8. … und ein Land der Illusionen
Der wissenschaftliche Leiter der Dschungelanlage, Dr. Lawrence Schuler, kann nicht glauben, dass es zum zweiten Mal eine schwere Sicherheitslücke gegeben hat. Was tun all diese Sicherheitsleute denn da draußen? Muss er denn alles selbst machen – die Forschung und die Abschirmungsmaßnahmen übernehmen?!
Als er erfährt, dass in diesem Fiasko auch Daten verloren gegangen sind, storniert er sofort den Rest seines Urlaubes und bucht einen Flug zurück nach Indonesien. Wenn diese Daten in die falschen Hände geraten, ist seine Karriere zu Ende. Aber die ist wahrscheinlich sowieso zu Ende …
Wann begann die Sache eigentlich schief zu laufen? Als er mit der Kooperative angefangen hat, war er begeistert, ihre Forschungsaktivitäten in einem Bereich leiten zu dürfen, der ihm besonders am Herz lag, nämlich e-Smog. Hier war er sicher, einen Beitrag zum Wohle der Menschheit leisten zu können. Seine Freude darüber, Forschungsergebnisse von Dr. Ramu Visra zu »borgen« war zwar begrenzt, aber er sah das pragmatisch: Die Wissenschaft macht vor niemandem Halt.
Dann aber hörte er von mysteriösen Todesfällen von Kindern. Er war sicher, dass sich diese Fälle direkt in Zusammenhang mit dem e-Smog bringen ließen, den sie bei ihren Versuchen im Dschungel generiert hatten. Wenn er nicht die Sprache des Landes gelernt hätte, hätte er nie von diesen Tragödien erfahren. Aber nun weiß er es und es ist zu spät dafür auszusteigen. Er hat selbst gesehen, was die Kooperative mit Abtrünnigen macht – man braucht nur an Dr. Visra zu denken …
Er fragt sich, ob nicht doch manchmal der Zweck die Mittel heiligt, besonders dann, wenn sonst kein Ende absehbar ist.
17. Jänner 2014
Indonesien, Borneo
Bei der Ankunft in Balikpapan bekommen Marcus, Maria und Barry ihre Visa schneller als erwartet. Sie suchen Mandi unter all den Gesichtern in der kleinen Ankunftshalle des Flugplatzes, aber sie ist nicht da. Vor ihrem Abflug aus Neuseeland hat Marcus noch eine Nachricht mit ihrer Ankunftszeit an Mandi abgeschickt, aber sie hat auf keine seiner Nachrichten geantwortet – sei es Text oder Sprache. Sie versuchen einen Anruf bei der Senaggin-Mine, aber auch dort erreichen sie sie nicht. Mandis e-Helper wird nicht einmal auf ihre Nachrichtenbox umgeleitet! Funktioniert ihr e-Helper nicht? Ist sie außerhalb des Sendebereichs? Ist sie vielleicht in Schwierigkeiten?
Als sie am nächsten Morgen Mandi immer noch nicht erreichen können, beschließen sie, das Angebot Amis anzunehmen. Ami ist Kellnerin in der Borneo Bar in Balikpapan, wo Marcus, Maria und Barry nach ihrer Ankunft etwas getrunken haben. Sie kennt jemanden mit einem kleinen Wasserflugzeug, der sie in den Dschungel bringen kann. Der Pilot, den sie empfiehlt, ist teuer, aber verlässlich.
Dave ist nicht überrascht über die Geschichte, die Marcus erzählt – er hat Ähnliches schon einige Male gehört. Zwei Rucksacktouristen haben sich zu einer Tour durch Kalimantan aufgemacht und sind verschwunden. In Kalimantan liegen einige der letzten, weitgehend unberührten Regenwaldgebiete der Erde und die Erhaltung diese Landstriche wird auch ermöglicht durch Touristen, die exorbitante Gebühren für eine Zutrittserlaubnis zahlen. Viele Rucksacktouristen, die nicht viel über das Land und die Bedingungen im Dschungel wissen, buchen ganz naiv solch ein Abenteuer, um dann feststellen zu müssen, dass es durchaus gefährlich – ja, lebensbedrohend – werden kann.
Dave bemerkt
nicht, dass die Geschichte der verschollenen Touristen nur erfunden
ist. In Wahrheit sucht Marcus natürlich nach Mandi, aber er kann
Dave nicht die ganze unglaubliche Wahrheit
erzählen!
Dave sagt zu, Marcus zu helfen, wenn dieser es schaffen sollte, mit den anderen von Balikpapan in Ostkalimantan nach Kota Baru in Südkalimantan zu kommen. Es gibt tägliche Linienflüge zwischen den Städten, also sollte das kein Problem sein. Dave wird am 19. Jänner in Kota Baru sein und er kann sie gleich am Morgen mit seinem Flugzeug mitnehmen. Wenn Marcus zustimmt, wird Dave außerdem die Gelegenheit nutzen und den Hinflug nach Kota Baru gleich geschäftlich verwerten. Wenn er einmal engagiert ist, dann lässt er davon auch Leute profitieren, die sich ansonsten keinen regulären Flug leisten können. Auf diesen Flug wird er Cecil mitnehmen, einen alten Dayak, der in die Klinik zu einer Dialyse geflogen werden muss. Dave ist sehr begabt, wenn es ums »Vernetzen« geht – er bringt Leute zusammen und verbindet Orte.
Sobald Marcus alle Details rund um das Treffen mit Dave in Kota Baru organisiert hat, bringt er einen anderen Plan ins Rollen. Sie haben noch volle 24 Stunden bis zum Treffen mit Dave. Wenn der heutige Flug von Balikpapan nach Kota Baru früh genug geht, dann könnten sie sogar noch mit dem Schnellboot bis zur Mine gebracht werden, die eine Stunde flussaufwärts liegt. Wenn sie Mandi dort nicht finden, können sie noch zeitgerecht nach Kota Baru zurück, um dort Dave zu treffen und die Suche zu beginnen. Mandi könnte bei der Dschungelanlage sein …
Das Glück ist auf Seiten des Paratrios. Marcus, Maria und Barry kommen zwei Stunden vor dem nächsten Flug nach Kota Baru auf dem Flughafen von Balikpapan an. Sie kaufen Tickets und setzen sich in die Wartehalle.
Balikpapan ist ein wichtiges Zentrum der indonesischen Bergwerks- und Ölindustrie und dementsprechend wimmelt es auf dem Flughafen von Arbeitern und Managern aus den verschiedensten Ländern. Nur ein kleiner Teil davon lebt in der Stadt, die Arbeitsplätze liegen meist in abgelegenen Gebieten.
Die
Einheimischen sind Ausländer gewöhnt, aber trotzdem sind sie
neugierig auf die »Fremden«, die unter ihnen leben. So müssen die
Ausländer damit leben, unter Umständen von Dutzenden Einheimischen
angestarrt zu werden. Die kleinen Kinder sind besonders an Maria
interessiert. Sie stehen nur auf Armeslänge entfernt von ihr und
starren hinauf in ihr Gesicht. Zuerst fühlt sich Maria nicht wohl
inmitten der Kinderschar, die sich um sie angesammelt hat, aber
bald hat sie das überwunden und spielt mit den Kindern die gleichen
Spiele zum Zeitvertreib, die sie sonst mit Lena und Stephan
spielt.
Während Maria lacht und ihr ständig anwachsendes Publikum unterhält, sieht sich Marcus auf dem Flugplatz um. Er hat gelesen, dass Balikpapan ein Schmelztiegel der Völker ist, und in den Gesichtern der Leute spiegelt sich das wider. Obwohl er nicht bestimmte Körpermerkmale einzelnen ethnischen Gruppen zuordnen kann, erkennt Marcus ganz klare Unterschiede im Aussehen. In dem Reiseführer stand, dass zahlreiche Einwanderer der indonesischen Inseln Java, Bali und Madura hier leben. Und zunehmend kommen auch immer mehr Dayak aus Zentralkalimantan hierher. Sie haben die gleichen Gründe, wie alle anderen: Arbeit.
Bei ihrem Flug über die Küste des Südostens registriert Marcus erstaunt den Entwicklungsstand des Landes. Kleine, perfekt quadratische Parzellen markieren einzelne Reisfelder. Gleich hinter den bewässerten Feldern breiten sich die Plantagen mit Ölpalmen aus. Kilometer für Kilometer sind die Bäume in exakten Reihen gepflanzt.
Tief unten kann Marcus Wirbel im Wasser einer Flussmündung sehen, wo sich das schmutzig braune Wasser des Flusses mit dem blauen Ozean mischt. Weiter im Landesinneren glitzern die Flussläufe silbern im Sonnenlicht. Sie wirken wie geknickte Schlangen. In der Ferne verlieren sie sich im dichten Dunst des Hinterlandes.
Nach der Ankunft in Kota Baru werden sie sofort von einem Schwarm Taxifahrer umringt, aber nur einer von ihnen spricht Englisch. Marcus bittet ihn, sie zu einem Schnellboot zu fahren, das sie den Flussarm aufwärts bis zur Senaggin-Mine bringen kann.
Der Taxifahrer fragt wiederholt nach »Polisi« und »Papieren«. Darauf hält Marcus ihm schnell ein paar Dokumente hin und der Mann gibt sich damit zufrieden. Er lässt den Kofferraumdeckel aufspringen, steigt in den Wagen und startet. Marcus blickt wissend zu Barry und Maria und diese blinzelt als Antwort zurück. Bevor Mandi Neuseeland verlassen hat, hat sie darauf bestanden, einige ihrer Reisedokumente zu kopieren, um für die drei Fälschungen anfertigen zu können – nur für den Fall …
Marcus hat sich auf diese Reise vorbereitet. Er hat einige Kartenskizzen bei sich, die Mandi auf Great Barrier Island gezeichnet hat. Sie hat nicht nur die Anlage im Dschungel gezeichnet, sondern auch einige grobe Skizzen des Gebietes der Senaggin-Mine angefertigt, mitsamt den Straßen nach Tanggar, dem kleinen Dorf in der Nähe.
Obwohl sie noch nicht lange in Kota Baru sind, haben sie schon den Unterschied zwischen der Fahrweise in Balikpapan und in Kota Baru bemerkt. In Kota Baru teilen sich die PKWs und Lastwagen die Verkehrsflächen nicht nur mit den Motorrädern und Fußgängern, sondern auch mit Radfahrern und den dreirädrigen Becaks, die Platz für zwei Passagiere bieten. Diese Gefährte werden wie Fahrräder angetrieben, der Fahrer sitzt dabei hinter einer kleinen, überdachten Kabine für die Fahrgäste.
24 Cassava-Chips sind in ihrer Beschaffenheit Kartoffelchips ähnlich. Sie werden aus Manihot zubereitet, einer Pflanze mit stärkehaltigen, knolligen Wurzeln.
Fest entschlossen treten die Fahrer – dürre, aber kräftige Männer – in die Pedale ihrer verbeulten Becaks und lassen sich auch nicht vom Gehupe der Autos und den bedrohlich nahe kommenden Lastwagen einschüchtern. Sie steuern ihre Fahrzeuge sicher durch die chaotischen Straßen. Maria weist die anderen auf die verblassten, ursprünglich farbenfrohen Muster der Planen hin, die die Becaks bedecken. Sie erinnern sie an Malereien der Dayak, die im Dusit Hotel in Balikpapan hängen, in dem sie abgestiegen sind. Marcus und Barry sind fasziniert – Becaks transportieren nicht nur Menschen, sondern alles Mögliche: Pakete, Möbel, Hühner, Ziegen …!
Der Taxifahrer hält bei einer langen Reihe von Holzhäusern, die auf Stelzen ins Wasser gebaut sind. An der Rückseite der Gebäude sitzen Frauen auf dem Bretterboden und sehen ihren Kinder zu, die im Wasser spielen und umherspringen. Kleine Plastikflaschen und -säckchen schaukeln auf der Wasseroberfläche. Das fröhliche Treiben hört schlagartig auf, als Marcus, Maria und Barry mit dem Taxifahrer näher kommen.
Der Fahrer spricht mehrere Minuten lang mit einer der Frauen, bis diese schließlich im Haus verschwindet. Marcus lugt ihr verstohlen ins Hausinnere nach: Zu sehen ist ein großer Fernseher, gegen eine Wand gelehnt, sonst nichts. Keine Stühle, keine Regale, Sofas oder Tische. Im Hintergrund ist zwar eine kleine Satellitenschüssel zu erkennen, aber der Fernseher ist daran anscheinend nicht angeschlossen. Vor dem Fenster hängt ein hellblauer Vorhang, aber er kann die schwarzen, gefängnisartigen Gitterstäbe kaum verbergen.
Während das Boot fahrbereit gemacht wird, lädt der Taxifahrer Marcus, Maria und Barry ein, sich auf eine Holzbank zu setzen. Am Ende der Bank hat die Frau, die hier gesessen hat, bevor sie ins Haus gegangen ist, ein paar Bananenschalen zurückgelassen. Nach einigen Minuten kommt die Frau mit einem kleinen Tablett zurück, auf dem sich vier Gläser mit dem traditionell zubereiteten, süßen Schwarztee befinden. Außerdem wird eine Schale Cassava-Chips24 angeboten, die die Gäste dankbar annehmen.
Die drei Fremden sind im Moment ganz klar ein Spektakel für die Ortsansässigen. Die Kinder hat die Neugier aus dem Wasser getrieben; um sie herum bilden sich kleine Pfützen. Das Haus, bei dem sie sich befinden, ragt weiter hinaus als die anderen.
Barry ist ziemlich sicher, dass das Geschirr, auf dem die Erfrischungen serviert werden, im selben Flusswasser gespült wurde, in dem die Kinder baden. Im Wasser stehen Frauen, die Teller spülen, sich baden und Kleider waschen. Barry hofft, dass er von diesem Tee nicht krank werden wird. Ein Blick zu Maria und Marcus bestätigt ihm, dass auch sie zögern, den ersten Schluck zu nehmen. Maria wagt es als Erste und sie lächelt der Frau dankend zu.
Das Boot kommt nach einer Dreiviertelstunde und sie brausen davon, Richtung Senaggin-Mine. Dieses Boot – es gehört einem Mann namens Imam – ist neuer und schneller als die anderen Boote. Zahlreiche Fischerboote bevölkern das Gewässer und über ein Dutzend Frachtkähne, auf denen hohe Kegel von schwarzer Kohle aufragen, werden langsam von kleinen, starken Schleppern dahingezogen.
Bei der Senaggin-Mine angekommen, bleiben sie nur kurz unbemerkt, bevor sie von einem gewissen Sarif begrüßt werden, der sich als der Verantwortliche für die öffentlichen Beziehungen der Mine vorstellt. In gutem Englisch entschuldigt er sich, dass Terry sie nicht persönlich begrüßen kann, weil er momentan nicht hier ist. Ebenso bedauert er, dass Mandi nicht hier ist – sie hat erst am Vortag die Mine verlassen, nachdem sie ihre Vertragsverpflichtungen erfüllt hat. Sarif fragt erstaunt, ob Mandi sie denn nicht in Balikpapan kontaktiert und sie über ihre Pläne informiert hätte.
Marcus erinnert sich an sein Gespräch mit Mandi. Er ist sicher, dass sie gesagt hat, dass niemand auf der Mine Englisch spricht, ausgenommen Terry, der australische Manager. Aber wie passt dann Sarif in dieses Bild?
»Ich hatte Probleme mit meinem e-Helper«, lügt Marcus. »Wie Sie schon sagten: Wir müssen uns knapp verpasst haben.«
»Schade«, sagt Sarif, »es hätte Ihnen eine unnotwendige Reise erspart. Aber da Sie nun schon einmal hier sind, zeige ich Ihnen das Lager und dann essen wir gemeinsam etwas. Danach erwischen Sie noch das Abendboot zurück nach Kota Baru.«
Ohne die Antwort von Marcus abzuwarten, macht Sarif eine einladende Armbewegung in Richtung seines Truppentransporters. Dann geht er zum Fluss, wo der Steuermann des Boots noch wartet, spricht mit ihm und gibt ihm Geld. Der Mann ist dennoch offensichtlich nicht zufrieden; er spricht laut und gestikuliert in Richtung seiner Fahrgäste.
Schnell geht Marcus hinüber zu den beiden Männern und mischt sich ein: »Sarif, ich habe mit Imam in Kota Baru einen Preis ausgemacht, und den werde ich ihm zahlen …«
Sarif
schneidet ihm das Wort ab: »Es ist nicht notwendig, dass er hier
auf Sie wartet. Sie können mit einem unserer Transporter
zurückkehren. Wir wollen genau wissen, wer zu uns kommt, und wer
geht – Sicherheitsmaßnahmen, Sie verstehen. Außerdem zahlen Sie zu
viel. Ich übernehme das. Kommen Sie, wir fahren jetzt zum
Camp.«
Sarif geleitet die kleine Gruppe weg vom Fahrer des Schnellboots, der wütend abfährt.
Obwohl noch niemand von ihnen zuvor ein Bergwerkscamp gesehen hat – so, wie es sich ihnen präsentiert, haben sie es nicht erwartet! Sie haben es sich derb und ungemütlich vorgestellt, aber was sie vorfinden, ist das Gegenteil davon: stabil konstruierte Holzhäuser. Sicher, ein frischer Anstrich würde das Erscheinungsbild der Ansiedlung wesentlich verbessern, aber insgesamt ist es sauber und die unmittelbare Umgebung recht gepflegt.
Marcus erkennt
einige der Gebäude von Mandis Skizzen wieder. Einige der größeren
Holzbauten sind die Quartiere des gehobenen Managements. In der
Nähe dieser Häuser befinden sich das Gebäude mit dem Speisesaal
sowie das Freizeitzentrum mit zwei Tischtennistischen und ein paar
alten Sportgeräten. Etwas weiter weg liegen die anderen Häuser mit
den Schlafräumen für das mittlere Management und die
Büroangestellten. Die meisten der Minenangestellten –
Lastwagenfahrer, Baggerführer usw. – wohnen in den umgebenden
Kampungs.
Sarif führt Marcus, Maria und Barry in das nächstgelegene Verwaltungsgebäude. »Hier hat Mandi an ihrem Projekt gearbeitet«, erklärt er, während sie das Haus betreten. Er öffnet die Tür zu Mandis Zimmer, tritt aber nicht aus der Türöffnung, sodass die anderen zwar hineinsehen, aber nicht eintreten können.
25 Nasigoreng: gebratener Reis, oft mit Gewürzen, Gemüse und kleinen Stückchen Hühnerfleisch.
»Wie Sie sehen können, hat sie gepackt und ist bereits abgereist«, sagt Sarif und schließt die Tür.
Mandi sieht sich genau um. Mit ihrer Parasicht kann sie durch die Wände und geschlossenen Türen in die umgebenden Räume sehen. In dem Haus sind vier Zimmer für vier Personen und ein gemeinsamer Aufenthaltsraum mit Rattanstühlen, einem Fernseher, einer Kaffeemaschine und einem Wasserkessel zum Teekochen. Durch diesen Raum haben sie das Gebäude betreten. Maria kann sehen, dass die Räume sehr einfach eingerichtet sind, nur mit einem Bett, einem kleinen Tisch, einem grob zusammengezimmerten Schreibtisch und einem Kleiderschrank. Die anderen drei Räume machen einen bewohnten Eindruck – mit verstreuten Kleidungsstücken, Schuhen und Schriftstücken. Nur in Mandis Raum sind keinerlei persönliche Dinge zu sehen.
Maria geht zur hinteren Tür, die auf eine große Holzveranda führt – umgrenzt von einer Dschungelwand. Maria durchleuchtet das Blättergewirr mit ihrer Parasicht; sie sieht Gibbons und Proboscis-Affen in den Bäumen faulenzen. Ein Tag wie jeder andere im dampfenden Regenwald. Eine Dreimeterpython schlängelt sich lautlos an ein Affenjunges heran, das sich zu weit von seiner Mutter entfernt hat. Maria will gar nicht wissen, was als Nächstes passieren wird, und sieht weiter weg. Ein kleiner Fluss und noch mehr Dschungel.
Nach kurzer Zeit führt Sarif sie in den Speisesaal und organisiert für sie frisch zubereitetes Nasigoreng25. Während des Essens sieht sich Maria weiter mit Hilfe ihrer Parasicht im Camp um. Sie weiß zwar nicht, wonach sie eigentlich sucht, aber sie hofft, dass sie irgendetwas Auffälliges entdecken wird. Vielleicht gibt es irgendwo einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Mandi. Obwohl sie und Marcus Mandi noch nicht lange kennen, scheint es ihnen nicht ihre Art zu sein, geänderte Pläne nicht bekannt zu geben.
Alles, was Mandi sieht, scheint unauffällig. Putzfrauen erhaschen ein paar Blicke Fernsehen, während sie die Häuser der Manager reinigen. Die Arbeiter der Nachtschicht schlafen in ihren Kojen in den Schlafräumen. Ein kleines Rudel Hunde schnuppert rund um die Abfallhaufen – sie scheinen besonderes Interesse am hinteren Bereich zu haben. Sie scharren und graben, bis sie einen kleinen Plastikbeutel hervorziehen. Der Beutel reißt und einige Fruchtschnitten fallen heraus.
»Mandi hat auf
Great Barrier Island zwischen den Mahlzeiten immer Fruchtschnitten
genascht«, kommt es Maria in den Sinn. »Sie sagte, es sei Teil
ihres bevorstehenden Neujahrsvorsatzes, weniger Schokolade zu
essen. Vielleicht ist es Zufall, aber ich kann es nicht recht
glauben. Wie wahrscheinlich ist es, so ein ungeöffnetes Säckchen
mit Fruchtschnitten auf dem Abfall einer Bergwerksmine zu
finden?«
Maria möchte Barrys Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber das kann nicht gelingen, ohne dass auch Sarif es mitbekommt. Wenn Barry sich einen Moment entschuldigen könnte, dann könnte er ein Abbild seiner selbst zum Müllhaufen projizieren und sich die Sache näher ansehen.
Maria fragt nach einer Toilette und Sarif erklärt, dass sich die nächstgelegenen im Freizeitbereich befinden.
»Barry, könntest du bitte mitgehen?«, fragt Maria. »Du weißt, welch schlechten Orientierungssinn ich habe. Marcus und Sarif können inzwischen ihr Gespräch fortsetzen.«
Maria steht vom Tisch auf und geht vom Tisch weg. An der Tür bleibt sie stehen und sagt ungeduldig zu Barry gewandt: »Barry, komm jetzt bitte! Es ist dringend!«
Schweigend gehen die beiden schnell zum Freizeitbereich. Sobald sie sich im Gebäude befinden, erzählt Maria mit gedämpfter Stimme, was sie gesehen hat. Barry versteht sofort, was sie will, und verschwindet auf der Herrentoilette. Er legt sich auf den Boden, schließt die Augen und projiziert ein Bild von sich selbst zum Abfallbereich. Bei seinem plötzlichem Erscheinen jaulen die Hunde erschreckt auf und rennen davon. Von den Fruchtschnitten ist nichts mehr übrig, außer ein paar Fetzen zerrissenes Einwickelpapier.
Para-Barrys Augen prüfen den Müllberg vor ihm. Wonach sucht er eigentlich? Er hält sich die Nase zu und stochert mit dem Fuß in dem Haufen, an der Stelle, wo die Hunde gewühlt haben. Dann bricht er von einem Baum einen Zweig ab und beginnt zu graben. Eine volle Flasche mit Mandis Shampoo kommt zum Vorschein. Barry stochert weiter und entdeckt Mandis Deo und eine Dose Hautcreme.
Normalerweise
kümmert Barry sich nicht darum, welche Kosmetikprodukte andere
Leute verwenden. Zufälligerweise weiß er aber gerade bei Mandi
darüber Bescheid, denn er hatte mit Monika und Mandi eine längere
Unterhaltung zu diesem Thema. An einem Abend auf Great Barrier
Island haben sie ihr Gespräch nach dem Abendessen in Alans und
Mandis Zimmer fortgesetzt. Als Monika das Bad der beiden benutzte,
fiel ihr Mandis Shampoo auf, und anschließend sprachen sie über
Kosmetikprodukte. Die, die Mandi benutzt, bestehen zu 100 %
aus natürlichen Inhaltsstoffen und die Herstellung hat keinerlei
negative Auswirkung auf die Umwelt. Das hat Barry beeindruckt; er
dachte, solche Produkte passen gut auf Great Barrier Island, ein
Gebiet mit noch ursprünglicher Umwelt. Seit damals benutzt auch
Barry Produkte aus dieser Linie.
Para-Barry sieht auf die Uhr. Sie sind schon zehn Minuten weg, also sollten sie lieber zurückgehen. Er kann nur einen Gegenstand mitnehmen, wenn die Paraprojektion endet, und er entscheidet sich für die volle Shampooflasche.
Gerade als Barry und Maria aus dem Freizeitgebäude treten, kommen Sarif und Marcus ihnen entgegen.
»Alles okay?«, fragt Sarif mit einem misstrauischen Blick auf Mandi und Barry.
»Ja, tut mir Leid. Ich habe arge Krämpfe heute – am ersten Tag der Periode ist es immer am schlimmsten«, lügt sie.
Marias Worte haben genau die Wirkung, die sie sich gewünscht hat: Sarif stellt keine weiteren Fragen. Marcus und Maria tauschen Blicke, bevor Sarif sich zwischen sie stellt und sie zurück zum Transporter bringt.
»Schade, dass Sie nicht länger bleiben können, aber ich verstehe, dass Sie mit Ihrer Freundin zusammenkommen möchten. Wahrscheinlich ist sie in Balikpapan«, sagt Sarif.
Er geleitet sie an Bord des betriebseigenen Schnellbootes und bei Einbruch der Dämmerung fahren sie los nach Kota Baru.
Endlich erfährt Marcus, was eigentlich los war. Maria und Barry erklären ihm alles und zeigen ihm die Shampooflasche als Beweis.
»Gut, wir sind uns einig darüber, dass Sarif gelogen hat, und wir wissen nicht, welche Rolle er im Bergwerk in Wirklichkeit spielt«, fasst Marcus zusammen. »Was ich gerne hätte, sind Antworten auf zwei Fragen, und zwar: ‚Warum haben sie Mandis Sachen weggeworfen?’ und ‚Wo ist sie?‘.«
»Ich würde sagen, wir können getrost annehmen, dass sie wieder zu dieser Dschungelanlage gegangen ist«, sagt Maria. »Oder wenigstens ist das ein guter Ausgangspunkt, nach ihr zu suchen. Fragen wir Dave, ob er uns morgen über das Bergwerksgelände fliegen kann. Vielleicht sehe ich etwas mit meiner Parasicht.«
Durch die zerkratzten Fenster von Daves einmotorigem Wasserflugzeug »Tiger« sieht Marcus nichts als Kilometer für Kilometer dichten Dschungel. Es sieht den Piloten an, dessen Blick fortwährend über den Horizont streicht und über die Anzeigeinstrumente im Cockpit. Er sucht nach Lücken im Blätterdach.
Marcus schreckt hoch, als Maria ihn plötzlich heftig an der Schulter fasst und energisch aus dem Fenster zeigt. »Marcus!«, ruft sie im Versuch, den Motorenlärm zu übertönen. »Da hinten rechts – ich habe etwas gesehen! Kannst du Dave sagen, er soll dorthin eine Schleife fliegen!«
Marcus und Dave sitzen vorne und können sich über ihre Headsets verständigen. Barry und Maria sind hinten, wo es diese Möglichkeit nicht gibt. Dave geht ein wenig tiefer und fliegt einen Kreis. Er sucht immer noch nach einer Landemöglichkeit, kann aber keine geeignete Stelle finden. Er sieht, wie Maria ihre Nase gegen die Scheibe presst und angestrengt nach unten schaut.
»Weit und breit keine Lichtung«, sagt Dave zu Marcus. »Ist das die Stelle, die Maria gemeint hat? Vielleicht hat sie ein Orang-Utan-Nest gesehen oder einen Orang-Utan selbst?«
Vor der Abreise aus Kota Baru hat Dave der Gruppe kurz erklärt, wonach sie im Dschungel suchen müssen, um ihre vermissten Freunde zu finden. Sie sollten auf Unterbrechungen der geschlossenen Walddecke achten und auf Lichtungen, wo die Leute sich wahrscheinlich hinbegeben würden, um bei einer Suchaktion leichter gefunden zu werden. Außerdem wäre aufsteigender Rauch von Feuerstellen ein Hinweis auf Menschen sowie Reflexionen von Metall und Spiegeln, womit die Vermissten auf sich aufmerksam machen könnten.
Dave hat auch noch andere Dinge erwähnt, die sie vielleicht beim Flug über den Dschungel sehen würden. Zum Beispiel kurze Schienenstrecken, die illegale Holzfäller benutzen, um Baumstämme aus dem Wald herauszuschaffen. Und wenn sie Glück hätten, könnten sie vielleicht Orang-Utans sehen oder wenn schon nicht die Tiere selbst, so doch wenigstens ihre großen, korbartigen Nester, die sie in den höheren Bereichen des Waldes weben. Dave ist überrascht, dass Maria schon so viel über Orang-Utans weiß, und sie erklärt, dass ihr Sohn Stephan vor kurzem großes Interesse an ihnen entwickelt hat.
Maria fasst noch einmal an Marcus’ Schulter – sie sind es! Sie ist sicher! Vier Männer – zwei mit Gewehren und zwei mit langen Messern oder Macheten – führen Mandi und eine indonesische Frau, wahrscheinlich Elly, durch den Wald. Marcus sieht sich nach dem nächstgelegenen Fluss um und fragt Dave, ob sie dort landen können. Dave nickt bestätigend. Ja, sie können in etwa zehn Kilometer Entfernung auf einem kurzen, geraden Abschnitt des Flusses landen.
»Na gut«, sagt Marcus, »dann tun wir es doch!«
Dave zuckt die Achseln. Er wechselt am Funkgerät auf Kanal 257, den lokalen Kanal, und meldet, dass er eine ungeplante Landung auf dem Fluss durchführen wird. »Sie sind verrückt«, sagt er zu Marcus, »aber es ist Ihr Geld!«
Marcus spürt, dass das Flugzeug nach links abdreht, als Vorbereitung auf den Landeanflug. Der Fluss ist frei von Schiffsverkehr, also kann Dave schon beim ersten Anflug aufsetzen. Die Kufen des Wasserflugzeugs gleiten ruhig über das tiefe, braune Wasser, als ob es Eis wäre. Sobald Dave abbremst, dringt die tropische Hitze und Schwüle des Regenwaldes in die Kabine des Flugzeuges ein und Dave und Marcus öffnen die Fenster. Dave ruft den anderen zu, dass er das Flugzeug so nahe wie möglich an einen schmalen Landungssteg heranbringen wird. Es sind nur vier Holzpfosten, auf denen ein paar Bretter quer gelegt sind.
Während Dave an Land geht, um die Bewohner des Anwesens zu fragen, ob man den Steg benutzen darf, um an Land zu gehen, überlegen sich die anderen einen Plan. Maria meint, sie sollten so schnell wie möglich zu Mandi vordringen – aus der Luft hätte sie gesehen, dass Mandi nur noch stolpernd vorwärts kommt. Es hatte ausgesehen, als ob das Ziel der Gruppe der Fluss wäre. Aber bei ihrem Tempo würden sie die nächstgelegene Stelle des Flusses nicht vor einer Stunde erreichen. Wenn es tatsächlich der Fluss wäre, wohin sie gelangen wollen.
26 Siehe XPERTEN: Der Paradoppelgänger.
»Wir müssen Mandi und Elly da so schnell wie möglich herausholen«, sagt Marcus. »Aber gleichzeitig müssen wir unsere Parafähigkeiten verbergen. Wir brauchen nicht noch mehr Aufmerksamkeit, als wir sowieso schon bekommen.«
Marcus macht eine Kopfbewegung in Richtung eines kleinen, strohgedeckten Hauses nahe am Flussufer. Dave steht dort, zusammen mit einer kleinen Gruppe: eine Frau, ein Mann und drei Kinder. Sie sehen in ihre Richtung und Dave deutet auf das Flugzeug.
Marcus fährt fort, jetzt hastiger sprechend: »Maria, kannst du mit deiner Parasicht erkennen, ob hier die beste Stelle ist, um in den Wald vorzudringen? Oder können wir Mandi noch näher kommen, wenn wir ein wenig stromaufwärts fahren? Barry, wenn wir optimal positioniert sind, kannst du Para-Barry einfach dorthin projizieren. Wegen des dichten Waldes brauche ich vielleicht einige Minuten, um bis dorthin zu gelangen. Normalerweise kann ich meine subjektive Geschwindigkeit so stark erhöhen und mit meinen telekinetischen Fähigkeiten ca. 150 km/h schnell laufen und gleichzeitig Maria tragen. Aber in dem dichten Wald geht das wahrscheinlich nicht so schnell – ihr müsst sie hinhalten. Wir werden über den Fluss zurückkommen müssen, weil wir dann Mandi und Elly dabeihaben werden. Und ich will Mandi kein ‚Vergessenspulver‘26 geben müssen – sie soll sich ganz klar an alles erinnern können, was geschieht …«
Als Dave wieder zum Fluss kommt, ruft Marcus ihm zu: »Dave, eine Frage noch. Haben sie ein Boot, das wir uns ausleihen können, um flussaufwärts zu fahren? Wir brauchen es nicht lange.«
Dave geht weiter Richtung Flugzeug und ruft vom Ufer: »Nein, sie haben kein Boot und sie wollen auch nicht, dass wir an Land kommen. Anscheinend ist vor ein paar Tagen Polizei hier gewesen und hat ihr Haus durchsucht. Die zwei Polizisten haben mit ihren Gewehren herumgeballert und die Frau ordentlich erschreckt. Sie will keine Probleme und bittet uns zu verschwinden.«
»Haben Sie ihnen unsere Situation erklärt?«, fragt Marcus. »Wir müssen unsere Freunde finden – sie sind wahrscheinlich in Schwierigkeiten.«
»Tut mir Leid«, sagt Dave. »Aber wir können mit dem Flugzeug stromaufwärts fahren und versuchen, ein Boot zu finden. Hier sind wir jedenfalls nicht willkommen.«
In dem Moment, als Dave auf die Bretter des Stegs tritt, heult der Motor seines Flugzeugs auf. Dave schreit empört auf, aber es ist zu spät. Maria hat mit ihrer Parasicht gesehen, dass sie weiter flussaufwärts müssen, um der gesuchten Gruppe näher zu kommen. Marcus hat seine Individualzeit beschleunigt und in wenigen Sekunden auf dem Pilotensitz Platz genommen. Er manövriert das Flugzeug auf etwas wirrem Kurs stromaufwärts. »Tut mir Leid, Dave«, ruft er, ohne dass es Dave noch hören konnte, »wir kommen zurück, sobald wir alles erledigt haben!«
Mit Maria als Navigatorin fährt Marcus den
Fluss hinauf. Sie behält mit ihrer Parasicht die Position der
Gruppe im Auge. Anscheinend machen sie Pause, wahrscheinlich um zu
Mittag zu essen. Mandi isst nur wenig, sie lehnt an einem Baum.
Elly ist nahe neben ihr ebenso an einen Baum gelehnt und isst eine
kleine Portion Reis. Die Polizisten sind mit dem Essen fertig,
rauchen und trinken Wasser aus Plastikflaschen. Die Dayak-Männer
gehen in geringer Entfernung vom Rest der Gruppe langsam auf und ab
– offenbar haben sie die Wache übernommen. Maria sieht auch ein
Kind, das sich hinter einem Baumstamm versteckt und die Gruppe aus
der Entfernung beobachtet. Er trägt etwas bei sich – es sieht aus
wie Mandis Rucksack!
Auf ihrer Fahrt begegnen sie keinen anderen Booten und sie sehen auch keine Anlagestege. Stellenweise ist der Flussverlauf eng, aber dank Marcus, der mit seinen Pseudohänden Büsche und Baume beiseite schiebt, können sie auch diese Stellen passieren.
»Maria, nach dem, was du siehst, aus welcher Richtung sollen wir angreifen – von vorne, von hinten oder von der Seite?«, fragt Marcus.
Maria starrt in den Dschungel und überlegt scharf. »Ich denke, das Beste ist, wenn Para-Barry plötzlich aus dem Nichts vor den Dayak auftaucht. Nach dem, was Mandi auf Great Barrier Island über die Dayak erzählt hat, sind sie abergläubisch und fürchten sich vor Geistern. Wenn wir sie dazu bringen zu glauben, dass Para-Barry ein Geist ist, werden sie hoffentlich davonrennen. Wenn sie weg sind, müssen wir nur noch mit den Polizisten fertig werden. Marcus, du kannst sie leicht mit deinen Pseudohänden überwältigen und es gibt genug Lianen, mit denen du sie fesseln kannst. Das Einzige, was mich verwirrt, ist das Kind hinter ihnen. Es hat Mandis Rucksack. Könnte es Eko sein? Mandi hat Ellys Sohn erwähnt, Eko. Er sieht auch nicht gut aus …«
Ohne weitere Diskussion lassen Maria und Marcus Barry im Flugzeug allein. Nach kurzer Zeit fällt er in einen tiefen Schlaf. Urplötzlich steht Para-Barry hinter einem Dayak-Mann, direkt vor der Gruppe. Er räuspert sich und der Dayak wirbelt herum, mit gezogenem Kris.
Para-Barry regt sich nicht. Er weiß, dass sein wirkliches Ich – Barry – durch das Schwert nicht getötet, ja nicht einmal verletzt werden kann, denn Para-Barry ist ja nur eine Projektion. Ja, die Paraprojektion selbst kann ernsthaft verletzt werden, aber er – Barry – nicht. Trotz dieses Wissens erschaudert Para-Barry beim Anblick des wilden Gesichtsaudrucks des Dayak und der tödlichen Raffinesse, mit der er seine Waffe schwingt. Der Dayak lässt einen schrillen, rollenden Ton tief aus seiner Kehle erklingen. Der zweite kommt nun ebenso mit gezücktem Kris angelaufen.
»Wo ist nur Marcus?«, denkt Para-Barry erstarrt. »Sie sollten jede Sekunde hier sein. Das läuft nicht wie geplant – sie laufen nicht davon und die Polizisten sind jetzt auch aufgeschreckt. Sie kommen mit ihren Gewehren daher!«
Plötzlich spüren die Polizisten und die Dayak, wie ihnen ihre Waffen grob entrissen werden. Die Gewehre und Schwerter schweben mitten durch die Luft, nur ein wenig außerhalb ihrer Reichweite. Gleichzeitig schüttelt Marcus mit seinen Pseudohänden die Kronen der Riesenbäume über ihnen. Blätter und kleine Zweige fallen rund um die Männer zu Boden – Vögel machen sich kreischend davon. Affen ergreifen panisch schreiend die Flucht. Überall wird im Tumult Staub aufgewirbelt. Inzwischen hat Maria Elly und Mandi von den Knebeln befreit und sie zu einem allein stehenden, großen Baum gebracht. Sie lenkt sie ab, sodass sie von der Aktion nichts mitbekommen.
Die zwei Dayak
sehen um sich und dann wieder zurück auf Para-Barry, der jetzt
langsam auf sie zugeht und im Näherkommen seine Arme hebt. Die
Männer weichen etwas zurück, drehen sich dann um und rennen davon,
wobei sie noch die Polizisten umstoßen. Als diese sich aufrappeln,
sehen sie Para-Barry, der sich schreiend auf sie stürzt. Was die
Polizisten nicht sehen, ist, dass sich hinter Para-Barry Marcus
verborgen hält, der sie nun in seiner rasant beschleunigten
subjektiven Zeit mit den Pseudohänden fesselt und ihnen die Augen
verbindet.
Nachdem Maria Mandi und Elly vom unmittelbaren Ort des Geschehens weggebracht hat, gibt sie ihnen als Erstes Wasser zu trinken. Mandi scheint einer Ohnmacht nahe und Elly geht es nicht viel besser. Maria flößt ihnen vorsichtig kleine Mengen Wasser ein. Dann tränkt sie die Knebel in Wasser und legt ihnen die feuchten, kühlen Tücher auf Stirn und Augen.
Marcus und Para-Barry gehen an den gefesselten Polizisten vorbei zu Maria. In diesem Moment sehen sie den kleinen, schmächtigen Buben, der sie aus der Entfernung beobachtet. Es sieht aus, als würde er gleich davonlaufen, deshalb bleiben sie stehen, um ihn nicht weiter zu ängstigen. Maria blickt auf und sieht, dass Marcus auf etwas hinter ihr starrt. Sie dreht sich um und sieht Eko – höchstwahrscheinlich ist er es. Sie streckt ihm ihre Hand entgegen und verharrt reglos in dieser Pose – einige Minuten lang. Dann endlich bewegt er sich auf sie zu.
Eko geht an
Maria vorbei zu Elly, setzt sich neben sie und schmiegt sich eng an
ihren Arm. Dann nimmt er das Tuch von Ellys Gesicht, um ihre Augen
zu sehen. Sein stechender Blick geht zurück zu Maria. Sie kann die
Knochen seines kleinen Brustkorbes durch sein abgetragenes T-Shirt
sehen. Im Gesicht, an Nacken, Armen und Beinen hat er zahlreiche
Kratzer und Bisse, seine Stirn ist tief zerfurcht. Er greift nach
einer Wasserflasche und nimmt gierig ein paar große
Schlucke.
»Langsam, langsam«, sagt Maria sanft.
Elly beobachtet die Szene, wobei Eko schwach ihren rechten Arm an sich drückt. Eko kommt ihr ganz nahe und sieht sie ängstlich an. Er riecht ihren Atem und sieht sie noch einmal an. Dann nimmt er die Wasserflasche und schüttet ihr etwas Wasser in den Mund. Darauf wiederholt er bei Mandi das ganze Ritual, allerdings mit etwas mehr Abstand. Er sieht sie an, riecht ihren Atem und gießt ihr Wasser in den Mund.
Marcus und Para-Barry denken, es sei jetzt kein Problem, sich Maria und den Frauen zu nähern. Aber sofort springt Eko auf und rennt in den Dschungel. Nur Sekunden später ist er nicht mehr zu sehen oder zu hören.
27 Siehe XPERTEN: Der Telekinet.
»Maria, wo ist er hin?«, ruft Marcus. Maria fokussiert ihren Parablick. Sie sieht den Buben behände durch den Wald laufen, immer wieder springend und Hindernissen ausweichend. Er scheint irgendein Ziel zu haben – es ist mehr als ein simples Davonlaufen. Nach einigen Minuten erreicht er einen großen, verrottenden Baumstamm. Er greift in die Höhlung und zieht Mandis Rucksack hervor.
»Er hat Mandis Rucksack!«, ruft Maria. »Er läuft mit ihm in unsere Richtung!«
Plötzlich treten die beiden Dayak aus Verstecken hinter den Bäumen hervor und schnappen den Rucksack, wobei sie Eko zu Fall bringen. Eko versucht aufzustehen und greift wieder nach dem Rucksack. Aber als die Männer in scharfem Ton auf ihn einreden, ist er wie erstarrt und sieht zurück in die Richtung von Elly und Maria.
»Barry, Marcus, schnell!«, ruft Maria. »Sie haben Mandis Rucksack!« Maria bleibt keine Zeit zu erklären, wo das Kind ist, also umarmen sich Marcus und Maria mit festem Griff. Wenn sie das tun, kann Maria die Fähigkeit ihrer Parasicht auf Marcus übertragen. Marcus schließt die Augen – die Welt beginnt sich zu drehen. Er hält Maria noch fester – er fühlt sich, als würde er fallen und fallen …
Als er seine Augen öffnet, verfügt auch er über Marias Parasicht27. Er streckt seine Pseudohände aus und ergreift den Rucksack. Danach rüttelt er wieder an den Bäumen, die um die Dayak herum stehen. Wieder ergibt das ein Chaos von kreischenden Tieren und herabwirbelnden Blättern und Zweigen. Ein größerer Ast hätte Eko getroffen, wenn Marcus’ Pseudohände nicht einen Schutzschirm um ihn geformt hätten. Eine andere Pseudohand gibt Eko den Rucksack zurück und versetzt ihm einen sanften Stups. Eko braucht keinen zweiten Anstoß, er rennt schon durch den Dschungel, den Rucksack fest gegen seinen Brustkorb gepresst.
Bei der Gruppe angekommen, legt er ihn in Mandis Schoß und schließt ihre Hände darüber. Elly sagt etwas zu ihm und er schmiegt sich wieder an sie, unter ihrem Arm Schutz suchend. Er deutet auf den Rucksack und beginnt heftig herumzufuchteln und zu erzählen. Elly legt ihm beruhigend ihre Hand auf die Wange.
Mandi öffnet
langsam den Zipp ihres Rucksacks. Er ist voll mit zerknülltem
Papier. Sie glättet ein Stück davon – es sind die Daten, die Elly
aus der Fabriksanlage im Dschungel gestohlen hat. Sie hat sie vor
Tagen in dem Baum bei dem strohgedecktem Haus versteckt! Mandi
traut ihren Augen nicht. Sie hat nicht mehr damit gerechnet, diese
wertvollen Unterlagen je wieder zu Gesicht zu bekommen, genauso,
wie sie ihren e-Helper abgeschrieben hat, ihre handgeschriebenen
Notizen und alles andere im Rucksack. Als sie ihn zuletzt gesehen
hat, war er im Begriff, in den braunen Fluten des Flusses zu
versinken.
»Wie …?«, fragt Mandi verwirrt. Sie sieht Eko an.
»Eko, du bist erstaunlich«, sagt sie und streckt ihm ihre Hand entgegen. Eko bleibt weiter in der sicheren Umarmung Ellys, aber er legt scheu seine kleine braune Hand in die Mandis.
»Kommt!«, fordert sie Marcus auf. »Gehen wir zurück zum Fluss und bringen wir Dave sein Flugzeug zurück. Ich weiß nicht, wie lange wir noch mit seinem ‚Verständnis‘ rechnen können!«
Obwohl sie nur einen etwa 50-Minuten-Marsch vom Fluss entfernt sind, will Marcus so schnell wie möglich zurückkehren. Barry kann seine Paraprojektion beenden und im Bruchteil einer Sekunde wieder am Boot sein. Für den Rest der Gruppe ist das allerdings nicht ganz so einfach.
»Wir werden zwei einfache Tragen machen – eine für Mandi und eine für Elly und Eko«, sagt Marcus und blickt Maria und Para-Barry an. »Dann legen wir euch ein feuchtes Tuch über Stirn und Augen und bringen euch zurück zum Flugzeug. Jeden Moment wird hier Unterstützung für uns eintreffen und uns beim Tragen helfen.«
Marcus
beschleunigt seine subjektive Zeit und fertigt schnell zwei simple
Tragen. Mandi legt sich auf eine der Tragen und Maria legt ihr ein
feuchtes Tuch über die Augen. Marcus und Barry tragen sie gerade so
weit, dass sie für die anderen nicht mehr sichtbar sind. Para-Barry
wartet, während Marcus mit seinen Pseudohänden Mandi in
Hypergeschwindigkeit zum Fluss nahe beim Flugzeug bringt. Ebenso
schnell kehrt er zurück und transportiert Elly und Eko auf gleiche
Weise. Dann beendet Para-Barry seine Projektion und ist damit
schlagartig wieder am Flugzeug. Marcus geht zurück zu
Maria.
Barry öffnet die Augen und findet sich im Flugzeug. Während Para-Barrys Erlebnis im Dschungel war er in einer tiefen Trance versunken. Nun ist er schweißgebadet – seine Kleidung ist total durchnässt –, denn im Inneren der Flugzeugkabine ist es inzwischen gefährlich heiß und stickig geworden. Zum Glück befand sich das Flugzeug im Schatten, wer weiß, wie die Sache sonst ausgegangen wäre.
Barry öffnet die Fenster und Türen, um Frischluft hereinzulassen. Er ist froh, dass er die Paraprojektion noch rechtzeitig beendet hat. Er fragt sich, was passieren würde, wenn sein echtes Ich stirbt – zum Beispiel an Überhitzung oder Austrocknung – während einer Paraprojektion? Ob Klaus bei seinen früheren Arbeiten mit Parapersonen je eine Antwort auf diese Frage bekommen hat …?
Als Marcus bei
Maria ankommt, fragt er sie: »Wo sind eigentlich unsere
Dayak-Freunde? Haben sie uns komplett im Stich
gelassen?«
Maria starrt in die Ferne: »Nein, sie sind noch da, aber es sieht so aus, als wären sie ziemlich verunsichert. Sie wissen nicht, was sie tun sollen … Moment! Sie sehen in unsere Richtung … und sie gehen in diese Richtung!«
Leise laufen Marcus und Maria von den gefesselten Polizisten weg, aber gleichzeitig behalten sie den Ort mittels Marias Parasicht im Auge.
»Sind sie schon bei den Polizisten?«, fragt Marcus.
»Fast …«, gibt Maria zur Antwort. »Sie laufen hin – nein, sie laufen zu ihren Schwertern. Jetzt sind sie bei den Polizisten, mit erhobenen Schwertern …«
»Komm, Maria«, sagt Marcus beruhigend. »Die müssen das unter sich ausmachen – gehen wir.«
Maria spürt, wie sie sanft von Marcus’ Pseudohänden hochgehoben wird. Sie schließt die Augen und nickt. Marcus trägt sie mit Hypergeschwindigkeit, sodass die vorbeirasenden Bäume zu einem fleckigen Schleier verschwimmen – Maria wird ganz benommen davon und presst ihre Augen fest zusammen. Aber schon nach wenigen Sekunden ist das Spektakel beendet und sie hat wieder festen Boden unter den Füßen. Maria öffnet die Augen – sie steht am Flussufer. Vom Flugzeug winkt Barry herüber.
Maria und Marcus sehen nach den Tragbahren, auf denen Mandi und Elly friedlich ruhen. Beide haben die Augen geschlossen, nur Eko sitzt mit weit aufgerissenen Augen da. Marcus und Maria sehen sich fragend an – hat Eko die ganze Szene mitbekommen und sie bei ihren Paraaktionen beobachtet? Wird er Elly erzählen, wie er durch den Dschungel geflogen ist? Wird er ihre Parafähigkeiten aufdecken? Marcus hat Vergessenspulver bei sich, aber können sie es einem Kind verabreichen?
Als sie Eko wieder ansehen, zeigt dieser ein breites Grinsen! Sie haben bisher nicht eine Spur von Lächeln an ihm gesehen, nicht einmal bei seinem Wiedersehen mit Elly. Offensichtlich hat ihm der magische Ritt auf dem fliegenden Teppich ordentlich Spaß gemacht!
Maria lächelt Marcus zu und sagt: »Ich denke, er ist kein Problem. Falls er Elly etwas sagt, wird sie glauben, es ist nur die rege Fantasie eines kleinen Buben!«
Sobald sie wieder an Bord des Flugzeuges sind, startet Marcus den Motor und steuert es flussabwärts dorthin zurück, wo sie Dave zurückgelassen haben.
Zu behaupten, Dave wäre wütend über das plötzliche Verschwinden seines Flugzeuges, wäre eine krasse Untertreibung! Marcus kann durch den Motorenlärm sein Schreien nicht hören, aber er sieht seine eindeutigen Mundbewegungen und sein wildes Gestikulieren, als sie sich dem Anlegesteg nähern. Maria deutet auf die Kinder, die aus den Fensteröffnungen des Hauses herauslugen. Andere verstecken sich hinter Pflanzen am Rand der Lichtung, die das Haus umgibt.
»Raus! Raus mit euch allen«, schreit Dave, vorsichtig auf der Brettern balancierend.
Marcus positioniert das Flugzeug mit Bedacht. Den Motor hat er abgestellt, sodass er mit Dave sprechen kann, aber das Flugzeug ist gerade weit genug vom Steg entfernt, um zu verhindern, dass Dave an Bord springen kann. In seiner Wut wundert sich Dave nicht darüber, dass das Flugzeug bewegungslos im Wasser liegt, obwohl der Motor abgeschaltet ist. Es wird nur deshalb von der Strömung nicht abgetrieben, weil Marcus es mit seinen Pseudohänden festhält.
»Dave, seien Sie vernünftig! Wir haben drei Leute an Bord, die sofort einen Arzt brauchen«, sagt Marcus.
Dave lehnt sich nach vor, um besser in die voll besetzte Kabine sehen zu können. »Wie zum … wo haben Sie die aufgegabelt?«, fragt er verdutzt.
»Das sind unsere Freunde, die wir gesucht haben«, erklärt Marcus. »Maria dachte, sie habe etwas gesehen, aber sie war sich nicht sicher. Als wir den Fluss rauffuhren, waren sie schon ganz nahe am Ufer. Sehen Sie sie an, Dave – wir müssen zu einem Arzt – schnell.«
Dave überlegt. »Na gut – wir können entweder nach Kota Baru oder nach Palankaraya. Wir sind hier von beiden Orten etwa gleich weit entfernt.«
»Fliegen wir nach Kota Baru und entscheiden dort weiter«, sagt Marcus. »Können wir irgendwie mehr Platz im Flugzeug schaffen? Wir sind überladen.«
»Wie viele seid ihr denn? Ich dachte, Sie hätten gesagt, es wären zwei Freunde, nicht drei«, sagt Dave.
»Wir sind sechs – na ja, fünfeinhalb. Wir haben noch ein Kind mitgenommen – wir wussten nicht, dass unsere Freunde es dabei haben«, sagt Marcus.
Dave schüttelt mit Entschiedenheit den Kopf: »Das können wir nicht machen – wir sind zu viele! Ich habe nur vier Sitzgurte und …«
Elly zeigt auf Mandi und sagt: »Anda pergi Kota Baru.« Dann, auf sich selbst und auf Eko deutend: »Kami pulang – Palankaraya.« Sie zeigt auf das schilfgedeckte Haus. »Tunggu di sini. Anda pergi.«
Mandi übersetzt: »Elly sagt, sie wird mit Eko hier warten. Wir sollen nach Kota Baru fliegen. Dann wird sie mit Eko nach Palankaraya gehen – in ihre Heimat.«
Und zu Elly gewandt fährt Mandi fort: »Saya kembali. Ich komme zurück, Elly!« Sie hebt ihren Rucksack hoch und tätschelt ein Fach, das durch einen Zipp verschlossen ist. »Wir müssen jetzt erst ihre Daten entschlüsseln, aber dann komme ich zurück mit einem Plan, wie wir diese Bastarde auffliegen lassen. Wir werden schon sehen! Saya kembali!«
Marcus korrigiert: »Sag ihr, wir kommen zurück!«