Kapitel 8
In dem die Vorzüge eines englischen Kochs diskutiert werden
Victoria zwang ihre Lippen zu einem höflichen Lächeln und nickte Lord Bentworth zustimmend zu, während dieser mit lebhaft wackelndem Dreifachkinn die Vorzüge seines neuen Kochs mit denen des Hauses Hungreath verglich.
»Und mit dem Salz knausert er auch nicht«, erklärte er und unterstrich sein Wohlbehagen damit, dass er ein Stückchen Fasan mit seiner Gabel aufspießte. »Habe ihm gesagt, dass er das nicht soll, und er hat vom ersten Tage an die Anweisung befolgt. Und die Saucen. Nicht dieses französische Zeug – wie das hier – hab ich ihm auch gesagt. Das Fleisch muss nicht drin schwimmen.« Er schob sich den Bissen in den Mund, und sein Kiefer malmte heftig, während er mit geblähten Wangen kaute.
Victoria, deren Gedanken sich mit wichtigeren Dingen als dem rechten Maß an Würze oder den ausländischen Einflüssen auf das englische Essen beschäftigten, ließ den Blick die Tafel entlang schweifen. Sara Regalado schaute sie tatsächlich an; der durchdringende Blick ihrer braunen Augen und das angedeutete affektierte Lächeln waren direkt auf sie gerichtet. Victoria setzte eine herablassende Miene auf, damit die andere wusste, dass sie ihr damit keine Angst einjagte, und wandte sich wieder ihrem Fasan zu.
Zwar hätte sie sich eine Entschuldigung einfallen lassen können, um zu Hause zu bleiben, doch Victoria hatte sich aus mehreren Gründen dazu entschlossen, die Dinnerparty der Hungreaths zu besuchen. Erstens war Lady Hungreath Gwendolyns Patentante und sie gab die Party zu Ehren des glücklich verlobten Paares, weshalb Gwendolyn Victoria das Versprechen abgenommen hatte zu kommen. Zweitens weil sie wusste, dass George Starcasset und Sara auch da sein würden; und Victoria hatte das Gefühl, es wäre klug, die beiden im Auge zu behalten. Und schließlich, weil sie damit hoffentlich ein bisschen Abstand bekam zu Sebastian und seinen schockierenden Enthüllungen.
Es war kein Wunder, dass er und Max es kaum ertragen konnten, sich im selben Raum aufzuhalten.
»Kann auch kein Grünzeug ausstehen«, erklärte Bentworth. Er schob eine Schüssel mit durchgeweichtem Spinat weg, um stattdessen eine Pellkartoffel aufzuspießen, bei der schon die Haut platzte. Er ließ sie auf seinen Teller fallen und trug einem Lakaien auf, ihm Butter zu bringen. Offensichtlich war Bentworth ein häufiger Gast bei den Hungreaths, denn der Diener schien die Vorliebe des Mannes für das Molkereiprodukt zu kennen und gab eine großzügig bemessene, hellgelbe Portion auf die Kartoffel. »Hab ihm auch gesagt, dass ich mir nichts aus süßen Sachen mache. Meine Frau ist eine Naschkatze, sie liebt Kekse. Ich selbst mache mir nichts daraus. Nur Fleisch, Kartoffeln und Brot. Gedünstete Karotten, Rüben, Zwiebeln. Kann’s nicht ausstehen, wenn etwas hart oder knusprig ist.«
»Er muss wirklich ein vielseitiger Koch sein, wenn er all diese Dinge in so zufriedenstellender Weise zubereiten kann«, erklärte Victoria mit einer Stimme, die so fade war wie das Essen, welches sie zu sich nahm. Vielleicht sollten die Hungreaths mal mit Lord Bentworth sprechen, wie man es schaffte, einen besseren Koch einzustellen. Aber sie war ohnehin nicht sonderlich hungrig, und im Gegensatz zu Italien war das Essen hier blass und labberig. Und solange sie gelegentlich nickte und ab und zu eine Bemerkung von sich gab, konnte sie ansonsten ungestört versuchen, Ordnung in ihre verworrenen Gedanken zu bringen.
Ihr war bekannt gewesen, dass Max mit der Tutela zu tun gehabt hatte, als er jünger war. Sie hatte das geheime Zeichen der Gesellschaft hinten auf seiner Schulter gesehen: ein gertenschlanker, zu einem verschnörkelten Kreis stilisierter Hund. Die abstoßende Tätowierung, die genauso verabscheuungswürdig war wie die Gesellschaft, für die sie stand, symbolisierte die Sterblichen, die, wie Kritanu es einst formuliert hatte, so dienstbar wie Huren für die Untoten waren.
Die Tutela lockte Menschen jeden Alters in ihren Kreis und nutzte dabei die Furcht der Sterblichen vor dem Tod, indem man ihnen Unsterblichkeit und Schutz durch die Untoten in Aussicht stellte. Max hatte eine Zeitlang dazugehört, aber sie wusste ganz zweifelsfrei, dass die damaligen Erfahrungen, die er nach seiner in jungen Jahren gefällten Entscheidung gemacht hatte, bei ihm für einen unerschütterlichen, tief verwurzelten Hass auf die Untoten und die Tutela gesorgt hatten.
Victoria fuhr erschrocken auf, als sie merkte, dass die Leute um sie herum sie anblickten und auf etwas zu warten schienen. »Verzeihung«, sagte sie mit einem angedeuteten Lächeln, »ich scheine vor mich hin geträumt zu haben. Was haben Sie eben gefragt, Mrs. Cranwrathe?«
Die Frau auf der anderen Seite des Tisches räusperte sich laut, während Victoria nach ihrem Weinglas griff. »Ich habe bemerkt, Lady Rockley, wie reizend ich es finde, dass Sie den neuen Marquis dazu ermutigt haben, an der heutigen Abendgesellschaft teilzunehmen.« In den hellen Augen war ein Funkeln, das Victoria dazu veranlasste, sich gerader auf ihrem Stuhl hinzusetzen. »Ich habe gehört, Sie wohnen immer noch in St. Heath’s Row? Und er ist gestern angekommen?«
Sie schaute zum anderen Ende der Tafel, wo James in der Nähe der Gastgeberin saß und von beiden Seiten von Müttern mit Töchtern im heiratsfähigen Alter in die Zange genommen wurde. Der arme Mann. »Ich fürchte, Sie irren sich, Mrs. Cranwrathe. Ich wohne nicht mehr in St. Heath’s Row, sondern bin ins Haus der verstorbenen Tante meiner Mutter gezogen.«
Der Lakai schob sich zwischen sie und Lord Bentworth, um die Teller mit dem Rosenmuster abzuräumen. Lord Bentworths Teller glänzte förmlich, so leer war er gegessen; die Rosen von Victoria dagegen wurden immer noch von Kartoffelstücken, Karotten und Resten des zähen Fasans verdeckt. Das komplizierte Dessert, das dann gereicht wurde, löste bei allen bis auf Bentworth große Begeisterung aus.
»Wollen sich die Damen zum Sherry in den Salon zurückziehen?«, fragte Lady Hungreath vom Kopf der Tafel aus. »Es gibt auch Gebäck.«
Victoria schob sich an den anderen Gästen vorbei und legte ihren Arm um Gwendolyn, die sich gerade frisch gemacht hatte. Während sie in den Salon schlenderten, warf sie einen Blick auf die Gartenanlagen hinter dem Haus. Es war noch keine acht Uhr, sodass die Sonne noch nicht untergegangen war und man sie in der Ferne über den Wipfeln sehen konnte. Sie würde noch eine Stunde warten, vielleicht auch neunzig Minuten, dann konnte sie sich bei ihrer Gastgeberin entschuldigen und gehen.
Sobald sich das Flattern von Röcken, Seidenschals und Handtäschchen im Salon gelegt hatte, bemerkte Victoria, dass Sara Regalado fehlte. Verflixt und zugenäht! Sie hätte zurückbleiben und erst dann in den Salon gehen sollen, wenn sie sicher war, dass sich die Frau ihnen auch angeschlossen hatte.
Das leicht herablassende Lächeln während des ersten Gangs hatte schon angedeutet, dass das italienische Luder nichts Gutes im Sinn hatte. Doch jetzt saß Victoria in der Patsche. Die Männer hielten sich mit Zigarre und Brandy im Arbeitszimmer auf. Bis sie sich wieder den Damen im Salon anschlossen, saß sie hier fest, während sie entweder Whist spielen, Hochzeitsplänen lauschen oder sich den neuesten Klatsch über wer-mit-wem anhören musste.
Oder zumindest würde sie im grüngoldenen Salon festsitzen und höflich Konversation machen, wenn sie sich wie Victoria Gardella Grantworth, eine Dame der Gesellschaft, benahm. Aber sie war Illa Gardella, die sich auch noch mit anderen Dingen als mit Klatsch und Mode beschäftigte, und deshalb würde sie die Sache in die Hand nehmen.
Victoria erhob sich und entschuldigte sich damit, dass sie sich frisch machen wollte.
Und wie es das Glück wollte, schaute sie aus einem der hüfthohen quadratischen Fenster, von denen aus man in den Garten der Hungreaths sehen konnte, als sie den Raum verließ. Überall waren große Gruppen aus Lilien und Hyazinthen und dazwischen Pergolas, an denen Rosen rankten. Sie sah kurz ein Stück rosafarbenen Stoff flattern, der hinter einer Statue eines wasserspeienden Cupido verschwand.
Sara hatte ein rosafarbenes Kleid angehabt.
Kurze Zeit später eilte Victoria den mit Schiefer gepflasterten Weg entlang und versuchte dabei, möglichst nicht von einem der Fenster des Hauses aus gesehen zu werden. Obwohl sie von der entgegengesetzten Seite kam, fand sie den Brunnen mit dem Cupido ohne Probleme und schlug dann die Richtung ein, in der der flatternde Rock verschwunden war.
Victoria wich trockenen Ästen und raschelndem Laub aus, während sie jedes Mal erst vorsichtig hinter einem Baum oder einer Hecke hervorschaute, ehe sie drumherum ging. Über eine Abzweigung des Weges gelangte sie in den Kräutergarten, wo sie an Büschen voll silberblättrigem Salbei, gelbem Ysop und Myrte vorbeikam. Häufig blieb sie stehen, um durch ein Netz aus Kletterrosen und dekorativ rankendem Efeu oder hohen Gräsern und nicht minder hohen Blumen zu schauen.
Es war ganz still im Garten. Nur das Rauschen von Wasser, das der kleine Cupido ausspie, war in der Ferne zu hören. Ein Vogel stieß einen Warnruf aus, ehe er zu seinem Nest flatterte und dabei ein paar verwelkte Blätter löste, die zu Boden schwebten. Die Sonne ging unter, und der orangerote Feuerball, der den Garten immer noch erhellte, glühte zwischen den Baumkronen in der Ferne.
Victoria begann schneller zu gehen und stellte fest, dass sie im Kreis lief, denn die vier großen, kreisförmig angelegten Wege des Gartens trafen sich alle wieder beim Brunnen mit dem Cupido. Es befand sich niemand im Garten.
Verwirrt drehte sie sich schließlich um, um zum Haus zurückzukehren. Sie hatte nichts erreicht. Entweder hatte sie das, was sie meinte gesehen zu haben, gar nicht wirklich gesehen, oder Sara war wieder nach drinnen gegangen. Oder sie versteckte sich irgendwo, sodass Victoria sie nicht sehen konnte – aber es gab wirklich keine Stelle, wo sie das hätte machen können.
Außer im kleinen Schuppen des Gärtners.
Victorias Herzschlag beschleunigte sich, als sie ihren Blick auf das kleine, gepflegte Gebäude richtete, welches kaum größer als ein altmodischer Außenabort war. Es stand in der hinteren linken Ecke des Gartens, neben der Steinmauer, die das Grundstück umgab. Es kribbelte sie am ganzen Körper, als sie sich auf das kleine Häuschen zu schlich und dabei die Ohren spitzte, ob sie irgendwelche menschlichen Geräusche vernahm. Was könnte Sara Regalado hier draußen machen?
Doch als Victoria dem kleinen Häuschen näher kam, sammelte sich Wasser in ihrem Mund, und ihr Herz fing an heftig zu schlagen. Der Geruch von Blut lag in der Luft. Am Rande ihres Gesichtsfeldes begann alles zu verschwimmen.
Nein. Nicht schon wieder.
Vorsichtig schob sie sich um den Schuppen zur Vorderseite herum. Dort war die Tür. Sie war verschlossen … doch der Geruch des dickflüssigen, schweren Blutes war stärker. Er durchdrang die laue Luft der Sommernacht, überdeckte den zarten Duft der Rosen und Lilien mit seinem metallischen Aroma. Ihr Kopf pochte schmerzhaft, und sie musste mehrmals blinzeln, während sie das Gebäude umrundete und dabei dem Geruch und ihrem Instinkt folgte, der sie zur Rückseite führte. Und dann brauchte sie nicht weiter zu gehen.
Es war eine genauso blutige Angelegenheit wie letztes Mal im Park. In ihrem Mund sammelte sich so viel Speichel, dass sie einmal, zweimal schlucken musste. Zitternd ging Victoria neben dem, was von der Leiche übrig geblieben war, in die Hocke.
Es war nicht Sara Regalado. Victoria kannte das Mädchen nicht, doch wegen des schlichten Kleides aus Kammwollgarn – das jetzt blutgetränkt und zerrissen war – nahm Victoria an, dass es wohl ein Zimmermädchen oder eine andere Hausangestellte sein musste. Die punktförmigen Wunden an ihrem Hals und die Kratzspuren auf ihren Schultern waren ein eindeutiger Hinweis, dass sie einem Vampirangriff zum Opfer gefallen war.
Victorias Hand zitterte, als sie sie ausstreckte, um die gebrochenen Augen der Frau zu schließen. Ihre Lider waren noch warm, und als Victoria mit den Fingern behutsam über die Wangen der Toten strich, stellte sie fest, dass diese genauso pausbäckig wie bei ihrer Zofe Verbena waren. Der Vampir konnte noch nicht weit sein.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch, und die Haare auf ihren Armen stellten sich auf. Victoria wandte sich halb um und hielt dabei automatisch Ausschau nach etwas, das sich wie ein Pflock benutzen ließ.
»Lady Rockley?«
Victoria schaute auf und sah in das Gesicht von Brodebaugh, Gwens Graf, der urplötzlich mit Baron Hungreath und George Starcasset vor ihr stand. Sie kam hoch und schluckte noch einmal. »Sie ist tot.«
»Sieht so aus.« Hungreath sah sie mit leichter Sorge an, in die sich etwas Misstrauen mischte. »Wie kam es dazu, dass Sie sie gefunden haben?«
Instinktiv warf Victoria George einen Blick zu, um zu sehen, ob er vielleicht dafür verantwortlich war, dass das Trio sie und die misshandelte Magd gefunden hatte. Sein weiches Gesicht war völlig ausdruckslos, aber sie sah ein Funkeln in seinen Augen, das sie die Zähne zusammenbeißen ließ. Und während die anderen beiden Männer die blutüberströmte Leiche mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen anschauten, wirkte George ungerührt.
Als würde er ihr Misstrauen bemerken, meinte er: »Die anderen Damen sind im Salon beim Sherry. Als sie sagten, dass Sie schon eine ganze Weile weg wären und keiner wusste, wo Sie sind, hielten wir es für das Beste, mal im Garten nachzusehen.« Seine täuschend niedlichen Grübchen erschienen.
Victoria strich ihre Röcke glatt und bemerkte dabei, dass sie Blutflecken abbekommen hatten. Sie meinte: »Man sollte jemanden holen, der das Verbrechen aufnimmt. Und vielleicht auch die Haushälterin; denn die erkennt vielleicht, um wen es sich bei dem armen Ding handelt.«
»Nanu!«, sagte George und beugte sich über einen Busch. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er ein langes Tuch, das voller Blutflecken war, in der Hand. »Was ist das?«
Victoria starrte den Schal an und fühlte sich leicht benommen. Es flimmerte rot vor ihren Augen, als sie ihren eigenen Schal wiedererkannte. Den, den sie nach ihrer Ankunft heute Abend auf einem kleinen Tisch im Foyer liegengelassen hatte.
»Armes Mädchen«, sagte Brodebaugh ernst, während er das Opfer betrachtete. Dann drehte er sich um und bot Victoria seinen Arm an, womit er die Zuneigung noch vertiefte, die diese für den Verlobten ihrer besten Freundin empfand. »Und für Sie tut es mir auch leid, Lady Rockley, dass Sie das Mädchen so zugerichtet finden mussten. Stützen Sie sich auf meinen Arm. Ich werde Sie zum Haus zurückführen.«
Victoria folgte seiner Empfehlung; natürlich nicht, weil sie seine Hilfe gebraucht hätte, sondern weil sie sich wegen George Starcassets Gesichtsausdruck irgendwie unwohl fühlte. Als er den Schal vom Busch gezogen hatte, hatte unverkennbare Häme auf seinem Gesicht gelegen, die andeutete, dass er wusste, wem er gehörte. Sie würde es natürlich nicht leugnen, aber sie fragte sich, wie er dort hingekommen war. Und wer ihn dort hingehängt hatte.
Es war nicht auszuschließen – und sogar sehr wahrscheinlich –, dass Sara sie in den Garten gelockt hatte, damit sie wieder die sterblichen Überreste eines Menschen fand, der am Tage einem Vampirangriff zum Opfer gefallen war, und den Schal absichtlich in der Nähe liegengelassen hatte.
Und das forderte förmlich die Frage heraus: Waren Sara oder George in einen Untoten verwandelt worden?
Oder jemand anders?
Victoria erwachte mit einem Ruck.
Sie rührte sich nicht und atmete entspannt und gleichmäßig weiter, während sie die Augen einen Spaltbreit öffnete. Jemand oder etwas war in ihrem Schlafzimmer.
Der Raum bestand aus allen Abstufungen von Dunkelgrau, sodass im frühmorgendlichen Halbdunkel mit ihrer eingeschränkten Sicht keine Einzelheiten zu erkennen waren. Sie würde den Kopf drehen müssen …
»Gütiger Himmel. Da kannst du deine Augen auch gleich aufmachen, Victoria. Eher würde man es einer Mücke abnehmen, wenn sie sich schlafend stellt.«
Victoria riss die Augen auf. Mit einem Ruck setzte sie sich auf, während sich ihre Finger fester um ihren Pflock schlossen, als sie ihn unter der Decke hervorzog. Seit der Nacht, in der sie Phillip umgebracht hatte, war sie nicht mehr ohne zu Bett gegangen.
»Nun, Max. Es ist schon einige Zeit her, dass du mich in meinem Schlafzimmer besucht hast.«
Ihre Stimme war vom Schlafen noch ganz heiser, und sie wusste eigentlich gar nicht, warum sie so etwas Provozierendes sagte … außer weil es nichts anderes gab, was man zu einem Mann sagen konnte, der in den frühen Morgenstunden ins Schlafzimmer geschlichen kam.
Insbesondere bei einem Mann, der einen gegen die Wand einer römischen Villa gedrängt und geküsst hatte, um dann kurz darauf seine Rolle als Venator aufzugeben und zu verschwinden.
Ganz tief im Innern ihres Bauches verspürte sie ein Kribbeln.
Er stand in einem dunklen Winkel des Raumes, wo ihn die Schatten verhüllten. Nur seine Stimme hatte ihn verraten. Weder stand eines der Fenster offen, noch die Tür. Wie hatte er es geschafft hereinzukommen?
»Ich glaube nicht, dass du den da brauchst«, meinte er. Offensichtlich hatte er den Pflock bemerkt. »Außer natürlich, es ist eine weitere deiner nächtlichen Aktivitäten.«
»Was machst du hier?«
Er trat näher, sodass sie ihn besser sehen konnte. Max war größer als die meisten Männer und ragte hoch über dem Bett auf. Außerdem bevorzugte er schwarze Kleidung. Dadurch waren weder seine Gestalt noch sein Gesichtsausdruck zu erkennen. Er war ein eleganter Schatten, von dem nur die lange, gerade Nase zu erkennen war, weil etwas fahles Licht durchs Fenster fiel. »Ich wollte mit dir sprechen.«
Victoria fuchtelte ungeduldig mit dem Pflock herum. »Ich wollte wissen, was du in London machst! Natürlich bist du hier, um mit mir zu sprechen. Welchen anderen Grund solltest du haben, in mein Schlafzimmer zu kommen?«
Stille legte sich über den Raum und zog sich in die Länge, dann erwiderte Max mit seidenglatter Stimme: »Vielleicht ist deine Fantasie ja etwas verkümmert.« Er bewegte sich, zog die Hände aus den Taschen und verschränkte die Arme vor der Brust. Victoria merkte, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug. Und sie erinnerte sich daran, wie er sie geküsst hatte, damals, als er sie gegen die kalte nasse Mauer drängte.
Er fuhr fort: »Vioget hat mich über deinen Fund im Park in Kenntnis gesetzt. Den Vampirangriff am helllichten Tage.«
»Du hast mit Sebastian gesprochen?«
»Gestern Abend. Nachdem er dich verlassen hatte.« Max veränderte seine Position und spreizte die langgliedrigen Hände, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Ein kleiner Rat nebenbei, Victoria. Halte dich von Fenstern fern, wenn du dich in deinem Schlafzimmer vergnügst.«
»Ich hätte dich nicht für einen Voyeur gehalten. Aber vielleicht siehst du ja tatsächlich lieber zu, als es selbst zu tun.«
Da sah sie seine weißen Zähne schimmern, als sich seine Lippen zu einem freudlosen Lächeln verzogen. »Mmm … nein.« Dann verschwand das Lächeln wieder. »Hättest du etwas dagegen, dich ein bisschen zu bedecken? Du hast da ein ziemlich durchsichtiges Nachthemd an.«
Victoria sah an sich herunter und bemerkte, dass die Bettdecke in ihren Schoß geglitten war. Außerdem fiel das Licht vom Fenster direkt auf sie und das lavendelfarbene Nachthemd, das sie anhatte. Der zarte Batist und der tiefe, mit Spitze verzierte Ausschnitt verbargen nichts von ihrem Körper. »Es tut mir schrecklich leid, dass ich deinen Sinn für Ästhetik beleidigt habe, Max. Ich wusste gar nicht, dass du einen hast.« Sie zuckte die Achseln und zog die Decke hoch. »Aber schließlich habe ich dich ja auch nicht in mein Schlafzimmer eingeladen.«
»Wohl wahr. Sei dir meiner tiefen Dankbarkeit gewiss.« Er verbeugte sich überheblich, und sie fragte sich, ob er sich nun dafür bedankte, dass sie die Decke bis zum Schlüsselbein hochgezogen hatte oder weil sie ihn nicht in ihr Schlafzimmer eingeladen hatte. »Ich sollte dich übrigens für dein Durchhaltevermögen loben.«
»Mein Durchhaltevermögen?«
»Dinner mit dem frisch eingetroffenen Marquis, nächtliches … äh … Amüsement im Schlafzimmer der Marquise in der gleichen Nacht, und am nächsten Tag dann gleich weiter, neues Schlafzimmer, neues Haus. Wirklich sehr leistungsstark. Viel Kommen und Gehen. Deshalb hielt ich es für nötig, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und dafür zu sorgen, dass Vioget heute Abend anderweitig beschäftigt ist.« Wieder sah sie seine weißen Zähne aufblitzen. »Ich störe nur ungern irgend jemanden bei irgendetwas.«
»Wie zuvorkommend von dir, Max. Was hast du mit Sebastian gemacht?«
»Oh, du brauchst dir um die Sicherheit des Mannes keine Sorgen zu machen. Er hat sich nur gerade an die Fersen einer Frau geheftet, die aus der Entfernung eine verblüffende Ähnlichkeit mit dir hat.«
»Und was macht diese Frau?«
»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie hat ein Rendezvous in Vauxhall Gardens.« Wieder leuchtete sein Lächeln auf. »Ich glaube, Vioget war nicht besonders erfreut.«
Victoria verbarg ihr Grinsen. Es geschah Sebastian nur recht, wenn er eine falsche Fährte verfolgte – besonders nach seiner unbekümmerten Verlautbarung heute im Salon, wo der Zeitpunkt und das Publikum natürlich mit Bedacht gewählt worden waren. »Vielleicht wäre jetzt der passende Moment, um mir zu erklären, warum du unbedingt in mein Schlafzimmer eindringen musstest. Aber, Max, eines möchte ich dir zuvor noch sagen«, meinte sie und legte dabei endlich den herablassenden Tonfall ab, den sie die ganze Zeit über beibehalten hatte. »Ich bin froh, dass du wohlauf bist. Und … bestimmt weißt du schon von Briyani.«
Er nickte, und sie sah, dass seine Schultern nach vorn sackten. »Ich habe gestern Abend auch mit Kritanu gesprochen.«
»Mit Kritanu auch?« Victoria merkte, dass wieder Ärger in ihr aufstieg.
»Sei nicht böse auf ihn«, besänftigte Max sie. »Ich habe ihm gesagt, dass ich mit dir sprechen würde … und wie du ja weißt, hat er zurzeit ganz andere Sorgen.«
»Wie ich sehe, nimmst du Sebastian nicht in Schutz, weil er es versäumt hat, mich über deine Anwesenheit in London in Kenntnis zu setzen.«
»In der Tat; es ist beunruhigend, dass er nicht sofort zu dir gerannt ist, um dich darüber zu informieren, obwohl er doch wusste, dass es mich ärgern würde. Er hatte gedroht, es zu tun.«
»Deine Verlobte ist auch hier. Hat er dir das erzählt?« Auch wenn Max’ Verlobung mit Sara nur vorgetäuscht gewesen war – zumindest nahm Victoria an, dass sie vorgetäuscht war –, hatte sie doch nie der Versuchung widerstehen können, ihn damit aufzuziehen.
»Vioget hielt es nicht für angebracht, mir das zu erzählen … aber vielleicht wusste er es auch gar nicht.«
Victoria schüttelte den Kopf. »Er weiß es sehr wohl, denn sie und George Starcasset waren beide da, als er meiner Mutter heute Nachmittag mehr oder weniger unsere Verlobung verkündet hat. Und – es tut mir schrecklich leid, Max – du bist aus dem Rennen. Sie scheint ihre Zuneigung nun Gwendolyns Bruder George zu schenken.«
»Ich bin am Boden zerstört.«
»Mir tat die Frau leid, weil du ihr vorgemacht hast, du würdest sie lieben«, schalt Victoria ihn.
»Habe ich das?« Max klang amüsiert.
»Jedenfalls hast du diesen Eindruck vermittelt, als ich dich im Hause des Conte Regalado sah.« Sie war auf einen arg zerzausten Max gestoßen, der offensichtlich gerade ein Tête-à-tête mit Sara gehabt hatte.
»Das muss einen ziemlichen Eindruck bei dir hinterlassen haben, Victoria, denn du erwähnst den Vorfall fast jedes Mal, wenn wir miteinander reden.«
»Du sahst lächerlich aus mit deinen zerzausten Haaren und dem zerdrückten Halstuch. Es war mehr denn offensichtlich, was du gerade getan hattest. Und würdest du dich bitte hinsetzen«, fuhr Victoria ihn an. »Dein Herumgestehe ist ziemlich nervig. Wenn du dich nicht setzt, sehe ich mich gezwungen aufzustehen – und ich wage zu behaupten, dass du nicht mit dem kompletten Anblick meines durchsichtigen Nachthemds konfrontiert werden möchtest.«
Er gab einen Laut von sich, der entweder ein unterdrücktes Lachen oder ein erstickter Hustenanfall war; aber wie auch immer, er leistete ihrer Aufforderung Folge und setzte sich hin – auf einen Stuhl, der am weitesten vom Bett entfernt und wo er wieder vollkommen im Schatten war. »Damit könntest du Recht haben.«
»So, und jetzt erzähl mir, warum du in London bist, wo du doch eigentlich auf der Flucht vor Lilith sein solltest.«
Sie konnte förmlich spüren, wie die Anspannung im Raum wieder wuchs. Alle Leichtigkeit des vorangegangenen Geplänkels erstarrte in Kälte. »Ah ja … die unglückselige Lage, in der ich mich befinde. Wir brauchen nicht über die banalen Begleitumstände zu sprechen, die mich wieder in dieses nasse, zugige Land zurückgeführt haben – eher sollten wir uns darüber unterhalten, wie ich dir bei deinem derzeitigen Problem helfen kann. Dem Vampirangriff am helllichten Tage.«
Victoria nickte und richtete ihre Aufmerksamkeit auf das von ihm vorgebrachte Thema, statt sich weiter einen verbalen Schlagabtausch mit ihm zu liefern. Das wurde nach einer Weile meist ohnehin langweilig, und um die Wahrheit zu sagen, war sie eigentlich froh, Max zu sehen. Wenn er nur nicht so kompliziert wäre. Und arrogant. Und grob. »Heute hat es wieder einen gegeben.«
Sie erzählte ihm von dem Vorfall und schloss mit ihren Vermutungen bezüglich Sara und George. »Aber es scheint mir sehr plump von ihnen, mich so offenkundig zu verhöhnen, wenn tatsächlich einer von den beiden der Vampir ist, der bei Tage umgeht.«
»Ich neige dazu, dir Recht zu geben. Obwohl Sara nicht unbedingt für ihre subtile Art bekannt ist.«
»Es kann kein reiner Zufall sein, dass ich diejenige war, die beide Opfer innerhalb eines Zeitraumes von zwei Tagen entdeckt hat.«
»Genau. Und wir müssen davon ausgehen, dass sie den Trank haben, der in dem Schriftstück beschrieben wird, das wir hinter der Magischen Tür in Rom gefunden haben.« Er bewegte sich. Sie hörte es eher, als dass sie es sah. »Die Formel, die Vioget aus dem Konsilium stahl.«
Victoria strich eine lange Locke zurück. »Das habe ich nicht vergessen, Max. Aber er hat mich auch in die geheimen Räume einer Abtei unter London geführt, wo er einen der Ringe von Jubai zurückholte.«
»Doch er hat dir den Ring nicht gegeben, oder?«
»Nein. Aber er machte auch keinen Versuch, ihn vor mir zu verbergen.«
Max schnaubte. »Tja, man findet immer einen Strohhalm, nach dem man greifen kann, wenn man nur lange genug sucht.«
»Er hat Beauregard getötet. Das hat viel dazu beigetragen, dass ich Vertrauen zu ihm gefasst habe«, erklärte Victoria und verschwieg dabei die Tatsache, dass sie Sebastian eigentlich überhaupt nicht traute.
»Ihm blieb keine andere Wahl«, erwiderte Max mit ausdrucksloser Stimme. »Nachdem er zugelassen hat, was dir widerfahren ist.«
»Zugelassen hat?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Max. Es lag nicht an Sebastian – es war mein Fehler. Ich folgte ihm in Beauregards Höhle, ich ging ihm hinterher. Sebastian hat versucht, mich aufzuhalten – so kam er zu seiner Verletzung, durch meinen Pflock und dann durch die Vampire. Er wusste, was Beauregard wollte. Er wollte mich. Und nur durch das kupferne Armband ist es ihm gelungen, mich zu unterwerfen.«
Kupfer war das einzige Material, das nicht zerfiel, wenn ein Vampir getötet wurde. Alles andere, was das Geschöpf am Körper trug, löste sich in Asche und Staub auf … bis auf die Dinge, die aus Kupfer bestanden. Aus diesem Grunde hatte Lilith ihre fünf Ringe von Jubai aus dem weichen Material hergestellt und deshalb besaß Beauregards Armband auch die Fähigkeit, Sterbliche ihrer Kraft zu berauben. Auch wenn der Vampir getötet wurde … das Metall würde erhalten bleiben und mit ihm alle Kräfte, die damit verbunden waren.
»Und warum wollte Beauregard dich umwandeln, Victoria? Wegen Vioget. Er gab seinem Großvater zu viel – zu viel Freiheit, zu viel Loyalität, zu viel Unterstützung.« Wieder bewegte er sich, und sie sah, dass er jetzt abermals stand. »Ich hätte ihn getötet, wenn es notwendig gewesen wäre.«
»Beauregard?«
»Vioget. Und das wusste er auch. Deshalb hat er am Ende auch das Richtige getan, indem er Beauregard pfählte. Er hatte keinerlei Anstalten dazu gemacht, bis ich auftauchte.«
Victoria spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Die Feindseligkeit, die zwischen den beiden Männern bestand, war furchteinflößend. Obwohl sie beide schon seit zwei Jahren kannte, war es nie so deutlich gewesen wie jetzt. Eine Feindseligkeit, die so stark war, dass der Eindruck entstand, sie würde bald eskalieren. »Als du mit Sebastian zusammen kamst, um mich zu retten, hattest du … hattest du nicht mehr die Kraft, die einem die vis bulla verleiht.«
»Und?«
»Du hast es ihm nicht gesagt, Max. Du hättest getötet werden können.«
»Bin ich aber nicht.«
»Was wirst du jetzt tun?«
Er veränderte seine Position, und das dem Sonnenaufgang vorauseilende Schimmern beleuchtete die Hälfte seines Gesichts, hob den hohen, ausgeprägten Wangenknochen und einen Teil seines kantigen Kiefers hervor. Sein dunkles Haar strich an der Unterseite seines Kinns entlang, und die vollen Wellen schimmerten, wo das Licht auf sie fiel. »Ich bin hier, um dir zu helfen, und dann werde ich irgendwohin gehen, wo Lilith mich nicht finden kann.«
»Wie willst du das machen?«
»Ich kann immer noch Vampire pfählen, Victoria.«
»Natürlich kannst du das«, erwiderte sie scharf. »Schon bevor du die vis bulla hattest, warst du ein erfolgreicher Vampirjäger – eine Tatsache, die du mir mehr als einmal unter die Nase gerieben hast. Trotzdem wirst du es nicht mit Lilith aufnehmen können, wenn sie dich findet, und du kannst sicher sein, dass sie nach uns beiden sucht. Es kann sogar sein, dass sie hier in London ist. Ein Biss genügt und du wärest wieder in ihrem Bann …«
»Nein, das stimmt nicht. Es gehört mehr als ein Biss dazu – sonst würde das was du sagst ja auf alle zutreffen, die sie je gebissen hat. Und ich sehe ganz gewiss keine Notwendigkeit, diese Erinnerungen wieder aufzufrischen.«
»Auch wenn es mehr als nur ein Biss ist …«
»Ich weiß deine Sorge zu schätzen«, sagte er, »aber ich habe nicht die Absicht, mich von diesem Geschöpf wieder in Bann schlagen zu lassen. Ich habe etwas zu meinem Schutz.« Er hob die Hand, und im Dämmerlicht konnte sie erkennen, dass er einen schweren Silberring trug.
Er brauchte keine Erklärung abzugeben. Sie kannte ihn gut genug, um zu verstehen, was es mit dem Ring auf sich hatte. In dem Ring befand sich etwas, das ihm den Tod brachte, wenn es notwendig werden sollte. Er schien fast erpicht darauf zu sein, es auszuprobieren. »Der praktische Max.« Sie merkte, wie sich ihre Lippen zu einem falschen Lächeln verzogen. »Wie meinst du uns also helfen zu können?«
»Es ist ganz einfach. Du und Vioget, ihr verlasst euch auf die Kraft der vis bulla, um zu spüren, wenn ein Vampir in der Nähe ist, und um sie zu bekämpfen. In diesem Falle verlasst ihr euch vielleicht zu sehr darauf. Ich muss mich nicht mehr damit abgeben und kann mich stattdessen ganz auf meine Intuition und meine Sinne konzentrieren – Fähigkeiten, die ich schon genutzt habe, ehe ich ein Venator wurde. Wachsamkeit und mein Instinkt haben mir in der Vergangenheit immer gute Dienste geleistet.«
Victoria hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Bei ihr hatten sich die Nackenhaare aufgestellt, als er angefangen hatte zu reden, aber am Ende nickte sie zustimmend. »Ich bin auch praktisch veranlagt«, meinte sie. »Ich halte das für eine hervorragende Idee.«
Er gab keine Antwort, und sie konnte es sich nur so erklären, dass nicht einmal Max in diesem Fall eine abfällige Bemerkung einfiel. Schließlich hatte sie ihm beigepflichtet.
»So, Victoria, dann erzähl einmal. Was hat dich dazu bewogen, von dem sehr komfortablen Domizil des Marquis von Rockley in dieses kleinere Haus in einem höchst uneleganten Teil der Stadt zu ziehen?«, fragte er und wandte sich vom Fenster ab.
Sie holte tief Luft, um dann wieder langsam auszuatmen. Traurigkeit stieg in ihr auf. »Ich gehöre da nicht mehr hin. Mein Leben hat sich völlig verändert.«
»Ein Gefühl, das ich gut nachvollziehen kann.« Seine Stimme hatte ihre Schärfe verloren.
Stille senkte sich über den Raum.
Victoria hatte häufig darüber nachgedacht, wie ihr Leben wohl aussehen würde – wie leer, anders, langweilig es wäre – wenn sie keine vis bulla mehr hätte. Wenn es für sie schon schrecklich war, wie viel entsetzlicher musste es dann für Max sein?
Er hatte die Untoten nicht nur länger als sie gejagt, sondern lebte auch mit der Erinnerung daran, dass er seine Familie diesen unsterblichen Geschöpfen ausgeliefert hatte. Er hatte seine Venatorenkräfte nicht nur aufgegeben, um den Bann zu brechen, der ihn an Lilith fesselte, sondern auch, um die Möglichkeit zu bekommen, den Dämon Akvan zu töten. Es war prophezeit worden, dass kein Venator oder Dämon ihm je etwas würde anhaben können – deshalb hatte Max sich von seinen übernatürlichen Kräften losgesagt, um wieder nur ein Mensch zu sein, der das Geschöpf töten konnte.
Aber Max würde nie einfach nur ein Mensch sein.
»Wie geht es deiner Hand?«, fragte er plötzlich und trat ans Fußende ihres Bettes.
»Meiner Hand?«
Ein leises Klirren war zu hören, und dann flammte ein winziges Licht im Raum auf, das er mit einer Hand abschirmte. »Miros Leuchtstäbe sind ziemlich praktisch«, meinte Max anerkennend. »Deine rechte Hand, Victoria. Zeig sie mir.«
Jetzt erst verstand sie. Victoria zögerte und zog die Hand in ihren Schoß.
Er stand jetzt viel dichter neben dem Bett, und sie zog die Beine unter der Decke hervor, um sich auf die Kante zu setzen, als hätte sie in der Position einen festeren Stand – doch ihre Füße baumelten nervös über dem Boden. Während er das Flämmchen hochhielt, griff er nach ihrem Handgelenk.
»Öffne die Hand.«
Sie folgte seiner Aufforderung, und der gelbe Schein beleuchtete die bläuliche Verfärbung ihres Ballens.
Ihre Blicke begegneten sich, und sie merkte, dass ihr warm wurde und diese Wärme sich von ihrer Brust bis in alle Glieder ausbreitete. Der Raum schien sich um sie herum zusammenzuziehen.
»Es lässt sich nicht abwaschen.« Ihre Stimme war ganz weich.
»Ich hatte dir gesagt, dass es nicht geht.«
Die blaue Verfärbung rührte von einem Splitter von Akvans Obelisken her, jenem dämonischen Stein, den Max im vorigen November zerschmettert hatte, als sie gegen Nedas kämpften. Victoria hatte eines der Stücke genommen und ins Konsilium gebracht, von wo aus dann – von ihr unbemerkt – die Macht des Obelisken Akvan auf die Erde zurückgerufen hatte. Und die Macht, die das Bruchstück ausstrahlte, hatte seine Günstlinge zum Geheimort des Konsiliums geführt.
Als sie den Splitter aus seinem Versteck geholt und an einen sicheren Ort hinter dem Alchimistischen Portal gebracht hatte, war auch Max dort gewesen.
Das war der Moment gewesen, in dem Victoria unter dem Einfluss des Obeliskenbruchstücks, das sie in der Hand hielt, ihn dazu herausgefordert hatte, sie zu küssen.
Die blaue Verfärbung auf ihrer Hand war untilgbar mit der Erinnerung daran verbunden, wie sich ihre Finger in die raue Steinmauer gruben, als Max seinen Mund auf ihren legte.
Sie schloss ihre Hand zur Faust. Es war ein glücklicher Umstand für sie, dass man in der feinen Gesellschaft immer Handschuhe trug.
»Ich habe mich oft gefragt, ob das einer der Gründe war, warum Beauregards Blut nicht in dir Fuß fassen konnte.« Er wies brüsk mit dem Kopf auf ihre Hand, ehe er sie losließ und dann etwas auf Abstand ging.
Ihr Atem ging jetzt ein wenig leichter, und sie drückte ihr Bein gegen die Bettkante. »Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen, aber es könnte sein. Vampire und Dämonen sind unsterbliche Feinde. Ich bin offensichtlich mit Akvans Macht in Berührung gekommen, als ich den Stein hielt. Vielleicht ist etwas davon zurückgeblieben.«
Er nickte. »Das und deine zwei vis bullae.« Sein Blick richtete sich auf sie, und selbst im dämmrigen Licht konnte sie sehen, wie scharf er sie musterte.
Ihre beiden Amulette waren kein Thema, über das sie gerne sprach. Dass das eine früher einmal ihm gehört hatte, war ihr einfach zu unangenehm. Allein der Gedanke, ein Amulett zu tragen, das einst seine Haut durchbohrt hatte und jetzt ihre, war seltsam.
Die Stille wurde unterbrochen, als er sich langsam zur Tür hin bewegte. Seine Hand schloss sich um den Türknauf, womit zumindest eine ihrer Fragen beantwortet wurde: wie er in den Raum gekommen war. »Am besten ist es wohl, wenn du jetzt ein bisschen schläfst, Victoria«, meinte er. »Ich bin sicher, dass Vioget schon bald wieder da sein wird.«
»Er hat keinen freien Zutritt zu meinem Schlafzimmer«, erklärte sie mit scharfer Stimme. »So sehr er sich das auch wünschen mag.«
»Spüre ich da etwa Unfrieden im Paradies? Spannungen zwischen zwei Liebenden?«
»Sebastian ist nicht mein Liebhaber.«
Er zog die Augenbrauen hoch. »Ah ja.« Er drehte den Knauf, ohne jedoch die Tür zu öffnen. »Noch ein Rat, Victoria. Bei aller Feindseligkeit, die zwischen Vioget und mir herrschen mag, weiß ich doch, dass er es gut mit dir meint. Seine größte Schwäche ist blinde Loyalität. Er ist deiner würdig.« Seine Worte klangen abgehackt. »Es ist … wichtig, dass du an die Zukunft denkst.«
»Du hörst dich allmählich wie meine Mutter an«, erwiderte Victoria und war verwirrt. Warum ermutigte Max sie in Bezug auf einen Mann, den er verabscheute?
»Während sich deine Mutter nur über Titel, Reichtümer und Enkelkinder Gedanken macht, gilt mein Interesse dem Wohlergehen der Venatoren. Du bist die Letzte, die in direkter Linie von ihnen abstammt, und du solltest dir überlegen, was passiert, wenn du ohne Nachkommen stirbst. Oder vorzeitig.«
Victoria ließ sich von der Bettkante auf den weichen Wollteppich gleiten. Ihr Nachthemd rutschte seidig glatt über ihre Schenkel und umspielte ihre Waden. »Und das von einem Mann, der mir vor zwei Jahren noch Vorwürfe gemacht hat, dass ich überhaupt heirate? Entscheide dich mal, Max.« Als sie vor ihm stand, sah sie, dass er zurückwich … langsam, fast unmerklich ging er auf Abstand.
»Ich habe mich entschieden. Sei kein Narr, Victoria. Denk an deine Pflicht.« Er zog die Tür auf, um dann aber noch einmal auf der Schwelle stehen zu bleiben. »Ich hoffe doch, dass du Rücksicht nimmst und darauf achtest, dass … äh … die Aktivitäten hier drinnen nicht zu laut werden.«
Sie sah ihn an, und während ihr allmählich dämmerte, was er meinte, schwand der Wunsch, sich mit ihm zu streiten. »Du bleibst hier?«
»Kritanu hat es mir geraten.« Wieder blitzte sein sardonisches Lächeln auf. »Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass ich bei irgendetwas stören könnte … ich bleibe im Dienstbotentrakt.« Die Tür schloss sich mit einem Klicken, als er die Flucht ergriff.