also, wenn es Krieg mit Spanien geben sollte, werde ich nach unserem Sieg um nichts weniger verhandeln als um die Rückkehr des spanischen Teils von Navarra in mein Königreich.«
»Die Spanier, was sind die schon? In der Schlacht nimmt es ein tapferer, französischer Edelmann mit Dutzenden dieser verweichlichten Südländer auf.«
Falls uns die Spanier den Krieg erklären, dachte der Alte Konnetabel, kann ich die Guise bei den Friedensverhandlungen überlisten, indem ich eine Heirat zwischen einer spanischen Prinzessin und dem Dauphin anstatt der Ehe mit dem GuiseMädchen, der Königin der Schotten, arrangiere. Nein, noch ist nicht alles verloren. Wir werden schon sehen, wer am Ende gebietet…
Zwei schwerbewaffnete Männer suchten sich im Fackelschein einen Weg durch die schmalen, schlammigen Straßen von Paris. Das flackernde Licht fiel hier auf einen Torbogen, dort auf bemaltes Fachwerk von Fassaden, deren wuchtige Läden fest geschlossen waren. Es war die Stunde der Füchse und Wölfe in Menschenkleidern, der Mordbuben, der Einbrecher, der Verkäufer von Kleidern Toter und der gefallenen Frauen. Doch niemand kam diesen beiden Männern nahe. Der zweite, ein stämmiger, alter Soldat, war ein wohlbekannter escrimeur aus der übel beleumdetsten Fechtschule der Stadt. Der erste – nun ja, dieser genoß einen gewissen Ruf, und außerdem trug er eine Mandoline auf dem Rücken. An dem Paar war eindeutig nichts zu verdienen.
»Hier ist die Straße. Sie wohnt um die Ecke, fast am anderen Ende«, flüsterte der Größere.
»Eine sehr gefällige Gegend«, sagte der Stämmige.
»Ich habe dir doch gesagt, Alonzo ist reich.«
»Wenn sie das Fenster aufmacht, was dann?«
»… werfe ich ihr den Brief zu.«
»Aber was ist, wenn sie das Fenster nicht öffnet?«
»Sie muß, sie muß einfach. Sonst kann sie doch überhaupt nicht darauf hoffen, ihm zu entrinnen.«
»Still, ich höre etwas… da sieh mal, hinter der Biegung – all diese Menschen. Laternen. Und Musik – ein anderer Ständchenbringer ist dir zuvorgekommen, Nicolas…«
»Drei Violen, eine Laute, zwei Oboen und eine Trompete… Was für eine Katzenmusik! Die knöpfe ich mir vor! Ich jage sie alle miteinander in den Fluß! Bei Gott, sie beleidigen die Nacht mit ihrem Gejaule!«
»Nicolas, sie sind in der Überzahl – sei kein Narr-, sie sind bis an die Zähne bewaffnet, und sieh mal, da im Dunkel, du bist nicht der erste Rivale Alonzos…« Unter dem überhängenden Stockwerk des Nachbarhauses warteten drei vornehme Herren darauf, ob die Serenade die Geliebte oder die Duena auf den Plan rufen würde. Das Fenster ging auf, und da stand sie, ein bleicher Schatten, ihr weißes Nachtgewand angestrahlt vom schwachen und flackernden Schein der Kerzen hinten im Raum. Nicolas stand wie festgenagelt. Sogar sein Freund stieß einen Ausruf der Bewunderung aus. Einer der unbekannten Herren trat vor die Musikanten und hob an, ein Gedicht zu deklamieren.
»Kein weiteres Wort, du dünkelhafter Papagei!« schrie Nicolas, zog sein Schwert und übergab die Fackel seinem Begleiter. »Die Dame ist zu klug, um auf deine billigen, gekauften Verse zu hören.« Die Musikanten staunten und hielten inne.
»Was weißt denn du von dieser Dame, du Schandmaul?« rief der Unbekannte, warf sein Gedicht fort und zog seinerseits das Schwert. »Sprich ihren Namen aus, und ich zerteile dich wie einen Braten.« Nicolas' Gefährte löschte beide Fackeln und faßte nach seinem Schwertgriff.
»Sie verachtet dich, du hohlköpfiger Geck!« rief Nicolas, Schrammen und Klirren von Stahl, doch die anderen waren sichtlich in der Übermacht.
Genau in diesem Augenblick wurden sie von einem sonderbaren Gekreisch innen im Raum abgelenkt, gefolgt von einer Frauenstimme, die rief: »Señor Alonzo! Nein!« und dann etwas Unverständliches. Beide Männer blickten hoch und sahen, wie die Hand eines Unbekannten die Läden mit einem Knall zuschlug.
»Da seht Ihr, was Ihr angerichtet habt!« rief der unbekannte Herr, doch als er sich umblickte, war niemand da, nur seine eigenen Musikanten und Gefährten. Nicolas und sein Freund hatten sich die Ablenkung zunutze gemacht und waren in der Dunkelheit verschwunden.
»Sie hat geschrien. Ich habe ihren Schrei gehört. Und jemand hat das Fenster zugeschlagen. Das war Alonzo, da drinnen, er hat Rache geübt, sie vielleicht geschlagen…«
»Nicolas, ich habe gehört, daß die Duena ihm nein zugerufen hat, als die Schwerter gezogen wurden. Der Schrei, das war die Demoiselle, die in Ohnmacht gefallen ist. Es war der Mann unter dem Fenster, dem die Duena etwas zugerufen hat. Der da war Alonzo höchstpersönlich, mit seinen Musikanten. Fast hättest du ihn erledigt.« Doch Nicolas blickte grimmig.
»Oder es gibt zwei von der Sorte. Den verabscheuungswürdigen Alonzo drinnen und den Stutzer draußen. Auf mein Wort, ich folge ihr, bis ich das Geheimnis gelüftet habe, dann komme ich zurück. Zu dir, zu den anderen. Machst du mit, Robert?«
»Immer. Wir tunken sie allesamt in den Fluß.«
»Und Alonzo muß sterben«, sagte Nicolas. »Das erfordert meine Ehre.«
»Das ist Männersache, Majestät. Das Los der Frauen ist das Leiden«, sagte Madame d'Alamanni. »Ist das nicht immer so gewesen?« Die schwere vergoldete Tür hatte sich hinter dem Alten Konnetabel geschlossen, und Katharina von Medici war allein mit zwei vertrauenswürdigen Damen. Die Königin atmete schwer und legte die Hand aufs Herz.
»Das also hat mein Traum der letzten drei Nächte bedeutet«, sagte sie. »Träume vom Untergang, Träume von Blut. Und mittendrin habe ich das Gesicht meiner Tochter Elisabeth gesehen. O Gott, es war so weiß wie der Tod! Was hat das zu bedeuten? Was ist, wenn wir in diesem Krieg nicht siegen? Der König, mein Gemahl, muß zu Biragues gehen, zu Gondi, zu den italienischen Bankiers. Ich muß ihn anflehen, daß er auf mich hört, weil ich von Blut geträumt habe.«
»Aber, Madame, der Konnetabel hat gesagt, die Guise wollen nicht, daß er sich an die Italiener wendet. Die glauben doch, wir Frauen verstünden nichts von Krieg und Finanzen. Und obwohl Ihr die Gabe prophetischer Träume besitzt, haben sie ihre Pläne gemacht und hören nicht auf Euch.«
»Sie hören nicht! Sie hören nicht! Der König, mein Gemahl, macht sich lustig über meine Gabe, die er zu seinem eigenen Schaden geringachtet! Und auf wen hört er? Auf diese vertrocknete, ehrgeizige, geldgierige Frau, die mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Nicht einmal im Kindbett oder wenn ich krank bin, entkomme ich ihr. Schon ist sie zur Stelle, leitet alles, sagt ihm, was er tun soll, als wäre sie ich – und ich nichts. Und wo ist er heute abend? In ihrem Bett! Und hört auf sie!«
»Gewiß…«
»So gewiß, wie es im Winter schneit, sagt sie ihm in diesem Augenblick, was für ein bedeutender Krieger er ist, und macht ihn so aufgeblasen, daß er nicht mehr daran zweifelt, daß die Pläne ihrer Verwandten, dieser Guise, Frankreich Ruhm und Ehre eintragen und ein neues Reich, das aus den spanischen Besitzungen aufgebaut wird. Ich kenne sie – sie plant schon ihren triumphalen Einzug in Toledo! Sie hat bereits Dichter beauftragt, die den Sieg preisen, und Maler, die ihr neue Fahnen gestalten. Wie sie an mir zehrt, diese Frau, und selbst die Haare auf meinem Kopf verachten sie noch!«
»Majestät, Ihr müßt umsichtig vorgehen.«
»Und dabei habe ich dem König, meinem Gemahl, eine Nachricht wegen meines Traums geschickt. Er aber sagt, er sei zu sehr mit Staatsgeschäften beschäftigt und dürfe nicht gestört werden. Seine Staatsgeschäfte haben ihn genau an diesem Abend jedoch nicht von einem Besuch bei der Herzogin von Valentinois abgehalten. O diese Schande. Er setzt den Thron meines Sohns aufs Spiel, weil ihn diese Dämonin verhext hat. Und ich sage Euch, ich kann auch mit dem Teufel verhandeln.« Damit wandte sie sich an Madame d'Elbène, ihre engste dame d'honneur: »Lucrèce, ich möchte, daß Ihr auf der Stelle einen Pagen ruft. Er soll diese Demoiselle de la Roque und ihren Zauberkasten holen. Ich will sie noch heute hier haben, noch vor Einbruch der Dunkelheit.«
Als Madame d'Elbène auf der Suche nach einem Boten davontrippelte, wandte sich die Königin an Madame Gondi. »Maddalena, holt meine schwarzen Kerzen und meine Leinenrobe. Heute abend begnüge ich mich nicht mit Prophezeiungen: Diesmal werde ich selbst eingreifen.«
»Oh, Majestät…«
»Warum beeilt Ihr Euch nicht? Habe ich Euch nicht einen Befehl erteilt?«
»Aber… wenn Ihr Nostradamus befragen könntet… dann wüßtet Ihr, wie alles ausgeht.«
»Zweifelt Ihr an meinen Träumen? Habe ich während meiner letzten Schwangerschaft nicht geträumt, daß sich eine schwarze Gestalt mit Kapuze über eine Doppelwiege beugt? Und als ich Zwillinge geboren hatte, da wußte ich, daß sich mein Traum erfüllt hatte und beide zum Sterben verurteilt waren. Meine Träume sind eine echte Warnung! Außerdem ist Nostradamus erst Ende der Woche aus Blois zurück. Bis dahin sind sie bereits auf dem besten Weg, den Friedensvertrag zu brechen. Nein, es muß heute abend sein. Heute abend bezwinge ich den bösen Zauber der Herzogin mit dem Herrn aller Wünsche.«
Bei unserer Rückkehr von Saint-Germain hatte Tantchen geräumige Zimmer in einem Haus in der Rue de la Cerisaie gemietet, die günstig zu dem netteren Viertel um das alte Hostel de St.-Pol gelegen waren, wo heute viele vornehme Leute wohnen. In dieser Umgebung war ihre lange begrabene Leidenschaft für ein gesellschaftliches Leben wieder erwacht. Sie war auf der Jagd nach Gästen. Doch in einem blieb sie unerbittlich: Philippe d'Estouville sollte keine Einladung erhalten.
»Laß sehen, Dienstagabend könnten wir eine Auswahl erlesener Geister hier versammeln.«
»Aber Tantchen, warum nicht M. d'Estouville?«
»Ich mag ihn nicht. Ich kann ihn nicht riechen. Er wird dir nichts als Ärger bereiten… Uff, wenn nur dieser gräßliche Gichtanfall etwas nachläßt. Théophile, teurer Vetter, ich habe das Gefühl, ins Bad reisen zu müssen. Enghien ist vielleicht nicht so vornehm wie Evian-les-Bains, aber so bequem gelegen. Und das Heilwasser – so angenehm schwefelhaltig.«
Die Pferde waren bereits angeschirrt, als die ersten Tropfen vom Himmel fielen. Tantchen zögerte auch nicht einen Augenblick und ließ die Sänfte wieder in den Stall bringen. »Bei Regen reise ich nicht. Das verschlimmert meine Gicht nur noch.« Ehe wir auch nur halb ausgepackt hatten, war der blaue Himmel dunkel und grau geworden, und als wir das jeu de dames aufgebaut hatten, prasselte der Regen gegen die Fensterläden.
»Nach dort mußt du springen, siehst du das denn nicht?« sagte Tantchen, die mir über die Schulter blickte.
»Das ist eine Falle, Tantchen – schau mal da. Der Abbé liegt wie ein Wolf nach meinem Stein auf der Lauer. Dann kann er dahin springen… und dahin…«
»Base Sibille, wie unfein von Euch, mir auf die Schliche zu kommen…« Jemand hämmerte auf die Haustür ein, und Arnaud führte einen Knaben und zwei Soldaten der königlichen Garde mit schweren, tropfnassen Umhängen, schmutzbespritzten Stiefeln und Reithosen ins Zimmer. Der Knabe war ein Page, den wir im Haushalt des Königs gesehen hatten.
»Die Königin wünscht Demoiselle de la Roque noch heute vor ihr Angesicht, und sie soll eine gewisse Schatulle mitbringen, die sie in ihrem Gewahrsam hat. Ihr wüßtet schon, um welche Schatulle es sich handelt.«
»Und ob«, sagte Tantchen. »Aber erst müßt Ihr trocknen und etwas zu Euch nehmen. An diesem Tag reist man besser nicht, ohne zu essen.«
»Madame, wir würden Euer Angebot gern annehmen, aber wir müssen sofort zurück, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Saint-Germain sein wollen. Wenn der Palast nach dem coucher des Königs erst abgeriegelt ist, wird nicht einmal der Papst hineingelassen. Wir sind schon in Verzug, weil wir in Les Tournelles frische Pferde genommen haben. Wir müssen los… ah, ich sehe, die Demoiselle ist reisefertig…«
Als ich den versilberten Kasten in die Reisetasche stopfte, sagte der Abbé: »Meine teure Base, was ist mit dem Spiel?«
»Laßt das Brett so stehen, ich bin gewiß schnell zurück. Und vergeßt nicht, ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis…«
»Sibille, nimm dich in acht«, mahnte Tantchen und drückte mich an ihren üppigen Busen. »Ich habe bei dieser Sache ein ungutes Gefühl. Geh nirgends allein hin. Versprich mir…«
Wir ritten in forschem Trab durch die verlassenen Straßen, Schmutzwasser spritzte auf, und der Regen klatschte uns ins Gesicht. Unter dem Stadttor legten wir eine kurze Pause ein. Als wir Mauern und Wallgraben hinter uns gelassen hatten, trieben wir dort, wo die Straße es zuließ, die Pferde zum leichten Galopp an. Und so ging es querfeldein und fort von den dunklen Fluten des rauschenden Flusses. Die Hufe der Pferde schleuderten dicke Lehmklumpen hoch, und selbst als der Regen nachließ, wurde der Ritt nicht angenehmer, denn nun ging es durch eine bewaldete Gegend, und die Bäume luden ihr Wasser auf uns ab.
Es war fast dunkel, als wir über uns auf dem Felsvorsprung die Türme des alten Schlosses erblickten, die unter dahineilenden grauen Wolken dräuten. Bäume und Nebengebäude waren zu schwarzen Schatten geworden, und schon konnte man in den Fenstern von König Heinrichs neuem Schloß flackernden Kerzenschein erkennen. Das Schloß war in modernem Stil unterhalb der massigen alten Festung erbaut worden.
»Gott sei Dank, die Tore sind noch offen. Die Königin würde keine Entschuldigung hinnehmen.« Der Junge erschauderte, und ich war mir nicht sicher, ob es nur die nassen Kleider waren.
Die Schweizergarde war schon im Schloßhof, als wir einritten; gerade wollte sie die Tore verrammeln und die Fackeln entzünden, die während der Nacht in den vier Ecken des Hofes brennen würden. In der Ferne hörte man noch den Donner grollen. Der Knabe ergriff meinen Arm, damit ich auf dem glitschigen unebenen Pflaster nicht ausrutschte, denn jetzt gingen wir zu Fuß. Nur Mitgliedern der königlichen Familie war es vorbehalten, hoch zu Roß oder in der Sänfte den Hof zu durchqueren. Im Schloß verteilten sich auf den Treppen bereits Bogenschützen, und Hausdiener entzündeten Fackeln, die des Nachts die steinernen Flure, die öffentlichen Säle und die Treppenabsätze erhellten. Paläste sind nachts wie Städte, da gibt es Verbrechen, Blut und heimliches Geflüster in dunklen Korridoren. Und vielleicht lebt man in ihnen noch gefährlicher, denn man ist weniger auf Böses gefaßt als in einer städtischen Hintergasse.
Der Knabe führte mich zu einer reichverzierten verschlossenen Tür, wo eine Hofdame auf sein Klopfen antwortete, ihn entließ und mich hineinbat.
»Gut«, sagte sie, »Ihr seid gerade noch rechtzeitig gekommen. Gebt mir schnell die Schatulle, dann schicke ich nach einer Dienerin, die Euch trocknet.«
»Das geht leider nicht. Die Königin höchstpersönlich hat angeordnet, daß ich sie nie in andere Hände als ihre eigenen gebe.«
»Das gefällt mir«, hörte man eine Stimme aus der Tiefe des Zimmers, und dort erblickte ich eine gedrungene, plumpe Gestalt in weißem Gewand neben einem kleinen Tisch, der wie ein Altar geschmückt war und an dessen Enden schwarze Kerzen in silbernen Kerzenhaltern brannten. »Ich merke, Ihr seid diskret und haltet Wort. Mehr könnte ich nicht verlangen. Und jetzt gebt mir die Schatulle.« Ich holte den Kasten aus der Reisetasche. Gespenstisch flackerte der Kerzenschein auf seiner Oberfläche. Ich hasse dieses Ding, dachte ich, als ich es der Königin gab. Wenn ich es doch nur los wäre. Das könntest du dir wünschen, sagte Menanders Stimme in meinem Kopf. Und so, wie du arbeitest, erfüllst du mir den Wunsch, indem du mich tötest, entgegnete ich genauso stumm, während ich der Königin die Schatulle überreichte. Natürlich, sagte die heimliche Stimme, genauso sind mich die anderen losgeworden.
Doch die Königin hatte den Kasten schon auf den Altar zwischen die beiden schwarzen Kerzen gestellt, und obwohl sie mir den Rücken zukehrte, konnte ich sie in einer unbekannten Sprache psalmodieren hören wie eine Geisterbeschwörerin im Theater. Danach machte sie mit einem Ruck den Deckel auf. Die Dame neben mir hielt den Atem an und erschauerte beim Anblick von Menander. Irgendwie sah er an diesem Abend noch abstoßender aus, seine Haut glich der abgestreiften Haut einer Viper, die braunen Zähne in seinem gräßlichen, mumifizierten Mund wirkten wie Reißzähne, und seine brandigen Augen waren das personifizierte Böse. Er wußte, daß er ein Opfer hatte und daß dieses Opfer eine Königin war, die vor Begierde jede Vernunft vergaß und zu allem fähig war, sogar zum Schacher mit ihrer Seele. Mir wurde übel, und ich fröstelte in meinen klammen, kalten Kleidern.
Doch die Stimme der Königin ertönte gelassen und ohne ein Beben: »Endlich«, sagte sie. »Endlich gehört dein Zauber mir, o Unsterblicher. Und heute abend will ich eine große Tat vollbringen, eine, nach der ich mich schon lange gesehnt habe.«
Die Hofdame neben mir wandte sich ab, schloß die Augen und bedeckte die Ohren, als sich das abstoßende Ding im Kasten bewegte, als wollte es sprechen.
Schließlich sagte es mit schwacher Stimme, die klang, als wäre sie eingerostet und käme aus einer anderen Welt. »Erlauchte Königin, befehlt mir.«
Mit fester Stimme sprach Katharina von Medici die Worte, die unter dem Schloß des geöffneten Kastens eingraviert waren: »Bei Agaba, Orthnet, Baal, Agares, Marbas beschwöre ich dich. Almoazin, Membrots, Sulphae, Salamandrae öffnet das dunkle Tor und hört mich an.«
»Sagt Euer Begehr«, sprach das Ding, und ein Verwesungsgeruch stieg von ihm auf.
»Ich, Katharina von Medici, Gemahlin des großen Heinrich IL, Sohn des mächtigen Franz I. befehle und wünsche, daß der Herzogin von Valentinois der Einfluß auf meinen Gemahl genommen wird, und zwar für immer.«
»Es ist geschehen«, sagte der Herr aller Wünsche. »Die Zeit wird die Wahrheit erweisen.«
»Endlich.« Die Königin holte tief Luft. »Ich bekomme meinen Herzenswunsch erfüllt und kann meinem Sohn den Thron sichern. Vor den Spaniern – und vor den Guise. Alles mit einem einzigen schlichten Wunsch.« Als sie den Kasten zuklappte, drehte sie sich zu mir um. »Versiegelt das hier gut und nehmt es mit – ach, Ihr seid ja ganz naß. Maddalena, führt die Demoiselle fort, sie soll sich am Kamin trocknen, besorgt ihr Nachtwäsche und ein Bett… Nicht, daß sie sich ein tödliches Fieber holt. Ich merke schon, an ihr habe ich eine treue Dienerin.« Während ich den Kasten verpackte, fragte sie jäh: »Demoiselle, warum habt Ihr diesem Zauberkasten keinen Herzenswunsch anvertraut?«
»Majestät«, sagte ich fröstelnd, »weil ich Angst habe.«
»Ach«, gab sie zurück. »Ihr seid eben keine Königin.«
In dieser Nacht tat ich in dem geborgten Nachthemd und der Schlafmütze kein Auge zu und lauschte auf den Atem der beiden anderen Hofdamen im Bett, denn die furchteinflößende Schwärze innerhalb der Bettvorhänge raubte mir den Schlaf. Mir war, als hörte ich auch Menander leise und finster in seinem Kasten unter dem Bett atmen.
Und dann seine Stimme, ein Flüstern wie abgestorbene Binsen, die im Winterwind rascheln: »Du solltest dich umbringen. Es wäre ganz leicht. Du stehst einfach auf und springst aus dem Fenster.« Mein Herz fing an zu hämmern. Was hatte Menander jetzt wieder vor?
»Es wäre besser, wenn ich einer großen Königin dienen könnte. Wieviel mehr Spielraum hätte ich, wieviel mehr Seelen könnte ich gewinnen. Wieso solltest du, ein Niemand, eine häßliche alte Jungfer, einen Schatz wie mich besitzen? Du bist ein wertloses Nichts, und deine Gedichte sind abscheulich, eine Lachnummer. Niemand mag sie. Steh auf und geh zum Fenster.« Trotz meines Entsetzens blieb ich fest. Es war, als ob ich in der Finsternis irgendwie neben mir stand, mir zusah und zu mir selbst sagte, Menander kann dich nicht dazu bringen, daß du dich tot wünschst, also möchte er dich in den Selbstmord treiben. Er sieht, wieviel mehr Böses er tun könnte, wenn er der Königin gehörte. Ich höre nicht auf dich, du vertrockneter Schädel in einer Schachtel, sagte ich im Geist zu ihm.
Oh, aber du mußt, sagte die heimliche Stimme des Magus.
Du willst mich nicht loslassen, also lasse ich dich auch nicht los.
Menander, du bist nichts weiter als ein billiger Emporkömmling.
Falls ich deine Seele so nicht haben kann, dann auf anderem Weg. Steh auf und geh zum Fenster.
Und das tue ich nicht, antwortete ich ihm, während ich mir die Fäuste an die Augen hielt, aus denen die Tränen rannen. Im Geiste sang ich Marots Psalmen lauter und immer lauter. Bei den heiligen Worten, die sich in meinem Kopf formten, konnte ich ihn aufkreischen hören, dann schwieg er. Draußen, in der wirklichen Welt, atmeten meine beiden Bettgenossinnen stetig wie zuvor. Wie lange rangen wir wohl miteinander, bis ich erschöpft einschlief? Minuten? Stunden? Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Und ich wußte, daß meine Nächte jetzt voller Kampf und Entsetzen sein würden, bis entweder ich oder Menander der Unsterbliche aufgegeben hätte. Nostradamus, sagte ich bei mir. Du mußt Nostradamus wieder aufsuchen. Er weiß die Antwort.
Am nächsten Morgen schickte die Königin beim lever ihren Flötenspieler fort, statt dessen ließ sie sich von Madame Gondi einen ungewöhnlichen Dialog über die Tugend aus einem schmalen Bändchen vorlesen, das fachmännisch auf Pergament kopiert und sehr hübsch in geprägtes Saffianleder gebunden war.
»Klug, diese Bemerkung, die Demoiselle de la Roque Athene in den Mund legt«, bemerkte die Königin, während sich ihre Zofe mit ihren kunstvollen Locken beschäftigte. »Lest das noch einmal, diesen Teil über die Heiligkeit der Ehe, wo Hera spricht. Es liegt soviel Gefühl darin.« Die Königin war an diesem Morgen ungewöhnlich ruhig und friedfertig, doch sie spürte, daß Madame Gondis Hand beim Zurückblättern zitterte. Die ist eben auch keine Königin, dachte Katharina von Medici. Zu schwache Nerven. Leute mit schwachen Nerven haben schon Königreiche eingebüßt, und hinterher schlachtet der siegreiche Fürst die Thronerben ab. Das habe ich in Florenz gelernt, als die Feinde meiner Familie versuchten, mich als Kanonenfutter an die Stadtmauer zu hängen. Selbst Machiavelli, der auch für meinen Vater geschrieben hat, was weiß der schon von diesen Wahrheiten? Er kratzt mit seinem Federkiel und begreift nur mit dem Kopf, aber ich, ich weiß diese Dinge im Herzen.
»… Und aus diesem Grund ist die Ehe als heiliges Sakrament eingesetzt…« Die Königin blickte um sich auf das reichgeschmückte Gemach und die katzbuckelnden Hofdamen, die ihre Herzen verborgen hielten und ihre Blicke verschleierten. Jede von ihnen kann aus dem Hinterhalt zuschlagen. Als Königin ist man anders als andere Menschen: Man spielt um einen höheren Einsatz.
»… Und so wie aus Zuneigung geborene Kinder schöner sind, so sind aus ehelicher Zuneigung geborene diesen noch überlegen…« Madame Gondi las mit etwas zittriger Stimme. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, und ihr Teint war geisterblaß. Sie hatte Alpträume von dem sprechenden mumifizierten Kopf gehabt.
»Haltet ein wenig inne, ist das die Stelle, wo Hera Aphrodite zurechtweist?«
»Nein… nein, die kommt später, wo der Erzengel die wahre christliche Ehe erläutert…«
»Das sind elegante Gefühle… es ist mir keineswegs peinlich, daß sie dieses kleine Werk mir gewidmet hat. Ich möchte im ersten Abdruck als Schirmherrin stehen. Vielleicht sollte ich andeuten, daß ich an einem meiner Nachmittage eine Lesung abhalte. Das dürfte die Ergebenheit und Treue der Demoiselle meiner Person gegenüber verdoppeln, meint Ihr nicht auch? Aber was fehlt Euch? Habt Ihr etwa auch Fieber wie sie?«
»Nein, Majestät – das macht nur die leise Zugluft.« Heilige Maria, heilige Muttergottes, ich will nie wieder mit Zauberei und Glücksbringern herumspielen, sagte Madame Gondi bei sich, während sie das Entsetzen der letzten Nacht von neuem überkam. Heiliger Jakob, ich schwöre, ich mache eine Wallfahrt und kaufe mir ein härenes Gewand. Dafür halte du den Fluch dieses Dinges von mir ab…
»Gut. Fernel versichert mir, daß es nichts ist, aber ich habe ihr von meinen eigenen Arzneien geschickt, bei Fieber gibt es nichts Besseres… das Pflaster aus Rosenblättern und Hühnereiern, das sich so hervorragend bewährt hat, als die Königin der Schotten so krank war.« Drei Damen waren damit beschäftigt, das Kleid der Königin hinten zu schnüren. Anschließend steckten sie ihre Halskrause mit Nadeln fest. Als sie zum Schluß den Kopfputz und den schimmernden Seidenschleier auf dem Kunstwerk der Zofe befestigten, wandte sich die Königin an Madame Gondi. »Was haltet Ihr von dem Plan, ihr Versprechungen auf einen Ehemann von Rang zu machen? Das würde sie, glaube ich, für immer an mich binden. Sie hat das Risiko – und ich den Nutzen. Ist es nicht so?«
»Aber, Majestät, welcher Mann von Rang würde eine Frau ohne großes Vermögen nehmen? Ei, als Ihr Euch mit vierzehn vermählt habt, da wart Ihr nicht nur eine Erbin, sondern auch auf dem Höhepunkt Eurer großen Schönheit, und diese Demoiselle scheint mir nicht mehr die Jüngste zu sein.«
»Ach, teure Freundin und Kupplerin, ich zähle dabei auf Euch. Findet mir einen Mann, der in Ungnade gefallen ist und alles tun würde, um meine Gunst zu gewinnen, oder einen Mann mit beschlagnahmtem Vermögen, aber von einigermaßen guter Familie – oder einen Mann ohne Einfluß, vielleicht einen jüngeren Sohn…« Die Königin wedelte mit der Hand in der Luft, um die Liste der Männer zu vervollständigen, die wohlfeil zu haben waren. »Stellt mir eine kleine Auswahl zusammen, Maddalena.«
»Ein bestimmtes Alter?«
»Ach, alles paßt. Hauptsache, er ist gefügig, billig zu bekommen und niemandem außer mir dankbar. Vielleicht lasse ich sie wählen. Das ist wirklich nicht wichtig; sie können ja getrennt leben, falls sie sich nicht mögen… Ach, wen höre ich da im Vorzimmer? Was für ein furchtbarer Aufruhr. Sagt ihm, daß ich ihn nicht empfangen kann. Ich muß heute morgen Briefe schreiben und möchte nicht gestört werden.«
Doch der Mann im Vorzimmer riß sich von den Wachen los und stürmte ins Schlafgemach der Königin, wo er sich ihr, die vor ihrem Himmelbett stand, zu Füßen warf. »Meine Königin, meine Königin«, rief der in schwarzes Leder gekleidete Mann, wobei er sich auf dem Teppich krümmte, »ich flehe Euch an, begeht keinen Fehler, der Euch alles kosten kann.«
»Cosmo, du Quälgeist, steh auf. Wie hast du herausgefunden, daß die Demoiselle mich besucht und mir meinen kleinen Kasten gebracht hat?«
»Ich sage Euch, er ist verflucht, verflucht«, stöhnte der Mann in schwarzem Leder. »Er hat nichts als Verderben im Gefolge.«
»Und was genau, Cosmo, wollt Ihr damit sagen, da Ihr doch als erster vorgeschlagen habt, ihn mir zu besorgen?«
»Er ist eine Gefahr – eine schreckliche Gefahr, falls er nicht von einem Fachmann gehandhabt wird. Fürwahr, das falsche Wort, ein unbesonnener Wunsch…«
»Ach, darauf wollt Ihr hinaus, Cosmo. Ihr könnt mir glauben, daß ich in diesen Dingen selbst nicht unerfahren bin. Ich habe mir ausgedacht, wie ich alles mit einem einzigen Wunsch erreiche, und den habe ich ausnehmend sorgfältig formuliert.«
Der Astrologe, noch auf den Knien, schnappte nach Luft. »Dann ist es also geschehen? Wie lautete der Wunsch?«
»Warum sollte ich Euch das sagen? Ich weiß, was Ihr wollt. Ihr wollt Euch meines kleinen Kastens bemächtigen und meiner geheimsten Gedanken, Euch in all meine Geschäfte einmischen. Ich habe jedoch Besseres im Sinn und – andere Wünsche.«
»Erhabene Königin, ich flehe Euch an, beschmutzt Euch nicht… laßt jemanden, der kundig ist in der Kunst des…«
»Sagt, Cosmo, seid Ihr noch immer nicht verheiratet?« fragte die Königin, die ihn von Kopf bis Fuß musterte.
»Setzt ihn auf die Liste«, sagte die Königin mit einer Geste in Richtung Madame Gondi, die ein schmales Buch beiseite legte und aus einer Schublade des königlichen Schreibtisches Feder, Papier und eine kleine Schachtel Sand holte. Sie legte das Blatt auf den Tisch, tauchte die Feder in ein reichverziertes Tintenfaß, das von drei Amoretten getragen wurde, und kritzelte oben auf die leere Seite: »Cosmo Ruggieri, 43, gedrungen und dunkelhaarig.«
»Was soll das?« fragte Ruggieri neuerlich besorgt. Er hatte in seinen Diensten bei den Medici so manche Liste gesehen, die bei Sternenschein, heimlich und mit verstohlenen Blicken erstellt worden war. Listen von Feinden, Todeslisten.
»Ei, ich habe mir gedacht, Ihr würdet Euch gern mit einer guten, alten französischen Familie verbinden und dazu vielleicht noch ein wenig Geld und einen Titel bekommen.« Schweißperlen standen auf Ruggieris Stirn, und seine Blicke suchten verzweifelt nach einem Ausweg. Erblich, diese Ader für Ironie, dachte er, dieses Katz-und-Maus-Spiel mit den Verurteilten. Und nun war sie schließlich auch bei der Duchessina durchgebrochen. Warum er, warum er? Jetzt benötigte er die Schatulle mehr denn je, dann konnte er sich von der Todesliste wegwünschen, die die Königin so beiläufig aufstellte, wie sie sich das Haar frisieren ließ.
»Ha! Seht nur, wie er rennt«, sagte die Königin.
»Seid Ihr sicher, daß er auch…«
»Ach, vielleicht doch nicht. Schließlich, warum sollte ich ihm durch eine Heirat mit ihr die Schatulle zuspielen? Laßt Euch jemand anders einfallen. Einen alten Speichellecker, der leicht zu täuschen ist.«
»Was ist mit dem geizigen Tappergreis, der meinen Gemahl ständig um Gefallen angeht – dieser Bankier – ach, wie heißt er noch… Monteverdi, nein, Monsieur Montvert. Ist der noch verheiratet? Nein? Hat er einen Sohn oder Neffen?«
»Es gibt, glaube ich, einen Sohn.«
»Gut, schreibt den auch auf. Und besorgt mir noch ein paar. Ich lasse Euch wissen, wenn mir weitere einfallen…«
Laut Dekret Heinrichs II. waren Fechtschulen, diese Sammelbecken von Gesindel und Kaufmannssöhnen, innerhalb der Mauern von Paris verboten. Doch in einer verrufenen Gasse, die von der Rue St. Jehan am Linken Ufer abging, gab es im Schwarzen Eber hinter der Schänke einen langen Raum, aus dem das Geklirr von Schwertern zu hören war. Falls zufällig ein grauhaariger alter escrimeur aus der Zeit von König Franz anwesend war, falls sich Studenten und Hufschmiedsöhne zufällig in Selbstverteidigung übten, falls zufällig Geld den Besitzer wechselte – wen ging das schon etwas an. Der Besitzer des Schwarzen Eber, der schwerhörig zu sein schien, hatte keine Ahnung, woher der ganze Lärm rührte, obwohl die Kundschaft für seinen sauren Wein und das billige Bier regelmäßig durch die niedrige Hintertür hinter den Fässern in die Schänke strömte.
Eine hochgewachsene Gestalt durchmaß rasch diese dumpfige Trinkerhöhle, bahnte sich einen Weg vorbei an besetzten Tischen und Betrunkenen, die auf dem harten Lehmfußboden lagen.
»Hoppla! Das ist Nicolas, der Italiener!«
»Nicolas, ich dachte, Ihr kommt heute nicht!«
»Nicolas, was macht die Dame? Noch immer nicht angebissen?«
Es war eigenartig, aber etwas geschah mit Nicolas, als er durch den Raum in Richtung der salle ging. Er ließ die Schultern nicht mehr hängen, schlenderte auch nicht mehr lässig, sondern ging kerzengerade mit raschem Schritt, der Blick fest und durchdringend wie der eines Adlers. Hier war er am richtigen Platz, hier würde es niemand wagen, für ihn zu beten und zu brabbeln und ihn einen verlorenen Sohn zu nennen. Hier war der Ort, wo sich die Zeit, die er in ganz Europa vertan hatte, als nicht umsonst erwies. Hier war der Ort, wo ihn ausgebuffte Bösewichter grüßten, wenn er sich in sein schweres Plastron aus Leder schnürte und zum Übungsflorett griff, auf dessen Spitze ein Korken steckte, damit niemandem die Augen ausgestochen wurden. Nicolas Montvert war ein Taugenichts und ein Träumer. Doch Nicolas, der Italiener, hatte freudig seine Studien der Rechte, der Philosophie und Theologie an verschiedenen Universitäten Italiens aufgegeben zugunsten der hohen Kunst des Fechtens nach der neuesten Mode. Nun war er ein außergewöhnlich guter Rapierfechter der italienischen Schule und erwies sich auch als geschickt in der Kombination von Rapier und Dolch, Rapier und Umhang oder selbst mit dem altmodischen Schwert und dem runden Schild. Sein Vater hätte ihn in Maestro Achilles' Fechtschule nicht wiedererkannt. Und falls doch, so wäre er entgeistert gewesen.
»Sprich den Namen meiner Dame aus, Jean-Claude, und du bist ein toter Mann«, sagte Nicolas, doch es hörte sich fröhlich an.
»Aber, aber, das war doch nur Spaß. Stehst du heute zum Üben zur Verfügung? Die botte, die du mir gezeigt hast, beherrsche ich noch nicht ganz.«
»Heute nicht, ich wollte nur Achille sehen.«
»Schuldet er dir noch immer zwei Kronen, Nicolas?«
»So gewiß, wie ich Schulden in den ›Vier Elementen‹ habe«, sagte Nicolas.
»Etwas zu trinken… bleib ein Weilchen bei uns.«
»Das geht nicht. Geschäfte…« Nicolas war bereits durch die Tür hinter den Fässern verschwunden.
»Weißt du, was für Geschäfte das sind?« fragte einer der Zecher den anderen, sowie er außer Hörweite war. »Er steigt irgendeiner Hofdame durch die ganze Stadt nach wie ein krankes Kalb und sucht nach Gelegenheiten, sie anzusprechen.«
»Unser Nicolas? Dem liegt doch jede Frau zu Füßen. Er sieht gut aus, sein Vater ist reich, und er ist ein vermaledeit guter Fechter. Das sollte jeder Frau genügen…«
»Dieser aber nicht. Hochnäsige Familie, fein, schreibt Gedichte, und ein Mann mit Titel ist hinter ihr her.«
»Einer mit Titel? Armer Nicolas – dann zieht er wohl den kürzeren.«
Nachdem seine Gicht vorübergehend auskuriert war, brachen Nostradamus und sein Diener auf zwei übellaunigen königlichen Postpferden nach Schloß Blois auf, wo man die königlichen Kinder, abgeschirmt von der neuesten Krankheit bei Hofe, einquartiert hatte. Trotz der lauen Herbstluft und der Schönheit des trägen grünen Flusses, dessen Ufern er folgte, empfand Nostradamus die Reise als unerquicklich. Der Gasthofbesitzer der Drei Könige in Orléans hatte ihm zuviel abgenommen, und ein Gericht, nämlich gekochte Kutteln, nach dem ihn gelüstet hatte, war ihm auf den Magen geschlagen. Dann hatte Leons Pferd unweit Beaugency ein Hufeisen verloren, und selbst als er den Befehl der Königin vorzeigte, beeilte sich der dickköpfige Dorfschmied durchaus nicht. Nostradamus stand an der Tür der strohgedeckten Schmiede, musterte die vorbeifahrenden Boote auf dem Fluß und beschloß, nie mehr zu reisen, wer auch immer es anordnen mochte. Gauricus verschickte seine Horoskope schließlich auch mit der Post, und niemand verlangte von ihm, daß er auf schlechten Pferden ritt, sich den Magen verdarb und mit begriffsstutzigen Schmieden verhandelte, und das alles für ein völlig unzureichendes Honorar.
Sein Entschluß festigte sich noch, als er die Wachposten im Hof des Schlosses erreichte und hören mußte, daß er als Dienstbote eine dunkle Hintertreppe benutzen solle. Erst nach großem Aufstand und mehreren Botschaften hin und her an M. de Humières, den Betreuer der Kinder, kam Nachricht, daß in diesem Fall, und nur in diesem Fall, dem berühmten Maistre Nostredame die achteckige Freitreppe zur Verfügung stehe. Während Léon, mit Büchern und Instrumenten beladen, hinter ihm die Stufen hochächzte, wirkte Nostradamus wie in tiefe philosophische Gedanken versunken, seine Lippen bewegten sich stumm und formten geheimnisvolle Worte. Hätten die beeindruckten Diener und Gaffer die mystischen Worte mitbekommen, so hätten sie gehört: Die Sache ist es nicht wert. Zeitverschwendung. Nächstes Mal Postzustellung.
Nach einer Beratung mit M. de Humières und einer Überprüfung des Befehls der Königin, für alle Kinder – auch für die Königin der Schotten – Horoskope zu erstellen, wies man Nostradamus ein Zimmer mit Blick auf einen Teil des Daches vom Kapellenmittelschiff und auf ein halbes Dutzend neugierige Tauben an. Das Bett war widerlich klamm, und die Kerzen bestanden nicht aus Bienenwachs, sondern aus Unschlitt, genau die Sorte, von deren Geruch er Kopfschmerzen bekam. Nie wieder, beschloß er. Falls Frankreich gerettet werden muß, kann es auch per Post geschehen.
Am darauffolgenden Morgen, gestärkt durch ein wirklich hervorragendes Frühstück – angenehm zarte Brötchen, ein köstliches Gericht Räucherfisch und frische Butter –, machte er sich daran, sich die königlichen Kinder anzusehen. Diener, Edelleute und Zofen, außerdem Monsieur und Madame de Humières höchstpersönlich drängten sich in dem langen blaubemalten Saal. Dazu gesellten sich noch mehrere große Jagdhunde, drei Zwerge, einer mit einem gezähmten Papagei, und eine Dame mit einem weißen Frettchen an silberverzierter Leine.
Doch noch ehe Franz, der Thronerbe, hereingeführt wurde, hatte der gewitzte alte Doktor auf einmal das Gefühl, Blei im Magen zu haben, und das war nicht das Frühstück. Er wußte Bescheid. Trotz der pulsierenden, wirren Aura der Menge rings um ihn konnte er die graue zitternde Luft um den Jungen genau deuten. Geistig gestört, kränklich, dann der Tod, und das in nicht allzu ferner Zukunft. Als er den Leib des Kindes eingehend musterte, waren die Zeichen unverkennbar, selbst für einen Menschen, der kein Mystiker war. Die Mutter muß sie auch sehen, dachte er, und alle Welt sagt ihr, daß sie sich irrt. Darum hat sie nach mir geschickt. Sie will es wissen, und dennoch kann man es ihr nicht sagen. Der Dreizehnjährige war zu klein, der Kopf aufgedunsen, die Augen leer und einfältig, das Gesicht von eitrigen Pusteln zerfressen. Während er den Doktor beobachtete, wischte sich der Junge die laufende Nase am Ärmel.
»Laufen die Ohren auch?« fragte Nostradamus.
»Eine Erkältung, nichts Schlimmes«, antwortete der Erzieher des Dauphins. Doch Nostradamus hatte mit geübtem Blick die Vorderzähne des Knaben gesehen, als dieser schniefte. Eingekerbt. Die Familie war erbkrank. Welchen Wahnwitz, welche Zerstörung würden diese Kinder vor ihrem unvermeidlichen Ende anrichten? Die italienische Krankheit hatte sich in den Stammbaum der Valois eingeschlichen, und diese unterentwickelten, fahlgesichtigen Kinder waren zu einem Leben in Elend und Kummer verdammt. Die einzige Frage war, wie lange die Krankheit dauern und welche Form sie annehmen würde. Die Mutter muß es wissen, dachte der alte Prophet. Im tiefsten Inneren weiß sie es, und sie wird dagegen bis zum bitteren Ende kämpfen. Sie wird planen, intrigieren und sich abmühen, um aus ihnen etwas zu machen, was sie nicht sind. Sie sind alles, was sie hat. Und ich, der sein behagliches Heim schätzt, ich kann es ihr auch nicht sagen. »Dieser Knabe ist dazu bestimmt, ein bedeutender König zu werden«, sprach er feierlich. Alle Damen nickten, und Geplauder schwirrte durch den Raum.
Der Reihe nach untersuchte er die Thronerben, vier Jungen, einer noch schlimmer dran als der andere. Der dreizehnjährige Franz war bereits sichtbar krank, und beim Anblick des sechs Jahre alten Charles mit seinem spitzen kleinen Mausgesicht und den boshaften Augen fühlte sich der alte Mann an den kleinen Caligula erinnert. Aha, der hier ist hübscher – aber nein, was ist nur mit seiner Seele? Und sie glaubt, dieser hier, Heinrich, sei normal, dachte der Prophet. Dann war da noch das Kleinkind Herkules mit dem verräterisch großen Kopf. Und dann ein Mädchen, Elisabeth, mit Elfengesicht und klugen Augen, aber auch sie gezeichnet, und eine jüngere Tochter, Claude, mit seltsam verdrehten Gliedmaßen. Und ein kleines Mädchen im Laufgeschirr, fröhlich und keck. Unfruchtbar von Geburt an, besagte ihre Aura. Die schenkt keinem Mann einen Erben.
Ah, hier kommt die Ausnahme, sagte sich der alte Mann, als er einer hochgewachsenen tizianroten Vierzehnjährigen mit rosigem Teint und klaren, funkelnden Augen vorgestellt wurde. Die Königin der Schotten, die künftige Braut des Erben, ist gesund und wohlgeformt. In ihr erkenne ich das Guise-Blut, aufgehellt durch die rötlich-goldene Kraft der schottischen Linie. Kein Wunder, daß sie der Liebling des Königs ist. Er glaubt, daß sie mit ihrer Gesundheit seine Blutlinie erneuern könne. »Zu spät«, seufzte Anaels Stimme in seinem Ohr, doch der alte Prophet zwang sich zur Heuchelei, erzählte allen, daß sie eine ruhmreiche Zukunft erwarte, strahlte und verbeugte sich vor der Menge ringsum. Alsdann ließ er sich viel Zeit mit der Niederschrift seiner Bemerkungen in einer Kurzschrift, die er selbst erfunden hatte und die niemand außer ihm entschlüsseln konnte. Beständig hallte eine Stimme in seinem Ohr, der König wird keine andere Ehe für seinen Sohn erlauben, wer auch immer anderes vorschlägt, und diese Ehe wird das Elend auslösen, das Frankreich bis auf die Knochen ausmergeln wird. Krieg und Tod, Bruder gegen Bruder, die Guise zertreten ihre Feinde und werden ihrerseits zertreten.
»Sag mir, Anael«, sprach Nostradamus zu dem Engel der Geschichte, »was ist, wenn die Schrecknisse der Zukunft ausgelöst werden vom Schicksal einer hübschen kleinen Unschuldigen? Bei diesem ungeheuerlichen Gedanken dreht sich mir der Magen um. Die einzig moralische Entscheidung ist Schweigen. Aber was würde geschehen, wenn ich mein Wissen preisgäbe?« Es war Nacht, doch die Fensterläden im Kämmerchen mit den schrägen Wänden standen offen. Sechs Sterne, nein, acht zwinkerten ihm jenseits des dunklen Dachschattens zu. Anael saß auf der Fensterbank und war mit seinem schummrig-blauen Leib und den glitzernden Sprenkeln nur etwas heller als der Nachthimmel. Eine einzige Kerze erleuchtete das komplexe Diagramm eines Horoskops unter Nostradamus' Hand. Am Rand in der Nähe des Zeichens für Mars schrieb er eine Reihe Notizen nieder, dann legte er seufzend die Feder beiseite.
»Du glaubst, du könntest die Geschichte ändern?« Anael grinste und plusterte die Federn seiner rabenschwarzen Flügel. »Du? Ein sterblicher alter Mann? Für das Wissen, daß du sogleich von einer der Parteien ermordet würdest, brauchst du keinen Zauberstab.«
»Willst du damit sagen, daß mein Entschluß nicht durch und durch moralisch ist?« Nostradamus war zu lange aufgeblieben, hatte alle Horoskope fertiggestellt, und als er sich aus der Küche sein Essen holen lassen wollte, schickte man ihm Nachricht, es sei nichts mehr da und das Feuer sei gelöscht. Folglich hörte er sich ziemlich gereizt an.
»Ach, sei doch nicht verstimmt. Die Sache ist lediglich ein Wirrwarr – wie alles, was ihr Menschen macht.« Anael lümmelte sich im Fenster, baumelte mit den übergeschlagenen Beinen und sah so selbstgefällig aus, daß er den alten Propheten noch mehr reizte.
»Nun, wenn du so vollkommen bist, warum sorgst du nicht dafür, daß die Geschichte einen besseren Lauf nimmt?«
»Ist nicht meine Sache. Ich kümmere mich nur um den Schrank. Außerdem ist es einerlei, was irgend jemand von uns zu diesem Zeitpunkt tut. Eine große Sache wie ein Religions- und Bürgerkrieg ist wie Wasser, das bergab läuft. Es läßt sich nicht aufhalten; es bahnt sich immer einen Weg, also läßt man lieber die Finger davon und macht einen Bogen darum.«
»Hat es einen Zeitpunkt gegeben, zu dem man noch hätte Einhalt gebieten können?« Nichts interessierte Nostradamus mehr als ein ernsthafter philosophischer Diskurs. Diese Aussicht stimmte ihn gleich heiterer.
»Du meinst, indem man jemanden wie Monsieur Calvin ermordet hätte, der nicht im entferntesten so anziehend ist wie die kleine Guise?«
»Nun… Also das habe ich so nicht gesagt…«
»Oder vielleicht möchtest du noch weiter zurückgehen, zu Monsieur Luther beispielsweise? Du kannst mir glauben, früher oder später hätte diese alte verderbte Institution selbst ihren Ruin bewirkt…«
»Und was ist mit der Verderbtheit? Hätte man der Einhalt gebieten können? Was ist mit dem Erfinder des Generalablasses?« Anael lachte, und Nostradamus zog die wilden Brauen zusammen. Schließlich war er in einem Alter, in dem man ihn ernster nehmen durfte. Zuweilen vergaß er, daß er für einen Unsterblichen wie Anael gerade erst geboren war.
»Glaubst du etwa, nur ein einziger Mensch wäre auf diese brillante Idee gekommen? Der Same war gesät. Wenn die Zeit reif ist für die Verderbtheit, dann ist sie reif.«
»Ja, ja, wie Wasser, das bergab läuft, wie du bereits gesagt hast«, meinte Nostradamus, denn Anaels Überheblichkeit reizte ihn.
»Und außerdem, bedenke, wieviel Kunst und Schönheit mit diesen Ablaßbriefen gekauft worden ist. Wäre die Welt ohne sie besser dran? Die Rose ist am schönsten kurz vor dem Verblühen. Nun, das Geld der Arglosen und Leichtgläubigen ging über an die Verschlagenen und Gerissenen: Aber kann man deshalb behaupten, es war nicht richtig?«
»Anael, du bist das amoralischste Geschöpf, das mir je begegnet ist…«
»Erwartest du etwa, daß Geschichte moralisch ist? Michel, ich hätte nie gedacht, daß deine Tiefen so viel Seichtheit verbergen…« Es klopfte schüchtern an die Tür, und schon war Anaels anmutige Gestalt in die dunkle Ecke gehuscht, die nicht von Nostradamus' Kerze erhellt wurde.
»Herein«, sagte der Prophet in der Hoffnung, es wäre doch noch eine bescheidene Mahlzeit.
Zwei kleine Mädchen in Nachthemd und Nachtmütze, fest in dicke robes de chambre aus Pelz gehüllt, standen auf der Schwelle, hinter ihnen ihre Gouvernante, Madame de Humières, das graue Haar unter der Nachtmütze zum Zopf geflochten. Begleitet wurden sie von vier stämmigen bewaffneten Wachposten, die sich im Hintergrund aufgebaut hatten. Eine Konspiration, dachte Nostradamus. Sie dürften gar nicht mehr auf sein, ganz zu schweigen hier, aber dennoch war er gerührt. Er zupfte und zog sein Gewand glatt und versuchte, etwas Ordnung auf seinem Tisch zu schaffen. Schließlich war er das Ziel eines heimlichen, nächtlichen Kinderabenteuers und hatte seiner Rolle gerecht zu werden.
Das jüngere der kleinen Mädchen hatte die großen braunen Augen und das fliehende Kinn seiner Mutter. Dunkle Locken lugten unter der weißen Rüsche der Nachtmütze hervor. Das war die kleine Valois-Prinzessin Elisabeth. Neben ihr stand ihre größere und ältere Freundin, mit der sie ein Zimmer und ein großes Himmelbett teilte. Das unverkennbar tizianrote Haar lag ihr in zwei schweren Zöpfen auf den Schultern, ihr Porzellanteint war rosig vor Erregung über ihre kühne Unternehmung. Die Mädchen-Königin von Schottland, die seit Kleinkindzeiten keinen Fuß mehr auf schottischen Boden gesetzt hatte. Die beiden starrten die Instrumente und Karten an, die Nostradamus auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Geheimnis und Magie, das war es, was sie sehen wollten. Sonderbare Gefäße, in denen vielleicht Kobolde ihr Unwesen trieben.
Nostradamus merkte, daß er ihren Erwartungen nicht ganz gerecht wurde.
»Maistre Nostredame, wir sind gekommen, weil wir mehr über unsere Zukunft wissen wollen«, sagte das dunkeläugige kleine Mädchen beherzt. Nostradamus schob die Karte beiseite, an der er gerade arbeitete, damit nicht eine von ihnen einen Blick auf die Zahlen erhaschte, die sie womöglich entschlüsseln könnte. Darauf stand nämlich, was die Sterne für das rothaarige Mädchen voraussagten: Witwenschaft, Verbannung, Verrat, Einkerkerung und Hinrichtung. Das alles entfaltete sich im Schatten ihrer ehrgeizigen Onkel, war Erbe ihres Blutes – so wie Krankheit das Erbe des dunkelhaarigen kleinen Mädchens mit dem Gnomengesicht war.
»Ja, wir wollen alles über unser Leben wissen, wenn wir Königinnen sind, welche Paläste wir haben werden.«
»Und welche Juwelen; ob wir prächtige bekommen?« Nostradamus seufzte, und sie faßten das als Ungeduld auf.
»Wir werden Euch gut entlohnen, wenn wir groß sind«, sagte das rothaarige Mädchen in ungemein würdevollem und herablassendem Ton, so als ahmte es jemanden nach.
»Wir wären auch nicht so spät gekommen, wenn man uns nicht gesagt hätte, daß Ihr bald abreist, vielleicht schon morgen«, setzte die Dunkelhaarige hinzu.
»Das macht nichts«, antwortete der alte Mann. »Aber bringt mir nicht die anderen auf Gedanken, ja? Ich weissage Euch die Zukunft aus der Hand. Stellt Euch hierher, neben die Kerze, ich will mir Eure zuerst ansehen.«
»Nein, erst müßt Ihr Marias ansehen, die ist als Königin geboren, und Vater sagt, sie kommt immer zuerst, auch an der Tür.«
»Na schön. Hmm. Hmm. Ja. Ihr werdet Königin in zwei Königreichen sein.«
»In zweien, nicht in dreien? Ich bin Königin von Schottland, heirate Frankreich und erbe England.«
»Nein, nicht drei. Die Zeichen besagen zwei. Aber aus Euch wird ein Stammbaum von Königen hervorgehen – und Ihr werdet die Leidenschaft der Männer erregen, wohin Ihr den Fuß setzt.«
»Oh«, seufzte die Mädchen-Königin, »das wird wunderbar.« Nicht wenn du wüßtest, wie selbstsüchtig und haßerfüllt einige dieser Leidenschaften sein werden, dachte der alte Mann. Verflucht sei Menander, der mir jede Weissagung zur Qual macht. Wie er gelacht hat, als ich meinen Wunsch geäußert habe, und wie schmerzlich Wissen doch ist.
»Jetzt bin ich an der Reihe.« Die dunkelhaarige Elfjährige streckte ihm ihre kleine Handfläche hin.
»Ah, das sind interessante Linien«, sagte der alte Mann und tat so, als müßte er erst nachdenken. »Ihr werdet eine sehr, sehr große Königin sein, mit Schränken voll prächtiger Gewänder, und Ihr habt die wundervollsten Juwelen und mehr, als Ihr in einem Leben überhaupt tragen könnt… die Reichtümer eines großen Königreichs.« Ihre Karte lag zusammengerollt in der Schreibtischschublade. Er hatte vor, sie hinreichend zu überarbeiten, um ihre Mutter mit der geschönten Version zufriedenzustellen. Darin erblickte er die düsteren, üppigen Paläste des spanischen Königs, Vermählung mit einem lieblosen alten Mann, die frostigen, durchdringenden Blicke der Rivalinnen. Und dann jung, ach so jung, Gift.
»Und werde ich auch Mutter von Königen?«
»Von Töchtern, liebes Kind, aber das werdet Ihr nicht bedauern. Euer Volk wird Euch so sehr lieben, daß es Euch die Königin des Friedens und des Wohlstands nennen wird.«
»Steht da noch mehr?« fragte Elisabeth, die sehr klug und der Liebling ihrer Mutter war, denn sie hatte gemerkt, daß der alte Mann etwas sonderbar dreinschaute.
»Aber nein, mehr nicht«, sagte der alte Prophet. »Das ist alles, was die Handlinien aussagen, außer daß Ihr eine sehr kluge junge Dame seid und brav lernt.«
»Aber das weiß ich schon.«
»Genau, und darum muß ich es Euch nicht erzählen.«
Als sich die Mädchen verabschiedet hatten, sah Nostradamus, wie sich Anael in der Ecke reckte und streckte, dann die Arme verschränkte und die Nase rümpfte. »Die Geschichte verändern wollen, ha! Du bringst es niemals übers Herz, jemanden auszulöschen. Du bringst es ja nicht einmal übers Herz, diesen beiden kleinen Mädchen zu sagen, daß sie ermordet werden.«
»Und was würde ihnen das nützen? Es würde ihnen doch nur das wenige an Freude rauben, das ihnen zu Lebzeiten bleibt«, murmelte der alte Mann bekümmert.
»Und darum verschlüsselst du deine Weissagungen. Du erträgst die Wahrheit nicht, erträgst sie einfach nicht. Michel, hat dir schon einmal jemand gesagt, daß du ein komischer Vogel bist?«
»Schon sehr viele Menschen, Anael. Lieber Gott, ich war ein Unwissender und verwünsche den Tag, an dem mich danach verlangte, die Zukunft deuten zu können.«
»Du weißt, das ist alles deine Schuld.«
»Ja, und dieses Wissen macht es nur noch schlimmer.« Er seufzte. »Ich war jung, ich war töricht, ich war verrückt vor Verlangen nach den Geheimnissen des Orients. Aber wenigstens hat mir dieser verfluchte Kopf im Kasten niemals gehört. Und ich habe wirklich Glück gehabt, daß er seinem Besitzer in Konstantinopel gestohlen wurde, ehe ich einen Wunsch äußern konnte.«
»Und so bist du vor dir selbst bewahrt worden. Aber wirklich, ich sollte dein Bedauern als Beleidigung auffassen. War es denn so schlimm, meine Bekanntschaft zu machen?« fragte der Geist der Geschichte.
»Nein, Anael, es hat auch seine guten Seiten. Aber sag mir, wie können wir Menander den Unsterblichen loswerden, ehe er Frankreich in den Untergang treibt?«
»Michel, du bist leicht zu durchschauen. Glaubst du wirklich, daß es so einfach ist, die Geschichte zu verbessern?« Der Engel grinste und zeigte dabei gleichmäßige, weiße Zähne, dann entfaltete er die rabenschwarzen Flügel, daß ihre schimmernden Federn im Kerzenschein schillerten. Nostradamus seufzte tief. »Sei nicht so niedergeschlagen, alter Sterblicher. Ich gebe dir einen Fingerzeig. Du findest ihn im Horoskop dieses Mädchens.«
»In ihrem? Dem der kleinen Königin.«
»Nein, in dem des Mädchens, dessen Patin Zauberpulver auf Menanders Kasten gestreut hat.«
»Die? Ihr Hund hat meine Hausschuhe aufgefressen. Ich will sie nie wiedersehen.«
Der Engel hob die Schultern, auf seinem durchscheinenden Leib wirbelten und tanzten glitzernde Sprenkel.
»Wie du willst. Hausschuhe oder Frankreich«, sagte er.
»Na schön, wenn du es so hinstellst. Aber lieber Gott im Himmel, wie ärgerlich. Diese Streberin, diese Plaudertasche, diese Schnüfflerin, und dazu noch diese Besserwisserei! Und dann die gräßlichen Gedichte – hast du gewußt, daß sie mir eine eigenhändig verfaßte Villanelle geschickt hat? Die Endreime – pfui – mir haben sich die Haare gesträubt.«
»Das Horoskop, Michel, vergiß es nicht«, säuselte der Engel der Geschichte und flog davon.