17 Schiffe, die am Morgen vorbeiziehen
Atlantischer Ozean: Mittwoch, 27. Juli 1910
Den Berechnungen nach würde die Laurentic die Montrose am 27. Juli morgens um elf Uhr überholen, und alle an Bord von Kapitän Taylors Schiff hofften darauf, einen Blick auf den berüchtigten Dr. Crippen zu erhaschen. Seit Inspector Walter Dew vor vier Tagen auf die Laurentic gekommen war, schienen die Passagiere des Schiffes wie besessen von der fortschreitenden Dramatik der Ereignisse, die Verbrecherjagd war eindeutig der unterhaltsamste Teil der Reise. Ihre Reaktionsweise jedoch unterschied sich je nach Geschlecht, Alter und Klassenzugehörigkeit. Die männlichen Erste-Klasse-Passagiere wetteten auf den genauen Termin, zu dem ihr Schiff das andere passieren würde. Tausende von Pfund waren zu gewinnen und zu verlieren. Die Frauen warnten ihre unartigen Kinder, dass sie, wenn sie nicht lieb seien, hinüber zu Dr. Crippen auf das andere Schiff geschickt würden, sobald die Laurentic es erreichte. Die Kinder auf dem Zwischendeck spielten grausige Spiele, bei denen sie so taten, als würden sie sich gegenseitig zerteilen und die einzelnen Pakete in den Rettungsbooten verstecken. Rachel Bailey, eine junge Braut in den Flitterwochen, die einem neuen Leben in Kanada entgegenfuhr, wo ihr Mann Conor die Stelle eines Lehrers antreten sollte, war von dem Geschehen ganz besonders fasziniert. Sie schien ein fast schon sadistisches Vergnügen daran zu haben, Inspector Dew mit Fragen zu überschütten, wann immer sie ihn sah.
»Sie haben die Leiche selbst gefunden, oder?«, fragte sie mit großen Augen, nahm seine Hand und zog ihn auf einen Liegestuhl. Die Hand hielt sie vorsorglich fest, damit er ihr nicht davonlief.
»In der Tat«, gab er zu, »obwohl man es kaum noch eine Leiche nennen konnte.«
Sie schnappte nach Luft und legte sich die freie Hand auf den Mund. Ihre unschuldige Miene im Verbund mit ihrem enormen Verlangen, auch noch die letzten grausigen Einzelheiten der Tat dieses Dr. Crippen zu erfahren, amüsierten und erschreckten Dew gleichermaßen. Dennoch mochte er diese junge Frau weit mehr als die älteren lüsternen Passagiere, denn sie wusste, wie sie es anstellen musste, damit er sich wichtig fühlte.
»Wie unerschrocken Sie sein müssen! Und diese arme Frau«, sagte sie. »Denken Sie, die beiden waren einmal glücklich, Inspector?«
»Glücklich?«
»Die Crippens. Ich meine, sie haben geheiratet, also müssen sie sich doch einmal geliebt haben.«
Er überlegte. »Das geht nicht notwendigerweise zusammen«, sagte er. »Auch wenn es bei Ihnen zweifellos so ist.«
»Natürlich!«, sagte sie. »Ich hätte nie geheiratet, wenn ich meinen Mann nicht lieben würde. Meine Eltern wollten mich schon vor zwei Jahren mit einem anderen verheiraten, aber ich habe es rundweg abgelehnt. Sein Vater war bei einer Handelsbank, und mein Vater dachte, eine Verbindung unserer beiden Familien wäre gut fürs Geschäft, aber ich konnte nicht. Schließlich war der Junge kaum größer als einen Meter fünfzig und hatte Warzen im Gesicht. Wie hätte ich so jemand heiraten können?«
»Da haben Sie recht«, sagte Dew mit einem kleinen Lächeln, denn er hatte ihren frischgebackenen Ehemann gesehen, einen großen, schneidigen Kerl mit schöner, sauberer Haut, der ein Tagebuch über das Leben an Bord führte. »Es ist gut, dass Sie gewartet haben.«
»Wollten Sie denn nicht davonlaufen?«, fragte sie.
»Davonlaufen? Wovor?«
»Weg aus diesem Keller. Als Sie ihre … Stücke gefunden haben. War das nicht zu widerwärtig, um es mit Worten zu beschreiben?«
»Angenehm war es nicht«, gab er zu. »Aber ich habe meinen Beruf gelernt«, erklärte er und genoss die Atmosphäre von Heldentum, die er verbreitete. »Ich bin seit vielen Jahren bei Scotland Yard. Da gibt es wenig, was mich noch erschrecken kann, meine Liebe.«
»Und das Blut?«, fragte sie. »Da muss so viel Blut gewesen sein.«
»Der Großteil war vom Sand aufgesaugt worden. Es stank nur entsetzlich. Aber wirklich, Mrs Bailey, das ist kaum ein passendes Gesprächsthema. Sie werden heute Nacht nicht schlafen können.«
»Ich muss zugeben, dass mich allein schon der Gedanke entsetzt«, sagte sie und beschloss, den erregenden Schauer zu verschweigen, den sie gleichzeitig empfand. »Stellen Sie sich vor, Conor würde mich leid werden, in kleine Stücke zerschneiden und im Keller vergraben. Das könnte ich ihm niemals verzeihen.«
»Ich bin überzeugt, das ist völlig unmöglich«, sagte Dew und sorgte sich plötzlich, es könnte zu einer Welle von Nachahmerfällen kommen, in London und vielleicht sogar der ganzen Welt, und dass er dann gerufen würde, um sie alle zu lösen. »Ich bin sicher, Sie sind in besten Händen.«
Sie war sich da nicht so sicher. Wie auch einige andere Passagiere schlief sie immer schlechter, je näher sie der Montrose kamen. Einer, ein sechzigjähriger Verwaltungsbeamter namens Bellows, ging sogar zum Kapitän, um gegen ihre Fahrtroute zu protestieren.
»Hören Sie«, sagte er, und sein Gesicht drohte in der Masse seiner Falten unterzugehen. »Das geht doch nicht. Das Schiff hatte eine klare Route, und jetzt weichen wir davon ab, um diesen Crippen zu fangen. Das darf doch nicht sein, oder?«
»Ich fürchte, uns bleibt keine Wahl, Mr Bellows«, sagte Kapitän Taylor. »Wir handeln auf ausdrückliche Anweisung von Scotland Yard, und wir weichen ja nicht weit von unserer Route ab, nur ein wenig. Wir kommen auf jeden Fall pünktlich in Kanada an. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«
»Aber was ist mit unserer Sicherheit? Wir sind eine Gruppe normaler Passagiere, die ihr Ziel erreichen wollen. Da kann doch nicht von uns erwartet werden, dass wir wahnsinnige Mörder fangen. Wir werden ganz gegen unseren Willen in diese Sache hineingezogen.«
»Es ist nur ein wahnsinniger Mörder, Sir«, korrigierte ihn der Kapitän. »Und vielleicht ist er nicht einmal wahnsinnig.«
»Er hat seine Frau umgebracht, oder? Er hat sie in kleine Stücke zersägt und ihr Herz gegessen, wie ich gehört habe.«
Der Kapitän machte große Augen. Er hatte schon an alle möglichen Übertreibungen gehört, was Dr. Crippen und sein Verbrechen betraf, aber offensichtlich gehörte die Kannibalismusgeschichte zu den hartnäckigsten. »Ich glaube nicht, dass er das getan hat«, sagte er zweifelnd, »doch selbst wenn es so wäre, wäre das nur ein zusätzlicher Grund, ihn zu fassen, meinen Sie nicht?«
»Nein, das meine ich nicht«, sagte Bellows. »Der Kerl ist ein hinterhältiger Psychopath. Natürlich muss er gefasst werden, aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass gerade dieses Schiff die Aufgabe auf sich nimmt. Es ist gut möglich, dass sich der Kerl umdreht und uns alle umbringt.«
»Es sind mehr als sechzehnhundert Menschen an Bord der Laurentic«, sagte Taylor. »Das wäre für ihn wohl äußerst schwer zu bewerkstelligen.«
»Das sagen Sie jetzt«, widersprach ihm der andere, »Sie haben ja keine Ahnung, zu was dieser Mann fähig ist.«
»Vielleicht nicht. Aber sechzehnhundert Menschen …«
»Ich muss trotz allem protestieren, Kapitän Taylor, und ich möchte, dass das im Logbuch vermerkt wird.«
Der Mann hatte zu viele Schauerromane gelesen, das war klar. Dennoch stimmte Taylor zu, den geforderten Eintrag zu machen, und Mr Bellows ging wieder, immer noch unzufrieden, doch für den Augenblick beschwichtigt. Trotz aller Spannung und all der Ängste vor dem, was vor ihnen lag, konnte niemand die Laurentic davon abhalten, ihren gegenwärtigen Kurs beizubehalten, und so versammelten sich am Morgen des 27. Juli Hunderte von Passagieren an Deck des Schiffes und säumten mit einer Mischung aus Angst und Faszination die Reling, um einen ersten Blick auf die Montrose zu erhaschen.
»Denken Sie, das ist klug?«, fragte Kapitän Taylor den Inspector, während sie auf der Brücke standen und abwechselnd den Horizont vor sich absuchten. »Ich könnte die Passagiere auch in ihre Kabinen schicken, wenn es Ihnen lieber ist.«
»Das sähe noch merkwürdiger aus«, sagte Dew. »Dann wirkten wir für jeden, der zu uns herübersähe, wie ein Geisterschiff. Nein, so wie es ist, werden sie auf der Montrose nur denken, dass ihnen unsere Passagiere zuwinken wollen. Es ist ja nicht so, als könnten sie über die Wellen hinweg verstehen, was hier gesagt wird.«
»Nein«, sagte der Kapitän, »das ist richtig. Und Sie sind ganz sicher, dass wir kein Boot zu Wasser lassen sollten, um Sie damit hinüberzubringen?«
»Ganz sicher. Ich werde damit warten, bis sie kurz vor der Landung stehen«, antwortete Dew. »Je weniger wir den Betrieb der Montrose stören, desto besser. Ich traue diesem Crippen nicht. Er ist zu allem fähig, und an Bord könnte eine Panik ausbrechen, wenn bekannt wird, wer er ist.«
Ein Seemann kam mit einem Bündel Papiere zum Kapitän. »Käpt’n«, sagte er und hielt sie in die Höhe. »Das ist alles während der letzten Stunde über den Marconi-Telegrafen gekommen. Sieht so aus, als wollte jede Zeitung auf dieser Welt wissen, was vorgeht. Alle wollen sie mit Ihnen sprechen, Inspector.«
Dew lächelte. Er genoss das Gefühl, ein berühmter Mann zu sein. »Ich warte, bis wir sie überholt haben«, sagte er. »Vielleicht könnten Sie mir dann einen Funker zur Verfügung stellen, Kapitän? Damit ich ein paar der Fragen beantworten und den letzten Stand an den Yard durchgeben kann.«
»Gewiss, gewiss«, sagte Taylor etwas schroff, klopfte dem Inspector auf die Schulter und deutete in die Ferne. »Sehen Sie«, sagte er und wurde wider alle Erwartung von einem Gefühl von Angst und Schrecken erfüllt. »Das ist sie. Die SS Montrose.«
Applaus, durchsetzt mit ein paar hysterischen Schreien, war vom Deck der Laurentic zu hören, als mehr und mehr Passagiere die Montrose in den Blick bekamen. Kapitän Taylor hatte vor, sein Schiff noch etwas näher an das andere heranzubringen, bevor sie es überholten, und er gab seinem Steuermann die entsprechenden Anweisungen.
Die Passagiere, die an Deck der Montrose die Morgensonne genossen, waren überrascht, ein anderes Schiff am Horizont auftauchen zu sehen. »Sehen Sie nur, Mr Robinson«, sagte Martha Hayes und beschattete die Augen mit einer Hand, als die Laurentic sich näherte. »Da kommt ein anderes Schiff. Was für eine Überraschung.«
»Ein anderes Schiff?«, fragte er, wachte aus seinem Dämmerschlaf auf und sah aufs Meer hinaus. »Unmöglich.«
»Doch. Da drüben.«
Er blinzelte in die Sonne und sah, dass sie recht hatte. »Himmel«, sagte er. »Ich staune, dass es uns so nahe kommt. Man sollte nicht denken, dass man mitten auf dem Ozean ein anderes Schiff zu sehen bekommt. Aber wahrscheinlich kreuzen dieser Tage immer mehr Passagierdampfer den Atlantik.«
»So wird es sein«, sagte sie. Etliche Passagiere versammelten sich entlang der Reling, als sich die Nachricht vom Näherkommen der Laurentic an Bord verbreitete. Nach mehr als einer Woche auf See war es eine willkommene Abwechslung für die Leute, ein fremdes Schiff zu sehen, und sie wedelten mit ihren Taschentüchern durch die Luft und riefen Grüße über das Wasser, obwohl sie durch das Rauschen der Wellen und den Lärm der Maschinen unmöglich zu hören sein würden.
»Das Schiff muss um einiges schneller sein als unseres«, sagte Mr Robinson. »Es muss die ganze Zeit hinter uns gewesen sein und scheint uns tatsächlich zu überholen. Wahrscheinlich kommt es ein oder zwei Tage vor uns in Kanada an.«
»Die Glücklichen«, sagte Miss Hayes. »Ich kann es kaum erwarten, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Geht es Ihnen nicht ähnlich, Mr Robinson?«
Er stimmte ihr zu, aber insgeheim genoss er das Leben an Bord der Montrose mittlerweile. Es gab seinen Tagen eine einfache Struktur und verlief ohne Störungen. Er und Edmund hatten schon viele schöne gemeinsame Augenblicke erlebt, und trotz der Ereignisse des vorangegangenen Abends, als er beinahe Tom DuMarqué über Bord geworfen hatte, war die Reise alles in allem äußerst angenehm verlaufen. Was die Zukunft in Kanada für ihn bereithielt, wusste er nicht. Nach zwei Ehen war er nicht sicher, ob eine Heirat für ihn überhaupt das Richtige war, auch wenn er glaubte, dass ihn Ethel (im Gegensatz zu Charlotte und Cora) tatsächlich liebte.
»Sehen Sie nur all die Menschen an Deck drüben«, sagte Martha Hayes und wunderte sich, wie viele Passagiere der Laurentic sich an der Reling drängten und ihnen zuwinkten. »Haben die nicht genug Kabinen?«
Mr Robinson kniff leicht die Augen zusammen. »Denen muss noch langweiliger sein als uns hier«, sagte er. »Ein anderes Schiff zu sehen, hat sie alle hervorgeholt. Ich werde allerdings nicht gerne so begafft, wie ich zugeben muss. Da komme ich mir vor wie auf einer Bühne.«
»Die scheinen ganz begeistert zu sein«, sagte Martha.
»Können Sie ihn sehen?«, fragte Kapitän Taylor. »Können Sie ihn an Deck ausmachen?«
»Nein«, sagte Inspector Dew und starrte durch das Fernrohr. »Nein, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Das wäre zu viel verlangt. Da sind viel zu viele Menschen an Bord.«
»Wir sind nahe genug, Steuermann«, rief Taylor. »Halten Sie uns auf Kurs und immer geradeaus.«
»Ich warte auf meine Gelegenheit«, sagte Dew und nickte. »Er ist da drüben irgendwo. Ich spüre es. Er wird mir nicht entkommen, ich erwische ihn.«
»Ich habe noch nie eine solche Aufregung erlebt«, sagte Martha Hayes und wunderte sich über die wild herumhüpfenden Gestalten, die sich benahmen, als hätten sie noch nie ein anderes Schiff und andere Menschen gesehen. Eine ganze Reihe von ihnen tat so, als würden sie aufgehängt, reckten die Hälse und drückten die Zungen aus dem Mund, als baumelten sie am Ende einer Schlinge. »Das ist wirklich seltsam«, sagte sie. »Wenn Sie mich fragen, sieht es aus, als wäre es ein Schiff voller Verrückter. Sehen Sie das?«
»Das Meer hat sie verrückt werden lassen«, sagte Mr Robinson, legte sich zurück in seinen Liegestuhl und schloss die Augen, um sein kleines Schläfchen fortzusetzen. »Das Beste ist, sie zu ignorieren. Sie sind wie Tiere im Zoo. Je mehr Beachtung sie bekommen, desto verrückter werden sie.«
»Hm«, sagte Martha Hayes wenig überzeugt. »Es ist schon sehr komisch. Ich habe so etwas ehrlich noch nicht gesehen.«
»Ich würde mir wegen denen keine Gedanken machen, meine Liebe«, antwortete Mr Robinson. »Sie werden uns hinter sich zurücklassen, und wir sehen sie nie wieder. Aber was meinen Sie, ob uns einer der Schiffsjungen etwas zu trinken bringen würde?«
Kapitän Kendall befand sich auf der Brücke und sah zusammen mit dem Ersten Offizier Billy Carter zur vorbeifahrenden Laurentic hinüber. Am Steuer der Montrose stand Mannschaftsmitglied Mark Dawson, der schon seit fünfzehn Jahren auf den Schiffen der Canadian Pacific fuhr und sich achtmal um eine Beförderung bemüht hatte, die ihm aber jedes Mal verweigert worden war. Das hatte ihn bitter werden lassen, und er hasste Carter dafür, dass er den kranken Mr Sorenson ersetzte, hätte die Position doch seiner Meinung nach ihm zugestanden. Den Großteil der Reise hatte er mürrisch schweigend auf der Brücke zugebracht und sich geweigert, seinem direkten Vorgesetzten mit mehr als einem kurzen Knurren oder Grunzen zu antworten. Das war heute jedoch anders, denn ihm war mehr als bewusst, wie außergewöhnlich es war, dass sich zwei Schiffe bei einer Atlantiküberquerung so nahe kamen, es sei denn, es gab dafür einen besonderen Grund. Das Meer war ein riesiger leerer Raum, und jedes Schiff bekam eine spezielle Route, um möglichen Kollisionen vorzubeugen. Sowohl die Montrose wie auch die Laurentic waren von ihrer eigentlichen Route abgewichen, und er wollte wissen, warum.
»Das kann doch nicht in Ordnung sein, Sir?«, fragte er und sah Kapitän Kendall dabei an und nicht den Ersten Offizier. »Warum, denken Sie, kommt die uns so nahe?«
»Keine Ahnung, Dawson«, sagte Kendall und dachte gar nicht daran, ihn ins Bild zu setzen. »Aber ich würde mir keine Sorgen machen. Sie halten Abstand. Es ist nicht so, als wären wir auf Kollisionskurs. Behalten Sie nur unseren Kurs weiter bei, und alles ist in Ordnung.«
»Vielleicht wollen sie uns eine Nachricht zukommen lassen«, wandte Dawson ein, der unbedingt mehr erfahren wollte. »Sollten wir vielleicht nach dem Telegrafen sehen?«
»Steuern Sie einfach nur das Schiff, Mann«, sagte Billy Carter gereizt, »und verschonen Sie uns mit Ihrer Fragerei.«
Dawson schickte einen bösen Blick in seine Richtung, der andeutete, dass er seinen jüngeren Vorgesetzten am liebsten aufknüpfen würde, doch dann presste er die Lippen aufeinander und wandte sich von den beiden ab. Nach einer angemessenen Weile stieß der Kapitän seinen Ersten Offizier an und bedeutete ihm, ihm in den Funkraum zu folgen.
Wie immer schlossen sie die Tür hinter sich ab, und Kendall sah hoffnungsvoll zu der Maschine hinüber, doch da lag keine Nachricht über den Zustand von Mr Sorenson. Der Kapitän hatte in der Nacht geträumt, sein ehemaliger Erster Offizier wäre allein und verlassen in seinem Bett gestorben und ohne einen einzigen Freund begraben worden. Kurz nach sechs Uhr morgens war er aufgewacht, das Gesicht tränennass, das Bett verschwitzt, mit ausgetrocknetem Mund und schmerzendem Schädel. Warum schicken sie bloß keine Nachricht?, fragte er sich. Er selbst hatte schon sieben Mal telegrafiert.
»Inspector Dew hat sich heute schon gemeldet«, sagte Kendall, setzte sich und lud Carter mit einer Geste ein, es ihm nachzutun. »Er fährt direkt nach Quebec, damit die Laurentic anlegen und die Passagiere von Bord lassen kann.«
»Verstehe«, sagte Carter, »und er erwartet uns, wenn wir ankommen?«
»Ich denke, ja«, sagte der andere. »Obwohl er sich wegen der Menschenmengen Sorgen zu machen scheint.«
Carter hob eine Braue. »Wegen der Menschenmengen?«, fragte er. »Was für Menschenmengen?«
»Offenbar füllen wir weltweit die Titelseiten der Presse.«
»Sie machen Witze!«
»Nun, diese Crippen-Geschichte stand schon vor unserem Ablegen in Antwerpen recht weit oben, und die Jagd hat sie noch interessanter gemacht. Seit der Inspector an Bord der Laurentic gegangen ist, scheint jede Zeitung der Welt ihr zu folgen. Ihnen sind doch die Leute an Deck aufgefallen, als wir überholt wurden?«
»Aber ja«, sagte Carter. »Ich dachte allerdings, die wären nur so begeistert, weil sie einem anderen Schiff begegnet sind. Wie auch unsere Passagiere. Manch einer findet die See sehr isolierend.«
»Ich denke, es war mehr als das, wobei es uns hier bestens gelungen ist, die Sache für uns zu behalten. Allerdings wird sich das bald ändern müssen. Wir sollten die übrigen Offiziere einweihen, bevor wir in Kanada festmachen.«
»Verstehe.«
»Damit sie auf das Empfangskomitee gefasst sind.«
»Natürlich. Soll ich mich darum kümmern?«
»Wenn Sie das könnten?«
Für eine Weile kehrte Schweigen zwischen den beiden ein. In den letzten Tagen hatte sich ihr Verhältnis etwas verbessert. Der Ältere hatte sich innerlich mit dem Verlust von Mr Sorenson abgefunden und mit der Vorstellung, Mr Carter könnte in den nächsten Jahren zum festen Inventar der Montrose werden. Der Gedanke gefiel ihm zwar nicht sonderlich, doch ihm blieb wenig anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen. Kendall war immer zufrieden mit seinem Schiff gewesen, und das durfte sich nicht ändern. Im Übrigen hatte Carter in der Sache mit Mr Robinson sachlich und hilfreich reagiert, seine, Kendalls, Einschätzung gleich ernst genommen und offenbar sogar zusätzlichen Respekt vor seinem Kapitän entwickelt. Zudem hatte er bewiesen, dass ihm zu trauen war, denn bisher hatte niemand von der Mannschaft oder den Passagieren etwas von den Vorgängen mitbekommen. Aber konnte er Schach spielen? War er bereit, bis spät in die Nacht mit ihm wach zu bleiben? Konnte er jemals ein so enger Freund werden, wie Mr Sorenson es für ihn geworden war?
»Sie sollten wissen, Mr Carter«, sagte Kendall, als er endlich seine Stimme wiederfand, dem Jüngeren jedoch nicht in die Augen sah, »dass ich denke, Sie haben auf dieser Reise gute Arbeit geleistet. Unter durchaus schwierigen Bedingungen.«
»Vielen Dank, Sir«, sagte Carter verblüfft.
»Mir ist bewusst, dass wir nicht den besten Start miteinander hatten, aber Sie haben mich mit Ihrer Arbeit beeindruckt, und ich bin nicht jemand, der so etwas ungewürdigt lassen würde.«
»Es ist sehr gütig, dass Sie das sagen, Sir, aber nicht wirklich nötig. Ich weiß, dass es sehr schwer sein kann, einen vertrauten Kollegen durch einen Neuling ersetzen zu müssen.«
»Ja«, murmelte der Kapitän und wollte schon sagen, dass Carter niemanden ersetzt, sondern nur die Lücke gefüllt hatte, die durch eine Krankheit entstanden war.
»Noch nichts Neues über Mr Sorenson, Sir?«
Kendall schüttelte den Kopf. »Nichts«, sagte er. »Aber Sie werden sich zweifellos auf die Rückkehr zu Ihrer Frau freuen«, fügte er noch hinzu, da er das Gefühl hatte, ein freundliches Wort sei als Antwort angebracht.
Carters Gesicht wurde von einem breiten Lächeln überzogen. »Ja, ich würde gern das Schiff am 3. August nehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich meine, jetzt, wo klar ist, dass wir definitiv pünktlich ankommen.«
»Ja, das ist in Ordnung.«
»Dann sollte ich einen Monat oder so vor der Geburt wieder zu Hause sein. Ich möchte auf jeden Fall sichergehen.«
Kendall stand auf, er wollte das Thema nicht weiter vertiefen. Familiengeschichten interessierten ihn genauso wenig wie Inspector Dew. Beide waren Männer, die ihr Leben ganz dem Beruf widmeten. »Sagen Sie der Mannschaft vor morgen Abend noch nichts«, sagte er. »Damit bleibt den Männern noch genug Zeit, sich vor unserer Ankunft in Kanada an den Gedanken zu gewöhnen. Und alle müssen wissen, dass die Passagiere nichts erfahren dürfen, sonst kommt es hier zu einem Hexentanz. Wenn auch nur irgendetwas nach außen dringt, werde ich herausfinden, wer dafür verantwortlich war, und derjenige wird nie wieder mit einem Schiff der Canadian-Pacific-Flotte fahren.«
»Verstanden, Sir«, sagte Carter, stand auf und ging zur Tür. Er war froh, dass der Kapitän endlich mit einer Art Friedensangebot kam, hatte er doch vom allerersten Augenblick an alles getan, um Kendalls peinlich genauen Standards gerecht zu werden. Es konnte ihm kaum zur Last gelegt werden, dass Mr Sorensons Blinddarm geplatzt war. »Man kann nie sicher sein, Sir, oder?«, sagte er und drehte sich vor dem Hinausgehen noch einmal um.
»Wie bitte?«
»Ich sagte, dass man sich nie sicher sein kann. Was die Leute angeht. Ich meine, dieser Mr Robinson, nun, der sieht aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun, und was seinen ›Edmund‹ angeht … im richtigen Licht sieht sie wirklich wie ein Junge aus. Ziehen Sie ihr einen Männermantel an, setzen Sie ihr den entsprechenden Hut auf, und Sie sind sicher, sie ist ein Mann. Glauben Sie, sie weiß, was er getan hat?«
Kendall zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen«, antwortete er. »Wenn ja, muss sie unglaublich dumm sein. Welche Frau würde bei einem Mann bleiben wollen, der seine Ehefrau zerstückelt hat? Da müsste sie ja Angst haben, ihn falsch anzugucken, weil er vielleicht gleich wieder die Messer zückt. Wenn sie es nicht weiß, könnte sie in Gefahr sein. Sie behalten die beiden doch genau im Auge, hoffe ich?«
»O ja.«
»Es sind nur noch ein paar Tage. Dann wissen wir mit Sicherheit, woran wir sind.«
Der Kapitän wandte sich von seinem Ersten Offizier ab, der die Geste verstand und hinausging. Kendall blieb allein zurück, starrte den Telegrafen an und versuchte, ihn mit reiner Willenskraft zum Leben zu erwecken. Schickt eine Nachricht, dachte er. Irgendetwas. Schickt einfach eine Nachricht.
Nachdem er den ganzen Morgen in seinem Liegestuhl gesessen hatte, kehrte Mr Robinson in seine Kabine zurück, um sich vor dem Mittagessen noch etwas frisch zu machen. Sein Magen rumorte ganz leicht, und sein Gesicht fühlte sich rau und trocken an, weil er zu lange in der Sonne gesessen hatte, und so beschloss er, nachmittags in der Kabine zu bleiben. Er wusch sich, wechselte das Hemd und wollte gerade in den Speisesaal gehen, um Edmund dort zu treffen, als es heftig an der Tür pochte. Überrascht blickte er auf. Das war nicht das respektvolle Klopfen eines Schiffsjungen oder Stewards mit einer Nachricht von Edmund oder einer Information zum Reiseverlauf, und es waren sicher auch keine Kinder vom Zwischendeck, die den Erste-Klasse-Passagieren regelmäßig einen Streich spielten, indem sie an ihre Türen klopften und jauchzend davonliefen. Nein, es musste etwas Ernsteres sein. So klopften Polizisten, Leute, die einem die Tür eintraten, wenn man nicht gleich aufmachte. Das Beste hoffend, öffnete Mr Robinson nervös und war überrascht, Mrs Antoinette Drake vor sich stehen zu sehen, die Hand erhoben, um erneut zu klopfen, die Wangen hochrot und die Knöchel weiß, so verkrampft ballte sie die Finger zur Faust.
»Mrs Drake«, sagte er. »Was kann ich für …?«
»Mr Robinson«, verkündete sie und drängte an ihm vorbei in die Kabine. »Ich muss sofort mit Ihnen sprechen. Bitte schließen Sie die Tür.«
Er starrte sie perplex an. »Verzeihen Sie?«
»Mr Robinson, ich denke, Sie sollten die Tür schließen, oder Sie erlauben jedem Passagier auf diesem Schiff zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass Sie das nicht wollen.«
Eingeschüchtert durch ihre schroffe Unhöflichkeit, schloss er die Tür und blieb daneben stehen. »Möchten Sie sich nicht setzen?«, fragte er.
»Ich bleibe lieber stehen.«
Sie schien keine Eile zu haben, ihm zu sagen, was ihr auf der Seele lag, und so standen sie fast eine Minute da, taxierten einander und warteten darauf, dass der andere anfing.
»Mr Robinson«, begann sie endlich, und ihre Stimme verriet nur etwas Nervosität. »Mir ist bewusst, dass ich eine Frau bin, die allein und ohne ihren Ehemann reist, aber lassen Sie mich Ihnen versichern, dass mich das nicht zum Ziel von Beleidigungen und Schmähungen macht.«
»Natürlich nicht«, sagte er und hatte immer noch keine Ahnung, worum es ihr ging.
»Und lassen Sie mich Ihnen weiterhin versichern, wenn Mr Drake hier wäre, stünde er jetzt vor Ihnen und nicht ich, und was die Frage möglicher Gewaltanwendung betrifft, so sollten Sie wissen, Mr Robinson, dass Mr Drake als junger Mann Juniorenmeister im Boxen war und immer noch mit den Fäusten umzugehen weiß.« Sie beugte sich leicht vor. Die Augen schienen ihr aus den Höhlen treten zu wollen, und ihr Tonfall verriet, dass sie im Londoner East End aufgewachsen war, ehe ihre Heirat sie dazu gezwungen hatte, ihre Vergangenheit zu fiktionalisieren.
»Mrs Drake, ich weiß nicht, was geschehen ist, aber …«
»Haben Sie den Anstand, mich ausreden zu lassen, Sir«, sagte sie und hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Ich sage, was ich zu sagen habe, dann dürfen Sie sich entschuldigen, wie immer Sie wollen. Aber ich warne Sie, die Angelegenheit kann immer noch dem Kapitän zur Kenntnis gebracht werden.«
»Mrs Drake, ich denke, Sie sollten sich setzen. Ich habe wirklich keine Ahnung, warum Sie so erregt sind.«
Endlich ließ sie sich schwer auf einen Stuhl fallen, und Mr Robinson setzte sich ihr gegenüber, hielt aber immer noch Abstand.
»Vielleicht möchten Sie von vorn beginnen«, sagte er.
»In den letzten Jahren ist mir klar geworden«, sagte sie, »dass meine Tochter Victoria, seit sie zur Frau aufblüht, für viele junge Männer zu einem Objekt der Zuneigung geworden ist. Es stimmt, sie ist ein schönes Mädchen, aber sie stammt auch aus einer Familie, die viele Schönheiten hervorgebracht hat. Ich selbst war in ihrem Alter eine außergewöhnliche Debütantin und musste mich einer Vielzahl von Verehrern erwehren, weshalb ich mir der Schwierigkeiten, denen sie sich gegenübersieht, nur zu bewusst bin.«
»Aber ja«, sagte Mr Robinson und versuchte, sich diese massige, zudringliche Frau als jungfräuliche Blume vorzustellen, die ihre Tugend auf edle Weise gegen die lüsternen jungen Männern Londons verteidigte. Es war keine leichte Aufgabe.
»Victoria hat in London und Paris eine ganze Anzahl Verehrer, aber sie hat sich ihnen gegenüber selbstverständlich immer mit makelloser Würde verhalten und sich nie auch nur einen Augenblick lang kompromittiert, so viele Schönlinge auch versucht haben, sich Freiheiten mit ihr zu erlauben. Sie ist ein anständiges, ehrbares Mädchen, Mr Robinson. Täuschen Sie sich da nicht.«
»Sicher. Das bezweifle ich nicht. Aber was, wenn ich fragen darf, hat das mit mir zu tun?«
»Gestern Abend, Mr Robinson, kam Victoria spät in die Kabine zurück. Ich muss gestehen, dass ich bereits schlief, nachdem ich zuvor einen medizinischen Brandy getrunken hatte, um den Symptomen einer leichten Verkühlung entgegenzuwirken, die ich mir hier an Bord zugezogen habe. Ich habe Mr Drake ausdrücklich gesagt, er soll die Präsidentensuite buchen, aber er wollte nicht hören. Nein. Er bestand darauf, dass die Suite bereits vergeben sei, auch wenn ich mir dessen nicht mehr sicher bin.«
»Mrs Drake, geht es um eine Krankheit, an der Sie leiden? Soll ich Ihnen einen Arzt holen?«
»Das sollen Sie nicht!«, rief sie. »Und es geht hier auch nicht um eine Krankheit, wie Ihnen wohl bewusst sein wird. Victoria kam in unsere Kabine zurück und weckte mich mit ihrem Weinen wegen etwas, was gestern Abend an Deck dieses Schiffes vorgefallen ist.«
»Ach«, antwortete er. Am Morgen war er mit der Hoffnung aufgewacht, dass diese ganze Geschichte bis zum Nachmittag vergessen sein würde. Zwar schien es nötig, heute noch einmal mit Monsieur Zéla zu sprechen, aber der war ein verständiger Mann. Mr Robinson hoffte nur, dass sein schrecklicher Neffe während dieses Gesprächs in sein Zimmer gesperrt blieb. Als Mr Robinson am Abend zuvor noch spät die Kabine verlassen hatte, um nach Edmund zu suchen, den er schon seit einer halben Stunde erwartete, hatte er, nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit auf Deck gewöhnt hatten, erst angenommen, dass sich dort zwei junge Leute umarmten, dann aber begriffen, dass das genaue Gegenteil der Fall war. Er erkannte Edmunds Stimme, sah das Messer aufblitzen, sprang vor, packte ohne einen weiteren Gedanken Tom DuMarqués Hand und zerrte ihn von seinem Opfer weg. Ihn über die Reling zu werfen, war keine bewusst getroffene Entscheidung gewesen, sondern ein wütender Reflex auf das, was er gesehen hatte. Er hatte gar nicht anders gekonnt, und er war sicher, wäre Monsieur Zéla nicht in genau diesem Moment gekommen, läge Tom DuMarqué jetzt auf dem Grund des Ozeans, und er, Mr John Robinson, hätte ein gewissenloses Verbrechen begangen. Zum Glück war jedoch alles ohne eine Verletzung ausgegangen, und es war sein sehnlichster Wunsch, dass die Sache nicht weiter verfolgt wurde.
»Was soll dieses ›Ach‹ bedeuten?«, fragte Mrs Drake, und der Zorn trieb ihr kleine Speichelbläschen aus den Mundwinkeln. »Ich würde gerne wissen, was Sie in dieser Angelegenheit zu tun gedenken.«
»Dann hat Victoria Ihnen also alles erzählt?«, fragte er.
»Sie hat mir kaum etwas erzählt. Sie war viel zu aufgebracht und ist es immer noch. Ich habe jedoch eine ziemlich klare Vorstellung von den Vorgängen. Von der Sekunde an, da wir an Bord dieses Schiffes gegangen sind, Mr Robinson«, sagte sie wütend, »hat Ihr Sohn meiner Tochter gegenüber unangemessene Annäherungsversuche unternommen. Er ist ihr hinterhergelaufen wie ein kleines Hündchen und hat sich nach allem, was ich über den letzten Abend weiß, eine unentschuldbare Freiheit herausgenommen.«
Mr Robinson musste gegen seinen Willen lächeln und fragte sich, was für eine Geschichte Victoria wohl zusammengesponnen hatte, um ihre Haut zu retten.
»Sie lächeln, Mr Robinson?«, sagte Mrs Drake. »Finden Sie das etwa amüsant?«
»Nein, Mrs Drake, natürlich nicht«, antwortete er. »Es ist eine unglückliche Situation, aber ich glaube, Sie sind da womöglich, wie man so sagt, auf dem falschen Dampfer.«
»Wie bitte?«, fragte sie, da sie den Ausdruck nicht kannte.
»Ich glaube, Sie täuschen sich da ein wenig«, erklärte er. »Edmund hat ganz sicher kein anderes Interesse an Victoria als ein rein freundschaftliches. Das kann ich Ihnen versichern.«
»Ich fürchte, meine Augen bringen mich zu einem anderen Schluss, Sir«, sagte sie hochnäsig. »Ihnen kann doch nicht entgangen sein, wie viel Zeit die beiden miteinander verbracht haben, die lauschigen Gespräche, die gemeinsamen Spaziergänge an Deck?«
»Ja, allerdings glaube ich, das alles geht hauptsächlich auf Victorias Betreiben zurück.«
»Was für eine beleidigende Bemerkung!«
»Ich will keineswegs etwas Unangemessenes unterstellen, glauben Sie mir. Es ist nur so, dass Ihre Tochter an meiner … an Edmund Gefallen gefunden hat, und wenn sie glaubt, dass er ihre romantischen Gefühle erwidert, fürchte ich, täuscht sie sich, wie sie sich kaum mehr täuschen könnte.«
Mrs Drakes Mund öffnete und schloss sich vor Staunen mehrfach. Sie glaubte ernsthaft, noch nie so beleidigt worden zu sein. Schon die Andeutung, ihre Tochter könne jemandem hinterherlaufen, war unerhört, und dass sie, sollte es doch so sein, überdies vom Objekt ihrer Zuneigung, zurückgewiesen wurde? Nun, das überstieg alles Denkbare.
»Mr Robinson«, sagte sie endlich und versuchte, die Gefühle aus ihrer Stimme zu halten. »Ich bin gezwungen, Ihnen jetzt etwas Unangenehmes zu sagen, und ich muss Sie bitten, dass es diesen Raum nicht verlässt.«
»Natürlich«, sagte er neugierig.
»Meine Tochter hat mir sehr wenig über die Geschehnisse des gestrigen Abends erzählt, doch es gibt eines, was ich sicher weiß, und das ist, dass die beiden jungen Leute …« Sie suchte nach den richtigen Worten, voller Angst davor, sie womöglich zu finden. »… dass die beiden jungen Leute einen gemeinsamen Moment hatten«, sagte sie schließlich und schloss voller Scham die Augen.
»Einen Moment? Ich verstehe Sie nicht. Ich weiß, die beiden haben sich unterhalten, aber …«
»Sie sind sich nähergekommen, Mr Robinson.«
»Nun, ich denke, dass sie einiges gemeinsam haben. Es ist nicht ungewöhnlich für zwei junge Leute, dass sie …«
»Ach, Himmel noch mal!«, rief sie und warf die Hände in die Luft. »Sie haben sich geküsst, Mr Robinson. Ihr Sohn Edmund hat Victoria geküsst.«
Er starrte sie ungläubig an und wusste nicht, was er sagen sollte. »Sie haben sich geküsst«, sagte er tonlos.
»Ja. Das entehrt uns natürlich beide, aber es gibt keinen Grund, warum es weitergehen sollte. Edmund muss klargemacht werden, dass er sich solche Freiheiten nicht wieder herausnehmen darf. Das ist völlig unannehmbar.«
»Sie glauben, Edmund hat sie geküsst?«, fragte Mr Robinson und versuchte, sich vorzustellen, wie so etwas hätte zustande kommen können.
»Ja!«, rief sie. »Oh, wachen Sie endlich auf, Mr Robinson. Sie tun, als hätten Sie Ihr Leben lang geschlafen. Das ist Ihnen doch sicher keine ganz fremde Vorstellung? Sie haben diesen Jungen gezeugt, da müssen Sie doch etwas von den Lüsten wissen, von denen sich die Männer getrieben fühlen. Nach allem, was ich aus Victorias Worten schließen kann, hat er sie recht leidenschaftlich geküsst, und sie hat sich von seinen zügellosen Annäherungsversuchen befreien müssen, bevor sie in Tränen aufgelöst zurück in unsere Kabine kam.«
»Ich verstehe«, sagte Mr Robinson, stand auf und zwang sie damit, es ebenfalls zu tun. »Falls Edmund getan hat, was Sie sagen, Mrs Drake, möchte ich mich für ihn entschuldigen und Ihnen versichern, dass es nie wieder vorkommen wird. Allerdings glaube ich, dass sich die Dinge am gestrigen Abend etwas anders zugetragen haben mögen.«
»Nennen Sie Victoria eine Lügnerin, Mr Robinson?«
»Nein, weil sie, wie Sie selbst so klar gesagt haben, Ihnen eigentlich nicht erzählt hat, was geschehen ist. Wie könnte sie da gelogen haben? Auf jeden Fall wissen auch Sie nichts Genaues. Wir stückeln hier nur zusammen, was Sie sich in Ihrer äußerst lebhaften Fantasie zusammenreimen.«
»Nun, dazu ist keine große Fantasie nötig, oder? Wir sind beide Menschen von Welt. Wir wissen, was in den Köpfen der jungen Leute vorgeht.«
»Wozu auch Ihre Tochter gehört, nicht nur Edmund.«
»Meine Tochter ist eine Lady!«
»Genau wie Edmund!«, dröhnte Mr Robinson wütend, der den Charakter seiner Geliebten nicht länger in den Schmutz gezogen sehen wollte.
Mrs Drake tat einen Schritt zurück und zog überrascht die Brauen hoch.
»Ein Gentleman, meine ich«, verbesserte er sich. »Edmund ist genauso ein Gentleman, wie Victoria eine Lady ist, und es gibt keinen Grund, warum Sie ihn für schuldiger halten als sie.«
»Ich sehe, dass Sie diese Sache nicht angemessen betrachten«, sagte sie und grunzte wie ein hungriges Schwein, als sie die Tür öffnete und sich an ihm vorbeidrängte. »Aber lassen Sie mich Ihnen sagen, sollte es noch einen solchen Vorfall geben, werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen, sondern direkt zu Kapitän Kendall gehen. Und ich werde darauf bestehen, dass Ihr sogenannter Gentleman von diesem Schiff entfernt wird.«
»Mitten auf dem Atlantik?«, fragte er mit einem Lächeln.
»Treiben Sie keine Spielchen mit mir, Mr Robinson«, fauchte sie. »Sagen Sie Edmund einfach, er soll Victoria in Ruhe lassen, oder es nimmt ein böses Ende, das verspreche ich Ihnen.« Damit stürmte sie den Gang hinunter, verschwand in ihrer Kabine und knallte wütend die Tür hinter sich zu.
Er sah ihr noch einen Moment lang hinterher, schüttelte den Kopf und ging zurück nach drinnen. Als er die Tür gerade wieder schließen wollte, kam Ethel und sah ihn fragend an.
»Ich wollte dich holen«, sagte sie. »Ich dachte, wir wollten gemeinsam essen? Was ist? Ist was passiert?«
»Ich hatte gerade Besuch von Mrs Drake«, antwortete Mr Robinson und zog sie nach drinnen, »wegen gestern Abend.«
»O nein. Will sie Tom DuMarqués Blut sehen? Ich würde heute nicht gern in seinen Schuhen stecken.«
»Im Gegenteil, Liebes«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Hinter dir ist sie her. Sie scheint es für eine gute Idee zu halten, dich über Bord zu werfen, den Haien zum Fraß.«
Ethel kniff die Augen zusammen. »Mich?«, fragte sie und zog sich die Perücke vom Kopf. »Warum mich? Was habe ich getan?«
»Offenbar hast du Victoria geküsst.«
Ethel blieb der Mund offen stehen. Diesen Teil des letzten Abends hatte sie den ganzen Morgen über aus ihren Gedanken verdrängt. Die Erinnerung daran, die Länge des Kusses, den Umstand, dass sie ihn durchaus genossen hatte. »Hawley …«, sagte sie und schüttelte den Kopf.
»Es ist unerhört, ich weiß«, sagte er. »Ich meine, schon die Idee ist absurd.«
»Du weißt, dass sie hinter mir her ist, seit wir Antwerpen verlassen haben«, protestierte Ethel.
»Ja, das weiß ich.«
»Gestern Abend hat sie versucht, mich in die Enge zu treiben. Sie hat mir Champagner gegeben und wollte mich küssen, aber ich habe sie natürlich zurückgewiesen. Deshalb ist sie so aufgebracht davongelaufen.«
»Ethel, es ist nicht so, dass ich ihr glauben würde«, sagte Hawley. »Du musst dich nicht verteidigen.«
»Hauptsache, du weißt, wie es war«, antwortete sie ihm mit einer klaren Lüge. In den wenigen Augenblicken, die sie zur Verfügung gehabt hatte, um darüber nachzudenken, ob sie ehrlich sein sollte oder nicht, hatte sie begriffen, dass mit der Wahrheit nichts zu gewinnen wäre. Es war das Beste für alle, bei einer einfachen Lüge zu bleiben.
»Auf jeden Fall will Mrs Drake, dass du dich für den Rest der Reise von Victoria fernhältst«, fuhr er fort, »und ich denke auch, das wäre das Vernünftigste. So weit wie nur möglich.«
»Sicherlich, aber hast du ihr von Tom erzählt? Hast du ihr erzählt, wie er mich angegriffen hat?«
Er schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Sinn, ihr das alles zu erklären«, sagte er. »Sie glaubt sowieso nur, was sie glauben will. Es gibt kaum einen Grund, sie in die Einzelheiten einzuweihen. Ich meine, als wir an Bord gekommen sind, haben wir beschlossen, uns möglichst bedeckt zu halten, aber stattdessen sind wir in alles Mögliche verwickelt worden. Wir haben die Leute viel zu nahe an uns herangelassen, und ich muss sagen, ich habe genug davon. Können wir die letzten paar Tage nicht einfach für uns bleiben?«
»Ja«, antwortete Ethel, nahm seine Hand und setzte sich mit ihm auf den Rand des Betts. »Natürlich können wir das. Wir bleiben in der Kabine, wenn du magst. Wir können hier essen, schlafen und uns lieben. Nichts anderes ist wichtig, verstehst du. Nur, dass wir zusammen sind, du und ich.«
Hawley nickte, schien aber dennoch betrübt. »Ich möchte dich verstehen«, sagte er leise, »und ich möchte dir ein guter Mann sein. Wirklich. Aber es darf diese Unannehmlichkeiten nicht mehr geben.«
»Ich weiß doch, dass du das möchtest, und natürlich hast du recht.«
»Ich möchte, dass es keine Geheimnisse zwischen uns gibt. Manchmal denke ich, wenn ich versucht hätte, Cora von Beginn an besser zu verstehen, hätten wir vielleicht zusammen glücklich werden können.«
Ethel zog die Brauen zusammen. Sie dachte nicht gern an die ehemalige Mrs Crippen. »Sie war eine schreckliche Frau«, sagte sie, »das weißt du. Du musst dir keine Vorwürfe machen, was sie betrifft.«
»Vielleicht habe ich sie zu dem Menschen gemacht, der sie am Ende war«, sagte er. »Vielleicht habe ich sie vertrieben, vielleicht war alles mein Fehler. Mit dir darf das nicht geschehen. Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.«
»Hawley, das wirst du nicht«, sagte sie und fasste sein Gesicht mit beiden Händen. »Du kannst mich nicht vertreiben. Ich bin völlig anders als Cora.«
»Oh, das weiß ich. Aber anfangs hat auch sie geschworen, sie würde mich lieben.«
»Ich meine es ehrlich, und ich werde mich nicht ändern.«
»Am Ende hasste sie mich. Deshalb hat sie mich verlassen, und obwohl ich sie kaum mehr ertragen konnte, schmerzt es zu denken, dass sie es wegen eines anderen Mannes getan hat. Klingt das lächerlich?«
Ethel schluckte und wandte den Blick ab. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen. »Das ist nur zu verständlich«, sagte sie. »Du musst aufhören, an sie zu denken. Was sie getan hat, war unverzeihlich.«
»Wir haben keine Geheimnisse voreinander, oder?«, fragte er.
»Nein, Hawley.«
»Du weißt, du kannst mir alles sagen«, setzte er noch einmal nach. »Alles, und ich würde dir vergeben, ganz gleich, wie schrecklich es ist.«
Ethel schluckte wieder, den Blick erneut abgewandt. »Ich habe keine Geheimnisse vor dir«, sagte sie mit tonloser Stimme.
Hawley nickte und wirkte ein wenig enttäuscht. »Wahrscheinlich macht Cora jetzt dem anderen armen Teufel die Hölle heiß«, sagte er endlich mit einem Lachen, wischte sich aber eine Träne aus dem Augenwinkel. »Geschieht ihm recht. Trotzdem«, er stand auf, »ich wünsche ihr Glück, von ganzem Herzen. Ich habe es bei dir gefunden, warum sollte sie es nicht auch finden?«
Ethel schüttelte den Kopf und staunte über die Fähigkeit ihres Geliebten, selbst jemandem wie Cora zu vergeben. Er war wirklich der gütigste Mensch dieser Welt. War es da ein Wunder, dass sie ihn so liebte? Er werde ihr alles vergeben, hatte er gesagt. Ethel zählte darauf.
»Wohin willst du?«, fragte sie, als er zur Tür ging.
»Ich habe noch etwas zu erledigen«, sagte er und sah in den Spiegel, um sich zu versichern, dass seine Augen nicht gerötet waren. Sie sahen normal aus, nur seine Wangen hatten zu viel Sonne abbekommen.
»Ich dachte, wir wollten hierbleiben?«, sagte sie.
»Das werden wir auch, das werden wir. Aber ich habe noch eine letzte Sache zu erledigen. Ich bin in etwa einer Stunde wieder zurück. Bis dann.«
Ethel nickte und sah zu, wie er hinausging. Liebe und Furcht erfüllten ihr Herz, und sie wusste, sie hatte noch eine Aufgabe vor sich, die sich nicht länger hinausschieben ließ. Seit sie an Bord der Montrose gegangen waren, hatte sie es vor sich hergeschoben, doch das ging nun nicht mehr. Sie waren fast in Kanada, und so, wie es klang, würden sie den Rest dieser Reise in ihrer Kabine verbringen, also musste sie es jetzt tun. Sie stand auf, ging zum Schrank, zog einen Stuhl heran, stellte sich darauf und griff nach der Hutschachtel, die sie vor einer Woche dort oben hingestellt hatte. Sie hielt sie vorsichtig, aber ohne ein Gefühl von Grauen. Es war einfach nur der letzte Akt, der vollendet werden musste, bevor sie endgültig Glück und Sicherheit fanden.
Ethel versicherte sich, dass die Schachtel fest versiegelt war, setzte Edmund Robinsons Perücke auf, öffnete die Tür, sah nach, ob jemand im Gang war, und trat hinaus, die Schachtel eng an den Körper gedrückt.
»Mr Robinson«, sagte Monsieur Zéla und öffnete seinem Besucher die Tür, »ich habe Sie bereits erwartet.«
Er trat ein, ohne darauf zu warten, hereingebeten zu werden, und war gleich überwältigt von der Pracht der Präsidentensuite. Seine und Edmunds Erste-Klasse-Kabine war äußerst angenehm, Monsieur Zélas Suite war jedoch etwas ganz anderes. Sein Blick glitt über das große Sofa, die Sessel und die völlig unbeengte Weite des Raumes. Er konnte die Dusche im Bad rauschen hören, das hinten in der Ecke des Wohnzimmers lag. Gegenüber führten zwei Türen wahrscheinlich in die Schlafzimmer.
»Monsieur Zéla«, sagte er höflich und versuchte, allen Neid aus seiner Stimme zu halten, »ich hoffe, ich störe sie nicht.«
»Matthieu bitte, und nein, Sie stören ganz und gar nicht. Früher oder später scheint das ganze Schiff hier anzuklopfen. Ich glaube, die Leute wollen sehen, was sie verpassen. Bitte setzen Sie sich doch.«
»Ist Ihr Neffe hier?«, fragte Mr Robinson, und Matthieu nickte in Richtung des Bades.
»Er duscht gerade«, sagte er. »Was selten genug vorkommt, also wollen wir es ihm nicht verderben. Er hat heute Morgen lange geschlafen, und ich dachte, es ist das Beste, ihn nicht zu wecken. Schließlich kann er im Schlaf keinen Ärger machen, oder?«
Mr Robinson erlaubte sich ein kleines Lächeln und rieb sich dann erschöpft das Gesicht. »Um ehrlich zu sein, bin ich hier, um mit Ihnen über ihn zu sprechen.«
»Das habe ich mir schon gedacht. Niemand erinnert sich gern an den gestrigen Abend. Ich muss sagen, John, ich werfe es Ihnen nicht vor, dass Sie ihn über Bord werfen wollten. Wenn er versucht hätte, mein …« Er suchte nach dem richtigen Wort, entschloss sich dann aber, bei der offiziellen Version zu bleiben. »… meinen Sohn mit dem Messer anzugreifen, hätte ich wahrscheinlich das Gleiche getan. Nur hätte ich mich von niemandem aufhalten lassen.«
»Ich wollte ihn nicht verletzen«, erklärte Mr Robinson. »Ich bin von Natur aus kein gewalttätiger Mensch, obwohl wir alle unsere Schmerzgrenze haben. Aber ich muss eines klarmachen: Es darf keine Wiederholung des gestrigen Vorfalls geben.«
»Natürlich nicht.«
»Wissen Sie, Mrs Drake war gerade bei mir …«
»Sie haben mein Mitgefühl.«
»Sie weiß nichts von Toms Beteiligung an den Geschehnissen gestern Abend, und ich finde, es wäre das Beste, es dabei zu belassen. Sie glaubt, es gab einen kleinen Streit zwischen Victoria und Edmund, und sie verlangt von mir, ihn von ihr fernzuhalten, wogegen Edmund nichts einzuwenden hat. Allerdings dachte ich, Sie sollten davon wissen, denn wenn Mrs Drake erfährt, was wirklich geschehen ist, läuft sie zweifellos zum Kapitän.«
Matthieu Zéla nickte. »Und Sie, Mr Robinson«, fragte er nach kurzem Nachdenken, »warum lassen Sie sie nicht?«
»Wie bitte?«
»Nun, Edmund war ganz offenbar ohne jede Schuld an den Geschehnissen. Mein Neffe hat ihn eindeutig angegriffen, vielleicht hätte er ihn sogar getötet. Und er hätte auch Victoria Drake ernsthaft verletzen können, hätte er nur die Gelegenheit dazu bekommen. Warum also wollen Sie nicht, dass der Kapitän davon erfährt? Sie könnten gut als eine Art Held in der Sache erscheinen.«
»Ich dachte, ich überlasse diese Geschichte besser Ihnen«, sagte Mr Robinson. »Schließlich sind Sie der Vormund des Jungen. Ich dachte, zusätzliche Unannehmlichkeiten wären da nicht auch noch erforderlich.«
»Das ist nett von Ihnen«, antwortete Matthieu, obwohl er keinen Moment lang glaubte, dass das der wahre Grund für Mr Robinsons Schweigen war.
Die Badtür öffnete sich, und Tom DuMarqué trat in den Raum, ein Handtuch um die Hüften gebunden, mit einem zweiten trocknete er sich das nasse Haar. So ohne Hemd wirkte er eindeutig muskulöser, als Mr Robinson gedacht hatte, und er begriff, in wie großer Gefahr Edmund tatsächlich gewesen war. Tom blieb überrascht mitten im Raum stehen, als er ihren Besucher sah, und starrte ihn verächtlich an, bevor er sich an seinen Onkel wandte.
»Was macht der hier?«, fragte er, ohne sich einen Schritt weiterzubewegen.
»Er spricht mit mir, du junger Schläger«, sagte Matthieu munter. »Im Übrigen denke ich, du solltest dich bei Mr Robinson entschuldigen. Das ist jetzt die perfekte Gelegenheit.«
Tom schnaubte, sah auf seine nackten Füße und murmelte etwas in sich hinein.
»Tom, wir haben darüber gesprochen«, sagte Matthieu mit strenger Stimme. »Ich habe dir erklärt, was passiert, wenn du dich nicht entschuldigst.«
»Es tut mir leid«, rief Tom mit der Stimme des bockigen Teenagers, der er war. »Aber er hat versucht, mich umzubringen.«
»Vielleicht hat er beim nächsten Mal ja Erfolg damit.«
»Hast du ihn nach …?«
»Tom, geh und zieh dich an.«
»Aber ich will wissen, warum Edmund …«
»Geh und zieh dich an«, wiederholte Matthieu Zéla mit scharfer Stimme. »Auf der Stelle. Ich kümmere mich um alles Weitere. Und tropf uns nicht den ganzen Teppich voll.«
Tom zog die Brauen zusammen, enttäuscht, dass er seine Frage nicht stellen durfte. Einen Moment lang murmelte er etwas in sich hinein und verschwand endlich in seinem Zimmer.
Matthieu sah ihm hinterher und wandte sich wieder seinem Besucher zu. Er lächelte. »Ich muss versuchen, ihm die rauen Kanten zu nehmen«, sagte er entschuldigend, »davon hat er einige. Immer angenommen, ich werde es nicht irgendwann leid. Er hat eine Schwäche für Frauen und eine Tendenz zur Gewalttätigkeit, und diese Mischung macht mir Sorgen. Besonders, da er noch so jung ist. Die DuMarqués scheinen aus ihren Fehlern nicht zu lernen.«
»Das muss er aber«, sagte Mr Robinson. »Er mag ja noch jung sein, aber solche Burschen wachsen auf und werden womöglich Mörder und Verbrecher. Wenn Sie sicher sind, Sie können ihn von Victoria fernhalten, bin ich beruhigt, mehr wollte ich nicht wissen. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit.«
»Einen Augenblick noch«, sagte Matthieu und drängte ihn, sitzen zu bleiben. »Sie haben meine Frage immer noch nicht beantwortet.«
»Welche Frage?«
»Warum Sie den Kapitän nicht informiert sehen wollen und auch Mrs Drake nichts gesagt haben. Über Tom, meine ich.«
Mr Robinson zuckte mit den Schultern. »Ich habe Ihnen doch geantwortet«, sagte er. »Ich hielt es für das Beste, mit Ihnen zu sprechen und Ihnen alles Weitere zu überlassen, als Vormund des …«
»Ja, aber ich glaube Ihnen kein Wort«, sagte Matthieu. »Ich glaube, Sie haben Ihre eigenen Gründe, um sich nicht tiefer in die Sache verwickeln zu lassen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Sie es sich nicht erlauben können, in eine verletzliche Position zu geraten.«
»Matthieu, ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen …«
»Darf ich Sie etwas fragen, John?«, sagte Monsieur Zéla nachdenklich. Sein Gegenüber nickte. »Warum sollte ein Mann in Begleitung einer jungen Frau von Antwerpen nach Kanada reisen und sie als Jungen verkleiden, damit er sie als seinen Sohn ausgeben kann? Was könnte ein mögliches Motiv dafür sein?«
Mr Robinson fühlte, wie ihm das Blut aus den sonnenverbrannten Wangen wich. Er starrte Matthieu Zéla erschrocken an. »Sie wissen Bescheid?«, fragte er.
»Ich bin ein aufmerksamer Mensch, wie ich zugeben muss. Ich wusste es vom allerersten Moment an.«
»Aber Sie haben niemandem etwas gesagt?«
Matthieu schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »es geht mich schließlich nichts an. Ich bin nur verwirrt, und das mag ich nicht. Was ist der Sinn dahinter? Was gewinnen Sie durch diese Maskerade?«
Mr Robinson sah ihn an und beschloss, reinen Tisch zu machen. Er hatte Monsieur Zéla von Beginn an als einen ehrbaren Mann kennengelernt, der keinerlei Interesse daran hatte, sich unnötig in das Privatleben anderer einzumischen. Wenn es jemanden gab, dem er sich anvertrauen konnte, dann ihm. Und wo sie Kanada so nahe waren, warum sollte er da nicht endlich die Wahrheit sagen?
»Sie müssen mir versprechen, dass das, was ich Ihnen jetzt sage, unter uns bleibt«, begann er.
»Ich bin kein Klatschweib, John.«
»Dann werde ich Ihnen die Wahrheit sagen, und urteilen Sie darüber, wie Sie wollen. Edmund ist weder mein Sohn noch ein Junge. Er ist eine junge Frau, die ich möglichst bald zu heiraten gedenke.«
»Aha«, sagte Matthieu, dem der romantische Aspekt gefiel. »Erzählen Sie weiter.«
»Ich war in London verheiratet«, fuhr Mr Robinson fort, »mit einer äußerst unangenehmen Frau. Wir haben viele Jahre zusammengelebt, und sie hat mir das Leben, offen gesagt, zur Hölle gemacht. Sie war mir zahllose Male untreu, manchmal mit jungen Männern, die gerade erst den kurzen Hosen entwachsen waren, so verdreht war sie. Darüber hinaus war sie ausfallend, respektlos und hatte ein übles Naturell. Manchmal habe ich ernsthaft gedacht, unsere Ehe würde damit enden, dass ich sie umbrächte. Ich übertreibe nicht oder schildere das zu dramatisch. Ich glaube tatsächlich, dass es möglich gewesen wäre.«
»Das bezweifle ich keinen Moment. Mir ist bewusst, wie sehr eine Ehe danebengehen kann, John«, sagte Matthieu. »Ich war selbst mehrfach verheiratet. Einmal hätte ich fast mit dem Leben dafür bezahlt, weil ein anderer kam und behauptete, der Mann meiner Frau zu sein. Sie hatte vergessen, sich von ihm scheiden zu lassen, das kleine Biest, und er wollte mich umbringen.«
»Das habe ich nicht vor: Sie müssen wissen, dass mich meine Frau vor Kurzem wegen eines anderen Mannes verlassen hat und ich mich selbst in die junge Frau verliebt habe, die Sie als Edmund Robinson kennen. Zu meiner Überraschung hat sie sich auch in mich verliebt und mir versichert, sie würde alles für mich tun und ihr Leben dafür geben, mich glücklich zu machen. Nun, ich muss zugeben, so eine Hingabe habe ich noch nicht erlebt, und ich glaube, ich kann zum ersten Mal in meinem Leben glücklich werden. Als meine Frau mich verlassen hat, haben wir beschlossen, uns zueinander zu bekennen, und nun fahren wir nach Kanada, um dort ein neues Leben zu beginnen. Natürlich muss ich erst offiziell von meiner Frau geschieden werden, was einige Monate in Anspruch nehmen wird, aber bis dahin wollten wir nicht getrennt voneinander sein.«
»Aber warum sie verkleiden? Warum so tun, als wäre sie ein Junge?«
»Monsieur Zéla, ich weiß nicht, wie vertraut Sie mit der Gesellschaft sind, aus der ich stamme, aber deren Konventionen würden es einem Mann und einer Frau, die nicht verheiratet sind, niemals erlauben, gemeinsam eine Kabine an Bord eines Schiffes zu bewohnen. Das heißt, als Paar würden wir von allen gemieden und ausgesondert, was ein schrecklicher Anfang für unser neues Leben wäre. Als Vater und Sohn haben wir, mit Ausnahme des gestrigen Abends, unsere Reise bisher jedoch sehr genossen. Ich weiß, es ist eine aufwendige Maskerade, aber sie hat durchaus auch etwas Aufregendes, und es ist ja bald vorbei. Sobald wir in Kanada sind, werden wir niemandem mehr etwas vormachen müssen. Da können wir wieder wir selbst sein.«
Matthieu Zéla nickte bedächtig. »Ich nehme an, Sie wissen, was Sie tun«, sagte er zweifelnd. »Es scheint mir ein schrecklicher Aufwand, nur, um ein paar Moralaposteln zu entgehen. Wenn Sie es allerdings für nötig halten, will ich Sie dafür nicht kritisieren. Glauben Sie mir, auch ich habe zu meiner Zeit aus Liebe merkwürdige Dinge getan, und ich habe dafür bezahlt.«
»Sie werden uns also nicht verraten?«, fragte Mr Robinson hoffnungsvoll.
Matthieu schüttelte den Kopf. »Ihr Geheimnis ist bei mir sicher«, sagte er. »Sie haben mein Wort darauf.«
Mr Robinson stand lächelnd auf und schüttelte seinem Gastgeber dankbar die Hand. »Im Lichte der jüngsten Ereignisse haben wir beschlossen, die letzten Tage an Bord in unserer Kabine zu bleiben«, sagte er. »Also werden wir uns wohl nicht mehr so oft sehen. Im Übrigen denke ich, ist es das Beste, wenn Sie Ihren Neffen von meiner lieben Verlobten fernhalten, ehe es noch mehr Ärger gibt.«
»Sicher«, sagte Matthieu. »Da stimme ich Ihnen völlig zu.« Er öffnete die Tür, und die beiden Männer schüttelten sich ein weiteres Mal die Hand. »Ich wünsche Ihnen alles Gute, Mr Robinson«, sagte Matthieu. »Wirklich. Aber denken Sie daran: Was die Gesellschaft über Sie denkt, ist nichts im Vergleich zu Ihrer eigenen Selbstachtung. Seien Sie in Kanada wieder Sie selbst und genießen Sie das Leben als Sie selbst. Was hat das alles sonst für einen Sinn?«
»Ich versichere Ihnen, Matthieu«, sagte der andere mit einem breiten Lächeln, »dass wir genau das vorhaben. Unser Leben fängt gerade erst an. Vor uns liegen wunderbare Zeiten.«
Ethel LeNeve stieg über eine Taurolle und verschwand hinter einem Rettungsboot, wo sie vor ein paar Tagen eine abgeschiedene Stelle entdeckt hatte. In ihrer Vorstellung war sie in diesem Moment weder sie selbst noch Edmund, sondern Dr. James Middleton, die Person, in die sie sich verwandelt hatte, um das Gift zu kaufen. Nervös ließ sie den Blick schweifen, doch hier hinter dem Boot konnte sie niemand sehen.
Sie hielt die Hutschachtel vor sich hin und schüttelte sie vorsichtig. Cora Crippens Kopf, sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt, bewegte sich darin hin und her. Ethels Hände zitterten ein wenig, als sie die Hutschachtel übers Wasser hielt. In letzter Minute hatte sie sich entschieden, den Kopf nicht ebenfalls zu zerteilen und mit dem Rest des hässlichen Körpers zu vergraben. Sie hatte gedacht, sollte Cora je entdeckt werden, könnte der Umstand, dass der Kopf fehlte, dazu führen, dass sie niemals einwandfrei identifiziert werden würde. Natürlich hatte sie den Kopf nicht so einfach irgendwo in London verstecken können, und der Themse traute sie nicht, sie hätte ihn vielleicht irgendwo ans Ufer spülen können. Also war er mit ihr nach Antwerpen gekommen, und sie hatte beschlossen, ihn im Meer zu versenken, im dunklen Wasser des Atlantischen Ozeans, auf dessen Grund er sinken würde, um nie wieder aufzutauchen.
Sie zwang die Hände auseinander und ließ die Schachtel mit einem leisen Aufschrei fallen, schnappte nach Luft, als sie aufs Wasser schlug und dort ein Weile trieb, auf den Wellen tanzend, bevor sie langsam unter die Oberfläche sank und unsichtbar wurde.
»Möge Gott mir vergeben«, flüsterte Ethel und wandte den Blick vom Ozean zu den Wolken hinauf, als flehte sie den Himmel selbst an. »Die Liebe lässt einen die unverzeihlichsten Dinge tun.«
Inspector Dew stand mit offenem Mund am Bug der Laurentic und starrte ungläubig auf die Szenerie vor sich. Er schüttelte den Kopf, spürte sein Herz in der Brust schneller schlagen und fragte sich, was er da vom Zaun gebrochen hatte. Der Hafen von Quebec war voller Menschen, lautstarker Jubel stieg von ihnen auf und wehte übers Wasser zu ihm herüber. Es waren Tausende, so weit das Auge reichte, und die Farben ihrer Kleidung spannten einen Regenbogen durch den Hafen.
»Das ist zu viel«, sagte er und sah bestürzt Kapitän Taylor an. »Wie können da so viele Menschen warten?«
»Sie sind mittlerweile eine Berühmtheit, Inspector«, antwortete der Kapitän und grinste ihm zu. »Und ich vielleicht auch«, fügte er noch hoffnungsvoll an.
»Aber ich habe noch nichts getan.«
»Das macht nichts. Was zählt, ist, was Sie tun werden. Sie werden den übelsten Verbrecher zur Strecke bringen, der je auf dieser Welt sein Unwesen getrieben hat.«
Dew hob eine Braue. »Ich glaube kaum, dass er der Beschreibung gerecht wird, Kapitän«, sagte er.
»So gut wie. Frauenmörder. Kannibale.«
»Ach, Himmel noch mal«, sagte Dew mürrisch. »Wer setzt solche Gerüchte in die Welt? Dr. Crippen ist kein Kannibale. Der Gedanke ist völlig grotesk.«
»Ach ja? Und was hat er mit dem Kopf gemacht?«
»Der Kopf fehlt, also nehmen alle an, er hat ihn gegessen«, sagte Dew tonlos. »Was für eine wundervolle Logik. Ich bewundere Ihren Spürsinn, Kapitän.«
»Ich sage nur, was ich gehört habe«, antwortete Taylor und überhörte den Sarkasmus in Dews Stimme. »So zu tun, als wäre es nicht so, ändert nichts daran.«
Dew seufzte. Er fühlte sich wie zweigeteilt, als das Schiff in den Hafen einfuhr und er gezwungen war, den Massen zuzuwinken, die ihm ohne Unterlass zujubelten. Ein Teil von ihm genoss die Aufmerksamkeit ungeheuer. Als Inspector von Scotland Yard hatte er sein ganzes Leben lang hart gearbeitet und einige wichtige Fälle gelöst, aber noch nie öffentliche Anerkennung für seine Anstrengungen erfahren. Das jetzt war eine Ausnahme: Dr. Crippen hatte mit seinem Verbrechen die öffentliche Fantasie derart angeregt, dass der Mann, der ihn dingfest machte, als Held gefeiert und zum berühmtesten Polizisten der Welt wurde.
»Ich bin nicht der wahre Held«, gab er Kapitän Taylor gegenüber zu, als sie über die Gangway zum auf sie wartenden Polizeifahrzeug hinübergingen. Die Menge links und rechts wurde von zwei Reihen kanadischer Polizeibeamter zurückgehalten. »Die Ehre gebührt eigentlich Kapitän Kendall.«
»Von der Montrose?«, fragte Taylor überrascht, während er trotz seines Ärgers, dass Dew so etwas sagte, breit lächelnd der Menge zuwinkte. »Aber warum denn nur? Was hat dieser Kendall damit zu tun?« Er musste schreien, um den Lärm der Menge zu übertönen.
»Kapitän Kendall ist derjenige, der entdeckt hat, dass Crippen und die verkleidete Ethel LeNeve an Bord seines Schiffes sind. Nicht jeder hätte diese Verbindung gezogen. Hätte er uns nicht kontaktiert, hätte ich die beiden niemals aufgespürt. Crippen wäre sicher nach Kanada gelangt und auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Wir hätten ihn nie bekommen. Alles, was ich getan habe, ist, an Bord eines Schiffes zu gehen und auf ein anderes zu warten. So heldenhaft ist das nicht, wenn Sie genau darüber nachdenken.«
»Unsinn«, sagte Taylor, unwillig, dem Kapitän der Montrose auch nur ein bisschen etwas von der Anerkennung abzutreten. »Wir sind es, die die Verfolgung aufgenommen haben. Wir sind die, die Leib und Leben für die Ergreifung eines Wahnsinnigen aufs Spiel gesetzt haben. Sie und ich, Inspector. Und hätte ich nicht alles aus der Laurentic herausgeholt, nun, dann wäre die Montrose womöglich als Erste hier angekommen, und er wäre uns entwischt. Ich will mich ja selbst keinen Helden nennen, aber andere werden es tun.«
»Trotz der Menschenmengen hier?«, fragte Dew skeptisch und überhörte die Aufschneiderei des anderen Mannes. »Ich glaube nicht, dass er da so einfach hätte entkommen können. Er wäre auf der Stelle verhaftet worden.«
Nachdem er den versammelten Horden von Zeitungsfotografen erlaubt hatte, ihn abzulichten, wurde Inspector Dew ins Hauptquartier der Polizei von Quebec gebracht, wo er Inspecteur Alphonse Caroux vorgestellt wurde, seinem kanadischen Kollegen, der den Weg der beiden Schiffe seit Beginn der Jagd verfolgt hatte.
»Sie haben sich beeilt, Inspector«, sagte Caroux und musterte ihn interessiert von Kopf bis Fuß. Seit einer Woche hatte er sich gefragt, wie der berühmte Walter Dew wohl aussehen mochte. Sehr englisch, entschied er. Übergewichtig und teigig. »Wir waren erst nicht sicher, ob Sie es rechtzeitig schaffen würden. Aber natürlich hätten wir diesen Crippen für Sie verhaftet, wenn Sie noch nicht hier gewesen wären.«
»Das ist jetzt nicht mehr nötig«, sagte Dew und begriff plötzlich, dass alle etwas von der Anerkennung für die Festnahme abbekommen wollten. »Allerdings muss ich möglichst bald mit Kapitän Kendall in Kontakt treten. Wie weit ist er noch entfernt?«
Caroux sah in eine Mappe auf seinem Tisch und fuhr mit dem Finger eine Zahlenkolonne entlang. »Weniger als vierundzwanzig Stunden. Es ist jetzt vier Uhr nachmittags. Die Montrose wird morgen Nachmittag um drei einlaufen.«
»Verstehe«, sagte Dew. »Nun, ich muss Kapitän Kendall sofort telegrafieren.«
»Selbstverständlich.«
»Ich muss ihm sagen, dass er sein Schiff morgen Mittag um zwölf stoppen soll, drei Stunden vor seiner Ankunft in Quebec.«
»Stoppen?«, fragte Caroux argwöhnisch.
»Ich werde dem Schiff entgegenfahren und Crippen verhaften, bevor er kanadischen Boden betritt. Ich brauche ein Boot und einen Seemann, der mich hinbringt.«
Inspecteur Caroux runzelte die Stirn. »Das ist keine gute Idee«, sagte er. »Ich habe schon einige Zeitungen alarmiert. Die Fotografen kommen morgen Nachmittag, um den großen Moment einzufangen. Es ist das Beste, sie verhaften ihn auf kanadischem Boden.«
»Das ist kein öffentliches Spektakel, Inspecteur«, sagte Dew gereizt. »Der arme Mann muss hier keine Zirkusnummer abgeben, ganz gleich, was er getan hat. Nein, ich fahre zur Montrose, verhafte ihn und komme dann mit ihm her. Hier wird er sofort in Ihr Gefängnis gebracht, wo er bis zum 3. August bleibt, wenn, wie ich glaube, das nächste Schiff nach England ablegt.«
Enttäuscht, aber nicht in der Position, seinen Willen durchzusetzen, nickte Caroux, schrieb Dews Anweisungen auf ein Blatt Papier und gab es einem seiner Beamten, der sich um alles Nötige kümmern sollte.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Inspecteur«, sagte Dew, dem die Enttäuschung seines Gegenübers bewusst war. »Die Fotografen werden ihre Bilder schon bekommen. Sagen Sie ihnen, sie sollen sich bereithalten, wenn ich Dr. Crippen morgen Nachmittag in Handschellen vom Schiff bringe. Dann bekommen sie ihre Titelgeschichte.«
»Sie haben ihn schon einmal getroffen, richtig?«, fragte Caroux. »Diesen Dr. Crippen?« Er betonte den Titel, als nehme er ihm den keinesfalls ab.
»Zwei Mal«, gab Dew zu.
»Ohne ihn jedoch zu verhaften?«
»Ich habe nicht geglaubt, dass er ein Verbrechen begangen hatte.«
»Aha. Aber Sie waren es, der die Leiche gefunden hat?«
Dew seufzte. »Ich ging noch einmal hin, um ein paar letzte Fragen zu klären, und musste feststellen, dass Dr. Crippen und Miss LeNeve ausgeflogen waren. Bei der Suche nach ihnen bin ich auf sie gestoßen. Um die Wahrheit zu sagen, er wäre davongekommen, wenn sie nicht geflohen wären. Er muss gedacht haben, dass ich etwas wusste.«
»Aber dem war nicht so.«
»Nein«, gab er zu, ohne in Verlegenheit zu geraten. »Ich hatte keinerlei Verdacht.«
»Das sollten Sie ihm auf jeden Fall sagen«, lachte Caroux. »Da stirbt er vor Lachen, der arme Narr. Wie fanden Sie ihn sonst so?«
»Wie ich ihn gefunden habe?«
»Vom Charakter her. Was hielten Sie von ihm, als Sie ihn getroffen haben?«
Inspector Dew überlegte. Trotz all der Fragen, die er seit dem Auffinden der unschönen Überbleibsel Cora Crippens beantwortet hatte, für seine persönliche Meinung zum Charakter des Mannes hatte sich noch niemand interessiert, weder seine Vorgesetzten bei Scotland Yard noch all die Nachrichtenreporter und auch nicht die neugierigen Passagiere an Bord der Laurentic. Sie alle hatten nur die grausigen Einzelheiten gewollt, den Stoff für Albträume. »Er kam mir sehr angenehm und sanft vor«, sagte er, »gebildet, freundlich, höflich. Ehrlich gesagt, dachte ich, er könnte keiner Fliege etwas zuleide tun.«