Kapitel 20

In dem Lady Mellys Intrigen ein unerwartetes Ende finden

Victoria erwachte erst spät am nächsten Morgen mit geschwollenen Augen und den Überresten eines Traumes, an den sie sich gar nicht erst zu erinnern versuchte.

Sie hatte noch keine Nachricht von Wayren erhalten, und Max war auch nicht vorbeigekommen. Sebastian hatte sich am frühen Morgen beim Stadthaus nur zögernd von ihr verabschiedet, um sich danach dorthin zu begeben, wo immer er auch zurzeit wohnen mochte.

Kritanu machte ganz den Eindruck, als wüsste er, wo Max sich aufhielt. Doch als Victoria das Thema anschnitt, bekam sie nur ein leichtes Kopfschütteln und Schweigen zur Antwort.

Nun, wenn Max ihr nicht die Gelegenheit geben wollte, sich zu entschuldigen, zu erklären, warum sie sich so sicher gewesen war – und dass sie Recht gehabt hatte! –, dass der Abend sowohl für sie als auch für ihn als Falle gedacht gewesen war, dann war das eben so. Sollte er doch eingeschnappt sein, dumpf vor sich hinbrüten und wegbleiben.

Es gab wichtigere Dinge, über die Victoria sich Gedanken machen musste. Davon abgesehen würde sie Max alles gestehen müssen einschließlich Liliths furchteinflößender Vorhersage, wenn er da wäre. Und darauf hatte sie nicht wirklich Lust. Sie hatte nicht vergessen, dass ein Pflock in seiner Hand gewesen war, mit dem er im Notfall zugestochen hätte, als sie im Konsilium erwachte.

Und das war es, was sie sich immer wieder sagte. Wieder und wieder.

Max war aus ihrem Leben verschwunden. Für immer.

Er will niemanden.

Sie musste den Tatsachen ins Auge blicken. Sie konnte bei Nacht jetzt viel deutlicher sehen. Wenn Lilith Recht hatte und das Vampirblut die Herrschaft über sie erlangte … gab es dann etwas, womit sie dagegen ankämpfen konnte? Konnte sie es aufhalten? Oder war ihr Schicksal besiegelt, und sie wurde zur Untoten?

Die Möglichkeit war zu entsetzlich, um sie überhaupt in Erwägung zu ziehen. Es durfte einfach nicht passieren.

Sie würde es nicht zulassen.

Der Umstand, dass Wayren auf eine Nachricht, die ihr per Brieftaube zugekommen war, nicht reagierte, versetzte Victoria zusätzlich in Unruhe. Wayrens Tauben waren so abgerichtet, dass sie sie überall fanden; man konnte immer mit einer Antwort innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden rechnen. Deshalb begann Victoria zu befürchten, dass auch die weise Frau sie im Stich gelassen hatte.

Später am Nachmittag saß sie mürrisch und unruhig in Lady Mellys Salon und lauschte den drei Busenfreundinnen, die über die Krönungsfeier von George IV. redeten, welche in einigen Tagen abgehalten werden würde.

Es überraschte nicht weiter, dass es das große Thema war, welches ihre Unterhaltung beherrschte, denn die Krönung des Mannes, den alle als Prinny kannten, fast achtzehn Monate nachdem er den Thron bestiegen hatte, würde die größte, teuerste und bombastischste Krönung sein, die je für einen englischen König ausgerichtet worden war.

»Was wirst du anziehen, Victoria?«, fragte Lady Nilly und beugte sich nach vorn, als würde sie die Enthüllung großer Modegeheimnisse erwarten.

»Ich glaube, ich bin nicht eingeladen«, erwiderte sie scharf. Heute hatte sie es nicht mit den höflichen Umgangsformen. »Und ich habe auch nicht vor hinzugehen.«

»Aber natürlich bist du eingeladen worden! Die einzige hochrangige Persönlichkeit im ganzen Land, die nicht teilnehmen wird, ist die Königin selbst«, wies Lady Melly sie zurecht. »Und wenn du den Krönungsfeierlichkeiten fernbleibst, könntest du dich in den Augen des ton mit ihr auf eine Stufe stellen. Es würde sich für die Marquise von Rockley nicht ziemen, sich auf die Seite von Queen Caroline zu schlagen.«

»Es ist abscheulich, wie das einfache Volk dieser widerlichen Person zujubelt, wenn sie in der Stadt auftaucht, und sie damit auch noch bestärkt«, meinte Lady Nilly und rümpfte die Nase, als würde sie mit einem unangenehmen Geruch konfrontiert werden. Vielleicht lag es am Margeritenstrauß, der auf dem Tisch mit dem Tee stand. Victoria hatte der Geruch dieser Blumen schon immer missfallen.

»Das liegt nur daran, dass das Volk Prinny – äh, Seine Majestät – verabscheut. Deshalb liebt man sie. Oder tut zumindest so, denn ich bezweifle das doch ganz stark. Wenn einer je in die Nähe dieser stinkenden Kuh käme, würde er sofort wegrennen und seine Einstellung noch einmal überdenken«, erklärte Lady Melly resolut.

»Wenn diese Frau sich waschen, ihre Unterwäsche wechseln oder auch nur ihr Haar kämmen würde, ließe Seine Majestät sie vielleicht in seine Nähe … aber das tut sie ja nicht.« Jede einzelne Falte von Herzogin Winnies Mehrfachkinn bebte, aber man konnte wirklich nicht sagen, sie liefe Gefahr, im Glashaus zu sitzen. »Es ist einfach nur eine Frage der Toilette«, erklärte sie und strich über ihren perfekt sitzenden Rock. Die Herzogin mit ihren recht ausladenden Proportionen war immer makellos gekleidet und frisiert, wenn sie aus ihrem Zimmer trat. »Ich wette, die Ziegen der Königin sind gepflegter als sie selbst.«

Die anderen Damen lachten, und auch Victoria konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Was man über die Königin sagte, konnte nicht nur als üble Nachrede bezeichnet werden. Diese Frau hatte sich vom ersten Moment an, als sie von Deutschland nach England kam, um den Mann zu heiraten, der damals noch Prinzregent war, nicht gerade Freunde gemacht.

Victoria erinnerte sich an die Anekdote, die man sich über das erste Zusammentreffen von Caroline von Braunschweig mit Prinny erzählt hatte. Der Prinz hatte der schlampigen, übel riechenden Frau von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden und angeblich ziemlich laut zum Baron von Malmesbury gesagt: »Harris, ich fühle mich nicht wohl. Bitte, bringen Sie mir einen Brandy.« Die nächsten drei Tage bis zur Hochzeit und auch bei der Hochzeit selbst hörte er nicht auf zu trinken. In seiner Hochzeitsnacht war er bewusstlos geworden, und Caroline hatte ihn auf dem Boden liegen lassen.

Es war kein Wunder, dass sie einander feindselig gesonnen waren.

An der Tür zum Salon klopfte es, und Lady Melly richtete sich erwartungsvoll auf. Victoria verstärkte den Griff ihrer Finger um eine unschuldige Teetasse; denn sie wusste, dass die freudige Erwartung ihrer Mutter für sie nichts Gutes bedeuten konnte.

Aber dann rief sie sich in Erinnerung, dass es nicht James sein konnte. Er hatte sich letzte Nacht in einen Haufen Asche verwandelt und würde nicht länger in die Intrigen ihrer Mutter verwickelt werden.

Und so würde Lady Melly auf jeden Fall enttäuscht werden – in mehr als einer Hinsicht. Nachdem er dazu aufgefordert worden war, betrat der Butler von Grantworth House mit einem Silbertablett in der Hand den Raum. Darauf lag ein schwerer weißer Bogen, gefaltet und versiegelt mit gelbem Wachs, in das eine Krone gedrückt war, die nicht näher zu identifizieren war. »Ein Sendschreiben für Lady Rockley«, verkündete er salbungsvoll.

Victoria hätte fast eine Vase mit süß duftenden Lilien umgestoßen, als sie aufsprang, um die Botschaft entgegenzunehmen. Sie hoffte auf einen Vorwand zu gehen, ehe die Scharen von nachmittäglichen Besuchern eintrafen.

Die Nachricht war schlicht und in einer eleganten Handschrift gehalten, die Victoria mit Erleichterung wiedererkannte: Deine Kutsche wartet draußen.

»Ich muss gehen«, sagte sie, ohne sich wieder hinzusetzen.

»Was ist denn?«, fragte Lady Nilly. Doch sie wurde von Lady Melly übertönt.

»Doch ganz bestimmt nicht jetzt!«, rief die vornehme Dame. »Es ist viel zu früh.«

Victoria richtete den Blick auf ihre Mutter. »Es tut mir leid, aber es ist dringend.«

»Aber du kannst nicht gehen«, fing Lady Melly wieder an, doch dieses Mal antwortete Victoria noch bestimmter:

»Ich muss.«

Ihre Mutter erhob sich. »Es hat doch hoffentlich nichts mit diesem Monsieur Vioget zu tun, dem du so unbeirrt erlaubst, in deiner Nähe zu sein«, meinte Melly mit scharfer Stimme. »Er ist nicht besser als dieser Kletterwein, den wir immer wieder vom Schornstein wegschneiden müssen.«

Victoria blinzelte überrascht. Sie hätte nicht gedacht, dass sich ihre Mutter so alltäglicher Dinge überhaupt bewusst war.

»Ich muss schon sagen, Victoria, ich finde es wirklich lächerlich, wie du ihn ermutigst. Er hat keinen Titel und ist noch nicht einmal Brite, und dann diese feuchte Aussprache!«

So konnte man es natürlich auch beschreiben, dachte Victoria, während sie krampfhaft versuchte, das Zucken ihrer Lippen zu unterdrücken.

»Sein Schneider ist wirklich hervorragend«, warf Lady Nilly ein. »Und irgendwie erinnert er mich an den netten Gentleman, der mich mal vor einem Vampir gerettet hatte; oder zumindest habe ich geträumt, dass er …«

»Oh, Nilly, schweig.«

»Mutter, ich würde vorschlagen, dass du dich daran gewöhnst, Sebastian hin und wieder zu sehen«, erklärte Victoria energisch. »Denn es besteht die Möglichkeit – die sehr hohe Wahrscheinlichkeit –, dass er eines Tages dein Schwiegersohn wird. Und jetzt«, fuhr sie schnell fort, denn sie war tatsächlich entsetzt, dass sie diese Worte gesagt, ja überhaupt gedacht hatte, »jetzt muss ich wirklich los. Versuch nicht, mich aufzuhalten.« Warum hatte sie das gesagt?

»Victoria Anastasia!« Lady Melly sprang auf. Teetassen klirrten, und die braune Flüssigkeit schwappte über. »Wie kannst du es wagen, in diesem Ton …«

»Auf Wiedersehen, Mutter. Ich werde mich bald melden.« Mit diesen Worten stürmte Victoria aus dem Salon und rannte förmlich durch die Halle zur Haustür.

Der Klang von kreischenden Stimmen und entsetztem Keuchen wurde leiser, als sie in höchst würdeloser Art zur Haustür hinausstürmte. Ihre Kutsche wartete tatsächlich auf sie. Der mitternachtsblaue Anstrich glänzte in der nachmittäglichen Sonne. Die goldenen und silbernen Verzierungen glitzerten, als der Kutscher den Schlag öffnete, und Victoria stieg ein.

Sie hatte eigentlich gar nicht erwartet, Wayren gleich in der Kutsche vorzufinden, doch sie war da. Die Frau war mittleren Alters – sie wirkte älter als Victoria, aber jünger als Lady Melly. Und doch war sie schon da gewesen, als Tante Eustacia ihre vis bulla angelegt hatte. Die Tasche, die verblüffenderweise immer mehr Bücher und Manuskripte zu beherbergen schien, als möglich war, hockte wie eine Kröte neben ihr.

Auf ihrem Schoß lag eine geöffnete brüchige Schriftrolle mit braunen Flecken. Wayren schaute auf und blinzelte durch ihre Brille. Sie nahm sie ab, als Victoria sich neben sie setzte. »Hallo, Victoria. Wie geht es dir?«

Die Worte, so schlicht und häufig ausgesprochen – und so automatisch beantwortet – ohne Rücksicht auf ihre eigentliche Bedeutung, wurden mit so viel Ernst vorgebracht, und der Ausdruck in Wayrens graublauen Augen war so freundlich, dass Victoria spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie zwinkerte heftig und antwortete ganz ehrlich: »Ich weiß es nicht. Ich habe nicht das Gefühl … wohl eher nicht so gut.«

Wayren nickte. Ihre Züge waren ganz glatt vor Ernst. »Ja, ich sehe, dass es so ist.«

Die Kutsche setzte sich mit einem leichten Ruck in Bewegung, und Victoria sah ihre Begleiterin an. »Du hast meine Nachricht erhalten. Kannst du mir sagen, ob … Lilith Recht hat? Werde ich … bin ich …?«

»Der Grund, warum ich nicht früher gekommen bin – denn ich habe deinen Brief natürlich gestern erhalten – ist, dass ich einige Zeit mit Ylito verbracht habe, um in Erfahrung zu bringen, ob er irgendetwas kennt, das die Wirkung des untoten Blutes aufhalten oder zumindest verlangsamen könnte. Das würde uns nämlich Zeit verschaffen, uns eine Behandlung zu überlegen, damit du wieder gesund wirst. Wenn es denn eine gibt.«

»Und?«

Wayren schüttelte langsam den Kopf. »Es gibt nichts, was er tun könnte. Aber, Victoria«, sprach sie weiter, und Victoria war überrascht, als die andere Frau die Hand ausstreckte und ihre Finger um Victorias Handgelenk legte. Wayren hatte keine Handschuhe an, und ihre Finger berührten Victorias Haut an der Stelle, wo sie nicht mehr vom Handschuh bedeckt war. Bei der Berührung durchströmte Victoria Wärme und Erleichterung, und plötzlich fühlte sie sich innerlich auf eine Art und Weise gefestigt, wie sie es schon lange nicht mehr empfunden hatte. »Du hast bereits gezeigt, dass du die Kraft hast, dich gegen den Einfluss des unsterblichen Blutes zu wehren, das dich in Besitz nehmen wollte. Du bist gut gewappnet und du bist stark. Ylito mag zwar in seinem Labor nichts haben, womit du dagegen vorgehen kannst, aber ich glaube, dass du wahrscheinlich … sehr wahrscheinlich sogar … stark genug bist, um alleine damit fertig zu werden.«

Furcht und Enttäuschung erfassten sie, trotz Wayrens tröstender Geste und Worte. Es gab nichts, was sie tun konnte. Die Natur würde ihren Lauf nehmen, und das untote Blut würde sie schließlich irgendwann völlig beherrschen. Es gab nichts, was man dagegen hätte tun können.

Victoria lehnte sich zurück, und trotz der Wärme des Sommernachmittags war ihr ganz kalt, als Wayren ihren Arm losließ. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie hatte damit gerechnet, hatte geglaubt, dass Wayren die Antwort auf ihr Problem haben könnte – dass die geheimnisvolle Frau, die alles zu wissen schien oder zumindest immer alles herausfinden konnte, mit einem Trank oder einem Serum aufwartete, wodurch das Vampirblut aus ihrem Körper gespült wurde.

Aber es war natürlich dumm gewesen, so etwas anzunehmen. Wenn es so ein Elixier gab, hätte sie es ja gleich nach ihrer Erfahrung mit Beauregard zu sich nehmen können.

Sie hätte es Phillip geben können.

Victoria musste blinzeln. So schloss sich also der Kreis. Ihre Fehler, ihr Egoismus kehrten sich gegen sie selbst. Sie würde das gleiche Schicksal erleiden wie Phillip, der völlig unschuldig gewesen war. Sie hoffte nur, dass jemand sie pfählte, ehe sie etwas Schreckliches tat.

Sie erinnerte sich wieder an Max, der den Pflock schon in der Hand gehalten hatte, als sie im Konsilium erwachte. Er hätte es ohne zu zögern getan.

Wayren musterte sie mit unverwandtem Blick, der vor Sorge um sie ganz weich war. Sie sagte nichts, als wüsste sie, dass Victoria sich selbst über alles klar werden müsste. Sie saß einfach nur da und wartete, während die Kutsche durch die Straßen fuhr.

»Werde ich …«, fing sie an, doch dann musste sie neu ansetzen. Es war besser, wenn sie nicht zu viel darüber nachdachte. »Ein Vampir, der das Blut eines Sterblichen trinkt, ist verdammt bis in alle Ewigkeit. Wirst du dafür sorgen, dass ich …« Ihr versagte die Stimme. Plötzlich wusste sie ganz genau, was sie erwartete. Die Möglichkeit, die sie verdrängt hatte, nicht hatte überdenken wollen, nicht hatte glauben wollen, erkannte sie nun im Ausdruck von Wayrens Augen.

»Victoria.« Die strenge, scharfe Stimme der anderen Frau durchdrang den rosafarbenen Nebel, der sich am Rande ihres Gesichtsfeldes ausbreiten wollte. »Du darfst nicht zulassen, dass das Böse von dir Besitz ergreift. Du darfst nicht nachgeben.«

»Aber Vampirismus ist keine Wahl, die man hat. Es ist nichts, wogegen man kämpfen könnte. Ich weiß das.«

»Nein«, erwiderte Wayren. »Das kann man nicht. Sobald man das Vampirblut zu sich genommen hat, übernimmt es das sterbliche Blut in einem Menschen und … du weißt, was dann geschieht. Der Mensch wird zu einem Untoten. Aber mit dir ist das nicht passiert, Victoria. Wider Erwarten ist es nicht passiert.« Ihr Blick war sehr ernst. »Warum nicht?«

»Wegen der zwei vis bullae

»Ja, das nehmen wir auch an«, erwiderte Wayren. »Aber wir wissen es nicht mit Sicherheit. Ylito und ich haben uns über deine Situation unterhalten, und eigentlich gibt es keine Erklärung dafür; außer dass es mit den zwei vis bullae zusammenhängt und der körperlichen und geistigen Kraft, die mit ihnen einhergeht. Nur so könnte man es sich erklären. Aber es gibt noch etwas anderes, das man bedenken muss, und das ist der Grund, warum ich meine, dass doch noch mehr Hoffnung besteht, als du denkst.«

Victoria hatte fast Angst zu fragen, und so blieb sie still.

»Normalerweise ist der Mensch bereits in einen Untoten verwandelt, wenn er erwacht. Dann hat das Vampirblut den ganzen Körper eingenommen und den Sterblichen in einen Unsterblichen verwandelt. Aber bei dir ist das nicht passiert. Du warst immer noch eine Sterbliche, als du erwacht bist. Als hätte man dich von dieser Regel ausgenommen. Aber trotzdem ist das Vampirblut immer noch in dir und kämpft darum, Besitz von dir zu ergreifen. Dadurch ist deine Situation eine andere, Victoria. Du bist wach und nimmst alles bewusst wahr. Der Kampf um deine Seele tobt in dir. Die beiden Amulette, die du trägst und die dir Kraft geben, haben dir mehr Zeit verschafft … Zeit, die du nun hast, um gegen das Verlangen anzukämpfen, unsterblich und böse zu werden. Sowohl körperlich als auch in Bezug auf deine Seele. Deinen Geist.«

Victoria erbebte. »Gibt es dann überhaupt eine Chance für mich? Wo dieses Böse in mir immer weiter wächst … gibt es eine Chance?«

Ehe Victoria sich versah, saß Wayren neben ihr auf der Bank. Sie umfasste ihre Schultern mit starken, schlanken Fingern und schaute ihr tief in die Augen. »Jeder Sterbliche trägt die Veranlagung zum Bösen tief in sich. Jeder Mann, jede Frau trifft Entscheidungen für sein oder ihr Ich, Victoria. Nur wenn diese Entscheidungen alles andere überwiegen; wenn sie zur treibenden Kraft werden, zum Normalzustand dieses Sterblichen, dann gewinnt das Böse. Wer nur an sich selbst denkt, öffnet der Bosheit Tür und Tor – doch sie kann nur gewinnen, wenn du es zulässt. Lass es nicht zu.« Sie schüttelte sie leicht, und der rote Nebel löste sich auf. »Ich glaube, du kannst dagegen ankämpfen und siegen … körperlich. Und geistig. Lass nicht zu, dass die Bosheit von dir Besitz ergreift, Victoria. Ich glaube, du kannst es aufhalten.«

* * *

Trotz ihrer vagen Andeutungen ließ nichts in Wayrens Verhalten darauf schließen, dass sie vorhatte, London zu verlassen. Sie erzählte Victoria sogar, dass sie die zwei Venatoren Brim und Michalas gebeten hatte, sofort nach London zu kommen. Diese befanden sich zurzeit in Paris, wo sie herauszufinden versuchten, warum es dort zu einer gesteigerten Dämonenaktivität gekommen war. Victoria kannte beide Männer gut und empfand die Entscheidung der weisen Frau keineswegs als Anmaßung, im Gegenteil; sie war erleichtert, dass Wayren es getan hatte. Das Eintreffen der Venatoren wurde innerhalb der nächsten sieben Tage erwartet, und sie würden in Anbetracht von Liliths Anwesenheit in London und etwaiger Pläne der Vampirkönigin eine Hilfe sein.

Obwohl Wayren immer eine eigene Unterkunft hatte, wenn sie in London war, blieb sie bis spät in den Abend bei Victoria, wo sie gemeinsam mit Kritanu speisten. Sie hatten gerade das Dinner beendet, als Sebastian angekündigt wurde, und trotz der Tatsache, dass Venatoren sich eigentlich selten um gesellschaftliche Umgangsformen kümmerten, empfingen Victoria und Wayren ihn im Salon.

Falls Wayren überrascht war, wie Sebastian Victoria begrüßte – mit einer Umarmung und einem langen Kuss auf ihren Handrücken –, so gab sie es nicht zu erkennen. Sogar als er sich neben Victoria auf das Sofa setzte, als wäre er ein verliebter Verehrer – was so gar nicht zu Sebastians Persönlichkeit passte und Victoria innerlich kichern ließ –, schien Wayren nichts zu bemerken.

»Ich habe mich gerade an etwas erinnert, von dem ich glaube, dass du es sehr interessant finden wirst«, meinte Sebastian zu Victoria.

Sie nippte an dem bernsteinfarbenen Sherry, den sie sich eingeschenkt hatte, und spürte zugleich die angenehme Wärme seines Schenkels, der sich kurz an sie drückte. »An was denn?«, fragte sie und schüttelte die trübe Stimmung ab, die seit Wayrens Ankunft auf ihr lastete. »Hast du eine neue Form erfunden, wie du dein Halstuch binden kannst?«

»Aber natürlich nicht«, meinte er leichthin; trotzdem schwang in seiner Stimme eine leise Gekränktheit mit. Das überraschte sie, und sie schaute ihm tiefer in die Augen. Ihr Rücken begann von oben bis unten zu kribbeln. Seit kurzem war er … feinfühliger? Ernster … und während Victoria geschickt dafür gesorgt hatte, dass ihre Küsse nur Küsse und die Schnüre ihres Korsetts geschlossen blieben, wusste sie doch, dass sich etwas ändern würde. Bald.

Sie hatte das Gefühl, als wäre die Entscheidung an diesem Nachmittag gefällt worden, als sie ihrer Mutter gegenüber die Verlobung bestätigt hatte.

Schließlich liebte er sie. Oder behauptete es zumindest … da war immer dieses leicht nagende Misstrauen Sebastian gegenüber. Sie hatte sich so lange geweigert, ihm zu trauen.

Das einzige Problem war ihre ungewisse Zukunft. Victoria spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief, und der unangenehme Magendruck kehrte zurück. Sie nahm einen größeren Schluck von ihrem Sherry, als sie beabsichtigt hatte, und merkte erst da, dass Sebastian weiterredete.

»Als George Starcasset letztes Jahr in Italien war, hat er Queen Caroline nicht nur kennen gelernt, er war sogar einer ihrer Günstlinge.« Er zog eine Augenbraue hoch und bedachte Victoria mit einem selbstgefälligen Lächeln. »Es ist doch ein sehr großer Zufall, dass er und Sarafina Regalado zur gleichen Zeit wie die Königin nach England zurückgekehrt sind – nachdem sie jahrelang sozusagen verbannt gewesen war.«

Plötzlich begriff sie, was er meinte, und ihr stockte der Atem. »Und wie aufschlussreich, dass sie gerade rechtzeitig aus ihrem selbstauferlegten Exil in Italien zurückkehrt, um zu sehen, wie ihr Ehemann zum König von England gekrönt wird.« Sie sahen einander an, und Victoria packte seine Hand.

Das war es also. Das musste Liliths Plan sein: bei der Krönung des Königs einzufallen, wenn die mächtigsten Männer Englands – des mächtigsten Landes der Welt – alle zur gleichen Zeit zusammenkamen. Aber warum?