Kapitel 25
Die Vampirkönigin empfängt ihre Gäste
Als Victoria und Sebastian Brodebaughs Haus verließen, erwartete sie eine weitere Überraschung und etwas, das die Sache für Victoria noch dringlicher machte. Sie fanden Kritanu zusammengesunken auf der Schwelle der Haustür. Aus irgendeinem Grunde war er dort zurückgelassen worden – ein Umstand, der sie ebenso erleichterte wie erschreckte. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie oder warum es dazu gekommen war, und nahm an, dass Max das irgendwie durch seine Klugheit bewerkstelligt hatte.
So würden sie also zumindest Kritanu das Leben retten können. Doch dadurch war Max auf sich allein gestellt, und es war niemand da, den er beschützen musste. Keiner, für den er am Leben bleiben musste, um ihn zu beschützen.
Er wusste, dass sie kommen würde. Sie hatte es ihm gesagt. Aber würde er auch warten? Konnte er es überhaupt in dieser Hölle?
Konnte sie damit rechnen bei ihm?
Tust du denn nie etwas für dich selbst?
Dies war möglicherweise das einzige Mal, dass er es tat.
Sie würde es ihm noch nicht einmal vorwerfen können.
Während sie den Kupferring aus der Wohnung holten, die Sebastian gemietet hatte, und der Fahrt zurück zu Victorias Stadthaus versuchte Sebastian mit ihr zu diskutieren. Er wollte an ihrer statt Lilith gegenübertreten oder zumindest mit ihr zusammen. Aber Victoria war unnachgiebig.
»Du, Brim und Michalas – wenn sie denn endlich da sind – kommt durch den Geheimgang, der, so Gott will, noch nicht entdeckt worden ist. Wenn du kämpfen musst, wird zumindest das Überraschungsmoment auf deiner Seite sein, weil sie nicht gleich mit drei Venatoren rechnen werden.«
Als sie beim Stadthaus ankamen, stellten sie erleichtert fest, dass Brim, der hünenhafte, kaffeebraune Mann, der kaum ein Haar auf dem Kopf hatte und seine vis bulla in der Augenbraue trug, endlich eingetroffen war. Michalas, der drahtige Venator mit den dichten, rötlichen Locken war auch schon da. Genaugenommen hatten sie sich schon auf Wayrens Anweisung hin darauf vorbereitet, zu Brodebaughs Stadthaus zu kommen und zu helfen.
Victoria hätte nicht glücklicher sein können, sie zu sehen. Ihr Selbstvertrauen wuchs, während sie ihnen von ihrem Plan erzählte.
»Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, dass du aufpassen sollst«, meinte Sebastian ein bisschen später, als die Droschke Victoria in der Nähe des Eingangs zu den Abwasserkanälen absetzte. Sein Gesicht sah etwas besser aus, da er Blut und Schweiß abgewaschen und die Kleidung gewechselt hatte. Die violetten und roten Stellen auf seinem Gesicht waren jedoch deutlich zu sehen, und in seinen Augen erkannte man die Strapazen, die er durchgemacht hatte. Der Stumpf seines kleinen Fingers war von Wayren versorgt und verbunden worden. »Und ich brauche dir auch nicht zu sagen, warum es so wichtig ist, dass du zurückkommst.«
Brim und Michalas nickten, sagten jedoch nichts.
Tatsächlich gab es auch gar nichts mehr zu sagen.
Victoria stapfte durch den schlammigen unterirdischen Kanal, wie sie und Sebastian es schon einmal einige Wochen zuvor getan hatten.
Ihr Nacken war kalt. Rote – und einige rosarote – Augen leuchteten im Dunkel der Abwasserkanäle, machten aber keine Anstalten, sich ihr zu nähern. Sie zwinkerten mit den Augen, und unruhiges Geraschel war in den schattigen Winkeln zu vernehmen, aber Victoria achtete nicht darauf. Lilith war zu schlau – und selbstgefällig –, um die Sache zu überstürzen.
Als sie am Ende des Abwasserkanals ankam, wo das Wasser rauschend in die Tiefe stürzte, fand sie mit Leichtigkeit den schmalen Weg, der nach oben, seitlich am Tunnel entlang in die unterirdische Abtei führte. Voller Unbehagen bemerkte sie, dass sie kein Licht brauchte. Sie konnte immer besser im Dunkeln sehen: eine grässliche Erinnerung daran, wie brüchig ihr Halt an der Sterblichkeit geworden war.
Sobald sie oben am Weg angekommen war, schlüpfte Victoria durch den schmalen Spalt. Sie schlich durch den engen Gang, bis sie vor der ersten Tür stand, welche in den Vorraum führte, der beim ersten Mal leer gewesen war, und in dem sie mit den Vampiren gekämpft hatte, während Sebastian dafür gesorgt hatte, dass man die Geheimtür nicht mehr sah. Überrascht stellte sie fest, dass die Tür, die damals versperrt gewesen war, dieses Mal gleich aufschwang. Doch im Grunde war es logisch … denn Lilith erwartete sie ja.
Der Raum war immer noch leer bis auf einen Haufen Lumpen in einer Ecke und einen zerbrochenen Holzstuhl. Ihr Nacken war mittlerweile eiskalt, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie ging durch das Zimmer und drückte die schwere Tür auf, durch die man in das Zimmer mit dem Thron gelangte.
Zuerst schien es so, als hätte man ihr Kommen nicht bemerkt. Es befanden sich nicht viele in dem Raum – ein paar Vampire, die auf Stühlen saßen; Sara, die wie eine Hofdame daneben stand; Lilith, die auf ihrem großen Steinthron saß und die langen, schlanken Finger um ihre Arme gelegt hatte, unterhielt sich mit Sara.
Und Max. Gott sei Dank … Max.
Er saß neben der Vampirkönigin auf einem niedrigen Stuhl aus Stein. Er hatte kein Hemd mehr an, seine Füße waren nackt, aber er trug noch dieselbe Hose, die er heute Morgen angezogen hatte. Seine Haut wies unglaublicherweise keine Verletzungen auf, doch lag ein dünner Schweißfilm auf seiner Stirn. Die silberne vis bulla schimmerte nutzlos im dunklen Haar auf seiner muskulösen Brust.
Victoria sah ihn an und versuchte, ihn durch reine Willenskraft dazu zu bringen, sie anzusehen … damit er wusste, dass sie gekommen war, um sie beide hier herauszuholen. Oder bei dem Versuch zu sterben.
Doch als Lilith sie mit rot-blauen Augen direkt ansah, zwinkerte Victoria überrascht, um dann auch schon in ihren Bann zu geraten.
»Fast zwei Stunden, Venator. Wir fingen schon an zu glauben, dass Sie nicht kommen würden.« Lilith lächelte und streckte eine schlanke, weiße Hand aus, mit der sie Max berührte. Er bewegte sich nicht. Träge schob sie ihre Finger in sein dichtes dunkles Haar, das in widerspenstigen Locken um sein Gesicht hing. Er schaute immer noch nicht zu Victoria auf, und das bereitete ihr Unbehagen. Großes Unbehagen.
Man schien ihn nicht gefesselt zu haben. Seine Hände lagen auf den Knien. Ihre Handflächen wurden ganz feucht.
»Ich habe Ihnen den Ring von Jubai gebracht. Ich will Max.«
In dem Moment bewegte er sich, und es wirkte wie beiläufig, als würde er ihre Gegenwart kaum bemerken. Oder als wäre sie ihm egal. Er sah sie direkt an, und sein Blick versetzte ihr einen Schlag. Es lag Zorn darin, und Verzweiflung. Er war wütend, dass sie gekommen war.
Beinahe konnte sie seine Gedanken hören: Verdammt noch mal, Victoria. Es wäre längst alles vorbei, wenn du nicht so verdammt stur wärest und mich in Frieden sterben lassen würdest.
Aber er verstand es einfach nicht. Sie würde ihn nie so einer Situation ausliefern oder ihn sterben lassen. Sie würde ihn nicht gehen lassen.
Lilith lächelte und entblößte dabei ihre Fangzähne. »Das dachte ich mir schon. Ich sehe, dass Sie ihm seine vis bulla zurückgegeben haben. Aber«, fügte sie nachdenklich hinzu, »zuerst müssen wir sehen, wie es Ihnen geht, Victoria Gardella.«
Sie war darauf vorbereitet gewesen, hatte gewusst, dass es unausweichlich war. Aber als Lilith Max’ Kopf packte und zur Seite neigte, sich über die Sehne zwischen Schulter und Hals beugte, spürte Victoria, wie ihr Herzschlag außer Kontrolle geriet. Als versuchte er, die Herrschaft über sie zu erlangen.
Sie war schon einmal Zeugin derselben Szene gewesen, jener Szene, die sie immer noch verfolgte, und von der sie wusste, dass sie nur ein Bruchteil dessen war, was er erleiden musste: strahlend kupferfarbenes Haar wallte neben seinem dunklen Kopf über seinen nackten Oberkörper, auf seinem Gesicht vermischten sich Schmerz und schamerfüllte Lust, die sein Antlitz röteten und seine Lippen zu einem stummen Stöhnen öffneten.
Und dann die Geräusche: das leise Schlucken, das sanft schlürfende Saugen. Die schon fast greifbare Aufmerksamkeit der anderen Untoten im Raum.
Victoria hatte damit gerechnet, sich dagegen gewappnet … aber das Blut. Der Geruch des Blutes.
Max’ Blut.
Vor ihren Augen verschwamm alles und wurde rosa, und sie musste den Speichel herunterschlucken, der sich in ihrem Mund sammelte.
In dem Moment schaute Lilith auf und wischte sich geziert einen dunkelroten Tropfen aus dem Mundwinkel. »Ah ja«, meinte sie, freudig überrascht. »Sie sind schon weiter, als ich dachte.«
Victoria konnte Max nicht anschauen. Sie konnte kaum atmen. Oh Gott, steh mir bei. Ihre Finger zitterten, der Pflock steckte unangetastet in ihrer Tasche.
Lilith strich mit einem Finger über die Wunden auf Max’ Haut, sodass sich die Fingerspitze rot färbte. Victoria sah sogar von der Stelle aus, wo sie stand, wie das Blut schimmerte, und wieder musste sie schlucken. »Kommen Sie her und probieren Sie«, lud die Vampirkönigin sie ein.
Victorias Magen verkrampfte sich, doch sie konnte den Blick nicht von dem roten Rinnsal auf Max’ Schulter abwenden. Ihr Herz schlug so stark, dass sie es bis in die Fingerspitzen spürte.
Und dann Liliths Lachen, das von Sara aufgenommen wurde – es trillerte durch ihren Kopf, und sie nutzte den schrecklichen Klang, um aus dem Abgrund herauszukommen … oder wo sie sonst gewesen war. Ihr Herz pochte immer noch, ihre Finger zitterten, aber der Sog war nicht mehr so stark. Für den Moment zumindest errang sie wieder die Kontrolle über sich.
»Ich bin hier, um zu verhandeln«, sagte sie und merkte, dass ihre Stimme vielleicht nicht ganz so kräftig war, wie sie hätte sein können. »Wollen Sie den Ring von Jubai? Oder soll ich wieder gehen?« Sie schluckte, und diesmal kam der Speichel nicht wieder in der wollüstigen Menge zurück wie zuvor. Der rote Nebel hatte sich an die Ränder verflüchtigt und war längst nicht mehr so grell.
»Natürlich will ich den Ring; aber letztendlich werde ich ihn so oder so bekommen. Schon bald werden Sie mir nichts mehr verwehren können. Und das hier ist so viel unterhaltsamer. Wollen Sie sich mir wirklich nicht anschließen?« Lilith ließ ihre Hand besitzergreifend über Max’ Brust gleiten. Ihre langen Fingernägel schoben sich dabei durch sein Brusthaar und strichen über die ausgeprägten Muskeln, wobei sie sorgfältig der vis bulla auswich. Dann fuhr ihre Hand wieder nach oben in die vollen Strähnen, die seinen Nacken streiften.
Er verharrte regungslos, stoisch, war aber nicht bereit, Victoria in die Augen zu sehen. Trotzdem sah sie, wie der Puls an seinem Hals pochte, die Anspannung in seinen Armen und die zusammengepressten Lippen. Sie spürte seinen Abscheu und sein Entsetzen, aber trotzdem zeigte er keine Reaktion.
In dem Moment begriff sie, dass das, was sie vor drei Monaten mit Beauregard erlebt hatte, was er ihr angetan hatte – und was von ihr hingenommen worden war – während er versuchte, sie zu einem Vampir zu machen, nichts war im Vergleich zu dem, was Max durch die Vampirkönigin hatte erleiden müssen. Ihr Magen verkrampfte sich allein bei dem Gedanken an all das Widerwärtige.
»Ich hatte nicht angenommen, dass Sie bereit sind zu teilen«, erwiderte Victoria, die jetzt eine andere Strategie versuchte und sich dabei auf ihre Atmung konzentrierte. Sie bemühte sich, ganz gleichmäßig, langsam und leicht zu atmen. Sie bemühte sich, den Geruch nach Blut zu ignorieren.
»Bei einem Venator, der sich gerade in einen Untoten verwandelt, mache ich vielleicht eine Ausnahme«, gestand Lilith. »Sie sind ganz dicht davor, Victoria Gardella. Spüren Sie nicht, wie es in Ihnen brennt? Das Verlangen? Ich sehe es in Ihren Augen.«
»Sie sehen gar nichts«, erwiderte Victoria und fragte sich dabei, wie viel Zeit verstrichen war. Sebastian und die anderen sollten mittlerweile eigentlich den Zugang zum Geheimgang hinter dem Thron gefunden haben … möglicherweise waren sie schon ganz nah. Sie musste einfach noch mehr Zeit totschlagen. »Sie sehen nur, was Sie sehen wollen.«
»In der Tat.« Lilith saß sehr gerade auf ihrem Thron. »Dann wollen wir dem mal auf den Grund gehen.« Abrupt stand sie auf. Ihr langes, smaragdgrünes Kleid, das vom Stil her eher Wayrens Kleidern entsprach denn dem Geschmack ihrer Komplizin Sara, raschelte um ihre Beine.
Die Vampirkönigin deutete eine kaum merkliche Geste mit ihrem Kopf an, doch Victoria war vorbereitet. Sie wirbelte herum, als zwei Untote hinter ihr auftauchten. Mit dem Pflock in der Hand stieß sie die Hände weg, die nach ihr griffen. Dabei packte sie den einen und stieß ihn gegen den anderen. Und dann pfählte sie schnell einen von ihnen, ehe sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatten. Der plötzliche Ascheregen ließ den anderen Vampir entsetzt nach hinten taumeln. Sofort stürzte Victoria sich auf ihn, warf ihn zu Boden und stieß mit ihrem Pflock zu.
Sie stand inmitten einer Wolke aus Asche, als sie Lilith ansah. »Halten Sie Ihre Schläger von mir fern.«
Die hochgewachsene Untote blickte sie mit flammenden roten Augen an. Vom Blau war nur noch ein hauchdünner Kreis zu erkennen. »Das war unsagbar unhöflich, Victoria Gardella. Aber machen Sie sich keine Sorgen … ich werde Ihnen keine weitere Gelegenheit geben, sich danebenzubenehmen. Kommen Sie jetzt mit, sonst werde ich meinen Ärger an jemand anders auslassen.«
Max kam hoch, als hätte man wie bei einer Marionette an irgendwelchen Fäden gezogen. Victoria war Liliths Andeutung nicht entgangen. Sie beobachtete, wie er sich immer noch voll geschmeidiger Anmut bewegte, aber sein innerer Widerstand machte jeden Schritt zur Qual. Die Vampirkönigin war groß, fast so groß wie er, und sie umfasste sein Handgelenk mit ihren knochigen Fingern.
Sara ging auf Victoria zu, und sie sah, dass die blonde Frau immer noch die Pistole in der Hand hatte, mit der sie vor ein paar Stunden ihre Flucht verhindert hatte. Mit dem Lauf drängte sie Victoria zur Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers.
Victoria war noch nie in diesem Raum gewesen. Ja, sie hatte die beiden Male, die sie schon im Thronraum gewesen war, noch nicht einmal den Durchgang bemerkt. Der Blutgeruch war hier stärker, und im Gegensatz zum anderen Raum wurde dieser von zwei offenen Kaminen – an jedem Ende einer – und Fackeln, die in Wandhalterungen steckten, erhellt. Die Flammen warfen schwarze Schatten an die Steinwände, sodass sie in alle Richtungen zu wogen schienen. In diesem Zimmer war es viel wärmer als im anderen, ja, fast schon erstickend warm.
Oder vielleicht wirkte es auch nur so durch den schweren Blutgeruch, die tanzenden Schatten und das warme Licht.
Der Raum war mit einem langen, niedrigen Diwan voller Kissen, Tischen und Stühlen eingerichtet … in der Mitte ein dunkler Schatten auf dem Boden. Auf der anderen Seite des Schattens eine weitere Tür.
Ein leises Knurren weckte Victorias Aufmerksamkeit, und als sie sich umdrehte, sah sie drei Paar Augen in Bodennähe vor einem der Kamine glühen. Sechs spitze Ohren drehten sich in ihre Richtung, dann kamen drei große Hunde mit bebenden Lefzen und Nüstern hoch.
Die Haare auf Victorias Armen stellten sich auf. Es waren riesige Wolfshunde mit Vampiraugen und spitzen Reißzähnen, die auch bei geschlossenen Mäulern zu sehen waren. Der Kopf des Kleinsten reichte ihr bis zur Taille.
Sie rannten zu Lilith, die ihnen nur mit einem Fingerschnipsen Befehle gab. Die Hunde setzten sich sofort, aber Victoria sah jetzt, dass ihre ganze Aufmerksamkeit auf Max gerichtet war … oder vielmehr auf das frische Blut, das an ihm herabströmte. Einer von ihnen leckte gierig an dem Finger, den Lilith gerade eben durch das Blut gezogen hatte. Ja, nagte förmlich an ihm. Die anderen beiden jedoch saßen aufmerksam da: mit wachen Augen, aufgestellten Ohren und geschlossenen Mäulern, während sie vor Blutdurst förmlich bebten.
»Jetzt«, erklärte Lilith fast schon freundlich, »werden wir sehen, wie stark Sie sind, Victoria Gardella. Und dann wird alles vorbei sein.«
Ein eiskalter Schleier aus Angst legte sich über sie, während sie die heiße, Blut geschwängerte Luft einatmete und ihr ein Schweißtropfen den Rücken hinunterlief.
Und dann ging plötzlich alles sehr schnell; aber Victoria hätte ohnehin nichts tun können, um es zu verhindern. Sara stieß ihr den Pistolenlauf in die Seite, und die Hunde saßen wachsam vor ihr, als drei Vampire auf Liliths Befehl hin auf sie zukamen. Sie ließen schwere Handschellen um Max’ Handgelenke zuklicken, sodass er die Hände in den Schoß legen musste. Anfangs war er noch mit gefletschten Zähnen zurückgewichen … doch als Sara Victoria die Pistole in die Seite drückte, blieb er ruhig stehen.
»So ist’s recht, Maximilian. Das Experiment soll doch nicht zu Ende sein, bevor es begonnen hat«, meinte Lilith. »Und Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen, Victoria Gardella. Ich habe nicht die Absicht, Ihrem Geliebten irgendeinen Schaden zuzufügen. Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit er nichts Dummes tut.«
Victoria sah Max an. Seine versteinerte Miene ließ keine Rückschlüsse darauf zu, was er dachte. Sogar als er sie ansah, gab er nichts von sich preis.
Bei ihr nicht, aber auch nicht bei Lilith.
Das, was Victoria erst für einen Schatten mitten im Raum gehalten hatte, war beileibe kein Schatten, sondern ein Loch. Als Victoria das erkannte, wurde ihr wieder kalt. Sie wusste, was sie erwartete.
Ehe sie weiterdenken konnte, kamen die drei Vampire, die Max in Ketten gelegt hatten, auf sie zu. Sie wehrte sich mit ihrem Pflock, mit den Füßen und in tiefes Rot getauchter Verzweiflung, doch am Ende wurde sie von zweien überwältigt. Der Haufen Asche, in den sie den dritten verwandelt hatte, verschaffte ihr nur wenig Befriedigung. Der rote Schleier vor ihren Augen war jetzt sehr dicht, und sie zitterte am ganzen Leib. Speichel sammelte sich in ihrem Mund. Die Untoten mussten ihre ganze Kraft aufbieten, um sie ruhig zu halten, als Lilith sich ihr näherte.
Liliths Reißzähne gruben sich in ihre schmale Unterlippe. Sie war fast violett, und die Zähne hinterließen kleine dunkle Vertiefungen, die sichtbar wurden, als sie lächelte. Victoria hielt den Atem an. Sie war auf alles vorbereitet … doch nicht darauf, dass ihr mit spitzen Nägeln auf Wange und Hals geschlagen wurde.
Sie spürte, wie drei Klauen ihre Haut aufrissen und dann das Blut hervorschoss, als hätte es schon unter der Oberfläche gebrodelt … wartend.
Und dann, ehe sie wusste, wie ihr geschah, flog sie durch die Luft und fiel tiefer, immer tiefer … in das schwarze Loch.