Kapitel 18
In dem unsere Heldin eine erfolglose Befragung durchführt
Lilith saß bequem auf ihrem wuchtigen Steinstuhl und schien jetzt in Bezug auf Victoria in viel umgänglicherer Stimmung zu sein. Ihre seltsamen Augen leuchteten vor ruchloser Erheiterung und Erwartung, und beinahe wirkte sie entspannt.
Als würden sie miteinander Tee trinken.
Die Vampirkönigin in so einer Stimmung zu sehen, beunruhigte Victoria. Ihre Venen vibrierten immer noch etwas schmerzhaft, aber nicht mehr ganz so stark. Doch ihre Atmung und ihr Herzschlag hatten sich wieder normalisiert.
War es möglich, dass Lilith Recht hatte?
Sie holte tief Luft, sodass ihr der Duft von Rosen und Holzrauch in die Nase stieg und sie sich langsam wieder beruhigte. Offensichtlich befand sie sich im Moment nicht in Gefahr, obwohl Lilith anscheinend auch nicht vorhatte, sie wieder freizulassen … deshalb hatte Victoria das Gefühl, sie sollte Vorteil aus der Situation ziehen, egal, was noch kommen mochte.
Dreist ging sie zu einem der schweren Holzstühle, die an der Wand standen, und setzte sich hin. Lilith hob den Kopf und nickte eher zustimmend denn tadelnd. »Natürlich … machen Sie es sich bequem.«
»Das tue ich. Vielleicht könnten Sie, während wir warten – worauf auch immer –, meine Neugier hinsichtlich des Vampirs befriedigen, der am helllichten Tage umgeht. Die Rezeptur für den Trank hat eindeutig ihren Weg von Beauregard zu Ihnen gefunden … aber es ist mir ein Rätsel, wie das passieren konnte.«
Die Königin bedachte sie mit einem arroganten Blick. »Dieses blonde Regalado-Mädchen brachte mir die Rezeptur. Sie hatte sie von einem der Gefolgsleute von Beauregard erhalten, der sie ihr gab, weil sie die neue Anführerin der Tutela war. Offensichtlich haben Sie ihren Vater umgebracht?«
»Dann ist sie diejenige, die das Elixier trinkt? Und was ist mit Ihnen, Lilith? Wollen Sie nicht auch mal wieder das Sonnenlicht sehen?«
Da musste das untote Geschöpf wieder lachen, doch diesmal klang es geringschätzig. »Ich? Von diesem Gift trinken? Natürlich nicht.«
»Gift?«
»Du meine Güte, wie naiv Sie sind, Victoria Gardella. Es wird mir eine Freude sein zuzuschauen, wie Ihre unschuldige Oberfläche stumpf wird und reißt.« Lilith saß sehr gerade auf ihrem Stuhl, wobei ihre knochigen Hände auf den geschwungenen Armlehnen ruhten. »Die Pflanze, die einen großen Bestandteil des Rezeptes ausmacht, ist sehr selten und blüht nur ein- oder zweimal im Verlaufe eines Jahrhunderts. Zufälligerweise ist diese Pflanze giftig für Untote.«
»Sie tötet sie aber nicht.«
»Nicht sofort … aber der Trank wirkt immer nur für kurze Zeit – nicht mehr als ein paar Stunden. Vampire trinken ihn nur, wenn sie am Tage unterwegs sein und von Ihnen und Ihresgleichen nicht erkannt werden wollen. Aber diejenigen, die diesen Trank zu sich nehmen, altern mit jedem Mal um ein Jahr oder vielleicht auch mehr … es ist schließlich keine exakte Wissenschaft. Wenn einer das Elixier häufig zu sich nimmt, altert er und kann den Alterungsprozess irgendwann nicht mehr stoppen, auch wenn er den Trank nicht mehr zu sich nimmt. Und dann stirbt der Untote ziemlich schnell und unerwartet, ohne das Vergnügen, mit Ihrem Pflock oder Schwert Bekanntschaft zu machen.« Sie lächelte, und ihre Eckzähne bohrten sich ganz leicht in ihre Unterlippe. »Natürlich habe ich ihnen nichts von den Gefahren erzählt … denn wie Sie wissen, waren mir die Untoten, die bei Tage umgehen, durchaus von Nutzen. Und der Trank macht noch abhängiger als Opium.«
»Ihnen? Sara und George?«
»Das Elixier wäre für Sara nicht gut«, widersprach Lilith. »Denn sie hat keine Wandlung zur Untoten durchgemacht. Und was die anderen angeht … nun, ich bin gerade nicht in großzügiger Stimmung. Wenn Sie es nicht wissen, sehe ich auch keine Veranlassung, Sie aufzuklären.«
»Aber warum denn nicht? Ich werde doch bald in Ihre Reihen aufgenommen werden.«
Lilith gab einen Laut von sich, der fast wie ein Kichern klang … nur unheilvoller. »Ah, Sie sind wirklich schlau. Aber trotzdem nein. Ich werde nicht mehr preisgeben. Es wird Spaß machen zu beobachten, wie Sie versuchen es herauszufinden.«
Victoria war nicht bereit, die Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, noch mehr Informationen aus der Vampirkönigin herauszuholen, auch wenn sie im Hinterkopf bereits Fluchtpläne schmiedete. Wenn es ihr gelang zu fliehen, würde sie Wayren zu sich bestellen und ihr von Liliths schrecklicher Vorhersage erzählen. Sie würde eine Möglichkeit finden, es zu verhindern.
»Und aus welchem Grund sind Sie nach London gekommen? Erinnern Sie sich nicht mehr daran, wie Sie das letzte Mal geflohen sind – dabei dachten Sie, Sie hätten mich in Ihrer Gewalt«, fragte Victoria herablassend.
Das Gesicht der Kreatur bekam blaue und graue Flecken, aber sie erwiderte gelassen: »Ach, glauben Sie ja nicht, dass nur Sie oder Maximilian mich in diese kalte Stadt geführt hätten. Ich war noch nicht einmal sicher, dass er hier ist, bis Sara ihn bei diesem Maskenball entdeckte. Ihr beiden seid nur Beiwerk bei dieser Sache.« Ihre Miene brachte Victoria dazu, weiterzufragen.
»Waren Sie diejenige, die Bemis Goodwin auf mich angesetzt hat?«
»Gebeten habe ich ihn nicht gerade darum, aber aufgehalten habe ich ihn auch nicht. Er ist ein wertvolles Mitglied der Tutela, und obwohl ich keinen großen Nutzen davon habe – Sterbliche sind, wie ich ärgerlicherweise erkennen musste, nicht so zuverlässig wie Untote –, sah ich keinen Grund, es ihm zu verbieten. Er hat dafür gesorgt, dass Sie beschäftigt und abgelenkt waren … und fast eingekerkert worden wären«, erklärte sie mit einem blassen Lächeln. »Dadurch hatte ich freie Hand, meine Pläne in die Tat umzusetzen.«
»Sie wagen es nicht, mir davon zu erzählen, weil Sie Angst haben, dass Ihre Vorhersage nicht wahr wird«, meinte Victoria herausfordernd.
Lilith kniff die Augen zusammen, dann leuchteten sie auf. Ein bösartiges Lächeln lag auf ihrem Gesicht. »Sie spüren bereits den Sog der Gewissenlosigkeit, Venator. Die Saat alles Bösen beginnt im Ich. Wenn jemand sich über alles und jeden setzt, gedeiht das Böse, breitet sich aus und verschlingt alles. Und Sie haben bereits Dinge getan … obwohl Sie wussten, dass es falsch war. Nicht wahr?«
Plötzlich öffnete sich hinter Victoria die Tür. Sie drehte sich um und sah, dass zwei Vampire ein Pärchen sich wehrender, kreischender junger Frauen hereinzerrte.
Ihr Herz fing an zu rasen, und ihr Griff um den Pflock verstärkte sich, als Lilith aufstand.
»Ach, wie hübsch«, sagte die Vampirkönigin. Sie neigte den Kopf hoheitsvoll, und einer der Untoten stieß seine Beute nach vorn.
Victoria wusste, was passieren würde, und wappnete sich innerlich. Es gab nichts, das sie hätte tun können, um die beiden Frauen zu retten … sie hatte das Gefühl, wieder bei der schrecklichen Tutela-Zusammenkunft in Venedig zu sein, wo sie beobachtet hatte, wie ausgehungerte, durstige Untote über mehrere junge Frauen hergefallen waren. Sie packte ihren Pflock fester … sie könnte einen Vampir niederstrecken, vielleicht auch zwei, aber was dann? Es waren insgesamt fünf, mit Lilith.
Der Geruch von Blut erfüllte den Raum, und Victoria merkte, dass sich in ihrem Kopf alles zu drehen begann, als der schwere, metallische Odem ihre Sinne überflutete. Speichel sammelte sich in ihrem Mund, sie schluckte, schüttelte den Kopf und spürte, wie ihre Glieder ganz schlaff und schwer wurden.
Die Schreie des Mädchens gingen in leise Gurgellaute über, während es nach Luft schnappte. Victoria merkte, dass sie sich zusammenreißen musste, um auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben. Lilith hob den Kopf von der aufgetriebenen Vene am Hals ihres Opfers und sah Victoria an. Sie aß geziert; sogar wenn sie lächelte, dieses schreckliche, wissende Lächeln, schimmerten ihre Zähne schneeweiß.
»Sie kämpfen sogar jetzt dagegen an«, sagte Lilith zu Victoria, dann winkte sie ab, und der Vampir, ihr Lakai, schaffte das bewusstlose Mädchen weg, um es gleich durch das andere zu ersetzen. Wie schon zuvor hielt der Diener das Mahl seiner Herrin auch diesmal fest, während sie von ihrem Opfer trank. Dieses Mal konnte Victoria den Blick nicht von den langen, schmalen Zähnen losreißen, die in den Hals des wimmernden Mädchens glitten.
Sie spürte den Pflock in ihrer Hand nicht mehr. Ihr ganzes Denken drehte sich nur noch um den Geruch von Blut und ihr Verlangen. Das Blut raste durch ihre Adern … vor ihre Augen legte sich ein roter Schleier … ihre Finger zitterten, als sie sie um die Kanten ihres Stuhles legte. Nur dieser Klammergriff hielt sie auf ihrem Stuhl.
Lilith beendete ihr Mahl, und die unglücklichen Mädchen wurden weggebracht. Jetzt sah die Vampirkönigin ihre verbliebene Gefangene voller Appetit an. »Vielleicht sollte ich doch noch einmal von Ihnen kosten, meine Liebe. Ich sehe, dass der Blutgeruch Ihre Venen zum Singen gebracht hat … Und ich mag den Geschmack eines Venators … auch wenn er durchsetzt ist mit Beauregards Blut.«
Victoria versuchte sie abzuwehren, schwang dabei sogar drohend ihren Pflock. Doch er wurde ihr aus der Hand geschlagen und fiel klappernd auf den Boden. Er rollte leise davon, während die beiden Wächtervampire sie hochzerrten und wieder vor ihre Herrin schleppten.
»Denken Sie doch mal darüber nach, wie viel leichter es sein wird, wenn Sie nachgeben.« Lilith seufzte wie eine Geliebte an Victorias Wange.
Sie versuchte sich loszureißen, aber noch immer hatte sie einen farbigen Schleier vor den Augen, und der Geruch von Blut und Rosen lockte und bestürmte sie.
»Denken Sie doch nur, wie viel einfacher es wäre, wenn Sie nur an sich selbst denken müssten. Nur das tun könnten, was richtig ist für Sie.«
Dieses Mal biss sie Victoria oben in die Schulter, an der Stelle, wo Hals und Schlüsselbein zusammentrafen. Es tat weh, aber fast sofort wurde sie auch von Lust durchdrungen. Heiße, stürmische Lust … die herrliche Berührung von Lippen auf Haut, knochige Finger, die über ihr Haar strichen …
Victoria wurde ganz benommen. Liliths Worte wuchsen ins Unermessliche in ihrem Kopf, zermalmten die Realität, vernichteten ihr Gewissen. Sie spürte, wie ihr Körper schwächer wurde, der Geruch von Blut ihr ganzes Bewusstsein erfüllte … und der Druck auf ihrer Haut nachließ.
Das Letzte, woran sie sich erinnerte, waren blutverschmierte Lippen, die sich auf ihre legten, dann versank sie in rot glühender Bewusstlosigkeit.
Als sie erwachte, stellte Victoria fest, dass sie wieder auf dem Boden lag. Sie drehte sich auf den Bauch und merkte, dass sie sich etwas benommen fühlte, aber der Schleier vor ihren Augen hatte sich zu einem blassen Rosa abgeschwächt.
Langsam stemmte sie sich erst mit den Händen, dann mit den Knien hoch und stützte sich dabei an der Wand ab. Je höher sie kam, desto weniger schimmerte der Raum, in ihrem Kopf drehte sich nicht mehr alles, und ihre Kraft kehrte zurück. Der widerliche Geruch von Blut hing nur noch als schwacher Hauch in der Luft und war so leicht, dass sie ihn ignorieren konnte.
Sie drehte sich langsam um, sodass sie das Zimmer überblicken konnte. Dabei rechnete sie eigentlich damit, eine sie mit lachenden Augen beobachtende Lilith auf ihrem Thron sitzen zu sehen.
Aber der Thron war verwaist.
Der Raum war leer bis auf einen einzigen Wächtervampir, der an der Tür stand. Er sah sie aus rosaroten Augen an, während sich seine Lippen zu einem lüsternen Lächeln verzogen, das seine Eckzähne entblößte.
Victoria machte eine schnelle Bestandsaufnahme des Raumes und erspähte ihren Pflock nicht weit von dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Sie tat so, als würde sie den Vampir nicht bemerken. Ihr Verstand arbeitete jetzt wieder, und sie achtete darauf, dass ihre Gedanken nicht abschweiften, damit sie ihre Flucht planen konnte.
Sie tat so, als wäre sie immer noch vollkommen geschwächt und taumelte, als sie sich in Richtung des Pflocks bewegte, um sich dann auf ihn fallen zu lassen. Das schlanke Stück Holz in der Hand gab ihr wieder Kraft, und sie wartete, während sie tief ein- und ausatmete, so wie Kritanu es ihr beigebracht hatte. Ein und aus … ein und aus.
Sie tastete nach den vis bullae, die ihr bisher mehr Kraft gegeben hatten, als man hätte erwarten sollen. Das kühle Silber, das auf der einen Seite warm war von ihrer Haut, ließ Kraft durch ihren Körper strömen, und Victoria wusste, dass sie bereit war. Mit dem in den Falten ihres Kleides verborgenen Pflock setzte sie ihren Plan in die Tat um.
Sie stemmte sich mühsam wieder hoch, als hätte sie große Schmerzen. Dann taumelte sie langsam, wie ziellos, aber doch zielstrebig auf den Wächtervampir zu. Unter gesenkten Lidern sah sie, dass er sie beobachtete; aber es lag eher Erheiterung in seinem Blick denn Vorsicht.
Was für ein Narr.
Als sie ihn fast erreicht hatte und nur dadurch einen Sturz verhinderte, dass sie sich neben ihm an der kalten, rauen Wand abstützte, kicherte er kurz. Bevor er wieder Luft holen konnte, sprang sie mit dem Pflock in der Hand auf.
Er hatte gerade noch Zeit, um überrascht den Mund aufzureißen und einen Arm zu heben, als ihm die tödliche Waffe auch schon in die Brust gestoßen wurde. Der Pflock war schmal, aber kräftig genug, um das dicke Hemd, das er trug, zu durchdringen.
Er riss die roten Augen weit auf, ehe er zu Asche und Staub zerfiel.
Verstohlen versuchte Victoria die Tür zu öffnen – denn sie wusste ja nicht, wer oder was sich auf der anderen Seite befand –, aber sie bewegte sich nicht. Sie wagte nicht, es mit Gewalt zu versuchen; unter Umständen befanden sich auf der anderen Seite mehr Vampire, als sie allein bezwingen konnte.
Davon abgesehen hatte sie einen anderen Plan.
Sie rannte zum Thron, weil sie Angst hatte, dass jemand zurückkommen könnte, bevor sie es geschafft hatte, sich zu verstecken. Schnell zog sie die Bolzen aus dem Boden, von denen er gehalten wurde, und schob ihn dann zur Seite, um die dahinter liegende Tür freizulegen. Eine Tür, von der Lilith bestimmt nichts wusste, denn sonst hätte sie sich ihren Kupferring zurückgeholt.
Victoria war sich nicht sicher, was sie hinter der Tür erwartete, aber sie hoffte, dass sie sich dort zumindest würde verstecken können, sodass der Eindruck entstand, sie wäre geflohen … und wenn sie Glück hatte, gab es ja auch einen anderen Weg nach draußen.
Während sie arbeitete, hallten Liliths höhnische Bemerkungen in ihrem Kopf wider … fast als versuchten sie, sie zu lähmen und abzulenken.
Sie spüren bereits den Sog der Gewissenlosigkeit. Die Saat alles Bösen beginnt im Ich. Wenn jemand sich über alles und jeden setzt, breitet das Böse sich aus.
Und Sie haben bereits Dinge getan … obwohl Sie wussten, dass es falsch war. Nicht wahr?
Während sie durch die Geheimtür stieg, musste Victoria unwillkürlich daran denken, wie sie Bemis Goodwin den Vampiren überlassen hatte – damit er sie nicht weiter verfolgte; dass sie Max betäubt hatte – damit sie sich keine Sorgen um seine Sicherheit mehr zu machen brauchte; wie die Wut in ihr hochgekocht war, als sie damals Gwendolyn besuchte, und diese ihr von ihren Plänen erzählte, die sie gar nicht hatte hören wollen.
Aber diese Vorfälle bedeuteten doch nicht, dass sie böse wurde. Oder doch?
Dass sie Bemis Goodwin und seine Handlanger dem sicheren Tod ausgeliefert hatte … vielleicht. Aber dass sie Max betäubt hatte, war doch nicht böse gewesen … wie könnte es böse sein, wenn man versuchte, jemanden zu schützen?
Auch wenn sie wusste, dass es ihn vernichten würde.
Denn so war es für sie leichter.
Sie verdrängte diese finsteren Gedanken und kauerte sich in die kleine Nische, während sie den von der Stelle gerückten Stuhl ansah. Sie musste ihn an die alte Stelle zurückschieben, sonst würde man ihr Versteck sofort entdecken. Dann fiel ihr Blick auf einen kleinen Stab neben der Tür. Er hatte einen Haken am Ende und ähnelte dadurch einem Hirtenstab. Im schmalen Strahl Licht, der aus dem Raum in die Nische fiel, erblickte sie außerdem ein kleines Stück Marmor. Es sah genauso aus wie der verzierte Bolzen, mit dem der Thron am Boden befestigt wurde. Nur dass da jetzt kein Bolzen war. Das Marmorstück würde also genau auf den Klauenfuß des Stuhles passen, sodass es so aussähe, als wäre er mit dem Bolzen befestigt, wenn sie ihn wieder an die alte Stelle rückte.
Offensichtlich war diese Tür mehr als einmal als Versteck benutzt worden, und Stab und Bolzenattrappe dienten als Hilfsmittel. Nachdem Victoria den falschen Bolzen an die entsprechende Stelle gesteckt hatte, zwängte sie sich wieder in die kleine Öffnung und benutzte den Metallstab, um den Stuhl an seine alte Position zurückzuziehen. Dabei schloss sich auch die Tür, bis sie nur noch einen schmalen Spalt weit offen stand. Der reichte gerade, um den Stab in die Nische zurückzuziehen.
Zufrieden mit dem Ergebnis, weil der Raum jetzt unverändert aussah, schloss sie die Tür und drehte sich um, um den stockfinsteren Raum zu erforschen. Sie tastete sich an der Wand entlang und musste dabei den Kopf einziehen, um ihn sich nicht zu stoßen – sie war bereits an den rauen Steinen über ihr entlanggeschabt. Schnell erkannte sie, dass es sich nicht einfach nur um eine Nische handelte, sondern dass es ein Gang war.
Einer der sie, wie sie anhand des kühlen Luftzuges schloss, in die Freiheit führen würde.