Epilog

London: 16. August bis 23. November 1910

Auf dem Schiff zurück nach England wurden sie in getrennten Kabinen festgehalten. Unter den Passagieren befand sich auch Billy Carter, der von seinen Pflichten an Bord der Montrose entbunden worden war und zur Geburt seines Sohnes nach Hause zurückkehrte. Es war höchste Zeit, denn das Kind sollte das Licht der Welt verfrüht erblicken, nur sechs Tage nach Carters Heimkehr. (Die Ärzte und Schwestern hielten den jungen Mann für gestört, aber er bestand darauf, bei der Geburt seines Sohnes anwesend zu sein.) Inspector Dew sorgte dafür, dass sein Gefangener nur spätabends hinaus an Deck durfte, um sich die Beine zu vertreten, wenn die anderen Passagiere längst schliefen. Einige von ihnen hatten sich besorgt gezeigt, dass er überhaupt mit an Bord war, und wiesen darauf hin, dass sie nicht von Londons schändlichstem Kannibalen gefressen werden wollten, aber da er nun mal zurückmusste, damit ihm der Prozess gemacht werden konnte, und es keine andere Möglichkeit als den Seeweg gab, blieb ihnen wenig anderes, als es zu akzeptieren.

Am Tag, bevor sie in Liverpool ankamen, ging Inspector Dew in Dr. Crippens Kabine und befreite ihn von seinen Handschellen. Er brachte dem Beschuldigten sein Mittagessen und beschloss, ihm dabei Gesellschaft zu leisten, denn es gab einige Dinge, die er ihm über die vor ihm liegende Tortur erklären musste.

»Ah, Inspector, wie schön, dass Sie mich besuchen«, sagte Hawley. Er freute sich, ihn zu sehen, hatte er doch den Großteil der Zeit allein in seiner Kabine zugebracht und dürstete geradezu nach Unterhaltung. »Wir essen also heute zusammen, wie ich sehe«, fügte er gleich noch hinzu, weil auf dem Tablett zwei Teller standen.

»Zum zweiten Mal«, sagte Dew in Erinnerung ihres gemeinsamen Essens an jenem Nachmittag in London.

»Ja«, sagte Hawley, blickte leicht enttäuscht auf seinen nur dürftig gefüllten Teller und spürte den tadelnden Unterton in der Stimme des anderen Mannes. »Ich muss gestehen, dass ich bei der Gelegenheit nicht ganz aufrichtig mit Ihnen war. Dafür sollte ich mich entschuldigen.«

»Nun, Sie haben mir nicht gesagt, dass Sie Ihre Frau zerstückelt und in Ihrem Keller begraben hatten, wenn Sie das meinen«, sagte Dew. »Wobei ich zugeben muss, dass Sie mich komplett an der Nase herumgeführt haben.«

»Habe ich das? Dafür scheine ich ein Talent zu haben.«

»Was mich erstaunt, und in Bezug auf meine Fähigkeiten enttäuscht, ist der Umstand, dass ich Sie bereits bei einer Lüge ertappt hatte, als Sie sagten, Ihre Frau sei nach Amerika gefahren, um sich um einen kranken Verwandten zu kümmern, dann aber auf Ihre Nachfolge-Lüge hereingefallen bin. Das lässt mich ziemlich töricht aussehen. Und so fühle ich mich auch.«

»Ich würde mir deswegen keine Gedanken machen, Inspector«, sagte er. »Schließlich bin ich nach allem, was ich höre, so etwas wie ein kriminelles Superhirn. Wie hätte mich da einer durchschauen sollen?« Hawley war während der letzten Woche zwar in seiner Kabine eingesperrt gewesen, hatte durch einige Besatzungsmitglieder aber mitbekommen, was unter den Passagieren geredet wurde und an Berichten über ihn in den Zeitungen stand. Alles in allem betrachtete er das mit einer ausgesprochen düsteren Art von Humor.

»Wirklich?«, sagte Dew. »Sehen Sie sich selbst auch so?«

Hawley lächelte. Er wollte die Sache nicht noch schlimmer machen, als sie sowieso schon war.

Sie aßen eine Weile schweigend, bevor sich der Inspector an den Grund für sein Kommen erinnerte.

»Wenn wir in Liverpool ankommen«, sagte er, »wird, wie ich annehme, eine ansehnliche Menschenmenge auf uns warten. Werden Sie deswegen nicht nervös. Ich habe ausreichend Verstärkung bestellt, um die Leute zurückzuhalten und Sie zu beschützen.«

»Bin ich tatsächlich so sehr in Gefahr?«, fragte Hawley und schien fast amüsiert.

»Nicht, wenn wir Sie beschützen. Aber die Gemüter sind erregt, das müssen Sie verstehen. Was Sie getan haben, scheint die Fantasie der Öffentlichkeit überschäumen zu lassen.«

»Werde ich verachtet?«

»Gefürchtet. Verachtet. Missverstanden.«

Hawley nickte. Der Inspector schien Mitgefühl mit ihm zu haben. Warum sonst sollte er »missverstanden« sagen?

»Wir bringen Sie direkt mit dem Zug nach London, wo Sie auf Kosten seiner Majestät untergebracht werden und Ihren Prozess erwarten.«

»Wann wird der stattfinden?«

»Sehr bald, denke ich. Vermutlich im Oktober.«

»Gut«, sagte Hawley. »Je eher wir die Sache hinter uns gebracht haben, desto besser.«

Dew sah ihn verblüfft an. »Aber, Dr. Crippen«, sagte er, »Ihnen ist doch klar, dass das Ergebnis offensichtlich ist? Die Beweislast gegen Sie ist überwältigend. Ganz zu schweigen davon, dass Sie Ihre Schuld zugegeben haben. Es besteht praktisch keine Chance, dass Sie von der Anklage freigesprochen werden.«

»Natürlich ist mir das klar.«

»Auch, dass Sie der Strick des Henkers erwartet?«

»Das wird eine süße Erleichterung.«

Von dem Augenblick an, da er von Inspector Dew in Kapitän Kendalls Kabine verhaftet worden war, hatte sich Hawley damit abgefunden, schon bald zu sterben. Wenn er den Mord auch nicht begangen hatte, so hatte er doch seinen Anteil daran. Er war entschlossen, die alleinige Verantwortung an Coras Tod zu übernehmen und Ethel LeNeves Unschuld und damit ihr Leben zu bewahren.

»Was ist mit Ethel?«, fragte er, wobei er versuchte, seine Sorge in Bezug auf sie zu verbergen. »Sie wird doch sicher freigelassen werden?«

»Ganz sicher nicht«, antwortete Dew. »Sie wird sich ebenfalls verantworten müssen, aber in einem eigenen Prozess.«

»Ist das so?«, fragte er und legte seine Gabel ab. »Aber warum? Sie hat nichts Unrechtes getan, das habe ich Ihnen schon mehrfach versichert. Sie hat nichts gewusst.«

»Das behaupten Sie beide. Trotzdem hat das Gericht darüber zu entscheiden.«

»Aber mein lieber Inspector, ich habe alles gestanden. Ich gestehe meine Schuld ein, und ich versichere Ihnen, dass Ethel LeNeve nichts von dem wusste, was ich getan habe. Ihr einziges Verbrechen besteht darin, sich in mich verliebt zu haben.«

Dew zuckte mit den Schultern. »Ich kann wie gesagt nicht entscheiden, ob sie schuldig oder unschuldig ist. Das ist Sache des Richters und der Geschworenen. Sie können es mir gegenüber wieder und wieder beteuern, aber ich bin nicht der, den Sie überzeugen müssen.«

Was Walter Dew anging, so war er sich nicht wirklich sicher, dass das, was Hawley ihm sagte, die ganze Wahrheit war. Er hatte Ethel LeNeve mehrfach in ihrer Kabine verhört, sich aber noch kein klares Bild machen können. Wenn sie schwor, Hawley über alles zu lieben, schien sie die Wahrheit zu sagen, das war offenbar ihre alles bestimmende Motivation. Was den Mord an Cora Crippen betraf, wies sie alle Schuld von sich. Dass Hawley längst alles auf sich genommen hatte, wusste sie nicht.

»Miss LeNeve bestätigt Ihre Geschichte«, sagte Dew. »Sie sagt, sie sei unschuldig.«

»Na, sehen Sie«, sagte Hawley erleichtert.

»Wenn es nicht so wäre, nun, dann könnte es noch eine Chance für Sie geben. Dann könnte das Ganze als ein Verbrechen aus Leidenschaft gesehen werden. Wenn Sie von jemand anderem dazu angetrieben worden wären …«

»Inspector, Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich werde keinesfalls erlauben, dass Ethel die Schuld gegeben wird, falls es das ist, wozu Sie mich drängen wollen. Sie ist die einzige Frau, die mich je wirklich geliebt hat, verstehen Sie? Sie hat mich gerettet und hätte alles für mich geopfert. Wie könnte ich jetzt dazu beitragen, dass sie getötet wird?«

»Was geopfert, Dr. Crippen?«, fragte Dew und beugte sich vor. »Was hat sie tatsächlich für Sie geopfert?«

»Ihr Zuhause, ihr Leben, England. Sie war bereit, alles hinter sich zu lassen und mit mir davonzulaufen, auch wenn sie deswegen als sündhaft und liederlich gebrandmarkt würde, denn sie wusste ja nicht, dass Cora tot war. Wenn Sie denken, dass ich mich jetzt gegen sie wende, irren Sie sich gewaltig.«

Dew seufzte. Er wusste nicht, was er glauben sollte, und war froh, dass seine Verantwortung – abgesehen davon, dass er seine Aussage machen musste – damit endete, wenn er seinen Gefangenen dem Gericht übergab. »Was für ein Mensch war sie eigentlich?«, fragte er schließlich noch, bereits im Aufstehen. »Ihre verstorbene Frau, meine ich. Was für eine Art Mensch war sie?«

»Sie war ein Teufel«, antwortete Hawley nach einigem Nachdenken. »Ganz gleich, was mit mir geschieht: Die Welt ist ohne sie ein besserer Ort.«

»Kein Bedauern also?«

»Nein.«

Das, dachte Walter Dew, könnte sich alles bald ändern.

 

Mrs Louise Smythson und Mrs Margaret Nash saßen am Nachmittag des 25. Oktober 1910 zusammen mit ihren Ehemännern in der ersten Reihe der Zuschauergalerie, als das Urteil verkündet wurde. Das Gericht war bis zum Rand mit Juristen und Verteidigern, Journalisten gefüllt und mit so vielen Zuschauern, wie nur hineinpassen wollten. Selbst auf der Straße draußen drängten sich die Leute und warteten aufgeregt auf die Entscheidung. Die Smythsons und die Nashs hatten ihre Plätze in der ersten Reihe wegen ihres Anteils an der Ergreifung des Mörders bekommen. Mrs Louise Smythson selbst war zu einer gewissen Bekanntheit gekommen und von mehreren Zeitungen interviewt worden, die ihr Foto prominent auf der ersten Seite abdruckten. Es ging sogar das Gerücht von einer möglichen Belobigung durch den Polizeipräsidenten, wobei es das erste Mal wäre, dass ein Mitglied der Öffentlichkeit eine solche Ehrung erfahren würde, und dazu noch eine Frau.

»Nicholas, habe ich diese Woche etwas über deinen Bruder in der Zeitung gelesen?«, fragte Margaret Nash und sah zu Louises Mann hinüber. »Ich bin sicher, das habe ich.«

Nicholas nickte und musste lächeln. »Das hast du in der Tat, Margaret«, sagte er. »Und mit was für einer Schlagzeile: ›Lord Smythson erklimmt das Matterhorn!‹ Ich hätte niemals gedacht, so etwas mal in der Zeitung lesen zu können.«

»Ich auch nicht«, sagte Louise bitter. Aus dem schlechten Gesundheitszustand ihres Schwagers Martin, der sie so lange mit Hoffnung erfüllt hatte, war eine anhaltende Enttäuschung geworden. Vor ein paar Tagen hatte Martins Frau Elizabeth einen Sohn geboren, aber schon zuvor, von dem Moment an, da sie ihrem Mann gesagt hatte, dass er Vater werden würde, war der kränkelnde Lord Smythson zum Erstaunen seiner Ärzte auf wundersame Weise genesen. Er hatte nicht nur seine Lungenprobleme überwunden, sondern überhaupt einen stark gesundheitsorientierten Lebensstil angenommen, der ihn zu immer abenteuerlicheren Unternehmungen trieb. Seine letzte Eskapade, die Besteigung eines berühmten Berges, hätte ihn vor ein paar Jahren noch umgebracht. Jetzt machte sie ihn zu einem Helden.

»Es ist erstaunlich, wie er sich erholt hat«, sagte Andrew.

»Ich glaube, es war der Gedanke, Vater zu werden«, meinte Nicholas. »Er wollte einfach nicht mehr krank sein. Es ist reine Charakterstärke, wenn ihr mich fragt.«

»Und das nach all den Jahren der Krankheit.«

»Elizabeth sagt, sie will noch ein Dutzend weiterer Kinder«, sagte Nicholas mit einem Lachen. »Nur, um Martin gesund zu halten.«

Mit jedem neuen Kind schmolz die Chance für Louise, selbst Lady Smythson zu werden, weiter dahin. Tatsächlich hatte sie die Hoffnung mittlerweile aufgegeben und wünschte sich statt des Todes ihres Schwagers nun den Tod ihres eigenen Mannes. Sollte Nicholas einer unerwarteten Krankheit zum Opfer fallen, so überlegte sie, würde sie als wohlhabende Gesellschaftswitwe sicher einen unverheirateten oder verwitweten Lord finden, der sie ehelichen wollte. Sie beobachtete ihren Mann ständig, konnte zu ihrem Bedauern jedoch keinerlei Hinweise auf eine Krankheit entdecken. Nicholas schien in bester Form. Eine Zeit lang hatte sie es damit versucht, nachts das Schlafzimmerfenster zu öffnen, damit er sich eine Lungenentzündung holte, stattdessen aber hatte er erklärt, nun umso besser zu schlafen, während sie selbst von einer Influenza ereilt wurde.

»Ist es nicht wunderbar zu sehen, dass die Gerechtigkeit am Ende die Oberhand behält?«, sagte Louise, die spürte, wie viele Blicke auf ihr ruhten, und das Gefühl ihrer Berühmtheit genoss. »Und dass man so maßgeblich daran beteiligt war?«

»Was für eine Schande nur, dass es überhaupt so weit kommen musste«, sagte Margaret. »Unsere arme, liebe Cora. So ein tragisches Ende.«

»Wohl wahr. Ohne sie ist nichts wie früher. Unsere Music Hall Ladies’ Guild hat ein wertvolles Mitglied verloren«, stimmte ihr Louise zu und wiederholte damit die Worte, die sie ein paar Tage zuvor einem Reporter der Times gegenüber auf den Stufen zum Gericht geäußert hatte. »Wir werden uns immer an sie erinnern.«

»An eine gute Freundin«, sagte Margaret Nash.

»Und eine wundervolle Frau«, sagte Louise Smythson.

»Unsinn, ihr konntet sie beide nicht ausstehen«, polterte Andrew Nash. »Etwas weniger Heuchelei bitte, Ladys.«

»Andrew, das ist eine unerhörte Lüge«, sagte seine Frau. »Du weißt ganz genau, wie nahe uns Cora gestanden hat.«

»Wenn du darauf bestehst, meine Liebe«, antwortete ihr Mann mit einem Seufzen. »Aber jetzt ist diese Geschichte bald vorbei und erledigt, und wir können endlich wieder normal werden. Obwohl ich zugeben muss, dass es für das Geschäft sehr gut war. Seit unsere Namen immer wieder in der Zeitung standen, ist das Interesse an meinen Bergbauprojekten in Mexiko außerordentlich gestiegen. Ich hoffe, eine ganze Reihe neue Investoren an Bord holen zu können. Wenn alles gut geht, gibt das einen hübschen Gewinn. Gestern habe ich von Alec Heath gehört, der auch zu so etwas wie einer örtlichen Berühmtheit geworden ist.«

»Pssst, Andrew, die Geschworenen kommen zurück.«

 

Fünftausend Kilometer entfernt in Kanada standen Matthieu Zéla und Martha Hayes in der Redaktion der Quebec Gazette, wohin das Urteil gleich nach seiner Verkündigung übermittelt werden würde. Seit dem Morgen, da Dr. Crippen an Bord der Montrose verhaftet worden war, hatten sie den Fall aufmerksam verfolgt. Es war ein Schock für sie gewesen.

»Er schien ein so angenehmer Mensch zu sein«, sagte Martha, die mit Tränen in den Augen Trost an der Schulter ihres neuen Arbeitgebers und Freundes suchte. »So etwas Grausiges zu tun, das gegen alle Menschlichkeit geht.«

»Vielleicht ist er ja ein angenehmer Mensch«, sagte Matthieu. »Ich meine, dass er ein Verbrechen begangen hat, heißt noch lange nicht, dass er kein gutes Herz hat.«

»Oh, Matthieu, wie kannst du so etwas sagen?«

»Ich meine nur, dass uns die Umstände zu allem Möglichen bringen können, ohne dass wir notwendigerweise dafür verantwortlich gemacht werden sollten. Wer weiß, was diese Cora für ein Mensch war?«

»Selbst wenn sie der schrecklichste Mensch auf Erden war, rechtfertigt das kein so grausames Ende.«

»Natürlich nicht. Ich sage ja nur, dass eine böse Tat jemanden nicht automatisch zu einem Ungeheuer macht. Wir mochten Dr. Crippen – oder Mr Robinson, wie immer du ihn nennen willst –, und wir sollten nicht gleich annehmen, dass wir unrecht damit hatten, nur wegen dieser Sache.«

»Du bist ein sehr nachsichtiger Mann, Matthieu«, sagte Martha mit einem warmen Lächeln.

»Nun, mir hat er nichts getan«, antwortete Zéla mit einem Schulterzucken, »also kann ich ihn auch nicht verurteilen.«

»Aber ich«, sagte Tom DuMarqué, der ein paar Schritte entfernt stand, ihnen zuhörte und an die Ereignisse jenes späten Abends an Bord der Montrose dachte. »Ich bin froh, wenn er hängt. Schließlich hätte ich gut sein nächstes Opfer sein können.«

»Na ja, wahrscheinlich hättest du es verdient gehabt«, sagte Matthieu.

»Er wollte mich über Bord werfen! Er wollte mich ertränken!«

»Nur, weil du seinen … seinen …«, Matthieu suchte nach den richtigen Worten, »… Edmund. Ethel. Seine Freundin«, sagte er endlich und wusste im Moment nicht weiter.

»Seine Verlobte«, sagte Martha.

»Das ist so krank und verdreht«, sagte Tom, der immer noch nicht darüber hinwegkam, dass es ihm nicht gelungen war, Victoria Drake auch nur zu küssen, was diese Ethel LeNeve, eine Frau, geschafft hatte. Das war seinem Selbstbewusstsein nicht zuträglich. »Ich hoffe, sie veröffentlichen Fotos von seiner Hinrichtung. Die hänge ich mir an die Wand.«

»Bitte, Tom«, sagte Martha. »Wie kannst du nur so gefühllos sein?«

»Er stammt von einer ganzen Reihe gefühlloser Männer ab«, sagte Matthieu und sah seinen Neffen mit kaum verhohlener Ablehnung an. »Ich glaube, nur meine Seite der Familie ist von ihren Genen verschont worden«, sagte er.

»Na klar«, sagte Tom. »Du bist wunderbar. Du hättest mich ertrinken lassen. Das ist äußerst ehrbar.«

»Aber das habe ich nicht, oder?«

»Du hättest es zugelassen«, wiederholte Tom gereizt.

Matthieu zuckte mit den Schultern. »Das ist genau das, was ich meine«, sagte er. »Wir wissen nicht, wozu wir fähig sind. Es kommt auf die Situation an. Und den Mann. Oder die Frau, die so tut, als wäre sie einer. Im Namen der Liebe sind wir zu den merkwürdigsten Dingen fähig.«

 

In New York freuten sich zwei weitere Menschen auf das Urteil. Mrs Antoinette Drake und ihre Tochter Victoria beendeten ihre viermonatige Reise nach Nordamerika mit einem zweiwöchigen Aufenthalt in Manhattan, wo Mrs Drake alle, die ihren Geschichten zuhören wollten, an ihrem detaillierten Wissen über den schrecklichen Dr. Crippen teilhaben ließ.

»Der Mann war wie besessen von mir«, sagte sie Freunden bei einer Abendgesellschaft. »Überallhin ist er mir gefolgt. Ich glaube, er sah bereits sein nächstes Opfer in mir, und was Victoria betrifft, nun, hinter ihr war dieser üble Kerl, dieser Edmund, her. Oder Ethel, wie er jetzt genannt werden will. Diese ganze Sache ist äußerst schändlich.«

Victoria hörte kaum zu. Jemand unter den Gästen hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und sie vermochte kaum den Blick abzuwenden. Natürlich hatte sie die Erkenntnis, dass Edmund tatsächlich eine Frau war, zunächst schockiert. Es war ihr peinlich, wie sehr sie ihm an Bord des Schiffes nachgestellt hatte, und wenn sie an einige ihrer Gespräche dachte, konnte sie vor Beschämung nur rot werden. Und doch, je länger sie darüber nachdachte, desto mehr musste sie sich selbst eingestehen, dass sie sich noch nie so sehr zu jemandem hingezogen gefühlt hatte wie zu ihm, also ihr. Die Erinnerung an jenen Kuss hinter den Rettungsbooten in jener schrecklichen Nacht der Gewalt war fest in ihrem Kopf verankert. Niemand hatte sie jemals so geküsst, weder vorher noch nachher. Nichts ließ sie so erschaudern wie das Gefühl von Ethel LeNeves Fingern auf ihrer Haut.

»Wirklich, Victoria«, sagte Mrs Drake später an diesem Abend, als sie in ihr Hotelzimmer zurückkamen. »Du warst heute Abend so abgelenkt. Was war nur mit dir?«

»Nichts«, antwortete sie mit verträumter Stimme, mit den Gedanken immer noch anderswo.

»Und wie du die junge Miss Hartford angesehen hast. Ich gebe ja zu, sie ist ein hübsches Mädchen, aber warum um alles in der Welt musstest du sie so anstarren?«

»Ich habe niemanden angestarrt«, protestierte Victoria. »Ich habe mich nur für ihre Unterhaltung interessiert. Sie scheint ein faszinierendes Mädchen zu sein.«

»Das würde ich auch sagen«, antwortete ihre Mutter, der das ziemlich gleich war. »Aber hast du ihren Bruder gesehen, Luke Hartford? Ich glaube, dem hast du sehr gefallen, und er ist wohlhabend und sieht gut aus, meinst du nicht auch?«

Victoria runzelte die Stirn und versuchte, sich den Erwähnten vor Augen zu rufen.

»Ich kann mich nicht an ihn erinnern«, sagte sie. »Er ist mir nicht aufgefallen. Aber ich habe mich für morgen mit Miss Hartford zum Mittagessen verabredet.«

»Ach, Victoria!«, sagte Mrs Drake voller Enttäuschung über das mangelnde Interesse ihrer Tochter an potenziellen Ehekandidaten.

 

»Da kommen sie«, sagte Louise Smythson, beugte sich auf ihrem Platz vor und erwartete aufgeregt das Urteil.

Im Gerichtssaal wurde es still.

»Sprecher der Jury«, intonierte der alte Richter, dessen Perücke das gesamte Gesicht verschattete. »Sind Sie zu einem Urteil gekommen, dem Sie alle zustimmen?«

»Das sind wir, Euer Ehren.«

»Und wie lautet Ihr Urteil: schuldig oder nicht schuldig?«

Der Sprecher schluckte und räusperte sich. Er war sich bewusst, dass die ganze Welt auf seine Worte wartete. Er verspürte den überwältigenden Drang zu singen, dem er, das muss ihm zugutegehalten werden, widerstand. Die Luft war voller Spannung, und niemand atmete, während alle auf die Antwort warteten.

»Nicht schuldig«, sagte er zur Überraschung aller.

 

Einige Wochen später, am Morgen des 23. November 1910, ging Ethel LeNeve in einem schwarzen Kleid und mit einem Schleier, die Hände in einem Muff, den Gang des Pentonville-Gefängnisses hinunter zu der Zelle, in der Dr. Hawley Harvey Crippen festgehalten wurde. Sie hatte die ganze Nacht geweint und konnte sich kaum vorstellen, wie der Rest des Tages werden würde. Zu ihrer Überraschung waren die Zellen sauberer, als sie gedacht hatte. Als die Tür zu Hawleys Zelle geöffnet wurde, sah sie ihn entspannt in einer Ecke sitzen und ein Buch lesen. Er stand auf, als er sie sah, lächelte sie voller Wärme an, schloss sie in die Arme und küsste sie zärtlich. Er war dünner geworden, das bemerkte sie gleich, schien aber keine Angst vor dem Kommenden zu haben.

»Mein Liebster«, sagte sie, setzte sich mit ihm hin und brach in Tränen aus, »sie sagen, ich habe nur ein paar Minuten.«

»Ethel«, sagte er und umarmte sie wieder. »Weine nicht, sonst fange ich auch noch an. Das ist heute ein guter Tag.«

»Wie kann er das sein?«, fragte sie verzweifelt. »Was habe ich dir bloß angetan?«

»Gar nichts hast du mir angetan«, sagte er, und sie staunte, wie ausgeglichen er schien. »Der glücklichste Augenblick meines Lebens war, als ich hörte, dass man dich für nicht schuldig erklärte.«

»Aber ich bin die Schuldige«, protestierte sie, »nicht du.«

»Ich bin genauso schuldig«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Ich war so froh, dass Cora tot war. Mir hat sogar gefallen, wie sie gestorben ist.«

»Ja, aber du hast sie nicht getötet. Ich könnte mich immer noch schuldig bekennen, weißt du, ich könnte ihnen sagen …«

»Das darfst du nicht«, sagte er bestimmt. »Du musst mir versprechen, das nicht zu tun. Ich sterbe sowieso. Wenn du etwas zugibst, führt das nur dazu, dass du mich auf meinem Weg begleitest, und das würde ich nicht ertragen.«

»Aber ich will mit dir kommen.«

»Du bist eine junge Frau, Ethel. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir, und du kannst dich an mich erinnern. Ich bin glücklich, weil ich als jemand sterbe, der geliebt wird, und ich erinnere mich nicht, während meines Lebens geliebt worden zu sein, ehe ich dich kennengelernt habe.«

Ethel schüttelte verzweifelt den Kopf. »Es kommt mir so unfair vor«, sagte sie, »dass du für mein Verbrechen sterben sollst.«

»Ich habe keine Angst vor dem Tod«, sagte er. »Aber wenn ich wüsste, dass dich das gleiche Schicksal ereilte, würde ich verzweifelt sterben. So wie die Dinge stehen, habe ich ein reines Gewissen, und ich bin vorbereitet.«

Der Wärter erschien und bedeutete Ethel, dass ihre zwei Minuten abgelaufen waren. Sie konnte kaum mehr weinen, und sie hielten sich noch einen Moment umschlungen, bevor Ethel weggeführt wurde, aus Liebe protestierend.

Hawley drehte sich um und sah zu dem vergitterten Fenster über sich, durch das Licht hereinströmte. Wenn er sich auf Zehenspitzen auf das Bett stellte, konnte er hinaussehen, und das tat er jetzt. Er beobachtete, wie Ethel das Gebäude verließ und langsam die Straße hinunterging. Sie blieb einen Moment stehen und drehte sich noch einmal um, sah jedoch nicht, wie er zu ihr hinblickte, winkte ein Taxi heran und blies einen Kuss in seine Richtung, bevor sie einstieg und davonfuhr.

 

Später am Abend stand Ethel allein am Bug der Mercurial, ließ Liverpool hinter sich und war auf dem Weg nach Amerika. Sie hielt die Reling gefasst, schloss die Augen und dachte an ihren teuren, toten Geliebten. Sie wollte die anderen Passagiere während der Überfahrt meiden und mit niemandem reden, wusste aber, dass das schwierig werden würde, da sie sich ihre Zwischendeckkabine mit drei anderen jungen Frauen teilte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die herausfanden, wer sie war, und Ethel graute vor dem Aufruhr, der dann entstehen würde. Aber das alles war im Moment noch weit weg.

Stattdessen erinnerte sie sich an den Tag ihrer Ankunft im Antwerpener Hafen, kurz bevor sie an Bord der Montrose gegangen waren. Wie aufgeregt sie gewesen waren, wie voller Liebe. Und dass sie tatsächlich beinahe davongekommen wären. Aber Hawley hatte recht: Sie war noch jung, sie konnte überleben. Sie hatte die Zukunft noch vor sich und war es ihm schuldig, das Beste daraus zu machen. Schließlich hatte er sein Leben geopfert, um ihr das ihre zu schenken. Sie hatte ihn wirklich geliebt, daran bestand kein Zweifel, aber er war auch der erste Mann gewesen, den sie je so kennengelernt hatte. Vielleicht, dachte sie, war es einfach nur eine Obsession gewesen, eine Romanze, die sie genossen und von der sie sich hatte davontragen lassen. Und wenn sie solche Gefühle für Hawley Crippen gehabt hatte, dann musste das doch auch mit einem anderen gehen?

Sie lächelte und sah aufs Meer hinaus. Vor ihr lag Amerika.