Kapitel 24

Die Pflöcke sind erhoben

Ich hoffe, du hast nicht vor, jetzt sofort loszurennen …«, setzte Max in dem ihm eigenen Tonfall an.

»Ich werde nicht losrennen«, erwiderte Victoria scharf. Die ganze Freude und Zufriedenheit, mit der sie erwacht war, hatte sich in Luft aufgelöst. Jetzt war sie innerlich ganz kalt und wütend … aber vor allem verängstigt.

Sie sah Max an, der sich von ihr entfernt hatte und sich bereits anzog, wobei er seinen Schutzwall wieder Stein für Stein errichtete. Sie presste die Lippen zusammen und wandte den Blick von seinem großen, muskulösen Körper ab. Später. Sie würde sich mit ihm und dieser Sache – was für eine Sache das auch sein mochte – später befassen. Aber im Moment …

»Ich habe nicht vor, loszurennen, Max«, wiederholte sie mit etwas ruhigerer Stimme. »Das ist doch genau das, was die wollen, und so bin ich vor drei Monaten Beauregard in die Falle gegangen. Er bot mir auch etwas im Austausch an.«

»Dabei war sein Kupferarmband der Grund für deine Niederlage«, meinte er mit einem ironischen Unterton in der Stimme.

»Er wäre nicht in der Lage gewesen, mich mit dem Kupferarmband unter Druck zu setzen, wenn ich es nicht mitgebracht hätte. Ich verließ das Konsilium, ohne es zu merken; du würdest sagen, ich bin losgerannt …«, meinte sie. Verärgerung schwang in ihrer Stimme mit und Trauer, denn das Gespräch erinnerte sie daran, dass Zavier damals ums Leben gekommen war … und sie wahrscheinlich ihre Seele verloren hatte. Sie schauderte. »Was werden sie mit Kritanu und Sebastian machen?«

»Das ist doch wohl ziemlich klar: Sie werden sie sozusagen gegen Lösegeld festhalten. Ich bin mir nur über eine Sache nicht im Klaren: Wen wollen sie zu sich locken? Und«, fügte er hinzu, während er nach seinem Hemd griff, »ich benutze das Wort ›sie‹ nur deshalb, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Brodebaugh allein hinter dem Ganzen steckt. Oder dass er überhaupt freiwillig mitmacht.«

»Was das betrifft, sind wir einer Meinung.« Victoria stieg aus dem Bett, ohne sich dabei die Mühe zu machen sich zu bedecken. Sie konnte ein leicht selbstgefälliges Grinsen nicht unterdrücken, als er plötzlich die Zähne zusammenbiss und den Blick von ihr losreißen musste. Auch er war kein unerfreulicher Anblick, wie er so nur mit der noch offen stehenden Hose da stand, die an seinen Hüften hing. »Deine verschmähte Geliebte Sara muss hinter dem Ganzen stecken. Und George.«

Max hielt plötzlich mitten in der Bewegung inne und sah sie an. »Victoria, Sara und ich sind nie ein Liebespaar gewesen … im wahren Sinne des Wortes.« Er warf ihr ein Bündel mit Kleidung zu. »Dir ist kalt. Zieh die Sachen an.«

»Mir ist nicht kalt. Und in Bezug auf Sara – es ist dir wirklich gut gelungen, einen völlig anderen Eindruck zu erwecken«, erwiderte sie und fing das Hemd auf. Bedeuteten seine Worte nun, dass er Sara nicht geliebt hatte, oder dass er nie intim mit ihr geworden war? »Und jetzt spielt es auch keine Rolle mehr.«

»Nein, das tut es nicht. Aber ich wusste, dass du es wissen wolltest. Und … du solltest es auch wissen.« Er nahm sich ein frisches Hemd, schüttelte es aus und wollte es gerade überstreifen, als er innehielt. »Victoria.«

Sie hatte angefangen, sein Hemd überzustreifen, um dann in ihr eigenes Zimmer zu gehen, wo sie sich anziehen wollte. Aber der Klang seiner Stimme ließ sie zögern. Seine Hand lag auf dem silbernen Kreuz, das an seiner Brust hing. »Das hier gehört dir.«

Ihre Finger berührten die vis bulla an ihrem Nabel, die ihm gehörte. Sie konnte die beiden allein durch die Berührung voneinander unterscheiden. »Und das hier ist deine.«

Ohne noch etwas zu sagen, drehte er sie kurz, zog daran und schon hielt er die zierliche vis bulla in der Hand. »Trag sie jetzt. Es könnte helfen.«

Ihr Blick flog zu ihm. Hatte Wayren ihm vom Zweikampf ihrer Seele erzählt? Oder war das nur seine Art, sich von jeder Bindung zu ihr und den Venatoren freizumachen? »Nur wenn du deine wieder trägst.« Sie schaute auf. »Lilith weiß von unserem … Tausch. Sie war nicht sonderlich erfreut darüber.«

Er presste die Lippen wieder zu einer schmalen Linie zusammen. »Soll ich dir helfen?«, fragte er, als er sah, wie sie etwas ungeschickt mit dem kleinen silbernen Bügel hantierte. Seine Bewegungen waren schnell und gewandt, und seine Finger fühlten sich warm auf ihrer Haut an. Aber seine Berührung war unpersönlich, und er verweilte nicht, als er das kleine Kreuz entfernte. Dann straffte er die Haut an ihrem Nabel und steckte ihr ihre eigene vis bulla an.

Es war eine seltsam intime Geste – seltsam, wenn man bedachte, was in der Nacht zwischen ihnen gewesen war. Bei Victoria kam die Erinnerung daran wieder hoch, und ihr Bauch zuckte auf diese närrische Art, wie immer, wenn sie überrascht war. Oder aus der Fassung gebracht. Doch dann ließ das Gefühl nach, und sie stellte fest, dass sie sich mit ihrer eigenen vis bulla irgendwie … reiner fühlte. In sich gefestigter, nur sie selbst.

Max entfernte sich ein Stück von ihr und hielt seine vis noch zögernd in der Hand. Dann steckte er sie sich mit einem Geschick, das sie hatte missen lassen, in seine Brustwarze zurück und atmete tief durch. Vielleicht fragte er sich, ob er seine Venatorenkräfte zurückerlangte, wenn er wieder sein eigenes Amulett trug. Er ging zu dem aufgeräumten Tisch zurück, auf dem seine persönlichen Dinge lagen, und Victoria beobachtete, wie er sich den schweren Silberring auf den Mittelfinger seiner linken Hand schob. Als würde er sich für einen Kampf rüsten.

»Sag mir, wie dich der Ring schützt.«

»Ich bin mir sicher, dass du es bereits herausgefunden hast, aber … er hat einen kleinen Haken, und wenn man den richtig betätigt, öffnet er sich und legt eine scharfe Klinge frei, die mit Gift versehen ist. Ein Stich genügt.«

»Bei dir oder bei Lilith?«

»Bei mir. So, warum bist du immer noch hier? Sollten wir nicht längst einen Plan entwickelt haben, wie wir deinen Geliebten retten?«

Sie hatte es geahnt, aber jetzt wusste sie es mit Sicherheit. Max zog sich wieder zurück. Er wollte sie Sebastian aufhalsen, damit er gehen konnte. Um diesen verdammten Silberring zu benutzen, wann immer es ihm in den Sinn kam.

Was ist mit mir?

Sie biss sich auf die Zunge und hielt die Fragen, die Forderungen, die Vergleiche zurück. Hatte er denn nicht Sebastian dafür verabscheut, dass dieser den Venatoren den Rücken gekehrt hatte? Dafür würde später noch Zeit sein, Zeit, ihn zu einem Gespräch zu zwingen, dem er ausweichen wollte. Jetzt musste sie dafür sorgen, dass Sebastian und Kritanu nichts passierte.

Max’ letzte Bemerkung rief ihr wieder in Erinnerung, was er vorhin gesagt hatte. »Was meinst du damit, du seist dir nicht im Klaren darüber, wen sie zu sich locken wollen? Dich natürlich. Lilith will dich zurückhaben, und Sara hätte dich ihr fast ausgeliefert. Zwei im Tausch für einen. Deshalb kann es bei dieser Sache kein ›wir‹ geben.«

Max zog eine Augenbraue hoch. »Ach ja? Ich bin zufälligerweise anderer Meinung. Ich glaube, Lilith will dich mehr als mich. Letztendlich stellst du immer noch eine Bedrohung für sie dar – im Gegensatz zu mir, wie du letztens gerade erst so deutlich gemacht hast. Und dann bist du ihr auch noch erst vor ein paar Tagen ein zweites Mal entkommen. Ich kann nur ahnen, wie viel Staub danach fabriziert worden ist; und nach gestern Abend, als wir ihre Pläne, den König zu entführen, vereitelt haben. Und wenn sie tatsächlich der Meinung ist, du könntest so etwas wie eine Rivalin sein, was die Frage betrifft, wem ich meine … Zuneigung schenke …« Seine Miene und sein Tonfall machten sehr deutlich, für wie absurd er den Gedanken hielt.

»Mach dich nicht lächerlich. Ist das irgend so eine verdrehte Art von dir, wie du versuchst, alles unter Kontrolle zu bringen?« Sie merkte plötzlich, dass sie immer noch mit an die Brust gedrücktem Hemd da stand. Sie zerrte es sich über den Kopf. Es roch nach ihm, und die Beine wurden ihr schwach.

»Nein.« Er deutete auf den Umschlag, der auf dem zerwühlten Bett lag und so weit offen stand, dass man die beiden unterschiedlichen Strähnen erkennen konnte. »Offensichtlich hast du nicht bemerkt, dass kein Empfänger auf dem Brief steht. Es ist also nicht klar, für wen er bestimmt ist.«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann jedoch wieder. »Es spielt keine Rolle, Max. Du bist nicht mehr so gut gerüstet, um es mit ihr aufzunehmen, wie früher einmal.«

Wenn sie damit gerechnet hatte, dass er sich über ihre Bemerkung ärgern würde, so wurde sie enttäuscht. »Eines vergisst du dabei.« Seine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. »Keiner würde je auf den Gedanken kommen, dass ich mich genötigt fühle, Viogets Leben zu retten. Es ist ein Spiel. Und du bist der Preis, den es zu gewinnen gilt.«

Victoria hätte beinahe gelacht, wenn die Situation nicht so schrecklich gewesen wäre. Aber zumindest gab sie ein ungläubiges Schnauben von sich. »Das ist es doch, Max. Du würdest dich dazu genötigt fühlen, sein Leben zu retten. Jedermanns Leben. Sogar von jemandem, den du hasst …«

»Ich hasse ihn nicht.«

»Sogar jemanden, gegen den du eine so große Antipathie hegst. Weil es edel ist, anderen zu helfen«, fügte sie scharf hinzu, während sie sich an ihre eigenen fragwürdigen Entscheidungen erinnerte. Als sie Bemis Goodwin und seine Kumpane dem sicheren Tod überlassen hatte beispielsweise oder als sie Max betäubt hatte. Oder als sie voll Neid Gwen gegenüber gewesen war, weil diese sich so glücklich fühlte. »Immer der große Held, nicht wahr, Max? Immer selbstlos. Tust du nie irgendetwas nur für dich?«

Sie merkte plötzlich, dass am Rande ihres Gesichtsfeldes wieder dieser rote Schleier aufgetaucht war. Ihr Herzschlag raste, und sie spürte, wie eine Woge kochender Wut in ihr hochkam. Automatisch holte sie tief Luft, berührte ihre vis bulla und schüttelte den Kopf, als würde sie dadurch wieder klarer denken und sehen können. War es nicht dieser Edelmut, diese solide Art von ihm, die sie am meisten an Max liebte? Diese klare, unüberwindliche Linie zwischen richtig und falsch, schwarz und weiß.

Die sie am meisten liebte.

Ihre Knie fingen wieder an zu zittern.

Sein Charakter war der Grund, warum sie ihm Tante Eustacias Tod hatte vergeben können, warum sie nie aufgehört hatte, ihm zu vertrauen, gewusst hatte, dass er die Venatoren niemals im Stich lassen würde, auch wenn er nicht mehr über seine früheren Fähigkeiten verfügte.

Bei ihr war diese Linie zwischen Schwarz und Weiß immer ein bisschen verwischt, hatte einen Anflug von kohlschwarz oder schneeig weiß bekommen, um in letzter Zeit in einen immer breiteren Streifen von Grau überzugehen. Hatte er sich deshalb von ihr zurückgezogen? Weil sie nicht gut war?

Doch jetzt hatte sich der rötliche Schleier aufgelöst, und ihr Puls schlug wieder langsamer. Der heftige Anflug von Bosheit war vergangen. Würde es mit der Zeit einfacher werden, dagegen anzukämpfen? Oder bildete sie sich das nur ein … Ausgeburten ihres Wünschens und Hoffens?

Ihr war auch nicht entgangen, dass das Böse nicht versucht hatte, von ihr Besitz zu ergreifen, als sie gestern Abend mit Max gekämpft hatte. Dieser rötliche Schleier, der Drang zum Bösen hatte nicht versucht, die Kontrolle über sie zu erlangen. Warum nicht?

Lag es daran, dass der Grund für den Kampf nicht Selbsterhaltungstrieb gewesen war, wie es sonst immer der Fall war? Sie selbst, ihr Ich war nicht in Gefahr gewesen. Sie hatte nicht um ihr Leben gekämpft. Sie hatte nicht an sich denken müssen beim Kämpfen.

Alles Böse beginnt im Ich.

Als sie das Gefühl hatte, sich innerlich wieder gefasst zu haben, schaute Victoria auf und stellte fest, dass Max sie beobachtete. Er durchbohrte sie mit seinem Blick, als versuchte er herauszufinden, was sie so in Gedanken hatte versinken lassen.

Ehe er etwas sagen konnte, klopfte es erneut an der Tür.

Es war wieder Verbena mit einer kleinen weißen Schachtel in der Hand.

Sie war mit einem roten Band zugebunden, und als Victoria die Schachtel in die Hand nahm, wurde sie plötzlich von einer bösen Vorahnung erfasst. Max warf nur einen Blick auf die bräunlichen Flecken auf dem Behälter und fing an zu fluchen. Die Schachtel wies wieder Brodebaughs Siegel auf.

Victoria konnte sie gar nicht schnell genug öffnen, aber als sie es geschafft hatte, ließ sie die Schachtel beinahe fallen. »Mein Gott.«

Das Paket enthielt zwei Finger, deren klebrig blutige Stumpen die Innenwände durchfeuchteten. Die Haut des einen war kaffeebraun und die des anderen ein paar Nuancen heller. Der zweite Finger trug einen schmalen, goldenen Ring, den Victoria wiedererkannte. Sie brauchte nichts zu sagen. Der Ausdruck des Abscheus auf Max’ Gesicht spiegelte ihre eigenen Empfindungen wider.

Die Botschaft war vollkommen klar und deutlich. Die Zeit lief ihnen davon.

Victoria gab sich den Anschein, als würde sie dem Stadthaus der Brodebaughs einen frühen Besuch abstatten. Das Haus war nicht so groß wie St. Heath’s Row, aber größer als Grantworth House. Es lag in der Nähe des Hyde Park, und eine Mauer zog sich um das Grundstück, aber an der Rückseite grenzte es an einen schmalen Streifen des Parks. Die Nachbarhäuser waren wegen der ungewöhnlich breiten Grundstücke weit genug entfernt, sodass man sich ungestört fühlen konnte.

In dem Moment, als sich die Tür öffnete, roch sie Blut.

»Victoria!« Gwendolyn stand mit aufgerissenen Augen und gräulichem Gesicht, auf dem Tränen glitzerten, vor ihr. Ihr Haar war völlig zerzaust, und sie trug noch immer das Kleid, das sie gestern bei der Krönung angehabt hatte. »Du bist gekommen! Ich hatte Angst … ich hatte so eine Angst!« Sie klammerte sich verzweifelt an ihr fest und zog sie ins Haus. »Du musst uns helfen!«

Victorias Herz raste. Sie hatte es bereits geahnt, aber jetzt war sie sich ganz sicher.

Als Gwendolyn die Tür schloss, versuchte Victoria den durchdringenden Geruch nach Eisen, der in der Luft hing, zu ignorieren und einen klaren Kopf zu behalten. Und so konzentrierte sie sich auf den tröstlichen Pflock, der tief in ihrer Tasche steckte, auf ihre eigene vis bulla unter ihrer Kleidung und auf ihre Umgebung. Die Eingangshalle von Brodebaugh Hall war leer und dröhnte fast vor Stille. Im ganzen Gebäude war es ruhig.

»Wo sind sie?«, fragte sie, während sie gegen den Geruch des Blutes kämpfte, gegen das Entsetzen, das sie gepackt hatte, und gegen den rosigen Schleier, der sich vor ihre Augen legen wollte.

»Bist du allein gekommen?« Gwendolyn schniefte und schaute sich hektisch um. »Wie kannst du … wie …«

»Ich kümmere mich darum«, erklärte Victoria ihr energisch. »Wo sind die Dienstboten?«

»Sie sind alle weg«, erwiderte Gwendolyn angsterfüllt. »Sie haben … sie hat sie alle mitgenommen.« Wieder schaute sie über Victorias Schulter zur Tür hinaus, als erwartete sie, dort eine ganze Armee zu sehen. »Außer dir ist keiner mitgekommen? Aber, Victoria …«

Ihr reichte es jetzt mit dem hysterischen Getue. Victoria riss den Pflock aus der Tasche und stieß Gwendolyn gegen die Wand, ehe das Mädchen auch nur einen zweiten Atemzug tun konnte. Oder einen weiteren falschen Schluchzer von sich gab. Ihre Hand schloss sich um Gwens Kehle, und sie setzte ihr den Pflock auf die Brust. »Sag mir, wo sie sind, oder du wirst zu Staub.«

Gwendolyn ließ ihre Maske fallen. Ihr hübsches Gesicht, das von der häufigen Verwendung des Elixiers grau und müde geworden war, verzog sich zu einer bösartigen Grimasse. Ihre Augen traten hervor und wandelten sich innerhalb eines Moments von blau zu rot. »Woher hast du es gewusst?«

»Ich habe es schon eine ganze Weile vermutet«, sagte Victoria, während sie merkte, dass ihr Nacken angefangen hatte kalt zu werden. Gwen war also nicht der einzige Vampir im Haus. »Du warst immer da, wenn es zu einem Angriff am helllichten Tage kam. Ich konnte sehen, wie der Trank seinen Tribut an deinem Gesicht forderte, aber ich hielt es erst für Erschöpfung wegen der Heiratspläne.« Sie legte ihre Finger fester um Gwens Hals, sodass das Mädchen husten musste, und begann an ihrer Hand zu zerren, um sie wegzureißen. »Doch als ich gestern die Königin sah, erkannte ich, dass da ein bestimmter Schatten in den Augen eines Untoten liegt, der bei Tage umgeht. Bei allen war dieser Schatten zu sehen: bei James, Caroline, ihren Leibwächtern. Und bei dir.«

»James.« Gwen trat nach ihr, aber Victoria war vorbereitet gewesen.

Der kleine spitze Fuß, der voll untoter Kraft war, streifte das Bein nur, das er hatte treffen wollen. »Ihn hast du auch umgebracht! Du hast meinen Liebsten umgebracht!«

»So war das also.« Victoria wusste, dass sie wertvolle Zeit verschwendete, aber sie musste einfach mehr in Erfahrung bringen. Und die Gründe herausfinden. »Du hast ihm geholfen, dass er seinen Platz als Erbe von Rockley einnehmen konnte.«

»Ich hatte keine andere Wahl, da der andere, der erste, ja tot war. Ich wollte Phillip heiraten, und du hast ihn mir weggenommen. Ich hatte ihn zuerst gesehen, aber dann hattest du dein Debüt, und schon war er völlig in dich vernarrt. Ich hatte keine Chance mehr bei ihm.« Gwens Stimme war durch die Hand, die ihr die Kehle zudrückte, ganz rau, aber noch immer klang der Trotz durch. »Und dann James. Wir wären so glücklich miteinander geworden. Ewige Jugend! Und Reichtum.«

Victoria sah das Mädchen an, das ihre Freundin gewesen war, und fragte sich, wie eine so reizende junge Frau so böse hatte werden können.

Alles Böse beginnt im Ich.

»Du hattest also gar nicht vor, Brodebaugh zu heiraten?«

Gwen gab ein ersticktes Lachen von sich. »Oh doch, wir wollten heiraten. Und dann wäre er eines plötzlichen Todes gestorben, und ich hätte Trost in den Armen des Marquis’ von Rockley gefunden. Wir hatten das seit Monaten geplant!«

»Wie lange bist du schon untot?«

»Erst seit George aus Italien zurückgekehrt ist. Er brachte Malachai mit – du kennst ihn als James. Als ich ihn kennen lernte, wusste ich, dass die Tutela nicht genug für mich war. Ich wollte Unsterblichkeit.« Sie stieß ein krächzendes, bösartiges Lachen aus. »Ich wollte seit Jahren Rache an dir nehmen, Victoria Gardella … seit du den Mann geheiratet hast, den ich für mich haben wollte. Ich wollte dich schon letzten Sommer bei der Feier sterben lassen, als die Vampire sich Polidori holten. Aber du hast mit ihnen gekämpft. Du und dieser blonde Franzose.«

»Du stirbst durch das Elixier, Gwen. Hat Lilith dir das gesagt?«

Victoria spürte eher, denn dass sie es hörte, wie die Haustür hinter ihr leise geöffnet wurde. Die frische Luft, die dabei hereinströmte, war eine Erleichterung.

»Ah. Ich sehe, dein Verdacht hat sich bestätigt«, sagte Max. »Es befindet sich kein Mensch auf dem Grundstück. Alle Dienstboten scheinen weg zu sein. Und ich bin nicht gesehen worden, denn alle Fenster sind verhüllt.«

»Gut«, sagte Victoria.

»Du hast mich angelogen!«, kreischte Gwen. »Du bist doch nicht allein gekommen.«

»Ja, und es tut mir schrecklich leid.« Victoria bedachte sie mit einem eiskalten Lächeln und stieß ihr den Pflock in die Brust. Sie strich sich die Asche von den – natürlich – unbehandschuhten Händen und drehte sich zu Max um. Er hatte das Haar wieder zu einem festen Zopf zurückgebunden und war ganz angespannte Konzentration. »Ich hätte wahrscheinlich noch mehr Informationen aus ihr herausholen können, aber sie wurde allmählich langweilig. Es gibt hier einige Untote. Fünf oder mehr.«

Er nickte kurz, und zusammen durchquerten sie die Eingangshalle, während sie dem Geruch nach Blut folgten.

Am Ende eines Flurs kamen sie zu einer hohen zweiflügeligen Tür, vor der Max stehen blieb. Er griff nach Victorias Arm und drehte sie zu sich um. Ihr Herz begann heftig zu pochen. »Ich weiß, dass das hier deine Sache ist und wir einen Plan haben«, sagte er leise, »aber hör mir zu.« Seine Augen funkelten vor Entschlossenheit, und Victorias Mund wurde ganz trocken. Sie wusste, was er sagen wollte.

»Max, nein«, fing sie an, während die Wut schon hochkochte.

»Sei still«, sagte er mit immer noch leiser, aber jetzt schärferer Stimme. Der Griff um ihren Arm wurde fester. »Du musst mit Vioget hier raus. Ihr seid Gardellas. Das ist das Wichtigste.«

»Wir haben einen Plan«, fing sie an, aber ihr Widerspruch wurde vom schmerzerfüllten Schrei eines Mannes unterbrochen. Er kam aus dem Raum, vor dessen Tür sie standen. Beide drehten sich um, und Max ließ sie los.

Es war keine Zeit mehr zum Reden.

Wie schon zuvor blieb Max außer Sichtweite und hielt sich damit erst einmal an ihren Plan. Victoria war diejenige, die die beiden Türflügel aufriss und kühn in den Raum trat.

Der Blutgeruch war wie eine Wand, gegen die sie prallte. Er stieg ihr in die Nase und legte sich auf ihre Lunge.

»Endlich ist unser Gast eingetroffen. Benvenuto

Sara, natürlich. Sie stand auf der anderen Seite des Raumes direkt gegenüber der Tür. Ein strahlendes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das Haar war perfekt frisiert, und ihr schlichtes, doch modisches hellgrünes Tageskleid war aus Batist. Es waren Blutflecken darauf.

»Cara mia, Victoria«, rief sie mit schockierter Stimme, während sie Victorias Tunika und die Hosen in Augenschein nahm. »Was haben Sie denn da an? Das ist abominevole

Victoria ließ den Blick schnell durchs Zimmer schweifen. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ den roten Schleier vor ihren Augen hochschießen, sodass einen schrecklichen Moment lang alles in Blut getaucht zu sein schien. Sie konzentrierte sich auf das Gefühl, den Pflock in der Hand zu haben: seine Kanten, das glatte Holz, das oben eingearbeitete Kreuz. Durch die geistige Anspannung verflüchtigte sich der Nebel, und nur ein Anflug von Rosa blieb übrig.

Das Zimmer wurde wahrscheinlich als kleiner Ballsaal oder für Musikveranstaltungen genutzt. Ein großer Raum mit glänzendem Parkett und nur sparsam mit Möbeln ausgestattet. Die Fenster waren verhängt, damit kein Sonnenlicht eindringen konnte. Doch es brannten mehrere Lampen, sodass es kein bisschen dunkel war und alle abstoßenden Einzelheiten deutlich zu erkennen waren.

Links standen Brodebaugh und George Starcasset zusammen mit vier oder fünf Vampiren mit blitzenden roten Augen – sie hatte keine Zeit, sie zu zählen. George und der Earl saßen in einander gegenüberstehenden Sesseln. Brodebaughs Gesicht war voller Blut und seine Kleidung völlig derangiert. George dagegen schien ganz und gar uninteressiert an seiner Umgebung zu sein und trug eine gelangweilte Miene auf seinem jungenhaften Gesicht zur Schau. Zwei Vampire standen dicht neben ihm. Doch es war nicht diese Szene, die Victoria später Alpträume bescheren sollte.

Auf der anderen Seite des Raumes waren Sebastian und Kritanu, neben denen ebenfalls Untote standen; sie waren erst zu sehen, als sie eintrat. Die beiden Männer saßen auf Stühlen an den gegenüberliegenden Seiten eines rechteckigen Tischs. Ihre Körper waren zur Tür hin ausgerichtet und mit kreuz und quer laufenden Seilen am Stuhl festgebunden, sodass sie sich nicht rühren konnten. Kritanu war auf seinem Stuhl zusammengesackt und nach vorn gesunken und wurde nur noch von den Seilen gehalten. Der Vampir, der neben ihm stand, hatte ein großes Messer in der Hand. Die Klinge war blutig.

Sebastian sah Victoria mit vor Wut verzerrtem Gesicht an. Bisswunden von Reißzähnen, viele Bisswunden bedeckten seinen Hals und einen Teil seines Arms, bei dem der Ärmel hochgeschoben worden war. Sein Gesicht war bleich. Genau wie bei Kritanu war auch seine Hand, die dichter am Tisch war, darauf festgebunden. Eine Blutlache hatte sich auf der Tischplatte gebildet und tropfte von der Kante auf den Teppich. Victoria riss sich von dem Anblick los. Doch den Stumpen, wo vorher Kritanus Hand gewesen war, hatte sie schon gesehen. Er war noch hell von frischem Blut.

»Verschwinde von hier, du verdammte Närrin«, brüllte Sebastian mit angeschwollenen Schläfenadern. Von seinem Charme, dem Selbstvertrauen, dem unbezähmbaren Funkeln in seinen Augen war nichts mehr zu sehen. Er war voller Blut und dreckig, seine Kleider zerrissen, und das Haar hing ihm ins Gesicht. Nur die Stelle, wo man ihm die Strähne abgeschnitten hatte, war frei. Die Hand, die auf dem Tisch festgebunden war, lag neben einem dunklen Fleck.

»Silenzio«, sagte Sara mit einem koketten Lächeln. »Seien Sie dankbar, dass sie Sie mit ihrem Kommen davor bewahrt hat, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Ihr compagno eccellente.« Sie sah Kritanu an, der durch den Schmerz oder den Blutverlust das Bewusstsein verloren hatte, während sie die Lippen zu einem Schmollmund verzog und leise mit der Zunge schnalzte. »Er ist so ruhig seit dem letzten Messerhieb.«

Victoria schluckte krampfhaft und würgte wegen des Geschmacks in ihrem Mund. Bleib ruhig. Atme tief durch. Kämpfe gegen den roten Schleier. Denk an die vis. Deine vis. »Ich bin da. Was wollen Sie von mir?«

»Grazie, dass Sie auf meine Nachricht reagiert haben«, erwiderte Sara kindlich unbefangen mit großen braunen Augen. »Ach, und … mi dispiace, dass keine Dienstboten da sind. Und es war wohl auch keiner da, um Sie an der Tür in Empfang zu nehmen? Sie sind alle entlassen worden. Für immer. Lilith wünschte ihre Gesellschaft … zum Abendessen.« Sie kicherte, aber Victoria sah noch nicht einmal den Anflug von Erheiterung – oder Wahnsinn – in ihren Augen. Sie war sehr klar und sehr entschlossen. Victoria wurde von eiskalter Furcht gepackt. »Das hat die Vorbereitung unserer Mahlzeiten sehr difficile gemacht. Naturalmente für uns, die wir uns nicht von Blut ernähren.« Dann schaute Sara sich ostentativ um und gab sich verwirrt. »Aber wo ist denn Ihr lieber Freund?«

»Das hier sind meine Freunde«, erwiderte Victoria. Sie sah Sebastian und Kritanu an. »Und Sie werden dafür bezahlen, was Sie ihnen angetan haben. Lassen Sie sie frei, sonst werden Sie sterben.«

»Aber was ist denn mit Ihrer amica Gwendolyn? Das dumme Ding sollte Sie an der Tür in Empfang nehmen. Es kann doch nicht sein, dass sie bei dieser Aufgabe versagt hat. Es war so leicht.«

»Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Gwen nur noch ein Haufen Asche ist.«

»Sie haben meine Schwester umgebracht?«, brüllte George. »Wie können Sie es wagen!«

»Silencio«, befahl Sara, »habe ich dir nicht gesagt, dass sie nach Lust und Laune mordet? Nach dem, was sie Papa angetan hat …« Sie sah Victoria aus schmalen Augen an. »Davvero. Sie sind eine ganz Schlaue. Kein Wunder, dass er Sie liebt.«

»Genau wie Sie. Schlau genug, um zu wissen, dass Sie zu weit gegangen sind. Lassen Sie sie jetzt frei, und es wird nicht so schlimm werden für Sie.«

»Und so sind Sie zu ihrer Rettung herbeigeeilt – da sola.« Sara kicherte, während sie zu dem Vampir ging, der neben Kritanu stand. »Wie schwer muss es für solche fusti wie die hier sein zu wissen, dass Sie – eine Frau – sie retten muss. Eine Schande ist das. Aber Sie haben es versäumt, etwas im Austausch mitzubringen. Jetzt werde ich gezwungen sein, mit il mio divertimento fortzufahren. Und das könnte sehr … inconveniente für Ihre Freunde werden.« Sie nahm dem Vampir das große Messer ab, lächelte Victoria an und trat neben Sebastian.

Ihre Hand legte sich auf seinen Kopf, als würde sie eine Katze oder einen Hund streicheln, dann glitt sie auf seine Schulter und weiter nach unten, wo sie den Arm packte, der am Tisch festgebunden war. Sie schaute zu Victoria auf, und ihre braunen Augen funkelten vor Vergnügen. »Haben Sie ihn je schreien gehört?«

»Halt. Sie können mit dem Spiel aufhören. Ich bin hier. Was wollen Sie?« Victorias Mund war so trocken, dass sie die Worte kaum aussprechen konnte. Der Pflock steckte nutzlos in ihrer Tasche.

»Victoria, du Dummkopf!«, brüllte Sebastian plötzlich. »Du musst gehen.«

Die Klinge blitzte auf, als Sara sie hochriss. Sie sah Victoria immer noch an. »Was haben Sie mir anzubieten? Pronto! Ehe ich mit meiner Geduld am Ende bin.«

»Einen der Ringe von Jubai«, sagte Victoria schnell. »Lilith wird begeistert sein, wenn Sie ihn ihr zurückbringen. Sie wird Sie großzügig belohnen.«

Die Klinge schwankte. Ein Schweißtropfen lief über Sebastians Gesicht, trotzdem sah er sie finster an. Im Raum war es still. Wo war Max? Wenn er nicht bald für eine Störung sorgte …

»Ich weiß nicht, was das ist.« Aber Sara war interessiert, und Victoria war froh, dass sie ihre Aufmerksamkeit hatte. Halt die Klinge oben.

»Es gibt fünf davon. Sie sind aus Kupfer. Einer ist im Besitz der Venatoren, und ich kann ihn holen, um ihn gegen Kritanu und Sebastian – denen kein weiterer Schaden zugefügt wird – einzutauschen.«

»Woher soll ich wissen, dass Sie mich nicht anlügen?« Die Klinge zitterte, und Victoria hielt den Atem an.

»Fragen Sie sie.« Sie deutete auf die Vampire, die um Brodebaugh herumstanden, offensichtlich, um ihn zu bewachen. Nach seinem Ausbruch hatte George nichts mehr gesagt. Das Ganze war allein Saras Spiel.

Eine der Untoten, ironischerweise eine Frau, nickte, als Sara sie anschaute. »Beschreiben Sie den Ring«, sagte die Untote.

Schnell kam Victoria der Aufforderung nach, wobei ihr Blick die ganze Zeit an der Klinge hing.

»Wo ist dieser Ring?«, fragte Sara.

»Sebastian hat ihn geholt. Er weiß, wo er ist.« Warum dauerte das so lange?

Sara schaute sie voller Abscheu an. »Sie erwarten, dass ich ihn freilasse, damit Sie den Ring holen können?«

In dem Moment – endlich! – ertönte ein Knall aus dem anderen Zimmer und erschreckte die Anwesenden. Die beiden Fenster an der Wand zerbarsten, und Glasscherben flogen durch die Luft. Sonnenlicht strömte durch die zerrissenen Vorhänge. Und dann brach das Chaos aus. Neben ihr stürzte ein Vampir sich unter Schmerzen windend zu Boden. Die Haut löste sich in Streifen von seinem Körper, während er sich in den hereinströmenden Sonnenstrahlen krümmte.

Das Chaos war nicht mehr aufzuhalten – Sara kreischte in einem Mischmasch aus unterschiedlichen Sprachen, während sie ihr Messer schwang und scharfe Befehle brüllte. Zwei Vampire stürzten sich auf Victoria, während sie zu Sebastian raste und dabei den Pflock aus ihrer Tasche zerrte. Sie stieß dem einen den Holzstab in die Brust, verfehlte zwar das Herz, aber trotzdem wurde er langsamer, sodass sie zum Tisch springen konnte, als die Klinge aufblitzte.

Als Victoria Sara zu Boden stieß, spürte sie, wie das Messer in ihren Arm schnitt. Blut schoss aus der Wunde – ihr Blut, dessen Geruch ihr in die Nase stieg, sodass plötzlich alles in rotes Licht getaucht war. Die kleine Frau, die unter ihr lag, hatte Victorias Kraft nichts entgegenzusetzen. Ein einziger Stoß gegen die Brust genügte, damit sie das Messer fallen ließ und bewusstlos zu Boden sank.

Keuchend riss Victoria sich von der Frau los, die sie hasste, während sie hastig zwinkerte, um den roten Schleier zu vertreiben, ihn zu verdrängen, als plötzlich etwas Schweres, Lebendiges auf ihrem Rücken landete und sie zu Boden schleuderte.

Victoria reagierte sofort, rollte sich weg und packte den Vampir von hinten, um seinen Griff zu lösen, während er mit Zähnen und Klauen über sie herfiel. Der Geruch von ihrem Blut … Sebastians … Kritanus … war überall, beeinträchtigte ihre Sicht und lag sogar auf ihrer Zunge. Sie wurde zu einem Taifun, einem Mahlstrom aus Tritten und Schlägen, aus rasender Wut. Sie trat um sich, stach zu, kratzte und benutzte ihre Ellbogen, bis sie endlich frei war. Sie griff nach dem Messer, das Sara fallen gelassen hatte, und kam hoch.

Endlich war auch Max da. Er keuchte, und sein Haar hatte sich aus dem Zopf gelöst. Den Blutspuren auf seinem Gesicht nach zu urteilen, hatte auch er recht erfolgreich gekämpft. Während Victoria sich daran machte, Sebastian loszubinden, sah sie, dass Max sich auf den letzten Vampir stürzte und ihm einen Pflock mitten in die Brust stieß. Sogar ohne die Kraft, die einem die vis bulla verlieh, war er ein vernichtender Vampirjäger.

Sie schnitt an Sebastians Fesseln, als sie plötzlich einen leisen Fluch hinter sich hörte. Die Nackenhaare stellten sich ihr auf, und als sie sich umdrehte, sah sie Max wie erstarrt und mit verzweifelter Miene da stehen. Er sah an ihr vorbei, und langsam drehte sich Victoria um.

Sara konnte kaum stehen, aber die Pistole in ihrer Hand schwankte nicht. Sie drückte sie in Kritanus Rücken … genau an die Stelle, wo Hals und Schulter sich trafen. »Bisogna negotiare.« Die Tatsache, dass sie Italienisch sprach, zeigte, in was für einem Zustand sie sich befand. Trotzdem hatte sie die Pistole in der Hand, und Victoria war machtlos, außer sie riskierte, dass Kritanu auf der Stelle starb.

»Wir verhandeln. Den Ring von Jubai: Sie werden ihn mir bringen, wenn es ihn wirklich gibt«, erklärte Sara mit immer kräftiger werdender Stimme. »Maximilian wird uns begleiten. Ich bin sicher, dass Lilith sehr erfreut sein wird, ihn zu sehen, und sich mir gegenüber entsprechend dankbar zeigt. George.« Sie warf einen Blick in Richtung ihres Gefährten, der während der heftigen Auseinandersetzung aus seinem Sessel aufgesprungen war, wahrscheinlich um nicht mit in den Tumult hineingezogen zu werden; denn er war eher jemand, der der Tutela diente, als dass er für sie gekämpft hätte. »Du passt auf ihn auf.« Mit einem Ruck ihres Kopfes deutete sie auf Max.

Jetzt erst bemerkte Victoria, dass Brodebaugh in seinem Sessel in sich zusammengesackt war und sein Kopf sich in einem unnatürlichen Winkel zum Körper befand. Er würde niemandem eine Hilfe sein … nie wieder. George setzte sich auf Saras Worte hin bereitwillig in Bewegung und kam auf Max zu. »Ich werde ihm die Hände fesseln.«

»Nein«, sagte Sara mit durchtriebenem Blick. »Nein, er trägt seinen Freund. Als zusätzliche Sicherheit.« Auf ihrem Gesicht lag dieses kalte Lächeln. »Es könnte ihm egal sein, was aus ihm wird, aber er würde den alten Mann nicht der Gefahr aussetzen, dass ihm etwas passiert.«

Zumindest darin stimmte Victoria Sara zu, wie schwer ihr das auch fallen mochte. Denn ein Mann wie Max, der sich eher das Leben nehmen würde, als wieder Liliths Willen unterworfen zu sein, würde auch dann einen Fluchtversuch wagen, wenn eine Pistole auf ihn gerichtet war. Aber er würde keinen anderen in Gefahr bringen, vor allem nicht Kritanu.

Victoria bekam den Befehl, George das Messer zu geben, der es dann an Max weiterreichte – wahrscheinlich damit sie und Max keine Gelegenheit bekamen sich auszutauschen. Es war Max, der Kritanu schließlich losschnitt. Unter Saras wachsamen Blicken und mit auf ihn gerichteter Pistole legte er sich den alten Mann so sanft wie möglich über die Schulter. Auch er hatte Bisswunden am Hals und an allen Stellen, wo die Haut zu sehen war. Aus dem Stumpen strömte immer noch Blut, und Kritanu stöhnte leise. Er hatte viel Blut verloren … und verfügte auch nicht über Venatorenkräfte, obwohl er ein kleines Amulett trug, das ihn etwas vor den Untoten schützte.

»Also.« Sara stellte sich mit ihrer Pistole neben die beiden Männer und sah Victoria an. »Sie haben zwei Stunden, um Lilith den Ring zu bringen, wenn es ihn tatsächlich gibt. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass Sie allein kommen sollen, oder?«

»Und wenn ich den Ring bringe, geben Sie mir Max und Kritanu?«, fragte Victoria, die sehr wohl wusste, dass Lilith Max niemals freiwillig gehen lassen würde.

»Seien Sie nicht so gierig. Im Austausch für den Ring dürfen Sie einen wählen, der dann freigelassen wird. Allerdings kann ich nicht dafür garantieren, dass die beiden unversehrt bleiben. Zwei Stunden sind eine ziemlich lange Zeit.« Sie lächelte wieder, und wie schon zuvor wirkte sie ganz ruhig und klar. Es war auch nicht ein Anflug von Wahnsinn zu spüren. Nur kühle Berechnung. »Und der alte Mann wird bei seiner Ankunft wohl ein bisschen Aufmerksamkeit erregen.«

Die Botschaft war deutlich, und Victorias Magen zog sich zusammen. Die Vampire würden sich sofort auf Kritanu stürzen, wenn sie ihn sahen. Sie sah Max an und erkannte das Begreifen in seiner Miene. Er dagegen würde relativ sicher sein.

Bis Lilith ihn in die Finger – und zwischen die Zähne – bekäme.

Victorias Mund wurde trocken. Die Entschlossenheit, die er ausstrahlte, sagte ihr, dass er den Ring bei der ersten sich bietenden Gelegenheit benutzen würde. Sogar bevor sie die Gelegenheit bekam, mit einem Tauschobjekt wiederzukehren. Und selbst dann war es schwerlich vorstellbar, dass Lilith alle freiließ … nicht einmal für den Ring.

»Nehmen Sie mich stattdessen«, sagte Victoria plötzlich ganz ruhig. Sie war diejenige, die zwei vis bullae trug. Sie war diejenige, die am besten gerüstet war, um sich die Vampirkönigin vom Hals zu halten. Sie war diejenige, die um ihre Seele kämpfte. Und diejenige, die den Geheimgang kannte. »Bringen Sie mich zu Lilith.«

»Nein!«, riefen Max und Sebastian gleichzeitig.

Aber Victoria achtete nicht auf sie. Nicht einmal als Sebastian an,Tisch und Stuhl rüttelte, an denen er festgebunden war, und brutale Gewalt benutzte, um freizukommen. Sie sah Sara an. »Ich bin wertvoller als er«, meinte sie und deutete mit dem Kopf auf Max. »Er ist jetzt nutzlos und schwach. Ohne seine Kraft wird Lilith ihn nicht haben wollen. Ich dagegen bin Illa Gardella.«

Sara starrte sie an, und man sah, wie es in ihr arbeitete. »Eine interessante Vorstellung.«

»Victoria, nein!« Sebastian stieß noch fester gegen den Tisch. Blut plätscherte auf den Boden. »Sei kein Narr. Victoria.« Sein letztes Wort war ein unter Qualen hervorgestoßener Befehl, der in der angespannten Stille, die sich über den Raum gelegt hatte, widerhallte.

Und dann … »Verflucht seist du«, sagte Max. Er sagte es sehr leise, als hätte er keinen Atem es auszusprechen. Seine Augen waren fast schwarz, und sie konnte sehen, wie sich seine Arme anspannten, als er Kritanu zurechtrückte. »Du kannst nicht so dumm sein.«

»Ich kann den Ring nicht ohne deine Hilfe zurückholen«, warf Sebastian plötzlich ein. »Du musst mitkommen. Ich bin zu schwach, um ihn allein zu holen.«

Victoria konnte sehen, wie sich ein berechnender Ausdruck auf Saras Gesicht legte, konnte förmlich sehen, wie ihr Verstand raste. Was würde sie in Liliths Gunst mehr steigen lassen, wodurch würde sie am meisten Macht erringen?

Victoria schaute keinen ihrer Gefährten an, sondern wartete ab.

»Wenn Sie so versessen darauf sind, mit ihnen die Plätze zu tauschen«, meinte Sara schließlich und sah sie mit einem freudigen Schimmern in den Augen an, »dann bin ich sicher, dass Sie tatsächlich mit dem Ring wiederkommen. Und bestimmt können wir dann auch Ihrem Wunsch entsprechen, dass Sie die Plätze mit ihnen tauschen.« Sie bedachte sie mit einem strahlenden Lächeln. »Sie haben zwei Stunden.«

Victoria sah Max an, obwohl ihre Worte für Sara bestimmt waren. »Ich werde den Ring bringen. Ich werde wiederkommen.«

Nachdem Sara und George zusammen mit Max, der Kritanu auf der Schulter trug, gegangen waren, kehrte Victoria an Sebastians Seite zurück, um seine Fesseln zu lösen. Noch ehe sie ihn ganz losgebunden hatte, riss er seine nicht verstümmelte Hand hoch und packte ihren Arm. »Was zur Hölle hast du dir eigentlich dabei gedacht?«, fragte er und schüttelte sie. »Wie konntest du so etwas tun?«

»Es hat nicht funktioniert, oder?«, erwiderte sie scharf, während sie weiter an seinen Fesseln säbelte.

Mein Gott, sie hatten ihm aber auch gar keine Chance gelassen, sich zu befreien. Die Stricke lagen so fest um seine Brust, dass sie sich fragte, wie er überhaupt atmen konnte. Und dann all das Blut, das aus den verschiedenen Wunden strömte. Ihr Magen drehte sich um, als sie sich an Saras Blick erinnerte. Sie hätte alle beide abgeschlachtet … Stück für Stück. Sie band Sebastians linke Hand los, die ganz blutig war und bei der die Hälfte vom kleinen Finger fehlte. »Es tut mir so leid, Sebastian.« Sie hob sie an ihr Gesicht, und Sebastians Finger schlossen sich um ihre Hand.

»Es ist nichts«, sagte er. »Sie hat sich nicht die wichtigen Körperteile geholt.« Sein Lächeln war ein bisschen schief, aber trotzdem ernst gemeint. »Das ist nur ein Tribut an meinen so lange in Frage gestellten Heldenmut.« Er schaute zu ihr auf, und auf seinem geschundenen Gesicht begannen sich bereits die Prellungen abzuzeichnen. »Du willst ihr doch nicht tatsächlich den Ring bringen.«

»Natürlich will ich, Sebastian!« Es entsetzte sie, dass er so etwas überhaupt in Erwägung zog, und sie wich einen Schritt vor ihm zurück. »Ich hätte gleich mitgehen sollen.«

»Bist du jetzt völlig von Sinnen? Du bist Illa Gardella!« Er kam geschmeidiger hoch, als sie erwartet hätte, und stellte sich dicht vor sie. Seine Augen funkelten golden, als er ihre Schultern umfasste. »Was wird aus den Venatoren, wenn du stirbst oder gefangen genommen wirst? Du kannst da nicht hin.« Er zog sie an sich. Er roch nach Blut, Schweiß und Sebastian. »Du kannst da nicht hin.«

»Ich bin Illa Gardella, ja. Und als diese ist es meine Pflicht zu beschützen.« Sie stieß den Stuhl um. Ein Lederriemen klatschte leise auf den Boden, während die Worte in ihrem Kopf widerhallten.

Die Pflicht zu beschützen.

Wahrlich … die Pflicht zu beschützen, auch wenn es nicht leicht war. Wenn die Wahl schwer fiel. Wenn es im Grunde gar keine andere Möglichkeit gab. Darum ging es.

Konnte sie es tun? Konnte sie in so selbstloser Weise die Sterblichen beschützen, für deren Sicherheit sie die Verantwortung trug? Auch wenn es jemand war, den sie hasste und verabscheute?

Es war leicht gewesen, so leicht, sich für Max und Kritanu anzubieten. Sie hatte kurz etwas in Max’ Gesicht aufblitzen sehen, als Sara die Pistole hervorholte: Er war fast krank gewesen vor Furcht. In dem Moment hatte er gewusst, welches Schicksal ihn erwartete. Und es war nicht die Furcht vor dem Sterben gewesen, die sie auf seinem Antlitz gesehen hatte, sondern das Wissen, dass Lilith ihn wieder in die Finger bekommen würde. Und dieses Mal würde er ohne die Kraft seiner vis bulla nicht in der Lage sein, ihrem Bann zu widerstehen.

Victoria wusste, dass Kritanu es nicht überleben würde. Lilith hatte keinen Nutzen von ihm, und die Vampire würden seinem Blut nicht widerstehen können. Würde Max den silbernen Ring benutzen, wenn Kritanu tot war, um sich ihm anzuschließen? Sie musste zu ihm, ehe er es tat.

Sebastian schien ihre Gedanken gelesen zu haben. »Victoria, Kritanu ist so gut wie tot. Und ebenso Pesaro. Dafür wird er selber sorgen.«

»Wo ist der Ring?«

Er seufzte, drückte sie kurz fester an sich und ließ sie wieder los. Dann strich er ihr mit der verletzten Hand über die Wange, während er versuchte zu lächeln. Doch es gelang ihm nicht. Seine Finger zitterten. »Ich hätte wissen müssen, dass du nicht auf mich hören wirst. So bist du. Das bist du geworden: Du hast dich von einem selbstsüchtigen Mädchen der feinen Gesellschaft, das vergeblich versuchte, sich als Mann zu verkleiden und ein Doppelleben zu führen … in das hier verwandelt. Und ich liebe den Menschen, der du bist, Victoria. Ich habe noch nie eine faszinierendere und intelligentere Frau als dich kennen gelernt.«

Eine Woge aus Schuldgefühlen und Zuneigung schwappte über sie hinweg, und sie holte Luft, um etwas zu sagen. Doch er schüttelte den Kopf, so wie Max es auch getan hätte. »Nicht. Lass uns den Ring holen. Und hoffen, dass Brim und Michalas bald da sind.« Er ließ sie los und trat zurück. Sein charmantes Lächeln war etwas zittrig. »Aber vielleicht sollten wir erst einmal einen Plan machen.«

Erleichtert, dass sie sich auf die Rettung konzentrieren konnte, erwiderte Victoria sein Lächeln mit einer etwas grimmigeren Variante. »Ich habe bereits einen Plan.«