19
Inés schwirrte um mich herum, eine Tasse mit einem ihrer bewährten Kräutertees in der Hand. »Doktor Santillana sagt, dass Ihr das trinken müsst. Kamille hilft gegen Launenhaftigkeit.«
Ich schnitt eine Grimasse. »Ich bin guter Hoffnung. Da ist Launenhaftigkeit normal. Das Einzige, was Kamille bewirkt, ist Verstopfung, und die hätte mir gerade noch gefehlt.«
Ich verscheuchte sie und stemmte mich schwerfällig hoch, eine Hand auf den ausladenden Bauch gepresst. Jetzt war ich im siebten Monat, kam mir aber vor, als müsste ich jeden Moment gebären. Meine Füße und Knöchel waren geschwollen, meine Verdauung ein einziges Durcheinander und meine Gemütslage unausgeglichen – vorsichtig ausgedrückt. Die ganze Angelegenheit hatte mich völlig unvorbereitet getroffen. Ich hatte gedacht, ich würde bis kurz vor den Wehen aktiv und voller Tatendrang sein; schließlich war ich erst neunzehn Jahre alt, und die Hebamme hatte mir auf ihre ungehobelte Weise versichert, dass Mädchen meines Alters gebären »wie die Kühe auf der Weide«.
Zumindest das war bisher nicht der Fall gewesen. Zusammen mit den anderen Beschwerden war ich von Schlaflosigkeit geplagt, und von all meinen Eigenschaften war mein Appetit die einzige, die keine verblüffende Veränderung erfuhr. Fernando schwor mir zwar ein ums andere Mal, dass ich wunderschön sei und einer üppigen Madonna wie in den modernen italienischen Gemälden gleiche, vermochte mich damit jedoch nicht zu überzeugen. Auch wenn mein Wohlbefinden noch nie von der Befriedigung meiner Eitelkeit abhängig gewesen war, hatte ich dennoch begonnen, insgeheim damit zu hadern, dass meine Figur sich vielleicht nie wieder von ihrer Verunstaltung erholen würde, zumal sich das unsichtbare Wesen in mir auch noch fest entschlossen zeigte, mich mit kräftigen Tritten von innen auszubeulen.
Ein Junge, hatte die Hebamme gemeint; es müsse einfach ein Junge sein. Das hatte Fernandos Fürsorglichkeit natürlich erheblich gesteigert und eine Lawine voreiliger Glückwunschgeschenke von seinem Vater aus Aragón ausgelöst. Carrillo teilte die Auffassung der Hebamme. Wann immer er mir, bewaffnet mit den neuesten Nachrichten und Geld für unsere Ausgaben, einen Besuch abstattete, erinnerte er mich unweigerlich daran, dass ein Sohn eine Wende zu unseren Gunsten bewirken würde. Egal wie viel Schaden Enrique noch anrichtete, alles würde sich ändern, sobald ich einen infante gebar. Ein Junge konnte Kastilien und Aragón regieren. Damit wäre unser Sohn der erste König, der über beide Reiche herrschen würde.
»Ein männlicher Erbe als unser Nachfolger«, murmelte ich. »Und Enrique hat nichts als dieses Kind, das alle la Beltraneja nennen.« Auf den Fenstersims gestützt, spähte ich durch die Butzenscheiben hinaus. »Das ganze Land wird sich um unsere Standarte sammeln …«
»Hoheit?«, fragte Inés, die mich nicht verstanden hatte, da sie weiter hinten mit meinen Truhen beschäftigt war.
Ich drehte mich seufzend um. Die arme Inés hatte am meisten unter meiner erzwungenen Abkapselung zu leiden gehabt. »Unser Gefängnis in Dueñas«, wie ich unsere Bleibe nannte, war vor allem ihr Kerker geworden. Während ich kaum etwas unternehmen konnte, ritt Fernando trotz des für einen Herbst übermäßig feuchten Wetters mit seinen Männern oft den ganzen Tag lang zur Jagd auf Hirsche, Hasen und sonstiges Wild, das wir im Winter fürs Überleben benötigen würden.
Beatriz war widerstrebend nach Segovia zurückgekehrt. Da Enrique nun wieder in Kastilien war, verstärkte Villena den Druck auf ihren Mann, ihm die Schatzkammer zu öffnen, sodass Cabrera sie an seiner Seite benötigte. Unerklärlicherweise hatte Enrique Zuneigung zu Beatriz gefasst. Wie auch immer, sie war die Einzige, der es gelang, ihn davon abzubringen, Villenas verrückten Forderungen nachzugeben, die unter anderem den Einsatz einer Armee gegen mich vorsahen. Dank ihrer Briefe wusste ich, dass sie Enrique dazu überredet hatte, wegen meines Zustands Nachsicht zu üben und uns fürs Erste in Ruhe zu lassen. Aber auch wenn sie womöglich meine Absetzung als seine offizielle Erbin abgewendet hatte, konnte nicht einmal sie verhindern, dass er mir mein Einkommen vorenthielt und uns damit in die Armut trieb. So belastete mich die Sorge, dass er uns noch viel Schlimmeres antun würde, wenn mein Kind erst geboren war.
»Hat mein Brief den Palast verlassen?«, erkundigte ich mich und schlurfte zu meinem gepolsterten Stuhl und dem Stapel einfacher Wäsche zurück, die ich für die vielen Witwen und Bettler dieser Stadt nähte, die mir ihren Schutz gewährt hatte.
»Ja, Cárdenas hat ihn heute Morgen persönlich nach Segovia gebracht.« Inés betrachtete mich nachdenklich. »Hoheit, es steht mir nicht zu, Euch Vorhaltungen zu machen, aber erwartet Ihr wirklich, dass Seine Majestät Euch antwortet? Das wird der sechste Brief sein, den Ihr ihm in ebenso vielen Monaten gesandt habt.«
»Ich weiß.« Ich setzte mich. Sehr zu meinem Kummer hatten mich die wenigen Schritte durch das Gemach bereits erschöpft. »Aber ich wage nicht, damit aufzuhören. Sogar falls er sie ignoriert: Wenn ich ihm ständig neue Briefe sende und gebetsmühlenhaft meine Loyalität und Liebe zu ihm als meinem König und Bruder beteure, geht er vielleicht am Ende nicht noch weiter als bisher.«
»Aber er selbst ist ja gar nicht das Problem«, erwiderte Inés.
Ich blickte sie nachdenklich an. »Du hast recht«, sagte ich leise. »Er wird in allem von Villena beeinflusst. Solange dieser Mann Enriques Herz und Ohr besitzt, gibt es für mich allenfalls Hoffnung auf Aufschub von …«
Ein jäher Krampf verschlug mir den Atem. Ich keuchte auf und fasste mir instinktiv an den Bauch. Doch schon schüttelte mich die nächste Zuckung. Das konnte nicht sein! Ich war doch erst im siebten Monat! Bis zur Geburt waren es noch …
Der dritte Krampf war so heftig, dass ich aufschrie. Eine warme Flüssigkeit sickerte an meinen Schenkeln hinab. Als auch mein Rocksaum nass wurde, bat ich Inés: »Schnell! Hol die Hebamme. Sie hat sich geirrt. Die Wehen fangen an – schon jetzt!«
An die nächsten vierzehn Stunden konnte ich mich später kaum erinnern. Die Hebamme und ihre Helferinnen bemühten sich um mich, während ich mich stöhnend auf meinem Gebärstuhl wand. Die dampfenden Kräuteraufgüsse und der saure Gestank meines eigenen Schweißes und Urins erstickten mich schier in dem überhitzten Gemach. Auf meine Bitte hin war mein Gesicht mit einem Seidenschleier bedeckt worden, damit niemand meine verzerrten Züge sehen konnte. Die Schmerzen waren schlimm, aber immerhin erlaubte mir mein Zustand noch, an meine Würde zu denken. Irgendwann begann ich, Gebete an die Heilige Jungfrau zu sprechen, die Frauen in der Stunde der Niederkunft beisteht. Doch als es immer länger dauerte und die Schmerzen mich unerbittlich wie ein Schraubstock in den Griff nahmen, brachte ich nur noch ein atemloses Flehen zustande. Noch nie hatte ich solche Qualen erlebt. Alles hätte ich hergegeben, nur um in mein Elend während der Zeit vor der Niederkunft zurückkehren zu dürfen. In der tiefsten Nacht, als ich in Frauengesichter starrte, die miteinander zu einem ununterscheidbaren Einerlei verschwammen, während sie mich alle zusammen bedrängten: »Pressen! Pressen!«, begriff ich endlich, dass ich sterben konnte. Und dabei hatte ich kaum noch die Kraft, um zu atmen.
In Wahrheit war es immer bei mir gewesen – dieses unsichtbare Schreckgespenst. Es war der Fluch unseres Geschlechts, uns aufgebürdet durch Evas Sünde. Ob Gemeine oder Königinnen, Frauen starben jeden Tag im Kindbett. Bei der Verrichtung meiner täglichen Andacht hatte ich über den Tod nachgedacht und mir vorgenommen, meine unsterbliche Seele darauf vorzubereiten; doch jetzt, da ich darum kämpfte, das Kind in meinem Unterleib hinauszupressen, und mein Kreischen mir wie das Heulen eines Tiers in den Ohren gellte, nahm er eine beängstigende Dringlichkeit an.
Dann schließlich, als der zweite Oktobermorgen über Dueñas anbrach und ich den Mund öffnete, drang wie durch ein Wunder nur noch ein zittriges Seufzen ungeheurer Erleichterung heraus, das fast so etwas wie Freude ausdrückte. Ich sah an meinen blutverschmierten, gespreizten Schenkeln hinab und bemerkte, wie die Hebamme eine schleimbedeckte Gestalt an sich nahm, die nichts Menschenähnliches an sich hatte. Zwischen ausgetrockneten Lippen brachte ich ein Flüstern hervor: »Dios mío, ist das …?«
Die Frauen drängten sich darum. Ich hörte Wasser spritzen und nach einer kurzen Pause ein Klatschen. Inés, die schweißgebadet war und aussah, als hätte sie selbst Wehen durchlitten, tupfte mir mit einem Tuch die Stirn ab, doch wir starrten beide die schwarz gekleideten Frauen an.
Schließlich wandten sie sich uns zu. Ich packte Inés’ Hand so fest, dass dort noch tagelang ein blauer Fleck prangen sollte. Die Hebamme, die irgendwann erklärt hatte, dass sie sich bei der Berechnung meiner Empfängnis getäuscht haben musste, streckte mir den wimmernden nackten Säugling entgegen.
»Ein Mädchen, Eure Hoheit«, sagte sie trocken, »und wohlgeformt, wie Ihr sehen könnt.«
Und nun, nach ihrer unfreiwilligen Ankunft in dieser Welt, stieß meine kleine Tochter ein Heulen aus, das mir tief ins erschöpfte Herz schnitt.
Fernando war außer sich vor Freude. Sobald er sich vergewissert hatte, dass mir nichts fehlte, hatte er nur noch Augen für die kleine Isabél – wie wir sie zu Ehren meiner Mutter nannten – und nahm sie stolz in die Arme, um sie, in Samtdeckchen gehüllt, vor dem ganzen Hofstaat herumzuzeigen.
»Sie ist einfach vollkommen«, flüsterte er mir in der Nacht ins Ohr, als er sich in meine Gemächer stahl, obwohl es eine Sünde war, ihn zu empfangen, solange ich nicht durch den Segen eines Priesters vom Makel der Kindsgeburt gereinigt worden war. Er saß auf dem Bett, zwischen uns Isabél in ihrer Wiege, die kleinen Fäuste vor dem Gesichtchen geballt, und bewunderte sie in entzücktem Schweigen, als wäre sie das Wertvollste, was er im ganzen Leben gesehen hatte.
»Ich dachte schon, du wärst enttäuscht, weil es kein Sohn ist«, sagte ich schließlich.
»Mein Vater ist enttäuscht«, antwortete er. »Carrillo ebenfalls. Unser ehrwürdiger Erzbischof gebärdet sich gar, als wäre das Ganze persönliches Versagen, und bläst Trübsal, weil das salische Gesetz in Aragón Frauen die Thronfolge verbietet. Er prophezeit eine Katastrophe.«
»Was für eine lächerliche Sitte!«, ereiferte ich mich. »Wie kann es recht sein, der Hälfte der Kinder eines Königspaars die Macht vorzuenthalten? Wenn ich – eine Frau – in Kastilien als fähig gelte, die Krone zu erben, warum sollte das dann nicht auch für unsere Isabél in Aragón gelten?«
Fernando lächelte. »Ich bin glücklich. Sie ist gesund, und wir sind noch jung. Wir werden noch mehr Kinder und auch Söhne bekommen.«
Ich musterte ihn scharf. Seine scheinbare Gleichgültigkeit ärgerte mich. »Ja, natürlich«, sagte ich trocken. »Aber vorher möchte ich mich von diesem hier erholen.«
Sein Lachen weckte Isabél auf. Sie blinzelte, richtete einen Moment lang ihre herrlichen, großen blauen Augen auf ihn und schlummerte dann wieder ein. Unbändige Liebe wallte in mir auf. Zärtlich streichelte ich ihre warme, zarte Wange.
»Ich werde nicht zulassen, dass sie ihr Leid zufügen!«, erklärte ich. »Mögen die anderen noch so enttäuscht sein, aber niemand wird ihr zu verstehen geben, sie sei ungewollt.« Ich hob die Augen zu ihm. »Gibt es Nachrichten vom Hof? Ich könnte mir vorstellen, dass Enrique unendlich erleichtert ist, selbst wenn Villena seinen nächsten Angriff plant. Wegen dieses salischen Gesetzes sind wir jetzt genauso verwundbar wie vorher.«
Fernandos Augen glänzten. »Nicht ganz«, meinte er zu meiner Verblüffung. Er beugte sich über mich und erstickte meine nächste Frage mit einem Kuss. »Du hast eine Tortur überstanden, die die wenigsten Männer freiwillig auf sich nehmen würden. Lass mich fürs Erste den Krieg schultern, während du dich um unsere Tochter kümmerst, einverstanden?«
Er ging, bevor ich ihn zurückhalten konnte. Ich wollte aus dem Bett steigen, ihm hinterhereilen, doch sofort überwältigte mich die Müdigkeit. Ich schmiegte mich an mein Kind. Auch wenn wir jetzt eine Säugamme hatten, eine robuste Bäuerin, die wir wegen ihrer guten Zähne, ihres ausgeglichenen Wesens und ihrer strotzenden Gesundheit ausgewählt hatten, gab ich Isabél heimlich die Brust, um die Schmerzen in meinen von der vielen Milch geschwollenen Brüsten zu lindern. Damit stellte ich die anderen vor ein Rätsel, denn niemand verstand, warum sie über Nacht zu wachsen schien, obwohl sie als wählerisch galt. Ich war damit zufrieden, zusammen mit ihr behütet in einem Kokon zu leben und die Sorgen der Welt an mir vorübergleiten zu lassen. Dies war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich das Nichtstun genoss. Und während der Schnee des Winters Dueñas langsam zudeckte, konnte ich für eine Weile so tun, als wäre ich keine belagerte Prinzessin, die um ihre Rechte kämpfte, sondern eine ganz gewöhnliche, von ihrem ersten Kind entzückte Mutter.
Und so ging es auch weiter: Ich kümmerte mich um Isabéls Erziehung und stellte Fernando keine Fragen, wenn er mit uns zusammen speiste, obwohl ich genau wusste, dass er mit Carrillo stundenlang hinter verschlossenen Türen konferierte. Einmal waren die beiden trotzdem nicht zu überhören, als ihr Streit bis auf den Flur zu hören war. Am selben Tag kam Fernando mit hochrotem, erhitztem Gesicht in meine Schlafkammer gestürmt und schimpfte, Carrillo sei ein überheblicher Esel, der zu viel von sich selbst und zu wenig von allen anderen halte.
»Wenn er es noch einmal wagt, mir diesen verdammten Ehevertrag unter die Nase zu reiben, dann vergesse ich mich, darauf kannst du Gift nehmen! Was, um alles auf der Welt, ist aus unserem Tanto monta geworden, dass er die Frechheit besitzt, von mir zu verlangen, ich solle seinen klugen Rat befolgen?«
Ich schenkte ihm einen Kelch Apfelmost ein, der in seiner Karaffe vor dem Kamin schon ganz warm geworden war. »Aber wir haben uns doch in unserem Ehevertrag darauf verständigt, ihn als unseren ersten Berater zu ehren.«
»Das hält er mir auch ständig vor.« Fernando kippte den Most hinunter. »Ich hätte diese sogenannte Vereinbarung genauer lesen sollen.«
Sorgen befielen mich. Carrillo war es gewöhnt, sich durchzusetzen. Schon immer hatte er an seine Vorrangstellung geglaubt, auch damals, als er Alfonso gelenkt hatte. Doch Fernando war nicht irgendein formbarer Prinz, dem er Vorschriften machen konnte. Mein Gemahl neigte zu Eigensinn und war dem Erzbischof diesbezüglich mehr als gewachsen. Mir war nicht daran gelegen, dass sie einander an die Gurgel gingen, nicht, solange wir eine Antwort auf meine zahllosen, von Mal zu Mal empörter klingenden Briefe an Enrique erwarteten.
»Vielleicht sollte ich ab jetzt an euren Besprechungen teilnehmen«, schlug ich vor. »Schließlich bin ich mit dem Inhalt unseres Ehevertrags wohlvertraut und …«
»Nein!« Fernando knallte den Kelch so heftig auf die Anrichte, dass Isabél in ihrer Wiege hochschreckte und zu weinen begann. Sofort stürzte ich zu ihr und nahm sie in die Arme, während ich meinen Mann wütend anblitzte. »Lass mich das mit Carrillo regeln«, knurrte er und stapfte hinaus, die Schultern entschlossen gestrafft.
Koseworte flüsternd, wiegte ich Isabél. Von der Ecke, wo sie auf einem Polsterstuhl saß und schweigend einen meiner Röcke ausbesserte, blickte mich Inés an, eine Augenbraue fragend hochgezogen.
Am nächsten Tag legte ich meine beste Robe an, ein schönes Stück aus grauer Wolle, band mir ein vergoldetes Netz über das Haar und begab mich zum großen Saal. Als ich die Tür öffnete, starrten Carrillo und Fernando einander über den Tisch hinweg an, wärend Admiral Fadrique und Chacón mit entschieden betretener Miene an der Seite standen.
»Ihr wisst nichts darüber, wie wir hier in Kastilien die Angelegenheiten erledigen«, sagte Carrillo gerade, das Gesicht vor Zorn puterrot. »Das hier ist keine Provinz im aragonischen Hinterland, wo Ihr nach Belieben über die Städte verfügen könnt.«
Fernando fuchtelte mit einem Papierbogen herum. »Seht her, alter Mann! Das ist vom Bürgermeister von Toro persönlich. Er hat uns angeboten, seine Stadt zu übernehmen. Was braucht Ihr mehr, hm? Sollen wir in Stein gemeißelte Proklamationen verlangen? Wird das Eurem aufgeblähten Stolz genügen?«
»Wir brauchen die Zustimmung der Prinzessin«, blaffte Carrillo.
Als ich sah, wie Fernando die Hand zur Faust ballte, trat ich in den Saal. »Hier bin ich, hohe Herren. Ihr könnt mich persönlich darum bitten.«
Die Miene des Admirals hellte sich auf vor Erleichterung. Fernando war wütend, wie ich auf den ersten Blick erkannte, doch da er keine Wahl hatte, hielt er sich zurück. Wegen einer Klausel in unserem Ehevertrag, die ihn dazu verpflichtete, Kastiliens Vormacht über sein eigenes Reich zu bestätigen, hatte ihn der Erzbischof im Würgegriff. Mein Instinkt hatte mich nicht getrogen: Fernando brauchte mich hier, obwohl er das nie zugegeben hätte.
Ich setzte mich an den Tisch, auf dem Dokumente und Federn verstreut herumlagen. »Was steht denn zur Debatte?«, fragte ich, unschuldig von einem zum anderen schauend.
Con blandura, hielt ich mir vor. Mit Fingerspitzengefühl konnte man fast alles erreichen – selbst bei Hitzköpfen wie diesen beiden hier.
Carrillo verneigte sich. »Eure Hoheit, es tut mir sehr leid, Euch zu behelligen, aber Seine Hoheit und ich scheinen uneins zu sein, was die Frage der …«
»Es geht um Folgendes«, unterbrach Fernando ihn und breitete das Dokument vor mir aus. »Seine Eminenz, der Erzbischof, scheint der Meinung zu sein, dass wir davon absehen sollten, unsere Rechte durchzusetzen, obwohl es doch so deutlich zu erkennen ist wie die Nase in seinem Gesicht, dass Enrique und Villena Boden verlieren – wertvolles Gelände – und wir das ausnützen sollten.«
»Oh?« Ich las das Dokument durch. Als mir seine möglichen Folgen dämmerten, schlug mein Herz schneller. Darin hieß es, dass Enrique bestrebt war, Joanna la Beltraneja mit dem portugiesischen König zu verloben und die Königin nach Segovia zu holen, damit sie vor dem Altar schwor, dass das Kind von ihm stamme. Ungläubig sah ich auf. »Ich … ich soll aller meiner Rechte als Prinzessin beraubt werden. Er hat mich offiziell enterbt!«
»Lies weiter.« Fernando pochte auf das Papier. Ich versuchte, mich zu konzentrieren. Durch den pulsierenden Dunst, in dem ich versank, sprangen mir vereinzelte Wörter entgegen. Keines ergab einen Sinn. Schließlich gestand ich flüsternd: »Ich kann das nicht lesen. Was steht darin?«
Fernando blitzte Carrillo an. »Es bedeutet, dass Enrique mit deiner Enterbung seinen letzten Fehler gemacht hat. Das Volk ist in Aufruhr: Von Biskaya bis Jaén und in jeder Stadt dazwischen protestieren die Leute gegen deine Enterbung und strömen auf die Straßen.« Er sprach schneller. »Ávila hat Villenas Henkersknechte hinausgeworfen; Medina del Campo schwört, bis zum Tod für dich zu kämpfen. Überall ist die Rede davon, dass Joanna la Beltraneja der Bastard einer ehebrecherischen Hure ist und du Kastiliens einzige Thronfolgerin bist. Das Volk will dich, Isabella – dieses Dokument ist eine Einladung der Stadt Toro an dich, dort Einzug zu halten. Wir haben Dutzende ähnlicher Angebote aus ganz Kastilien erhalten, und alle mit dem Schwur, die Tore weit für uns zu öffnen.«
»Ihr habt sie wohl eher bestochen«, schnaubte Carrillo, »mit Versprechen, die wir nicht halten können.«
»Bestochen?« Ich starrte Fernando in die glühenden Augen. »Wie denn? Wir haben doch nichts zu bieten.«
»Bis auf das Versprechen von Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand«, antwortete er. »Es ist genau so, wie wir es damals gesagt haben, weißt du noch? Das ist unser Tanto monta – es hat sich erfüllt. Die Städte wissen, was wir ihnen bieten können, weil ich Botschafter entsandt habe, damit sie es ihnen erklären. Sie können das alles nicht länger ertragen: die Hungersnot, die Fehden, die Geldentwertung und die überheblichen Granden. Unsere Zeit ist gekommen. Wir müssen sie nutzen.«
»Womit denn?« Carrillo warf theatralisch die Hände hoch. »Mit Haushofmeistern, Pagen und Pferdeknechten?« Er wieherte vor Lachen. »Aber ja, warum nicht? Lasst uns den guten Chacón losschicken, damit er Toro in Eurem Namen beansprucht!«
»Ich stelle einen Begleittrupp zur Verfügung«, ließ sich plötzlich der Admiral vernehmen, woraufhin Carrillo schlagartig verstummte. Fadrique trat auf uns zu – eine kleine, doch selbstsichere Gestalt in elegantem, dunklem Samt. »Ich habe Eurer Hoheit meine Soldaten versprochen und kann noch mehr hierherbefehlen. Wir können Toro und Tordesillas ohne Weiteres einnehmen.«
»Und was ist mit den anderen Städten, die weiter zu Enrique halten?«, fauchte Carrillo. »Werdet Ihr sie mit Eurer Handvoll Soldaten stürmen, edler Feldherr? Es fällt mir schwer zu glauben, dass selbst Ihr, das Oberhaupt des mächtigen Hauses Fadrique, so viele Männer zu den Waffen rufen könnt.«
Der Admiral neigte seinen kahlen Kopf. »Gewiss. Aber soviel ich weiß, wird uns der Marquis von Mendoza unterstützen, und auch der Herzog von Medina Sidonia in Sevilla hat seinen Beistand angeboten. Zusammen können wir mit Sicherheit eine Streitmacht von einer Größe aufstellen, bei der der König sich die Durchsetzung seiner Dekrete zweimal überlegt.«
»Der Marquis von Mendoza wird uns unterstützen?« Langsam wandte sich Carrillo zu Fernando um. »Die Mendozas haben doch immer auf der Seite des Königs gestanden? Wie habt Ihr …?«
»Ein Kinderspiel.« Fernando lächelte. »Wie jeder Grande leistet sich der hohe Herr von Mendoza ein aufwendiges Leben. Als Gegenleistung für mein Angebot der Kardinalsmütze für den Bruder des Marquis, den Bischof, zusammen mit beträchtlichen Pfründen war Mendoza mehr als bereit, unsere Bedingungen zu akzeptieren.«
»Kardinalsmütze …?« Carrillo, plötzlich kreidebleich geworden, starrte ihn fassungslos an. »Ihr … Ihr habt diesem heuchlerischem Bischof Mendoza etwas versprochen, das von Rechts wegen mir zusteht?«
»Ich habe überhaupt nichts versprochen«, entgegnete Fernando kalt. »Das war Kardinal Borgia von Valencia. Außerdem hat er gelobt, uns den Dispens zur Segnung der Ehe zwischen Ihrer Hoheit und mir zu verschaffen, den Ihr uns nicht besorgen konntet. Wie Ihr seht, hat Ihre Hoheit folglich keinen Grund, ihr Recht nicht einzufordern.«
Carrillo quollen schier die Augen aus den Höhlen. »Die Mütze gehört mir!« Von seinem im ganzen sala widerhallenden Brüllen aufgeschreckt, sprangen die vor dem Kamin schlummernden Hunde auf und knurrten. »Mir!« Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. »Die Kardinalswürde steht mir zu! Aufgrund des Kirchenrechts muss sie mir verliehen werden. Mein Leben lang habe ich der Kirche von Kastilien gedient. Wenn jemand in all den Jahren für die Sache Ihrer Hoheit gekämpft hat, dann ich!«
Er keuchte, von seinen Lippen spritzte Speichel. Ich widerstand dem Drang, um Anstand zu bitten. Plötzlich kam es mir so vor, als hätten sich bis auf Fernando und Carrillo alle anderen im Raum in Luft aufgelöst, während sich die beiden wie Duellanten voreinander aufbauten. Wir waren bestenfalls Kulisse und nicht bedeutsamer als die Wandteppiche, Kandelaber oder die knurrenden Hunde – Zuschauer eines geistigen Wettkampfes zwischen dem Mann, der mein Leben geprägt hatte, seit er damals in Ávila an mich herangetreten war, und meinem Gemahl, dem ich mein Herz geschenkt hatte.
Fernando zeigte keine Regung, wandte den starren Blick nicht einen Wimpernschlag lang von Carrillo ab. Er ließ das dröhnende Schweigen unerträglich lange andauern, den Spalt, der sie trennte, zu einem klaffenden Abgrund anwachsen. Schließlich drehte er sich zu mir um und brach die Stille. »Mein Großvater und ich finden, dass nichts gegen einen Brandbrief spricht. Wenn du die Taten des Königs in aller Öffentlichkeit anprangerst und hartnäckig darauf pochst, wie sehr du dadurch in deinen Rechten verletzt wurdest, dürfte das genügen, um die Städte für dich zu gewinnen. Wir brauchen keine Armee, obwohl wir eine zusammenstellen werden. Wahrscheinlich reicht es schon, wenn wir deinen Brief an allen Kirchenportalen und plazas aufhängen.« Er grinste. »Con blandura. Ist es nicht das, wozu du immer rätst?«
Nach einem Jahr Ehe kannte er mich besser als Carrillo nach all der Zeit. Im Gegensatz zum Erzbischof, der das nie begreifen würde, hatte er verstanden, dass ich das sinnlose Chaos von Enriques Herrschaft verabscheute und dass ich es vorziehen würde, so etwas wie einen Anschein von Frieden zu wahren, obwohl wir die ganze Zeit unerbittlich meinen Weg zum Thron pflasterten. Ich wollte einfach nicht, dass die Bevölkerung noch mehr litt als ohnehin schon. Ich wollte nicht, dass sich mein Name mit Tod und Zerstörung verband.
Ich nickte. Gleichzeitig spürte ich Carrillos durchdringenden Blick. »Ja, dieses Motto verwende ich tatsächlich gern.« Ich blickte auf den Erzbischof. In einem Anflug von Mitgefühl wollte ich ihm Trost spenden, denn auf einmal wirkte er so alt, so müde. Noch nie hatte ich die geplatzten Äderchen in seinem Gesicht bemerkt, die wässrigen Augen, die Hängebacken, das matte Silber in seinem schütteren Haar. So lange war er ein Ausbund an unermüdlicher, animalischer Kraft gewesen, dass mir nie aufgefallen war, wie ihm die Zeit allmählich zugesetzt hatte.
»Ich werde mein Möglichstes tun, um dafür zu sorgen, dass Eure Leistungen für die Kirche und das Land anerkannt werden«, versprach ich ihm. »Seid versichert, dass Ihr auch in Zukunft zu unseren bewährtesten Beratern gehören werdet.«
Für einen langen Moment sah er mir in die Augen. Nichts konnte ich in seiner Miene lesen; es war, als hätte sich in seinem Innern etwas verkapselt und ihn dazu veranlasst, sich mir zu entziehen. Diese plötzliche Leere in seinem Gesicht ängstigte mich. Bisher hatte er mir seine Emotionen stets offen gezeigt.
Unvermittelt drehte er sich um und marschierte hinaus. Niemand rief ihn zurück. Ich wollte ihm schon nacheilen, als ich Fernandos Hand auf dem Ärmel spürte.
»Nein. Lass ihn gehen«, murmelte er. »Wir brauchen ihn nicht mehr.«
Die schweren Schritte des Erzbischofs verhallten im Flur. Winselnd legten sich die Hunde wieder auf den ausgefransten Teppich vor dem Kamin. Der Admiral hatte sich abgewandt. Er wartete, bis wir das Wort an ihn richteten. Chacón blickte mich mit ergebener Miene an, in der sich meine Erkenntnis spiegelte, dass sich soeben alles von Grund auf gewandelt hatte.
Nach einem Leben unter seinem Einfluss war ich auf einen Schlag von Carrillo befreit.
Ich wandte mich an Fernando. »Ich brauche eine frische Feder und Tinte«, sagte ich leise und nahm wieder meinen Platz vor dem Pult ein, wo ich einen Bogen Papier zu mir heranzog.
Ich hatte meine Wahl getroffen.
Von jetzt an würden Fernando und ich unseren Kurs selbst bestimmen.