1 RATIONALISIEREN

1.1 RATIONALISIEREN IST GUT


Ratio kommt aus dem Lateinischen und heißt Verstand, Vernunft. Etwas rationalisieren bedeutet also, etwas vernünftig machen, im übertragenen Sinn: einfacher, mit weniger Aufwand machen.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie der Begriff Rationalisierung im Laufe der letzten 25 Jahre immer negativer belegt wurde. Da spricht man von der Rationalisierung eines Betriebes und erwähnt im gleichen Satz die Entlassung von Mitarbeitern; oder man hört vom Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen oder von den Gefahren der Rationalisierung.

Halt! Rationalisieren ist etwas Gutes! Solange es die Menschheit gibt, ist die möglichst weitgehende Rationalisierung, die möglichst weitgehende Vereinfachung aller Arbeitsvorgänge eines der großen Ziele.

Darum haben wir uns Fließwasser in die Wohnungen gelegt (und schöpfen nicht mehr aus dem Brunnen), darum verwenden wir Geräte wie die Waschmaschine, den Bagger und die Kreissäge und beginnen lästige Arbeiten immer mehr durch Industrieroboter verrichten zu lassen. Darum müssen die meisten von uns nicht mehr 70 Stunden pro Woche schuften (wie das vor zwei Generationen noch üblich war), sondern nur noch 38,5 Stunden (und diese von Kaffeepausen, fünf Wochen Urlaub, vielen Feiertagen, Betriebsausflügen und Sonderurlauben unterbrochen).

Durch die weiterhin zunehmend mögliche Rationalisierung und Automatisierung wird zum Erreichen eines bestimmten Zieles immer weniger menschliche Arbeit notwendig, ist ein immer kleinerer Prozentsatz menschlicher Arbeitskraft zum Überleben erforderlich, wird immer mehr Arbeitskraft frei für andere Aktivitäten.

Wir sind uns alle einig, dass das Verschwinden bzw. die Verringerung gewisser Tätigkeiten nicht zu einer »Zweidrittel-Gesellschaft« führen darf, in der zwei Drittel arbeiten und gut verdienen, das andere Drittel arbeitslos ist und nur geringe Einkünfte bezieht. Wir sollten uns auch darüber einig sein, dass die Lösung weder im Behindern der Rationalisierung noch in der Schaffung von in Wahrheit überflüssiger Arbeit (so genannter Pseudoarbeit) bestehen kann. Andere Lösungen sind erforderlich.

Zwei offensichtliche Möglichkeiten bieten sich an: Einerseits kann man die Arbeitszeit statt sie zu verlängern (wie das oft  bei der Diskussion um das Pensionssystem verlangt wird, siehe Beitrag 1.7: »Der Generationenvertrag«) eher verkürzen, wobei die Verkürzung der Lebensarbeitszeit durch zum Beispiel wiederholte Schulungen (siehe Beitrag 3.1: »Unser Ausbildungssystem funktioniert nicht mehr«) besonders sinnvoll sein mag, und andererseits können und sollen jene Aufgaben ausgebaut werden, die nur durch Menschen wahrgenommen werden können, zum Beispiel Aufgaben im sozialen Bereich.

Automatisierung und Rationalisierung nehmen uns immer mehr Arbeit ab; wir dürfen auf diesen Triumph unseres Hirns stolz sein. Wir erhalten dadurch endlich Zeit uns Aufgaben zu widmen, die wir lange stiefmütterlich behandelt haben. Vielleicht gelingt es uns zu erreichen, dass alle Kindergärten mehr sind als nur Aufbewahrungsplätze für Kinder, Schulen Einrichtungen, in denen sich niemand mehr langweilt, Universitäten mehr sind als Diplomfabriken. Vielleicht gelingt es auch, eine Kranken- und Seniorenbetreuung aufzubauen, für die wir uns nicht schämen müssen. Und vielleicht bleibt mehr Zeit für Weiterbildung und interessante Hobbys. Auch bei diesen Tätigkeiten wird gearbeitet!

Die unglückliche Terminologie, dass man »Arbeit« sagt, aber eigentlich »Erwerbsarbeit« meint, führt oft zu Missverständnissen: Rationalisierung ist gut; sie wird das Ausmaß der notwendigen Erwerbsarbeit immer mehr verringern; sie wird aber das Ausmaß anderer Arbeit als grundlegende menschliche Tätigkeit wenig berühren. (Siehe auch den Beitrag 1.5: »Wie weit kann man Automatisieren?«


Anmerkung von  Peter Lechner:

Aus der Seele gesprochen. Rationalisierungspotential nicht auszuschöpfen, um »Arbeitsplätze zu schaffen« ist ein Schuss, der nach hinten los geht. Wer’s nicht glaubt, dem sei das Buch »Die Ethik des Erfolges« von Hans-Olaf Henkel, Econ-Verlag, dringend empfohlen. In a nutshell: Das Gegenteil von »rational« ist »irrational«. Noch Fragen?



1.2 Das Problem Pseudoarbeit


In den letzten 40 Jahren ist die durchschnittliche Anzahl der Arbeitsstunden pro Jahr bei normaler Vollbeschäftigung um mehr als 35 % gesunken. Aus einer Woche mit 48 Arbeitsstunden wurde eine mit 38,5 Stunden, aus zwei Wochen Urlaub wurden fünf, Kaffeepausen und Mittagessen am Arbeitsplatz wurden als Teil der Arbeitszeit angerechnet, die Regelungen für Sonderurlaube wurden großzügiger und einiges mehr. Aus den einstmals 2.400 Arbeitsstunden eines Jahres wurden inzwischen etwa 1.650. Der erwachsene Mensch beschäftigt sich also nur mehr weniger als 20 % seiner Zeit (nur noch 4,5 Stunden im Tagesdurchschnitt!) mit Erwerbsarbeit. Diese durch zunehmende Produktivitätssteigerung mögliche erfreuliche Tendenz setzt sich fort und schlägt sich in vermehrter verfügbarer Freizeit nieder. Sie wäre insgesamt noch stärker, wenn ein gefährliches Phänomen nicht entgegenwirken würde: das Phänomen Pseudoarbeit. Pseudoarbeit ist Arbeit, die der Gesellschaft  insgesamt nichts bringt (dabei häufig weitere Pseudoarbeit schafft oder verfügbare Freizeit reduziert), wobei die Unproduktivität der Arbeit von denen, die sie ausführen, oft gar nicht erkannt wird: Alle Arten von Gebühreneinhebung, die auch einfacher möglich wären, und viele Verwaltungstätigkeiten, die auf überholte oder widersprüchliche Regeln zurückzuführen sind, gehören dazu. Eine Liste entsprechender Beispiele ist beliebig lang.

Z.B. hat fast jeder Österreicher einen Fernsehapparat. Es hat daher wenig Sinn, eine eigene Gebühr und einen eigenen Verrechnungsapparat, ja sogar eigene Schwarzseher- Suchtruppen einzurichten. Wenn die Österreicher wirklich mehrheitlich glauben, dass sie ein staatliches Fernsehen benötigen und finanzieren wollen, dann sollte diese Stützung als Teil einer Gesamtsteuer erbracht werden, um zu verhindern, dass Millionen Arbeitsstunden jährlich nur durch einen eigenen Verrechnungsmodus für Fernsehgebühren vertan werden.

Ähnliches gilt für den gesamten Bereich Autobahnpickerl, für die Mauteinhebung bei Straßen oder Tunnels und Brücken, oder für die LKW Maut, die dann irgendwann auch einmal sicher für PKWs eingeführt werden wird. Wozu all diese verschiedenen aufwendigen Verfahren Geld einzuheben, wenn es ohnehin eine Treibstoffsteuer gibt: diese kann man ja entsprechend anheben. 

Ich habe Verständnis dafür, dass eine Firma, die im Zentrum einer Stadt eine teure Tiefgarage baut, für deren Benutzung Geld verlangt. Wenn aber eine jahrelang vorhandene Abstellfläche plötzlich in einen teuren Parkplatz verwandelt wird und bei den in der Nähe zahlreich vorhandenen anderen Parkmöglichkeiten ein polizeiliches Parkverbot erlassen wird (um so die Benutzung des Parkplatzes zu erzwingen), dann sind dies sehr zweifelhafte Methoden, die überdies Pseudoarbeit generieren: nämlich die Errichtung und Wartung diverser Installationen und die Beschäftigung mehrerer Schichten Bediensteter an der Kassa.

Die Parkplätze vieler Seilbahnen sind ähnlich ärgerliche Beispiele der Kombination Nepp und Pseudoarbeit. Da zahlt man einen saftigen Beitrag für die Liftkarten und einen zweiten, aber an eine andere Person, für die Parkplatzbenutzung!

Parkscheine in Kurzparkzonen, die im Lauf der Jahre die sehr viel angenehmeren Parkscheiben fast ganz ersetzt haben, produzieren gleichfalls Pseudoarbeit (Druck, Verkauf und Abrechnung der Scheine …) und verschwenden Papier. (Auch hier gilt: Wenn die Städte die Einnahmen aus diesen Parkscheinen wirklich unbedingt brauchen – viel Geld wird ohnehin im Vertriebsapparat verloren –, dann sollte dieses Geld über bestehende Kanäle wie Kfz-Steuer oder Treibstoffabgabe aufgebracht werden. Sich bei jedem Parkvorgang, vielleicht sogar im Regen einen Parkschein von einem vielleicht gar nicht so nahen Automaten zu besorgen erscheint mir keine besonders sinnvolle Lösung.)

In dieselbe Kategorie gehört das gesamte österreichische Trafikwesen. Es gibt keinen Grund, warum die in den Trafiken geführten Produkte nicht einfach in Gemischtwarenhandlungen mitverkauft werden. Trafiken sind ein klassisches Beispiel, wie historisch gewachsene Einrichtungen, die irgendwann einen vernünftigen sozialen Sinn hatten, so lange bestehen bleiben, bis sie zu reiner Pseudoarbeit und zu einer Vernichtung verfügbarer Freizeit ausarten. (Pseudoarbeit, weil das Verkaufsvolumen von hundert Trafikanten von einer einzigen zusätzlichen Kassiererin in einem Selbstbedienungsladen übernommen werden kann; und Vernichtung verfügbarer Freizeit, weil es charakteristisch für das Einkaufen in Österreich ist, dass man bei einer größeren Einkaufsliste unzählige verschiedene Geschäfte aufsuchen muss.) Trafiken wurden bekanntlich in der Monarchie geschaffen, um Kriegsversehrten eine Arbeitsmöglichkeit zu geben; wie viele Kriegsversehrte bedienen heute noch in Trafiken?

Ein anderer Bereich, in dem Gebühreneinhebungen mehr oder minder Pseudoarbeit sind, ist der öffentliche Nahverkehr. Bei den Defiziten aller städtischen Verkehrsbetriebe und angesichts der Tatsache, dass die meisten Benutzer ohnehin gratis oder verbilligt fahren (Schüler, Senioren …), und wenn man bedenkt, dass immer wieder das Umsteigen von Privatautos auf Massenverkehrsmittel gefordert wird, sind der Druck und Verkauf von Fahrausweisen, die Erzeugung und Wartung von Entwertungsautomaten, die Fahrkarten-Kontrolleure usw. nichts anderes als ein aufgeblähtes System von Pseudoarbeit. Selbst das gesamte System der Arbeitslosen- und Hilflosenunterstützung kann als Pseudoarbeit gesehen werden, wenn man ein Grundeinkommen für alle Österreicher einführt wie ich im Beitrag 1.4: »Das Grundeinkommen« erläutere.

Der vielleicht größte Beitrag zur Generierung von Pseudoarbeit wird aber in den Büros, vor allem in der staatlichen Verwaltung, geleistet. Die überdimensionierte Bürokratie in allen Ländern Europas enthält, dessen bin ich sicher, Teilbereiche, die sich nur gegenseitig Arbeit schaffen. Abteilung A verschickt zum Beispiel Fragebögen an eine Gruppe von Personen X (schafft auch bei diesen Pseudoarbeit oder vernichtet verfügbare Freizeit), die schlecht ausgefüllten Fragebögen (deren Daten daher in Wahrheit ohnehin unbrauchbar sind) werden dann von Abteilung B ausgewertet und von Abteilung C liebevoll zehn Jahre lang archiviert. Die Überbürokratisierung hat in verschiedenen Ländern verschiedene Gründe. In Österreich etwas ist es ein historischer: Die zentrale Verwaltung der Österreichisch- Ungarischen Monarchie mit rund 60 Millionen Einwohnern war bis 1918 in Wien konzentriert; nach 1918 verwaltete plötzlich dieselbe Beamtenschaft nur mehr knapp 7 Millionen Einwohner. Mit Ende des Ersten Weltkriegs stieg die Anzahl der Beamten pro tausend Österreicher sprunghaft an. Von diesem Schlag hat sich Österreich nie mehr erholt! Die vielen Beamten-Witze bestehen nicht zu Unrecht (»Am besten man heiratet einen Beamten. Wenn der am Abend nach Hause kommt, ist er ausgeschlafen und hat die Zeitung schon gelesen«). Übrigens, alle Beamten, die dies lesen – und natürlich auch der Beamte, der dies schreibt –, sind von obigen Beobachtungen auszunehmen. Jeder kennt so viele Fälle unsinniger Bürokratie, dass es fast müßig ist, solche aufzuzählen.

Dass man im Metternich’schen Polizeistaat Meldezettel zur Kontrolle aller Einwohner einführte, ist historisch erklärbar. Dass einige wenige Länder an solchen Meldezetteln noch immer festhalten, ist mir nicht verständlich, wenn selbst so mit panischer Terrorangst erfüllte Länder wie die USA dies nicht für notwendig halten. Unlängst hat mir jemand empfohlen, Meldezettel, wo immer ich kann, mit »Hans Müller« auszufüllen und jeden Fragebogen, den ich von irgendwo erhalte, soweit wie möglich falsch auszufüllen oder wegzuwerfen, um das Meldezettel- und Fragebogenunwesen ad absurdum zu führen. Als österreichischer Bundesbeamter darf ich mich dieser Empfehlung meines Wissens nicht anschließen; ich berichte also nur über den kriminellen Vorschlag eines Bekannten.

Zu Fragebögen und Formularen will ich aber doch konkret empfehlen: Füllen Sie nur das aus, wozu Sie gesetzlich gezwungen sind. Auch bei hochoffiziellen Formularen oder bei vielen Formularen im Verwaltungsbereich werden, fürchte ich, fehlerhafte Daten gesammelt (weil sie beim Ausfüllen bestenfalls mehr oder minder grob geschätzt werden), die ohnehin nie verwendet werden und die oft als einzige positive Auswirkung das Herz eines Statistikers höher schlagen lassen oder schließlich in einer dicken »Studie« (die niemand liest) aufscheinen.

Bürokratie und damit verbundene Pseudoarbeit hört natürlich nicht beim Generieren, Versenden, Ausfüllen und Auswerten von Formularen und Umfragen auf.

Dem Betreiber einer kleinen Lebensmittelfabrik wurde von einer mehrköpfigen Gesundheitsinspektions-Kommission (oder wie immer sie hieß) vorgeschrieben, den gerillten Boden aus Reinigungsgründen durch einen glatten zu ersetzen. So geschah es. Die einige Monate später tagende Sicherheitsinspektions-Kommission war freilich über den glatten Boden (Rutschgefahr!) entsetzt und schrieb gerillten Boden vor. Die beiden Kommissionen haben sich auch nach zwei weiteren Begehungen bisher nicht geeinigt.

Zusammenfassend gefährdet Pseudoarbeit in ihren vielen Spielarten den Erfolg von Rationalisierungsmaßnahmen und bedroht unsere verfügbare Freizeit. Im Beitrag 1.5: »Wie weit kann man automatisieren?« werde ich versuchen zu argumentieren, dass die für Erwachsene im Durchschnitt notwendige Erwerbsarbeit im Laufe des nächsten Jahrhunderts auf zirka eine Stunde täglich sinken wird und sinken soll. Es sei denn, wir schaffen uns so viel Pseudoarbeit, dass auch in hundert Jahren die meisten Menschen über »zu viel Arbeit« stöhnen, ohne sich bewusst zu sein, dass der Löwenanteil davon unproduktiv und im Prinzip unnötig ist.


PS: War das Schreiben dieses Beitrags eine Pseudoarbeit?



1.3 Der freie Korb


Die Gesellschaft bietet uns allen eine stattliche Anzahl von oft gar nicht so billigen Einrichtungen und Dienstleistungen an, ohne dafür etwas direkt zu verrechnen. Die entstehenden Kosten werden vielmehr über Steuern pauschal getragen.

Beispielsweise benützen wir Gehsteige und die meisten Wanderwege und Straßen, ohne dafür etwas zu bezahlen, selbst wenn die Wege nachts beleuchtet sind, Mistkübel oder Papierkörbe für Abfall bereitstehen, Rastplätze mit Bänken, manchmal auch Picknicktischen und WC-Anlagen ausgestattet sind usw. (Dort, wo Gebühren verlangt werden, handelt es sich um einen bedauernswerten Fall von »Pseudoarbeit«.) Im Wald pflücken wir für eigenen Verzehr Beeren und Schwammerl oder sammeln Wasserkresse, Brennnesseln, Löwenzahnblätter und Sauerampfer aus Wiesen (wenn wir ein besonders modernes »Bio-Essen« zubereiten wollen); wir haben gratis benutzbare Parks mit Bänken, Kinderspielplätzen, vielleicht einem Parkschach. Wir besuchen manche Museen, Freiluftkonzerte und Ausstellungen (zumindest zeitweise) kostenlos; wir rufen die Polizei um Hilfe, wenn wir uns in Gefahr glauben, ohne dafür zu bezahlen, usw. Kurzum, es gibt eine Reihe von Angeboten, für die wir indirekt und pauschal belastet werden, aber unabhängig von der tatsächlichen Benutzung. Diese Angebote nenne ich den »freien Korb«.

Der freie Korb ist in verschiedenen Ländern verschieden groß und kann sich im Laufe der Zeit ändern. Er ist beispielsweise in Österreich im Großen und Ganzen in den letzten Jahren gewachsen (großteils, um den Fremdenverkehr zu fördern), ist aber in anderen Ländern noch beachtlich größer. In Kanada gehören zum freien Korb zum Beispiel das Fernsehen und der Rundfunk, allgegenwärtige Wassertrinkanlagen und WCs, das Fangen von Fischen (für eine Nominalgebühr pro Jahr dürfen Einheimische in allen Seen und Flüssen fischen, so viel sie wollen), das Jagen (mit gewissen Einschränkungen) und vieles mehr, wie zum Beispiel zahlreiche Picknickplätze mit vorbereiteten Feuerstellen, gehacktem Holz, WC-Anlagen mit Waschräumen, oft sogar mit Warmwasser und Steckdosen für Rasierapparatanschluss.

Ich schlage vor: Vergrößern wir den freien Korb immer mehr! Dies ist sinnvoll im Sinne der Verringerung von Pseudoarbeit und macht unser Leben um vieles einfacher und schöner. Freilich sollte der freie Korb nur schrittweise vergrößert werden und die Auswirkungen genau beobachtet werden: die Gefahr, dass mit gratis Angeboten sehr verschwenderisch umgegangen wird besteht immer! Auch gibt es häufig Probleme durch Vandalismus. Aber genauso wenig wie uns die mutwillige Zerstörung von zum Beispiel Bänken, Blumenbeeten oder Skulpturen in Parks daran hindert, diese weiterhin bereitzustellen, dürfen wir uns durch ähnliche Probleme bei anderen Erweiterungen des freien Korbes behindern lassen. Gratis-Fahrradaktionen in vielen Städten wurde noch immer zum einem Fiasko: Die Fahrräder wurden von Benutzern nicht nur schlecht behandelt und manche gestohlen, sondern – besonders unverständlich – zum Teil gewaltsam zerstört, einige sogar mit Schweißbrennern zerschnitten! Neue, ähnliche Fahrradaktionen in mehreren Städten, mit entsprechender  Kontrolle (z.B. Einsatz für jedes Rad, der bei Retournierung rückerstattet wird), verlaufen erfreulicher.

Offensichtlich und vordringlich erscheint mir der Ausbau von Rastplätzen entlang wichtiger Straßen mit guter Infrastruktur: mit massiven Tischen, Bänken, Trinkwasser, WC, Duschen, Anschluss für Rasierapparate, mit Kinderspielplätzen, Fitnessgeräten für Erwachsene u. Ä. Der Zugang zu Wasser zum Baden und Schwimmen mit Umkleidekabinen etc. sollte forciert werden (unsere Sommertouristen werden es uns danken, wenn sie sich ab und zu ohne Schwierigkeiten und Eintrittsgelder abkühlen können … und wir profitieren mit!).

Im Bereich öffentlicher Verkehr, besonders beim Nahverkehr, besteht ein enormer Handlungsbedarf. Wann gibt es bei jeder Haltestelle ein windgeschütztes (wenn schon nicht geheiztes) Häuschen mit Sitzgelegenheiten und warum beginnt man nicht (wie es an manchen Bahnhöfen geschieht), größere Haltestellen mit rollierenden Filmen oder Nachrichten auszustatten, um die Wartezeiten erträglicher zu machen? (Wenn Werbeeinschaltungen zur Finanzierung solcher Einrichtungen notwendig sind, warum nicht? Noch immer besser als im Hauptprogramm des Fernsehens zwischen Nachrichten und Wetternachrichten durch Werbung belästigt zu werden!)

Zum freien Korb gehört der Nulltarif für den öffentlichen Nahverkehr. Vielleicht fahren dann auch mehr Leute mit Bus und Straßenbahn und weniger mit dem Auto! Der Nulltarif für die Bahn (mit vielleicht Gebühren für Platzreservierung) wäre ein weiterer logischer Schritt. Es ist doch kaum anzunehmen, dass der Gesamtreiseverkehr dadurch gigantisch wächst, aber eine Verlagerung vom Auto bzw. vom Autobus zur Schiene wäre wahrscheinlich und wünschenswert. Wie wäre es mit Alleen von Obstbäumen (Äpfel, Birnen, Kirschen, Nüsse) entlang kleinerer Landstraßen, von denen jeder pflücken darf? (Siehe dazu auch Beitrag 6.3: »Obst in die Parks!«.)

Rundfunk- und Fernsehgebühren sollten abgeschafft werden. Aber auch Aufenthaltsräume in Städten (in der Form von Stadtbibliotheken oder Kurzentren ja ohnehin teilweise vorhanden), ja selbst spartanische Unterkünfte (zu wenig attraktiv, als dass sie vom Normalurlauber ausgenützt werden würden, aber attraktiver als der Platz unter einer Brücke) sind in einem solchen allmählich wachsenden freien Korb denkbar, warum nicht?

Sofern wir anerkennen, dass gewisse Leistungen und Angebote allen Menschen zur Verfügung stehen sollten, erscheint eine allmähliche Einbindung dieser Leistungen und Angebote in den freien Korb sinnvoll. Das Leben wird dadurch vereinfacht und verschönert (ich muss mir zum Beispiel nicht mehr überlegen: »Steht es für eine kurze Abkühlung dafür, den Eintritt in das Strandbad zu bezahlen?«) und Pseudoarbeit wird verringert.

Der freie Korb hat sicher auch seine Tücken. Die richtige »Dosierung«  kann nur experimentell festgestellt werden. Eine allmähliche Erweiterung, auch um dramatische Maßnahmen wie ein arbeitsunabhängiges Grundeinkommen (siehe dazu Beitrag 1.4: »Das Grundeinkommen«), erscheint mir aber nicht nur wichtig, sondern im Lichte der weiterschreitenden Automatisierung  notwendig.



1.4 Das Grundeinkommen


Ein immer kleinerer Prozentsatz der Menschen kann das produzieren, was für alle Menschen benötigt wird. Auch bei fortschreitender Arbeitszeitverkürzung wird daher eine Arbeit im Sinne der »Erwerbsarbeit«, im Sinne »arbeiten, um Geld zum Überleben zu verdienen«, nicht mehr notwendig sein. Damit auch jene Menschen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, gut leben können, wird es sinnvoll sein, dass allen Menschen nicht nur ein großer freier Korb zur Verfügung steht, sondern auch ein Grundeinkommen, unabhängig davon, ob sie einer Arbeit nachgehen oder nicht.

Die Idee eines solchen Grundeinkommens ist weder neu noch besonders revolutionär. In gewisser Form existiert es ja ohnehin schon, als Arbeitslosen- oder Hilflosenunterstützung oder als Stipendium für Studierende. Die Diskussion um ein »arbeitsunabhängiges Grundeinkommen« wird jedoch meiner Ansicht nach viel zu sehr als Zukunftsspekulation und als etwas gegenwärtig nicht Realisierbares betrachtet, obwohl man schon heute ein solches Grundeinkommen einführen könnte und sollte.

Ein ganz grobes Modell würde etwa so aussehen:

(1) Jeder wahlberechtigte österreichische Staatsbürger erhält monatlich vom Staat eine bestimmte Summe, unabhängig davon, ob und was er arbeitet. Um konkret zu sein, etwa 600 Euro.

(2) Arbeitslosen- und Hilflosenunterstützung, Studienbeihilfen und Kinder- bzw. Familiengeld für Personen über 18 werden ersatzlos gestrichen.

(3) Jeder Lohn- oder Pensionsempfänger erhält um diese Summe (600 Euro) weniger als bisher. Diese Gelder fließen als Lohn- bzw. Pensionsabgabe dem Staat zu. Jeder Selbstständige zahlt zusätzlich 600 Euro Steuer pro Monat.


Man beachte, dass sich für Lohn- oder Pensionsempfänger und Selbstständige finanziell überhaupt nichts ändert. Alle anderen Österreicher erhalten Geld, das sie zum Teil vorher als Arbeitslosengeld, Studienbeihilfe etc. vielleicht auch bezogen haben.

Wenn jemand nicht arbeitet (weil er nicht kann oder nicht will), so kann er ganz bescheiden leben, der finanzielle Anreiz, eine volle Stelle zu haben, ist aber doch beträchtlich.

Das beschriebene Modell soll nur das Prinzip beschreiben. Es bedarf vieler Verfeinerungen im Detail. Eine Reihe von Vorteilen sollten aber offensichtlich sein: Der negative psychologische Effekt, Arbeitslosen- oder Hilflosenunterstützung zu erhalten, entfällt. Familien bekommen für ihre »Kinder« ab 18 zwar keine Familienbeihilfe bzw. zum Beispiel keine Studienbeihilfen oder Stipendien, dafür sind diese jungen Erwachsenen aber plötzlich nicht nur wahlberechtigt, sondern auch finanziell bis zu einem gewissen Grad unabhängig. Gewisse Missbräuche der Arbeitslosenunterstützung werden unmöglich, zum Beispiel bewusst immer sechs Monate nicht zu arbeiten, weil sechs Monate Lohn und sechs Monate Arbeitslosenunterstützung ohnehin »ausreichen«. Vor allem aber wird das klar zum Ausdruck gebracht, was in den nächsten Generationen immer deutlicher werden wird: Erwerbsarbeit zum Überleben ist nicht notwendig. Um aber gewisse zusätzliche Möglichkeiten zu erhalten (vor allem, was die Verwendung knapper Ressourcen anbelangt), ist es auch weiterhin notwendig, gewisse, für die Gesellschaft wichtige (und nicht von automatisierten Fabriken bzw. Robotern übernehmbare) Arbeiten durchzuführen. Der Anreiz zu arbeiten bleibt also auch bei einem solchen Grundeinkommen bestehen.

Das erwähnte Grundeinkommen würde gerade noch eine Minimalexistenz garantieren. Mit zunehmender Automatisierung kann um das Grundeinkommen immer mehr erworben werden, sodass zunehmende Automatisierung nicht die Problematik »immer mehr Arbeitslose«, sondern die Verheißung »immer besseres Leben ohne jede Erwerbsarbeit« mit sich bringt!

Oft höre ich, dass sich auch reiche Länder ein arbeitsfreies Grundeinkommen nicht leisten können, weil es dann immer einige Prozent Menschen geben wird, die dies »ausnutzen, d.h. überhaupt nicht produktiv arbeiten aber trotzdem Geld bekommen«. Dazu kann ich nur sagen:  in all diesen ‚reichen’ Ländern gibt es pro Kopf der Bevölkerung im Durchschnitt einen Hund oder eine Katze. Wenn sich Länder diesen Luxus von so vielen »unproduktiven« Mitbewohnern leisten können, dann sicher auch den Luxus einiger Prozent unproduktiver Mitmenschen!



1.5 Wie weit kann man

automatisieren?


Wenn es einmal gelingen sollte, Computer zu bauen bzw. zu programmieren, die so intelligent sind wie Menschen (oder sogar noch intelligenter als diese), dann stünde einer Automatisierung aller Aufgaben, die heute von Menschen durchgeführt werden, nichts mehr im Wege.

Ob es je so weit kommen wird, ist unklar. Klar ist, dass die Fähigkeiten von entsprechend programmierten Computersystemen sehr nahe an jene von Menschen herankommen werden und dass mit solchen Systemen ausgerüstete Roboter extrem flexibel und vielseitig einsetzbar sein werden.

Es folgt daraus für mich zwingend, dass Produktionsprozesse aller Art in der Zukunft mehr oder minder vollständig automatisiert werden können. (Und ob es dann in der gesamten Autoproduktion mit allen Zuliefersparten weltweit zum Schluss noch 400 menschliche Beschäftigte für gewisse, ganz diffizile Kontrollfunktionen geben wird oder nicht, ist letztlich gleichgültig.)

Mit anderen Worten, ob Autos oder Lebensmittel, ob Medikamente, Kosmetika oder Möbel, ob Kleidung oder Häuser, alle diese Produkte werden vollautomatisch (ohne Notwendigkeit irgendeiner menschlichen Intervention) hergestellt werden. Überspitzt formuliert: Zur Herstellung eines Autos wird letztlich genau so viel menschliche Energie notwendig sein wie für die Herstellung einer Heidelbeere: Keine.

Wie soll das funktionieren? Nun, es gibt eben dann vollautomatische Glas-, Reifen-, Lack-, Blech- etc. etc. Fabriken, deren Produkte nach den Spezifikationen einer Autofabrik vollautomatisch bestellt, geliefert, transportiert und vollautomatisch in ein Auto zusammengebaut werden. Auch die notwendigen Rohprodukte wie Quarzsand für die Glasherstellung, organische Basisstoffe für Reifen und Lacke, Eisenerz für die Metallproduktion werden ohne menschliche Arbeitskraft abgebaut bzw. erzeugt. Alle Fabriken und Transportwege werden von Robotern serviciert, die selbst von Robotern gewartet und in Roboterfabriken hergestellt werden, wobei Produktionsstörungen in diesen Roboterfabriken natürlich auch durch Roboter beseitigt werden. Der Mensch wird in solchen Produktionsprozessen keine oder nur mehr eine verschwindend kleine Rolle spielen.

Ähnliches gilt für den gesamten Güterverteilungsprozess. Der vollautomatische Supermarkt, der selbstständig Produkte nachfordert und geliefert erhält, der sie mit Preiskodes versehen in die Regale legt, mit einer Kasse, die alles im Einkaufskorb eines Kunden auf Grund des Preiskodes vom elektronischen Konto des Kunden abbucht, ist genauso denkbar wie ausgeklügelte Verkehrssysteme, bei denen die einzige menschliche Komponente die Passagiere sind.

Solche Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. Wesentlich zu verstehen sind dabei aber vier Punkte: Erstens, trotz Vollautomatisierung der Produktionsprozesse werden diese Produkte nicht alle gratis sein (obwohl einige in den freien Korb Eingang finden werden). Zweitens, viele Produkte werden trotz hoher Komplexität vergleichsweise wenig kosten, wie dies schon heute sichtbar ist: Ein Taschencomputer ist sehr viel komplexer als ein Picasso-Bild, als eine Goldstatue oder selbst als ein Haus, kostet aber sehr viel weniger. Drittens, manche Produkte werden trotzdem teuer bleiben, weil sie auf rare Ressourcen zurückgreifen (Gold für die Goldstatue, ein schönes Grundstück für ein Haus) oder weil sie menschliche Fähigkeiten benötigen (wie zum Beispiel Kunstwerke). Viertens, gewisse Tätigkeiten werden weiterhin menschliche Arbeitskraft benötigen. Aber die Gesamtarbeitslast, die notwendig ist, um alles zu erledigen, was die Gesellschaft benötigt, reicht bei weitem nicht für »Vollbeschäftigung«, auch nicht bei 20 Stunden Arbeitszeit pro Woche und acht Wochen Urlaub pro Jahr.

Die Zeiten, in denen alle Menschen arbeiten mussten, um zu überleben, werden dann vorbei sein, die Notwendigkeit von »Erwerbsarbeit« wird damit verschwunden sein. Dennoch werden alle Menschen arbeiten, im Sinne von sich körperlich oder geistig betätigen. Sei es als Hobby im Gemüse- oder Blumengarten, bei einer Wanderung oder Radtour, beim Basteln eines Möbelstückes, beim Malen eines Bildes, bei der aktiven Teilnahme an einer Sportveranstaltung. Oder sei es aus Interesse und Ehrgeiz oder aus finanziellen Gründen. Denn um gewisse »Nichtstandardprodukte« zu erhalten, wird nach wie vor mehr Geld notwendig sein, als den Menschen als Grundeinkommen zur Verfügung steht.

Die Produktivität eines Teiles der Bevölkerung wird ausreichen, um die Grundversorgung für die gesamte Bevölkerung zu übernehmen. Der Rest der Bevölkerung wird nicht »arbeitslos« sein (dieses Wort wird es im Wortschatz der dann lebenden Menschen nicht mehr geben), sondern wird freiwillig dieses oder jenes arbeiten und angesichts des freien Korbes und des Grundeinkommens ein sorgenfreies Leben führen. Der Traum, dass Menschen einmal in der gar nicht so fernen Zukunft nicht mehr werden arbeiten müssen, um zu überleben, ist weder eine haltlose Spekulation (sie ist es nur, wenn wir Bevölkerungswachstum und Pseudoarbeit nicht in den Griff kriegen), noch sollte sie zu dem oft gehörten Aufschrei führen: »Ja, was werden denn dann die Menschen mit ihrer Freizeit tun?« Der Zustand des So-viel-arbeiten-wie-man-will ist überall dort der Normalzustand, wo der Mensch in reicher Natur nicht zu dicht lebt oder gelebt hat. Erst die wachsende Erdbevölkerung, die uns gezwungen hat, in so unwirtliche Teile der Welt wie etwa Nordeuropa auszuweichen, hat uns jahrtausendelang zu einem Überlebenskampf gezwungen, den wir heute deshalb für natürlich halten. Aber in Weltgegenden, wo es nicht monatelang so kalt ist, dass man Behausungen, Heizungen und warme Kleider benötigt, und wo man nicht monatelang keine Früchte und Gemüse ernten kann, ist das Arbeiten, um zu überleben, unbekannt.

Mit zunehmender Automation sind wir langsam in der Lage, auch in dichter bevölkerten und eigentlich unwirtlichen Gegenden zum natürlichen Lebensstil des Arbeiten-wie-man-Lust-hat zurückzukehren.


Ich argumentiere also, dass zunehmende Automatisierung alle Produktions-, Verteilungs- und Transportprozesse von menschlicher Arbeitskraft unabhängig machen wird.

Obwohl dann hoffentlich ein relativ großer »freier Korb« und ein Grundeinkommen existieren werden und damit ein sorgenfreies Leben für alle Menschen garantieren, bleiben große Bereiche übrig, wo bezahlte menschliche Tätigkeit zum Einsatz kommen muss. Gleichzeitig wird es aber genug Menschen geben, die sich ihr Grundeinkommen mehr oder minder stark aufbessern wollen, um manche ungewöhnlichere Produkte oder Möglichkeiten zu erhalten.

Automation wird nämlich zwar die Grundbedürfnisse des Lebens mehr oder minder ohne Arbeitsaufwand und Kosten befriedigen, fast so, als lebten die Menschen in einer großzügigen, schlaraffenlandähnlichen Natur, aber auch vollständige Automation kann nicht verhindern, dass gewisse Ressourcen knapp sind. In einer marktwirtschaftlich leistungsgetriebenen Gesellschaft entsteht daher um gewisse Dinge ein Wettbewerb, der sich in höheren Kosten für diese niederschlägt. Es gibt eben das Original des Bildes »Das blaue Pferd« nur einmal, die schönsten Grundstücke am Wörthersee nur in beschränkter Zahl; edler Schmuck muss teuer bleiben, weil es nicht beliebig viel Gold, Platin oder Diamanten gibt; eine Privataufführung oder das Konzert eines berühmten Sängers oder Orchesters wird weiter genauso seinen Preis haben wie ein Tribünensitz beim Wimbledon Grandslam-Turnier usw.


Genauso wie es also das Bedürfnis nach Geld über das Grundeinkommen hinaus bei manchen Menschen geben wird, gibt es umgekehrt viele Bereiche, in denen menschliche Arbeitskraft, menschlicher Kontakt und menschliche Betreuung erforderlich sind, ja in höherem Ausmaß zum Einsatz kommen sollten, als dies bisher der Fall ist.

Es gilt dies für den gesamten Ausbildungsbereich von der Kleinkindbetreuung über Kindergärten hin zu den Schulen, Universitäten und Ausbildungsstätten für lebenslanges Lernen; es gilt dies für Kranken- und Altenbetreuung, für verschiedenste Beratungs- und Planungstätigkeiten, wo – ganz abgesehen von der Tatsache, ob ein Computer oder ein Mensch diese Tätigkeiten besser beherrscht – oft der Mensch vorgezogen werden wird. Es gilt aber vor allem für alle Bereiche der Kunst, inklusive aller Arten von Theatern, Konzerten und Unterhaltungsveranstaltungen, inklusive der Film- oder Schallplattenproduktion, für den Wettkampfsport, aber auch für die Wissenschaft. Gerade in den Bereichen, in denen typisch menschliche Fähigkeiten (körperliche, geistige, musische oder emotionale) nur bei entsprechender Begabung und zäher Ausdauer zu Spitzenleistungen führen, wird fortschreitende Automatisierung natürlich keine Arbeitsreduktion mit sich bringen, werden die betroffenen Personen mit Leib und Seele ihrem Beruf verschrieben sein wie heute, aber mit fürstlicher Entlohnung. Waren früher Grundbesitzer, Händler und Fabrikbesitzer jene Personen, die die größten Reichtümer anhäuften, so hat sich das schon heute in dem Sinne verschoben, dass Topsportler oder Spitzenkünstler sehr rasch zu verhältnismäßig großem Reichtum kommen. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

In der Welt der Vollautomatisierung, die ich beschreibe, werden typische Menschen auf der Basis des freien Korbes und des Grundeinkommens gut leben, werden durch Arbeit in einem beschränkten Umfang zum Beispiel im Sozialbereich, durch Amateurkunsthandwerk oder andere spezielle Angebote ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprechend zusätzlich verdienen, um sich gewisse Extrawünsche zu erfüllen. Alle Menschen werden viel und lebenslang lernen, Unterhaltung und Kunst (als aktive, nicht konsumierende Tätigkeit) werden hohen Stellenwert haben. Und Spitzenkönner werden wie jetzt hektisch und gestresst versuchen, das meiste aus sich herauszuholen.

Als Regelmechanismus der Wirtschaft dient vor allem die Relation Grundeinkommen zu Preisen. Finden sich zu wenige Menschen, um gewisse bezahlte sozial notwendige Tätigkeiten zu erledigen (zum Beispiel medizinische Betreuung, Ausbildung oder Altenpflege), kann durch ein Senken des Grundeinkommens und eine Erhöhung der Gehälter für die notwendigen Tätigkeiten der Anreiz, solche Arbeiten auszuüben, erhöht werden. Als zweiter Regelmechanismus stehen – wie heute – Steuern zur Verfügung.

Ich halte eine allmähliche Erweiterung des freien Korbes darum für wichtig, weil nur so der bevorstehende Übergang zu einer Gesellschaft mit immer höherer Automatisierung ohne große Krisen möglich sein wird. Wenn wir durch die beschriebenen Maßnahmen das Schreckgespenst Arbeitslosigkeit vertreiben und während der Automatisierungsphase genügend Konkurrenzdruck dafür sorgt, dass die erhöhte Produktivität durch besseres, aber gleichzeitig billigeres Angebot an den Konsumenten weitergegeben wird (wie dies zum Beispiel in der Computerindustrie geschieht und geschehen ist), dann trennt uns nur noch ein Wall von Pseudoarbeit (»Überverwaltung«) von den rosigen Zeiten, die ich für zukünftige Generationen und die fernere Zukunft (nach 2050?) ausgemalt habe.



1.6 Nie wieder Arbeit!


Durch die zunehmende Automatisierung aller Produktionsprozesse wird die menschliche Arbeitskraft für die Bereitstellung der materiellen Grundbedürfnisse (Essen, Bekleidung, Wohnen …) in Zukunft nicht mehr erforderlich sein, sofern wir uns diese Chance nicht durch Pseudoarbeit verbauen.

Mit anderen Worten, ich schwärme von einer »paradiesischen Welt«, in der nicht nur niemand hungern und frieren muss, sondern in der man sogar (fast wie im Schlaraffenland) leben wird. Ich habe in früheren Beiträgen argumentiert, dass wir uns auf diese Zeit freuen sollten und nicht Angst haben müssen, dass Menschen »unzufrieden, weil ohne Lebensziel« sein werden.

Nun gibt es ein Buch, das insgesamt spannend, unterhaltend und rundum lesenswert ist, das unter anderem meine obigen Thesen mit herrlichen (vielleicht nicht immer ernst gemeinten) Formulierungen unterstützt. Ich habe von diesem Buch auch den Titel dieses Beitrags »geklaut« und werde einige kurze Passagen zitieren. Das Buch: »Nie wieder Arbeit!« von Reinhard P. Gruber (Residenz Verlag 1989, Salzburg und Wien) mit dem Untertitel »Schivkovs Botschaften vom anderen Leben« ist übrigens vom selben Gruber, der die köstlichen Bücher »Hödlmoser« , »Einmal Amerika und zurück« u.v.m. geschrieben hat.

Einige Passagen aus dem erwähnten Buch, dessen Motto lautet: »Ihr habt die Welt begriffen als Arbeitswelt; es kommt aber darauf an, sie als Lebens-Welt einzurichten.«

Aus einem langen gedichtartigen Abschnitt ist die nächste gekürzte Passage (alles in Klammern stammt von mir, Punkte … bedeuten wie üblich Auslassungen):

»Jetzt, wo schon mehr Menschen an der Analyse der Arbeitsproduktion arbeiten, an der Verteilung, der Verwaltung der Statistik der Arbeit – (also sich mit Pseudoarbeit beschäftigen!) als es Hersteller gibt, jetzt, wo die Arbeit (durch Mikro-Chips) verschwindet (behaupten einige noch immer): ohne Arbeit sei das Leben sinnlos. Und die Kirchen schließen sich an: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Drehen wir es um: Wer arbeitet, soll auch essen! Alles Essen den Chips! (Oder vielleicht noch eher?:) Wer nicht isst, soll auch nicht arbeiten!

Alles, was jetzt Not tut, ist dies: dass die Regierungen und die Kirchen die Arbeitsfreien glücklich werden lassen. Dass sie ihnen nicht mehr erklären, der Sinn des Menschen stecke in der Arbeit. (sondern:) Dass das Nichtstun eine bessere Möglichkeit des Menschen darstelle als die Arbeit, die, wie sich herausstellt, von Maschinen besser, billiger und wunderbarer verrichtet werden kann.«

Noch deutlicher wird Gruber ein bisschen später:

»Ihr glaubt noch …, dass ihr um eure Arbeit kämpfen müsst. Das Gegenteil ist wahr – ihr müsst dafür kämpfen, dass ihr endlich arbeitslos werdet! Dass ihr menschenwürdiger leben könnt.«

Dass Arbeit (im Sinne von Erwerbsarbeit) nicht für ein sinnvolles Leben notwendig ist, sagt Gruber an vielen Stellen:

»(Die Arbeitgeber und) die Gewerkschafter haben es geschafft: Die Arbeit schmeckt so süß, dass eine Gesellschaft von Arbeitssüchtigen entstanden ist – die Arbeit Suchenden sind in Wahrheit Arbeitssüchtige!«

»Die Arbeit gehört nicht zur Grundausstattung des menschlichen Lebens. Der Kern des Menschseins liegt in einem kurzen, aber ständigen Impuls: Leb! … Arbeit, Moral, Sozialität, Heimatlichkeit, Gemeinsamkeit, Gerechtigkeit …, das sind die Folgen des Impulses, aber nicht der Impuls selbst!«

»Die Gewerkschaft arbeitet an der ‚Humanisierung‘ der Arbeit. Sie gibt (damit) … indirekt zu, dass Arbeit ein Übel (nämlich inhuman) ist … Die Arbeit darf nicht verbessert werden, sie muss abgeschafft werden … Sklaverei muss sein …, aber nicht unter den Menschen! Ich verkünde euch die neue, fröhliche Sklavengesellschaft: Alle Menschen sind Herren, alle Maschinen sind Sklaven.«

Als Krönung der Ausführungen wird Arbeit mit einer bösen Seuche verglichen:

»Der Tag muss kommen, an dem die Arbeit so verpönt ist wie die Pest … Die Pestsäulen, die ihr aufgestellt habt, aus Dankbarkeit, dass es vorbei war mit der Seuche, ihr könnt sie schleifen und an ihren Stellen die Arbeitssäulen errichten, aus Dankbarkeit, dass es aus ist mit der Arbeit, mit der Weltseuche Arbeit.«

Natürlich sind obige Ausführungen (genau wie meine eigenen früheren) utopisch; in einer Welt, in der Arbeitslosigkeit für viele ein echtes psychologisches und auch finanzielles Problem ist, klingt manches schon fast mehr als zynisch. Aber all dies darf die Realität nicht verdecken: Zunehmende Automatisierung macht die menschliche Arbeitskraft für die Deckung der materiellen Grundbedürfnisse immer weniger notwendig. Nur wenn uns das bewusst ist, wird es uns auch gelingen, die notwendigen Umverteilungen und Umstrukturierungen in unserer Gesellschaft durchzusetzen, sodass alle Menschen davon profitieren. Und es wird verhindert, dass wir letztendlich in einer Situation sind, in der ein Drittel arbeitslos und arm ist, die anderen zwei Drittel mit mehrheitlich unnützer Pseudoarbeit ein gutes, aber gestresstes Leben führen.



1.7 Der Generationenvertrag


In vielen Ländern Europas wird von der Krise der Pensionssysteme gesprochen. Der Grund dafür ist, wie man immer wieder hört, dass der »Generationenvertrag« in Gefahr ist.

Nach dem Generationenvertrag zahlen die jetzt Arbeitstätigen die Pensionen der Menschen, die sich schon im Ruhestand befinden. Wenn einerseits das Durchschnittsalter der Menschen ständig zunimmt, das Pensionsantrittsalter aber nicht oder nur sehr viel langsamer, und wenn gleichzeitig die Anzahl der Kinder pro Familie zurückgeht, dann zahlen immer weniger aktiv Tätige den Ruhestand von immer mehr Personen. Daher, so wird argumentiert, muss man »umdenken«: Man muss das Pensionsantrittsalter erhöhen und für mehr junge (arbeitende) Menschen sorgen und sei es eben durch Zuwanderung.

Diese Argumentation ist aus zwei Gründen falsch und noch dazu äußerst gefährlich.

Erstens: Ich erwarte nicht, dass ich in meinem Ruhestand von dann aktiv tätigen Menschen finanziert werde. Vielmehr habe ich 35–40 Jahre lang einen Teil meiner Bezüge für MEINE Pension eingezahlt und aus der so entstandenen Summe erwarte ich, dass ich meine Pension erhalte. Weil verschiedene Menschen verschieden lang leben, ist es zwar vernünftig, dass man diese Pensionsbeiträge in einen Topf legt, um damit einen Ausgleich zwischen länger und kürzer lebenden Menschen zu erreichen, aber die Pensionszahlungen haben nicht von den jetzt aktiven Menschen zu kommen, sondern aus dem, was sich die Ruheständler angespart haben.

Sobald man dies akzeptiert, ist die Tatsache, dass sich die »Alterspyramide« verschiebt und es immer mehr ältere Menschen gibt, unbedenklich, weil sie sich ja ohnehin selbst finanzieren. Ein »Auffüllen« der Gruppe jüngerer Menschen durch Zuwanderer ist daher unnotwendig, ja im Sinne der Beiträge im Kapitel 7: »Bevölkerungsprobleme« sogar kontraproduktiv.

Wieso haben wir dann trotzdem ein Problem? Wir haben es, weil (meist als Folge des Zweiten Weltkrieges) die Pensionskassen »geplündert« wurden und daher die dann in den Ruhestand Gehenden von den neuen Einzahlungen statt von ihren eigenen finanziert werden mussten. Es muss das Ziel jeder Regierung sein, das allmählich wieder ins rechte Lot zu bringen!

Natürlich gibt es noch ein zweites Problem: Bezahlte man früher zum Beispiel 40 Jahre Pensionsbeiträge und hatte dann im Durchschnitt noch 10 Jahre zu leben, so rechnet sich das anders, als wenn man jetzt auch 40 Jahre Beiträge zahlt, aber dann noch durchschnittlich 20 Jahre (und bald 25 Jahre) als Pensionist lebt. Da scheint es dann schon rechnerisch richtig zu sein, dass beim Wachsen des Durchschnittslebensalters sowohl die durchschnittliche Anzahl der aktiven Jahre als auch die durchschnittliche Anzahl der Pensionsjahre steigen muss oder die ausbezahlten Pensionen zahlenmäßig kleiner ausfallen müssen. Allerdings liegt hier die Betonung auf zahlenmäßig: Da die weitergehende Automatisierung (siehe Beitrag 1.5: »Wie weit kann man automatisieren?«) die Produktivität steigert, sinken nach den oben angestellten Überlegungen zwar die Pensionsbeträge, aber der Korb der Güter, den man damit erwerben kann, wird nicht kleiner. Eine weitgehende Automatisierung muss, wenn ihr Effekt nicht durch Pseudoarbeit zerstört wird, zu einer zunehmenden Deflation der Preise führen. Gibt es ein besseres Beispiel dafür als die Tatsache, dass mächtige PCs immer billiger werden?

Ich finde es zusammenfassend beschämend, wie sehr wir immer belogen werden. Unser Problem ist nicht die Alterspyramide, nicht ein »Generationenvertrag«, den es gar nicht geben sollte, sondern dass die Pensionskassen einmal für andere Zwecken missbraucht wurden (und daher jetzt nur von den neuen Zuflüssen leben), dass wir die Früchte der Automatisierung durch Pseudoarbeit vernichten und dass wir an eine allmähliche Inflation der Preise genauso glauben wie an die Notwendigkeit eines immer währenden Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums.