5. Das kleinere Übel
Während er das Licht in seinem Oval Office abdreht, geht dem US-Präsidenten noch das Gespräch mit dem australischen Premierminister durch den Kopf. Der erst kürzlich zum Landesführer Gewählte hat nach seinen Beziehungen zur Kooperative gefragt.
Der Präsident glaubt, dass er in seinen Aussagen vage genug war. Sollte es jemals zu einer Untersuchung in dieser Angelegenheit kommen, so würde ihm niemand ein bewusstes Fehlverhalten nachweisen können. Und die Kooperative ist ebenfalls ungreifbar genug, um jeder Kontrolle standhalten zu können. Er hat mitbekommen, wie sie arbeitet, bevor er auch nur daran gedacht hatte, für die Präsidentschaft zu kandidieren.
Er will die Gedanken an die Kooperative abschütteln. Er weiß nur zu gut – und immer wieder erinnern sie ihn sehr deutlich daran –, dass er es ihnen zu verdanken hat, dass er Präsident ist. In beiden Wahlkämpfen hat er mit ihnen zusammengearbeitet in der Hoffnung, sie würden nach der Wahl in Bedeutungslosigkeit versinken. Leider passierte genau das Gegenteil. Vor kurzem ist Max, der Führer der Kooperative, sogar noch dreister geworden. Immer mehr Entscheidungen fällt er eigenmächtig über die Köpfe seiner Partner hinweg, die eine etwas gemäßigtere Ansicht über das »Geschäft« haben. Max erinnert den Präsidenten regelmäßig an den Anteil, den er an seiner Wiederwahl hatte, aber auch an die Aktionen der Präsidententochter vor zehn Jahren. Um ein Haar hätte er deswegen 2008 die Wahl verloren.
19. Dezember 2013
Südkalimantan, Indonesien, Borneo
Es dauert noch eine Weile, bevor Mandi und Asep sich in Richtung der Mine aufmachen können. Erst muss das Fahrzeug mit dem ausgebrannten Motor zum Straßenrand geschoben werden, bevor sie mit einem Ersatzwagen losfahren können. Mandis wachsende Nervosität ist offensichtlich; sie geht im Kreis und kickt Steinchen auf der Straße. Was, wenn die Leute im Lager herausfinden, dass sie und Elly es waren, die in der Anlage eingebrochen haben? Ist sie in Gefahr? Sind Elly und Eko in Gefahr? Sie müssen fort von hier!
Als die Fahrt schließlich losgeht, ist Mandi erleichtert. Mit jedem Kilometer, den sie hinter sich bringen, fühlt sie sich besser. Wäre sie weniger darauf fixiert, nur so schnell wie möglich wegzukommen, sie würde die Seitenblicke bemerken, die Asep auf sie wirft. Er muss dringend mit ihr sprechen! Sie wäre besser auf das vorbereitet, was vor ihr liegt. Doch so wird sie vollkommen von den Ereignissen überrumpelt, als sie das Bergwerkslager erreichen.
Als Asep in das Gelände einfährt, erblickt Mandi Terry, den Manager von Senaggin, ihre wichtigste Kontaktperson, der aus dem Bürogebäude kommt. Dicht hinter ihm folgen vier indonesische Männer. Einer von ihnen redet lebhaft auf Terry ein und zeigt auf ihr Fahrzeug. Terry lässt sie an der Eingangstreppe zurück und kommt winkend auf sie zu. Mandi lässt das Fenster herunter.
»Mandi, ich bin froh, dass Sie zurück sind! Ich hab mir was anhören müssen! Sie haben nicht zufällig heute Mittag irgendwo einen ‚Besuch‘ gemacht, oder? Diese Leute behaupten, Sie hätten wo eingebrochen …«
»Terry, ich …« Mandi versucht eine Erklärung, aber Terry schneidet ihr das Wort ab.
»Scheiße!« Terrys Gesicht wird knallrot. »Was immer Ihre Erklärung dafür ist, es sollte eine gute sein! Da werde ich eine Menge schmieren müssen. Am besten, Sie gehen in Ihr Zimmer und packen Ihre Sachen. Wenn Sie fertig sind, kommen Sie ins Büro!« Wütend stampft er davon.
Asep fährt langsam los, Richtung Aufenthaltsgebäude. Der Mann, der zuvor mit Terry gesprochen hat, stellt sich dem Fahrzeug in den Weg. Terry wechselt ein paar Worte mit dem Mann, bevor sie beide näher kommen.
»Mandi, geben
Sie mir Ihren Rucksack«, sagt Terry. »Sie wollen einen Blick darauf
werfen. Eine Bedingung dafür, dass sie Sie nicht sofort mitnehmen – was Sie nicht wollen, glauben Sie mir –, ist, dass sie
zurückbekommen, was immer Sie mitgehen haben
lassen.«
Mandi drückt ihren Rucksack fest an sich. Sie haben kein Recht ihn zu durchsuchen. Sie denkt angestrengt nach, was am Vormittag geschehen ist. Sie selbst hat nichts aus der Anlage in den Rucksack getan, aber könnte Elly oder Eko unbemerkt irgendetwas hineingesteckt haben? Sie hat nicht nachgesehen …
Sie öffnet die Wagentür, den Rucksack immer noch fest an die Brust gedrückt. Sie weiß, es ist nur ein Strohhalm, an den sie sich klammert, aber sie muss Zeit gewinnen, um nachzudenken. Gut, sie hat eingebrochen, zugegeben. Aber geht da nicht vielleicht irgendetwas Illegales vor im Dschungel?
»Ich werde ihnen meinen Rucksack nicht geben. Sie sind diejenigen, die einige Fragen zu beantworten haben. Es gibt da eine Fabrikanlage, wo ein gefälschtes Produkt hergestellt wird. Sie produzieren e-Helper und die werden offiziell nur exklusiv in Australien hergestellt. Sie brechen das Patentrecht«, behauptet Mandi. Sie kann nur hoffen, dass sie überzeugend ist.
Sie ist sicher, dass die Firma, die das Patent an den e-Helpern hält, entweder in Neuseeland oder in Australien angesiedelt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Land stimmt, ist also 50 zu 50. Sie blufft auch, was die Exklusivität der Produktionsrechte betrifft. Sie erinnert sich nur daran gelesen zu haben, dass die Firma die Produktion nicht aus der Hand geben würde, denn diese ungewöhnliche Entscheidung fand Mandi bemerkenswert. Die meisten Unternehmen betreiben intensives Outsourcing, um von Standorten mit niedrigen Lohnkosten zu profitieren. Die Mutterfirma könnte also inzwischen doch beschlossen haben, die Produktion aus Kostengründen nach Indonesien zu verlegen. Eine abgelegene Produktionsstätte mitten im Dschungel ist allerdings schon wieder eher unwahrscheinlich.
»Sie werden des Einbruchs beschuldigt und des Diebstahls verdächtigt«, sagt Terry gepresst zu Mandi. »Glauben Sie mir, Sie wollen nicht eine Nacht in einem indonesischen Gefängnis verbringen.«
Mandis Strategie – die Männer hinzuhalten und sie gleichzeitig in die Verteidigung zu drängen – ist nicht gut durchdacht. Sie will wissen, was in der Anlage vor sich geht, aber sie hat den Einbruch begangen, das lässt sich nicht leugnen. Zögernd gibt sie Terry den Rucksack.
»Ich will, dass der Rucksack hier vor meinen Augen geöffnet wird«, fordert sie. Ihr Gesichtsausdruck wirkt gefasst, aber ihr Herz rast. Sie erinnert sich, in Ellys Hütte kurz eingenickt zu sein. Bei dieser Gelegenheit könnten sie etwas in den Rucksack gesteckt haben …
Terry öffnet den Reißverschluss des Hauptfachs, in dem die Wasserflaschen, Projektunterlagen und ein Notepad sind. Der Indonesier sieht argwöhnisch zu. Er lehnt es ab mit Mandi zu sprechen und spricht nur mit Terry. Er zeigt auf einen Ordner, aber Terry schüttelt den Kopf und blättert die Seiten durch, um zu demonstrieren, dass es sich nur um Unterlagen der Senaggin-Mine handelt.
»Ist das alles, nur das Hauptfach?«, fragt Terry.
Mandi nickt, aber da nimmt der Indonesier Terry den Rucksack weg. Mandi schnappt ihn sich ebenso schnell zurück und gibt ihn Terry wieder.
»Die anderen Abteile sind klein, aber nur zu, Terry: Öffnen Sie die Reißverschlüsse!«
Terry öffnet
ein weiteres Fach und findet Mandis zerrissene
Bluse.
»Verdammt, Mandi! Hätten Sie nicht wenigstens die Beweisstücke verschwinden lassen können? Alles wie auf dem Präsentierteller! Er hätte die Filmaufnahme gar nicht mitbringen müssen«, schnaubt Terry.
»Welche Filmaufnahme?«, fragt Mandi überrascht.
»Anscheinend haben sie Kameras überall auf dem Gelände. Er hat Aufnahmen von Ihnen und einer indonesischen Frau«, sagt Terry.
Jetzt ist das Entsetzen auf Mandis Seite. »Terry, was werden sie mit Elly machen? Sie können sie nicht einsperren – sie hat einen Sohn, um den sie sich kümmern muss – sie …«
»Mandi, ich weiß nicht, was sie mit der indonesischen Frau gemacht haben. Und, offen gesagt, ist das nicht mein Problem. Alles, was mir im Moment Sorgen macht, ist, Sie heil aus Indonesien rauszubringen. Ich weiß nicht, was da draußen im Dschungel ist, aber was immer es auch ist, sie wollen definitiv nicht, dass Sie irgendetwas davon mitnehmen«, fährt Terry sie barsch an.
Gerade als
Terry den Rucksack wieder zumachen will, packt ihn der Indonesier
erneut und zieht Mandis e-Helper hervor. Mandi versucht ihn
wiederzubekommen, aber der Mann ist zu schnell. Er wirft einen
schnellen Blick auf das Gerät, dreht es um und untersucht kurz die
Rückseite. Rasch gibt er den e-Helper an Terry
zurück.
Die Untersuchung geht weiter. Der Indonesier lässt seinen bohrenden Blick an Mandi entlang auf und ab gleiten. Zwei andere Männer beäugen sie von hinten. Mandis Kleidung liegt recht eng an ihrem Körper an, besonders das von Elly geborgte T-Shirt. Es ist also klar zu sehen, dass sie nichts unter ihrem T-Shirt oder in den Hosentaschen der Jeans verborgen hat.
»Sind wir endlich fertig?«, fragt Terry ungeduldig. Er wendet sich den Männern zu und führt sie zurück zum Büro.
Asep führt Mandi zum Schlafquartier. Sie ist froh, endlich ihre Wanderschuhe ausziehen zu können. Die beiden e-Helper, die Elly aus der Fabrik geschmuggelt hat, sind dort bestens versteckt. Allerdings drücken sie so fest gegen Mandis Knöchel, dass sie dort schon eine Reihe schmerzhafter blauer Flecken hat. Mandi nimmt noch zwei Aspirin, duscht und packt ihre Sachen zusammen. Dann geht sie mit ihren Taschen zu Terrys Büro. Die anderen Männer sind gegangen und Terry sitzt an seinem Schreibtisch, den Kopf auf die Hände gestützt.
»Mandi, was zum Teufel war da überhaupt los?«, fragt er matt.
Mandi schließt die Bürotür und erzählt Terry dann, was sie in den letzten 24 Stunden erlebt hat, so kurz und klar, wie es ihr möglich ist. Wenn sie sich so sprechen hört, muss sie zugeben, dass sich ihre Geschichte etwas weit hergeholt anhört. Aber irgendetwas läuft da, genau hier in der Senaggin-Mine.
»Mandi, wenn
Sie all die illegalen Aktivitäten hier kennen würden, gleich hier
draußen vor der Tür – illegaler Bergbau, illegale Holzwirtschaft,
Prostitution, Tierhandel und so weiter –, Sie wären schockiert. Und
wenn Sie versuchen würden etwas dagegen zu tun, würden Sie nicht
nur scheitern, Sie würden überhaupt nichts mehr weiterbringen. Sie
müssten glücklich sein, wenn Sie nicht gelyncht würden. Die Leute
hier leben von diesen illegalen Geschäften. Sie sind darauf
angewiesen, um ihre Familien durchzubringen. Die Situation hat sich
in den letzten zehn Jahren etwas gebessert, aber sie ist immer noch
Realität. Zur e-Helper-Produktion kann ich nichts sagen, außer,
dass die Dinge manchmal nicht das sind, als das sie erscheinen.«
Terry räuspert sich. »Lassen Sie es mich anders sagen: Dinge
sind selten
das, als was sie
erscheinen.«
Terry fährt fort: »Ich war nicht darauf vorbereitet – ich habe bisher nie mit solchen Dingen zu tun gehabt. Aber ich habe sie geschmiert, sodass Sie Zeit haben das Land zu verlassen. Gehen Sie für mindestens zwei Wochen weg. Nach Singapur oder sonstwohin. So laufen die Dinge hier. Ich rufe Sie in zwei Wochen von Australien aus an – ich habe Urlaub. Wir können dann gemeinsam wieder herkommen.«
Terry erhebt sich. »Wenn Tom nicht so beinhart darauf bestanden hätte, dass Sie die richtige Person für diesen Job sind, ich würde sie rausschmeißen … vielleicht tue ich das auch noch. Ich hab wirklich keine Ahnung, was da draußen los ist, und ich möchte, dass es dabei bleibt. Es gibt genug andere Probleme, um die ich mich kümmern muss. Offen gesagt, nach der Reaktion dieser Typen heute Nachmittag muss da draußen tatsächlich irgendeine größere Schweinerei vor sich gehen …«
Mandi nimmt das Nachtboot und den Flug zurück
nach Balikpapan in Ostkalimantan. Dort übernachtet sie und fliegt
am nächsten Tag nach Singapur weiter. Während des Flugs schläft
sie, immer noch erschöpft von der Dschungelwanderung. Und sie ist
immer noch geschockt von der abrupten Wegweisung von der
Senaggin-Mine.
Bei der Ankunft in Singapur versucht Mandi ihre Gedanken zu ordnen. Erst jetzt wird ihr klar, dass Elly den Hinterhalt der Männer im Bergwerkscamp offenbar vorausgesehen hat. Elly hat darauf bestanden, dass Mandi die e-Helper in ihren Stiefeln verstecken sollte. Mandis Protest hat sie entschieden zurückgewiesen. Elly hat auch verzweifelt versucht, Mandi irgendetwas mitzuteilen, aber Mandi konnte sie nicht verstehen. Mandi findet es sehr frustrierend in einem Land zu arbeiten, wo sie so wenig von der Sprache versteht. Es ist leicht ein paar Brocken Bahasa-Indonesisch aufzuschnappen und Mandi hat in ihrer kurzen Zeit in Kalimantan auch eine Menge Wörter gelernt. Aber offensichtlich nicht genug, um Ellys verzweifelte Mitteilungsversuche zu verstehen.
Die ersten beiden Tage in Singapur macht sich Mandi solche Sorgen um Elly, dass sie ihr Gesicht im Gesicht jeder dunkelhäutigen asiatischen Frau sieht – und davon gibt es viele!
Mandis Sorgen sind nicht unbegründet. Während Mandis Rucksack im Camp untersucht wurde, wurde Ellys Wohnstätte geplündert. Eine Gruppe von Männern aus der Anlage, bewaffnet mit Gewehren und Macheten, riss die so schön gewebte Hütte brutal nieder und schlitzte deren Blätterwände auf. Wären Elly und Eko drinnen gewesen, ihnen wäre ein ähnliches Schicksal widerfahren. Aber Elly hatte den Gegenschlag vorausgesehen und war mit Eko geflohen, gleich nachdem sie Mandi zur Transportstraße gebracht hatte. Sie würde mit Eko für mindestens einen Monat lang wegbleiben.
Nach diesen ersten beiden Tagen, in denen Mandi nur an Elly und Eko denkt und sich Vorwürfe macht, die Ereignisse im Bergwerkscamp nicht vorhergesehen zu haben, sind ihre Tage und Nächte mit hektischen Recherchen ausgefüllt. Wer hält das Patent an den e-Helpern? Welches australische oder neuseeländische Unternehmen produziert sie?
Was eine einfache Internetsuche sein hätte können, wird zu einer ausgedehnten Recherche. Schnell hat Mandi den Namen des Unternehmens ausfindig gemacht, das das Patent an den e-Helpern hält: Es ist eine Firma namens Salvage & Rescue Inc. (SR Inc.) in Neuseeland. Aber über diese Grunddaten hinaus ist weitere Information spärlich. Nicht einmal einen bestimmten Standort in Neuseeland kann Mandi finden.
Im Versuch, einen Kontakt zu SR Inc. aufzubauen, wird Mandi erfinderisch. Sie geht in Geschäfte und sieht sich die Broschüren an, die den neuen e-Helpern beigepackt sind. Die angegebene Telefonnummer wird zu einem Callcenter in Indien durchgeschaltet. Dort kann – oder will – man Mandi die Information nicht geben, nach der sie sucht. Sie steigt in Internet-Chatrooms und Mailinglisten ein, um zu sehen, ob sie an interne Unternehmenskontakte herankommen kann. Aber wieder ohne Erfolg, außer weiteren Callcenternummern. Schließlich gräbt Mandi in anmeldungspflichtigen Forschungsarchiven. Sie erinnert sich, eine wissenschaftliche Arbeit über e-Helper gelesen zu haben, als sie erstmals auf den Markt gekommen sind. Vielleicht kann sie die Person, die mit diesen Forschungen in Verbindung steht, an SR Inc. verweisen …
Der Zugang über die Forschung ist tatsächlich erfolgreich und Mandis Recherchen wenden sich zum Guten. Ein gewisser Klaus Baumgartner ist Koautor nicht nur einer Publikation, die mit e-Helpern zu tun hat, sondern gleich von mehreren. Nach Dutzenden von Ferngesprächen gelingt es Mandi, einen Klaus Baumgartner zu kontaktieren, von dem sie hofft, dass es ‚ihrer‘ ist. Sie hinterlässt auf seiner Sprachbox eine Nachricht, die hoffentlich interessant genug ist, um die Aufmerksamkeit der richtigen Person auf sich zu ziehen. Sie sagt, sie hätte vertrauliche Informationen über eine fragwürdige Produktionsstätte von e-Helpern, für die SR Inc. das Patent hält. Mandi blufft also wieder, denn sie ist nicht sicher, ob wirklich auf Neuseeland beschränkte, exklusive Produktionsrechte bestehen; sie konnte nichts dergleichen nachweisen. Nun folgt das lange Warten – wird Baumgartner zurückrufen?
Mandi sitzt vor der großen Buchhandlung Borders, nippt an ihrem Kaffee und wartet darauf, dass ihr e-Helper läutet. Sie lässt sich durch die helle Weihnachtsbeleuchtung und die Dekoration über der Orchard Road ablenken. Auf der anderen Straßenseite steht ein monumentaler Christbaum mit fußballgroßen blauen Glaskugeln. Durch die Straße schwirrt das Getratsche und Lachen der drängenden Menschenmassen. Mandi beobachtet die vorbeiziehenden Menschen – die Vielfalt der Kulturen in Singapur ist faszinierend und unterhaltend zugleich. Das Spektrum reicht bei den Frauen von vollkommen verschleierten Musliminnen bis zu asiatischen Mädchen in knapper modischer Kleidung.
Da klingelt Mandis e-Helper und zeigt die Nummer eines neuseeländischen Anrufers. Sie kann nicht die gesamte Nummer sehen, weil ihre Anzeige blockiert ist. Sie weiß also nicht, ob es eine der Nummern ist, die sie früher gewählt hat, aber es ist auf jeden Fall der Landescode von Neuseeland. Ein Mann namens Marcus Waller stellt sich als der Vorstand von SR Inc. vor.
Mandi gibt ihr Täuschungsmanöver auf. Mit Waller am Telefon hat sie vor, das zu enthüllen, was sie inzwischen für eine Tatsache hält: Sie verdächtigt SR Inc., billige Arbeitskräfte in Indonesien für die Produktion der e-Helper auszubeuten.
Die Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräften ist ein krasser Verstoß gegen alle Grundsätze des »Fair Trade«, der allgemein anerkannten fairen Geschäftspraktiken. In den letzten Jahren ist Fair Trade ein populäres Thema geworden, dem sich die Öffentlichkeit immer wieder gewidmet hat. Es gibt zwar Gesetze, die den Fair Trade regeln, aber sie machen an den Staatsgrenzen Halt. Eine größere Wirkung als Gesetze hat der Druck der Massen. Wenn die Öffentlichkeit herausfindet, dass ein Unternehmen gegen den Fair Trade verstößt, werden alle seine Produkte boykottiert. Eine Reihe von starken, miteinander kooperierenden Freiwilligenorganisationen koordiniert dann globale Protestaktionen gegen solche Unternehmen. Die Folgen derartiger Proteste und Boykotte haben eine viel stärkere Wirkung, als es Gesetze je haben könnten.
Das Thema unfairer Handel kann Mandi in Rage bringen und einige Jahre lang war sie intensiv in der südostasiatischen Freiwilligenorganisation engagiert. Sie ist gegen jede Art von Ausbeutung: gegen die Ausbeutung der Umwelt genauso wie gegen die Ausbeutung von Flora und Fauna und gegen die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte.
Mandi beginnt
das Gespräch mit Marcus in freundlichem Ton. Sie bewundert ja auch
ehrlich die anfängliche Forschung von SR Inc. im Bereich der
elektromagnetischen Strahlung. Anstatt das neue Gerät einfach nur
zu verkaufen, ging SR Inc. einen Schritt weiter. Als der e-Helper
erstmals auf den Markt kam, führte das Unternehmen ernsthafte
Untersuchungen über die Auswirkungen seines elektromagnetischen
Feldes durch und veröffentlichte sie auch. Die Ergebnisse zeigten,
dass die Strahlungsstärke deutlich unter dem empfohlenen Grenzwert
für elektronische Geräte liegt, bei nur 50
Prozent.
Im Zuge der Suche nach einer Kontaktperson bei SR Inc. hatte Mandi auch die wissenschaftlichen Veröffentlichungen über den e-Helper gelesen. Dabei war ihr ursprünglicher Eindruck von dem Unternehmen ein recht positiver. Sie hätten ihr Produkt auch ohne diese ausführlichen Forschungen verkaufen können, aber SR Inc. hatte Verständnis für das Wohlergehen der Benutzer gezeigt. Mandi ist ansonsten eher Hersteller gewohnt, die sich ausschließlich für ihren Gewinn interessieren. Es schien ihr, dass SR Inc. in dieser Hinsicht eine Ausnahme wäre, aber vielleicht muss sie jetzt ihre ursprüngliche Einschätzung revidieren.
Nach den einführenden Lobesworten kommt Mandi auf das Geschäftliche zu sprechen und auf den wahren Grund ihres Anrufs: »Ich wünschte, wir könnten unser Gespräch über Ihre lobenswerten Geschäftspraktiken weiterführen, Marcus, aber ich habe Informationen, die einige Ihrer Entscheidungen rund um Ihre Produktionsstätten fragwürdig erscheinen lassen.«
Marcus ist verwirrt und so fährt Mandi fort: »Führen Sie Ihre Produktionsstätten im Ausland gemäß den Prinzipien des Fair Trade?«
»Produktionsstätten im Ausland?«, fragt Marcus erstaunt.
»Ja, Produktionsstätten im Ausland. Zahlen Sie den Arbeitskräften dort einen fairen und angemessenen Lohn?«, fragt Mandi.
Marcus’ Zurückhaltung ist jetzt verschwunden. »Wer sind Sie und warum machen Sie haltlose Anschuldigungen?«
»Meine Vorwürfe sind nicht haltlos«, entgegnet Mandi. »Ich bin im Besitz von zwei e-Helpern, die nicht in der angeblich einzigen Produktionsstätte der e-Helper in Neuseeland hergestellt wurden. Diese e-Helper wurden in einem Entwicklungsland produziert. Die Beweislage sieht nicht gut aus für SR Inc. Ich nehme an, Sie kennen die Konsequenzen aus unfairem Handel?«
Mandi kann aus Marcus’ Tonlage heraushören, dass er sehr aufgebracht ist. Wenn er versuchen würde sich zu verteidigen, wäre sein Schicksal besiegelt. Das wäre ein klarer Hinweis darauf, dass SR Inc. tatsächlich gegen Fair-Trade-Prinzipien verstößt. Aber die Heftigkeit der Reaktion von Marcus ist offensichtlich nicht gegen Mandi gerichtet.
Für Marcus steht viel auf dem Spiel. Mandi überlegt, dass es zwei Gründe für seinen Zorn geben könnte: Entweder betreibt er tatsächlich unfairen Handel und sie hat ihn ertappt oder er selbst ist das Opfer von Produktpiraten.
In
Wirklichkeit hat Marcus ganz andere, tiefer liegende Gründe, über
die Beschuldigungen wütend und beunruhigt zu sein. Tatsächlich sind
die Einnahmen aus dem Verkauf der e-Helper für SR Inc. von
entscheidender Bedeutung für die Art von Geschäften, die in
Wahrheit den Kern von SR Inc. ausmacht: die Nutzung von
Parafähigkeiten, um Menschen zu helfen. Die Gewinne aus den
e-Helpern fließen in die Forschungsabteilung von SR Inc., die
Methoden und Werkzeuge zur Unterstützung von Rettungsaktionen
entwickelt. Die finanziellen Mittel erlauben es auch, die
Parafähigkeiten von Marcus und den anderen Parapersonen im Team von
SR Inc. weiter zu erforschen. Marcus sorgt sich wegen der
finanziellen Konsequenzen, aber vor allem wegen der Publicity, die
sich ergeben wird, wenn Mandi mit ihren Vorwürfen an die
Öffentlichkeit geht. SR. Inc. läuft so gut, weil er und die anderen
Parabefähigten nicht im Rampenlicht stehen.
Mandi zeigt Verständnis, als Marcus darauf besteht, die fragwürdigen e-Helper zu untersuchen – für SR Inc. steht ja tatsächlich alles auf dem Spiel. Allerdings will sie ihm die Beweisstücke nicht einfach zusenden. Marcus’ Behauptung, sein Patent wäre gestohlen worden, klingt nicht wie eine Lüge – aber was, wenn es doch eine sein sollte? Mandi bleibt keine Lüge verborgen, wenn sie mit jemandem Aug in Aug spricht, aber am Telefon ist das etwas anderes. Sie kennt Marcus nicht – vielleicht ist er ein guter Schauspieler.
Nach einer längeren Diskussion erzielen sie eine Einigung. Mandi wird in drei Tagen nach Auckland fliegen, Marcus hat das statt eines Treffens in Singapur vorgeschlagen. So können sie das Forschungslabor von SR Inc. nutzen, um Mandis e-Helper zu untersuchen, und Mandi muss die Geräte nicht aus der Hand geben. Sie stimmt dem Vorschlag zu.
Als Mandi das Gelände von Borders verlässt, klingelt ihr e-Helper erneut. Diesmal ist es Alan.
»Du bist wo!?«, ruft Mandi. »Aber du hast doch gesagt, du würdest erst in ein paar Tagen herkommen! Natürlich – ich werde da sein!«
Alan hat geplant, erst in zwei Tagen nach Singapur zu kommen. Aber er konnte sein Projekt rechtzeitig beenden und hat einen früheren Flug genommen. Vor zwei Stunden ist er angekommen und wartet jetzt auf Mandi in der Hotellobby! Sie haben also drei Tage Zeit, bevor es nach Neuseeland weitergeht.
Alan gibt den Ton für die nächsten drei Tage vor, indem er Mandi mit einem riesigen Strauß langstieliger roter Rosen begrüßt. Aber auch Mandi hat eine Überraschung in ihrer Tasche. In der Victoria Street hat sie ein wunderschönes schwarzes Spitzennegligee entdeckt. Zuerst hat sie gezögert es zu kaufen – sie fand, für das bisschen Stoff wäre es zu teuer. Aber jetzt, auf dem Weg zum Hotel, wo sie Alan treffen würde, hat sie sich anders entschieden. Sie und Alan machten gerade eine schwierige Zeit durch und beide haben geschworen, mehr in ihre Beziehung zu investieren. Das Negligee ist nicht typisch für Mandi – aber warum nicht? Sie möchte ein wenig Feuer in ihre Beziehung bringen.
Die drei folgenden Tage vergehen wie im Flug, zwischen Schlafzimmer, Restaurants und den Sehenswürdigkeiten Singapurs. Mandi liebt die entspannten Nachmittage am Fluss beim Bootskai und die Nachtsafari im Zoo. Sie genießt den Duft der Räucherstäbchen, der durch die Straßen von Little India weht, und sie verliert sich bei den Computern, dem Neonlicht und Pomp der Mega-Elektronik-Shops.
Mandis Lieblingsort in Singapur aber ist der Sri-Veeramakaliamman-Tempel in Little India. In dem Moment, wo sie den Tempel betritt, kommt es Mandi vor, sie würde in eine andere Welt eintreten. Das Gehupe und der Gestank der Autos sind schlagartig verschwunden. Stattdessen wird der Raum vom gedämpften Gesang der Pilger und dem hellen Klingeln ihrer goldenen Armreifen erfüllt. Überall drängen sich Menschen – sie warten in Schlangen auf die Segnungen der Mönche und sitzen meditierend im Lotossitz auf dem Boden. Die Frauen sind in golddurchwirkte Sarongs in intensivem Rot, Purpur, Grün und Blau gekleidet. Gaslaternen an der Wand und Hunderte von Votivkerzen hüllen den Raum in sanftes Dämmerlicht. Die Luft ist schwer vom Duft des Sandelholzes. Mandi sitzt über eine Stunde lang nur da und lässt die Atmosphäre auf sich einwirken.
Sie entspannt sich. In letzter Zeit hat sie einige intensive Gefühlsmomente durchlebt: die Sorge um Ellys und Ekos Wohlergehen ebenso wie die um ihr eigenes professionelles Ansehen und schließlich den Zorn über die vermutete Aufdeckung einer Firma, die gegen Fair Trade verstößt. Mandi spürt seit einigen Tagen, wie sich ihr Körper wegen des Stresses verspannt. Hier im Tempel lässt die Anspannung ganz allmählich nach.
Am Abend vor ihrer geplanten Abreise nach Neuseeland wollen sie im Raffles Hotel zu Abend speisen. Aber Mandi hat keine geeignete Kleidung für das feine Lokal dabei – sie ist ja eher auf ein Bergwerk eingerichtet! So bittet sie Alan, sie bei ihrem Einkauf zu begleiten. Und sie ist erstaunt über seine geschmackvolle Wahl bei Abendkleidung! Er trägt so wie sie meist lockere Freizeitkleidung und daher ahnte sie nichts von seinem Sinn fürs Elegante.
Während sie Verschiedenes anprobiert, wird ihr erst so richtig bewusst, was ihre Ausweisung aus dem Bergwerk für sie bedeutet. Ihr professionelles Ansehen ist erschüttert. Der Kreis der Consulting-Branche in Australien ist klein und wenn sie auch nur ein einziges Projekt wegen »unprofessionellen Verhaltens« verpatzt, wird sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreiten. Solches Gerede kann ihre Karriere als Consultant ganz schnell beenden. Was Mandi aber am meisten überrascht, ist, dass die Unklarheiten ihres Privatlebens sie stärker verunsichern als die Schwierigkeiten, mit denen sie im Berufsleben zu kämpfen hat. Beim ersten Wiedersehen mit Alan war sie zwar glücklich, aber auch zurückhaltend. Ihre Zuversicht von früher war erschüttert. Aber nach den Tagen mit Alans Aufmerksamkeiten und Verwöhnungen hat Mandis allgemeine Beklemmung doch begonnen sich zu legen. Und jetzt kann sie auch wieder an etwas anderes denken als an die beruflichen Probleme.
Im Raffles entspannen sich Mandi und Alan bei den himmlischen Klängen eines Streichquartetts. Mandi fühlt sich passend gekleidet: ein elegantes schwarzes Abendkleid, das an den Spaghettiträgern und dem tiefen Ausschnitt mit winzigen, blutroten Perlen besetzt ist, die farblich hervorragend zu den rotbraunen Schuhen passen. Zum ersten Mal seit Monaten ist ihr nach Tanzen und Lachen zumute.
Mandi fühlt sich auch liebesbedürftig und Alan sieht unwiderstehlich aus. Während des Essens schlüpft Mandi aus ihren neuen roten Schuhen und tastet sich mit dem Fuß behutsam an Alans linkem Bein empor. Alan fällt es schwer, die Fassung nicht zu verlieren. Aber an den Nachbartischen merkt niemand etwas – das Geschehen bleibt unter den langen, weißen Tischtüchern verborgen. Mandi zwinkert Alan zu.
Im Hotelzimmer ankommen, kann Alan seine Leidenschaft kaum zurückhalten. Er möchte Mandi ihr Kleid vom Leibe reißen, aber Mandi hebt die Hand, um ihn zu stoppen. Heute Abend hat sie das Sagen! Sie lässt ein Schaumbad ein und zündet ein paar Kerzen an. Sie zieht die Stöckelschuhe aus, schenkt Champagner ein und sie trinken auf ihre gemeinsame Zeit in Singapur. Mandi lässt sich Zeit für Sinnlichkeit – den ganzen Abend, die ganze Nacht.
Während Mandi und Alan ihre Wiedervereinigung genießen, bereitet Marcus sein Team bei SR Inc. auf Mandis Besuch vor. Marcus ist genauso argwöhnisch gegenüber Mandi wie sie ihm gegenüber. Ist sie wirklich das, was sie vorgibt – Lehrbeauftragte an der Universität und Mediatorin? Geht es ihr wirklich um Fair Trade, wie sie behauptet, oder hat sie andere, niedere Motive … Will sie SR Inc. aufdecken und das Team der Parapersonen auflösen?
Diese letzte Frage löst bei Marcus eine bedrohliche Gedankenkette aus. Könnte Mandi eine Verbindung zu Dirkmann von der EU-Kommission haben? Dirkmannn ist derjenige, der vor mehr als zehn Jahren Anweisungen gegeben hat, Marcus zu töten, weil Marcus sich geweigert hatte, mit Dirkmanns Paraforschungseinheit PPU zu kooperieren. Könnte Dirkmann die kleine Gruppe von SR Inc.s Parapersonen mit dem neuen Paralocator-System der PPU ausgeforscht haben? Gerüchten zufolge könnte die PPU einen Paralocator entwickelt haben, mit dem man alle Personen mit Parafähigkeiten im Umkreis von 20 Kilometern ausfindig machen kann.21
Die Ziele der PPU sind hinterhältig: Sie wollen alle Parapersonen weltweit auslöschen. Diese besonders befähigten Menschen sollen in spezielle Gefängnisse gesperrt und zur Zusammenarbeit mit Dirkmann gezwungen werden – und damit Dirkmanns persönlichen und politischen Plänen zum Durchbruch verhelfen. Ist Dirkmann bereits hinter ihnen her? Könnte ihre Reise nach Europa vor zwei Jahren ihn auf ihre Spur nach Neuseeland gebracht haben?
Sowie Marcus das Gespräch mit Mandi beendet hat, ruft er hastig einige Kontaktleute in Australien an. Er braucht Nachforschungen, und zwar schnell! Er will alles über Dr. Amanda Webber wissen – über ihre Arbeit, ihre Interessen, ihre Kontakte – alles! Und er braucht den umfassenden Bericht innerhalb von 24 Stunden.
Als Nächstes beruft Marcus ein Treffen des kleinen Kernteams von Parapersonen bei SR Inc. ein: Klaus, Sandra, Maria, Monika und Barry. Später will er auch Herbert, Aroha und Cynthia mit einbeziehen – aber erst, wenn er mehr über Mandi herausgefunden hat. Als die Gruppe zusammenkommt, wird es Marcus einmal mehr klar, wie glücklich er sein muss: Er hat es geschafft, eine eng zusammengeschweißte Gruppe von Leuten um sich zu scharen, die sich alle zum gleichen Ziel bekennen: nämlich, ihre Parafähigkeiten zum Wohle anderer Menschen einzusetzen.
Marcus blickt
in die Runde. Während sie auf den Beginn des Meetings warten,
plaudern die Leute angeregt mit ihren Nachbarn. Da ist Klaus, der
Wissensmanager von SR Inc. und gleichzeitig der Paralocator der
Gruppe. Er sieht eine Aura rund um parabegabte Personen. Klaus
hatte Marcus vor zehn Jahren entdeckt, als Marcus noch nie etwas
von Parafähigkeiten gehört hatte. Sandra ist Emotiopathin. Sie kann
intuitiv starke Emotionen von Menschen wahrnehmen: Stimmungen,
Gefühle, Ängste, Erregung usw. Maria, die Frau von Marcus, ist
Paraseherin. Sie kann ihre Augen benutzen wie jeder andere Mensch
auch, aber sie kann ihren Sehsinn auch auf »binokular« oder
»mikroskopisch« umstellen, auch durch Hindernisse hindurch, was ihr
unglaublich flexible Einblicke verleiht. Monika ist ein Paralocator
in ähnlichem Sinne wie das – vermutete – Paralocator-System der
PPU. Allerdings reicht ihre Parafähigkeit um ein Vielfaches weiter
als die kolportierten 20 Kilometer des PPU-Systems. Nachdem sie
jemanden kennen gelernt hat, kann Monika jederzeit den
Aufenthaltsort dieser Person bestimmen, angefangen beim Kontinent,
mit immer größerer Genauigkeit. Barry ist Paradoppelgänger mit der
Fähigkeit der Paraprojektion. Er kann Abbilder seiner selbst
projizieren, die nicht nur visuell real erscheinen, sondern sich
auch so anfühlen. Und schließlich ist da Marcus selbst, ein
Physiker mit telekinetischen Kräften. Mit seinen zahlreichen
Pseudohänden kann er kleine und große Objekte bewegen und durch die
meisten festen Materialien hindurchgreifen, ausgenommen solche aus
Blei. Marcus kann auch seine subjektive Zeit beschleunigen. Dies
hat es ihm einige Male ermöglicht, aus lebensbedrohlichen
Situationen zu entkommen.
21 Siehe XPERTEN: Der Paradoppelgänger.
Die Gruppe mag inhomogen erscheinen, aber die Fähigkeiten und Charaktereigenschaften der Leute passen gut zusammen. Marcus ist sehr glücklich, Teil dieses Teams zu sein.
Als alle eingetroffen sind, eröffnet Marcus das Meeting. Er berichtet über sein Telefongespräch mit Dr. Amanda »Mandi« Webber. Klaus ist besonders interessiert an der Entwicklung – er war es ja, der die erste, ungewöhnliche Nachricht auf seiner Sprachbox vorgefunden hat.
Wie Marcus fürchten auch die anderen in der Gruppe eine Verbindung zur PPU und zu Dirkmann in Europa.
»Ich habe Nachforschungen sowohl über Mandi als auch über den aktuellen Stand der PPU angefordert«, versichert Marcus. »Der Bericht soll innerhalb von 24 Stunden vorliegen, wir sollten also morgen Früh Näheres wissen. Die Information über die PPU wird mehr Zeit brauchen, aber ich hoffe, der Bericht über Mandi wird genügend Details enthalten, um abzuschätzen, ob sie eine Verbindung zur PPU hat.«
Marcus hofft, dass das Meeting auch zu einem Brainstorming über Mandis mögliche Motive und die angemessenen Reaktionen von SR Inc. darauf führt, und er wird nicht enttäuscht. Die Diskussion ist lebhaft, die Ansichten unterschiedlich. Nach mehreren Stunden fasst Marcus zusammen.
»Treffen wir
uns morgen Früh wieder – dann sollte ich den Bericht über Mandi
haben«, sagt er. »Wenn wir mehr Information haben, können wir einen
Aktionsplan erstellen. Bis dahin sollten wir – jeder für sich oder
auch zusammen – das Brainstorming über verschiedene Szenarien und
Optionen fortsetzen. Wir arbeiten jetzt als starkes Team seit mehr
als zwei Jahren zusammen – einige von uns noch länger. Wir haben
unzähligen Menschen helfen können, die ohne unsere kombinierten
Parafähigkeiten gestorben wären. Wir werden uns nicht von einer
einzigen Frau – wer immer auch hinter ihr steht – davon abhalten
lassen weiterzumachen. Unser Auftrag ist zu wichtig
dafür.«
Die Leute marschieren nachdenklich aus dem Raum. Marcus hat Recht: Die Gruppe bedeutet jedem Einzelnen sehr viel, in der Gruppe haben sie Freunde und Unterstützung gefunden. Für Maria, Marcus, Barry, Klaus und Sandra bedeutet diese »Unterstützung« nicht weniger, als ein »normales« Leben in einer Gemeinschaft leben zu können, anstatt das Leben von Ausgestoßenen führen zu müssen.
Die Leute haben auf verschiedene Weisen ihre eigenen Parafähigkeiten entdeckt und eingehend kennen gelernt. Sie haben auch erfahren müssen, dass diese besonderen »Begabungen« sie für die Gesellschaft zu Verrückten oder Monstern werden lassen – und in den Augen mancher Menschen sind sie schlicht eine Gefahr. Leuten wie Dirkmann erscheinen ihre Parafähigkeiten derart bedrohlich, dass ihre Tötung die einzige Option ist, wenn sie sich nicht in lebenslange Kontrolle oder Gefangenschaft begeben wollen.
Die Gruppe als
Ganzes wird mit viel Anerkennung und Lob bedacht. SR Inc. wird in
Neuseeland – und seit kurzem auch aus anderen Ländern – regelmäßig
gerufen, um in Notfällen einzugreifen. Sie haben auch eine starke
professionelle und private Beziehung zur neuseeländischen
Premierministerin hergestellt. Jenny – so nennen sie sie im
Freundschaftskreis – vermittelt die Anfragen zu Rettungsaktionen
aus dem Ausland. In zahllosen Fällen hat SR Inc. bei
Naturkatastrophen wie Hurrikans oder Erdbeben geholfen und Dutzende
Leben gerettet. Auch bei Feuer und Explosionen kamen sie zum
Einsatz und konnten sowohl Menschen als auch Infrastruktur
retten.
Jetzt sind sie mit einer Person konfrontiert, die – absichtlich oder unwissentlich – SR Inc. entlarven könnte. Ihre Enthüllung könnte alles zunichte machen, wofür sie so hart gearbeitet haben.
Maria und Marcus sind froh, dass ihnen noch eine Stunde bleibt, bevor ihre Kinder – Lena, 5, und Stephan, 9 – ihren Nachmittagsunterricht beenden. Sie werden Inge und Rolf, die beiden Privatlehrer, bitten, die Kinder nach der Schule noch etwas zu beschäftigen, damit sie etwas Zeit für sich selbst haben.
Sie sind Richtung Strand unterwegs, zu einem ihrer Lieblingsplätze auf Great Barrier Island, der unberührten Insel vor der Küste Aucklands. Sie gehen durch den Wintergarten und nahe genug am Whirlpool und dem natürlichen Wasserfall vorbei, um die gegensätzlichen Empfindungen zu genießen, die diese beiden Orte hervorrufen: Während den Wasserfall ein kühler Nebel umgibt, steigt vom Überlauf des Whirlpools heißer Dampf hoch.
Am Strand angekommen, wirft Marcus die Strandtücher hin und sie ziehen sich aus. Sie hoffen beide, dass ein erfrischendes Bad ihre Gedanken klarer machen wird. Die Gespräche an diesem Nachmittag waren sehr ernst. Sie hatten sich in letzter Konsequenz um nicht weniger gedreht als darum, Great Barrier Island zu verlassen und zu einem Leben auf der Flucht zurückzukehren.
Maria erinnert sich zurück an die ersten Monate mit Marcus. Die PPU hat Marcus verfolgt und schließlich haben sie ihn erwischt. Sie hatten vor, ihn entweder zu ihrem eigenen politischen Nutzen zu kontrollieren oder ihn zu töten. Maria weiß, welche Wahl Marcus treffen würde, wenn es darauf ankäme. Er würde den Tod wählen und sich nie kontrollieren oder einsperren lassen. Sicher, zusammen haben sie es geschafft, Marcus aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Krems, 60 Kilometer von Wien entfernt, zu befreien. Aber würde ihnen das ein zweites Mal gelingen? Kann sie die Sicherheit der Kinder aufs Spiel setzen? Es ist zehn Jahre her, seit die PPU Marcus verfolgt hat – werden sie jetzt beim zweiten Versuch besser vorbereitet sein?
Im Wasser
treibend blickt Marcus die Küstenlinie entlang und überschaut ihr
Anwesen und das seiner Parafreunde und der Mitarbeiter. Dieser Ort
ist nicht nur sicher – er ist auch überaus idyllisch. Abgesehen von
ihrem Anwesen und einigen wenigen Häusern in der Ferne ist die
Küste unberührt und wild. Schön gewachsene Bäume wiegen sich sanft
in der Meeresbrise; ein paar Seevögel segeln elegant darüber.
Marcus hat sich in diese Insel beim allerersten Besuch verliebt –
er kann sich nicht mehr vorstellen woanders zu
leben.
Marcus sieht zu Maria. Auf dem Rücken treibend lässt sie sich sanft von den Wellen schaukeln. Er schwimmt zu ihr hin und küsst sie auf die Stirn. Maria öffnet die Augen und sie lächeln beide. Einen kurzen Moment lang ist die Angst, aus dem Paradies vertrieben zu werden, aus ihren Gedanken gelöscht.
Maria nimmt Marcus’ Hand und sie schwimmen gemeinsam zum Strand. Marcus beobachtet, wie Maria sich anmutig durch das Wasser bewegt. Er liebt es, sie schwimmen zu sehen. Wenn sich ihr Körper zum Atemholen aus dem Wasser hebt, rinnt der Wasserfilm glänzend ab – dann taucht sie wieder unter. Sie ist eine kräftige Schwimmerin und kann ohne Probleme mit Marcus Schritt halten.
Am Strand führt Marcus Maria zu ihren Tüchern. Aber anstatt ihr eines zu reichen, schnappt er sich den Haufen und macht sich damit davon. Spielerisch läuft er zu den Bäumen und Maria jagt hinter ihm her. Bei den Bäumen angelangt, beginnt er eilig damit, etwas zu bauen. Als Maria näher kommt, erkennt sie lachend, dass er eine »Burg« baut. Sie haben sich schon oft Kindergeschichten rund ums Burgenbauen erzählt. Maria liebte es, im Wohnzimmer mit Decken und Polstern Burgen zwischen den Sofas zu bauen, bis sie sich ein Labyrinth von Tunneln und kleinen, dunklen Höhlen geschaffen hatte – das war sehr heimelig. Die Burg, die Marcus jetzt baut, hat nur einen Raum. Schon ist er ins Innere verschwunden und nur seine Hand ist noch zu sehen, die einladende Bewegungen macht.
Maria ist überrascht: Marcus’ Burg ist mit einem Boden aus Strandtüchern und einer Kerze ausgestattet. Als sie das Haus verlassen hatten, hat sich Maria gewundert, warum Marcus einen so großen Stapel von Tüchern mitgenommen hatte – jetzt weiß sie, warum! Marcus hat von »Ablenkung« gesprochen, aber sie hat dabei nur an Schwimmen gedacht! Marcus hat offensichtlich noch andere Ablenkungen im Sinn …
Sie haben sich in spielerischer und lebhafter Laune in ihr »Versteck« zurückgezogen, aber ihr Liebesspiel ist sanft und liebevoll. Die Intensität der Gespräche am Nachmittag hat sie nachdenklich gemacht und sie geistig erschöpft. Bei ihrem jetzigen Zusammensein vergessen sie aber schnell Mandi und die Bedrohung durch die PPU. Sie stellen ihre Gedanken ab und öffnen ihre Körper und ihre Sinne. Maria schließt die Augen und genießt das sanfte Streicheln von Marcus. Marcus könnte seine Pseudohände benutzen, um Maria schnell in leidenschaftliche Erregung zu versetzen, aber heute bevorzugt er es, nur seine eigenen »körperlichen« Hände einzusetzen. Es weiß genau, wo und wie er Maria berühren muss, um sie langsam aber beständig in Richtung Höhepunkt zu führen. Und auch Maria nimmt sich Zeit, Marcus’ salzigen Körper zu erkunden – mit den Augen, den Händen und den Lippen.
Nach der
liebevollen gegenseitigen Erkundung ihrer Körper gehen sie zu dem
über, was sie »Aufschaukeln« nennen. Zuerst bringt Marcus Maria bis
an den Rand des Orgasmus, dann zieht er sich schnell zurück. Er
beginnt von neuem und zieht sich wieder zurück. Diesen
Auf-und-ab-Rhythmus wiederholt Marcus so lange, bis Maria ihn
anfleht weiterzumachen und Marcus sie schließlich zum Gipfel der
Ekstase führt. Nachdem Maria wieder Atem geschöpft hat, beginnt
jetzt sie damit, Marcus »aufzuschaukeln«. Als Marcus bald seinen
Höhepunkt erreicht, bringt das auch Maria noch einmal zu höchster
Lust. Sie genießt das Gefühl, Marcus zwischen ihren Beinen zu
spüren. Er klammert sich an ihren Rücken, ihr Körper stemmt sich
ihm entgegen. Erschöpft lassen sie sich auf die zerwühlten
Strandtücher fallen. Marcus zupft ein bisschen an den »Wänden« aus
Tuch und eine sanfte, kühlende Brise strömt in ihre intime
Behausung.
An diesem Abend werden überall im Haus leise Gespräche geführt. Lena und Stephan freuen sich, denn sie dürfen eine Dokumentation im Fernsehen sehen: »Unsere nächsten Verwandten: Primaten rund um den Globus«. Sie lernen viel über Gibbons, Rüsselaffen, Gorillas und Orang-Utans. Als Tieraktivator kann Stephan Tieren Anweisungen geben, ohne sie ausdrücklich ansprechen zu müssen. Diese Parafähigkeit ist die Ursache von Stephans unersättlicher Neugier auf alle Informationen über Tiere. Außerdem kann Stephan – wie sein Vater – seine subjektive Zeit beeinflussen.
Obwohl Marcus, Maria und die anderen Parapersonen sich früher als sonst auf ihre Zimmer zurückziehen, schläft niemand gut. Außer Stephan, der vom Land der rothaarigen Orang-Utans träumt …
Bald am Vormittag hält Marcus den Bericht über Dr. Amanda »Mandi« Webber in Händen. Schnell überfliegt er den Inhalt und beruft das Treffen ein. Als er den Besprechungsraum betritt, erscheinen seine Gesichtszüge entspannter als am Vortag.
»Aus diesem Bericht ist keine Verbindung zwischen Mandi und der PPU herauszulesen – auch nicht im Entferntesten«, sagt Marcus. Er lächelt breit und sieht Maria an. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung geht durch den Raum.
»Gestern waren
wir einer Meinung, dass eine Verbindung von Mandi mit der PPU im
Wesentlichen den Anfang vom Ende der SR Inc. bedeutet hätte. Es war
für uns alle ein albtraumhaftes Szenario.«
»Aber«, führt Marcus begeistert fort, »das ist nicht der Fall. Der größte Teil unseres Albtraums ist vorbei. Alles andere als eine Verstrickung der PPU in diese Sache erscheint im Vergleich dazu als Erleichterung. Wir wollen das ein wenig feiern und Aroha, Herbert und Cynthia sollen zu uns stoßen.«
Das ist das Stichwort für deren Einsatz: Die Tür geht auf und die drei treten ein. Vor sich schieben sie einen Servierwagen her, der schön mit Erdbeeren dekoriert ist. Dazwischen sind drei Flaschen Dom Perignon zu sehen.
»Lasst uns auf die guten Nachrichten anstoßen«, sagt Marcus. »Aber denkt daran: Wir müssen danach noch einen Plan B ausarbeiten, also übertreibt es nicht mit dem Champagner. Auch wenn uns die PPU nicht bedrohlich im Nacken sitzt, wir haben es immer noch mit dem Vorwurf unfairen Handels zu tun.« Gläser werden weitergereicht und Trinksprüche ausgebracht. Herbert, Aroha und Cynthia gesellen sich zur entspannt plaudernden Gruppe. Nach einer Weile liest Marcus Auszüge aus dem Bericht über Mandi vor:
Dr. Amanda »Mandi« Webber ist Universitätslehrerin im Bereich »Studien der Umwelteinflüsse« an der Baxter Holmes Universität in Perth, Westaustralien. Sie ergänzt ihr Einkommen regelmäßig aus ihrer Tätigkeit als Mediatorin für die Bergwerksindustrie. In der Beraterbranche genießt sie hohes Ansehen als außergewöhnliche, kreative Verhandlerin, nur noch übertroffen von ihrem Mentor, Dr. Herbert Folsum, der an derselben Universität lehrt und Vorstand ihres Institutes ist.
Zurzeit ist Mandi kurzfristig bei einem Beraterprojekt in Südkalimantan, Indonesien, beschäftigt. Allerdings wurde sie unlängst aufgrund eines Vorfalls – es ging um Besitzstörung – für unbestimmte Zeit vom Dienst suspendiert. Wir sind derzeit dabei, diesen Vorfall näher zu untersuchen, und werden in Kürze Details dazu zur Verfügung stellen. Wir wissen aber bereits, dass Mandi nicht allein handelte, sondern mit einer indonesischen Frau namens Elly zusammenarbeitete.
Mandi ist derzeit mit ihrem Freund Alan Peters in Singapur. Sie werden auf Einladung von SR Inc. am 25.12.2013 in Auckland eintreffen, um Repräsentanten von SR Inc. zu treffen. In Singapur hat sich Mandi intensiv mit dem Thema »Fair Trade und SR Inc.« befasst. In der Vergangenheit war sie in Fair-Trade-Freiwilligenorganisationen aktiv.
Marcus liest weiter und springt zu einem Abschnitt, der mit »Beruflicher Hintergrund« überschrieben ist. »Dieser Teil wird vielleicht keine direkte Bedeutung für das heutige Gespräch haben, aber ich denke, wir können daraus mehr darüber erfahren, wer Mandi ist. Sie hat einige interessante Erfahrungen gesammelt …«
Mandi war Chefverhandlerin in einem
Projekt, das in der Presse als »Newman-Projekt« bezeichnet wurde.
Es fand Ende 2003 in Newman, Westaustralien, statt. Das Projekt
stellte sich Mandi zunächst als typische Verhandlungsaufgabe dar.
Es gab einen internen Streit in einem Bergwerksunternehmen zwischen
gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und nicht organisierten.
Mandi sollte eine Reihe von halbtägigen Workshops durchführen und
mit einem Überlebenstraining abschließen. Das war die
Rahmenbedingung, unter der Mandi das Newman-Projekt
annahm.
Das Projekt stellte sich
als alles andere als einfach heraus. Es war kein Streit zwischen
Arbeitern. In Wirklichkeit ging es um einen komplexen Besitzstreit
zwischen Geschwistern der Eigentümerfamilie, rund um die lukrativen
Minen. Als der Vater ernsthaft erkrankte, bat er den jüngeren Sohn,
der in der Elektronikindustrie tätig war, zurückzukehren. Er sprach
von nichts mehr als der baldigen Rückkehr seines Sohnes. Der ältere
Sohn, der schon seit Jahren das Tagesgeschäft der Mine geführt
hatte, sah eine Bedrohung in der Rückkehr seines Bruders. Es war
der klassische Fall der »Rückkehr des verlorenen Sohns« – der
ältere Sohn war eifersüchtig und inszenierte den »Streit«, der
wiederum zum Engagement von Mandi als Verhandlerin
führte.
Was geschah, hätte von niemandem
vorausgesehen werden können. Nach fünf halbtägigen »teambildenden«
Workshops unter Mandis Leitung begab sich eine kleine,
handverlesene Gruppe von 15 Leuten (darunter Mandi und die beiden
Brüder) in den Rudall River Nationalpark, einen abgelegenen Park in
Westaustralien. Sie sollten in einem zehntägigen Überlebenstraining
ihre neu erworbenen Teamfähigkeiten anwenden. Vom älteren Bruder
war in die Gruppe allerdings ein Mann eingeschleust worden, der als
»Aufhetzer« Probleme provozieren sollte. Diese Probleme sollten den
jüngeren Bruder davon überzeugen, dass er nichts mit der Mine zu
tun haben wollte. Der ältere Bruder wollte dem jüngeren seinen
Anteil am Unternehmen ausbezahlen.
Während sich das Team an diesem abgelegenen Ort befand, brach ein Hurrikan über das Gebiet von Pilbara herein. Schwere Regenfälle in Pilbara und den Kimberleys verursachten Sturzfluten im Rudall River. Die Gruppe kletterte gerade in einer Schlucht, als die Flut über sie hereinbrach. Der Führer der Gruppe, der auch ein erfahrener Freiwilliger des staatlichen Rettungsdienstes war, versuchte den jüngeren Sohn zu erreichen, der auf einem Felsvorsprung gefangen war. Aber der Führer wurde weggeschwemmt und ertrank und der jüngere Sohn wurde schwer verletzt. Die Flut hatte auch alle Kommunikationsmittel der Gruppe – zwei Satelliten-e-Helper –, ihre Nahrungsvorräte und ihre Medikamente fortgespült.
Mandi hielt die Gruppe zusammen, so gut es ging, aber es fehlte ihr die erforderliche Erfahrung im Busch. Ohne Hilfe von außen wäre der jüngere Bruder seinen Verletzungen erlegen. Der Rest der Gruppe hätte vielleicht nur mit Wasser so lange überlebt, bis Hilfe gekommen wäre, aber das ist Spekulation. Zufälligerweise kam Hilfe.
Einer der Männer in der Gruppe war Aborigine. Es wird vermutet, dass er auf irgendeine Weise mit anderen Aborigines der Gegend kommuniziert hat. Hilfe kam jedenfalls auf unerwartete Art: eine Aboriginefamilie (zwei Kinder, eine Frau, ein Mann), die einfach von der Zentralwüste gekommen sind. Die Familie brachte die nötigen Kenntnisse mit, die der Gruppe ein Überleben ermöglichten.
Sie verbrachten zusammen mit der Aboriginefamilie zwei Wochen im Gebiet des Rudall Rivers. Die Überschwemmungen hatten beide Staubstraßen in den Park unterbrochen. Das machte das unvermutete Auftauchen der Aborigines aus der Wüste noch erstaunlicher.
Nach zwei Wochen tauchte die Gruppe aus ihrem Überlebenstraining auf. Der jüngere Sohn überlebte und wurde Mehrheitseigentümer der Gesellschaft. Aber bis heute leitet der ältere Sohn immer noch die Tagesgeschäfte der Newman Mine. Dieses unerwartete Ergebnis wird Mandis außergewöhnlichen Verhandlungskünsten zugeschrieben, die auch unter extremen Umständen hervorragend sind.
An dieser Stelle blickt Marcus auf. An den
Gesichtern im Raum kann er sehen, dass seine Freunde ebenso sehr
daran interessiert sind, diese Frau kennen zu lernen, wie
er.