3 LERNEN

3.1 Unser Ausbildungssystem funktioniert nicht mehr


Mit sechs Jahren beginnen die meisten mit der Schule und werden dann ein bis zwei Jahrzehnte lang ausgebildet. Schließlich haben sie ausgelernt, sind gerüstet für das ganze Leben.

Die gerade verwendeten Phrasen »ausgelernt« und »gerüstet für das ganze Leben« sind charakteristisch für die Fehlannahme, die unserem ganzen Ausbildungssystem (von der Grundschule bis zur Universität) zugrunde liegt, die Annahme, dass eine längliche, einmalige Ausbildung für den Rest des Lebens ausreicht.

Ganz gestimmt hat diese Annahme ja nie, aber heute stimmt sie schon überhaupt nicht mehr. Durch unsere Langlebigkeit und die enorme Wissensexplosion veraltet das erlernte Wissen so rasch, dass es schon zu einem Zeitpunkt, wo wir noch voll aktiv sind, fast völlig wertlos geworden ist. In kritischen Bereichen (zum Beispiel Medizin, Biologie und Informationsverarbeitung) hat die so genannte »Halbwertzeit des Wissens« bereits sechs Jahre unterschritten.

Das heißt, ein Diplom-Ingenieur, der mit 26 Jahren die Universität verlässt, weiß mit 32 Jahren nur noch 1/2, mit 38 Jahren nur noch 1/4, mit 44 Jahren nur noch 1/8 und mit 50 Jahren nur noch 1/16 dessen, was er auf Grund neuer Entwicklungen wissen sollte (und da ist die Tatsache, dass er auch Dinge vergisst, noch gar nicht berücksichtigt!), immer unter der Annahme, dass er nicht weiterlernt.

Das Schlagwort »lebenslanges Lernen« darf also kein Schlagwort bleiben, weil sonst Fachkräfte schon im besten Alter hoffnungslos von neuen Entwicklungen abgekoppelt sind.

Die Situation ist tatsächlich dramatisch. Vorsichtige Schätzungen zeigen, dass ein Spezialist in einem Gebiet, dessen Wissenshalbwertzeit bei sechs Jahren liegt, etwa 30 % seiner Zeit aufwenden muss, um sein Wissen auf dem Laufenden zu halten. Anders gerechnet, jeder Spezialist, der nicht vier Monate pro Jahr für Weiterbildung aufwendet, veraltet!

Obige Tatsachen werden in unserem Ausbildungssystem noch kaum berücksichtigt. Einerseits müssen daher Schulen und Universitäten verstärkt Erwachsenenbildung betreiben (an vielen Universitäten noch fast ein »Fremdwort«), andererseits müssen neue Unterrichtstechnologien eingesetzt werden, wie zum Beispiel Fern- und computerunterstützter Unterricht.

Vor allem aber müssen Firmen und öffentliche Stellen umdenken und Mitarbeitern nicht nur mehr als bisher die Möglichkeit für Weiterbildung geben, sondern müssen diese Weiterbildung verbindlich für erfolgreiche Karrieren vorschreiben.

Es ist übrigens erstaunlich, dass der Wissensverfall auch in »klassischen« Bereichen sehr groß ist. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Computer als Basistechnologie in fast alle Wissensbereiche eindringen und rapide Umstellungen verursachen.

Die Notwendigkeit, lebenslanges Lernen einzuführen, hat einen interessanten Nebeneffekt. Sie schafft Arbeit (für Institutionen, die sich mit der Ausbildung befassen) und bindet Arbeit (der Mitarbeiter von Organisationen, die an Schulungen teilnehmen). Ein Teil der durch zunehmende Rationalisierung frei werdenden menschlichen Kapazität wird also durch verstärkte Ausbildung abgefangen. Es ist anzunehmen, dass ein immer größerer Prozentsatz unseres Lebens dem Lernen in irgendeiner Form gewidmet sein wird.

Warum verwende ich die vorsichtige Formulierung »es ist anzunehmen«? Dies geschieht deshalb, weil Computer uns auch Lernarbeit abnehmen können (ähnlich wie der Taschenrechner das Lernen gewisser Berechnungen überflüssig gemacht hat) und dieser Effekt in seinen quantitativen Auswirkungen noch unklar ist. (Siehe dazu den Beitrag 4.1: »Wann lernt der letzte Schüler schreiben«.)



3.2 Brauchen wir noch

Sprachunterricht?


Durch das Zusammenrücken Europas mit seiner Sprachenvielfalt und durch das Bestreben, eine größere Mobilität innerhalb Europas zu fördern, wird in letzter Zeit zunehmend diskutiert, die Anzahl der lebenden Fremdsprachen zu vergrößern, die man in Schulen unterrichtet bzw. an Universitäten voraussetzt.

So gut gemeint solche Bestrebungen sein mögen, gehen sie von der falschen Voraussetzung aus, dass auch in Zukunft zur Verständigung zwischen zwei Personen diese eine gemeinsame Sprache beherrschen müssen. Tatsächlich werden aber in 10–15 Jahren Übersetzungsgeräte, in die man in Sprache x hineinspricht und die eine Übersetzung in Sprache y ausgeben, so gut, so billig und so tragbar sein, dass sie sich für den Normalgebrauch besser eignen werden als Fremdsprachenkenntnisse, die man durch ein paar Jahre Unterricht in einer Schule erworben hat.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich behaupte nicht, dass es Computerprogramme geben wird, die einen Text aus einer Sprache wie zum Beispiel Englisch perfekt in eine andere Sprache wie zum Beispiel Deutsch übersetzen können. Ich behaupte aber, dass es Programme geben wird, die solche Übersetzungen besser durchführen werden als jede Person, die nur ein paar Jahre Fremdsprachenunterricht genossen hat. Ich behaupte ferner nicht, dass es in 10–15 Jahren Computerprogramme geben wird, die beliebige menschliche Stimmen perfekt verstehen werden. Ich behaupte nur, dass es Computerprogramme geben wird, die ein Vokabular von einigen tausend Worten gut verstehen werden, wenn dieses von einer bestimmten Person gesprochen wird.

Konkreter können Sie sich solche »Translatoren« etwa wie folgt vorstellen: Sie sind klein genug, um in eine Sakkotasche zu passen, ausgerüstet mit einem Mikrofon (das mit einer Kopfspange vor dem Mund positioniert werden kann, um beim Sprechen beide Hände frei zu haben) sowie ferner mit einem Lautsprecher und einem kleinen Bildschirm. Kaufen Sie sich einen solchen Translator, dann »trainieren« Sie ihn zunächst auf Ihre Stimme. Im Trainingsprogramm zeigt Ihnen der Translator Worte und Satzteile, die Sie in das Mikrofon sprechen müssen. Im abschließenden »Test« sprechen Sie beliebige Sätze, die der Translator in geschriebener Form am Schirm zeigt. Das »Training« des Translators ist beendet, wenn der Text hinreichend gut ausfällt. Das Grundvokabular des Translators umfasst zirka 4.000 Worte mit den zugehörigen Flexionen. Indem einzelne Worte (zum Beispiel Eigennamen) buchstabiert werden, vergrößert sich das Grundvokabular bzw. es wird maßgeschneidert. Nach dieser »Trainingsphase« versteht der Translator Sie ganz gut, außer Sie verlieren sich in poetischen Höhenflügen, verwenden grammatikalisch komplexe Konstruktionen, die das Herz eines Grammatikspezialisten höher schlagen lassen, oder fachsimpeln über ein Gebiet, für das der Translator nicht trainiert wurde.

Ihr Translator ist nun in der Lage, aus Ihrer Sprache in jede gängige Sprache zu übersetzen: Sie stellen ein, ob Sie als »Ausgabesprache« Englisch, Französisch, Griechisch, Russisch, Japanisch, Chinesisch, Suaheli oder sonst etwas wünschen und können mit Ihrem Partner einwandfrei kommunizieren, sofern auch dieser einen auf seine Stimme trainierten Translator besitzt (da die Translatoren so universell verbreitet sein werden wie heute Taschenrechner, ist dies keine große Einschränkung).

Bei der Unterhaltung sprechen Sie (es genügt ganz leise) in Ihr Lippenmikrofon. Sie verwenden keine überlangen Sätze, da die Übersetzungen jeweils mit Satzende aus dem Lautsprecher kommen. (Diese kleine »Zeitversetzung« ist am Anfang etwas verwirrend, aber Sie gewöhnen sich daran genauso schnell wie an die kurze Verzögerung, die bei Telefongesprächen zwischen zum Beispiel Europa und USA heute fast immer auftritt, weil die Gespräche nicht mehr über Transatlantikkabel, sondern über geostationäre Satelliten geschaltet werden). Natürlich kann es sein, dass ein Satz falsch übersetzt wird, nur haben die Translatoren dagegen spezielle Sicherungen eingebaut. Jeder Satz, den Sie sprechen, wird am Schirm doppelt angezeigt: Erstens so, wie Ihr Translator Sie akustisch verstanden hat (dabei erkennen Sie schon, dass er mit dem Wort »Steiermark« nichts anfangen kann – er zeigt am Schirm STEIERMARK (????) –, und er wird dieses Wort, wenn Sie nichts anderes verfügen, als Eigennamen interpretieren und unverändert ausgeben); der von Ihnen gesprochene Satz z wird aber noch ein zweites Mal am Schirm angezeigt: z wird vom Translator in die Ausgabesprache als z’ übersetzt; dieses z’ wird rückübersetzt als z’’ und Ihnen vorgelegt. Stimmt die Bedeutung von z’’ mit Ihrer ursprünglichen Aussage z überein, dann wissen Sie mit großer Sicherheit, dass die »dazwischen liegende« Übersetzung z’ richtig sein muss. Dieser »Trick« ermöglicht das Abfangen auch recht subtiler Probleme, wie das folgende (klassische) Beispiel zeigen soll.

Angenommen, Sie verwenden einen Translator Deutsch-Englisch. Sie sprechen den Satz: »Unser Hauptproblem ist: »Der Gefangene floh.« Der Translator zeigt an: »Unser Hauptproblem ist der gefangene Floh« (und weist durch die »falsche« Groß-/Kleinschreibung – falls Groß-/Kleinschreibung vorgesehen ist – bereits auf ein »Missverständnis« hin). Der Translator übersetzt daher den Satz zu etwa »Our main problem is the flea that was caught«, was zurückübersetzt ergeben könnte: »Unser Hauptproblem ist der Floh, der gefangen wurde.« Durch diese Rückübersetzung erkennen Sie, dass bei der Übersetzung etwas danebengegangen ist. Sie verwenden eine etwas andere Formulierung, wie zum Beispiel: »Unser Hauptproblem ist, dass der Gefangene floh.« Der Translator übersetzt dies zu: »Our main problem is that the prisoner escaped« und zurück zu: »Unser Hauptproblem ist, dass der Häftling entkam.« Diese Formulierung liegt vermutlich nahe genug bei der beabsichtigten Aussage (obwohl vielleicht die Verschiebung von »Gefangener« zu »Häftling«, von »floh« zu »entkam« nicht ganz Ihren Intentionen entspricht, was die Subtilität des Übersetzungsproblems aufzeigt).

Abschließend noch einige Anmerkungen: Ich habe davon gesprochen, dass der Translator zirka 4.000 Worte akustisch versteht. Dies entspricht dem, was Spracherkennungsverfahren in naher Zukunft leisten werden können. Es gibt umfangreiche Untersuchungen, dass ein Vokabular von 4.000 Worten für eine einwandfreie Kommunikation ausreicht.

(Der Wortschatz des »Grundenglisch« besteht zum Beispiel nur aus 800 Worten!) Nochmals ausdrücklich festzuhalten ist aber, dass wir noch weit entfernt von perfekten Sprachübersetzern sind. Der angesprochene Translator wird in Wirklichkeit übrigens nicht ein Spezialgerät für Übersetzungen sein. Die Übersetzungsfunktion wird nur eine jener Eigenschaften sein, die der PC in zehn Jahren (siehe Beitrag 11.1) besitzen wird, wobei dieser  ein omnipräsenter und selbstverständlicher Begleiter aller Menschen werden wird.

Zusammenfassend ist mit der breiten Verfügbarkeit kleiner und preiswerter Übersetzer innerhalb der nächsten zehn Jahre zu rechnen. Die Hauptmotivation des Fremdsprachenunterrichts als Verständigungsmittel wird dadurch entfallen. Ein Ausbau des Fremdsprachenunterrichts vor allem in Bereichen, wo er erst in zehn Jahren oder später zum Tragen kommen kann, erscheint mir daher äußerst fragwürdig.

In diesem Sinne halte ich zum Beispiel Überlegungen, in zukünftigen Universitätsstudien zwei Fremdsprachen als verbindliche Eingangsvoraussetzungen zu verlangen, für verfehlt. Nur noch Sprachspezialisten oder Personen, die permanent in eine anderssprachliche Umgebung übersiedeln, werden das Bedürfnis und die Notwendigkeit haben, eine Fremdsprache selbst zu lernen.




3.3 Brauchen wir kleinere Schulklassen?


Abgesehen von einigen Äußerungen, dass in Zeiten einer Budgetkonsolidierung eine weitere Aufstockung der Lehrerzahl unvertretbar ist (ja auf Grund der insgesamt sinkenden Schülerzahlen und bei passender Verwendung neuer Unterrichtstechnologien eine allmähliche Reduktion der Lehrerzahl möglich sein muss), hört man kaum Gegenstimmen gegen den Ausbau von Planstellen für Lehrer: Häufig sieht man zustimmendes Kopfnicken.

Dabei ist die Gleichung »kleinere Schulklassen = bessere Ausbildung« schlichtweg falsch. Sie berücksichtigt nämlich in keiner Weise die Tatsache, dass die Qualität der Ausbildung in erster Linie von der Qualität des Lehrers abhängt: Klassengröße, Unterrichtspläne, Schulungsunterlagen (Bücher, Geräte, Demonstrationsmaterial …) sind von stark untergeordneter Bedeutung. Anders formuliert: Ein guter Lehrer ist auch bei einer 20 % größeren Klasse, halb ausgegorenen Unterrichtsplänen (die er dann eben teilweise ignoriert) und weniger Unterrichtsbehelfen sehr viel erfolgreicher als ein schlechter und uninteressierter Lehrer, auch wenn dieser nur eine Kleinstgruppe unterrichtet!

Der Ruf nach kleineren Schulklassen kommt in erster Linie von der Lehrerschaft (und von Eltern, denen Lehrer die falsche Gleichung »kleinere Schulklassen – bessere Ausbildung« eingeredet haben).

Ich fürchte, dass der Ruf nach besserer Ausbildung in erster Linie ein Vorwand ist, um mehr Lehrer einstellen zu können (um damit die Lehrerarbeitslosigkeit zu verringern). Aber Schulen sind nicht dazu da, beliebig vielen Lehrern Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, sondern um Kinder gut auszubilden. Die Verkleinerung der Schulklassen muss nicht zu besseren Schulen führen, sondern kann genau das Gegenteil bewirken, weil dann vielleicht noch mehr unfähige Lehrer in einer schwer kündbaren Stellung Tausende von Kindern für das ganze Leben schädigen, die guten Lehrer aber weniger Kinder betreuen!

Wenn wir uns ernsthaft Sorgen um die Qualität unserer Schulen machen, müssen wir zuerst bei der Qualität der Lehrer anfangen. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich gibt es exzellente und engagierte Lehrer in unseren Schulen; es gibt auch viele mittelmäßige, aber vielleicht gerade noch tragbare; und es gibt katastrophal schlechte, die aber auf Grund ihres Dienstvertrages bestenfalls aus einer Schule in eine andere verschoben werden können. Dazu kommt, dass das gegenwärtige Vorrückungssystem keinen Anreiz für besonderes Engagement oder besondere Leistung bietet. Auch gilt der Beruf des Lehrers (trotz mäßiger Bezahlung) wegen der vielen schulfreien Tage und der (zumindest bei Nebenfachlehrern) weitgehend freien Nachmittage (zu Recht oder zu Unrecht) als eher angenehmer Beruf (als »Zweidrittelstelle«).

So wenig kümmern wir uns also um die Erziehung unserer Kinder: Wir akzeptieren, dass manche Lehrer nicht aus »Überzeugung« oder »Berufung« diesen Beruf wählen, sondern weil er mehr Freizeit bietet als andere. Wir akzeptieren, dass auch unfähige Lehrer (oder solche, die unfähig geworden sind) weiterhin unterrichten und damit Kinder vielleicht für immer »verpatzen«. Und da will man uns einreden, dass mehr Lehrer ohne sonstige Maßnahmen unsere Schulen verbessern würden! Ich schlage vor: Glauben wir davon kein Wort! Fordern wir, dass in so heiklen Berufen wie bei Lehrern (weil so viele Menschen betroffen sind) eine ständige Leistungskontrolle der Lehrer (durch die Schulleitung, die Kollegen, die Eltern, selbst die Schüler) stattfindet und dass der Verbleib an der Schule als Lehrer und die Höhe etwaiger Gehaltsaufstockungen von der Leistung abhängt.

Wenn wir auf diese Weise sichergestellt haben, dass die Qualität der Lehrer stimmt, sollten wir weiter über die Aufnahme zusätzlicher Lehrer sprechen. Dann wird sich auch, fürchte ich, herausstellen, dass das österreichische Reservoir an guten Lehrern nicht so groß ist, dass die Klassengrößen beliebig gesenkt werden können.

Gute arbeitslose Junglehrer wird es aber auch nicht mehr geben: Sie werden jene Lehrer ersetzt haben, die auf Grund fehlender Eignung ohnehin schon lange nicht mehr unterrichten sollten!



3.4 Die Grundschule


Die allgemein verpflichtende Grundschule war seinerzeit (in Preussen ab 1717, in Österreich ab 1770, europaweit ab ca. 1820) ein großer Schritt vorwärts; heute ist sie, so möchte ich etwas überzogen argumentieren, fast zu einer Gefahr geworden. Ich behaupte, dass in den vier Jahren Grundschule der Mehrzahl der Kinder Neugier und Wissensdurst ausgetrieben wird und dass den meisten Kindern für den Rest des Lebens nachdrücklichst eine Tatsache eingepflanzt wird: Schule und Lernen sind langweilig.

Das erste Jahr Grundschule ist charakteristisch für die Probleme, die auftreten. Kinder mit ganz unterschiedlichen Begabungen und mit völlig verschiedenen Vorbildungen befinden sich plötzlich bunt zusammengewürfelt in einer Klasse. Einige Kinder können schon ein bisschen schreiben und ganz leidlich lesen, weil Eltern oder Kindergärten sie darauf vorbereitet haben; andere haben noch nie einen Buchstaben gesehen. Manche Kinder vermögen bereits mit kleinen Zahlen umzugehen, anderen bedeutet Rechnen noch gar nichts. Während gewisse Eltern in der Lage waren, die naturwissenschaftliche Neugier ihrer Kinder zu befriedigen, konnten oder wollten das andere Eltern nicht, vermittelten aber vielleicht musikalisches, philosophisches oder religiöses Wissen. Verschiedene Kinder sind durch verschiedenen Fernsehkonsum vorgeprägt, sind mit oder ohne sportliche Betätigung aufgewachsen usw.

So sitzt jetzt also eine Gruppe von Kindern in der ersten Klasse, bereit und willig, Wissen begierig aufzusaugen. Kaum eine Unterrichtsstunde (wenn man von Spielen absieht) ist aber dann leider für mehr als vielleicht ein Drittel der Kinder interessant. Alle, die schon ein bisschen lesen können, sind notgedrungen gelangweilt, wenn stundenlang die ersten Gehversuche im Lesen geübt werden; und in keinem anderen Fach ist es viel besser. Sehr bald lernen daher die meisten Kinder, dass die Schule immer wieder langweilig ist; und dies gilt nicht nur für die insgesamt »sehr guten« Schüler, sondern für alle, die in irgendeinem Gebiet weiter sind als der Durchschnitt und das sind die meisten!

Die Situation ändert sich auch in höheren Klassen nicht wesentlich. Interesse und Fähigkeiten verschiedener Schüler liegen in verschiedenen Bereichen so weit auseinander, dass in einer unstrukturierten Gruppe Leerläufe für viele Schüler an der Tagesordnung sind, der angeborene Entdeckungs- und Forschungsdrang, die herrliche Neugier in den Kindern systematisch gedämpft und ausgetrieben werden. Ohne dass die Kinder, Eltern und Lehrer es so richtig merken, passen sich die Kinder dem System an, retten nur die wenigsten ihre Neugier und ihren Wissensdurst durch all die Schuljahre, lernen die Schüler in vielleicht zwölf Jahren das, was sie in Wirklichkeit nach vier Jahren beherrschen könnten.

So dramatisch obige Schilderung klingt, ich halte sie nicht für übertrieben. Ich bin überzeugt, dass wir das in Wahrheit riesige Lernvermögen und die große Lernbereitschaft von Kindern schändlich bruchstückhaft unterstützen. Kinder, die durch mehrere Übersiedlungen mit zwölf Jahren drei Sprachen fließend sprechen, sind keine Ausnahmetalente, sondern das Lernen von drei Sprachen ergab sich aus der Umgebung; Spitzenleistungen in Sport, Musik, Schach, Mathematik usw. werden immer wieder von Kindern zusätzlich zur Schule erbracht, wenn sie entsprechend gefördert werden, ohne dass die Kinder deshalb Genies auf diesen Gebieten von der Veranlagung her sein müssen (obwohl angeborene Begabungen naturgemäß auch eine Rolle spielen). Um die beschriebenen Probleme zu vermeiden, gibt es offenbar nur einen Weg: eine sehr viel individuellere Gestaltung des Unterrichts.

Mehrere potenzielle Möglichkeiten bieten sich dafür an. Die eine besteht in der Verringerung der Größe der Schulklassen. Aus Gründen, die ich im Beitrag 3.3: »Brauchen wir kleinere Schulklassen?« erläutert habe, halte ich dies nicht unbedingt für den richtigen Weg. Ich glaube, es bleibt nur die Möglichkeit, Schüler in den verschiedenen Gegenständen nach ihren Interessen und Leistungen in entsprechende Gruppen zusammenzufassen.

Größere Schulen bieten hier vermutlich flexiblere Möglichkeiten, neue Unterrichtstechnologien, richtig eingesetzt (leider selten der Fall! Siehe dazu (www.jucs.org/jucs_9_10) und Lösungen mit Hyperwave (www.hyperwave.de) können massive helfen: durch Gruppenbildung gelingt es z.B. Teile der Schüler mit Lesen zu beschäftigen, während andere Rechnen üben, während wieder andere an Projekten mit ihren Computeren arbeiten. Wenn Lehrer in seinerzeitigen »einklassigen Grundschulen« in der Lage waren, Kinder zwischen sechs und zehn Jahren gleichzeitig und doch individuell einigermaßen zu unterrichten, muss das heute bei Kindern eines bestimmten Jahrganges mit der Unterstützung neuer Unterrichtstechnologien erst recht auch möglich sein!



3.5 Was wird in Zukunft in Schulen unterrichtet?


Der nachstehende Beitrag wurde in der »Furche« vom 17.01.1991 unter dem Titel »Fitnesstraining fürs Gehirn« abgedruckt.


Im Laufe der nächsten 20 Jahre wird die Vision vom »echten Personalcomputer« Wirklichkeit werden: von einem Gerät, das leistungsfähiger ist als heute Großrechner, klein genug, um in eine Sakkotasche zu passen, mit einem Speicher, der das Wissen Dutzender Großlexika verwahren kann, und mit einfachster Bedienung inklusive zum Beispiel Sprachein- und Sprachausgabe. Dieses Gerät, das noch dazu Funktionen wie Fernseh- und Radioempfänger, Mobiltelefon, elektronisches Zahlungsmittel und elektronische Kamera integriert haben mag, wird sich zu einem omnipräsenten Begleiter entwickeln, ähnlich wie das heute für Armbanduhren gilt. Vieles wird sich dadurch ändern, auch der Unterricht an den Schulen.

Logarithmentafeln und Rechenschieber, mit denen Generationen von Mittelschülern bis 1970 geplagt wurden, sind Begriffe, die man schon fast nicht mehr kennt. Der Taschenrechner hat sie genauso wie das »Wurzelziehen«, diverse Rechenabkürzungen u. v. m. überflüssig gemacht. Modernere Mathematikprogramme sind im Begriff, das Lösen von Gleichungssystemen, das Differenzieren und Integrieren, kurz die gesamte »Trivialmathematik«, wie sie zurzeit bis zur Universitätsreife unterrichtet wird, von der Landkarte des Unterrichtsstoffes zu verdrängen. Warum auch sollen wir mühsam Mathematik lernen, wenn das alles sehr viel besser von Maschinen übernommen werden kann? Schließlich lernen wir, seit es Rasenmäher gibt, ja auch nicht mehr, wie man mit einer Sense mäht oder diese wetzt, schleift oder dengelt.

Weit verbreitete Personalcomputer wie die beschriebenen greifen nicht nur in den Mathematikunterricht ein. Wozu lehrt man Faktenwissen in beispielsweise Physik, Chemie, Geografie, Natur- oder Kunstgeschichte, wenn man auf Anforderungen der Art »Kurzbericht über Mozart« eine klare Exposition vom Personalcomputer geliefert bekommt, und zwar auf Wunsch für andere sogar unbemerkt, weil der Bericht in das linke Brillenglas eingeblendet oder über ein Knopfmikrofon vom Brillenbügel akustisch direkt auf den äußeren Ohrknochen übertragen wird? Durch den Einsatz so genannter Hypermedia-Techniken können dabei Informationen in natürlicher Weise »assoziativ« gesucht werden, wobei nicht nur Text, sondern auch Bilder, Filmclips und Audiosequenzen präsentiert werden.

Warum soll man noch schreiben lernen? Wozu eine schöne Handschrift lernen, wenn man ohnehin ein Textverarbeitungssystem einsetzt, mit dem man Texte elegant formatiert und schön wie in einem Buch drucken kann? Auch das Tippen auf einer Tastatur wird in zehn Jahren ein Anachronismus sein. Man spricht dann in ein Mikrofon; die gesprochenen Worte werden in Schrift umgesetzt und am Bildschirm angezeigt. Selbst »Editierkommandos« wie »streiche letztes Wort« oder »vertausche diesen Paragrafen mit jenem« erfolgen akustisch: Das Eingeben von Schrift durch Schreibbewegungen oder Tastatur ist zum Aussterben verurteilt, weil man zwei- bis dreimal schneller spricht, als man schreibt, die akustische Eingabe also einfach effizienter ist.

Wozu richtige Rechtschreibung lernen? Die in das Textverarbeitungsprogramm eingebaute Orthographieprüfung sorgt schon dafür, dass keine Fehler gemacht werden, und schlägt bei Wortwiederholungen geeignete Synonyme vor.

Auch eine Betonung des Fremdsprachenunterrichts macht wenig Sinn: Ein deutsches Großprojekt hat die computermäßige Übersetzung von Telefongesprächen als Ziel: Geschäftspartner sprechen dann in ihrer Sprache ins Telefon, der Partner aber hört alles in seiner. Solche Übersetzungsverfahren werden auch in die erwähnten Personalcomputer integriert werden, die damit bei Reisen als »Translatoren« fungieren: Man spricht Deutsch hinein, der Partner hört die entsprechende Übersetzung. Die Motivation für das Erlernen einer Fremdsprache im schulischen Ausmaß sinkt damit genauso weit, wie dies bei der Verwendung von Logarithmentafeln schon geschehen ist.

Was verbleibt dann noch zu lehren außer »soziales Verhalten«, »Benutzung der neuen Medien« oder Ähnliches, wenn der Unterricht von Mathematik, Schreiben, Grammatik, Fremdsprachen und allem Faktenwissen verschwinden wird? Bleiben dann zusätzlich nur noch Leibesübungen und Teile der musischen Erziehung, wobei man dort auch eher Malprogramme anstelle von Wasserfarben und Synthesizer anstelle von Musikinstrumenten verwenden wird? So ist es nicht. Obwohl wir technisch gesehen heute kaum mehr gezwungen sind, uns körperlich anzustrengen, betätigen wir uns physisch dennoch: weil es uns Spaß macht und weil wir fit bleiben wollen. Ähnliches gilt für das Gehirn: Weil es uns (hoffentlich) Spaß macht und weil wir geistig fit bleiben wollen, denken wir über Probleme nach und eignen uns Sachwissen an. Tatsächlich wird die Bedeutung des Sachwissens als Denkbasis und des »Auswendiglernens« und der »Denksportaufgaben« als »Fitnesstraining für das Gehirn« oft weit unterschätzt. Eine der Hauptaufgaben der Schule der Zukunft wird es sein, gewisses Sachwissen und Sachverständnis als Basis für Denkvorgänge zu liefern und ansonsten die verschiedensten Regionen des Gehirns fit zu halten, ähnlich wie das der Turnunterricht für die Muskeln des Körpers versucht. Wenn dann zum Beispiel eine der lebenden Fremdsprachen angesichts der Translatoren zugunsten eines Faches »Denkspiele« (wo Schach, Go und Bridge unterrichtet werden) ersetzt wird, so ist das kein Fehler: Die Motivation für dieses Fach ist groß und solche Spiele eignen sich gut für das Training der »Gehirnmuskeln«.

Eine weitere Hauptaufgabe der Schule der Zukunft ist die Beherrschung der neuen Medien in einem sehr viel tieferen Sinn als gemeinhin angenommen. Dem Menschen fehlt nämlich ein wichtiges Sinnesorgan: Zwar haben wir Ohren als passive Instrumente, um zu hören, und den Mund als aktives Gegenstück, mit dem wir Geräusche für die Ohren produzieren. Wir haben aber für das wichtigste Sinnesorgan Auge kein aktives, produzierendes Gegenstück: Wir haben kein Organ, mit dem wir bewusst (bewegte, farbige, abstrakte oder konkrete) Bilder erzeugen können. Diese Tatsache behindert die zwischenmenschliche Kommunikation und die Informationsweitergabe (= Unterricht) gewaltig: Alles, was wir mitteilen wollen, müssen wir in sprachlicher Form verschlüsseln!

So wie wir Unterseebote als Krücke für die uns fehlenden Kiemen und Flugzeuge als Krücke für die uns fehlenden Flügel entwickelt haben, so sind wir im Begriff, Computer als Krücke für das fehlende bilderzeugende Organ einzusetzen. Wir stehen dabei am Anfang. Computer- und Softwaretechnologie werden es uns aber zunehmend ermöglichen, Gedanken nicht nur mühsam in schriftlicher Form festzuhalten und mitzuteilen, sondern in einer Kombination von Ton, Sprache, Bild und bewegtem Bild, wobei abstrakten Bildern und abstrakten Filmen besondere Bedeutung zukommen wird. In diesem Sinne wird der Unterricht des Schreibens und Lesens ersetzt werden durch die gewaltige Aufgabe zu lehren, wie (abstrakte) multimediale Dokumente zu erstellen (= zu schreiben) und zu verstehen (= zu lesen) sind. Da heute nach zwölf Jahren Schule die wenigsten Abgänger sich wirklich gut schriftlich ausdrücken können und nicht alle Abgänger Gedichte, anspruchsvolle Prosa oder abstrakte Malerei verstehen, wird die Vermittlung des viel komplexeren angesprochenen »neuen Schreibens und Lesens« eine der ganz großen Herausforderungen der Schule der Zukunft. (Siehe dazu auch den Beitrag 11.4: »MIRACLE«).



3.6 Neue Unterrichtsgegenstände


Zu den größten Problemen im Schulunterricht gehört es, Kinder ausreichend zu motivieren. Geschickte Pädagogen schaffen dies trotz widriger Umstände immer wieder: Obwohl sie oft auch nicht verstehen, warum es eigentlich für die Kinder wichtig sein soll, den Lehrsatz des Pythagoras oder die Verbreitung der wirbellosen Tiere in der Kreidezeit zu beherrschen, gelingt es ihnen durch geschickte Tricks (Lob, Ermutigung, Prüfungsdruck, Erfolgserlebnisse) Kinder von der Sinnhaftigkeit des Lernens zu überzeugen. Es ist schade, dass nicht der Grundansatz anders ist. Es würde das Leben für Lehrer und Schüler erfreulicher machen. Mit einem anderen Grundansatz meine ich dieses:

Die Schule sollte zwei Hauptziele haben:

1. Ein Training des Gehirns (vom logischen Denken über Gedächtnisleistungen bis zum musischen Verständnis und dem Entwickeln der Fantasie).

2. Die Vermittlung des für das Leben allerwichtigsten Wissens und der allerwichtigsten sozialen Verhaltensregeln an die Schüler.

Statt jedes Schulprogramm um diese beiden Maxime herum zu entwickeln, überarbeiten Pädagogen mühevoll und sorgfältig kleinkariert immer wieder die Lehrpläne für Mathematik, Geografie, Latein, Religion usw., ohne die wirklich wichtigen Fragen zu stellen; nämlich: (a) Warum unterrichten wir Fach x; (b) decken wir die notwendige Komponente y durch unseren Unterricht ab?


Analysieren wir kurz die beiden oben angeschnittenen Aspekte

1. Gehirntraining: Die Entwicklung der Fähigkeit logisch zu denken ist sicher wichtig; der Unterricht von Mathematik oder Latein mag vielleicht eine solche Entwicklung unterstützen; vermutlich würden Schachspielen, Mehr-Personen-Abenteuerspiele oder das Lösen von Denksportaufgaben noch mehr helfen – und würden den Schülern mehr Spaß machen. Der Erwerb von Gedächtnisleistungen ist eine Grundvoraussetzung für alles Denken. Denken heißt verknüpfen; wo nichts ist, kann nichts verknüpft werden! Dies wird von Schulen heute vielfach ignoriert, ja verächtlich als »Faktenlernen« abgetan. Vielleicht sollte doch wieder mehr Plato (Phädrus – über die Schrift, meine ich) gelesen werden. Die Ausbildung des musischen Verständnisses wird in den meisten Schulen (von Ausnahmen wie den Montessori-Schulen abgesehen, bei denen allerdings Kunst wieder nach einem eigentümlichen Dogma unterrichtet wird) sehr klein geschrieben. Die meisten Kinder verlassen unsere Schulen ohne tiefere Beziehung zur Malerei, Musik, Lyrik usw. Das Training der Fantasie gibt es nicht. Wenn ein bisschen Fantasie bei Deutschaufsätzen geduldet wird, dann hat das Kind schon einen außergewöhnlich guten Lehrer! Alle vier Grundaufgaben des Gehirntrainings werden also nicht oder kaum mehr wahrgenommen!

2. Vermittlung von Wissen für das Leben: Hier ist die Situation fast noch skurriler. Welche Teile der Mathematik sind eigentlich für das Leben von Bedeutung? Wie viel aus den Naturwissenschaften, aber auch aus Religion, Geschichte oder Latein ist wirklich so bedeutend, dass andere Dinge, andere Unterrichtsfächer einfach nicht gelehrt werden? Hier sind nur einige Gegenstände, für die ich vorschlage, viel vom heutigen Lehrplan aufzugeben:

Gesetze: Was sind die wichtigsten Arten von Gesetzen? Was besagen die wichtigsten Gesetze? Wie kommt es zu Gesetzen und wie kann die Gesetzwerdung beeinflusst werden? … (Ist im Vergleich dazu das Lesen von Ovid wirklich so wichtig?)


Verwaltung: Wie funktionieren unsere Regierungsorgane – von der Bundesregierung über die Landesregierungen zu den Stadt- und Kommunalverwaltungen? Welche Einrichtungen stehen wem zur Verfügung, wo kann man wie mitmachen? … (Ist im Vergleich dazu die Entwicklung eines Schmetterlings für uns von größerer Bedeutung?)

Berufswahl: Welche Berufe gibt es, welche Voraussetzungen benötigen sie, wie erhält man die richtige Ausbildung, welche Chancen und Probleme bieten diese Berufe? … Ja, ich meine es ernst: Ein Unterrichtsgegenstand »Berufswahl« sollte in entscheidenden Schuljahren Pflicht sein. Nur so werden Kinder und Eltern besser wissen, ob nach der Grundschule die Hauptschule, eine allgemein bildende höhere Schule (und welche), nach dem 8. Schuljahr eine Handelsakademie oder was auch immer sinnvoll ist, nur so werden Schulabgänger wissen, was sie studieren (oder eben nicht studieren) sollten. Es ist ein Irrsinn zu beobachten, wie mit wenig Wissen und meist zufallsbedingt Schul- und Berufsauswahl heute erfolgen, obwohl diese Auswahl wohl zu den großen Weichenstellungen des Lebens gehört! (Ist denn ein detailliertes Wissen um den Dreißigjährigen Krieg tatsächlich bedeutender?)

Reisen: Vielleicht wäre ein Unterrichtsgegenstand »Reisen« wichtiger als »Geografie«? Wenn man sorgfältig Reisen durch die verschiedensten Weltgegenden erklärt, so lehrt man damit in sinnvoller Weise eine Mischung von Geografie, Geschichte, Naturkunde, Völkerkunde, Kunst usw. (Ist im Vergleich dazu die Kontinentaldrifttheorie oder die Entstehung der Erdteile über Jahrmilliarden zum Leben notwendig?)

Gesundheit: Nichts ist für uns wichtiger als ein gesunder Körper. Wieso kommt einfache medizinische Ausbildung in den Schulen kaum vor? Wieso werden Krankheiten (deren Diagnose, Vermeidung und Behandlung), erste Hilfe, gesunde Ernährung usw. nur ganz am Rande (wenn überhaupt) in den Schulen behandelt, während viel weniger bedeutsame Fakten wie Schwefelsäure, Salzsäure oder Ammoniakherstellung detailliert besprochen werden?

Umwelt, Verkehr und Technik: Gibt es etwas Wichtigeres als eine möglichst fundierte Ausbildung in diesen Bereichen? Wie leben wir umweltbewusst? Welche Auswirkungen hat der Verkehr? Wie geht man sinnvoll mit den verschiedensten Techniken um? … (Ist das Wissen um die Risiken der verschiedenen Energieerzeugungsarten nicht am Ende wichtiger als die genaue Funktionsweise eines Drehstrommotors?)

Kindererziehung: Eine große Mehrzahl aller Schüler wird einmal Kinder zu erziehen haben als vermutlich jene Tätigkeit, die nachfolgende Generationen am meisten beeinflussen wird. Und wie bereiten die Schulen sie darauf vor? Gar nicht! (Aber über die Hallstattkulturen wird wochenlang vorgetragen und geprüft!)

Partnerschaft: Jeder Schüler wird im Laufe seines Lebens eine oder mehrere Partnerschaften eingehen … und fast alle werden in Brüche gehen oder sich nicht so entwickeln, wie sich das die Partner anfangs vorstellen. Das Erhalten einer Partnerschaft ist sicher komplexer als die Konstruktion von Dreiecken aus drei Bestimmungsstücken, das Aufsagen der (veralteten) Zehn Gebote, die Identifikation von Kreuzblütlern usw. Wieso gibt es dann das Schulfach Partnerschaft nicht?

Zusammenfassend glaube ich, dass die Schule zwei Hauptfunktionen hat: Einerseits unser Gehirn zu trainieren (so wie das Turnen unsere Muskeln trainiert) und uns zu helfen unsere Talente zu erkennen; andererseits uns auf die großen Probleme des Lebens vorzubereiten und uns zu helfen, ein schönes (Kunstverständnis!) und erfülltes (erfolgreiche Partnerschaften, Kindererziehung und Mitwirken in unserer Gesellschaft!) Leben zu führen. Da gehört vermutlich auch »Allgemeinbildung« in naturwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Belangen dazu. Ich behaupte aber, dass von einer nur einigermaßen vernünftigen Ausgewogenheit heute überhaupt nicht die Rede sein kann!



3.7 Mein erster Student

aus Tonga


Im Februar 1993 ging ich temporär an die Universität Auckland. Gleich zu Beginn kam die Bewerbung eines Studenten aus Tonga (einer pazifischen Inselgruppe, drei Flugstunden im Nordosten von Auckland) auf meinen Tisch. Die Unterlagen waren so überzeugend, dass ich den Bewerber zu einem Interview nach Auckland einlud.

Dieses Interview verlief ungewöhnlich. Ich saß an meinem Tisch, als Ala’ufoa hereinkam. Ohne aufgefordert zu werden, setzte er sich sofort auf den Sessel mir gegenüber, murmelte ein paar unverständliche Worte und rutschte dann immer tiefer vom Sessel herunter, bis er regelrecht halb liegend auf der anderen Seite des Tisches lümmelte! Ich begann trotzdem mit den üblichen Höflichkeiten und schaute ihn freundlich an; er aber wich meinen Blicken aus, seine Augen schweiften hin und her, als hätte er ein schlechtes Gewissen oder als wäre er zumindest übertrieben verlegen. Sein rüpelhaftes Benehmen änderte sich während unseres ganzen Gespräches nicht, obwohl er sich sonst als erstaunlich höflich, belesen und fachlich einwandfrei erwies.

Nach diesem ersten Gespräch war ich recht verunsichert. Ich erwähnte das seltsame Benehmen von Ala’ufoa meiner Kollegin Sabine Fenton (Sprachwissenschaftlerin) gegenüber. Sie amüsierte sich königlich und erklärte mir den Vorfall (danke, Sabine!):

Auf vielen südpazifischen Inseln hat man bei einem Gespräch mit einer höher stehenden Person eine solche Position einzunehmen, dass die Augen dieser Person wirklich über den eigenen Augen liegen. Darum sitzen Könige auf einem Thron, weil sich sonst die »Untertanen« zu tief bücken müssten. Auch bei uns gibt es ja sprachlich viele Überreste dieses Verhaltens, etwa in den Worten »höher stehend«, »Untertan« usw. In der Praxis verhalten wir uns aber inzwischen zwiespältig: Der Verdächtige zum Beispiel steht, während der Polizist ein Protokoll aufnimmt. Nachdem ich am Tisch saß, blieb Ala’ufoa nach den Regeln der (polynesischen) Höflichkeit gar nichts anderes übrig, als sich auch sofort zu setzen; und da er größer war als ich, musste er seinen Kopf tiefer hinunterkriegen als meinen. Das tat er, indem er halb vom Sessel nach vorne hinunterrutschte; er blieb während der ganzen Zeit in dieser unbequemen Position, um deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass er mich als die höher gestellte Persönlichkeit betrachtete. Meinen Augen wich er aus, weil in fast ganz Polynesien das »In-die-Augen-Schauen« als ausgesprochen aggressive Handlung gilt – so etwa wie bei einer Schlange, die, ihr Opfer fixierend, dieses nicht mehr aus den Augen lässt, was ja auch Teil einer aggressiven Handlung ist! Und ich konnte noch von Glück reden, dass ich Ala’ufoa nicht aufmunternd auf die Schultern klopfte: Seine Reaktion wäre dann vermutlich sehr heftig gewesen. Alle Körperteile oberhalb des Oberarms (Schultern, Nacken, Hals, Kopf) gelten als tabu und dürfen von einer fremden Person genauso wenig berührt werden, wie das bei uns in Europa etwa für den Bereich zwischen den Beinen gilt!

Ich hatte das Verhalten von Ala’ufoa also völlig falsch interpretiert; es war zu einem schweren Kommunikationsmissverständnis gekommen! Wie schwer es ist, sogar Menschen aus dem eigenen Kulturkreis zu verstehen, ist schon im Beitrag 5.1: »Ich verstehe Deutsch nicht« thematisiert. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Buch von Paul Watzlawick, »Wie wirklich ist die Wirklichkeit?« (Serie Piper, Band 174, München 1981), das viele klassische Beispiele enthält, die belegen, wie schwerwiegende Probleme durch das Missverstehen der Aktionen anderer Menschen entstehen können.

Ein solches, besonders amüsantes/typisches Beispiel aus dem zitierten Buch fasse ich hier zur Ergänzung kurz zusammen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele amerikanische Soldaten in England stationiert. Bei Treffen dieser Soldaten mit englischen Mädchen gab es immer wieder eigentümliche Probleme, die beide Seiten nie verstanden. Eine Analyse des »Anbahnungsverhaltens« erklärt aber deutlich, was geschah. Sowohl Amerikaner als auch Engländer haben etwa 25 »Stufen« bei dem Aufbau einer Liebesbeziehung. Die Stufen sind ähnlich und enthalten Verhaltensweisen wie: zu einem Kaffee einladen, gemeinsam zum Mittagessen gehen, einen Film zusammen ansehen, zum Abendessen ausführen, Geschenke überreichen, Kuss auf die Wange, Händchenhalten, Kuss auf den Mund, den Partner Freunden vorstellen, eine Nacht gemeinsam verbringen usw.

Allerdings ist die Reihenfolge der erwarteten Verhaltensweisen sehr verschieden. Zum Beispiel rangiert Küssen bei den Amerikanern an Stelle 5 (d. h. gilt als »ganz harmlos« und fällt in die Anfangsphase einer Beziehungsanbahnung), während Küssen bei den Engländern erst an 18. Stelle rangiert (d. h. in der Schlussphase einer Beziehungsanbahnung, knapp bevor es zu weitergehenden Intimitäten kommt).

Damit ergab sich immer wieder die folgende groteske Situation: Ein Amerikaner, der oberflächlich und erst relativ kurz mit einer Engländerin flirtet, küsst diese. Für die Engländerin – die noch viele potenzielle weitere Anbahnungsstufen erwartet – ist dies ein Schock. Sie empfindet den Amerikaner als überaus aggressiv und forsch. Wie immer sie nun (nach ihrer Wertskala) reagiert, ist falsch. Zieht sie sich zurück, weil sie die »Aggressivität« des Amerikaners ablehnt, ist dieser über die »Kälte« und »Unnahbarkeit« der Engländerin verwundert; beschließt sie aber, den Kuss »zu akzeptieren« und ist nun mehr oder minder bereit alles mitzumachen, ist der Amerikaner über die »draufgängerische«, ja »schamlose« Art der Engländerin zutiefst überrascht …

Die Moral aus der Geschichte: Wir müssen immer damit rechnen, missverstanden zu werden und etwas falsch zu verstehen. Wir sollten daher nie voreilig handeln, sondern uns, wo immer es geht, vergewissern, ob es auch wirklich »so gemeint war, wie es bei uns ankam«.

Jemand hat einmal gesagt: »The biggest barrier between the US and Great Britain is their common language.« Ich möchte das fast noch verallgemeinern: Eine gemeinsame Sprache ist oft nicht eine Hilfe, sondern ein Hindernis!

Was ich damit meine, ist dieses: Wenn ich mit einem Österreicher oder einer Österreicherin rede, dann gehe ich (weil wir dieselbe Sprache verwenden) davon aus, dass ich verstehe, was die andere Person meint und umgekehrt; aber dies ist ein oft schwerwiegender Irrtum. Verschiedene Herkunft, Ausbildung, Alter usw. können leicht zu Fehlinterpretationen führen. Unterhalte ich mich hingegen mit jemandem aus zum Beispiel Finnland auf Englisch, ist uns beiden bewusst, dass wir nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen dürfen (wir beide beherrschen Englisch nicht perfekt!), und wir werden daher im Zweifelsfall klärende Fragen stellen.


Anmerkung von Peter Lechner:

Ich habe keine Erfahrung mit englischen oder amerikanischen Damen (woher weiß Hermann das mit den 25 Stufen eigentlich?), aber nach dem, was ich in Filmen sehe, dürften diese 25 Stufen sehr niedrig sein: meist werden sie auf einmal genommen!