7 BEVÖLKERUNSPROBLEME
7.1 Es ist falsch, eine zukünftige Überbevölkerung der Erde zu befürchten
Wir hören und lesen immer wieder: Wenn es zu keiner gravierenden Trendwende kommt, dann wird die Erdbevölkerung innerhalb der nächsten 30 Jahre 10 Milliarden Menschen übersteigen, wird es also zunehmend zu einer kaum mehr zu bewältigenden Überbevölkerung unseres Planeten kommen.
Ich halte solche Aussagen und Prognosen über zukünftige Überbevölkerung für äußerst gefährlich, weil sie suggerieren, dass heute noch alles in Ordnung ist, dass das Phänomen Überbevölkerung erst irgendwann in so und so vielen Jahren gefährlich wird. Tatsächlich ist aber Überbevölkerung kein Problem der Zukunft, sondern ein Problem der Gegenwart. Schon heute leben viel zu viele Menschen auf dieser Erde. Viele der Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, von der Umweltbelastung bis zur Nahrungsmittelversorgung, vom Verkehrschaos bis zum überfüllten Strand, vom zunehmenden Zubetonieren der Natur bis zur zunehmenden Einengung der persönlichen Freiheit, sind direkt gekoppelt mit der Anzahl der Menschen, die auf der Erde mit einem gewissen Lebensstandard existieren wollen.
Wir tendieren dazu, vieles an gegenwärtigen Verhältnissen zu messen. Wir haben uns so an die verschiedensten Einschränkungen gewöhnt, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie sehr wir schon jetzt beengt leben. Und wenn die Entwicklung ungehindert weiterläuft, dann werden wir uns immer dichter zusammendrängen und einschränken müssen, werden die Spannungen in den einzelnen Ländern und zwischen wohlhabenden und nicht wohlhabenden Teilen der Welt immer größer werden, werden wir Politiker, Technologie und alles Mögliche andere dafür verantwortlich machen, obwohl die Hauptursache diese ist: Beschränkte Ressourcen eines beschränkten Planeten sind nur dann für alle Menschen einigermaßen frei verfügbar, wenn es nicht zu viele Menschen gibt.
Wie groß ist die »Idealbevölkerung« der
Erde? Klar dürfte sein, dass einige Hunderttausende etwas wenig
wären (weil dann gewisse Infrastrukturen vom Theater bis zum
Flugzeug nicht mehr verfügbar sein würden). Klar ist wohl auch,
dass 100 Milliarden viel zu viel sind. Irgendwo dazwischen liegt
also das Optimum. Viele Tatsachen sprechen dafür, dass wir die
bestmögliche Größe schon lange überschritten haben. (Es wäre ja
auch ein unglaublicher Zufall, wenn wir gerade jetzt die
bestmögliche Größe erreicht hätten!) Ich sage: Die Erde wäre ein
wunderschöner Planet …, wenn auf ihr nur einige hundert
Millionen Menschen leben würden. Vorrangiges Ziel muss es daher
sein, nicht nur einen weiteren Bevölkerungszuwachs zu verhindern,
Ziel muss es vor allem sein, innerhalb einiger Generationen die
Bevölkerung der Erde auf zirka ein Zehntel des heutigen Standes zu
reduzieren und auf diesem Stand zu halten. Ich schlage im Beitrag
7.2: »Negatives Bevölkerungswachstum« konkrete Schritte vor, die in
diese Richtung führen, werde aber im Folgenden versuchen zu
erklären, warum ich überzeugt bin, dass die Welt schon heute – fast
überall, vor allem auch in Europa – stark überbevölkert ist. Es ist
bekannt, dass zukünftiger Bevölkerungszuwachs in erster Linie von
Ländern der Dritten Welt ausgehen wird, dass sich die Bevölkerung
in Europa nur noch langsam (mehr durch Zuwanderung als durch
Geburtenüberschuss) vergrößern wird. Das heißt aber nicht, dass
deshalb in Europa die Bevölkerungsdichte stimmt. Sie ist nur schon
so lange viel zu hoch, dass uns dies nicht mehr bewusst wird, dass uns nicht mehr bewusst wird,
wie eingeengt und unnatürlich wir leben! Wer möchte nicht durch
unverbaute Natur wandern können, an einer schönen Stelle eine Rast
machen, ein Lagerfeuer anzünden, vielleicht ein Zelt aufschlagen?
Wer möchte nicht eine Bergwanderung machen, ohne andauernd
Lifttrassen, Seilbahnen, Staudämme, Hochspannungsleitungen und
Alpenstraßen zu sehen? Wer möchte nicht einen Wald, in dem
Herrenpilze und Eierschwammerl noch nicht durch langjähriges
Überpflücken fast ausgerottet sind? Wer möchte nicht an einem See
im Sommer baden, ohne in eines der überfüllten Strandbäder gehen zu
müssen? Wer möchte nicht vielleicht einmal in einem Bach so
nebenbei eine Forelle fangen?
Dies sind nur ein paar Beispiele für Dinge, die so natürlich sind, dass sie jedem Menschen möglich sein sollten. Ich finde es erstaunlich, dass viele dieser Dinge zum Beispiel in Mitteleuropa nicht mehr möglich sind und dies hingenommen, ja nicht einmal diskutiert wird.
Die aufgezählten Beispiele sind nicht unmögliche Visionen. Sie entsprechen vielmehr dem, was in manchen Teilen der Welt auch heute noch üblich ist, zum Beispiel in Teilen Kanadas oder Australiens. Freilich ist dort die Bevölkerungsdichte sehr viel geringer. Kein Wunder, dass dort das Zusammenleben auch hochtechnisierter Menschen mit der Natur einfacher ist. Aber das ist ja gerade der springende Punkt: Ein angenehmes Leben mit einer intakten Natur ist nicht erreichbar, indem man sich nur in allen möglichen Bereichen einschränkt, indem man nur Technik maßvoller einsetzt, als dies in der Vergangenheit manchmal geschah, indem man nur versucht, Ressourcen gerechter zu verteilen (obwohl solche Bestrebungen zu begrüßen sind). Eine wirkliche Lösung kann nicht durch das Einsparen von ein paar Prozent da und dort erreicht werden, sondern nur durch eine allmähliche, aber im Ausmaß dramatische Reduktion der Bevölkerung, auch in Europa.
Ich plädiere daher zum Beispiel für ein Europa mit 25 Millionen Einwohnern, für ein Deutschland mit 5 Millionen und für ein Österreich mit 500.000. München und Wien mit 180.000 Menschen, Graz und Dortmund mit 25.000 Menschen. Schöne Städte werden dies sein, mit erfreulich viel Grün, mit angenehm lockerem Verkehr, in dem sogar für Radfahrer Platz ist, ohne dass diese um ihr Leben fürchten müssen. Übrigens, da zu diesem Zeitpunkt nur noch ein winziger Bruchteil der heutigen Energie in Europa benötigt wird und die schlimmsten Umweltbelaster (zum Beispiel veraltete kalorische Kraftwerke) vorrangig stillgelegt wurden, gehört die Angst vor saurem Regen der Vergangenheit an; selbst Tannenwälder beginnen wieder nachzuwachsen. Und die Herbsttage werden plötzlich erstaunlich nebelfrei sein …
Ein wichtiges Argument, warum es nicht reicht, den Bevölkerungszuwachs zu stoppen, sondern warum es erforderlich ist, die Weltbevölkerung über mehrere Generationen hinweg stark zu reduzieren, ist dieses: 20 % der Weltbevölkerung (Mitteleuropa und Nordamerika) verbrauchen heute fast 80 % aller Grundressourcen (zum Beispiel Energie). Eine globale Auseinandersetzung der unterentwickelten Länder mit den hoch entwickelten ist nur vermeidbar, wenn die Lebensstandards allmählich einigermaßen angeglichen werden können. Selbst wenn man Sparmaßnahmen und ein Sinken des Lebensstandards in den hoch entwickelten Ländern einbezieht, bedeutet dies, dass sich der Bedarf an Grundressourcen verdreifacht. Eine solche Verdreifachung übersteigt das, was die Erde zu bieten hat und was sie aushält. Ein Totalkollaps der Umwelt wäre die Folge.
Ein menschenwürdiges Leben für alle mit einem soliden Lebensstandard ist also nicht möglich, wenn es nicht gelingt, die Weltbevölkerung allmählich, aber im Ausmaß dramatisch zu verringern.
7.2 Negatives Bevölkerungswachstum
Eine geringere Bevölkerungsdichte ist offenbar
nur durch ein negatives Bevölkerungswachstum, d. h. durch
einen allmählichen Schrumpfungsprozess, erreichbar. Ist eine solche
Schrumpfung durchführbar? Würde durch eine Schrumpfung der
Bevölkerung nicht die Wirtschaft gefährdet? Selbst wenn es zum
Beispiel gelänge zu erreichen, dass sich die Anzahl der
Österreicher allmählich verringert, würden die dann notwendigen
Fremdarbeiter dies nicht wieder wettmachen, und man hätte erst
nichts gewonnen? Ja selbst wenn auch das noch zu vermeiden wäre,
welche Chance gäbe es, einen solchen Schrumpfungsprozess weltweit
einzuleiten, wo doch Bevölkerungsdruck oft auch als politisches
Instrument verwendet wird?
Leicht wird es nicht sein, alle diese Probleme aus dem Weg zu räumen. Aber wenn wir es nicht schaffen, überlebt diese Welt nicht ohne riesige Katastrophen. Drum: Packen wir es an! Mein Vorschlag ist einfach: Lösen wir zuerst das Problem in Österreich und exportieren wir dann das Modell (von dem wir schon nachweisen können, dass es funktioniert) in andere Länder. Nur wenn wir uns selbst an gewisse Regeln halten, haben wir moralisch das Recht, dies von anderen Ländern zu verlangen!
Zunächst also zur Situation in Österreich: Das wirtschaftliche Argument, dass wir eine mindestens stabile Bevölkerungszahl benötigen (ansonsten sei zum Beispiel die Altersversorgung nicht gewährleistet, seien Fremdarbeiter notwendig usw.), ist einfach falsch. Auf Grund zunehmender Automatisierung produziert ein immer kleinerer Teil der Bevölkerung immer mehr; im dadurch ausgelösten Anpassungsprozess entsteht fast zwangsweise eine gewisse Arbeitslosigkeit, besonders bei Jugendlichen. Wir sind auf Grund der Automatisierung in der historisch einmaligen Situation, dass eine geringere durchschnittliche Kinderzahl die wirtschaftlichen Probleme erleichtert, nicht erschwert!
Für eine stabile Bevölkerungszahl benötigt man im Durchschnitt zirka 2,4 Kinder pro Ehepaar. Ich schlage vor darauf hinzuwirken, dass als Durchschnittswert knapp unter zwei Geburten pro Ehepaar angepeilt wird. Bei diesem Wert sinkt die Bevölkerung schon fast um 10 % pro Generation, innerhalb von sieben Generationen bereits auf die Hälfte.
Da der österreichische Durchschnittswert bei zurzeit zirka zwei Geburten pro Ehepaar liegt, sind nur milde Maßnahmen notwendig, um das angestrebte Ziel zu erreichen. Es ist aber faszinierend zu beobachten, dass den meisten Menschen und den meisten Politikern das Problem Überbevölkerung gar nicht bewusst ist! Gerade umgekehrt, da spricht man beängstigt vom leichten Bevölkerungsrückgang und wie man ihn bekämpfen kann, statt sich darüber zu freuen und ihn zu fördern, weil man irrtümlich Angst hat vor stagnierender Wirtschaft und dem Zusammenbruch des Generationenvertrags, siehe Beitrag 1.7: »Der Generationenvertrag«.
Wir benötigen ein Umdenken: Statt immer und überall die Zwei- bis Vier-Kinder-Familie im eigenen Häuschen als wünschenswert zu propagieren (in Schulbüchern, Filmen, Radio …), muss die Ein- bis Zwei-Kinder-Familie in einem Zwei- bis Vier-Familien-Haus als anstrebenswert gezeigt werden. Eine Situation also, in der zum Beispiel vier Familien in ihren eigenen Wohnungen mit insgesamt sieben bis acht Kindern leben, aber ein bisschen Infrastruktur (Garten, Sandkiste, Swimmingpool, Tischtennisplatte …) gemeinsam benutzen. Auch für die Eltern und Kinder ist dies besser als die isolierte Familie mit zwei bis drei Kindern … und die Landschaftszersiedelung würde abnehmen!
Es muss ein Bewusstsein dafür entstehen, dass es unsozial und gesellschaftspolitisch nicht wünschenswert ist, zu viele Kinder in die Welt zu setzen. Dies ist keine Kinderfeindlichkeit, sondern Realität! Jeder, der wirklich eine große Anzahl von Kindern betreuen kann und will, hat dazu weiterhin die Möglichkeit. Er kann mit anderen Familien mit Kindern im selben Haus wohnen, er kann Kinder adoptieren, KindergärtnerIn als Beruf wählen usw.
Familienbeihilfe nur für das erste
Kind, zunehmend progressive Besteuerung ab dem dritten Kind, keine
Geburtenbeihilfe (mit entsprechenden Ausnahmen bei Eltern mit
bescheidenem Einkommen): Dies wären Maßnahmen in die richtige
Richtung! Das Aufziehen von Kindern ist eine schöne und große
Aufgabe. Sie bringt aber auch Lasten mit sich. Dies und die
finanziellen Einbußen sollten potenziellen Eltern sehr bewusst
sein, bevor sie sich entschließen Kinder zu haben! Viel zu viele Kinder werden
ungewollt oder gedankenlos in die Welt gesetzt und dann genauso
nebenbei irgendwie (fast, als wären sie Belästigungen) erzogen. Wie
viele Ehepaare planen und sparen jahrelang für ein Auto, ein Haus,
eine Weltreise? Planen und sparen ebenso viele so lange und so
sorgfältig für ihre Kinder?
Zu den uneinsichtigsten und verantwortungslosesten Organisationen gehört in diesem Zusammenhang die katholische Kirche mit ihren Aussagen gegen vernünftige Methoden der Geburtenkontrolle. Es ist nur gut, dass zumindest in großen Teilen Europas in diesem Punkt nicht mehr auf die Kirche und den Papst gehört wird. Ich habe aber nie verstanden, wie der Papst mit der Tatsache leben kann, dass er durch seine Aussagen bei Reisen in arme Länder, zum Beispiel Afrika und Südamerika, Hunderttausende von ungewollten Kindern auf dem Gewissen hat, die nur ein kurzes Leben und ein entsetzlicher Hungertod erwartet. In Ländern wie Österreich, wo die katholische Kirche in Fragen Geburtenkontrolle einen noch vergleichsweise milden Standpunkt vertritt (und man ohnehin in diesem Punkt nicht mehr viel auf sie hört), würden schon relativ einfache Maßnahmen reichen, um mittelfristig einen langsamen Bevölkerungsrückgang zu erreichen. Einige Ideen, wie man diese Maßnahmen allmählich dann vielleicht auch in anderen Ländern durchsetzen könnte, erkläre ich im folgenden Beitrag.
7.3 Wie verhindert man die
Bevölkerungsexplosion?
Wie kann man erstens vermeiden, dass Länder mit sinkender oder wenig steigender Bevölkerungszahl überschwemmt werden von Menschen aus rapide wachsenden Ländern (wie es zum Beispiel die USA mit Mexikanern erleben), und zweitens, wie kann man bei Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum dieses eindämmen?
Freie Verfügbarkeit und umfassende Aufklärung über die Empfängnisverhütung; insbesondere rufe ich alle verantwortungsbewussten Menschen auf, die katholische Kirche in diesem Punkt (zum Beispiel durch Massenaustritte) so lange unter Druck zu setzen, bis sie ihren Widerstand empfängnisverhütenden Methoden gegenüber aufgibt.
Systematische Bewusstseinsbildung für das Problem Überbevölkerung durch Schulen und Medien und Propagierung der Familie mit ein bis zwei Kindern, die im Idealfall weder in riesigen Wohnblocks noch in Einfamilienhäusern lebt, sondern in Mehrfamilienhäusern mit etwas gemeinsam benutzbarer Infrastruktur für Kinder.
Eine Steuer- und Förderungspolitik, die obigen Punkt unterstützt; d. h. die Mehrfamilienhäuser fördert, Einfamilienhäuser nicht, nur für das erste Kind Beihilfen bezahlt, ab dem dritten progressiv besteuert usw.
Der Kern meines Vorschlags besteht darin, dass Länder, die das negative Wachstumspaket gesetzlich verankert haben, nur Einwanderer aus ebensolchen Ländern akzeptieren, und dass Länder gewisse Hilfeleistungen nur dann erhalten, wenn sie auch das negative Wachstumspaket akzeptieren. Konkreter, das beschriebene negative Wachstumspaket in Österreich durchzusetzen müsste möglich sein, da seine praktischen Auswirkungen merkbar, aber nicht dramatisch wären. Österreich könnte – um nicht in den Verdacht zu kommen, fremdenfeindlich oder nicht hilfsbereit zu sein – sein Budget für Entwicklungshilfe verdoppeln, aber Mittel nur an Länder auszahlen, die das negative Wachstumspaket akzeptiert haben. Österreich würde ferner Einwanderer im Regelfall nur aus Ländern akzeptieren, die dem negativen Wachstumspaket zustimmen. (Übrigens, Österreich hat seit 1950 über 500.000 Nichtösterreicher permanent aufgenommen – also eine ganz beachtliche Zahl!) Wenn dieses österreichische Modell von einigen wichtigen Ländern übernommen würde, so wären die Auswirkungen auf das Bevölkerungswachstum weltweit sicher merkbar.
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7.4 Eine ungewöhnliche Lösung der Überbevölkerung
Hier mache ich noch einen Vorschlag. Bevor dieser als »total verrückt« abgelehnt wird, darf ich aber sagen: Jeder, der bessere Vorschläge hat, soll sie um Himmels willen bekannt geben! Wir brauchen aber Lösungen, egal, wie weither geholt sie zunächst erscheinen mögen!
Die Durchschnittsgröße der Europäer ist von 1500 bis heute von 144 auf 173 cm gestiegen. Da der Energiebedarf mit der dritten Potenz (dem Volumen) wächst, ist dieser (und damit der Bedarf an Lebensmitteln und an Bewegungsraum) um (173/144) hoch 3, d. h. um einen Faktor 1,83 (um fast das Doppelte!), gestiegen.
Die Entwicklung in anderen Teilen der Erde ist noch dramatischer: Die weitgehend fleischlose traditionelle Diät der Japaner ist einer texasähnlichen fleisch- und proteinreichen Ernährung gewichen und hat innerhalb von zwei Generationen die Körpergröße der Japaner um zirka 34 % erhöht, ihren Energiebedarf (Nahrungskonsum) daher um 1,34 zur Dritten, d. h. um 131 % vergrößert!
Umgekehrt ist es heute durch einfache genetische oder diätmäßige Eingriffe (zum Beispiel mit Pharmazeutika, die in geringen Dosen über das Trinkwasser verabreicht werden könnten) möglich, diesen Trend umzukehren.
Ich bitte darüber nachzudenken, was eine Reduktion der Körpergröße um 5 % pro Generation über zum Beispiel 60 Generationen bedeuten würde: nämlich eine Reduktion auf zirka 4 % der heutigen Größe! Menschen wären dann nicht mehr zirka 173 cm groß, sondern 6–8 cm, würden nicht durchschnittlich 60 kg wiegen, sondern weniger als 4 g und würden entsprechend weniger als ein Zehntel Promille (!) des heutigen Nahrungsbedarfes haben. Selbst wenn der benötigte Bewegungsraum nicht mit der dritten Potenz abnimmt, sondern nur mit der zweiten (was realistischer erscheint), würde die »effektive Bevölkerungsdichte« auf (1/25) zum Quadrat, d. h. auf weniger als 1/2 %, sinken.
Die überbevölkerte Erde mit zurzeit 6 Milliarden Einwohnern würde sich heute wie ein Planet mit 3 Millionen Einwohnern (!), die nur so viel essen wie zirka 100.000 Menschen (!!), anfühlen. Anders formuliert: Gehen wir davon aus, dass die Erde 500 Millionen Menschen heutiger Größe problemlos (und ohne Umweltprobleme) bewältigen könnte, dann könnte sie ganze 1.000 Milliarden Menschen von 6–8 cm Körpergröße spielend verkraften! (Sie verkraftet ja auch zurzeit noch mehr als diese 1.000 Milliarden Ameisen!).
Man beachte, dass ein einziges Jumbo-Flugzeug dann statt 400 Menschen 6 Millionen befördern könnte, ein heutiges Einfamilienhaus Platz für eine Kleinstadt von 15.000 Einwohnern böte, eine Kartoffel eine Familie zwei Wochen lang ernähren könnte usw.
So verrückt die Idee klingen mag – was spricht in Wahrheit wirklich dagegen?
Eine Reduktion der Körpergröße pro Generation um 5 % (zum Beispiel von 180 auf 171 cm) ist psychologisch kaum merkbar und medizinisch/genetisch/pharmazeutisch ziemlich sicher durchführbar. Die Gehirnleistung hängt nicht von der Körpergröße ab (nicht einmal von derAnzahl der Neuronen, die die Gehirnzellen verbinden, wie man heute weiß) …, sonst hätte eine Stechmücke mit 0,03 g Gehirngewicht keine Überlebenschance.
Die Verkleinerung der Menschen bedeutet nicht, dass wir große Maschinen nicht mehr steuern können. Auch heute lenken Menschen Schiffe, Flugzeuge, Raketen …, die um ein Vielfaches größer sind als sie selbst. Kurz und bündig: Wenn es uns nicht gelingt, die Überbevölkerung durch Eindämmung oder Aussiedlung in den Griff zu kriegen, vielleicht bleibt dann wirklich (als Alternative zu großen ökologischen Katastrophen) nur noch die sachte Verkleinerung der Menschen über Generationen hinweg.
Anmerkung von Peter Lechner:
Wenn das kein echter Maurer ist!! Mit einem Fingerschnipper das Problem der Überbevölkerung gelöst.Wenn’s medizinisch geht – warum nicht? Es wird nur nicht geschehen.
7.5 Die Informatikwelt
in hundert Jahren
Vorbemerkung: Dieser Beitrag erschien im
Informatik Spektrum 24, 2 (April 2001) des Springer Verlages
in Heidelberg. Ich bedanke mich für die freundliche Genehmigung des
Nachdrucks.
Wie kann irgendwer über eine so lange Zeit eine vernünftige Prognose machen?
Diese Frage stellt sich fast zwangsweise, wenn man den Titel dieses Beitrags liest. Kann jemand so naiv sein, dass er sich an ein so unmögliches Unterfangen wagt?
Nun, ich bin nicht so einfältig zu glauben, dass man hundert Jahre in die Zukunft sehen kann. Tatsächlich halte ich es mit Jacques Hebenstreit, der meint: »Jede Vorhersage in der Informatik über mehr als 20 Jahre kann nur als Science-Fiction eingestuft werden.« Und wer sehen will, was alles schief gehen kann, der soll den Beitrag 11.3: »Sechzig Prognosen und Thesen … nicht nur zum Schmunzeln« lesen!
Warum schreibe ich dann diesen Beitrag trotzdem? Weil ich von einem bisher noch nie explizit ausgesprochenen Phänomen überzeugt bin, das tatsächlich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in hundert Jahren in voller Entfaltung sichtbar sein wird. Es wird das Leben aller Menschen und alle Regelsysteme der Gesellschaft und der Wirtschaft völlig verändern. Bevor ich erkläre, was ich meine, muss ich im nächsten Abschnitt aber erst die Basis dafür schaffen.
Die arbeitsteilige Gesellschaft
Wir Menschen sehen uns gerne als Individualisten, die ihre eigenen Ziele und Ideen verfolgen und die also auch eine gewisse Unabhängigkeit von anderen Menschen haben und schätzen. Dieser Traum der persönlichen Eigenständigkeit ist schön, aber entspricht in keiner Weise mehr der Welt, in der wir heute leben.
Geht man weit zurück, so war das einmal anders. Die Urmenschen lebten in kleinen Gruppen. Sie waren damals von anderen Gruppen, ja selbst von den Mitgliedern des eigenen Stammes weitgehend unabhängig. Wurde damals ein erwachsener Mensch aus einer Gruppe verstoßen, so konnte er ohne großen Verlust an physischer Lebensqualität weiterleben. Er konnte für sich selbst jagen, sammeln, sich gegen Kälte schützen usw.
Im Laufe der Menschheitsentwicklung wurden die Wechselwirkungen zwischen den Menschen immer stärker. Der Handel, zuerst lokal, später weltweit, schaffte höhere Lebensqualität, aber auch mehr Abhängigkeit, mehr Spezialisierung. Die Verstädterung, später die Industrialisierung und schließlich die Globalisierung führten zu der Situation, die wir heute haben und die uns oft nicht klar genug bewusst ist. Was in der Industrialisierung als Taylorismus, als Arbeitsspezialisierung berühmt bzw. berüchtigt wurde, das erleben wir heute überall.
Die Menschheit ist in einem unvorstellbaren Maß arbeitsteilig geworden, wie ich mit drei Beispielen erläutere:
Während ich dies schreibe, sitze ich in einem Haus mit vielen Einrichtungsgegenständen, die ein Heer von speziell ausgebildeten Menschen für mich geschaffen hat. Es geht ja nicht nur um die Baufirmen, die Elektriker, die Installateure, die Möbelfirmen usw., deren Leistungen unmittelbar sichtbar sind, sondern um deren unzählige Zulieferanten und Subauftragnehmer, die selbst wieder solche haben und die alle wieder von Infrastruktureinrichtungen abhängig sind (Strom, Straßen, Wasser …).
Ich trage Kleidung, bei deren Herstellung eine Unzahl von Spezialisten beteiligt war. Allein am Plastikarmband meiner Uhr haben indirekt sicher Hunderte (!) Branchen mitgewirkt: jene, die die Maschinen zur Erdölgewinnung bauten, das Personal in der technisch-chemischen Industrie, das daraus einen Plastikrohstoff erzeugte, die industriellen Schneidereien, die das Band fertigten, die Vertriebswege, die ohne Transportsysteme oder Buchhaltung nicht funktionieren könnten usw. Wobei hinter so einfachen Worten wie »Transportsystem« ja wieder unzählige andere Branchen stehen.
Ich trinke eine Tasse Kaffee, ohne explizit zu realisieren, wie viele Menschen daran beteiligt waren, sowohl an der Produktion der Tasse als auch an der Produktion dieser braunen heißen Flüssigkeit, die aus gerösteten Bohnen gemacht wird, die aus einem anderen Teil der Welt kommen …
Wenn einer von uns heute verstoßen wird und auf sich selbst gestellt in der Wildnis (wo es die gerade noch gibt) überleben will, schafft er dies im Normalfall nicht mehr. Wenn es gelingt, dann nur mit einem dramatisch niedrigerem Komfort (Siehe dazu »XPERTEN: Das Paranetz«). Unsere Gesellschaft ist so arbeitsteilig geworden, so verzahnt, die Menschen sind so voneinander abhängig, dass wir uns nicht mehr als Einzellebewesen sehen können, sondern schon viel eher analog zu Ameisen in einem Ameisenhaufen.
Anders formuliert: Es gibt das Lebewesen Mensch nicht mehr, sondern das Lebewesen Menschheit. Die Menschen sind nur noch Zellen dieses Lebewesens, die bestimmte Aufgaben übernommen haben. Dieses neue Lebewesen Menschheit hat anstelle von Muskeln Werkzeuge, Maschinen und Energieversorgungsnetze, anstelle von Blut die globalen Transportsysteme, anstelle von Nerven die weltweiten Kommunikations-, Medien-, Daten- und Computernetzwerke.
Noch anders formuliert: Obwohl wir die materiellen Dinge in unserer Umgebung (von der Kleidung zur Behausung, vom Transportmittel zum Essen …) andauernd und ganz selbstverständlich benutzen, können wir nur ganz wenige davon selbst herstellen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir im materiellen Bereich vollständig auf andere Menschen angewiesen sind und greifen auf diese Produkte anderer Menschen ohne Bedenken jederzeit zu.
Es ist darum so wichtig, dies einmal deutlich zu verstehen, weil die nächsten hundert Jahre etwas Analoges bringen werden. Die Welt wird nicht nur arbeitsteilig, sie wird auch vollständig »wissensteilig«. Jeder Mensch wird auf das Wissen anderer Menschen direkt zugreifen müssen und können und dies als Selbstverständlichkeit betrachten, ohne zu verstehen, wie dieses Wissen in den anderen Menschen entstanden ist, und ohne in der Lage zu sein, dieses Wissen selbst zu erarbeiten. Genau wie es die meisten von uns heute tun, wenn sie ein Auto verwenden: Weder wissen sie auch nur annähernd, wie es konstruiert wurde, noch wären sie dazu in der Lage eines zu bauen.
So wie traditionelle Werkzeuge unsere körperlichen Fähigkeiten vervielfacht haben, werden in Zukunft »Wissenswerkzeuge« unsere geistigen Fähigkeiten dramatisch vergrößern, aber gleichzeitig auch die gegenseitige Abhängigkeit!
Die wissensteilige Gesellschaft
Meine Hauptthese ist also, dass die Menschheit in den nächsten hundert Jahren in einem gewaltigen Ausmaß »wissensteilig« werden wird und dass damit einerseits anstelle des Einzellebewesen Mensch das neue Lebewesen Menschheit noch deutlicher als heute sichtbar wird, andererseits die einzelnen Menschen fast wie durch ein großes »externes Gehirn« gewaltig an mentalen Möglichkeiten gewinnen werden.
Die Weiterentwicklung der Computer bzw. der Informatik wird dabei eine wesentliche Rolle spielen, darauf gehe ich in einem getrennten Abschnitt näher ein. Freilich sollte man die beispielhaften Aussagen in diesem technischeren Abschnitt nur genau als solche sehen. Denn ob die dort beschriebenen oder ganz andere Alternativen in hundert Jahren zum Tragen kommen werden, das kann wirklich niemand vorhersagen.
Meine These aber, dass die Menschheit immer wissensteiliger wird, die in diesem zentralen Abschnitt erläutert wird, diese Prognose wird dem Wind der Zeit eher standhalten und ist daher auch sehr viel ernster zu nehmen.
Rekapitulieren wir noch einmal kurz: Die Menschen waren ursprünglich durchaus in der Lage, jeder für sich zu sorgen. Erst durch Phänomene wie Handel, Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung wurden die Menschen immer mehr von den materiellen Produkten anderer abhängig, besteht heute in den entwickelten Gesellschaften eine unglaublich starke Abhängigkeit der Menschen voneinander, aber auch ein weltweiter Zugriff auf alle Güter. Vor 50 Jahren waren Mangos, Bananen, Kiwis usw. in Europa einfach nicht erhältlich, chinesische Restaurants eine Seltenheit oder Handschnitzereien aus Afrika den wenigen Fernreisenden vorbehalten.
Im Bereich »Wissen« ist ein ähnlicher, aber langsamerer Prozess verfolgbar, ein Prozess, der erst in den nächsten hundert Jahren seinen wirklichen Höhepunkt erreichen wird. Der schon vorher als Beispiel herangezogene Urmensch verfügte, jeder einzelne, noch über das meiste notwendige Wissen. Er vermittelte dieses Wissen auch nicht durch einen formalen Prozess wie »unterrichten« oder »aufschreiben«, sondern einfach durch »vorzeigen«.
In den allmählich sich entwickelnden höheren Kulturen war aber schon bald nicht alles Wissen für alle verfügbar. Beispielweise wussten die Priester in einigen alten Kulturen sehr viel mehr über die Astronomie als die meisten anderen damaligen Menschen, die Medizinmänner mehr über Heilkräuter als der Durchschnitt oder die griechischen Mathematiker mehr über Geometrie und Logik als ihre Zeitgenossen. Das Wissen begann sich also rasch »aufzuteilen«.
Ein wesentlicher weiterer Schritt in diese Richtung war die Entstehung der Schrift, durch die das Wissen Einzelner einer großen Anzahl von Menschen in Gegenwart und Zukunft vermittelbar wurde. Der Buchdruck, im 20. Jahrhundert dann Bild-, Ton- und Filmmedien und schließlich die »neuen Medien« und Computernetze, allen voran das WWW, trugen dazu bei, dass das wachsende Wissen der Menschheit an immer mehr Orten, aufgeteilt in Milliarden von Bruchstücken, zu finden ist. Jeder einzelne Mensch verfügt dabei nur über einen winzigen Bruchteil des Gesamtwissens. Zusätzlicher Wissenserwerb war und ist nicht einfach.
Interessant dabei ist aber, und das ist das Entscheidende, dass nicht nur die Zahl der verschiedenartigst und verstreut aufgezeichneten Wissensbruchstücke im Laufe der Zeit immer mehr wuchs, sondern dass der Zugang zum Wissen allmählich leichter wurde. Unterrichtseinrichtungen wie Schulen und Universitäten trugen dazu bei, Lesen (durch die allgemeine Schulpflicht seit zirka 1800 in Europa weit verbreitet) spielte eine große Rolle, aber auch der Zugang zu Büchern wurde einfacher. Musste man vor 400 Jahren vielleicht noch Hunderte Kilometer in eine große Klosterbibliothek reiten, mussten sich Leibnitz und Newton noch Wochen gedulden, um einen Brief vom anderen zu erhalten, entstanden im 20. Jahrhundert zunehmend öffentliche Bibliotheken, ja sind Bücher heute vergleichsweise so billig, dass viele oft gekauft, aber nicht gelesen werden. Es ist eine Kuriosität unserer Zeit, dass heute mehr Bücher gekauft werden als je zuvor (auch pro Kopf der Bevölkerung), aber deutlich weniger gelesen wird als noch vor 40 Jahren!
Medien wie Radio, Fernsehen und seit nicht einmal 20 Jahren das Internet machen den Zugang zu Information (Wissen?) immer einfacher. Die Möglichkeiten, über moderne Kommunikationsmethoden von E-Mail zu Diskussionsforen oder Online-Expertenberatung wichtige Wissensbruchstücke zu erhalten oder durch E-Learning sich größere Wissensbereiche selbst anzueignen, wachsen ständig. Wie würden heute Newton und Leibnitz zusammenarbeiten?
Was wir bisher gesehen haben, ist noch nicht einmal die Spitze des Eisberges. Lange vor dem Jahr 2100 werden alle Menschen jederzeit und an jedem Ort auf alles Wissen der Menschheit zugreifen können, ähnlich wie wir das heute bei materiellen Gütern können. Dieser Zugriff wird mit Geräten erfolgen, die eng mit den Menschen verbunden sind, und wird sich auf Wissen beziehen, das entweder aus Datenbanken kommt oder aus Dialogen mit Experten entsteht. Das Gehirn des Einzelmenschen wird nur noch ein vergleichsweise winziger Bestandteil eines gewaltigen Wissensvorrates sein, der durch die Vernetzung aus Milliarden von Menschenhirnen und Datenbanken entsteht. So wie wir heute ohne zu überlegen in ein Flugzeug einsteigen, um etwas Neues zu sehen, werden die Menschen dann in ein »Wissensflugzeug« einsteigen, das ihnen neue Erkenntnisse und Erlebnisse liefert. Lernen, etwa gar Faktenlernen, wird etwas sein, das so veraltet ist wie für uns Pferdefuhrwerke, die noch vor hundert Jahren das Hauptverkehrsmittel waren. So wie wir heute Maschinen und Werkzeuge verwenden, um Häuser oder Computer zu bauen, einen Staudamm zu errichten oder Holz zu bearbeiten, werden die Menschen in hundert Jahren Werkzeuge und Maschinen haben, mit denen aus Wissensgrundbausteinen neue Wissengebilde erzeugt werden können. Nicht alle Menschen werden diese Möglichkeiten ausschöpfen, genauso wie auch heute nur ein kleiner Bruchteil bei großen Vorhaben entscheidend mitmacht. Aber die Potenzierung des Wissens durch das Zusammenschalten vieler »Köpfe« und Computer wird ein unglaublich mächtiges Lebewesen Menschheit schaffen.
Wie mächtig dieses Lebewesen sein wird, mag man am besten daran erkennen, was es heute schon erreicht hat, im Positiven wie im Negativen. Es hat jeden Punkt der Welt zugänglich gemacht, es hat (bildlich gesprochen) mit Mond- und Marssonden erstmals sozusagen ins Weltall gespuckt; es hat gewaltige Produktionskapazitäten in allen Bereichen entwickelt, sonst könnte nicht ein ganz kleiner Prozentsatz der Europäer alle anderen mit den erforderlichen Lebensmitteln versorgen. Dass unsere Wohnungen wohltemperiert sind, nehmen wir inzwischen als genauso selbstverständlich hin wie dass wir uns jederzeit Kleidung oder Essen kaufen oder irgendwohin in die Welt reisen können. Andererseits hat dieses Lebewesen auch die Umwelt schwerstens verletzt, ist jederzeit in der Lage sich chemisch, biologisch oder nuklear selbst auszurotten usw.
Die Wissensvernetzung wird neue Phänomene mit sich bringen, die wir genauso wenig vorhersehen können wie irgendwer bei der Erfindung des Autos hätte prognostizieren können, dass ein guter Teil der Wirtschaft einmal von Autos abhängen wird, dass Autos die Welt verschmutzen und das Klima ändern, dazu führen, dass riesige Flächen zuasphaltiert werden, dass Autos mehr Menschen töten als selbst die größten Kriege das tun usw. Die Menschen werden gegen die sicher auch auftretenden negativen Folgen der Wissensvernetzung so massiv ankämpfen müssen, wie wir heute zum Beispiel für weltweiten Umweltschutz eintreten sollten.
Während ich bisher von der Wissensvernetzung schwärme, von der Tatsache, dass Menschen in den nächsten hundert Jahren immer direkter auf alles existierende Wissen zugreifen werden können, werden Skeptiker entgegnen: Wir versinken doch schon jetzt in einer Flut unübersehbarer Informationen; eine weitere Vermehrung ist doch wirklich nichts Positives, sondern eine Katastrophe.
Tatsächlich wäre eine weitere Ausweitung der unkontrollierbaren Informationsflut, in der das Auffinden gewünschter und verlässlicher Information immer schwieriger wird, nicht erstrebenswert. Nur zeichnet sich am Horizont bereits ab, dass die Informationslawine allmählich gebändigt und strukturiert werden wird zu sinnvollen, verlässlichen und auf die Person maßgeschneiderten Wissenseinheiten. Das wird geschehen über die stärkere Verwendung von Metadaten, von intelligenten Agenten, von vertikalen Suchmaschinen (wo Fachleute Informationen gefiltert und kombiniert haben), von Giga-Portalen für die verschiedensten Anwendungsbereiche, von aktiven Dokumenten, die von sich aus Antworten geben können, u. v. m. Viel von den angedeuteten Aspekten beginnt man zurzeit unter dem Begriff »Wissensmanagement« zu subsumieren. Erste tastende Bücher zu diesem Thema erscheinen in zunehmender Zahl, Forschungszentren für diesen Bereich werden gegründet, wie zum Beispiel das Grazer »KNOW-Center« unter meiner wissenschaftlichen Leitung, dessen wissenschaftlicher Direktor Dr. Klaus Tochtermann nicht zufällig aus dem »FAW Ulm« (Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung) kommt.
Wissensmanagement (Knowledge-Management) geht zurück auf den Stoßseufzer vieler Manager: »Wenn meine Mitarbeiter nur wüssten, was meine Mitarbeiter wissen, dann wären wir ein viel schlagkräftigeres Unternehmen.« Diese Herausforderung an das Knowledge-Management, das gesamte Wissen in den Köpfen einer Organisation (»Corporate Memory«) allen zur Verfügung zu stellen, ist im Kleinen das, was durch die globale Wissensvernetzung in sehr viel größerem Maßstab die Menschheit verändern wird. Dass diese Wissensvernetzung nicht nur ein Traum ist, zeigen die ersten Wissensmanagement-Systeme wie Hyperwave (www.hyperwave.de) und ihre Module, wie die E-Learning-Suite.
Die heutigen Methoden des Wissensmanagements beginnen große Organisationen wirtschaftlich zu stärken und ihre Zukunft abzusichern. Dieser Prozess wird noch Jahrzehnte andauern, die Methoden werden sich ständig verbessern und allmählich aus den großen Organisationen hinausreichen in alle Teile des Lebens der künftigen Menschheit.
Technik und Technikspekulationen
Eine echte Wissensvernetzung erfordert nicht nur weitere große Fortschritte im Bereich Wissensmanagement, sondern ist nur möglich, wenn das Wissen jederzeit und an jedem Ort sofort und möglichst direkt zur Verfügung steht, d. h., wenn die Verbindung zwischen dem Netz und den Menschen noch sehr viel einfacher und natürlicher wird, als sie es heute ist.
Ich habe schon vor vielen Jahren den allgegenwärtigen Computer prognostiziert: nicht viel größer als eine Kreditkarte, weitaus mächtiger als die heutigen schnellsten Computer, mit hoher Übertragsgeschwindigkeit an weltweite Computernetze mit all ihren Informationen und Diensten angehängt, in sich vereinigend die Eigenschaften eines Computers, eines Bildtelefons, eines Radio- und Fernsehgerätes, eines Video- und Fotoapparates, eines Global Positioning Systems, einsetzbar und unverzichtbar als Zahlungsmittel, notwendig als Führer in fremden Gegenden und Städten, unentbehrlich als Auskunfts-, Buchungs- und Kommunikationsgerät usw.
Die Handys, die wir noch vor 2010 sehen werden und die mit UMTS oder Weiterentwicklungen davon hohe Geschwindigkeit beim Netzzugang ermöglichen werden, werden den beschriebenen allgegenwärtigen Minicomputern schon nahe kommen.
Und doch sind solche Überlegungen natürlich noch sehr konservativ. Die Schirmtechnologie wird sich nicht nur durch faltbare, rollbare, extrem leichte und dünne Farbschirme verbessern, die Schirmtechnologie wird überhaupt verschwinden. Über einfache Brillen, die bei den Ohren einen Stereo-Ton direkt auf die Gehörknochen abgeben (wie das heute bei Hörbrillen schon gang und gäbe ist), werden Bilder direkt durch die Pupille auf die Netzhaut projiziert werden, links und rechts natürlich verschiedene, um dreidimensionale Effekte zu erlauben.
Die Brille wird aber auch Aufnahmegerät sein, mit einem 500fach Zoom, mit dem man die dann auf dem Mond entstehenden Gebäude in klaren Nächten sehen wird können, mit Infrarot und Lichtverstärkung für klare Sicht bei Nacht und Nebel, mit einer Makrofunktion, damit ich zum Beispiel den Belag auf der Zunge gleich an meinen Arzt, der irgendwo sein mag, übermitteln kann (und dem ein Computer aus einer Datenbank gleich ähnliche Bilder mit Diagnose und Therapievorschlägen vorlegt). Das bedeutet auch, dass alles, was ein Mensch gerade sieht, auch beliebigen anderen Menschen zugänglich gemacht werden kann, ja dass vielleicht überhaupt alles, was ein Mensch je hört oder sieht, als eine Art »Supertagebuch« aufgezeichnet werden wird, das später nach verschiedensten Kriterien durchsucht werden kann. Natürlich benötigt das auch die Verwendung neuer Speichermedien. Die heutigen 20 Gigabyte-Harddisks, die gerade noch 24 Stunden Filme guter Qualität aufzeichnen könnten, werden ersetzt werden durch Speichergeräte mit einer millionenfach höheren Speicherdichte, die dann schon problemlos das ganze 150-jährige Leben von 20 Menschen aufzeichnen können. Ist das Science-Fiction? Sicher nicht: In den Bio-Nanotechnologielabors wird heute schon an Speicherdichten von 10 Terrabyte pro Quadratzentimeter gearbeitet, auf organischen Mikrokristallen basierend. Ein kreditkartengroßer Speicher dieser Art würde dann schon 500 Terrabyte Kapazität haben, also 25.000 Mal mehr als die 20 Gigabyte-Harddisks. Und da reden wir von zirka 2020, nicht von heute in hundert Jahren!
Bei der Wissenswiedergabe und
Speicherung von Ton, Sprache, Film, dreidimensionalen Szenen etc.
zeichnen sich also schon heute ganz wesentliche Umwälzungen ab.
Über taktile und olfaktorische Ausgabegeräte wird geforscht:
Computer werden in hundert Jahren auch auf diesem Weg mit uns
kommunizieren. Die Kommunikationsrichtung Computer – Mensch ist gut
absehbar. Die umgekehrte Richtung ist weniger offensichtlich.
Natürlich werden Spracheingabe, Gestenerkennung, Eingabe durch
Informationen über einfache Fingerbewegungen, Computer die hören
und sehen und das Erlebte verarbeiten, aber auch subtilere
Verfahren eine enorme Rolle spielen. Jeder, der unter »Wearables«
im WWW sucht, wird sich rasch überzeugen können, dass enorm viel im
Entstehen ist. Aber noch ist irgendwie abzusehen, was sich
durchsetzen wird bzw. was die nächsten hundert Jahre an
Eingabegeräten noch alles bringen werden.
Insgesamt sind die Benutzerschnittstellen Mensch-Computer darum so schwer vorhersehbar, weil es nicht klar ist, wie weit eine direkte Verbindung der menschlichen Nervenbahnen mit Computern erwünscht ist. Die medizinisch-technische Machbarkeit zeichnet sich am Beispiel der direkten Impulsübergabe an den Gehörnerv bei tauben Personen ab oder durch die gedankliche Steuerung von einfachen Bewegungen wie Beinprothesen oder eines Computerkursors. Wie weit wird die Menschheit bereit sein, eine solche vollständige Symbiose mit Computern anzunehmen? Werden dafür die nächsten hundert Jahre reichen? Hervorragende Wissenschaftler wie Morawetz, Kurzweil oder Gershenfeld würden ein klares »Ja« sagen, ja würden bezweifeln, ob der Mensch als zirka 75 kg schweres Lebewesen überhaupt noch sinnvoll ist oder eine noch viel weitergehende Verschmelzung Mensch/Maschine nicht die offensichtlichere Zukunft ist …
Klar ist, dass die Miniaturisierung von sehr mächtigen Computern mit den beschriebenen Benutzerschnittstellen und Funktionen so weit gehen wird, dass man sie zum Beispiel einmal in das Loch in einem Zahn wird einpflanzen können. Die Übertragung der Signale zu und von den menschlichen Sinnesorganen könnte zum Beispiel über die Leitfähigkeit der menschlichen Haut erfolgen, die Verbindung zu den Datennetzen drahtlos. Die notwendige Energie wird direkt aus der Energie des menschlichen Körpers gewonnen werden. Dieser erzeugt in Ruhestellung ja immerhin 75 Watt. Ein Bruchteil wird für den Betrieb der notwendigen Elektronik genügen.
Ob es dann in hundert Jahren tatsächlich Elektronik sein wird oder Biochips oder etwas ganz anderes, sind dann schon fast »kleine Details«. Werden dann Computer so intelligent wie Menschen sein? Auch dies ist letztlich eine eher esoterische Frage. Das Lebewesen Menschheit wird eine so starke Symbiose Mensch mit Maschine sein, dass die Fähigkeit des ganzen Systems jedenfalls die Fähigkeit jeder Komponente weit übersteigt.
Wie viel vom menschlichen Körper wird in hundert Jahren noch notwendig sein? Wird man biologische Ersatzteillager für nicht mehr gut funktionierende Organe oder Körperteile verwenden oder wird fallweise das schwache Herz durch ein künstliches, die alten Beine durch eine mechanisch-biologisch-elektronische Variante, die sehr viel ausdauernder arbeitet, ersetzt werden? Werden wir weiterhin über zwei organische Augen die Umwelt optisch aufnehmen oder werden wir durch eine Unzahl von kleinen Kameras nicht zwei Bilder, sondern viele, fast wie mit den Facettenaugen eines Insekts, in unser Gehirn pumpen, wie dies in zahlreichen Versuchen schon heute getan wird? Und wie eng sind das Gehirn oder die daraus hervorgehenden Nervenstränge mit den weltweiten Computernetzen und damit auch mit anderen menschlichen Gehirnen verbunden?
Man kann unzählige solche Fragen stellen. Antworten darauf können nur Spekulationen sein. Ich überlasse sie daher den Verfassern von Science-Fiction-Literatur. Was aber als einigermaßen gesicherte These bestehen bleibt, ist umwälzend genug, um es nochmals zusammenzufassen: Durch die enge Vernetzung von Menschen und Computernetzen, und die wird sich zwangsweise in den nächsten hundert Jahren in unerhörter Weise weiterentwickeln, entsteht einerseits ein neues Lebewesen Menschheit, wie es ein solches noch nie gegeben hat, und wird andererseits jeder Mensch nicht nur Teil dieses Lebewesens, sondern erhält aus seiner persönlichen Sicht heraus eine Erweiterung des eigenen Gehirns in einem gewaltigen Ausmaß durch die direkte Kommunikation mit riesigen Wissensbeständen und anderen Menschen.
Wollen wir das alles?
Viele Menschen sind faustisch: Sie leben in einem tieferen Sinn nur dadurch, dass sie etwas erschaffen oder erforschen. So will ich an dieser Stelle Goethe interpretieren. Mao hat Ähnliches, aber bescheidener gesagt. Wenn er von der Notwendigkeit der dauernden Revolution gesprochen hat, dann meinte er damit, dass es für die Menschen keinen Stillstand gibt (vielleicht auch keinen Fortschritt, was immer das ist), sondern dass Menschen Veränderungen benötigen, um sich zu verwirklichen, um zufrieden zu sein. Auf die Frage, warum man den Nordpol oder die Berge oder die Planeten »erobern« will, gibt es die klassische Antwort: Weil sie da sind. All dies spricht dafür, dass vieles von dem, was machbar ist, gemacht werden wird. Nur große und unvorhersehbare negative Folgen können fallweise mögliche Entwicklungen bremsen, ändern oder verhindern. Die aufgezeigte wissensteilige Gesellschaft, die Wissensvernetzung ist nicht nur machbar, sondern schon im Entstehen. Sie wird in hundert Jahren ein Faktum sein. Dass am Weg dorthin nicht nur technische Probleme zu lösen sein werden, sondern auch Richtungsänderungen erfolgen können und fallweise erfolgen müssen, um das menschliche Leben lebenswert zu erhalten, ändert das insgesamt entworfene Bild nicht wesentlich.
7.6 Ausgleich mit der
Dritten Welt
Es ist eine wohl bekannte Tatsache, dass 20 % der Menschheit 80 % der Ressourcen dieser Welt verbrauchen, dass die Kluft etwa zwischen Europa/USA und den Ländern der Dritten Welt gewaltig ist.
Wie können wir damit umgehen? Es gibt nur zwei Optionen: Entweder die reiche Welt akzeptiert diese Ungleichheit, schottet sich vom Rest der Welt ab (»das Boot ist voll«) oder wir versuchen ernsthaft, den Unterschied zwischen der reichen und der armen Welt allmählich auszugleichen.
Die erste Option ist nicht nur unmoralisch, sie ist sicher auch langfristig nicht stabil. Wenn wir die Ungleichheit nicht beseitigen, wird es früher oder später zu einer globalen Katastrophe kommen.
Damit verbleibt nur die Möglichkeit, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Ländern anzustreben. Leider ist eine »Umverteilung« der Ressourcen im Sinne von »die Reichen werden ärmer, die Armen reicher« mit Sicherheit nicht durchsetzbar. Es müssen daher andere Methoden verwendet werden. Gibt es solche?
Einen der vielversprechendsten Ansätze bietet das Buch »Balance oder Zerstörung« von F. J. Radermacher, der anhand einer »ökosozialen Marktwirtschaft« einen möglichen Weg aufzeigt. Die Grundidee ist diese: Wir können in den nächsten 50–100 Jahren den Ressourcenoutput (Autos, Häuser, Kleider …) verzehnfachen, und zwar durch Einsatz entsprechender Technologien so, dass die Umweltbelastung dadurch NICHT erhöht wird. Es geht also »nur« darum, diesen 10fachen Zuwachs des Reichtums UNGLEICH zu verteilen. Wenn es uns gelingt zu erreichen, dass die armen Länder in den nächsten 50–100 Jahren ein Wirtschaftswachstum von jährlich 6–8 % haben, die reichen Länder hingegen nur 1–3 %, dann ist es eine einfache Rechnung, die Radermacher in seinem Buch vorführt, dass nach 50–100 Jahren die Dritte Welt aufgeholt hat. Das Ermutigende an dieser Idee ist, dass den Reichen nichts weggenommen wird (sie werden nur weniger schnell noch reicher und daher ist ein solches Modell vielleicht politisch durchsetzbar), aber die armen Länder sehr viel schneller wachsen (in Radermachers Rechenbeispiel um einen Faktor 34) und damit aufholen.
Tatsächlich können sowohl die Wiedervereinigung Deutschlands als auch die Erweiterung der EU auf 25 Staaten im Jahre 2004 in diesem Lichte gesehen werden. Die »neuen« werden prozentuell ein sehr viel höheres Wirtschaftswachstum haben als die »alten« und nur so ist ohne große Umschichtungen erreichbar, dass das Reichtumsgefälle zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern innerhalb von ein bis zwei Generationen zur Gänze verschwinden wird.
Natürlich ist die Praxis schwieriger als die Theorie. Wie erreicht man pragmatisch, dass die armen Länder tatsächlich rascher wachsen als die reichen? Und selbst wenn das gelingt, kann es sein, dass man damit nur eine Elite sehr reich macht, aber auf Grund fehlender sozialer Strukturen der Großteil der Bevölkerung weiter arm bleibt?
Ergänzende Maßnahmen, die auch sofort Resultate erzielen, sind notwendig. Dazu gehören jene, die den ärmeren Staaten sofort mehr Einnahmen bringen, aber gleichzeitig erzwingen, dass dieser Reichtum auch an alle Menschen im Land weitergegeben wird. Eine solche Maßnahme wäre ein Übereinkommen der Industriestaaten (und wenn das politisch sehr schwer durchsetzbar ist, genügt schon ein Übereinkommen zwischen großen Konzernen!), dass man Waren nur mehr aus Ländern bezieht, in denen einige Grundgesetze eingehalten werden, wie etwa:
Grundschule verpflichtend für alle Kinder
Verbot der Kinderarbeit
Beschränkung der jährlichen Arbeitszeit
Mindestlöhne basierend auf der jährlichen Arbeitszeit
Anspruch auf medizinische Betreuung
Anspruch auf Pensionierung im Alter mit einer Mindestpension
usw.
Durch die Einhaltung einer Liste von solchen Regeln wird die Produktion in den betreffenden Ländern teurer, d. h., sie verdienen mehr durch den Export. Gleichzeitig wird dadurch die Wettbewerbsverzerrung, die heute existiert, verringert. Ein Beispiel mag dies erläutern.
Alle großen Elektronikkonzerne kaufen gewisse Computerchips aus Billigländern, verhindern damit eine eigene Chipindustrie und beuten in Wirklichkeit die Menschen dieser Billigländer aus. Wenn nun aber etwa alle Hersteller von zum Beispiel Videokameras ihre Chips teurer kaufen würden, dann wäre der Wettbewerb innerhalb der Kameraproduzenten unverändert. Der ohnehin reiche Endverbraucher würde zwar etwas mehr für das neueste Modell einer Videokamera zahlen, aber dieser etwas erhöhte Preis für Luxusartikel würde doch wahrlich verschmerzbar sein.
Ohne hier eine Abhandlung über Weltwirtschaft schreiben zu können oder zu wollen, sei noch ein Punkt erwähnt: In einer so globalen Wirtschaft, in der wir leben, wäre es sinnvoll, wenn Wechselkurse zwischen den großen Währungsblöcken durch entsprechende Abkommen nur innerhalb einer gewissen Bandbreite schwanken dürfen (wie das etwa in den Euroländern vor der Einführung des Euros war). Die enormen Währungsschwankungen machen die Standortplanung von Betrieben schwer. Sie führen zum Beispiel dazu, dass irgendwo eine riesige Produktionsstätte aufgebaut wird und Menschen eingeschult werden, diese drei Jahre später aber wieder arbeitslos sind, weil die Produktionsstätte in ein Land mit besseren Konditionen verlegt wird.
Ich rufe alle Leser auf, die Bestrebungen von Menschen wie Radermacher zu unterstützen und auf einen Boykott aller Länder hinzuarbeiten, in denen Menschen unter unwürdigen Umständen für die Exportwirtschaft produzieren müssen. Nur wenn es uns bewusst wird, dass wir nicht einfach die Schultern zucken dürfen, weil man »sowieso nichts ändern kann«, wird es uns gelingen, die großen Spieler allmählich zum Nachgeben zu zwingen!
7.7 Akzeptieren wir unbekleidete Menschen?
Wenn meine Frau einen buddhistischen Tempel betritt, bedeckt sie Schultern und Arme und verwendet den traditionellen gelben Schal. Wenn ich in ein japanisches Haus eintrete oder in eine Moschee, dann ziehe ich die Schuhe aus. Wenn ich bei sehr tiefen Temperaturen in Kanada Schi fahre, dann trage ich vielleicht eine Wollmaske, die mein Gesicht bedeckt. Ich nehme sie aber sehr wohl ab, wenn ich jemand begrüße oder gar wenn ich in eine Bank gehe. Familien, die in den USA baden gehen, würden nie daran denken, dies nackt zu tun. Es werden dort (für uns Europäer fast absurd) schon 3-jährige Mädchen ohne Oberteil nicht geduldet. Wenn ich in die Oper gehe, in ein nobles Restaurant oder in ein gutes Casino, ziehe ich mich selbstverständlich vornehm an. Umgekehrt gehe ich in Österreich sicher nicht mit einer Badehose in eine Sauna, ziehe andererseits bei den Feiern für die Sponsion oder Promotion von Studenten sehr wohl den entsprechenden Talar an. Ich begrüße meine Freunde in Indien mit zusammengelegten Händen und einem »Namaste«, schüttle meinen japanischen Kollegen nicht die Hand, sondern verneige mich höflich, trinke in streng islamischen Ländern keinen Alkohol (in der Öffentlichkeit wäre das ja sogar sehr gefährlich), küsse dort auch nicht eine Frau so ohne weiteres und werde während des Fastenmonats untertags jedenfalls nie sichtbar etwas trinken oder essen.1 Bei Besuchen in Singapur nehme ich wohlweislich keinen Kaugummi mit (streng verboten). Wenn ich vor Jahren Singapur oder Malaysia besuchte, war ich stets darauf bedacht, dass meine Haare so kurz geschnitten waren, dass sie meine Ohren nicht bedeckten, weil mir sonst ein absichtlich teurer amtlicher Haarschnitt verpasst worden wäre. Und so weiter.
Diese wenigen Beispiele sollen nur belegen, dass wir es gewohnt sind, uns in unserer Kleidung und im Verhalten an die lokalen Gewohnheiten jedenfalls bis zu einem gewissen Grad anzupassen.
Ich denke daher, dass es fair ist, dass wir auch von Menschen, die nach Mitteleuropa kommen, verlangen dürfen, dass sie dies gleichfalls tun. In diesem Sinne bin ich ein entschiedener Gegner des Tschadors, der Verschleierung der Frauen in Mitteleuropa. Müssen wir wirklich auf den Flughäfen Passkontrolleurinnen einstellen, weil manche islamische Frauen ihr Gesicht, ja sogar ihre Haare einem Mann nicht zeigen dürfen oder wollen? Erlauben wir es, dass ein Mann, der sich als fundamentalistische Frau mit Tschador verkleidet, eine perfekte Maske für einen Überfall – etwa in einer Bank – trägt? Meine Antwort ist ein klares Nein. Wenn von uns, aus meiner Sicht berechtigt, erwartet wird, dass wir uns in manchen Ländern an für uns ungewöhnliche Regeln halten müssen, dann können wir das auch von Menschen aus anderen Ländern bei uns verlangen.
1Übrigens, was machen strenggläubige Muslims, die nördlich des Polarkreises wohnen, wo die Sonne vielleicht drei Wochen nicht untergeht, im Fastenmonat?
Ein Gegenargument gegen diese »harte« Haltung ist, dass wir doch liberal genug sein sollten, um Eigenheiten anderer Kulturen zu dulden. Wenn wir da wirklich konsequent wären, dann wäre das immerhin diskussionswürdig. Wir sind aber nicht konsequent. Seit Jahrzehnten ist in Mitteleuropa Opiumrauchen verboten, zu Zeiten, wo das in manchen asiatischen Staaten noch eine völlig akzeptierte Sitte war. Der Verkauf von Hundefleisch ist meines Wissens in Mitteleuropa nicht erlaubt. Das Hirn noch lebender Affen zu essen, wie das da und dort üblich sein mag, fällt bei uns sicher unter Tierschutz. Die Bewohner des südpazifischen Inselstaates Vanuatu, die auf ihren Inseln zum Teil unbekleidet oder fast unbekleidet leben, dürfen sicher nicht unbekleidet in den Straßen Mitteleuropas herumlaufen, fürchte ich … Darum der Titel dieses Beitrags.
»In Rome do how the Romans do«: Versuchen wir uns den Eigenheiten von Kulturen anzupassen, wenn wir diese besuchen, noch mehr, wenn wir dort länger wohnen oder gar sesshaft werden wollen. Aber scheuen wir uns bitte nicht, dies auch von Menschen, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen, zu verlangen!