9 SPLITTER

9.1 Haustiere in Städten?


Wer hat nicht schon mit Begeisterung Eichkätzchen im Park beobachtet, Vogelgezwitscher gehört, Rehe im Wald gesehen, Gämsen in Felswänden gesucht, Hunde als Beschützer eines einsam stehenden Hauses erlebt?

Wer hat sich andererseits nicht auch schon belästigt gefühlt durch Hunde in einem Restaurant, durch von Hunden verschmutzte Gehsteige, durch jaulende Katzen; oder hat sich nicht schon über den Geruch, den Schmutz und die Zerstörung geärgert, die Hunde oder Katzen in einer Wohnung verursachen … selbst wenn es die eigenen Tiere sind?

So schön Tiere sind, größere Haustiere gehören meiner Ansicht nach nicht in Stadtwohnungen und größere Städte. Ich beschränke mich heute auf die Diskussion über Hunde und Katzen, denn kleinere Tiere wie Mäuse, Meerschweinchen, Vögel (von den Tauben abgesehen) oder Fische belästigen, wenn überhaupt, die Familie des Besitzers, aber sonst niemanden; und größere Tiere werden in Städten ja nur wenig gehalten.

Bei Katzen betreffen mögliche Einwendungen hauptsächlich frei laufende Tiere, die nicht nur viele nette Kleintiere wie Vögel und Eichhörnchen (ver-)jagen, sondern die sich oft stark vermehren und zur Verschmutzung der Städte beitragen. Auch im Grüngürtel der Städte kann man sich durch frei laufende Katzen belästigt fühlen. Muss man es sich wirklich gefallen lassen, dass die Katzen der Nachbarn den eigenen Garten verunsichern?

Noch kritischer ist die Situation bei Hunden. Das »Äußerln«-Gehen in Städten ist schlichtweg eine Zumutung. Nicht nur ist der Hundekot unangenehm und ein hygienisches Problem, auch die »anderen« Markierungen, die ein Hund hinterlässt, sind für jeden Haus- und Lokalbesitzer ein Ärgernis und verschandeln jede Stadt. Ich bin dafür, dass das Halten von Haustieren so beschränkt wird, dass diese die Wohnung bzw. den eigenen Garten nur kontrolliert und an einer Leine verlassen dürfen und nur dann, wenn gesichert ist, dass sie keine Verschmutzungen verursachen. Konkret heißt das, dass man zum Beispiel Hunde nur dann in einer Stadt halten kann, wenn ein Garten verfügbar ist. Hunde dürfen demnach auch bei Spaziergängen im Stadtgebiet nicht mitgenommen werden, sondern nur außerhalb von Städten und auch dort an der Leine.

Der Hund als Freund und Bewacher hat nur eine sinnvolle Funktion bei einzeln stehenden Häusern, auf großen Grundstücken oder bei loser Verbauung. Er hat in Städten, vor allem in Stadtkernwohnungen, nichts zu suchen.

Folgen wir endlich dem Beispiel der Stadt Reykjavik auf Island, die schon 1924 ein generelles Hundeverbot erließ.



9.2 Bären in Österreich?


In bunten Broschürchen wird in rührseliger Weise über die lieben, ohnehin gar nicht gefährlichen Tierchen berichtet, die im Rahmen eines »Jahrhundertprojektes« endlich dort, wo sie früher schon gelebt haben, wieder heimisch gemacht werden sollen. Diese Aktion ist falsch und gefährlich. Wenn man versucht, das Rad der Zeit zurückzudrehen, dann kann man sich nicht auf Einzelmaßnahmen beschränken. Bären waren in Österreich weit verbreitet, als hier nicht einige Millionen, sondern nur einige hunderttausend Menschen lebten. In einem dicht besiedelten Land Bären anzusiedeln geht nur, wenn man einen größeren Landstrich weitgehend frei von Menschen hält. Es mag sein, dass dieser Nebeneffekt dem WWF sehr recht ist. Nur sollte er es dann auch deutlich sagen. Die Darstellung, dass Bären und Menschen im selben Gebiet reibungslos zusammenleben können, ist unrichtig. Da ich annehme, dass der WWF recht gut über Bären Bescheid weiß, sind solche Aussagen eigentlich nur noch als Lügen einzustufen.

Ich weiß, wovon ich rede; ich habe sechs Jahre lang in Westkanada gelebt und bin immer wieder auf Bären gestoßen. Natürlich sind Bären keine wilden Raubtiere, die Menschen als Nahrung betrachten; Bären greifen Menschen »im Prinzip« nicht an. Wohl aber, wenn sie gereizt oder erschreckt werden, wenn sie ihre Jungen in Gefahr glauben oder weil sie schlecht aufgelegt sind, zum Beispiel, weil sie Zahnschmerzen haben. Ich erwähne Zahnschmerzen, weil ich mich an einen konkreten Fall erinnere, bei dem zwei Wanderer getötet wurden und einer schwer verletzt von einem Bären, bei dem (nachdem man ihn verfolgt und erschossen hatte) ein eitriger Zahn festgestellt wurde. Bären lieben auch den Geruch von Speck, Räucherwurst, von manchen Süßwaren etc. Sie machen sich daher gerne an Rucksäcke heran, wobei das, wenn sich diese auf dem Rücken von Wanderern befinden, für die Wanderer eher unangenehm sein kann, obwohl der Bär den Menschen gegenüber gar keine schlechten Absichten hegen mag. Bären lernen schnell – und darum ist das Zusammenleben Bär – Mensch sehr viel schwieriger, als der WWF behauptet –, dass in der Nähe von Menschen leicht Nahrung zu finden ist: in Rucksäcken, in Zelten, in der Nähe von Bauernhöfen, in Mistkübeln usw. Wer das nicht glaubt, soll sich bitte einmal ansehen, wie kunstvoll in Westkanada Mistkübel an Eisenketten aufgehängt sind, damit Bären nicht an den Müll heran können. Haben sich Bären nämlich einmal daran gewöhnt, in Mistkübeln oder Papierkörben zu wühlen, dann verteidigen sie diese fallweise auch als ihren Besitz gegen zufällig vorbeikommende Menschen.

Kurz und gut, Autofahren ist vermutlich gefährlicher als in einem Wald zu wandern, in dem Bären leben, vor allem, wenn man einige vernünftige Regeln einhält: keine stark riechende Nahrung mitführen, ein kleines Glöckchen am Blue-Jean-Bein, um zu verhindern, dass man Bären »überrascht« (sie hören relativ schlecht), usw. Aber Bären sind trotzdem gefährlich und, so sicher, wie Sie dies lesen, wird es auch in Österreich ab und zu schwere und selbst tödlich verlaufende Unfälle geben, wenn Bären angesiedelt werden in Gegenden, in denen auch Menschen sind bzw. wandern.

Dies wird sich nach den ersten Unfällen auch herumsprechen. Wanderer werden die von Bären bewohnten Gegenden meiden oder jedenfalls die dicht begangenen markierten Wege nicht verlassen. Ich kann den Verdacht nicht abschütteln, dass der WWF, gestützt dabei von Forstbehörden und Jagdverbänden, genau dies erreichen will (ja die Bären vielleicht nur ein geschicktes Mittel sind, um dieses Ziel durchzusetzen). Es mag nämlich einigen Befürwortern der Bären sehr gelegen kommen, wenn Wanderer endlich nicht mehr von den Wegen abweichen, um ein paar Schwammerl oder Beeren zu sammeln oder um eine Rast zu halten an einer besonders schönen Stelle eines Baches, ein bisschen weg vom Wanderrummel.

Jeder der das »Jahrhundertprojekt: Bären in Österreich« unterstützt, lässt sich einen Bären aufbinden, lässt sich für dumm verkaufen. Die Zeit der Bären in Österreich ist vorbei, genauso wie die Zeit der Raubritter, der Berglöwen, der Dinosaurier und der Ammoniten. Bären außerhalb von Tiergärten haben nur etwas zu suchen in dünn besiedelten Waldlandschaften, wo weit und breit keine Menschen wohnen bzw. vorbeikommen.

Solche Gegenden gibt es (leider) in Österreich nicht mehr. Abgesehen von Nostalgiegefühlen (gefördert von schönen, aber doch gefährlichen Fast-Kitsch-Berichten wie im Film »Der Bär«) werden Bären in Österreich nur zweierlei bewirken: erstens ab und zu einen bösen Unfall (ich hoffe, dass das erste Opfer den WWF klagt!), zweitens Gegenden in Österreich, die von Wanderern bis zu einem gewissen Grad gemieden werden – zur Freude der dort tätigen Jägerschaft. Ob das die meisten von uns erreichen wollen? Ich nicht!

PS: Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte den WWF für eine an sich unterstützenswerte Organisation. Viele seiner Aktionen dienen in vernünftiger Weise der Erhaltung der Tierwelt. Bei der besprochenen Aktion »Bären in Österreich« geht der WWF aber einen falschen Weg.



9.3 Frauen in alle Gremien!


Etwa 50 % der Bevölkerung sind Frauen. In allen wichtigen Führungsfunktionen aller europäischer Staaten sind Frauen prozentuell viel schwächer vertreten, werden also die Anliegen der Frauen unterproportional berücksichtigt. Dies gilt vom Parlament bis zu den Gemeinden, von der Leitung von Großbetrieben bis zu den Universitäten. Auf diesen Tatsachen baut die Argumentation auf, dass alle wichtigen Funktionen etwa halb-halb mit jeweils Frauen bzw. Männern besetzt werden sollten. Und dieser Argumentation haben sich inzwischen viele großen Parteien, Organisationen  und Gremien auf den verschiedensten Ebenen angeschlossen.

Trotzdem ist diese Argumentation schlichtweg schwachsinnig. Nur scheinen das die meisten entweder nicht zu begreifen oder wagen es nicht zu sagen, damit sie nicht als »frauenfeindlich« bezeichnet werden. Ich bin nicht frauenfeindlich. Ich bin für Chancengleichheit für alle, für eine gerechte Vertretung aller Menschen in allen wichtigen Gremien. Das beinhaltet natürlich (wieso muss man das überhaupt erst sagen?) alle Frauen. Eine Trennung unserer Gesellschaft in Männer und Frauen jenseits der (trivialen) Feststellung, dass es eben Männer und Frauen gibt, ist künstlich, erzeugt Fronten, die es gar nicht geben sollte, und, vielleicht am wichtigsten, ist unvertretbarer Unsinn. Wenn wir eine Quotenregelung für Frauen einführen, dann müssen wir das auch für andere Gruppen tun. Zum Beispiel sind die 18- bis 30-jährigen Österreicher (mehr als 20 % der Bevölkerung) in allen wichtigen Gremien unterrepräsentiert, obwohl gerade sie durch neue Ideen Wesentliches beitragen könnten und obwohl gerade sie von Beschlüssen mit langfristigen Auswirkungen besonders betroffen sind. Die landwirtschaftliche Bevölkerung ist genauso unterrepräsentiert wie die große Anzahl der Pensionisten, obwohl manche Entscheidungen diese Menschen arg betreffen und adäquate Informationen nur aus diesem Personenkreis kommen können. Die Behinderten in Österreich müssten bei einer Quotenregelung doch sicher auch berücksichtigt werden; vielleicht auch alle Österreicher, die erst 20 oder weniger Jahre in diesem Land sind oder die zwischendurch fünf oder mehr Jahre im Ausland waren. Sie haben sicher besondere Bedürfnisse und für Österreich wichtige, sonst nicht vorhandene Erfahrungen. Ich nehme an, dass Katholiken, Protestanten, Muslime und Personen ohne Glaubensbekenntnis entsprechend ihrer Prozentzahlen berücksichtigt werden sollten. Auch Maturanten und Personen mit akademischen Graden sollten mit Recht murren, wenn sie bei einer Quotenregelung nicht bedacht werden (wobei es sicher ein interessantes Problem ist, ob man AHS- und HAK-Maturanten, Diplomingenieuren und Magistern usw. eigene Quoten zuteilen müsste). Vielleicht könnten auch die kahlköpfigen Friseure, die Klasse der Brillenträger (nach Dioptrien gestaffelt?), alle Blauäugigen, alle Menschen mit IQ größer als 140, alle Übergewichtigen (oder was weiß ich wer sonst noch) mit guten Gründen ihre Quoten beantragen.

Ich weiß nur eines: Alle oben erwähnten Gruppen (und es gibt natürlich Tausende weitere, die sich noch dazu wild überschneiden) sind – soweit sie eine entsprechende Staatsbürgerschaft besitzen – gleich zu behandeln. Eine Quotenregelung für Frauen ist ungerecht, weil man nicht willkürlich eine Gruppe durch eine solche Regelung auszeichnen kann.

Positionen sind überall nur nach einem Gesichtspunkt zu besetzen: Qualifikation.

Sorgen wir dafür, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft weitgehende Chancengleichheit haben, durch zum Beispiel freien Zugang zu allen Ausbildungsinstitutionen für alle einschlägig begabten Personen. Wehren wir uns gegen jede Diskriminierung aller Menschen, aber akzeptieren wir bitte, dass einer Person eine Aufgabe auf Grund der dafür besten Voraussetzungen übertragen wird, nicht weil diese Person einer bestimmten Gruppe angehört, die man »daher« prozentuell berücksichtigen muss. Auf die Spitze getrieben müssten wir sonst in unserer Fußball-Nationalmannschaft vielleicht einmal einen Gehbehinderten aufnehmen …


Ausnahmsweise hier ‚als Gegenpol’ eine Stellungnahme, nämlich von Frau Professor Britta Schinzel aus Freiburg, die sich mit dem Thema »Informatik und Frau« sehr intensiv auseinander gesetzt hat:

»Der Tenor des Artikels ist der, dass das einzige vernünftige Kriterium zur Besetzung von Positionen nur die Qualifikation der BewerberInnen sein kann. Dem kann frau nur zustimmen.

Implizit wird weiter insinuiert, dass wohl die meisten gutwilligen Entscheidungsträger diesem Grundsatz folgen und nicht nach patriarchalischen Gesichtspunkten einstellen. Ich persönlich kenne keinen Mann, der nicht von sich behauptet, in dieser Hinsicht ganz gerecht zu denken und zu handeln, wenn nicht gar besonders angestrengt nach qualifizierten Frauen zu suchen (und ich unterstelle keinem einzelnen, am allerwenigsten Herrn Kollegen Maurer, dessen Eintreten für einige Frauen in unserem frauenarmen Beruf ich kenne, dass dem nicht so wäre).

Aber die einzig logische Folgerung, folgt frau diesen Argumenten, kann nur sein, dass Frauen einfach zu wenig qualifiziert sind oder dass auch qualifizierte Frauen sich dem Ausleseprozess des Arbeitsmarktes nicht stellen. Lassen wir Letzteres unberücksichtigt, so stehen sicherlich in sehr qualifizierten Berufen weniger Frauen als Männer zur Verfügung. Dennoch erklärt das noch nicht die extrem geringe Repräsentanz von Frauen in guten Positionen.

Leider werden Frauen entgegen anders lautenden Behauptungen trotz hoher Qualifikation weniger für gut dotierte Stellen berücksichtigt als Männer. Denn noch nie waren so viele Frauen so gut qualifiziert wie heute und dennoch scheint die Zahl der Frauen in Schlüsselpositionen insgesamt abzunehmen. In Deutschland sinken zum Beispiel die Prozentsätze der Wissenschaftlerinnen, besonders der Professorinnen. Zwischen 1980 und 1986 sind 534 Männer mehr Professoren geworden, im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Professorinnen um neun ab. An -Professorinnen gibt es heute nur mehr 3,3 %, noch 1970 waren es 5 % (Quelle: BMBW). Oder es waren zu einem bestimmten typischen Stichtag zum Beispiel in Deutschland 30 % der weiblichen DV-Fachleute und Informatikerinnen arbeitslos, jedoch nur 2 % der männlichen.

An der Universität erhalten Frauen nicht nur erheblich weniger Gelegenheit zu Promotion und Habilitation – dies könnte auch daran liegen, dass sie sich weniger darum bemühen (nicht jedoch an ihrer Qualifikation, da Studentinnen jedenfalls in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern im Schnitt besser qualifiziert sind als ihre männlichen Kollegen) –, sondern zusätzlich erheblich geringere Ressourcen. Dies gilt insgesamt für den weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland, wie eine Studie im Auftrag des BMBW zeigte. Als Hauptfinanzierungsquelle für Promotionsvorhaben konnten 62 % der Männer Hochschulverträge angeben, aber nur 44 % der ohnehin schon wenigen promovierenden Frauen. Schlimmer noch, von denjenigen, die ihre Promotion mit einer Hochschulstelle finanzieren konnten, haben fast 90 % der Frauen, aber nur 60 % der Männer eine Teilzeitbeschäftigung an der Hochschule gehabt. Der zweite Belastungsfaktor ist die Befristung der Verträge. Nur 15 % der Frauen haben unbefristete Verträge, aber 32 % der Männer. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer der Frauen unter den Postdoktoranden beträgt 4,6, die der Männer 5,5 Jahre, die durchschnittliche Vertragslänge bei den Frauen 2,7, bei den Männern 3,8 Jahre. Selbst für kürzere Beschäftigungszeiten mussten die Frauen also mehr Verträge als die Männer abschließen, d. h. aber auch, immer wieder das Arbeitsvorhaben unterbrechen und Sorge über dessen Weiterführung haben. Frau sieht also, dass von Gleichberechtigung in der Wissenschaft, dieser angeblich objektivsten Institution, jedenfalls in Deutschland – darf frau auch auf Österreich schließen? – nicht die Rede sein kann.

Da jedoch fast alle Entscheidungsträger subjektiv ein reines Gewissen haben, kann es sich nur um unbewusste Vorgänge handeln. Tatsächlich werden Frauen weniger nach ihren Leistungen beurteilt denn ob ihres »Äußeren« und ihrer »Nettigkeit«; man hört ihnen weniger zu als Männern, man »denkt nicht an eine Frau« im Zusammenhang mit hohen Qualifikationen.

Außerdem werden fachunabhängige Qualifikationen, die meist ebenso wichtig sind wie die fachlichen, mit der Geschlechtsrolle assoziiert. Für Führungspositionen werden männlich konnotierte Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen, Ehrgeiz, Karrierebewusstsein, Standvermögen usw. verlangt, die scheinbar im Gegensatz zur weiblichen Geschlechtsrolle stehen. Von Frauen verlangt man Anpassungsfähigkeit, Bescheidenheit, Ausgleichsvermögen, Verbreitung eines angenehmen Klimas, lauter Eigenschaften, die auch einer Führungskraft gut anstehen würden, aber nicht von ihr verlangt werden. Eine Durchsicht der Stellenangebote zeigt dies deutlich.

Aus dem Gesagten folgt, dass, wenn man der Aufforderung des Artikels »Frauen in alle Gremien?« folgt, sich nie etwas ändern wird oder gar weiter zum Schlechteren für die Frauen. Dies deutet sich, jedenfalls im Berufsfeld der Informations- und Kommunikationstechnik, als Folge des sozialen Klimas im koedukativen Schulunterricht in diesen Fächern bereits deutlich an. Daher ist Frauenförderung notwendig. In welcher Form, darüber lässt sich streiten. Quotierungen sind ein Reizwort, aber es gibt sie – für Männer: Der Richterberuf in Deutschland müsste größtenteils von Frauen ausgeübt werden, wenn es nach Qualifikationen ginge. Da dies als nicht akzeptabel angesehen wird, hat man die Notenanforderungen für Frauen erheblich gegenüber Männern angehoben. Ebenfalls bei der LVA waren die besseren Zeugnisse der Frauen das Problem. 82 % Frauen und nur 18 % Männer bewarben sich, deshalb sollten die Durchschnittsnoten der Frauen 2,2 betragen, die der Männer nur 3,2 (vgl. Bolle, Strümpel, 1987). Aus Aachen ist mir bekannt, dass in den Verwaltungen (zum Beispiel Stadterwaltung) nur noch Frauen einzustellen wären, ginge es nach Qualifikation. Aber Männer sollen Familien ernähren, Frauen mit Familie brauchen keine Stelle, so die Argumente der »Stadtväter«, die Männer den nachweisbar qualifizierteren Frauen vorzuziehen. In Bulgarien sind 70 % der Technikstudenten weiblich. Da man die »Feminisierung der Intelligentia« befürchtet, sollen die Frauenanteile in allen Studiengängen auf 50 % beschränkt werden und dies, obwohl auch dort gut dotierte Stellen und Führungspositionen trotzdem weitgehend den Männern vorbehalten sind.

Aus den USA ist bekannt, dass überall dort, wo – als Folge des Gleichstellungsgesetzes – der Frauenanteil in einem Beruf sich 20–25 % nähert, Männer sich sehr heftig und mit allen verfügbaren Mitteln gegen einen weiteren Anstieg wehren. Dies liegt vermutlich daran, dass ein hoher Frauenanteil zu einer Entwertung des Berufes führt (zum Beispiel der Lehrberuf) und damit auch leicht zu Einkommensverschlechterungen.

Frau sieht also, dass Männer sich gegen eine Umkehrung der Verhältnisse vehement wehren, und zwar mit sozialen Argumenten und ohne das Qualifikationsargument zuzulassen.


Kommentar des Autors zu den

Argumenten von Schinzel:

Für mich gibt es nur ein einziges Argument für die aktive Förderung von Frauen oder anderen Minoritäten im Vergleich zu anderen Menschen: Frauen (und manche Minoritäten) wurden in der Vergangenheit benachteiligt und um diese historische Fehlentwicklung zu korrigieren, ist ein gewisses »Gegensteuern« wohl vertretbar. »Quotenregelungen« lehne ich ab. Es gibt nicht umsonst den Witz, dass man in den USA jeden Job bekommt, wenn man weiblich, schwarz, jüdisch und körperlich behindert ist, vor allem, wenn man aus Mexiko legal eingewandert ist.



9.4 Mut und Feigheit


Nach einem Heurigenbesuch in Grinzing sitze ich mit einem Freund in einer fast leeren Straßenbahn. Außer uns noch eine junge Frau am anderen Ende des Wagens, vier oder fünf andere Personen irgendwo dazwischen. Mein Freund und ich sind in »philosophische« Gespräche vertieft. Bei einer Haltestelle steigt ein Betrunkener ein, beginnt die junge Frau immer mehr zu belästigen. Alle in der Straßenbahn ignorieren den Vorgang: »Nur nicht in irgendwas hineingezogen werden!« , denken wohl alle.

Mein Freund unterbricht plötzlich das Gespräch. »Entschuldige«, sagt er, »ich muss etwas in Ordnung bringen.« Er steht auf, geht zu dem Betrunkenen die ganze Wagenlänge hinüber, packt ihn am Hemdkragen: »Lassen Sie sofort diese Frau in Ruhe oder Sie kriegen es mit mir zu tun.« Er stößt den Mann mit Kraft weg von der Frau in eine Ecke, bleibt einen Moment stehen, um zu schauen, ob noch weitere Maßnahmen notwendig sind (nein). Er kommt zu mir zurück, setzt sich, redet weiter, als wäre nichts geschehen.

Ich frage später: »Was hättest du gemacht, wenn der dich angegriffen, ein Messer gezückt hätte, oder was Ähnliches?« »Ich hätte mich und die Frau verteidigt.« »Und wenn er dich schwer verletzt oder gar getötet hätte?« »Unwahrscheinlich. Und wenn was passiert wäre, dann wäre es halt Pech gewesen. Aber schlimmstenfalls glaube ich, dass es besser ist, für ein gutes Prinzip zu sterben als irgendwann an Krebs, bei einem sinnlosen Absturz mit einem Paragleiter oder einfach an Altersschwäche. Viel zu viel Böses geschieht heute nur, weil die meisten Menschen zu feige sind, weil sie um ihr Leben viel zu viel Angst haben. Als wäre das Leben nicht etwas, das man garantiert sowieso einmal verliert.«

Wann habe ich das letzte Mal von »Prinzipien« und »dafür einstehen« gelesen? Bei Schiller? In Indianergeschichten? Im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen das Dritte Reich? Irgendwie hat das »Für-Prinzipien-Eintreten, koste es, was es wolle« im 20. Jahrhundert auch einen bösen Beigeschmack bekommen: Zu oft ist das Hochhalten von Prinzipien oder gar nur der Symbole für Prinzipien missbraucht worden, um stures oder unmenschliches Verhalten zu entschuldigen.

Und doch: Unterm Strich sind wir heute zu feige, zu wenig bereit, auch wenn es unangenehm wird, nicht nachzugeben. Viel zu schnell schauen wir weg, fühlen uns nicht mehr verantwortlich. Spontaner Mut und zähe Zivilcourage sind positive Eigenschaften, die wir wieder systematisch lernen und lehren müssen. Die Mutproben junger Indianer, das immer wieder als lächerlich abgetane Mensurenschlagen einzelner Studentenverbindungen sind vielleicht Beispiele für eine wichtige Erkenntnis: Ein Pilot reagiert in Gefahr nur dann richtig, wenn er oftmals im Kopf diese Gefahr durchdacht hat oder Simulationen davon erlebt hat. Analog reagiert jeder von uns in kritischen Situationen nur dann, so wie er sollte, wenn er sich energisch und oft genug mit solchen Situationen auseinander gesetzt hat.

Als Bub wurde ich mit einer Gruppe von Kindern, als wir mit einem Verwandten unterwegs waren, von einem Stier angegriffen. Der Erwachsene war schneller als wir Kinder, »rettete« sich über einen Zaun. Uns »erwischte« der Stier. Nun, es geschah nicht viel. Dem Verwandten war dieser Vorfall ein halbes Leben lang peinlich. Ich lernte etwas davon: So würde ich mich nie verhalten wollen. Jahre später, in Kanada, mit Frau und Kindern unterwegs, erlebte ich bei der Begegnung mit Bären und einmal mit einem Cougar (Berglöwen) fast die Notwendigkeit einer Probe aufs Exempel. Damals wie heute kann ich nur sagen, ich hoffe, dass ich nicht davonrennen würde, wenn’s darauf ankommt, … und glaube, dass das Nachdenken über mögliche Situationen, aber auch kleine Mutproben – und sei es nur ein »Aufmucken« gegen eine Autorität, dort, wo es gerechtfertigt ist – die Chance erhöhen, dass wir gegebenenfalls »richtig« reagieren.

Das Buch »The Red Badge of Courage« von Joseph Conrad, der »Klassiker« zum Thema Mensch, der befürchtet, notfalls den erforderlichen Mut nicht aufzubringen, und der sich letztlich so mit dem Problem beschäftigt, so an sich arbeitet, dass er es eben doch schafft; oder der tschechische Widerstandskämpfer von George Louis Borges, der sich alle Varianten seiner bevorstehenden Hinrichtung ausmalt, um mit seiner Angst fertig zu werden: Beides sind Beispiele für die Ansicht, dass man das »Mit-der-Angst-und-mit-dem-Tode-fertig-Werden« genauso lernen muss wie alles andere. Wir verdrängen Schmerz, Angst, Tod, ja sogar das Reden oder Lehren über diese so weit, dass wir dann völlig unvorbereitet in Situationen stolpern, denen wir nicht gewachsen sind.

Alle Passanten haben vor einigen Jahren weggesehen, als ein Mensch in der Kärntnerstraße buchstäblich zu Tode getrampelt wurde; wie viele Flugzeugentführungen weniger würde es geben, wenn bei der ersten Gewaltanwendung von Gangstern gegen Passagiere diese geschlossen und ohne Zögern die Verbrecher attackierten … Alle Versuche wären dann zum Scheitern verurteilt. Wir alle sagen heute großartig, dass die vielen »Wegschauer« unter dem Hitlerregime feige gehandelt haben … Wie viele von uns würden sich heute anders verhalten?

Die Journalisten im Teheran-Hilton, die am Morgen um andere Zimmer baten, weil die Todesschreie der Gefolterten sie zu sehr im Schlaf störten, vermutlich nicht. »Lieber rot als tot«, hörte man vor Jahren von vielen als Parole: Sich lieber notfalls einer kommunistischen Diktatur unterwerfen als gegen eine kämpfend sterben, war damit gemeint: Vernünftig oder Egoismus? Egoismus, denke ich, weil der Anspruch auf freies Leben der Kinder und anderer Menschen gering bewertet wird gegenüber dem eigenen Leben. Selbst Bert Brecht hat ja geschrieben: »Was geschieht, wenn sie Krieg machen und keiner geht hin? Dann kommt der Krieg zu dir.« (Wobei der zweite Satz oft bewusst unterschlagen wird.)

Ich plädiere für einen neuen Stellenwert – auch und vor allem in der Erziehung – für Zivilcourage, für das Einstehen wenigstens für Menschen oder »menschennahe« Prinzipien, auch wenn mir das Eintreten für abstrakte Begriffe (»Fahne«, »Vaterland« …) genauso suspekt geworden ist wie den meisten von uns. Ich plädiere dafür, dass wir uns und unser Leben (und je älter wir werden, umso mehr gilt das für jeden von uns) nicht zu ernst nehmen: Begrenzt ist das Leben sowieso!

Mir erscheint die letzte Überlegung, dass »Mut« und »Feigheit« auch in Relation zum Alter bzw. zur Verantwortung gesehen werden sollten, diskussionswürdig. Während ich zum Beispiel von mir erwarten würde, gegebenenfalls auch unter Lebenseinsatz für einen anderen Menschen einzutreten (ob ich dazu allerdings gegebenenfalls den Mut haben würde?), erwarte ich das von einem Familienvater, dessen Angehörige voll von ihm abhängen, nicht: Immerhin bin ich über fünfzig, meine Kinder sind »versorgt«, niemand braucht mich wirklich mehr … und vor einem Herzinfarkt übermorgen bin ich ohnehin nicht gefeit.



9.5 Angst


Anmerkung: Der vorhergehende  Beitrag wurde schon online veröffentlicht, zur Diskussion gestellt, und auch  zweimal in Druckform publiziert.


Im Beitrag 9.4: »Mut und Feigheit« plädiere ich für mehr »Zivilcourage«. Mehr Leser als ich erwartet hatte, gaben mir recht. Hier nun zwei aus ganz verschiedenen Richtungen kommende Gegenpositionen. Sie stammen aus zwei Büchern, die ich beide für äußerst lesenswert halte.

Im Buch »Nichts und Amen« schildert die Journalistin und Schriftstellerin Oriana Fallaci ihren Einsatz in Vietnam. Sie übernahm ursprünglich die Aufgabe der Berichterstattung in Saigon, weil sie als überzeugte Pazifistin den Krieg (und die Verantwortung der Amerikaner für diesen) anprangern wollte. Bei ihren oft todesmutigen Missionen erlebt sie Furchtbares und tiefste Angst. Gleichzeitig spürt und beschreibt sie ein Phänomen, das wohl die meisten, die je im Krieg waren, erlebt haben, aber kaum jemand den Mut hat oder gehabt hat zuzugeben: Jeder Krieg ist verabscheuenswürdig und muss mit aller Kraft verhindert werden. Dennoch: Der Krieg mit seiner Angst, mit den täglichen Adrenalinstößen, mit dem grässlichen Sterben vieler Menschen macht plötzlich das Leben wertvoll, bewirkt, dass Kleinigkeiten schön werden, reißt Menschen aus der Gleichgültigkeit des Daseins, aus einem »Dahinvegetieren«, in dem Menschen sich eher wie »Abziehbilder« statt wie mit Leben pulsierende Individuen benehmen, und führt sie zu einem bewussten Erleben. So traurig es ist: Erst das Entsetzen macht das Normale schön, erst das Kranksein das Gesundsein wichtig, erst das Hungern lässt trockenes Brot köstlich schmecken. Als Fallaci nach New York abberufen wird, hält sie die Oberflächlichkeit und das dumme Dahinplätschern des Lebens in der satten Oberschicht der USA nicht aus, sie kehrt zurück zur Gefahr, zum Schmutz, zur Angst in Saigon, sie muss wieder dort sein, wo sich Menschen als Feiglinge oder Helden erweisen und Freundschaften als Gerede oder als mehr.

Fallaci verherrlicht nicht den Krieg (und natürlich will ich das genauso wenig), aber sie spricht das aus, was viele im Krieg erlebt haben: So schlimm er war, hat er in einer eigentümlichen Weise das Leben lebenswert, wichtig und bewusst gemacht. Nur so ist es zu verstehen, warum Menschen, die zum Beispiel die Schrecken des letzten Weltkrieges erlebt haben, immer wieder davon erzählen, und zwar nicht nur über das Trauma Krieg (das war es immer auch), sondern auch vom Krieg als Schlüsselerlebnis ihres Daseins.

Natürlich »rechtfertigen« solche Auswirkungen Kriege nicht. Fallaci, die bewundernd über die übermenschlichen Leistungen und den gewaltigen Mut vieler ihrer Freunde schreibt, einen Mut, der oft weit über die anfangs angesprochene »Zivilcourage« hinausgeht, analysiert ihre Erlebnisse und kommt schlussendlich zu einem Ergebnis, das ihrer pazifistischen Grundeinstellung entspricht: So bewundernswert Zivilcourage ist, so gefährlich ist sie andererseits. Wenn niemand auch nur eine Spur davon hätte, vielleicht wäre dann jeder Kampf, jeder Krieg unmöglich. Jedes Quäntchen Mut, jede Mutprobe, jeder Versuch zu lernen, wie man sich wehrt (so in etwa argumentiert sie), birgt den Kern von gewalttätigen Auseinandersetzungen in sich.

Fallaci endet also, obwohl sie »Gefahr als Salz des Lebens« erkannt hat und bewundernd über viele gerade jener Heldentaten berichtet, für die man keine Orden erhält, mit einer sehr differenzierten Meinung zum Thema Mut und Zivilcourage.

Eine noch extremere Sicht etwa der Art: »Mut, um eine persönliche Bedrohung durchzustehen und dabei anderen, direkt Beteiligten zu helfen: ja; aber Mut im Sinne der Opferung für ein ‚größeres Ziel‘: keinesfalls«, kommt im Buch »Entführung: Hundert Stunden zwischen Angst und Hoffnung« von Hannelore Piegler (Molden Verlag) zum Ausdruck. Piegler war die Chefstewardess auf jenem Lufthansaflug 1977, der auf der Route von Mallorca nach Frankfurt von vier Palästinensern auf eine Odyssee in den Nahen Osten und nach Afrika entführt wurde, um die Freilassung von neun deutschen Terroristen zu erpressen. Die entsetzlichen Tage, in denen einige Passagiere geschlagen werden, der Flugkapitän ermordet wird und die Sprengung des Flugzeugs ständig bevorsteht, die böse Zeit, in der Piegler mit ihren Kollegen und Kolleginnen trotz schlimmster Bedingungen versucht, die Fluggäste einigermaßen zu betreuen, bis alle mehr oder minder vor dem physischen und psychischen Zusammenbruch stehen, wird packend geschildert. Und immer wieder kommt das Argument Piebers:

»Die deutsche Regierung kann doch nicht das Leben von hundert unschuldigen Menschen im Flugzeug opfern, nur damit die neun Terroristen nicht freigelassen werden müssen.« Dass Piegler in der Zeit der unmittelbaren Bedrohung so denkt, ja denken muss, dass sie an den »Austausch« der Terroristen in Deutschland gegen die Geiseln in der »Landshut« (so hieß das Flugzeug) glaubt, um irgendeine Hoffnung auf ein Überleben haben zu können, ist verständlich. Piegler geht aber weiter: Dass eine deutsche Sondereinheit schließlich die Landshut in Mogadischu stürmt und alle Geiseln (mit einer einzigen Verletzung) befreit (drei von den Terroristen werden dabei getötet), hält sie auch Jahre nach der Geiselnahme für einen Fehler (da die Befreiung auch sehr viel blutiger hätte enden können). Es ist unvertretbar, meint sie, das Leben von vielen Menschen wegen neun Terroristen aufs Spiel zu setzen. Wenn es nach ihr gehe, müsste man in jedem solchen Fall die Terroristen freilassen, müsste man auf die Forderungen der Geiselnehmer eingehen.

Ich persönlich glaube nicht an die »Mut ist schön, aber schlecht«-Schlussfolgerung von Fallaci und noch weniger an jene von Piegler. Es geht bei Flugzeugentführungen und ähnlichen Erpressungen nicht um die einmalige Erfüllung von Forderungen (wenn es nur das wäre, sollte man nachgeben); es geht auch nicht um irgendein »rechtsstaatliches Prinzip« (für welches der Tod von Menschen kaum zu rechtfertigen wäre); es geht darum zu belegen, dass Erpressungen nie zu etwas führen, denn nur so sind zukünftige Erpressungen vermeidbar.

Der sicherste Weg zu verhindern, dass es Flugzeugentführungen gibt, ist klarzustellen, dass bei keiner Entführung, gleichgültig worum es geht, nachgegeben wird. Dass mir diese Aussage vermutlich nicht mehr angenehm ist, sollte ich je in einem entführten Flugzeug sitzen, ist sicher: Ich hoffe, dass ich aber auch dann noch daran glauben werde.



9.6 Der Berg von hinten


Der Traunstein – markanter und schöner Berg am Ostufer des Traunsees – schaut von Gmunden ganz anders aus als von Ebensee (von beiden Punkten recht beeindruckend), während er von Osten her sehr viel weniger ins Auge sticht. Und das gilt für fast jeden Berg, jedes Gebirge, ja das gilt überhaupt für die meisten kleinen oder großen Gegenstände: Schließlich können Vorder- und Rückseite ein und derselben Münze so verschieden sein, dass man sie ohne Erfahrung gar nicht als zwei Seiten derselben Münze erkennen würde!

Warum schreibe ich über diesen Gemeinplatz so ausführlich? Weil viele Menschen nicht verstanden haben, dass dieses »verschiedene Ausschauen« nicht nur für Gegenstände (zum Beispiel für Gebirge), sondern natürlich auch für Ideen (für Gedankengebirge) gilt.

Wie oft habe ich die fast vorwurfsvolle Feststellung gehört: »Aber du hast dich doch zu diesem Thema damals ganz anders geäußert!« Ja, warum auch nicht? Ich bin nicht wankelmütig oder dergleichen. Ich habe nicht eine Ansicht zu einer bestimmten Idee, die Idee hat verschiedenes Aussehen (= sie hat verschiedene Ansichten), je nachdem, von wo aus man sie betrachtet.

»Du hast deinen Standpunkt geändert!«, höre ich manchmal. Ja, natürlich, und ich bin stolz darauf. Den Standpunkt nicht zu ändern, das ist so, als würde man den Traunstein immer nur von Gmunden aus ansehen. Und ein Streit über das Aussehen einer Münze macht wenig Sinn, wenn einer die Vorder-, der andere die Hinterseite ansieht!

Es sollte uns allen klar sein, dass man sehr wohl detailliert über eine Idee (ein Gedankengebirge, um bei der Analogie zu bleiben) sinnvoll reden kann (so wie über den Traunstein), aber ein vernünftiges Verständnis der Idee (Vorstellung vom Traunstein insgesamt) können wird nur erhalten, wenn wir bewusst diese Idee aus verschiedenen Blickpunkten betrachten (also wenn wir bewusst mehrmals den Standpunkt wechseln!). Und eine solche Betrachtungsweise ist nicht wankelmütig, wetterwenderisch, charakterlos oder etwas Ähnliches, sie ist die einzig sinnvolle und zielführende, wie wir eigentlich seit Sokrates wissen sollten. Er lehrte, immer alles von allen Seiten anzusehen und Argumente und Gegenargumente aller Arten zur Klärung des wirklichen Sachverhaltes einzusetzen, nicht einfach eine bestimmte Ansicht (die sich aus der Sicht eines einzigen Standpunktes ergibt) als »objektiv wahr« anzusehen.


Anmerkung von Peter Lechner:

Konrad Adenauer wurde damit konfrontiert, dass er in einer wichtigen Frage plötzlich eine ganz andere Ansicht vertrat als bisher. Seine gelassene Antwort: »Was interessiert mich mein Unsinn von gestern.« Und Kreiskys Ausspruch: »Man wird doch noch seine Ansichten ändern dürfen« passt da wohl auch dazu!



9.7 Die elektronischen Scherben


Als Kind habe ich in Carnuntum (bei Wien) auf den frisch gepflügten Äckern Terrakotta-Bruchstücke aus der Römerzeit gesucht. Manchmal hielt ich ein kleines Stück in den Händen, sichtlich ein Teil einer Vase oder eines anderen Gefäßes, und das kleine Stück war so schön, dass offenbar auch das ursprüngliche Gefäß schön gewesen sein musste, auch wenn vielleicht zum Beispiel ein Henkel die Rückseite ästhetisch zerstört haben könnte …

Heute geht es mir mit elektronischen Netzen wie den ‚Chats’ und ‚Diskussionsforen’ im Internet genau so. Nur sind die Scherben nicht gebrannter Ton, sondern Stücke (Äußerungen) von Menschen. Ich finde da Bemerkungen, Diskussionen, Ansichten, Antworten auf Fragen, vielerlei Kleinigkeiten, die so schön sind, dass es klar ist: Wer immer solches von sich gibt – diese Person muss ungewöhnlich (toll) sein, auch wenn sie unsichtbare »Henkel« (positive oder negative Seiten) haben mag.

Ein paar Mal bin ich meiner Neugierde nachgegangen, habe dann die Person hinter dem Pseudonym aufgespürt und sie letztendlich GETROFFEN. Und war BETROFFEN, wie nahe meine Vorstellungen an die Wirklichkeit herangekommen waren. Die Menschen, die ich so traf, waren immer »schön« (im übertragenen Sinn).

Nicht zuletzt deshalb bin ich Fan (anonymer) elektronischer Netze und bedaure es, wenn diese Anonymität beschnitten wird. Heute frage ich nur: Wer hat schon ähnliche Erlebnisse gehabt und schreibt mir dazu? Und dass inzwischen hunderte Ehen geschlossen wurden von Partnern, die sich über Computernetzwerke harmlos kennen gelernt haben, spricht doch für meine These, oder?



9.8 Partnerschaft statt Ehe


Obwohl ich nun schon bald 40  Jahre lang verheiratet bin, glaube ich, objektiv gesehen, nicht mehr an die Institution Ehe. Ich glaube an lang dauernde Partnerschaften – von Ewigkeitsschwüren (»Treue, bis der Tod euch scheidet«) halte ich aber nichts mehr: Jeder, der solche Schwüre leistet, ist entweder dumm (er hat das Leben noch nicht verstanden und glaubt an all die frommen Märchen von »dann lebten sie glücklich bis an ihr Ende«) oder er lügt bewusst. Jeder Mensch, der im vollen Bewusstsein dessen, was es heißt zu leben, als junger Mensch Versprechen auf ewig abgibt, ist »verrückt«, wobei »verrückt« »stark abweichend von der Norm« heißt. In diesem Sinne ist dann das »Verrücktsein« objektiv beweisbar: durch Scheidungsstatistiken einerseits, durch nach außen intakte, aber in Wahrheit gescheiterte Ehen, und durch intakte Ehen, die aber durch große Krisen (in denen die Ehe-Partnerschaft durch Untreue eines Partners gefährdet war) erschüttert wurden, andererseits.

Ich glaube daher, dass es Zeit wird, die Institution Ehe als solche zu überdenken. Sie war ein geeignetes Instrument zu einer Zeit, als das Durchschnittsalter der Menschen 35 war. Wenn man damals mit 18 Jahren heiratete, um gemeinsam eine Familie mit Kindern zu gründen, dann bedeutete »bis der Tod euch scheidet« im Normalfall »lange genug, bis die älteren Kinder flügge sind«, aber nicht mehr. Ein gegenseitiges Versprechen, gemeinsam zehn oder fünfzehn Jahre lang Kinder zu erziehen, ist heute genauso sinnvoll und notwendig wie seinerzeit. Über fünfzig oder mehr Jahre seines Lebens zu verfügen, ohne zu wissen, wie man sich und wie sich der Partner entwickelt, erscheint mir aber unrealistisch. Ich glaube daher, dass es sinnvoll wäre, die Institution Ehe durch vertraglich geregelte Partnerschaften auf Zeit zu ersetzen. Wenn es nicht um Kinder geht, dann könnten selbst kurze Partnerschaften (fünf bis sieben Jahre) sinnvoll sein, bei Kindern wären wohl zehn bis fünfzehn Jahre das Minimum.

Das Auseinandergehen vor Ablauf der Frist sollte schwer sein und ein dadurch benachteiligter Partner entsprechend (auch beruflich und finanziell) abgesichert sein. Beim Ablauf der Frist ist natürlich eine Verlängerung des Vertrages möglich (der Idealfall) oder eine Trennung, die beiden Teilen ein unabhängiges Leben ermöglicht.


Das würde durch eine solche Regelung gewonnen werden:

Sie ist ehrlicher.

Bei einer tatsächlichen Trennung bei Ablauf der Frist entfällt das »Scheidungstrauma« weitgehend: für den Betroffenen, aber auch für etwaige Kinder. Die »Erwartungshaltung« aller ist einfach eine andere.

Jeder Partner, der an der Verlängerung des Zusammenseins interessiert ist, wird sich bewusst um den anderen Partner andauernd bemühen. Und genau dies mag der wahre Schlüssel für ein vernünftiges Zusammenleben sein. Wie oft wird in einer Ehe der Partner nur noch als ein Stück »Möbel«, als »Selbstverständlichkeit« betrachtet. Vielleicht würde sich dies durch befristete Partnerschaftsverträge grundlegend ändern!



9.9 Ist die Anzahl der Zufälle zufällig richtig?


Viele Ereignisse im Leben ergeben sich zufällig: Man trifft seinen zukünftigen Partner auf einer Party, zu der man zufällig hingekommen ist; man sieht zufällig ein Inserat in der Zeitung, bewirbt sich spontan und der neue Job ändert das Leben vollständig; weil zufällig beim Vorbeigehen an einem Haus eine Dachlawine abgeht, wird man schwer verletzt; und diese Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Der Zufall spielt daher in unserem Leben eine große Rolle. Spielt er eine angemessene? Oder wäre es besser, wenn der Zufall weniger eingreifen würde oder vielleicht auch mehr?

Klingt das zunächst höchstens wie eine kuriose Überlegung ohne jede mögliche Konsequenz, so sieht man bei genauerer Betrachtung, dass es durchaus denkbar wäre, das Ausmaß der Zufälle zu beeinflussen, sofern wir zum Schluss kommen sollten, wir sollten dies. Ich schlage daher vor, dass wir uns einmal ernsthaft überlegen, ob wir mit dem Ausmaß der Zufälle in unserem Leben zufrieden sind (oder weniger oder mehr wünschen). Ich werde in diesem Beitrag aber nicht darüber spekulieren, sondern ich werde nur erklären, wie man (bis zu einem gewissen Grad) die Häufigkeit der Zufälle in beiden Richtungen vermutlich steuern kann.

Um die Anzahl der Zufälle zu VERRINGERN muss man aktive Situationen herbeiführen, die so viele Auswahlmöglichkeiten anbieten, dass man von Zufall nicht mehr reden kann. Klingt das zu unverständlich und zu theoretisch? Dann betrachten wir zwei konkrete Beispiele.

Angenommen, junge Menschen suchen Partner fürs Leben. Entweder können sie ihr Leben ganz normal weiterführen oder sie können bewusst auf »Partnersuche« gehen: indem sie Klubs beitreten, Kurse von Volkshochschulen oder der Urania besuchen, sich altersmäßig passenden Reisegruppen anschließen usw. Der Zufall wird damit nicht ausgeschaltet. Ich glaube aber, dass man eher einen geeigneten Partner findet, wenn man Hunderte potenzielle Kandidaten kennen lernt, als wenn man die Auswahl unter ganz wenigen treffen muss.

Bei der Suche nach einer Anstellung ist das ähnlich: Wenn man nur ab und zu im Inseratenteil einer Zeitung nachschaut, wird ein Berufs- bzw. Jobwechsel viel mehr den Charakter der Zufälligkeit haben, als wenn man systematisch Bewerbungen ausschickt, regelmäßig in einschlägigen Zeitungen die Inserate verfolgt, sich bei einer Vermittlungsagentur einschreiben lässt usw. Mit anderen Worten: Indem man die Auswahl vergrößert, verringert man (zumindest subjektiv) den Eindruck, alle Entscheidungen seien durch einen Zufall entstanden.

Einfacher als die Anzahl der Zufälle zu verringern ist es, die Anzahl der Zufälle zu vergrößern: Es genügt ja schon, beim Toto oder bei Lotterien regelmäßig mitzuspielen. Und das klassische Beispiel hat wohl der argentinische Schriftsteller Gorge Louis Borges (dessen Erzählungen fast alle für meinen Geschmack sehr lesbar und originell sind) in seiner Geschichte »Die Lotterie von Babylon« gegeben. Er schreibt da von einer (fiktiven) Gesellschaft, in der jeder bei der monatlichen »Staatslotterie« mitspielen muss und diese nicht nur Geldpreise ausschüttet, sondern auch anderes, vielleicht noch »erstrebenswerteres« Besitztum (wie die hübsche Frau des Nachbarn oder eine Liebesnacht mit der berühmtesten Schauspielerin) zur Verfügung stellt; wo aber das Ergebnis der Lotterie auch negative (!) Resultate (zum Beispiel Verlust der Wohnung an jemand anderen) haben kann. Mit anderen Worten, die Bevölkerung wartet mit fieberhafter Spannung jeweils auf den Ausgang der monatlichen Lotterie, weil dadurch das Leben vieler Menschen völlig neu geordnet bzw. durcheinander geworfen wird …

Das Ausmaß der Zufälligkeit ist also steuerbar, oder? Und wenn das stimmt, wäre es dann nicht reiner Zufall, wenn das Ausmaß der Zufälle in unserer heutigen Gesellschaft gerade »richtig« wäre?