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Glückwünsche zur Eroberung trafen von allen europäischen Mächten ein. In Rom hielt der neu gewählte spanische Papst, Rodrigo Borgia, jetzt als Alexander VI. bekannt, eine Prozession mit Messe in der Basilika Sankt Peter ab und verlieh uns den Ehrentitel »Katholische Monarchen, Verteidiger des Glaubens«.

So dankbar ich auch für die Huldigungen war, lag mir doch vor allem daran, dass das normale Leben so bald wie möglich zurückkehrte. Zehn Jahre Krieg waren zu Ende; jetzt galt es, die Heilung und das Zusammenwachsen unserer Nation einzuleiten, für die Zukunft unserer Kinder zu sorgen und den Ruhm der Kirche zu festigen. Sobald ich mich in der Alhambra eingerichtet hatte, widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit meinen Kindern. Sie mussten auf die Rolle, die sie eines Tages übernehmen würden, vorbereitet sein.

Insbesondere Juana bedurfte strenger Aufsicht. Ihre beeindruckenden Lernerfolge wurden überschattet von ihrem rebellischen Wesen und ihren eigenbrötlerischen Ausflügen in die Gärten, zu welchen sie die kleine Catalina mitschleifte, um sich dort auf alles zu stürzen, was ihre Neugier weckte. Auch Isabél bereitete mir weiterhin Sorgen. Zwar hatte sie sich von den schlimmsten Exzessen ihrer Trauer erholt, beharrte aber immer noch darauf, dass sie sich am besten für ein Leben hinter heiligen Mauern eigne. Gesprächen über eine zweite Ehe verweigerte sie sich, obwohl Portugal ihr einen neuen Gemahl angeboten hatte, diesmal in Gestalt des Onkels ihres verstorbenen Mannes.

María dagegen war Balsam für meine Seele, ein fügsames Kind, das in keiner seiner Aufgaben herausragte oder enttäuschte. Und Juan, mein wertvoller Junge, wurde zu meinem Hauptanliegen, denn ich vermutete, dass ich kein weiteres Kind mehr gebären würde. Meine Monatsregel blieb inzwischen fast vollständig aus. Folglich ruhten jetzt unsere Hoffnungen für die Dynastie allein auf Juans schmalen Schultern. Er würde der erste König sein, der unser vereintes Reich regierte, und ich überwachte seinen täglichen Unterricht persönlich, um dafür zu sorgen, dass er später die komplexe Kunst, ein Monarch zu sein, beherrschte.

Allerdings war mir mit der Regelung der Angelegenheiten im Palast lediglich eine kurze Atempause vergönnt. Nur Wochen nach der Einnahme der Alhambra erreichte uns die Nachricht, dass unsere jüdischen Geldgeber dringend um eine Audienz ersuchten.

Als sie vor mich traten, die bärtigen Gesichter von Sorgen durchfurcht, die Kleider vom langen Ritt verstaubt, wappnete ich mich schon für das Schlimmste. Inzwischen musste sie die Nachricht erreicht haben, dass Torquemada neuerdings von einem jüdischen Komplott redete, mit dem das Ziel verfolgt werde, den Widerstand der conversos zu stärken und die Inquisition zu entmachten. Auch mussten sie von den Aufständen in Kastilien und Aragón gehört haben, bei denen ihre Glaubensbrüder angeblich christliche Kinder gekreuzigt und noch andere Gräueltaten begangen hatten. Und wie Mendoza prophezeit hatte, beließ es Torquemada nicht bei diesen schändlichen Berichten, sondern erneuerte auch seinen Antrag, dass ich ein Edikt mit der Forderung nach der Konvertierung jedes einzelnen Juden erlassen solle, das ihnen bei Nichtbefolgung die völlige Enteignung und die Vertreibung aus meinem Land androhte.

Ich glaubte nicht ein Wort davon, auch wenn ich vor der Öffentlichkeit die von mir erwartete Betroffenheit zur Schau gestellt hatte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie einen Juden jemandem Leid zufügen und schon gar nicht, unserem Erlöser zum Hohn, Kleinkinder umbringen sehen. Andererseits konnte ich nicht länger leugnen, dass die Spannungen, die sich im Laufe von Jahrhunderten des Misstrauens gegen die Juden aufgebaut hatten – und die schon immer unter der Oberfläche unserer viel gerühmten Tradition des Zusammenlebens geschwelt hatten –, jetzt mit dem Fall Granadas und der Vereinigung unseres Reichs ihren Siedepunkt erreicht hatten. An allen Ecken und Enden des Landes, erklärte Torquemada, würden fromme Christen zum Sturm auf die Gettos blasen, um die Geschäfte zu plündern und die Bewohner der Häuser bei lebendigem Leib auf die Straßen hinunterzuwerfen. Sie wollten keine Juden mehr in ihrer Mitte sehen, behauptete mein Großinquisitor. Die Zeit der Duldung der Mörder Christi sei in Spanien zu Ende.

Auch wenn ich keine Beweise hatte, glaubte ich, dass diese angeblichen Aufstände Teil von Torquemadas Bestreben waren, Fernando und mich vor sich herzutreiben. Seine Spione, die sich jetzt unter dem Deckmantel der Inquisition in ganz Spanien ausgebreitet hatten, erzeugten einen wahren Hexenkessel der Angst mit dem Ziel, mich zu einer Entscheidung zu zwingen, die zu treffen ich mich bisher geweigert hatte. Allein schon die Vorstellung, dass Torquemada glaubte, er könne mich auf solche Weise manipulieren, versetzte mich in Wut. Doch egal, ob manipuliert oder nicht, ich musste mich mit der letzten Konsequenz befassen. Es war nicht mehr möglich, die drohenden Unruhen einfach zu ignorieren, um ein Volk zu schützen, das unseren Glauben nicht teilte.

Als ich allerdings diese sechs geduckten Männer sah, die den weiten Weg aus Kastilien gekommen waren, um uns zu sprechen, die uns Millionen für unseren Kreuzzug geliehen hatten und immer noch meine heiß geliebten Juwelen als Pfand in Händen hielten, spürte ich auf einmal die Last ihrer Befürchtungen, als wären sie meine eigenen. Der Tag fiel mir wieder ein, an dem ich vor Jahren schon einmal mit dieser Zwangslage konfrontiert gewesen war und sie nicht gelöst hatte. Damals war es mir vermessen erschienen, unsere jahrhundertealte Politik der Toleranz aufzuheben.

Als sich der alt gewordene Rabbi Señeor verneigte und ich die mit blauem Samt bezogene Schatulle mit meiner Halskette für die Hochzeit in seinen knotigen Händen erkannte, erinnerte ich mich wieder an Talaveras Worte:

Die Stunde der Rechenschaft ereilt jeden. Wir können ihr nicht entkommen, sosehr wir das auch bedauern mögen.

Rabbi Señeor hob die Stimme, die nach der strapaziösen Reise dünn und schwach war. »Wir treten vor Euch, um Eure Majestäten zu bitten, dem Antrag des Großinquisitors auf unsere Vertreibung aus diesem Reich kein Gehör zu schenken. Wie Ihr wohl wisst, haben wir seit jeher Eure Politik mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt. Bitte sagt uns, was Ihr von uns, Euren immer treuen und demütigen Untertanen, wünscht. Worum Ihr auch bittet, es wird Euer sein.«

Fernando warf mir einen scharfen Blick zu. Sein Rücken hatte sich schon versteift, als die Männer auf unser Podest zugetreten waren, und sein Gesicht hatte einen abweisenden Ausdruck angenommen, wie es bisweilen geschah, wenn er sich persönlich angegriffen fühlte. Er hatte die Verschärfung der Inquisition unterstützt, und ich vermutete, dass er keine allzu freundlichen Gefühle den Juden gegenüber hegte, obwohl sie es waren, die den Staatsschatz hüteten. Wie würde er sich jetzt verhalten?

»Wir wollen nicht mehr als die Unterwerfung unter unsere Entscheidung«, sagte er abrupt. »Sosehr wir es bedauern, die Zeit ist gekommen, Eure Treue über materielle Güter hinaus zu beweisen.«

Sein unheimliches Echo auf Talaveras Spruch erschreckte mich. Das hatte ich nicht erwartet und Señeor ebenso wenig. Der Rabbi erbleichte. »Majestad«, sagte er, an mich gewandt. »Wir bitten Euch als unsere Königin. Wir sind so viele und doch so machtlos. Wir appellieren an Eure tiefere Weisheit.«

Das war ein Fehler. Nichts konnte Fernando zu größerer Wut reizen, als zu meinen Gunsten verschmäht zu werden. Bevor ich antworten konnte, deutete Fernando mit dem Finger auf den Rabbi. »Glaubst du etwa, mich verleugnen zu können?«, knurrte er mit bedrohlich leiser Stimme. »Auch ich bin hier Herrscher. Mein Herz liegt in den Händen unseres Herrn. Und Er, Er allein ist es, vor dem ich mich zu verantworten habe.«

»Fernando«, murmelte ich, »bitte lass uns sie anhören.« Während mein Gemahl sich auf seinem Thron zurücklehnte, das Gesicht weiß wie die Wand, ermunterte ich den Rabbi: »Worum möchtet Ihr uns bitten, Don Señeor?«

Er deutete hastig auf die schwarz gekleideten Gestalten hinter ihm, aus deren Mitte nun ein junger Mann mit kantigem Gesicht und von Sorgen überschatteten braunen Augen vortrat. Das war Rabbi Meir, Señeors Schwiegersohn und ebenfalls ein vertrauter Finanzier unseres Hofes.

»Geh«, forderte Señeor ihn auf, »hol sie.«

Meir und zwei andere hasteten hinaus. Sekunden später kamen sie mit einer großen Truhe zurück, die sie bis zum Fuß des Podests schleiften. Rabbi Meir sperrte das massive Schloss über dem Deckel auf und klappte ihn nach oben. Mehrere mit Fäden verschnürte und mit rotem Wachs versiegelte Säcke kamen zum Vorschein.

»Dreißigtausend Dukaten«, erklärte Señeor, während die anderen zurücktraten. »Gesammelt von unseren Brüdern, um die Schulden Eurer Majestäten zu begleichen. Außerdem haben sich unsere Wucherer bereit erklärt, alle Eure Darlehen zu streichen und Euch Euren Schmuck zurückzugeben, ohne eine Entschädigung zu erwarten.«

Meine Kehle war plötzlich wie ausgetrocknet. Erneut wanderte mein Blick zu Fernando. Ein Zucken an seiner Schläfe verriet mir, dass ihre Worte ihn berührt hatten. Religiöse Erwägungen hin oder her, wir waren verarmt, und zwar noch viel tiefer, als wir es nach außen zeigten. Nur unsere Kassenhüter kannten das ganze Ausmaß unserer Misere. Nur sie wussten, was wir alles mit dreißigtausend Dukaten bei der Sanierung unserer Schatzkammer ausrichten konnten, ganz zu schweigen von der Tilgung der vielen Darlehen, die wir mit den Jahren angehäuft hatten.

»Mein Gebieter und Gemahl«, sagte ich. »Findet das Eure Zustimmung?«

Schweigend und regungslos saß er da. Ein fast unsichtbares Zucken war das einzige Zeichen, dass er das Angebot erwog. Dann stieß er den Atem aus und setzte zu einer Antwort an. Doch ein plötzlicher Lärm am Portal lenkte ihn ab. Zu meinem Entsetzen schritt der hagere Torquemada mit flatternder Soutane auf uns zu. In den Augen in seinem ausgemergelten Gesicht, das mit den Jahren noch fesselnder, noch furchterregender geworden war, schienen achatgrüne Flammen zu lodern.

Sein Blick fiel auf die offene Truhe. Das Herz rutschte mir in die Magengrube, da wirbelte er auch schon zum Podest herum. »Ich habe gehört, dass Ihr diese abscheulichen Lügner in Eure Nähe lasst, aber nie hätte ich mit diesem Anblick gerechnet! Judas Ischariot hat unseren Herrn für dreißig Silberlinge verkauft; und Ihr wollt Ihn ein zweites Mal verkaufen, jetzt für dreißigtausend? Gut, Ihr könnt Ihn haben! Nehmt Ihn und verhökert Ihn!«

Damit riss er sich sein Kruzifix von der Brust, schleuderte es uns vor die Füße und stürmte hinaus. Betretenes Schweigen breitete sich aus. Den Blick auf das Kruzifix gesenkt, flüsterte Fernando schließlich: »Verlasst uns.«

Keuchend machte Rabbi Señeor Anstalten, auf die Knie zu sinken.

»Nein!«, brüllte Fernando. »Hinaus!«

Sie wichen zurück. Als das Portal geschlossen wurde, blickte Rabbi Meir noch einmal über die Schulter. Seine Miene verriet tiefe Resignation.

Ich war zu keiner Regung fähig. Die Truhe und die Schatulle mit meinem Hochzeitsgeschenk hatten sie zurückgelassen, aber ich sah nichts davon an. Ich hatte nicht vermocht, diese tief in Fernando sitzende Wut zu bedenken. Es war, als hätte der bloße Anblick von Torquemadas heftiger Geste mit dem Kruzifix in meinem Gemahl einen wilden Instinkt geweckt.

Schließlich begann er mit zitternder Stimme zu sprechen. »Das ist Blutgeld. Torquemada hat recht: Wir haben unseren Triumph mit Blutgeld erkauft und müssen jetzt dafür büßen. Wir müssen dieses Edikt erlassen, Isabella. Kein Jude kann in unserem Reich bleiben; sonst sind auch wir verdammt.«

Mein Mund und meine Kehle fühlten sich an, als hätte ich Sand geschluckt.

»Wir haben unseren Triumph mit Darlehen erkauft«, brachte ich hervor. »Wie zahllose Könige vor uns. Die Juden haben schon immer unsere Finanzen geführt, das weißt du so gut wie ich. Sie waren für uns immer geschätzte Berater, Experten und Finanzverwalter. Was sollen wir ohne sie machen, wenn sie es vorziehen, nicht zu konvertieren?«

Er strich sich mit den Händen über den Kinnbart. Das Geräusch, das er damit erzeugte, wirkte in der Stille wie ein Knall. »Soll das heißen, dass du damit leben kannst?« Er starrte mich aufgebracht an. »Du kannst mit der Angst leben, dass wir vielleicht bis in alle Ewigkeit in der Hölle brennen müssen, weil wir ihnen Vorschub zur Sünde geleistet haben?«

Ich zitterte nicht. Weder schaute ich weg, noch wich ich seiner Frage aus. Ich stellte mich seinem Blick und ließ zu, dass ich in den Abgrund stürzte; ich zwang mich, die Qualen, die er mir entgegenhielt, zu sehen, zu fühlen und zu schmecken, Qualen, die uns drohen konnten, wenn ich dem Widerstreben in meinem Herzen nachgab.

»Nein«, flüsterte ich und neigte den Kopf, als drückte mich die Last der Wahl bereits nieder, »damit kann ich nicht leben. Ich kann Spanien nicht bitten, damit zu leben. Aber das könnte das Exil ihres gesamten Volkes bedeuten. Wie kann ich dafür verantwortlich sein?«

Er ergriff meine Hand. »Wir haben keine andere Wahl.« Er hob meine Hand zu seinen Lippen. »Brauchst du Zeit?«, murmelte er. Ich nickte und kämpfte die mir in die Augen schießenden, bitteren Tränen zurück.

»Was immer du entscheidest, ich werde es mit dir tragen«, hörte ich ihn sagen. »Die Entscheidung liegt bei dir; die Entscheidung hat immer bei dir gelegen. Du bist die Königin Kastiliens.«

In dieser Nacht, in meinen Gemächern, wo der Moschusgeruch der besiegten Odalisken an den gefliesten Wänden haftete und vor meinem Fenster die Nachtigallen Granadas sangen, kniete ich mich vor meinen Altar mit dem beleuchteten Stundenbuch, den getriebenen goldenen Kerzenhaltern und der sanft lächelnden Jungfrau, die, das kleine Christuskind in den Armen, in wallenden malvenfarbenen Gewändern auf einer Wolke stand, bereit, in den Himmel aufzufahren …

Die Juden hatten Kinder, Töchter, Söhne. Sie waren Mütter, Väter, Großeltern. Familien. Konnte ich das wirklich tun? Konnte ich eine Jahrhunderte währende Tradition der convivencia, des Zusammenlebens, mit einem einzigen Federstrich beenden?

Die Entscheidung hat immer bei dir gelegen.

Die ganze Nacht verharrte ich vor dem Altar, bis die letzte der Votivkerzen mit einem Zischen in geschmolzenem Wachs erlosch, bis mein Körper so starr war, dass ich kaum noch aufstehen konnte. Ich wehrte mich gegen diesen letzten Akt, grübelte darüber, welches Licht er auf meine Herrschaft werfen würde, haderte mit Ängsten, dass er meinen Seelenfrieden zerstören und mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen würde. Wegen seiner Auswirkungen hatte ich mich immer dagegen gesträubt; ich hatte Zugeständnisse gemacht, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, die sich vergrößernde Kluft zwischen ihnen und uns zu überbrücken. Doch diese Wahl hatte ich jetzt nicht mehr.

Wenn ich die Juden schützte, lief ich Gefahr, mich von meinem eigenen Königreich zu entfremden, für das ich mein Leben lang gekämpft hatte; dann würde ich ausgerechnet den Gott leugnen, der mich zu diesem Triumph geführt hatte, den Gott, der es mir gestattet hatte, einer Frau, einem schwachen Gefäß aus Knochen und Staub, das zu erreichen, was meine Vorfahren in Jahrhunderten vergeblich angestrebt hatten – die Gottlosen zu vertreiben und Spanien unter einer Krone, einem Glauben als ein vereintes Land zusammenzuführen.

Ich setzte meine unsterbliche Seele aufs Spiel, die in der Stunde meines Todes alles sein würde, was ich hatte.

Der Morgen brach an, klar und zögernd, wie es in den Bergen oft der Fall ist. Nachdem ich gebadet, mein Fasten gebrochen und es Beatriz erlaubt hatte, meine wunden Knie zu versorgen, wies ich meine Minister an, einen Erlass zu verfassen, der als das Alhambra-Edikt bekannt werden sollte.

Per Befehl der Könige musste jeder Jude, der nicht zum katholischen Glauben konvertierte, das Land verlassen.

»Was?« Müde blickte ich zu Chacón auf. Der gewaltige Wanst meines alten Haushofmeisters wölbte sich unter seinem weit geschnittenen Hemd, und er bewegte sich langsam, weil ihm seine chronische Gicht Schmerzen bereitete. Doch sein Verstand war scharf wie immer, und er wachte nach wie vor treu über meinen Sohn Juan, dem er auf Schritt und Tritt folgte. Wenn er just zu dieser Nachmittagsstunde erschien, in der fast der gesamte Hof die größte Hitze in einer Siesta hinter sich brachte und ich mich meiner Korrespondenz widmete, musste ein wichtiger Grund vorliegen.

»Dieser Seefahrer«, wiederholte er, und seine buschigen Augenbrauen hoben sich. »Er steht draußen und wartet. Anscheinend weiß er nicht, was ›Nein‹ bedeutet.«

Seufzend blickte ich auf meine mit Tintenflecken verschmutzten Finger hinab. »Na gut, gebt mir einen Moment.«

Cárdenas schaute auf, als ich mich erhob. Zusammen mit Luis de Santángel arbeitete er an einer dauerhaften Lösung für unsere zerrütteten Finanzen. Auch wenn unser Vertreibungsbeschluss erst im Mai in Kraft treten würde, hatte seine Veröffentlichung auf breiter Front Chaos ausgelöst, und die Zahlung von Steuern und anderen Gebühren hatte entsprechend gelitten.

Ich war mit Bittgesuchen von verunsicherten Bürgermeistern und Beamten aus allen Teilen des Reichs regelrecht belagert worden, von denen keiner so recht wusste, welche Ziele ich letztlich verfolgte. So sah ich mich gezwungen, eine systematische Methode zur Durchsetzung meines Edikts auszuarbeiten. Diejenigen unter den Juden, die sich dafür entschieden, das Land zu verlassen, würden bis zum ersten August in einem von mehreren Häfen ihr Schiff besteigen müssen. Die Mitnahme von Gold, Silber oder geprägten Münzen war verboten, nicht aber die von anderen Wertgegenständen. Ihre Häuser und Geschäfte mussten sie an amtlich ausgewiesene Christen verkaufen oder übertragen. Nur widerstrebend hatte ich verfügt, dass die Auswanderungswilligen an den Häfen durchsucht und alle verbotenen Gegenstände, die sie an ihrem Körper verborgen hatten, konfisziert werden mussten. Ich war fest entschlossen, mögliche Schäden für unsere Wirtschaft durch den Verlust von Steuern und anderen Einnahmen auf diese Weise abzumildern.

Santángel, selbst ein converso, hatte sich bei diesen Vorbereitungen als von unermesslichem Wert erwiesen. Er hatte bereits Rabbi Señeor und dessen Familie überzeugt, dass es besser war, die heilige Taufe zu akzeptieren, doch dann hatten andere einflussreiche jüdische Führer, die jahrelang mit mir zusammengearbeitet, meine Armeen beliefert und meine Unternehmungen finanziert hatten, sich auf einmal meinem Dekret widersetzt und viele ihrer Gemeindemitglieder dazu gebracht, es ihnen gleichzutun. Damit waren die Juden Erpressung und Missbrauch durch Beamte ausgesetzt, die meine Anordnung auszuführen hatten, und das, obwohl ich ihnen im selben Edikt bis zu ihrer Abreise unseren königlichen Schutz zugesichert hatte. In der Folge hatte ich mein Herz verschlossen – gegen das fassungslose Entsetzen in den Mienen der Menschen, gegen die Angst und Panik, gegen das Heulen auf den öffentlichen Plätzen, gegen das Flehen um Gnade –, denn ich hoffte immer noch, dass derart drastische Maßnahmen zu Massenkonvertierungen führen und den Exodus doch noch verhindern würden. Hatten die Juden unser Land nicht ungezählte Jahre lang ihre Heimat genannt?

Nichtsdestoweniger gehörte meine Treue Kastilien, egal was passierte.

Mein Reich musste überleben.

Inés huschte um mich herum, wie immer fürsorglich um mich bemüht. »Soll ich Eurer Majestät den Schal holen? Es ist immer noch kalt draußen.«

Ich nickte dankbar, während ich versuchte, meinen zerknitterten Umhang mit den Händen glatt zu streichen. Dann ließ ich mir das dicke Wolltuch von Inés über die Schultern drapieren, ehe ich gemeinsam mit ihr zu meinem Vorraum schritt, wo der Seefahrer wartete. Dieser Mann, sagte ich mir, schien eine Begabung dafür zu haben, mich immer völlig unvorbereitet zu erwischen. Zum Glück war Fernando nicht im Palast; er war zur Jagd gegangen. Das erstickende Nichtstun am Hof hatte ihn nach Jahren der Kreuzzüge griesgrämig und unleidlich werden lassen. In den letzten Monaten war es, gelinde gesagt, schwierig mit ihm gewesen. Da wäre es mir nicht gelegen gekommen, wenn mein Mann seinen Groll an Señor Colón ausgelassen hätte. Der konnte nun wirklich nichts dafür, dass wir uns nicht zur Unterstützung seines Vorhabens aufraffen konnten.

Bei meinem Eintreten sank Colón auf ein Knie. Als er sich auf ein Zeichen von mir wieder erhob, fiel mir auf, dass er seit dem letzten Mal magerer geworden war. Sein Wams und sein Umhang waren allerdings von viel besserer Qualität – kostbarer schwarzer Samt, der jedem unserer Granden zur Ehre gereicht hätte. Seine blauen Augen zogen mich wie damals in ihren Bann, seine Stimme ebenso. »Majestad«, begann er, »ich warte seit sechs Jahren auf Eure Antwort.«

»Antwort?« Ich bedachte ihn mit einem vagen Lächeln. »Soviel ich weiß, hat meine Kommission Euch erklärt, dass Eure Absichten zwar bewundernswert, Euer Vorhaben, über das ozeanische Meer zu segeln, jedoch zu wenig begründet und zu gefährlich ist. Am Ende könnte es Euch sogar das Leben kosten.«

»Gefahren können mich nicht schrecken, wie Ihr wohl wisst«, erwiderte er. »Und Ihr habt mir die Rente weiterhin ausgezahlt, obwohl Eure Kommisson Euch geraten hatte, damit aufzuhören. Vielleicht täusche ich mich ja, aber ich war der Ansicht, dass die Königin von Kastilien ihre Entscheidungen selbst trifft.«

Ich musterte ihn nachdenklich. Beatriz saß zusammen mit Juana in einer Nische nicht weit von uns und nähte. Beide beobachteten uns mit unverhüllter Faszination. Beatriz hatte den Seefahrer schon immer als Kuriosum empfunden, und Juana – auch sie im Herzen Abenteurerin – sah ich an, dass sie Beatriz’ Interesse teilte.

»Kommt«, schlug ich vor, »lasst uns im Garten spazieren gehen.«

Wir schlenderten durch den Löwenhof hinaus und vorbei an einem Brunnen, der ringsum von steinernen Löwenfiguren geziert wurde. Colón wirkte entspannt, als wären wir allein und hätten nicht einen ganzen Tross Bedienstete auf den Fersen. Einmal mehr verblüffte mich seine unangestrengte Haltung; sein Gebaren war das eines Mannes, der für sich das Recht beanspruchte, einen bedeutenden Platz in der Welt einzunehmen.

Wie so oft in den Bergen war es ein frischer Frühlingstag, aber wenigstens gab es heute keinen jener sintflutartigen Regengüsse, die Andalusien in dieser Jahreszeit gern heimsuchten. Ich war froh über die fahle Sonne, auch wenn sie nur wenig Wärme schenkte. Mit geschlossenen Augen hob ich das Kinn, um mir das Gesicht vom Licht liebkosen zu lassen. Ich hatte das Gefühl, eine ganze Ewigkeit sei vergangen, seit ich zuletzt im Freien und weit weg von meinen Verantwortungen gewesen war.

Als ich mich wieder meinem Begleiter zuwandte, stellte ich fest, dass Colón mich belustigt betrachtete.

»Ihr werdet es also nicht tun«, sagte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Die … die Zeit ist noch nicht reif dafür. Ich weiß, ich habe Euch das schon einmal gesagt, aber wir haben dringliche Verpflichtungen. So vieles muss noch erledigt werden. Es ist einfach nicht möglich. Selbst wenn wir uns das leisten könnten, halten viele unserer Berater die bloße Vorstellung für hellen Wahnsinn.«

»Ich würde meinen, dass Ihr auf jeden Rat hören könnt, der Euch beliebt«, entgegnete er, »zumal manche Eure Taten als den Beginn einer besonderen Form des Wahnsinns bezeichnen würden.«

Meine Stimme wurde hart. »Ihr wagt es, mir Vorwürfe zu machen?«

Er neigte das Haupt, wobei die Sonne seine kahlen Stellen bloßlegte. Sein lohfarbenes Haar fiel ihm aus; wie ich war er gealtert. Es war eine schmerzhafte Erinnerung an unsere Sterblichkeit, die mich durchzuckte wie eine düstere Vorahnung.

»Das würde ich mir nie anmaßen«, verteidigte er sich. »Ich meinte lediglich, dass Ihr nach Eurem Gewissen handelt und Euch damit als Monarchin erwiesen habt, die würdiger ist, als es all Eure Vorgänger waren. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Eure Herrschaft als legendär in die Geschichte eingehen wird. Nur wünschte ich mir, ich könnte eine kleine Rolle darin spielen.«

Mein Zorn verpuffte. »Das ist auch mein Wunsch«, antwortete ich sanft. »Ihr seid willkommen, bei uns zu bleiben. Ich kann Euch eine einflussreiche Position am Hof verschaffen. Ihr wärt für uns von großem Wert, dessen bin ich sicher.«

Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Danke, Majestad, aber so wie Euer Herz Kastilien gehört, strebt meines zum Meer. Es tut mir leid.« Er verbeugte sich tief, obwohl ich ihn noch gar nicht entlassen hatte. Und bevor mir dämmerte, was er tat, spürte ich, wie seine kräftigen Finger die meinen aufbogen und mir einen kleinen Gegenstand auf die Hand legten.

Dann entfernte er sich zügig. Schweigend blieb ich stehen. Erst als er verschwunden war, blickte ich auf das kleine Etwas, das er mir gegeben hatte. Es fühlte sich noch ganz warm an.

Eine Miniaturgaleone, geformt aus blassrosa Gold.

Mir verschwamm alles vor den Augen. Ich hörte mich rufen: »Haltet ihn! Bringt ihn zurück!«

Chacón hetzte davon. »Meine Herrin haben wohl ein Geheimnis«, bemerkte Beatriz spitz.

Ich drehte mich weg und presste die winzige Galeone an mein Herz.

Und ich lächelte.

Am Freitag, dem 3. August 1492, sticht der frisch zum Großadmiral ernannte und in den Adelsstand erhobene Don Cristóbal Colón vom Hafen von Palos aus in See. Er reist mit drei Schiffen, der Niña, der Pinta und der Santa María. Während seine Mannschaft ein Lied anstimmt, lässt er sich den Wind durch das silbern gesträhnte Haar streichen. Sein Blick ist nach vorn gerichtet, immer nach vorn zum Horizont.

Ich stelle ihn mir vor, wie er stromabwärts segelt, das Kloster passiert, wo sein Sohn studiert, wie er den Fluss Saltes überquert und die erste freie Salzwasserfläche erreicht, deren Strömungen ihn vorbei an unseren Kanarischen Inseln zum gewaltigen ozeanischen Meer tragen werden.

Ich kann nicht wissen, worauf er stoßen wird, wenn er überhaupt fündig wird; ob es ihm gelingen wird, jenen geheimnisvollen Seeweg zu entdecken, oder ob er es mit endlosen Stürmen zu tun bekommen wird, mit turmhohen, weiß gekrönten Wellen, zwischen denen Schiffe hin- und hergeworfen werden und Seedrachen marodieren. Nur mit seinem Glauben und seinen Träumen bewaffnet, zieht er los – in vielem einer jungen Infantin ähnlich, als sie von ihrem Zuhause in Arévalo aufbrach, einem unbekannten Schicksal entgegen.

Nein, ich kann nicht wissen, was Colón entdecken wird. Doch in einem bin ich mir sicher: Er wird zurückkehren. Wir gleichen uns, er und ich. Einstmals, vor langer, langer Zeit, glaubte niemand, dass ich zu Großem berufen war.

Jetzt bin ich Isabella, Königin von Spanien.