3. Alternative Umweltverschmutzung
Nur zwölf Stunden nach der Unterzeichnung des Vertrages über den neuen australischen Forschungsstandort rollt bereits ein Konvoi von Lastwagen mit Baumaterial aus dem Hafen von Darwin. Die Lieferscheine dokumentieren, dass die Güter bereits vor einem Monat bestellt und geliefert worden sind und den australischen Zoll in Rekordzeit passiert haben. Ein kleingewachsener Mann mit ungewöhnlichen grünen Brillen und eine junge Frau folgen dem Konvoi in einem nagelneuen Allradlaster. Der Mann schätzt Effizienz über alles und genau das hat er hier im Kontakt mit der Regierung in erfrischender Weise erfahren. Wie versprochen wurde sein Material aufgeladen, sobald die Dokumente unterschrieben waren.
Der Mann erzählt der Frau von dem Meeting am Vortag. Die Entscheidung, die dabei scheinbar getroffen wurde, war in Wirklichkeit bereits vor zwei Monaten gefallen. Er versichert ihr noch einmal, dass das Meeting lediglich eine »Wohlfühlübung« für seine elf Partner war, die ihnen das Gefühl geben sollte, Teil des Entscheidungsprozesses zu sein, einen geeigneten Ort für die Anlage im Northern Territory zu finden. Obwohl er ihr das schon einige Male gesagt hat, kann er aus ihrer Körpersprache ersehen, dass sie sich gekränkt fühlt. Sie hat sich mehrmals über das Leben im »gottverdammten Nirgendwo des australischen Hinterlandes« zur Beaufsichtigung der sechsmonatigen Bauarbeiten beklagt und auf einer Teilnahme an den Meetings bestanden. Er musste ihr widersprechen und an diesem Punkt geriet ihre Geschäftsbeziehung ins Wanken und die Vater-Tochter-Beziehung bekam die Oberhand. Seine Tochter Samantha sollte ihm ohne jeden Widerspruch folgen.
Er hat ihr
gesagt, dass sie die vollständige Kontrolle über die Anlage
erhalten würde, sobald sie fertig gestellt sein würde. An diesem
Punkt würde sie ihr professionelles »Debüt« geben, nachdem sie sich
bewährt hätte. Er weiß, dass Samantha ihre Aufgabe gut erfüllen
wird. Was er aber nicht weiß, ist, warum … Sie will ihrem
Vater keinen Anlass für Kritik geben und verschlingt alle
Informationen über die anderen Forschungseinrichtungen der
Kooperative, die sie bekommen kann, um aus deren Fehlern das Beste
für »ihre« Anlage zu lernen. Bereits drei Fehler im
architektonischen Konzept der indonesischen Anlage hat sie
identifizieren und korrigieren können. Sie wird ihr »Lehrgeld«
zahlen, ganz so, wie es ihr Vater wünscht. Aber sie wird
sicherstellen, dass die Entschädigung dafür entsprechend
ist.
26. November 2013
Northern Territory, Australien
Mandi wartet, bis ihre Mitfahrerin Evette Platz genommen und sich angeschnallt hat, bevor sie aus dem Parkplatz des Crocodile Hotels rollt und in die Straße einbiegt. Obwohl die vergangenen Tage mit den vielen Gesprächen sehr anstrengend waren, fühlt sie sich im Moment ausgeruht und aufmerksam. Falls sie auf der dreistündigen Fahrt dennoch müde werden sollte, hat sie vorgesorgt: Im Becherhalter befindet sich ein extragroßer, starker Espresso.
»Wollen Sie, dass wir bei einer Bäckerei halten, damit Sie sich noch etwas Verpflegung besorgen, bevor wir Jabiru verlassen?«, fragt Mandi.
Evette schüttelt den Kopf und tätschelt ihren Rucksack. »Nein danke, ich habe kalte Getränke hier drin. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich allerdings gerne ein kurzes Nickerchen machen. Danach kann gerne ich fahren, wenn Sie wollen. Ich bin seit 4 Uhr auf den Beinen und habe versucht, einen Bericht zusammenzustoppeln. Im Moment bin ich total fertig!«
»Keine Sorge, ich bin nicht müde«, lächelt Mandi. Beim flüchtigen Blick auf Evette erkennt sie dunkle Ringe unter ihren Augen, trotz der leichten Bräunung, die die australische Sonne bereits hinterlassen hat. Noch bevor sie die Stadt hinter sich gelassen haben, hört sie Evettes tiefen, beständigen Atem im Schlaf.
Sie erinnert sich, dass sie gestern Nacht beim Corroboree genauso schnell eingeschlafen ist. Kaum hatte sie ihren Kopf auf den Rucksack gelegt, war sie wie weggetreten.
»Ich kann kaum glauben, dass ich so gut geschlafen habe auf dem harten Erdboden!«, denkt Mandi. »Nur damals in Newman habe ich mich so entspannt und friedlich gefühlt!«
In Gedanken ist sie wieder im Hotelzimmer, das
sie damals während des Newman-Projekts bewohnte. Es ist schon zehn
Jahre her, aber sie denkt oft zurück an dieses Projekt und die
Erinnerungen erscheinen in fast surrealer Weise lebendig. Ihr
Zimmer war geräumig und ordentlich und das Fenster gewährte einen
Blick auf einen großen, silberner Eukalyptusbaum, auf dem sich
Dutzende von schwefelgelb geschopften Kakadus sammelten. Immer zur
Morgen- und Abenddämmerung fächerten die großen weißen Vögel ihre
gelben Kronen auf und hoben ihre Brust zu durchdringenden Schreien.
Mandis Kopfschmerzen waren dadurch nicht besser geworden.
Die friedvolle Stimmung kehrte erst nach ein paar Tagen ein, als Emma, eine Frau, die an Mandis »teambildenden Workshops« teilgenommen hatte, anbot, in Mandis Zimmer eine Reiki-Sitzung abzuhalten. Emma und drei ihrer Freundinnen praktizierten Reiki und waren der Meinung, eine oder zwei Sitzungen würden Mandis Migräne lindern helfen. Emma war überrascht (und entsetzt!) über die Mengen Aspirin und Schmerzmittel, die Mandi in der kurzen Zeit, seit sie in Newman waren, in sich hineingestopft hatte.
Die
Reiki-Sitzung war eine neue Erfahrung für Mandi. Emma und ihre
Freundinnen kamen und stellten einen tragbaren Reiki-Tisch auf, der
Mandi an einen Massagetisch erinnerte. Die Reiki-Meisterin Emma
übernahm die Kontrolle über den Verlauf der Sitzung. Sorgfältig
wählte sie die Position des Tisches und zündete dann ein paar
Kerzen an. Nachdem Mandi sich auf den Tisch gelegt hatte,
bereiteten sich die vier Frauen auf die Sitzung vor. Später
erklärte Emma Mandi, dass sie sich »erdeten«: Während der
Reiki-Sitzung wären die Frauen die Kanäle oder die Leiter, durch
die ein Energiefluss zu ihr hin stattfände. Um die Energie nicht
selbst zu absorbieren, müssten die Frauen ausreichend geerdet
sein.
In der ersten Sitzung schloss Mandi die Augen und versuchte sich zu öffnen für das, was da kommen würde. Was immer es auch sein sollte, es würde besser sein als ihre schrecklichen Migräneanfälle. Öfter verspürte sie auch Übelkeit, die sie ebenfalls der Migräne zuschrieb. Mandi versuchte also, ihren Geist leer zu machen, wie Emma es ihr gesagt hatte.
Als sie so dalag und versuchte »an nichts« zu denken, spürte sie in gewissen Abständen Hände sanft ihren Körper berühren. Zwei Hände – die von Emma – umfassten ihren Kopf. Zunächst fühlten sich die Hände kühl an, aber schon nach wenigen Minuten waren sie warm. Und kurz danach heiß! Ein stechender Schmerz durchfuhr plötzlich Mandis rechte Stirnseite, sodass sie unwillkürlich zurückzuckte. Aber Emmas Hände hielten ihren Kopf mit sanftem Druck fest und gaben ihr ein Gefühl der Geborgenheit.
In der Sitzung
verlor Mandi jedes Gefühl für Raum und Zeit, fast als befände sie
sich in einer anderen Dimension. Erst als Emma ihr schließlich ein
Glas Wasser anbot, wurde ihr bewusst, dass bereits eine Stunde
vergangen war. Eigenartigerweise kam es ihr so vor, als ob sie sich
gerade erst niedergelegt hätte, aber gleichzeitig war
sie entspannt wie nach einem mehrstündigen Schlaf. Sie war noch
etwas müde und mitgenommen, aber ihre Migräne und das Gefühl der
Übelkeit waren fast vollständig verschwunden. Emma und die anderen
hatten in Minutenschnelle den Tisch zusammengepackt und waren
gegangen und Mandi ging zu Bett. Als sie am nächsten Morgen
aufwachte, fühlte sie sich »zentriert«, wie es Emma nannte. Heute
fühlt sie sich so wie damals: ausgeruht und bei klarem
Verstand.
»Ich möchte gerne wissen, wie es Emma geht«, denkt Mandi. »Ich habe seit einer Ewigkeit nichts mehr von ihr gehört. Ich werde sie anrufen, wenn ich zurück in Fremantle bin …«
Mandi blickt auf die üppige Vegetation des Kakadu Nationalparks. In der Morgensonne sind die Farben voll erglüht. Obwohl es bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang gefährlicher ist zu fahren, weil Zusammenstöße mit Wild vorkommen können – Kängurus, Wildpferde und Bantengs12 sind häufige Opfer –, liebt sie es, zu dieser Tageszeit unterwegs zu sein. Beim ersten Licht sind die Farben satt und tief: saftiges Grün, Olive, tiefes Rot und aufblitzendes weißes Glänzen. Doch mit dem Hochsteigen der Sonne löst sich das prächtige Morgenleuchten bald im scharfen Licht des Tages auf. Dann erscheint alles flach und wie ausgewaschen.
»Oder, vielleicht … ist es Zeit Emma zu besuchen«, denkt Mandi. »Ich habe sie seit damals nicht gesehen. Vielleicht ist es Zeit, wieder einmal nach Newman zu gehen … und vielleicht sollte ich Alan mitnehmen.«
Mandi hat Alan gegenüber kein Geheimnis aus Newman gemacht, aber sie war auch nicht gerade großzügig, was die Details anbelangt. Alan hat ihre Fotos von den eindrucksvollen, zerklüfteten Schluchten des Karijini Nationalparks gesehen, eines der verborgenen Juwelen in Pilbara, aber er ist selbst nie dort gewesen. Er hat Berichte über das Projekt in den Zeitungen gelesen und mit einigen von Mandis Freunden darüber gesprochen, aber Mandi rechnet es ihm hoch an, dass er nie versucht hat in ihrer Vergangenheit zu bohren. Er hat sie nie gedrängt über ihre Erfahrungen dort zu erzählen. Mandi ist ihm dankbar dafür, dass er ihr Privatleben respektiert. Sie wäre auch nicht bereit gewesen darüber zu sprechen – nicht darüber, wie das Projekt sie wirklich verändert hat.
12 Banteng: eine aus Südostasien importierte Ochsenart.
Im Laufe des Newman-Projektes hat Mandi menschliche Seiten kennen gelernt, die alles andere als schmeichelhaft waren. Aus allernächster Nähe musste sie die Extreme erleben, zu denen Egoismus und Gier Leute führen konnten, die ansonsten als vollkommen normale und feinfühlige Menschen erschienen. Die Abgründe, die sich da auftaten, waren viel irritierender, als alle Hollywood-Dramen es je sein konnten. Mandi erlebte aber auch die Macht der Aborigines – Kräfte, die sie letzte Nacht wieder erfahren hat.
Ihre Gedanken schweifen wieder ab zu den Geschehnissen der letzten Nacht. Der Mann, der sie so in den Bann gezogen hatte, kurz bevor sie in den tiefen Schlaf fiel, er hatte etwas an sich, das ihn vom Rest der Tänzer abhob. Sie erinnert sich, dass sie ihren Blick kaum von ihm abwenden konnte. Es schien, als hätte die Kraft seiner Augen sie in eine Starre versetzt. Sie erinnert sich auch, dass er einen wunderbaren Körper hatte: breite Schultern und einen muskulösen Bauch. Und sogar im flackernden Licht des Feuers waren ihr seine muskulösen Oberschenkel aufgefallen. Aber es war nicht seine beeindruckende und erotische Erscheinung, die sie am meisten fesselte. Er hatte etwas, das über das Körperliche hinausging. Es war fast, als ob er etwas ausstrahlte …
Sie fragt sich, ob der junge Tänzer mit dem stechenden Blick vielleicht eine spezielle Fähigkeit haben könnte, eine Art besondere Gabe. Wurde er damit geboren oder hat er es – irgendeine Form der besonderen Macht – von einem verstorbenen Familienmitglied erworben? Beim Gedanken an besondere »Begabungen« und »Kräfte« muss Mandi lächeln. Vor dem Newman-Projekt hatte sie nur halbherzig an Gesprächen über paranormale Phänomene teilgenommen; eher unwillig. Derartige Dinge passten eher zu Science-Fiction und Kinofilmen als zu seriösen Wissenschaften und Forscherinnen, wie sie selbst eine war. Aber nach Newman war alles anders.
In Newman hat Mandi vieles erlebt, für das sie keine Erklärung fand. Einmal hatten sich die Hände eines jungen Mannes ohne ersichtlichen Grund plötzlich schmerzhaft verkrampft. Sie konnten nichts tun als ihn zu beruhigen und seine Hände im Wasser der Schlucht zu kühlen. Später fanden sie heraus, dass in dem Moment, in dem den jungen Mann der heftige Schmerz gepackt hatte, sein Onkel gestorben war. Im Angesicht des Todes hatte er seine Heilkräfte an seinen Neffen weitergegeben. Er hatte die Gabe, durch Handauflegen zu heilen.
Während der
Zeit in Newman begann Mandi zu akzeptieren, dass es Erfahrungen
gibt, die über das, was mit den traditionellen fünf Sinnen
wahrnehmbar ist, hinausgehen. Es gab keine wissenschaftlichen
Erklärungen dafür, wie »Gaben« von einer Person auf die andere
übertragen werden konnten. Sie konnte sich auch nicht erklären, wie
Aborigines ohne Worte miteinander kommunizieren
konnten.
Es gab noch ein anderes Erlebnis in Newman, das Mandi erschüttert hat. Sie wurde Zeugin einer plötzlichen schweren Erkrankung eines Mannes mittleren Alters, nachdem einer der Stammesälteren mit einem Knochen auf ihn gezeigt hatte. Der Alte hatte offenbar dem Jüngeren einen Fluch auferlegt und nach wenigen Tagen war der Jüngere gestorben. Keinerlei Krankheit war an dem Mann erkennbar gewesen, bevor der Alte den Knochen auf ihn richtete. Woran war er also gestorben? Wie konnte man derartige Phänomene erklären?
Erfahrungen solcher Art hatten Mandis Faszination für einen Bereich von Phänomenen verstärkt, den sie »sinn-los« nannte: Erfahrungen, die außerhalb der traditionellen fünf Sinne liegen. Das Tor zu diesem Bereich war allerdings schon Jahre zuvor aufgestoßen worden, als Mandi an einer Reihe von Experimenten beteiligt war, die darauf abzielten, die Erforschung der elektromagnetischen Umweltverschmutzung auszudehnen und die Ergebnisse reproduzierbar zu machen. Das Schlagwort in den Medien war »elektromagnetischer Smog« oder »e-Smog«.
Elektromagnetische Strahlung, wie sie unter anderem von den alltäglichen Elektrogeräten emittiert wird, entgeht oft der Aufmerksamkeit der Menschen, weil sie nicht direkt wahrgenommen wird. Die Geräte arbeiten üblicherweise leise, geruchlos und ohne sichtbare Absonderungen. Eine leichte Erwärmung ist meistens das Einzige, was Menschen spüren können.
Mandi bemerkt, dass Evette inzwischen aufgewacht ist und jetzt die kühlschrankgroßen Termitenhügel betrachtet, die draußen vorbeihuschen. Die Landschaft ist surreal; zur Krönung fehlen nur noch Zifferblätter von Uhren – wie nasse Tücher über die Hügel geworfen – in der Art, wie Salvador Dalí sie malte.
»Wissen Sie, dass diese Termitenhügel oft mit Eisbergen verglichen werden? Nur ungefähr zehn Prozent des gesamten Baues sind sichtbar«, sagt Mandi. Wenn sie sich vorstellt, wie viele der Tierchen in einem solchen Bau leben, bekommt sie immer eine Gänsehaut; das muss eine Menge von Termiten sein!
»Macht es Ihnen was aus, stehen zu bleiben?«, fragt Evette. »Ich würde mir das gerne aus der Nähe ansehen und ein Foto machen.«
»Klar. Da vorne ist eine Gruppe von Hügeln mit einer Infotafel für Touristen«, antwortet Mandi. »Es gibt auch einen Bau, der halb aufgebrochen ist, sodass man das Innere sehen kann. Ist sehr interessant, das System der Gänge zu sehen.«
Evette lächelt, als sie Mandi ansieht: »Wissen Sie, mein Bruder Paul hat es auch geliebt, Dinge zu erforschen. Er wollte immer wissen, wie alles funktioniert.«
»Sie standen Ihrem Bruder sehr nahe?«, fragt Mandi vorsichtig.
»Ja. Obwohl wir vier Jahre auseinander waren und unterschiedliche Freunde hatten. Aber weil Paul oft krank war, verbrachten wir viel Zeit miteinander, besonders nachdem wir umgezogen waren und Vater gestorben war. Wir waren eine kleine Familie mit sehr festen Bindungen: Mutter, Paul und ich«, sagt Evette.
Ihr Gespräch wird durch einen Stau auf der Straße abgelenkt. Normalerweise ist die Fahrt vom Kakadu Nationalpark nach Darwin problemlos, aber heute wird der Verkehr angehalten und die Fahrzeuge werden ganz an den Rand der Straße gewunken. Mandi lässt das Fenster herunter und lehnt sich hinaus, um zu sehen, was los ist. Es dauert nicht lange und ein Konvoi von Schwerlastern mit extrabreiter Fracht rollt vorbei.
»Sieht nach Bauarbeiten aus«, sagt Mandi beiläufig. »Möchte wissen, ob das mit dem Projekt zu tun hat, das Graham gestern Abend erwähnt hat …«
Einen Moment ist es ruhig im Wagen, bevor Evette mit klarer Stimme das Gespräch fortsetzt: »Sie haben mich gestern nach meiner Forschung im Bereich alternative Verschmutzung gefragt. Ich untersuche elektromagnetische Felder, elektromagnetische Strahlung. Vor kurzem habe ich eine Bibliographie zu diesem Thema erstellt und habe dabei festgestellt, dass es durch Jahre hindurch – mehr als ein Jahrzehnt – in den 1990er und 2000er Jahren eine Menge Aktivitäten in diesem Bereich gegeben hat. Dann – ganz plötzlich – war es damit vorbei. Warum?«
Mandi holt zu einer längeren Erklärung aus: »Als ich mit diesen Forschungen begann, gab es lebhafte – ja, leidenschaftliche – Diskussionen. Es gab eine Menge Konferenzen zu dem Thema und Kollegen von den Universitäten, aber auch die Praktiker der großen Unternehmen saßen bis spät in die Nacht, um über die möglichen Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zu sprechen.« Mandi erinnert sich gerne an diese schöne und interessante Zeit zurück.
»Aber um 2003 und 2004 nahmen die Diskussionen merklich ab«, fährt sie fort, »und es gab nur mehr sehr wenige Kongresse in diesem Bereich. Der wissenschaftliche Diskurs wurde ersetzt durch öffentliche Foren in aller Welt, bei denen Vertreter der Behörden gut eingeübte Monologe abhielten. Sie informierten über die empfohlenen Strahlungsgrenzwerte für bestimmte Geräte, wie Bildschirme, Fernseher und Haartrockner. Strahlung unter diesen Grenzwerten sei garantiert ‚sicher‘. Sie machten den Eindruck, die Forschungen wären abgeschlossen und man würde das endgültige Urteil bekannt geben. Das war aber sicher nicht der Fall. Und nachdem sie auf diese Art die Forschungen für beendet erklärt hatten, war es kein Wunder, dass auch keine entsprechenden Forschungsgelder mehr flossen.«
Mandi hat schon lange nicht mehr über diese Zeit nachgedacht und bei den Gedanken daran spürt sie immer noch tief sitzenden Zorn in sich aufsteigen.
»Sogar die spontanen Brainstorming-Sessions, die es am Rande anderer ‚grenzwissenschaftlicher‘ Konferenzen immer gegeben hatte, hörten auf«, fährt Mandi fort. »Immer wenn Diskussionen über dieses Thema aufkamen, wurden sie in die ach so beliebten Gespräche über ‚Best Practices‘ abgedrängt. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft wir uns zum Beispiel das Geleier über die in Auckland geltenden Bestimmungen anhören mussten. Starkstromleitungen dürfen dort nur in sicherem Abstand von Wohnhäusern und Schulen verlegt werden, auch Handymasten müssen eine ausreichende Entfernung aufweisen. Die Gebäude sind speziell abgeschirmt, damit Wohnungen und Büros garantiert ‚sicher‘ sind. Ich schätze diese Maßnahmen in Richtung sicherer Lebensraum wirklich, aber wenn ich Information darüber suche, dann lese ich die Berichte. Aber die Brainstormings besuchte ich, um genau das zu tun: Brainstorming. Ich wollte über Fakten und Theorien diskutieren. Sie versuchten wirklich alles, um die Forschungen als unabhängig und abgeschlossen hinzustellen. Aber sie waren es nicht.«
»Genau das war auch mein Eindruck«, sagt Evette, gefesselt von Mandis Wortschwall. »Ich lese diese Veröffentlichungen – Ihre eingeschlossen – und die Arbeiten scheinen methodisch voranzuschreiten, die Forschung zeigt erste Resultate. Die Wissenschafter planen die nächsten Schritte, die Richtung, die sie weiter untersuchen wollen … Dann – ganz plötzlich – ist alles aus! Ich habe noch keine Arbeit gefunden, in der über den erfolgreichen Abschluss eines Projekts berichtet wird. Alle werden abrupt mitten in der Arbeit abgebrochen … Die faszinierendste Arbeit und – der schroffen Ablehnung nach zu schließen, auf die sie stieß – anscheinend auch die kontroversiellste war ein kurzes Paper von einem Mann aus … Indien, glaube ich … Warum hat niemand seine Arbeiten fortgeführt?«
»Dr. Ramu Visra«, sagt Mandi, als hätte sie nur auf das Stichwort gewartet. »Er war indischer Abstammung und lebte in Malaysia. Ein brillanter Forscher … Dr. Visra starb auf dem Weg zu einer Konferenz, damals, 2003 …«
Mandi hat viele Jahre nicht mehr an Ramu gedacht. »Ich erinnere mich gut daran, denn sein Tod war der Anfang vom Ende. Ich arbeitete eng mit ihm in einem anderen Projekt zusammen, aber das Projekt – sein Projekt – starb mit ihm. Niemand kannte die Hintergründe und die Datensammlungen, außer ihm selbst … Nach seinem Tod gab es keine Daten mehr, nichts … Und es gab niemals mehr jemanden im Bereich der elektromagnetischen Forschung, der so Hervorragendes geleistet hat wie er. Und es gab auch keine Forschungsgelder mehr. Ungefähr zur Zeit von Dr. Visras Tod versiegte der Geldfluss.«
»Ich weiß, bei Forschungsförderung dreht sich sowieso immer alles um Geld, Einfluss und Ego«, fährt Mandi fort, »aber im Falle der elektromagnetischen Verschmutzung war es noch um eine Spur schlimmer. Die Förderer drehten den Geldhahn ohne jede Vorwarnung zu. Vorher hatten wir enorme Zuwendungen der Konzerne und plötzlich wurden wir ausgehungert. Es war, als ob jemand in einem gewaltigen, gut organisierten Streich alle Geldgeber zu diesem drastischen Wechsel veranlasst hatte.
Sogar die Seite, die den ganzen Prozess überwachen sollte, ist – hm … – verdächtig. Sie haben sicher über die nationalen und internationalen ‚Überwachungsorgane‘ gelesen, die gegründet wurden, um den ‚Fortschritt‘ in diesem Bereich zu kontrollieren? Ich habe nachgeforscht und konnte keine einzige Definition von ‚Fortschritt‘ in ihren Dokumenten finden, auch keine Charta, die die wirkliche Funktion dieser Gruppen beschreiben würde. Sie haben auch keine offizielle Befugnis, Verstöße gegen gesetzliche Bestimmungen zu verfolgen, auch wenn sie welche aufdecken sollten.«
»Also sind diese Gruppen in Wirklichkeit völlig wertlos?« Evette weiß, dass ihre Frage rhetorisch ist.
»Leider ja«, bestätigt Mandi mit frustriertem Unterton.
Das Gespräch hat starke Gefühle an die Oberfläche gebracht. Zur Zeit ihrer intensiven e-Smog-Forschungen war Mandi das gewohnt und es war ihr immer ein starker Antrieb: die hitzigen Diskussionen mit Kritikern und die Gespräche mit Ramu, dessen Besessenheit und Leidenschaft ansteckend auf sie waren. Sie war emotional immer sehr stark involviert. Jetzt ist es anders. Ihre Forschungstätigkeit macht ihr Spaß, aber es ist kein Vergleich mit der damaligen Zeit. Damals hatte sie das Gefühl, dass ihre Arbeit wirklich wichtig wäre, dass gerade ihr persönlicher Beitrag ausschlaggebend sein könnte.
»Und wie ist es mit Ihnen?«, fragt Evette vorsichtig. »Sie haben einige Artikel über alternative Formen der Verschmutzung und e-Smog geschrieben. Warum haben Sie damit aufgehört?«
»Also … da war Ramus Tod und die Firmen entzogen uns ihre Unterstützung«, erwidert Mandi nachdenklich. »Natürlich hätte ich immer noch bei einer weiteren Runde um Fördergelder von der Regierung ansuchen können, damit hätte ich vielleicht noch ein paar interessante Ergebnisse zustande gebracht … Aber ich war nicht in der Stadt, als die Einreichfristen für die Ansuchen abliefen. Ich hatte auch meinen e-Helper und meinen Computer nicht zur Verfügung und konnte daher meine Assistenten nicht kontaktieren, damit sie die Ansuchen fertig stellen und in meinem Namen einreichen sollten. So verpasste ich die Frist und meine Forschungsarbeit hatte keine finanzielle Basis mehr. Ich habe zwar einiges aus meiner eigenen Tasche hinzugezahlt – Geld, das aus meiner Consulting-Tätigkeit kam –, aber es reichte bei weitem nicht für all meine Vorhaben …«
Nach kurzem Nachdenken fügt Mandi hinzu: »Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich viel geändert hätte, wenn ich die Einreichfristen nicht versäumt hätte. Jedes Projekt, das das Wort ‚elektromagnetisch‘ im Titel hatte – Smog, Verschmutzung, Felder, Strahlung, alles –, wurde sowieso abgelehnt. Diejenigen, die die Forschung bis dahin unterstützt hatten, haben befunden, dass genug darüber gesagt worden sei. Die Gelder wurden dann für andere Bereiche vorgesehen, die als ‚dringender‘ angesehen wurden. Wenn man als Antragsteller erfolgreich sein will, muss man es rechtzeitig vorhersehen können, wenn sich der Wind derartig dreht. Aber – wie gesagt – dieser Wechsel geschah ohne jede Warnung. Viele Projekte brachen ohne Finanzierung zusammen, meine eingeschlossen. Wir alle mussten uns als Forscher schnellstens anpassen und unsere Pläne ändern, sonst hätten wir in Kürze die Folgen gespürt. Ohne Forschung keine Veröffentlichungen. Und ohne Veröffentlichungen … nun ja, Veröffentlichungen tragen entscheidend dazu bei, seinen Lehrvertrag zu behalten.«
»Aber Sie haben es geschafft zu veröffentlichen und andere auch«, sagt Evette. »Diese Ergebnisse sind verstreutes Stückwerk, aber alles zusammengenommen ist es ein Ausgangspunkt.«
»Ein Ausgangspunkt – ja, das ist es …«
Mandi denkt an ihre Forschungsprojekte an der
Universität zurück. Ihre Arbeit war ein kleiner Beitrag zum
Gesamtbestand der bekannten Fakten über elektromagnetische
Strahlung, um die eine Frage zu klären: Was sind die Auswirkungen
der von Geräten – wie e-Helpern, Computern, Handys, Waschmaschinen,
Trocknern, Mikrowellenherden und Haarföhns – emittierten
elektromagnetischen Strahlung auf Menschen, Tiere und die Umwelt?
Über viele solcher Geräte existieren tatsächlich stückchenweise
Daten aus diversen Tierversuchen. Und es gibt Aufzeichnungen aus
verschiedenen Berufsbereichen, die als Risikogruppen gelten:
Lokführer, Physiotherapeuten, Schweißer … Manche Forscher
kommen zu keinem schlüssigen Ergebnis, andere wieder geben
Entwarnung: Das Schlimmste, was einem mit einem e-Helper oder einem
Handy passieren könne, sei ein Verbindungsabbruch. Und die
Hersteller tun das, was man von ihnen fordert, nämlich einen
Hinweis auf die Verpackung zu drucken, dass ihr Gerät die
Sicherheitsanforderungen erfüllt.
»Wir müssen über diesen ‚Ausgangspunkt‘ hinausgehen … das unzusammenhängende Vorgehen der sterilen Labors überwinden. Nur dann können wir Messwerte bekommen, die uns weiterbringen«, sagt Mandi. »Nehmen wir zum Beispiel Ramus Vorgangsweise: Er arbeitete im Feld und er testete die kombinierte Auswirkung von Elektrogeräten. Summiert sich die Wirkung der elektromagnetischen Strahlung aus verschiedenen Quellen einfach auf – oder gibt es einen Verstärkungsfaktor, eine Verdopplung, Verdreifachung oder – wer weiß – noch mehr?! Er betrachtete die Situation außerhalb der sauberen Laboratmosphäre, die Luft, die uns wirklich umgibt, mit all den Abgasen, Pestiziden usw. Möglicherweise gibt es ja Wechselwirkungen zwischen diesen Faktoren und den Effekte der elektromagnetischen Strahlung. Was ist die gesamte Auswirkung davon auf die Lebewesen und die Umwelt? Darauf wollte ich mich in der Zusammenarbeit mit Dr. Visra konzentrieren, als ich vom Newman-Projekt zurückkehrte.«
»Und Sie konnten dafür keine Förderung bekommen?«, fragt Evette.
»Leider nicht. Ich bin nicht unabhängig vom
Fördersystem. Ich bin nicht reich«, antwortet Mandi. »Mir wurde zu
spät klar, dass ich mich bei den Förderern zu sehr in die
Abhängigkeit von Unternehmen aus der Telekommunikations- und der
Elektronikbranche begeben hatte. Besonders, da ich hauptsächlich
‚unerwünschte Nebeneffekte‘ ihrer Produkte untersuchte. Es gab
keine Interessenkonflikte, denn sie respektierten meine
Unabhängigkeit. Wenigstens, bis die Medien auf Ramus Forschung
aufmerksam wurden. Erst dann merkte ich, dass die privaten
Fördergelder von einem Tag auf den anderen versiegen konnten. Die
Firmen gaben gern die Mittel für den anfänglichen Aufbau der
Forschung über elektromagnetische Umweltverschmutzung, solange das
Thema ‚in Mode‘ und relativ risikolos war. Aber über diese
anfängliche Unterstützung hinaus waren sie nicht interessiert. Und
das Geld der Universität reichte dafür nicht.«
Evette blickt nachdenklich zur Seite und sagt dann: »Es gibt da eine Arbeit von Ihnen – ich glaube, sie ist in Ihrem Online-Archiv –, die mir geholfen hat, die Fragestellungen und die Komplexität rund um das Thema e-Smog zu verstehen …«
»Ich hab’s!« Evette lächelt. »Der Titel ist ‚Elektromagnetische Felder für Anfänger‘ und Sie erklären darin den Unterschied zwischen ionisierender und nicht ionisierender Strahlung13. Die 3-D-Bilder der Wellen sind sehr klar und man kann sehen, wie die unterschiedlichen Effekte sind, wenn die Strahlung auf Materie trifft. Und die Bilder sind interaktiv, sodass man sehen kann, wie sich die Änderung der Wellenparameter auswirkt.
Was ich am meisten an Ihrer Website mag«, fährt Evette fort, »ist, wie Sie der Information Bedeutung verleihen. Sie sprechen nicht nur über Theorie, sondern zeigen die entsprechende Relevanz, indem Sie die Anwendungen und Auswirkungen zeigen. Zum Beispiel wusste ich nicht, dass elektrische Felder immer vorhanden sind, wenn ein Gerät an der Steckdose hängt, sogar wenn es nicht eingeschaltet ist! Die einfache Antwort darauf scheint zu sein, die Geräte auszustecken, wenn man sie nicht gerade verwendet. Die Sache wurde aber noch ‚spannender‘ als ich las, dass wir uns eigentlich vor elektromagnetischen Feldern überhaupt nicht schützen können. Niederfrequente magnetische Felder können praktisch alles durchdringen, ohne abgeschwächt zu werden. Das ist es, was mich beunruhigt. Was kann man dagegen tun? Wie kann man sich davor schützen?
Das bringt mich auf meine Mutter … ich muss Ihnen über meine Mutter erzählen«, sagt Evette. »Sie hat wie besessen in aller Welt nach einer bestimmten Tapete für unser Haus in Nimbin gesucht. Ich dachte, sie wollte ein ganz besonderes Muster, aber als wir die Tapete schließlich bekamen, war sie nur beige.
13 Ionisierende Strahlung beginnt im ultravioletten Bereich – jenseits der Grenze des sichtbaren Lichtes – und kann chemische Verbindungen auseinander brechen, wodurch Atome und Moleküle destabilisiert werden. Beispiele von ionisierender Strahlung sind Röntgen- und Gammastrahlung. Nicht ionisierende Strahlung reicht vom Frequenzbereich des sichtbaren Lichtes abwärts. Beispiele dafür sind Mikrowellen und Radiostrahlung. Die entsprechenden Frequenzbereiche gehen von »Ultrakurzwelle« (UKW) bis zu »Ultralangwelle« ULW (englisch ELF – extremly low frequency). Wechselstrom, wie er in unseren Haushalten gebräuchlich ist, fällt in diese letzte Kategorie.
Erst später fand ich heraus, was es mit ihr auf sich hatte: Sie sollte vor elektromagnetischer Strahlung schützen …«
»Hergestellt von einer deutschen Firma, die danach mangels Kunden eingegangen ist?«, fragt Mandi.
»Ja, genau«, bestätigt Evette. »Darf ich eine Frage stellen, die wahrscheinlich dumm klingt? Anscheinend können also magnetische Felder viele Dinge durchdringen, aber andererseits sind niederfrequente Wellen zu schwach, um durch Zellmembranen zu dringen. Wenn das stimmt, wie können sie dann auf Zellebene überhaupt schädlich sein? – Sind sie jetzt schädlich oder nicht?«
Mandi lächelt. »Das ist ganz und gar keine dumme Frage. Diese Frage wird sehr häufig und sehr kontroversiell diskutiert und es gibt eine Reihe möglicher Antworten darauf. Ich persönlich glaube, dass die elektromagnetische Strahlung wie eine Art Signal auf die Zelle wirkt. Der Empfang des Signals löst eine Aktion aus … oder auch Inaktivität. Die Zellfunktion wird auf diese Weise beeinflusst, weil das Signal etwas bewirken kann, was normalerweise nicht geschieht. So kann also die Arbeitsweise der Zelle verändert werden, was wiederum das Immunsystem beeinflussen kann und so weiter. Das sind die Auswirkungen auf Zellebene!
Nehmen wir zum Beispiel Melatonin«, fährt Mandi fort. »Melatonin ist ein Neurohormon, das von der Zirbeldrüse produziert wird. Es ermöglicht uns den nächtlichen Schlaf. Eine andere der Funktionen von Melatonin ist, das Wachstum von Krebszellen zu verhindern. Wenn wir schlafen, steigt der Melatoninspiegel im Körper an und über das Blut gerät es an die Zellen, die dadurch ‚gereinigt‘ werden. Melatonin wäscht auch freie Radikale aus, das sind Stoffe, die zerstörerisch auf die Zellen wirken. Es könnte sein, dass elektromagnetische Strahlung das Melatonin ‚anweist‘, seine üblichen krebsverhindernden Reinigungsfunktionen zu drosseln oder sogar ganz einzustellen. Daher kann man nicht sagen, die Strahlung selbst würde – etwa durch Zellmutation – Krebs verursachen, aber sie beeinflusst eine wichtige Funktion von Melatonin, nämlich das Wachstum von Krebszellen einzudämmen. Das Resultat ist natürlich dasselbe: Die Person könnte an Krebs erkranken.«
Mandi fährt in ihren Überlegungen fort: »Es gab Tests mit an Alzheimer erkrankten Personen, die in ihrem Beruf starken Magnetfeldern ausgesetzt waren. Ich interpretiere die Ergebnisse so, dass es Hinweise darauf gibt, dass elektromagnetische Strahlung nicht nur die Zellfunktion beeinflussen könnte, sondern auch deren generelle Eigenschaften, ihre Anlagen. Ich denke, ohne es zu wissen spielen wir damit, wie die Zellen untereinander kommunizieren – und dabei ändern wir ihre Sprache. Das wiederum könnte unsere Körperfunktionen beeinflussen. Vielleicht greifen wir ins Zellwachstum ein, in den Zellstoffwechsel14 oder in andere Funktionen. Wenn diese Veränderungen langsam über einen längeren Zeitraum passieren, kann unser Körper vielleicht damit fertig werden. Aber was ist, wenn sie schnell auf uns einwirken und die Menschen sie nicht vertragen?«
Mandi sieht Evette an, die eigenartig vor sich hin starrt, und dann ruhig und bestimmt sagt: »Ich bin überzeugt, dass mein Bruder einer derjenigen war, die den e-Smog nicht vertragen, für die er zu stark ist – ein Elektrosensitiver. Ich habe diese Behauptung nur einer einzigen Person gegenüber ausgesprochen – meiner Mutter – und es ist nicht gut angekommen. Aber Sie verstehen mich, oder? Ich bin sicher, dass Paul nicht an einer Überdosis Drogen gestorben ist …«
Sie fährt fort: »Bevor ich mich zu dieser Reise verabschiedet habe, haben Mam und ich des zehnten Todestages von Paul gedacht. Ich habe ihr gesagt, dass ich wüsste, dass Paul krank war, und ich begann ihr über meine Forschungstätigkeit zu erzählen. Ich dachte, sie würde sich dafür interessieren, aber sie starrte mich nur an und wirkte verärgert. Sie sagte, ich solle damit aufhören. ‚Wir können ihn nicht wieder lebendig machen‘, sagte sie und dann stürmte sie davon. Aber ich kann nicht einfach aufhören. Ich muss wissen, was damals geschehen ist … wahrscheinlich, weil ich mich mitverantwortlich fühle.«
»Mitverantwortlich?« Mandi ist erstaunt.
Evette sieht aus dem Fenster. »Ich versprach ihm, Mama nichts davon zu sagen, dass er einen e-Helper und einen Computer besaß und dass er nach der Schule bei Freunden fernsah … Er war in eine Gruppe von Schulkameraden aufgenommen worden, die Computerspiele spielten – und Paul ging es sehr schlecht, weil er die ganze Zeit am Computer verbrachte. All das waren Dinge, von denen Mutter sagte, wir dürften sie nicht tun. Wir waren einfach normale Kinder. Wir wollten nicht anders sein. Wir wollten einfach leben, wie wir immer gelebt hatten.
14 Mehr Information dazu findet man in W. Ross Adey, M.D., »Electromagnetic fields, the modulation of brain tissue functions – A possible paradigm shift in biology« und »Brain interactions with RF/microwave fields generated by mobile phones«. International Encyclopedia of Neuroscience, Third Edition, B. Smith and G. Adelman, editors Elsevier, New York.
Als wir jung waren, lebten wir in einem Haus in Gold Coast«, fährt Evette fort. »Es war eine großzügig angelegte Villa mit allen Arten von elektrischen Einrichtungen, die man sich nur vorstellen kann. Vater war in der Telekommunikationsbranche tätig. Er war fasziniert von Technologie und hatte immer die allerneuesten Geräte. Wir hatten extragroße Fernseher, Soundanlagen, Computer für Kinder und Playstations und natürlich Massen von batteriebetriebenem Spielzeug – Tiere, Helikopter, Autos … einfach alles. Paul spielte ständig Computerspiele. Wenn nicht, dann las er digitale Bücher am e-Helper.
Ich erinnere mich gut an das Haus, obwohl ich erst sechs war, als wir fortzogen. Und ich erinnere mich, wie schlecht es Paul ging. Er versäumte viel von der Schule, weil wir ständig in den Warteräumen der Ärzte rumsaßen.«
Mandi hat eine Frage: »Welche Beschwerden hatte Paul? Und wie lautete die Diagnose der Ärzte?«
»Ich kann mich nicht an alle seine Symptome erinnern und Mutter spricht nicht darüber«, sagt Evette. »Aber ich erinnere mich, dass er Medizin gegen Asthma, verschiedene Anfälle und Allergien bekam. Mutter hat sich ziemlich aufgeregt, als die Ärzte begannen, ihn als hyperaktives Kind mit Lernschwäche abzustempeln. Sie versuchten alles, um ihm zu helfen, und hatten alle möglichen Diagnosen parat. Er bekam die verschiedensten Medikamente und Injektionen. Auch ein paar Sitzungen mit Akupunktur hat er mitgemacht. Aber Paul sprach auf keine Behandlung dauerhaft an. Ich will gar nicht daran denken, was all die Chemie in seinem Körper bewirkt hat …
Jedenfalls: Alles änderte sich schlagartig, als wir einmal auf Urlaub fuhren. Sonst waren wir immer nach Sydney gefahren, um Nana – Mamas Mutter – zu besuchen. Aber diesmal hatte Mutter beschlossen, dass wir ein ‚Campingabenteuer‘ außerhalb der Stadt erleben würden. Ich brauchte viele Jahre, um draufzukommen, dass die drastische Änderung unseres Lebens, die während dieses Urlaubs passierte, kein Zufall war, sondern Mutters Absicht. Sie hatte genug von Ärzten und Medizin. Bei diesem Urlaub hatte sie auf Pauls Medikamente ‚vergessen‘.«
»Sie vergaß seine Medizin?«, fragt Mandi. »War es damals, als er …«
»Nein«, sagt Evette. »Paul starb erst ein paar Jahre später. In diesem Urlaub wurde er sehr krank – Fieber, starke Migräne, Erbrechen –, aber er starb nicht. Jedoch im Laufe dieser vier Wochen und vor allem, als wir uns noch weiter von den Städten entfernten, besserte sich sein Zustand. In Gold Coast, wo es Paul schlecht ging, liefen wir nur selten herum. Aber hier, im Urlaub, taten wir das sehr wohl. Wir spielten Abfangen und Verstecken. Wir liefen und tollten umher.
Eine Stelle, an der wir campierten, war in einer Schlucht, nahe bei einem Wasserloch. Da waren diese wunderbaren Bäume. Ihre Zweige hüllten unsere Zelte ein und ihre Schatten kühlten sie. Das Wasser in dem Loch war eiskalt, aber Paul und ich waren nicht davon wegzubringen. Es war so aufregend, alles zu erkunden. Wir sammelten ein paar Kilo Gestein, das wir für Gold hielten. Von dem Geld würden wir uns ein Haus in der Schlucht bauen lassen, um dann dort alle zusammen zu leben.«
»Und das war in der Nähe von Nimbin?«, fragt Mandi. »War es das, was euch dazu brachte, in Nimbin zu leben?«
»Natürlich hatten wir kein Gold gefunden – sondern kiloweise Kiesel«, lacht Evette. »Aber kurz danach zogen wir tatsächlich nach Nimbin. Mutter bestand darauf, unsere Lebensweise komplett zu ändern. So wurden wir aus einer Familie, die jede Art von elektrischen Geräten besaß, zu einer, die absolut nichts von der Art hatte. Wir hatten in Nimbin keinen Fernseher, keine Mikrowelle, keine Waschmaschine, keinen Haarföhn, keine Alarmanlage, kein Elektronikspielzeug … nichts. Mutter wurde auch immer mehr … nun ja – geheimnistuerisch. Sie schloss oft die Schlafzimmertür ab und wir hörten nur noch ihre gedämpfte Stimme durch die Wand.«
»Klingt, als ob Ihre Mutter ahnte, dass Paul ein elektrosensitiver Mensch war«, bemerkt Mandi.
»Ja, ich bin sicher, sie wusste es. Deshalb irritiert mich auch ihre Reaktion auf meine Forschungen in diesem Bereich so sehr«, sagt Evette nachdenklich. »Jedenfalls ging es Paul besser. Die Arztbesuche wurden weniger und Paul war die meiste Zeit gesund. Von Zeit zu Zeit bekam er immer noch seinen Ausschlag oder einen Anfall, aber die meiste Zeit ging es ihm recht gut. Mutter gab uns zuhause Privatunterricht, ich kann also Pauls Leistungen nicht mit denjenigen anderer gleichaltriger Kinder vergleichen, aber Paul machte große Fortschritte. Hatte er zunächst noch mit mir zusammen Hausaufgaben gemacht – auf meinem Niveau –, so war er bald so weit, dass er Konzepte verstand und Arbeiten durchführte, die seinem eigenen Alter entsprachen und sogar darüber hinausgingen. Ich habe fast nur gute Erinnerungen an diese sieben Jahre.«
»Fast nur?«, fragt Mandi nach.
»Na ja, zuerst
pendelte mein Vater täglich zur Arbeit – jede Strecke eineinhalb
Stunden –, aber schon nach ein paar Wochen fuhr er am Montag ab und
kam erst am Freitag zurück. Dann blieb er auch die Wochenenden in
Gold Coast, um zu segeln. Wegen Paul weigerte sich Mutter, mit uns
in die Stadt zu fahren, und so bekamen wir Vater nie zu Gesicht.
Nach einem halben Jahr verunglückte Vater beim Segeln tödlich.
Mutter fuhr ein paar Tage ohne uns nach Gold Coast, um
herauszufinden, was passiert war, aber sein Leichnam wurde nie
gefunden. Es gab nur einen Gedenkgottesdienst in
Nimbin.«
»Das tut mir Leid«, sagt Mandi gedämpft. »Was geschah danach? Ich dachte, Paul ging es gut in Nimbin?«
»Es ging ihm gut«, sagt Evette. »Wahrscheinlich zu gut. Es ging ihm gut, also wollte er zur Schule gehen. Er wollte ein ‚normales‘ Kind sein. Es gab lange Diskussionen und Streitereien darüber, ob Paul zur Schule gehen dürfte oder nicht. Es gab Tage, an denen niemand im Haus auch nur ein Wort sprach. Das einzige Geräusch war von Zeit zu Zeit ein Türenschlagen. Schließlich gab Mutter nach. Sie sagte, wir könnten beide in Lismore zur Schule gehen. Die Schule war gut, aber sie war eben wie jede andere Schule: Es gab Computer, jeder hatte einen e-Helper, und überall waren elektrische Geräte. Paul und ich hatten auch allerlei elektronische Spielereien, von denen Mama natürlich nichts wusste. Wir wurden so wie alle Kinder. Nur, dass Paul nicht wie jedes andere Kind war.«
Mandi und Evette blicken schweigend durch die Windschutzscheibe nach vorne. Beide sind in Gedanken versunken. Evette wird von Bildern überschwemmt: Sie und ihr Bruder auf einem Campingplatz, Paul hält ihre zarten Hände in den seinen. Er führt sie durch die Schlucht, am Bachbett entlang, beschützend geht er wasserseitig, damit sie nur ja nicht ausrutschen und hineinfallen kann. Dann in Nimbin: Sie beide hocken auf dem Boden, an den Schultern geben sie sich Halt. Sie beobachten die Hühner in ihrem neuen Bau, der wie ein großer umgedrehter Obstkorb aussieht. Aus grobem Geflecht. Der beißende Geruch des Hofes vor dem Haus in Nimbin wird wieder lebendig und Evette kann das gedämpfte Gackern der drei Hühner hören. Da ist sie und ihr Bruder, wie sie lachend Orangen vom Baum pflücken, direkt unter dem Schlafzimmerfenster ihrer Eltern. Sie versuchen leise zu sein, um sie nicht aufzuwecken, aber gerade in diesem Augenblick hopst ein Känguru vorbei und vor lauter Aufregung vergessen sie leise zu sein …
Mandi überfliegt in Gedanken ihre
Forschungstätigkeit im Bereich der elektromagnetischen
Umweltverschmutzung. Sie hatte unzählige Berichte über
Elektrosensitive gelesen. Sie las über Kinder, die an einer
seltenen Immunschwäche litten, nachdem sie in einem Haus gelebt
hatten, das nur 12 Meter von zwei Hochspannungsleitungen entfernt
war … Ein Mann bezeichnete sich selbst als elektromagnetischer
Detektor. Sein Gespür für Strahlung manifestierte sich in Form von
Schmerzen und anderen Krankheitssymptomen, einschließlich Nieren-,
Rücken- und Gelenksschmerzen, und Flecken auf der Zunge … Und
da war die Frau, die ihren Zustand beschrieb‚ als wäre ihr ‚der
Stecker gezogen worden‘. Diese zuvor sehr aktive Frau litt unter
Gedächtnisverlust, Schlafproblemen, Depression, Apathie und
allgemeinem Unwohlsein sowie unspezifischen Schmerzen. Sie führte
das alles auf eine schlechte Verkabelung ihres Hauses zurück und
als sie einen Generalabschalter einbauen ließ, verbesserte sich ihr
Zustand.
Mandi las nicht nur die persönlichen Leidensgeschichten, sondern auch die veröffentlichten Forschungsberichte, deren Ergebnisse durchgehend als ‚nicht schlüssig‘ bezeichnet wurden. Sie las Berichte über Schafe, die in der Nähe eines Hochspannungsmasten gegrast hatten. Bei einigen von ihnen war das Immunsystem beeinträchtigt. Aber die anderen hatten keine Gesundheitsprobleme. Und sie las über Kühe, die magnetischen Feldern ausgesetzt gewesen waren. Die Bandbreite der Auswirkungen reichte von keinem offensichtlichen Effekt über reduzierte Milchproduktion und Verhaltensstörungen bis hin zu Problemen mit der Fruchtbarkeit.
Vielleicht
waren die Forschungsergebnisse nicht ‚schlüssig‘, weil Menschen
keine einfache, eindeutige genetische Landkarte haben. Individuelle
Unterschiede bestimmen weitgehend die Sensibilität gegenüber
Umwelteinflüssen und die entsprechenden Reaktionen darauf, wie
Allergien oder Immunität. Ein Forscher, der zwei Jahre lang mit
einer Herde Kühe experimentiert hatte – er führte sie auf eine
Weide in der Nähe einer TV- und Radiosendestation und wieder weg
davon –, fand derartige Unterschiede innerhalb der
Herde15. Mandi war der Meinung, dass jeder lebende
Organismus – ob Kuh, Ratte, Mensch oder Pflanze – solche
individuellen Reaktionen aufweise.
Sie hat einmal gelesen, dass einer von zehntausend Menschen auf elektromagnetische Strahlung reagieren würde. Waren das die Elektrosensitiven? Wie kam solch eine Statistik zustande? Auf der Basis von Berichten der Betroffenen? Was war mit den Leuten, die ihre Symptome dem allgemeinen Stress anlasteten oder einem allgemeinen Erschöpfungssyndrom oder einem »krank machenden Gebäudesyndrom« oder irgendeiner anderen Krankheit, die gerade modern war? Was waren die Kriterien, um zwischen dem einen Syndrom und einem anderen unterscheiden zu können? Oder waren all diese Zivilisationskrankheiten das Ergebnis der geballten gemeinsamen Wirkung der verschiedenen Umwelteinflüsse, denen wir ausgesetzt sind?
Experimente an
Ratten hatten den Ausschlag gegeben, dass Mandi vor zehn Jahren mit
ihrer eigenen Forschung begann. In Schweden hatte man Ratten
täglich zwei Stunden lang elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt.
Die Tiere waren zwischen zwölf und sechzehn Wochen alt, die
Entwicklung ihres Gehirns entsprach also ungefähr der eines
menschlichen Teenagers. Das Resultat dieser mittleren bis starken
Bestrahlung war eine große Menge abgestorbener
Gehirnzellen.
Das Schockierendste an dieser Untersuchung war aber, dass diese Veränderungen auf Zellebene schon bei ganz alltäglichen Strahlungsmengen zu beobachten waren. Die Strahlungsmenge, denen die Ratten bei diesem Experiment ausgesetzt waren, entsprach der Menge, die ein älteres Handy produziert, wenn es ans Ohr des Benutzers gehalten wird. Teenager halten sich täglich genau solche Handys genauso lange ans Ohr, wenn nicht länger16. Das Experiment war keine Überlegung im Elfenbeinturm, es war realistisch. Der Zusammenhang zwischen Handynutzung und abgestorbenen Gehirnzellen war – gelinde gesagt – ernüchternd.
15 Siehe auch W. Löscher und G. Käs, »Conspicuous behavioural abnormalities in a dairy cow herd near a TV and Radio transmitting antenna«, Prakt. Tierarzt 79:5 (1998), 437–444.
Mandi wusste,
dass die Gehirnzellen von Ratten denen von Menschen ähneln, und
daher war sie durch diese Forschungsergebnisse irritiert, aber auch
neugierig geworden. Mangels an Experimenten an Menschen, was sagten
Untersuchungen an Gehirnzellen von Ratten wirklich aus? Konnte man von Rattengehirnen
Rückschlüsse auf Menschengehirne ziehen? Auf Teenagergehirne? Diese
Parallelen wurden tatsächlich von mehr als nur einem Experten
gezogen, als der Bericht veröffentlicht wurde. Aber berücksichtigt
eine derartige Extrapolation auch die individuellen Faktoren, deren
Existenz Mandi als gegeben ansieht? Ist eine Dauerbelastung ein
erschwerender Faktor? Summiert sich elektromagnetische Belastung
mit der Zeit auf oder wird sie über die Zeit eher »auf null
gestellt«, ausgelöscht?
Während Mandi sich immer tiefer in das Thema versenkte, kam ihr der Gedanke, ob sie vielleicht sogar selbst eine elektrosensitive Person sein könnte. Auch sie litt unter den Symptomen, die in den Fallstudien im Internet aufgeführt waren: Migräneanfälle, Müdigkeit, gelegentliche Übelkeit, juckende Haut. Allerdings konnte sie die Ursachen ihrer Beschwerden nie genau ausmachen. Sie konnten genauso gut andere Gründe haben: Übernächtigkeit, Belastung der Augen, Stress usw. Es gab einfach zu viele Variablen in ihren Lebensumständen. Wie konnte sie also behaupten, eine Elektrosensitive zu sein, wenn sie nicht rigoros alle anderen potenziellen Ursachen ausschließen konnte?
Aber war nicht gerade Mandis Situation – nämlich die Unmöglichkeit, eine direkte kausale Verbindung zwischen Ursache und Wirkung herzustellen – typisch für den gesamten Forschungsbereich? War hier nicht die Crux des Problems? Wie kann man eine Tatsache auf eine Ursache zurückführen, wenn die Tatsache regelrecht in der Ursache »aufgeht« oder besser: untergeht? Die Ursache wird dadurch normalisiert, dass sie einfach die gegebene Realität darstellt und nicht irgendein kontrolliertes Szenario. Am Ende kam Mandi zu dem Schluss, sie sollte sich stärker mit ihrer eigenen Hypochondrie auseinander setzen und ihr Altern akzeptieren.
16 Für weitere Information siehe Leif G. Salford et al., »Nerve Cell Damage in Mammalian Brain after Exposure to Microwaves from GSM Mobile Phones.« Environmental Health Perspectives, 111: 7, Juni 2003.
Jedes Mal, wenn Mandi diese Gedanken denkt, würde sie sich am liebsten selbst in den Hintern treten dafür, dass sie ihre Forschungen nicht weitergeführt hat. Immer und immer wieder führt sie dieses geistige Selbstgespräch mit der abschließenden Selbstbeschuldigung, und immer wieder ist sie sicher: Hätte sie weitergemacht, sie hätte eine reelle Chance gehabt, tatsächlich relevante und schlüssige Ergebnisse zu produzieren. Sie weiß: Die Fakten sind da; sie muss nur die geeigneten Versuche entwerfen, um sie auch festzuhalten, und die beste Vorgangsweise finden. Ramus Arbeitsweise …
Wenn sie ihre Erfolglosigkeit in der elektromagnetischen Feldforschung analysiert, findet Mandi immer wieder dieselben beiden Ursachen: Zeitmangel und Geldmangel. Die Zeit hatte sie im Newman-Projekt vergeben und das Geld, na ja, das war einfach weg, die Geldquellen versiegt. Welches Unternehmen würde sie auch unterstützen, wenn ihre Arbeiten zeigen würden, dass seine Produkte gesundheitsschädlich sind?
Bis heute passt das meiste der Forschung an elektromagnetischer Strahlung gut zu Mandis Spezialgebiet, nämlich den Umwelteinflüssen moderner Technologie. Es ist offensichtlich – wenn auch vielleicht noch nicht ‚schlüssig‘ beweisbar –, dass es schädliche Umwelteinflüsse gibt, und der entscheidende Faktor dahinter ist definitiv die moderne Technologie. Für Mandi gibt es keinen Zweifel, dass die Wirkung von e-Smog über das hinausgeht, was derzeit in der Forschung dokumentiert ist. Sie ist sicher, dass auch Bereiche wie Neurologie und Zellbiologie davon betroffen sind, Bereiche, die Spezialgebiete von Ramu waren. Mit ihrem kombinierten Fachwissen wären Ramu und Mandi prädestiniert dazu gewesen, einen entscheidenden Beitrag zu dieser Forschung zu leisten. Mandi ist davon überzeugt, dass elektromagnetische Strahlung irgendwie – entweder direkt oder indirekt – tief in den genetischen Plan von Pflanzen, Ratten und Kühen eingreift. Und von Menschen …
Vor ihnen liegt der Parkplatz »Zum
Termitenhügel«, also blinkt Mandi und schwenkt in die Anfahrt ein.
Neben dem Parkplatz ist ein kegelförmiger Bau, doppelt so groß wie
die Frauen und mindestens zehn Mal so dick wie sie beide zusammen.
Zeit für interessante Entdeckungen!