Kapitel 12

In dem Sebastian und Victoria eine ereignislose Kutschfahrt machen

Die Kutsche rumpelte durch die dunkle Straße. Im Innern hing der Geruch von Rauch, den die drei Insassen verströmten.

Victoria saß neben Sebastian, einem völlig verdreckten Max gegenüber, der ein grimmiges Gesicht zog.

Sie waren alle völlig erschöpft, ihnen brannten Kehle und Lunge vom Rauch, die Augen waren trocken und juckten, ihre Kleidung war zerrissen und voller Ruß. Aus der Wunde an Victorias Schenkel sickerte immer noch Blut, und die Kratzer in ihrem Gesicht hatten nicht aufgehört zu brennen.

Sie hatte Max förmlich in die Kutsche schieben müssen, um zu Tante Eustacias Haus zurückzufahren, mit der Begründung, dass sie doch ohnehin in die gleiche Richtung wollten. Seitdem er sich übellaunig auf seinen Platz gesetzt und sich so breit gemacht hatte, dass niemand neben ihm sitzen konnte, auch wenn er es wollte, hatte er keinen Ton mehr von sich gegeben.

Sein Blick dagegen sprach Bände. Er musterte sie durchdringend – ohne ihr allerdings in die Augen zu sehen – und ließ dabei auch Sebastian nicht aus, bis er sich endlich abwandte, um aus dem Fenster der Kutsche zu schauen. Seine Maske hatte er schon lange nicht mehr auf, und auch Hut und Umhang, mit dem sie ihn aufgezogen hatte, waren verschwunden. Die Bartstoppeln ließen sein Gesicht dunkler wirken. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, und seine Haut schien sich in den letzten Stunden straffer über sein Gesicht gelegt zu haben. Seine eleganten Hände lagen im Schatten.

Sebastian rührte sich auf seinem Sitz und verbreitete damit den Geruch von Rauch und Nelken. Sie spürte, wie er seine Hand, die keinen Handschuh trug, auf ihr Knie legte. Leicht und so, dass sie von ihrer beider Schenkel gehalten wurde … aber unauffällig und verstohlen. Als wollte er keine Aufmerksamkeit erregen.

Trotzdem war sie da. Warm.

Er will dich nicht. Er will niemanden.

Victoria sah Max an, der immer noch aus dem Fenster schaute. Sebastians Worte hatten geheime Winkel in ihrem Kopf geöffnet. Meinte er etwa, dass die Last, die schreckliche, bedrückte Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, als er sie nach Hause bringen wollte, durch Sorge und Kummer um Max hervorgerufen worden war?

Als sie sich umgedreht hatte, um mit Sebastian zu gehen, während sie wusste, dass es keine Hoffnung mehr für jene gab, welche im Haus geblieben waren; während sie wusste, dass Max wohl noch kämpfte, wenn er nicht im Haus war; als ihr klar wurde, dass er dieses Mal für immer gegangen war … hatte Sebastian in dem Moment gemerkt, wie müde und leer sie sich fühlte? Wie verloren?

Hätte sie genauso empfunden, wäre es umgekehrt gewesen – wenn Max sie von einem vermissten Sebastian wegführte?

So sieht’s also aus.

»Tut mir leid, dass ich bei der Kutschfahrt störe, alter Junge.« Max’ scharfe Stimme unterbrach das Schweigen. Er hatte sich anders hingesetzt und schaute die beiden jetzt an. Schaute auf die Hand, die auf Victorias Knie lag. »Aber die Dame hat darauf bestanden.«

»Wo bist du gewesen?«, fragte Victoria.

Träge richtete er seinen Blick auf sie, als würde er überlegen, ob er antworten sollte. »Es hat sich herausgestellt, dass Miss Sara Regalado meine Begleitung wünschte. Es dauerte ein bisschen, bis ich mich wieder aus der Situation befreit hatte.«

»Du bist mit ihr weggegangen?«

Einer seiner Mundwinkel zuckte nach oben. »Die Dame war sehr beharrlich, und ich hasse es, unhöflich zu sein. Sie wollte mich unbedingt wieder mit einer alten Freundin zusammenbringen, weil sie meinte, dafür belohnt zu werden. Aber ich empfand allein die Vorstellung als abstoßend.«

»Dann ist Lilith also hier? In London?«

Max’ Augen leuchteten anerkennend auf. »Das scheint wohl so zu sein, obwohl ich es nicht mit Sicherheit weiß.«

»Und in welchem Zustand war Miss Regalado, als Sie sie verlassen haben?«, fragte Sebastian.

Max richtete den Blick auf ihn. »Wie immer, wenn ich mit ihr zu tun hatte … sie war schier außer sich.« Sein Lächeln war blass und freudlos. »Aber sie konnte sich noch bewegen.«

»Was ist mit George?«

»Das Vergnügen seiner Gesellschaft war mir nicht vergönnt: Ich nehme an, dass er den Vampiren das Abendessen nach draußen trieb. Hast du ihn denn nicht gesehen?«

Victoria schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich war auch … anderweitig beschäftigt. Er könnte einige Zeit da gewesen sein, um sich dann später zu verdrücken, als klar wurde, dass der Kampf nicht zu gewinnen war.«

»Und haben Sie sich denn dazu aufraffen können, ein paar Vampire zu pfählen, Vioget?«

Victoria merkte, dass Sebastian sich bewegte. Es war nur eine leichte Bewegung, eine Anspannung, die durch Arm und Bein zuckte, die sich gegen sie drückten. Als er die Hand von ihrem Knie nahm, wich die Spannung. »Ein paar«, meinte er lässig. »Wir … Victoria und ich … haben uns die meisten vorgenommen.«

Sie spürte ein leichtes Ziepen und dachte, dass sich eine Strähne zwischen ihnen verfangen hätte. Doch dann merkte sie, dass er nach einer Locke gegriffen hatte, sie zwischen Daumen und Zeigefinger rieb und dann um einen Finger wickelte. Eine höchst intime Geste, bei der sie sich außerordentlich unwohl fühlte.

Ehe sie sich ihm entziehen oder in sonst irgendeiner Art reagieren konnte, ging ein kräftiger Ruck durch die Kutsche. Sie waren an ihrem Ziel angekommen.

Victoria erhob sich schnell und zwang Sebastian so, ihr Haar loszulassen. Doch Max hatte die gleiche Idee gehabt, und so stießen sie mitten in der Kutsche zusammen.

»Hast du es eilig, meine Liebe?«, fragte er mit einem grimmigen Lächeln. »Ich möchte dir nicht im Weg stehen.«

Er setzte sich wieder hin, als die Kutschentür geöffnet wurde. Barth half Victoria beim Aussteigen, was sie ohne zu zögern tat – und ohne auf Sebastian zu warten.

Der Morgen dämmerte, und in ihrem Kopf raste es.

Als sie zum Haus hinaufging, hörte sie das leise Murmeln einer Männerstimme hinter sich, dann schloss sich die Kutschentür wieder. Ein schneller Blick nach hinten zeigte ihr, dass sie allein war. Max und Sebastian waren in der Kutsche geblieben.

Einige Stunden später, als die Sonne heiß von einem nur selten wolkenlosen Himmel Londons herunterbrannte, wurde Victoria von einem Klopfen an ihrer Schlafzimmertür geweckt.

Schlaftrunken warf sie einen Blick neben sich. Das Bett war leer, aber zerwühlt. Nein, sie hatte es nicht geträumt – der warme Körper von Sebastian, der neben ihr ins Bett geglitten war, seine Hände in ihrem Haar, der zärtliche Kuss, ehe er sie zum Schlafen an sich zog. Er hatte noch irgendetwas Unverständliches an ihrem Scheitel gemurmelt, und sie hatte gedacht, wie untypisch das eigentlich für ihn war … und sich beim Einschlafen gefragt, was wohl zwischen ihm und Max vorgefallen war, nachdem sie die Kutsche verlassen hatte.

Auf ihr Herein hin trat Verbena ein.

»Mylady«, sagte sie und schürzte die Lippen dabei so sehr, dass ihr Mund sich kaum bewegte, als sie sprach. »Es tut mir leid, dass ich Sie geweckt habe, aber Oliver behauptet, er müsste unbedingt sofort mit Ihnen sprechen.« Sie schüttelte den Kopf und schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ich habe ihm gesagt, dass Sie nur ein paar Stunden geschlafen hätten, aber er bestand darauf.«

»Schick ihn zu mir rauf«, sagte Victoria. Ein Gefühl des Unbehagens machte sich in ihr breit. Das, was Oliver zu erzählen hatte, betraf bestimmt Mr. Bemis Goodwin.

»Hier rauf?« Verbena kreischte fast und riss die Augen auf. »Aber, Mylady, das gehört sich nicht. Der Mann kann bestimmt warten, bis Sie sich angezogen haben. Er hat keinen Grund …«

Victoria schüttelte den Kopf. »Nein, es kann nicht warten, fürchte ich. Lass ihm ausrichten, dass er hochkommen soll, und wenn du schnell bist, kannst du mir vielleicht noch in ein Tageskleid helfen, ehe er hier ist.«

Verbena murmelte etwas von einer gewissen Langford, die zufälligerweise die Zofe von Herzogin Farnham war und bestimmt ein Fläschchen mit Riechsalz brauchen würde, wenn ihre Herrin ihr befahl, einen Mann in ihr Schlafzimmer zu bringen. Der verstorbene Herzog wahrscheinlich auch, vermutete Victoria. Doch dann verließ Verbena kurz den Raum, und ihre Herrin hörte ihre Stimme, als sie die Anweisungen für Oliver weitergab. Dann kam sie zurück und kümmerte sich um Victorias Garderobe.

»So etwas habe ich noch nie gehört«, murmelte sie, während sie geschäftig hin und her eilte, ein sauberes Hemd hervorholte und ein neues Korsett für ihre Herrin. Victoria hatte vor dem Schlafengehen gebadet, um sich den Rauch, das Blut und den Ruß herunterzuwaschen. Deshalb musste der kleine Krug mit Wasser auf ihrem Nachttisch jetzt reichen, um sich damit frisch zu machen.

»Einen Mann, der nicht viel besser ist als ein Lakai, ins Schlafzimmer einer Lady zu lassen, also wirklich! Ich habe von so was nur ein einziges Mal gehört und das war, als Lady Meryton ihrem Gatten mit dem Diener Hörner aufsetzte. Es dauerte nicht lange, dann war es das einzige Gesprächsthema im Dienstbotentrakt!«

Sie zog Victoria das Baumwollhemdchen über den Kopf und zupfte es zurecht, während sie ihren Worten Nachdruck verlieh. »Und was diesen Diener angeht, tja, der war wirklich nichts Besonderes, wenn Sie mich fragen. Ich hab ihn einmal gesehen … seine Augenbrauen erinnerten an Spinnen. So ein Gesicht würde ich gar nicht erst nah an mich herankommen lassen. So was Ekliges. Und an den Ohren hatte er auch Haare! Aber« – sie zog an Victorias Korsett, um es unter dem Busen einzuhaken, als es an der Tür klopfte. »Du kannst ja wohl noch eine Minute warten«, brüllte sie.

»Komm herein, Oliver«, sagte Victoria.

Verbena richtete sich entsetzt auf und hätte dabei fast Victorias Kinn getroffen. Dann rannte sie förmlich zu dem Stuhl, über den sie das Kleid gelegt hatte, welches Victoria anziehen sollte. »Komm ja nicht rein, Oliver«, befahl sie, als die Tür knarrte. »Noch einen Schritt …« Victoria konnte ihre Worte nur noch gedämpft hören, weil der Stoff, die Spitze und all die Kinkerlitzchen, die aufgenäht waren, gerade über ihren Ohren raschelten und klirrten. Sie hätte kein solch überladenes Kleidungsstück ausgewählt, aber jetzt war es zu spät, sich noch umzuentscheiden.

Schließlich kam Oliver herein, wobei der rothaarige Mann allerdings eher schlich, als hätte er Angst vor Verbenas Zorn. Wieder einmal fragte Victoria sich, was wohl aus ihnen werden würde, wenn sie sich tatsächlich eines Tages eingestünden, dass sie sich zueinander hingezogen fühlten, und ein normales Gespräch führten. Er hatte die Schultern etwas hochgezogen und während er die Mütze in seinen großen Händen drehte, verbeugte er sich gleich dreimal hintereinander. »Mylady, ich habe Neuigkeiten für Sie.«

»Natürlich hast du die«, schimpfte Verbena, während sie an den Knöpfen auf dem Rücken ihrer Herrin zerrte. »Warum würden wir dich sonst hier reinlassen? Und jetzt spuck es schon aus. Mylady hat nicht den ganzen Tag Zeit zu warten, bis du dir überlegt hast, was du sagen willst.«

»So, Oliver«, sagte Victoria. »Was hast du mir über Mr. Goodwin zu erzählen?«

Es war eine etwas qualvolle Angelegenheit, zwischen Verbenas herrischen Bemerkungen und Olivers zögerlichem Bericht an alle Informationen zu kommen, aber zum Schluss hatte Victoria es geschafft.

Es war kein bisschen tröstlich.

Durch die Ereignisse der letzten Nacht hatte sich Goodwins Misstrauen gegen Victoria noch weiter verstärkt – als wäre es nicht schon stark genug gewesen. Und genährt wurde es nur zum Teil davon, dass sie bei dem Ereignis auch dabei gewesen war. Irgendwelche Geschichten darüber, dass sie in undamenhafter Art und Weise agiert hätte, hatten die Runde gemacht, erzählte Oliver. Und dann hatte Goodwin auch noch erfahren, man hätte sie allein in einem abgeschiedenen Teil des Gartens neben einem hingemetzelten Mann gefunden. Sie hätte neben ihm gehockt, überall wäre Blut gewesen, das ihr auch aus dem Mund tropfte, und auf ihrem zerkratzten Gesicht hätte ein seltsamer Ausdruck gelegen …

Aus ihrem Mund hätte Blut getropft?

Es dauerte einen Moment, bis ihr wieder einfiel, dass sie sich das Haar aus dem Gesicht gestrichen hatte. Vielleicht war an ihren Händen Blut gewesen, und sie hatte es sich bei der Bewegung auf die Lippen geschmiert.

Und die Kratzer auf ihrem Gesicht rührten natürlich auch nicht davon her, dass sie sich durch eine Buchsbaumhecke gedrängt hatte, sondern weil das Opfer sich wehrte, als sie Blut trinken wollte.

Victorias Fantasie war lebhaft genug, um sich genau vorstellen zu können, was sich Goodwin zusammengereimt hatte.

»Er wird Sie abholen und direkt zum Magistrat bringen. Heute«, schloss Oliver, der immer noch seine Mütze zerknautschte. »Und man wird auf Goodwin hören und Sie nach Newgate bringen. Mylady, Sie können da nicht hin. Das ist kein Ort …«

»Ich habe nicht die Absicht, mich nach Newgate bringen zu lassen«, sagte Victoria. »Und ich habe auch gar keine Angst vor Newgate.« Trotzdem lief ihr ein leiser Schauer über den Rücken. Sogar für Illa Gardella würde der Aufenthalt dort nicht angenehm sein.

Aber das Schlimmste war, dass sie ohnehin nicht viel Zeit in Newgate verbringen würde, denn Mörder verurteilte man schnell. Sie würde innerhalb von einer Woche mit einem Strick um den Hals unter dem Galgen stehen, wenn es nach Goodwin ging.

Sie wandte sich an Verbena. »Ich bin heute den ganzen Tag unpässlich. Und möchte niemanden sehen. Absolut niemanden, Verbena. Weder Max, noch Kritanu oder Sebastian Vioget.« Sie sah Verbena mit durchdringendem Blick an. »Und trink nichts, gar nichts mit Sebastian – oder wenn wir schon dabei sind, auch nicht mit Max. Und ihr erzählt niemandem von dieser Unterhaltung. Keiner von euch beiden.« Sie schaute die beiden streng an und legte all die Macht einer Illa Gardella in diesen Blick. »Ich will nicht das Risiko eingehen, dass einer von euch nach Newgate geschafft wird, weil er versucht hat, mich zu schützen.«

»Aber was wollen Sie tun, Mylady?«

Victoria erhob sich. »Als Erstes werde ich mir deinen Umhang ausleihen. Und … könntest du wohl ein bisschen von deinem Haar für mich abschneiden?«

Das kleine Büschel orangefarbener Haare, das unter der weit ins Gesicht gezogenen Kapuze des Umhangs hervorblitzte, vervollständigte Victorias Verkleidung, als sie das Haus durch den Hintereingang verließ, durch den Stall ging und von dort auf die Straße gelangte. Ein paar Straßen weiter wartete Barth bereits mit seiner Droschke auf sie. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie zu dem Stelldichein unterwegs, das Sebastian ihr unterstellt hatte.

Die Fahrt zu Gwendolyn Starcasset gab Victoria genug Zeit, um ihre Verkleidung abzulegen und über Bemis Goodwin nachzudenken. Es konnte gar nicht sein, dass er immer nur durch Zufall gerade dort war, wo Vampire angriffen.

In der Nähe des Hauses der Starcassets stieg Victoria aus der Droschke und ging den restlichen Weg zu Fuß. Sie wollte gar nicht erst Fragen aufkommen lassen, warum sie mit einer Mietdroschke unterwegs war, statt eine ihrer eigenen Kutschen zu benutzen. Gelegentlich fragte Victoria sich selbst, warum sie ihre Kutschen eigentlich behielt. Sie benutzte sie nie.

»Victoria!«, rief Gwendolyn und warf sich ihrer Freundin in die Arme. Jede andere junge Frau in Victorias Alter wäre unter dem Ansturm ins Taumeln geraten … doch nicht jemand, der so stark war wie Illa Gardella.

Gwen hatte rot geränderte Augen, und ihre Nase wies eine rosarote Färbung auf. Ihr Gesicht sah aus, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Ihr feuchtes Taschentuch war bei der Umarmung mit von der Partie.

»Gwendolyn«, erwiderte Victoria mit genauso tiefempfundener Zuneigung. »Ich musste mich einfach mit eigenen Augen davon überzeugen, dass es dir gut geht.«

»Ich habe heute Morgen einen Jungen mit einer Nachricht zu dir geschickt, um mich auch zu vergewissern, dass du dem Unglück entronnen bist, habe aber keine Antwort erhalten! Ich war ganz außer mir vor Sorge, Victoria. Und George auch«, sagte sie und warf ihrer Freundin dabei unter gesenkten Wimpern einen Blick zu.

Ah, genau die richtige Eröffnung. Victoria musste innerlich lächeln, behielt aber ihre ernste Miene bei. »Dann geht es Mr. Starcasset gut? Ich konnte nur in Erfahrung bringen, dass du früh gegangen warst – was mich ziemlich überrascht hat, Gwen, weil ich doch weiß, wie sehr du solche Feiern liebst –, aber deinen Bruder habe ich während des schrecklichen Feuers nirgendwo gesehen.«

»War es wirklich so furchtbar?«, fragte Gwen. Ihre Fassungslosigkeit war nicht gespielt. Es lag keine lüsterne Gier nach spektakulären Einzelheiten hinter ihrer Frage. »Ich habe gehört, dass mindestens acht Personen vermisst werden, Victoria, und ich hatte solche Angst, dass du eine davon sein könntest. Der arme Mr. Ferguson-Brightley hat so schwere Brandverletzungen davongetragen, dass er es nicht überleben wird.« Ihre Augen standen voller Tränen. »Ich kann es gar nicht fassen, dass ich das Glück hatte, früh nach Hause gerufen zu werden, auch wenn das Ganze nur auf einem Missverständnis beruhte.«

»Du wurdest nach Hause gerufen?« Langsam ergab das alles ein Bild. Hatte George dafür gesorgt, dass Gwendolyn nichts passierte?

»Es war wirklich ein höchst glücklicher Umstand, dass George mich erkannte, denn er hatte keine Ahnung, dass ich zu der gestrigen Einladung erscheinen würde. Ich dachte …« Gwen wurde tatsächlich rot und wandte den Blick kurz von Victoria ab. »Ich habe niemandem davon erzählt, dass ich hingehen würde, weil ich das irgendwie lustig fand … nun, ich heirate schließlich in ein paar Wochen und obwohl ich Brodebaugh wirklich liebe … aber, Victoria, er ist einfach nicht so umwerfend gut aussehend, wie es dein Phillip war … und, ach, ich mache so einen Mist, nicht wahr? Du hältst mich jetzt bestimmt für das Allerletzte, aber ich habe mir wirklich nichts dabei gedacht. Ich wollte nur einen letzten Abend als Debütantin verbringen. Ich hatte eine Maske auf, sodass niemand mich erkennen konnte, und ich wollte doch nur tanzen.« Ihre Stimme wurde immer leiser, während Victoria sie ermutigend ansah.

»Es spielt jetzt keine Rolle mehr«, tröstete sie Gwen. »Aber wie kam es eigentlich dazu, dass du früher gegangen bist?«

»Tja, George erkannte mich und erzählte, dass Brodebaugh gekommen wäre, um mich zu besuchen … und da bin ich natürlich sofort gegangen.« Sie rang die Hände und sah zutiefst unglücklich aus. »Ich liebe ihn wirklich, Victoria. Und ich wollte ihm nie Schaden zufügen. Es war nur ein ganz harmloses Vergnügen.«

Ein harmloses Vergnügen, das sie fast umgebracht oder zum Dinner für einen Vampir gemacht hätte. Zumindest hatte George das Gewissen und den Anstand gehabt, sie nach Hause zu schicken, ehe er den Tutela-Plan in die Tat umsetzte.

Das beantwortete zumindest eine Frage. Ein Vampir würde die sterbende Geliebte oder die Mutter im Stich lassen oder deren Blut saugen, wenn ihn das Verlangen danach überkam. Es fiel schwer zu glauben, dass George der Vampir sein sollte, der am Tage sein Unwesen trieb … denn es gab eine Sache, die ein Vampir auf gar keinen Fall hatte – ein Gewissen.