7
Ich verbrachte eine unruhige Nacht, verfolgt von einem Traum, in dem ich einen endlos langen, dunklen Korridor hinunterlief. Vor mir lockte ein Torbogen, durch den gleißendes Winterlicht flutete, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte ihn nicht erreichen.
Keuchend und in meine Decke eingewickelt, schreckte ich hoch. An meiner Seite lag Beatriz. Wir waren beide so durcheinander, dass wir uns sogar im Schlaf aneinanderschmiegen mussten. Als ich ihr von dem Traum erzählte, erklärte sie, er drücke eine Vorahnung aus, dass meine Zukunft sowohl ein Versprechen als auch eine Gefahr berge. Für eine ansonsten überaus praktische Persönlichkeit hatte Beatriz eine abergläubische Seite – das Erbe ihrer von conversos abstammenden Familie, wie sie behauptete. Ich tat ihr Gerede von irgendwelchen Vorzeichen mit einem Schulterzucken ab. Wer Juden als Vorfahren hatte, und mochte er sich inzwischen auch wie Beatriz zum Christentum bekennen, hatte vielleicht eine Schwäche für solchen Mummenschanz – ich nicht. Ich hatte meinen Glauben an Gott. Ihm allein musste ich als meinem Führer vertrauen.
Als wir zur Tür hinausspähten, waren die Wächter verschwunden, und die kühle Maisonne tauchte den Garten dahinter in ein weiches Licht. Cabrera brachte uns Frühstück – warmes Brot, frisches Obst und Käse. Eine Magd goss uns ein heißes Bad auf. Überwacht wurde sie dabei von einer eleganten älteren Frau, die sich uns als Doña Cabrera, Andrés’ Mutter, vorstellte. Dankbar schwelgten Beatriz und ich in dem nach Rosmarin duftenden Wasser und spritzten und alberten herum wie die Mädchen, die wir ja auch waren.
Doch kaum hatten wir unsere Roben angelegt und waren unter die vergoldete Kassettendecke des sala de los reyes, des Thronsaals des Alkazar, getreten, kehrten auch schon meine Sorgen zurück. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was der heutige Tag bringen würde, und war überaus froh, Fernando zu sehen. Seine bloße Gegenwart und sein schnelles Lächeln beruhigten mich unendlich, als ich auf dem Weg zum Podest an ihm vorbeischritt. Von allen Personen am Hof wirkte er als Einziger normal und frei von irgendwelchen geheimen Absichten oder Machenschaften.
Alfonso, der vor uns eingetroffen war, wartete zusammen mit der Familie des Königs auf dem Podest. Er wirkte müde und blass, zweifellos eine Folge des vielen Weins gestern Nacht. Sein blau und golden besticktes Wams und die kecke gefiederte Kappe standen in deutlichem Kontrast zu seinem kalkweißen Gesicht. Dicht neben ihm hatte sich Erzbischof Carrillo aufgebaut, der mich mit seinem üblichen Lächeln bedachte. Ich dagegen musterte ihn mit gesteigertem Misstrauen, denn jetzt wusste ich von dem Verdacht, dass er womöglich Ränke geschmiedet hatte, um meine Mutter daran zu hindern, uns an den Hof zu begleiten. Jetzt empfand ich die kalkulierte Heiterkeit seiner Augen als beunruhigend. Mir war, als schaute er durch mich hindurch in eine Zukunft, die nur er sehen konnte.
Die Prinzessin, die man in endlos lange, mit Perlen besetzte weiße Samttücher gewickelt hatte, lag in Königin Juanas Armen. Sobald ich geknickst hatte, streckte mir Juana den Säugling entgegen und zwang mich, ihm die weiche milchweiße Wange zu küssen. Der Anblick der schlafenden kleinen Joanna brachte mich für einen Moment zum Schmelzen. Ein so unschuldiges Wesen konnte doch gewiss keinen Aufruhr auslösen.
»Du wirst ihre Taufpatin sein«, erklärte mir Juana mit einem Lächeln so künstlich wie das Karmesinrot auf ihren Lippen. »Wir haben eigens für dich ein Geschenk anfertigen lassen, damit du es ihr bei der Feier heute Abend überreichen kannst – ein silbernes Taufbecken mit ihrem darin eingravierten Namen. Wie würde es schließlich ausehen, wenn die Taufpatin mit leeren Händen käme?«
Worte der Dankbarkeit murmelnd, wandte ich mich von ihrem stechenden Blick ab. Falls sie sich für das ihr nachgesagte Verhalten schämte, ließ sie sich zumindest nichts anmerken. Ich jedenfalls begann bereits, an den schmutzigen Gerüchten zu zweifeln, die ich noch vor wenigen Stunden fast geglaubt hätte. Im kalten Licht des Tages schien es einfach unvorstellbar, dass sie, eine portugiesische Prinzessin, Schwester des Königs dieser Nation und eine Verwandte meiner Mutter, so weit gehen würde, die Krone auf ihrem Haupt aufs Spiel zu setzen.
Ich nahm meinen Platz neben Alfonso ein. Enrique, der mit juwelenbesetzter Krone auf dem Kopf und in seine Robe gehüllt auf dem Thron saß, wirkte höchst unbehaglich. Sein Gesicht war mit Bartstoppeln übersät, seine geröteten Augen waren verschattet. Meinen Blick mied er. Stattdessen beäugte er nervös die Versammlung, als sein Herold die Proklamation verlas, mit der der kleinen Joanna der Titel Prinzessin von Asturien verliehen wurde, was sie zur Thronerbin machte.
Nun mussten noch die Cortes von Kastilien, die aus Vertretern sämtlicher wichtiger Provinzen des Reichs gebildete Ständeversammlung, die geänderte Erbfolge per Abstimmung bewilligen. Doch als die Granden einer nach dem anderen auf das Podest traten, um auf den Knien zu schwören, dass sie die Rechte der Prinzessin achten würden, waren ihre Mienen versteinert, und sie leierten ihren Eid derart monoton herunter, dass die Zeremonie eher an eine Trauerfeier erinnerte.
»Wo sind die Herzöge von Alba, Cabra und Paredes?«, hörte ich die Königin Enrique ins Ohr zischen, als die letzten Granden dem Kind ihre Aufwartung machten. »Wo sind die andalusischen Granden, Medina Sidonia und Cádiz? Soll das eine Beleidigung sein? Sie sind schon vor Wochen hierher- befohlen worden! Sie alle müssten hier sein, um unserer Tochter zu huldigen!«
Enriques Kinn versank immer tiefer in seinem Hermelinkragen. Als Alfonso an die Reihe kam, streckte Carrillo die Hand nach ihm aus. Ein Schreck fuhr mir in sämtliche Glieder, denn einen Moment lang sah es so aus, als würde er Alfonso zurückhalten, doch er tätschelte meinem Bruder nur aufmunternd den Arm. Nachdem Alfonso die Eidesformel gesprochen und sich entfernt hatte, war ich die Nächste. Unter Enriques gequältem Blick kniete ich mich vor das Kind und erklärte: »Ich, Isabella de Trastámara, Infantin von Kastilien, gelobe, Prinzessin Joanna, der ersten Thronerbin, treu zu dienen und ihre Rechte zu schützen.«
Die Worte waren wie Asche in meinem Mund. Ich wusste nicht, ob ich selbst daran glaubte oder nicht und ob ich soeben mit der Anerkennung dieses Kindes, dessen Vaterschaft umstritten war, eine Sünde begangen hatte. Doch als ich an meinen Platz zurückkehrte, verspürte ich nur noch endlose Erleichterung. Mochte meine Mutter toben, sobald sie es erfuhr, mochten die Adeligen schimpfen oder die Höflinge mir Böses nachsagen, geschehen war geschehen. Die kleine Joanna war jetzt Enriques Erbin, es sei denn, die Cortes entschieden anders. Wir hatten ihr gehuldigt. Wir hatten unseren Treueeid geleistet. Wir durften unser Wort nicht brechen.
Bleierne Stille breitete sich aus.
Enrique erhob sich, wobei ihm seine Gewänder eine gewisse schwerfällige Würde verliehen. Ich dachte schon, er wolle eine Ansprache halten, doch dann drehte er sich abrupt um und stieg vom Podest. Aus der Menge trat sein Gefährte von gestern Abend auf ihn zu, der heute mit schlichtem Wams und Strumpfhose bekleidet war. Gemeinsam verließen sie den Saal durch eine Seitentür und sorgten so dafür, dass sich die Versammlung rasch auflöste.
Fernando stand allein da, die Augen auf mich gerichtet.
Ich wandte mich an Alfonso. »Komm, Bruder. Wir können etwas frische Luft vor der Vesper gut vertragen.«
Alfonso machte Anstalten, zu mir zu kommen, als Carrillo ihn zurückhielt. »So leid es mir tut, aber solcher Zeitvertreib muss warten. Seine Hoheit hat wichtige Pflichten zu erfüllen. Ist es nicht so, mein Prinz?«
Alfonso seufzte. »Ja, wahrscheinlich. Geh nur voraus, Isabella. Vielleicht sehen wir uns später.«
Ich nickte. »Natürlich.« Auch wenn ich die besitzergreifende Art des Erzbischofs nicht mochte, blieb mir nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Carrillo in Alfonsos bestem Interesse handelte.
Doch als ich meinem Bruder die Wange küsste, murmelte ich: »Mach niemandem Versprechungen.«
Mein Bruder setzte sich in Bewegung. Ich wich elegant zurück und strahlte Carrillo an, der mein Lächeln nicht minder freundlich erwiderte. Dann wandte auch ich mich zum Gehen. An den Stufen zum Podest nahm mich mein jüngerer Cousin aus Aragón in Empfang. Er reichte mir den Arm. »Lasst uns gemeinsam spazieren gehen, Isabella.«
Wir schlenderten in den Garten hinaus. Beatriz und Andrés de Cabrera folgten uns in diskretem Abstand.
Der Tag war noch kühl, aber ein Versprechen auf den Sommer hing bereits in der sich erwärmenden Brise und in den sich langsam öffnenden Rosenknospen.
Fernando ging gemessenen Schritts an meiner Seite. Ich wollte nicht die Erste sein, die unser kameradschaftliches Schweigen brach. Ich war einfach glücklich darüber, diese Atempause genießen zu dürfen, an der frischen Luft zu sein und frei zu atmen. Doch als wir uns einem Brunnen näherten und Beatriz und Cabrera sich entfernten, damit wir allein sein konnten, räusperte sich Fernando unvermittelt.
»Ich möchte mich für gestern Abend entschuldigen. Ich wollte Euch nicht verletzen.«
Ich musterte ihn unverwandt. Ich spürte, dass er es trotz seiner Jugend nicht gewohnt war, irgendjemanden um Verzeihung zu bitten, schon gar nicht ein Mädchen. Als einziger Erbe Juans von Aragón musste Fernando ziemlich verwöhnt sein, auch wenn ich nicht glaubte, dass er allzu viel materiellen Luxus genossen haben konnte. Sein Wams aus Barchent und die Lederstiefel wirkten sauber, allerdings recht abgetragen, und seine Strumpfhose war über dem Knie ausgebessert worden, zwar auf höchst fachmännische Weise, aber dennoch erkennbar. Ich fragte mich, ob seine Mutter, die kastilische Königin von Aragón, das getan hatte. Solche Arbeiten erforderten eine geschickte Hand, und nur Frauen von königlichem Geblüt oder Nonnen hatten die Zeit, sich in dieser Kunst zu vervollkommnen.
»Ich habe Euch doch schon gesagt, dass eine Entschuldigung nicht nötig ist. Ich war nicht verletzt.«
»Aber ich hätte mich nicht auf diese Weise über die Königin äußern dürfen.«
»In der Tat.« Ich strich meine Röcke glatt und setzte mich auf eine der Steinbänke vor dem Brunnen. Das Sonnenlicht schimmerte auf der Oberfläche des sich kräuselnden Wassers, in seinen trüben Tiefen schossen winzige, bunte Fische hin und her. Ich hob den Blick zu Fernandos Augen. In dem hellen Licht waren sie wunderschön – tiefbraun mit einer Spur von geschmolzenem Honig im Hintergrund, und die leichte Schrägung an den Winkeln verstärkte noch ihren Glanz. Eines Tages würde er mit einem bloßen Blick Herzen zum Schmelzen bringen. Er war schon jetzt unwiderstehlich gut aussehend; dabei war er noch nicht einmal ein Mann.
Ohne Vorwarnung sagte er: »Ich breche heute nach Aragón auf.«
Mein Herz setzte vor Enttäuschung einen Schlag aus. »So bald?«
»Leider ja. Ich habe eine Nachricht von meinem Vater erhalten. Meine Mutter … sie braucht mich.« Seine Lippen bebten. Als ich sah, dass seine Augen feucht wurden, rutschte ich auf der Bank zur Seite, um Platz zu machen. »Setzt Euch doch bitte«, murmelte ich, woraufhin er sich stocksteif neben mir niederließ, als fürchtete er, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden.
Ich wartete, bis er seine Fassung wiedererlangt hatte. Als er erneut sprach, war seine Stimme gedämpft, und nur noch ein schwaches Zittern verriet seine Gefühle. »Sie ist sehr krank. Die Ärzte wissen nicht, was ihr fehlt. Sie wird von Tag zu Tag schwächer. Früher war sie immer vor allen anderen auf den Beinen und die Letzte, die sich schlafen legte. Sie führte den ganzen Hof. Und seit mein Vater zunehmend erblindet, hilft sie ihm bei allen Regierungsgeschäften. Aber jetzt schreibt mein Vater, dass sie wenige Tage nach meiner Abreise zusammengebrochen ist und ständig nach mir fragt.«
Ich sah seinem Gesicht an, wie er mit sich rang und bemüht war, sich seinen Kummer nicht anmerken zu lassen. Gerne hätte ich ihn umarmt, ihn getröstet, doch das schickte sich nicht. Ich hätte ohnehin nicht allein mit ihm sein dürfen, auch wenn Beatriz und Andrés de Cabrera sicher irgendwo in der Nähe waren und so immerhin den Schein wahrten.
»Das tut mir schrecklich leid«, murmelte ich schließlich. »Einen geliebten Menschen zu verlieren muss sehr wehtun.«
Er nickte. »Ihr habt ja Euren Vater verloren. Ihr wisst besser als die meisten, welchen Schmerz das bedeuten kann.«
»Ich war gerade erst drei Jahre alt, als mein Vater starb. Ich kannte ihn kaum.«
Er musterte mich mit verunsichernder Eindringlichkeit. »Seid Ihr immer so aufrichtig?«
»Ich habe nie einen Grund gesehen, mich anders zu verhalten.«
»Dann nehmt Ihr Euch meinen Rat, dass es nötig ist, sich am Hof zu verstellen, nicht zu Herzen?«
Ich überlegte. »Ich mag Lügen nicht.«
»Ich meinte ja nicht, dass Ihr lügen sollt. Aber genauso wenig dürft Ihr bei Euren Gefühlen immer so unverblümt sein. Das ist weder sicher noch klug. Am Hof lauern Gefahren, die Ihr noch nicht versteht.«
»Wollt Ihr mir sagen, dass Ihr den Hof meines Bruders besser kennt als ich?«, rief ich. Eigentlich war das als Zurechtweisung gedacht, doch als ich mich reden hörte, merkte ich, wie naiv ich klang. Er wusste, dass ich weit vom Hof entfernt aufgewachsen war und dass er, ein Prinz unseres angestammten Feindes und gelegentlichen Verbündeten, aufgrund seiner Erziehung eine Sicht auf die Dinge hatte, die mir fehlte.
Und dennoch schien er nicht auf seiner Überlegenheit zu beharren oder an meinen Worten Anstoß zu nehmen. Stattdessen erwiderte er mit gedämpfter Stimme: »Die Unruhe wegen der Thronfolge wird sich nur weiter verschlimmern.«
»Wie könnt Ihr so etwas sagen? Mein Bruder hat eine Erbin. Das löst doch sicher keine Unnruhen aus.«
Er blickte mich mit gequälter Miene an. »Ihr wisst, was ich meine.«
»Ja«, entgegnete ich trocken, »offenbar sind wir wieder auf der Stufe von ungebührlichen Gerüchten angelangt.«
»Das ist kein bloßes Gerücht. Viele Angehörige der kastilischen Aristokratie sind mit dem König und seiner Wahl der Erbin zutiefst unzufrieden. Sie trauen weder Beltrán de la Cueva noch der Königin; sie alle sind der Überzeugung, dass das Recht auf das Erbe Eurem Bruder Alfonso …«
Ich schnitt ihm das Wort ab. »Das habe ich schon einmal gehört. Möchtet Ihr mir dieses Thema aufs Neue zumuten?«
»Verzeiht mir.« Jäh ergriff er meine Hand, woraufhin ich unwillkürlich nach Luft schnappte. »Aber bevor Ihr geht, muss ich Euch warnen, denn es betrifft die Zukunft beider Reiche.«
»Hat Euch Euer Vater, König Juan, aufgetragen, mir diese Botschaft zu überbringen?«, fragte ich.
Er zuckte zusammen. »Ich würde nie den Befehlsempfänger meines Vaters spielen. Ich möchte Euch nur dabei helfen, Euren Thron zu schützen.«
»Thron?«, wiederholte ich bitter. »Welchen Thron meint Ihr denn wohl? Meine Nichte ist die Prinzessin von Asturien, Kastiliens Erbin. Sollte ihr etwas zustoßen, was Gott verhüten möge, steht mein Bruder an nächster Stelle in der Erbfolge. Er wird sich vermählen und seine eigenen Kinder zeugen. Nach ihm werden sie herrschen. Ich werde nie Königin sein.«
»Und ob Ihr das sein werdet! Es war immer das innigste Anliegen meines Vater, dass wir zwei heiraten. Ihr werdet Königin sein, Isabella – Königin von Aragón, meine Gemahlin.«
Ich starrte ihn überrascht an.
»Wir passen gut zusammen«, fuhr er fort, und seine Finger schlossen sich fester um die meinen. Noch nie hatte ich so warme Hände gespürt. »Ich weiß, Aragón ist kleiner als Kastilien und bei Weitem nicht so mächtig oder reich, aber wir teilen viele Blutsbande. Wir können unsere Reiche enger miteinander verknüpfen und Frieden zwischen ihnen schaffen.« Er musterte mich eindringlich. »Was sagt Ihr dazu? Würde es Euch gefallen, mich zu heiraten?«
Von allem, was er mir hätte sagen können, war es dasjenige, worauf ich am wenigsten vorbereitet war. Ich stellte mich seinem glühenden Blick und brachte schließlich hervor: »Aber … Ihr seid ein Knabe, und ich bin eine Jungfrau …«
»Nein!« Seine Stimme schwoll an. »Ich bin kein Knabe! Nächstes Jahr werde ich dreizehn. Ich bin zum Ritter geschlagen worden und habe mein Schwert bei der Verteidigung von Aragón mit Blut getränkt. In meinem Reich bin ich schon ein Mann.«
Damit nahm er den Mund sehr voll, auch wenn man Worte dieser Art durchaus von jemandem wie ihm erwarten konnte. Doch als ich den Blick auf unsere ineinander verschlungenen Hände senkte, kamen sie mir vor wie zwei Seidenfäden vom selben Strang – meine so weiß und zart, seine kräftig und braun und dennoch beide beinahe von der gleichen Länge und der makellosen Reinheit der Jugend.
Warum löste er solche Gefühle in mir aus? Er war ungehobelt und arrogant und trotz seiner eigenen Ratschläge bezüglich höfischen Verhaltens viel zu unverblümt. Ich kannte ihn so gut wie gar nicht. Aber wenn ich ehrlich zu mir war, konnte ich nicht leugnen, dass die Vorstellung von ihm als meinem Gemahl nicht ohne Reiz war. Mein Leben lang hatte man mir vorgehalten, dass ich eines Tages zum Nutzen Kastiliens würde heiraten müssen. Nie hatte ich geglaubt, ich würde dabei ein Wörtchen mitreden können. Natürlich schloss das nicht aus, dass ich mir Gedanken darüber machte, was für eine Art von Gemahl das Schicksal für mich bereithalten mochte, oder dieselben Träume hegte wie jedes andere Mädchen. Unsere Welt war voller alter, fetter Könige; da war es nur normal, dass ich mich von dem Versprechen dieses ungestümen jungen Prinzen angezogen fühlte.
Aber das würde ich ihm natürlich nicht sagen. Ich würde mich nie kompromittieren. Außerdem brach er heute in sein Reich auf. Wer wusste schon, wann – oder ob – ich ihn jemals wiedersehen würde?
Ich zog meine Hand zurück. »Fünfzehn ist das Alter, ab dem eine Infantin in Kastilien verheiratet werden kann. Wenn Ihr eine Antwort wollt, kommt dann zurück, und ich gebe sie Euch – nachdem Ihr bei meinem Bruder um meine Hand angehalten habt.« Und bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, fügte ich hinzu: »Aber lasst uns jetzt nicht die uns verbliebene gemeinsame Zeit verderben.« Ich lächelte ihn an, um den Ausdruck von verletztem Stolz aus seiner Miene zu vertreiben. »Kommt, lasst uns noch ein wenig spazieren gehen. Ihr könnt mir von Aragón erzählen. Ich bin noch nie dort gewesen und würde es gern mit Euren Augen sehen.«
Sein Gesicht hellte sich bei dieser Einladung auf, und während wir durch die Gartenanlage flanierten, erging er sich mit wohltönender Stimme in einer ausführlichen Schilderung seiner Heimat, die sich von den reichen Ländereien um die Stadt Huesca im Norden bis zu den azurblauen Gewässern vor Valencia im Süden erstreckte. Seine Worte ließen alles zum Leben erwachen. Ich sah das Land förmlich vor mir mit seinen imposanten gezackten Bergen, wie sie sich unter den eisigen Pyrenäenwinden von Violett zu Blau verfärbten; mit seinen Tälern, die so fruchtbar waren, dass dort wilde Obstbäume wuchsen; und mit seinen ausgedörrten Steppen, wo Rinder- und Schafherden grasten. Ich sah die von Mauern umschlossene Hauptstadt Saragossa an der Mündung des Ebro, ihren filigranen Aljafería-Palast und den Alabasteraltar der berühmten Basilika. Vor mir erstand die von den wilden Katalanen bewohnte Handelsstadt Barcelona, die gegen die aragonischen Herrscher aufbegehrte. Ich schmeckte den Krabbeneintopf, der als das beste Mittel zur Vorbeugung gegen Krankheiten galt, und den berühmten Pata-Negra-Schinken, der in der Stadt Teurel gereicht wurde. Ich erfuhr vom tapferen Widerstand des aragonischen Volkes gegen die ständigen Übergriffe der wölfischen Franzosen und von seinem jahrhundertelangen Kampf um die Kontrolle der entfernten, von der Sonne verbrannten Königreiche Sizilien und Neapel.
»Es gab eine Zeit, als wir den größten Teil von Süditalien unter unserer Kontrolle hatten«, ließ mich Fernando wissen. »Außerdem gehörten uns die Herzogtümer Korsika und Athen. Wir waren die Herren des Mittelmeers.«
Ich war natürlich mit der Größe meines heimischen Königreichs Kastilien und León vertraut, doch Fernandos Offenbarungen über die Besitztümer Aragóns in der Fremde verzauberten mich, suchten dort doch wagemutige Seefahrer nach Reichtümern, um mit Truhen voller Gewürze, Edelsteine, Seidenstoffe heimzukehren; sie brachten aber auch das begehrte Alaun mit, ein für die Tuchfärbung benötigtes Mineral, für das heimische Händler wahre Vermögen zahlten.
»Ihr seid wie die Römer«, hauchte ich. »Ihr habt ein Weltreich.«
»Und wie sie stürzen wir uns auch in Schulden!« Er lachte und entblößte damit eine Lücke zwischen seinen oberen Schneidezähnen, die ich unerklärlicherweise reizend fand. »Versteht Ihr, unsere Schatzkammer ist noch nie voll genug für unsere ehrgeizigen Ziele gewesen, und solche weit verstreuten Besitztümer unter seiner Macht zu behalten, das erfordert Geld – viel Geld.«
Er stockte. Sein Ton wurde düster. »Und seit dem Verlust von Konstantinopel an die Ottomanen droht uns große Gefahr durch die Ungläubigen. Nach seiner Eroberung ist ganz Europa angreifbar. Auf diese Weise konnten die Mauren schon vor Jahrhunderten bei uns eindringen. Und die Geschichte könnte sich wiederholen. Die Türken könnten Granada als Einfallspforte benutzen, so wie es die Mauren mit Gibraltar gemacht haben.«
Ich erschauerte bei seiner Vorstellung davon, wie die Ungläubigen in einer dunklen Welle über uns hinwegfluteten. Bisher hatte ich nie einen Gedanken an den verheerenden Fall von Konstantinopel verschwendet, eine der heiligsten Städte des Christentums, obwohl das erst zwei Jahre nach meiner Geburt geschehen war und die christliche Welt bis in ihre Grundfesten erschüttert hatte. Mein Wissen beschränkte sich auf illustrierte Bücher über Kastiliens Geschichte, Gedichte von Troubadouren und romantische Parabeln wie in Juan Ruiz’ Aus dem Buch der guten Liebe. Anders als Fernando hatte ich die Welt nie aus einem Blickwinkel betrachtet, der uns nicht in den Mittelpunkt stellte, sondern als Teil des gesamten Erdkreises sah. Allein schon ihn reden zu hören versetzte mich in Verzückung, als stünde er auf einer Galeone, die sich durch schaumbedeckte Meere gen unbekannte Gestade pflügte …
Fernando seufzte. »Und jetzt, da diese Spinne, Louis XI. von Frankreich, unsere Grenze im Norden bedroht, müssen wir ein einsatzbereites Heer aufstellen. Truppen kosten natürlich Geld, mehr als Ihr Euch vorstellen könnt. Ohne klingende Münze stellt kein Fürst Soldaten auf, und kein Vasall kämpft ohne angemessene Rationen. Niemand bei uns konnte so gut organisieren wie meine Mutter. Sie wusste immer genau, wo man am Hof sparen musste, um dann in der Lage zu sein …« Seine Stimme erstarb, und er schaute weg. »Ich kann gar nicht glauben, dass ich soeben von ihr gesprochen habe, als wäre sie schon tot …«
»Ihr habt es bestimmt nicht so gemeint«, tröstete ich ihn.
Er hob wieder die Augen zu mir. »Mit Euch an meiner Seite ist es nur zu leicht, meinen Schmerz zu vergessen.«
Ich zögerte. Wir hatten die gewölbten Arkaden erreicht, die den gesamten Palast umschlossen. Ohne darauf zu achten, hatten wir die Gartenanlage zweimal umrundet. Als wir sie betreten hatten, war sie mir riesig vorgekommen wie ein Labyrinth. Jetzt, da mir der Kopf von Fernandos Worten schwirrte, empfand ich den Garten als eng, als eine von Menschen geschaffene Ansammlung von gestutzten Hecken, unnatürlich beschnittenen Bäumen und symmetrisch angelegten Wegen, die nirgendwohin führten.
»Ist das nicht Eure Freundin?«, fragte Fernando unvermittelt und deutete auf die Arkaden, wo Beatriz zusammen mit Cabrera auf einer Steinbank saß. Dieser redete, begleitet von lebhaften Gesten, angeregt auf sie ein und wirkte bei Weitem nicht so zurückhaltend, wie ich ihn bisher erlebt hatte. Und Beatriz lauschte mit gebannter Aufmerksamkeit.
Fernando schmunzelte. »Manche würden vielleicht sagen, er sei zu alt für sie, aber sie scheint das nicht zu stören.«
Seine Andeutung brachte mich in Wallung. »Was meint Ihr damit? Don Andrés de Cabrera ist uns gegenüber die Freundlichkeit in Person! Ich kann mir nicht vorstellen, dass er irgendwelche Absichten mit ihr verfo …« Jetzt war ich diejenige, deren Stimme erstarb, als mir bei näherem Hinsehen die eigentümliche Haltung von Beatriz auffiel. Ihr schief gelegter Kopf und die großen Augen verrieten eindeutig den Wunsch zu gefallen, als wäre Cabrera der faszinierendste Mann, dem sie je begegnet war. Und obwohl ich nur wenige Schritte entfernt direkt vor ihr stand, schien sie mich nicht zu bemerken.
Ich unterdrückte ein Kichern. Sie wirkte tatsächlich völlig verzaubert.
»Ich muss Euch noch lehren zu tanzen«, flüsterte Fernando unvermittelt.
Abrupt verflüchtigte sich meine Heiterkeit. »Tanzen? Aber wir haben doch erst gestern Abend getanzt. Danke, aber ich kann das schon ganz gut.«
»O ja, Ihr gebt eine bezaubernde Figur dabei ab, aber Ihr kennt keinen von den aragonischen Tänzen. Ihr müsst wenigstens einen lernen, damit Euch eine Erinnerung an mich bleibt.« Er nahm mich bei der Hand, und bevor ich protestieren konnte, bugsierte er mich zur gefliesten Fläche beim Brunnen.
Ich versuchte, mich zu befreien. »Nein«, sagte ich mit vor Angst atemloser Stimme, »man könnte uns sehen.«
»Wer?« Lachend blickte er über die Schulter zur Arkade. »Hier würde man uns nicht einmal dann bemerken, wenn wir eine Kanone zündeten. Kommt schon, es ist ja nur ein Tanz.«
»Wirklich, ich darf nicht. Nicht hier im Garten. Das … gehört sich nicht.«
Er verharrte. Seine Augen fixierten mich. »Nehmt Ihr Euch immer so ernst?« Diese Frage hätte verletzend sein können, aber sein Ton verriet mir sofort, dass das nicht seine Absicht war. Seine Neugier war aufrichtig.
»Natürlich«, erwiderte ich, das Kinn angriffslustig gereckt. »Ich bin eine Infantin von Kastilien. Das muss ich mir immer vor Augen halten.«
Er hob eine Augenbraue. »Immer? Kann eine Infantin nicht hin und wieder Spaß haben?«
»Ich glaube nicht, dass Tanzen im Garten als …« Ich verstummte, denn er ignorierte mich einfach und betrat leise summend den gefliesten Bereich. Und dort baute er sich in Tänzerpose auf.
Er war verrückt. Er war tatsächlich im Begriff, Ernst zu machen.
»Dieser Tanz«, erklärte er und strich sich die Haare aus der Stirn, »wird nach der Ernte von den Bauern aufgeführt. Sie feiern damit die Freigebigkeit der Natur.«
Ein primitiver Bauerntanz – und bestimmt auch noch heidnischen Ursprungs! Ich hätte mich entfernen sollen. Das war ungehörig. Er war ungehörig! Aber ich blieb wie festgenagelt stehen, gebannt von seinem kräftigen Körper, seiner selbstsicheren Haltung, während er die Schultern straffte, die Arme in die Hüften stemmte, mit den Lippen ein lautes Trillern von sich gab, jäh hochsprang und im Zickzack mit der Präzision eines Uhrwerks über die Fläche fegte.
»Das symbolisiert das Bündeln des Weizens!«, rief er mir mitten in seinem Wirbel zu, ohne die verblüffenden Bewegungen seiner Beine zu unterbrechen. »Kommt! Ich zeige es Euch!«
Er streckte mir lockend eine Hand entgegen. Ich konnte nicht glauben, was ich tat, doch ich bewegte mich auf ihn zu. Hinter den Palastfenstern konnten Höflinge stehen und uns schockiert zuschauen; jeder, der unter den Arkaden wandelte, konnte uns sehen! Inzwischen, dessen war ich sicher, war Beatriz auf uns aufmerksam geworden und beobachtete uns mit offenem Mund, da ich nach Fernandos Hand griff und spürte, wie seine heißen Finger sich um die meinen schlossen.
Er grinste über das ganze schweißnasse Gesicht. »Ihr stolpert noch über diese Röcke«, meinte er, meine Robe mit hochgezogenen Augenbrauen begutachtend.
Ich erstarrte.
Er beugte sich dicht über mich. »Seid tapfer, Isabella«, flüsterte er.
Meine Kehle war wie ausgetrocknet. Ich bückte mich, raffte meine Rockschöße und verknotete sie flink auf der Höhe der Wadenbeine. Dann blickte ich ihn herausfordernd an.
»Ihr macht das nicht zum ersten Mal«, meinte er, während seine Augen frech über meine elfenbeinweiß bestrumpften Knöchel glitten. Ich mochte meine Knöchel nicht. Sie waren knochig und ließen meine Füße zu groß wirken.
»Anders als Ihr über verwöhnte Infantas denken mögt«, erwiderte ich in spitzem Ton, der seinen Blick wieder auf mein Gesicht lenkte, »bin ich auf einer Burg aufgewachsen, wo gearbeitet wurde, und zwar mit Nutzvieh. Da galt es, auf Schlamm und Mist zu achten. Ich habe nur wenige Kleider und sollte sie möglichst nicht ruinieren.«
Er verbeugte sich, trat dicht heran und legte mir einen Arm um die Taille. »Es ist leichter, als es aussieht«, murmelte er und kam mir dabei so nahe, dass ich das Salz auf seiner Haut riechen konnte. »Folgt mir einfach.«
Am Anfang wäre ich fast gestürzt, so plötzlich und schnell erfolgte sein Sprung. Dann gab es wieder diese komplizierten Beinbewegungen. Beim zweiten Mal brachte ich sie, ermutigt durch sein Klatschen, etwas täppisch zuwege. Und als er wieder sein Lied ohne Worte summte, das mich an das Pfeifen von Ziegenhirten auf windumtosten Abhängen erinnerte, ergriff er meine Hand, drehte mich zu sich und befahl: »Beim dritten Schlag hüpfen wir gemeinsam hoch, schlagen mit den Füßen aus, wirbeln herum und wiederholen das Ganze.«
»Unmöglich«, stöhnte ich, wappnete mich aber trotzdem dafür und schloss die Augen, um besser auf die Feinheiten seiner Melodie achten zu können. Als ich den Rhythmus hörte und spürte, wie sich der Druck seiner Finger verstärkte, hielt ich die Luft an. Diesmal hüpfte ich rechtzeitig hoch und schlug mit den Füßen nach vorn und nach hinten aus. Als wir den Boden berührten, wirbelte ich mit ihm so schnell herum, dass beinahe meine Haube davongeflogen wäre. Und auf einmal verlor ich alle Hemmungen, vergaß, was sich schickte und was nicht. Das Blut toste mir in den Ohren, und ich hörte mein Lachen aus mir herausbrechen, fühlte mich wie ein nach langer Gefangenschaft freigelassener Vogel. Sofort taten wir es noch einmal.
Dann standen wir keuchend da, die Hände ineinander verschlungen, um uns der rauschende Beifall des Brunnens. Das Tosen in meinen Ohren ließ nach, als Fernando mir in die Augen blickte. Über uns trieb eine Wolke vorbei, verhüllte die Sonne. Im Wechselspiel zwischen Schatten und Licht sah ich, wie Fernando wohl in Jahren als Erwachsener aussehen würde, mit markanteren Wangen und breiterer Stirn, jedoch mit demselben lebhaften Funkeln in den Augen und dem ungebrochenen Überschwang. Wie alt er auch werden mochte, sein Lächeln würde sich wohl nie ändern.
»Ihr errötet?« Fernando ließ meine Hand los und berührte mein Gesicht. »Eure Haut ist so hell, weiß wie der Mond …«
Ich regte mich nicht, ließ zu, dass seine Fingerspitzen über meine Haut glitten, genoss die Hitzeschauer, die sie durch meine Adern sandten, bis mein Inneres prickelte.
Das Mittagsläuten der Glocken der Kathedrale schwoll zu einer Kakophonie an und ersparte mir eine Antwort. In meinem Rücken näherte sich das Klappern von Absätzen. Fernando trat beiseite. Ich drehte mich um und sah Beatriz mit geröteten Wangen auf mich zuhasten. Sie wirkte genauso aus der Fassung gebracht, wie ich mich fühlte. Cabrera stand mit verwirrter Miene vor der Bank. Hatten sie uns womöglich gar nicht gesehen, weil sie so sehr ineinander vertieft gewesen waren, bis die Glocken sie riefen?
»Hohe Dame, bitte vergebt mir!« Beatriz sank in einen unbeholfenen Knicks. »Ich hatte ganz die Zeit vergessen! Ist Euer Spaziergang vorbei? Habt Ihr lange gewartet?« Ihre Fragen prasselten im Stakkato auf mich ein, doch ich entdeckte in ihrer Stimme eine Heiterkeit, die darauf hinwies, dass sie zwar abgelenkt worden sein mochte, uns aber sehr wohl gesehen hatte.
»Nein, nein«, versicherte ich ihr, mich insgeheim fragend, ob meine Freude so leicht zu erkennen war wie ihre. »Nicht lange …« Ich redete noch, als sich der Glanzschleier des Tanzes aufzulösen begann wie eine Duftwolke oder ein schöner Traum. Ich wollte ihn festhalten, bevor er mir entglitt, ihn in Perlmutt einschließen wie eine seltene Perle. Einen Moment lang fühlte ich mich leicht wie eine Feder, losgelöst von allen Pflichten, Sorgen oder Zweifeln.
Für einen Moment, der mir schnell entglitt, war ich frei gewesen.
»Ich fürchte, wir müssen jetzt gehen«, flüsterte ich Fernando zu. »Wir werden zum Mittagsgebet erwartet, und danach müssen wir uns fürs Bankett umkleiden. Werde ich Euch später im Thronsaal sehen?«
»Leider nein«, antwortete er. »Meine Diener werden sich schon fragen, wo ich geblieben bin. Wir hätten längst aufbrechen müssen. Die Reise nach Aragón wird mindestens zwei Tage dauern.«
»Oh.« Ich zwang mich trotz aller Enttäuschung zu einem Lächeln. »Aber danke. Es war mir ein Vergnügen, Cousin. Ich hoffe sehr, dass wir uns wiedersehen.«
»Ich nicht minder, meine Infantin.« Mir entging nicht, wie er die Betonung auf »meine« legte, während er sich über meine Hand beugte. Doch dann gab mir Beatriz einen Stoß. Ich funkelte sie wütend an. Fernando dagegen sagte freundlich: »Hohe Dame de Bobadilla, ich bin entzückt.« Darauf knickste sie lächelnd. »Eine Ehre, Eure Hoheit.«
Er schaute mir in die Augen. »Ich werde schreiben.«
Und bevor ich einen Laut von mir geben konnte, schritt er durch die Gartenanlage zurück zu seinen Gemächern und bewies dabei eine Selbstverständlichkeit, als wäre er schon zahllose Male durch dieses Labyrinth von verschlungenen Wegen gelaufen.
Ich sah ihm nach, bis er im Palast verschwand. Es kostete mich einige Anstrengung, ihm nicht nachzurufen, dass er recht behalten und der Tanz mir großen Spaß gemacht hatte.
»Er gefällt Euch«, stellte Beatriz fest.
Ich nickte mit gespielter Lässigkeit. »Für einen Jungen ist er recht unterhaltsam.«
»Er wird nicht mehr lange ein Kind sein. Für ein so junges Bürschchen ist er ganz schön keck.«
»Allerdings, und dir scheint das Plauderstündchen mit Don Cabrera behagt zu haben.«
Mit großer Genugtuung sah ich sie erröten, während sie das Kinn vorreckte und schnippisch erwiderte: »Cabrera? Pfff … der bedeutet mir nichts.«
Nach dem Mittagsgebet zogen wir uns hastig in unsere Gemächer zurück, um unsere Hofgewänder anzulegen. Auf dem Rückweg in den Alkazar gestand ich Beatriz, ich könne nun verstehen, dass wir angesichts der vielen Anlässe, bei denen man unsere Teilnahme erwartete, sehr wohl eine umfangreiche Garderobe benötigen würden. Allerdings erschien mir die Vorstellung, Mencia de Mendoza oder die Königin um Hilfe zu bitten, nicht sehr verheißungsvoll, zumal ich ihr erstes Angebot so heftig zurückgewiesen hatte.
»Wir könnten ja vielleicht Andrés – ich meine, Don Cabrera – bitten, mit seiner Mutter zu reden, damit sie uns hilft«, schlug Beatriz vor. »Sie ist immer so freundlich zu uns. Da wird sie uns bestimmt gern einen Gefallen tun.«
Ich nickte. »Allerdings. Und vielleicht kann sie uns auch helfen, die Gewänder selbst zu schneidern. Mit den richtigen Mustern kann ich das auch allein. Deine Stiche dagegen sind ungefähr genauso hoffnungslos wie deine Knickse.«
»Als ob irgendjemand darauf achten würde, was ich trage«, murrte sie.
»Don Andrés de Cabrera offenbar schon«, erwiderte ich.
Mit empörtem Gebaren stemmte sie die Hände in die Hüften. »Wollt Ihr mich jetzt den ganzen Tag lang mit ihm aufziehen? Wenn ja, dann lasst es mich bitte wissen, damit ich Euch ignorieren kann.«
»Wie aufbrausend du bist!« Ich küsste sie auf die Wange. »Vergib mir. Ich werde ihn nicht mehr erwähnen, versprochen.«
»Sehr gut. Denn es gibt nichts zu erwähnen: Ich habe ihn unterhaltsam gefunden, das ist alles.« Sie zwinkerte mir zu, und wir traten kichernd in den Thronsaal, in dem der Boden mit nach Rosmarin duftenden Binsen bedeckt war, die unter unseren Füßen raschelten.
Ich bahnte mir meinen Weg zum Podest, wo Alfonso bereits neben Enrique und der Königin saß. Als ich atemlos auf meinem Stuhl Platz nahm, schwor ich mir angesichts Juanas bösen Blicks, in Zukunft peinlich auf pünktliches Erscheinen zu achten. Bisher war ich ja offenbar zu allen Anlässen zu spät gekommen.
Die Königin trug eine lila Samtrobe, die vom Schnitt her einzig dazu diente, ihr perfektes Dekolleté hervorzuheben. Darüber glitzerte eine Halskette aus Diamanten und Perlen, die das Licht förmlich anzogen. Sobald Juana mich dabei ertappte, wie ich die Kette anstarrte – noch nie hatte ich derart herrliche Juwelen gesehen –, betastete sie sie zufrieden und gurrte: »Gefällt sie dir?«
»Sie ist herrlich!« Was ich für mich behielt, war, dass sie auch unvorstellbar teuer aussah.
»Ein Geschenk von Enrique zur Feier der Geburt unserer Tochter.« Sie bedachte den König mit einem nachsichtigen Lächeln, um die Augen gleich wieder auf mich zu richten. »Ist das nicht dieselbe Robe, die du gestern Abend trugst, meine liebe Isabella?«, rief sie in einem Ton gespielter Verzweiflung, der ihre Verachtung kaum zu kaschieren vermochte. Ihre Brauen wanderten nach oben. »Also wirklich, du musst mir gestatten, mich um deine Garderobe zu kümmern. Man sollte zu jeder Zeit seinem Rang entsprechend auftreten. Wir sind hier nicht in Arévalo; am Hof ist das Erscheinungsbild von höchster Bedeutung.«
Mir war, als hätte sie kaltes Wasser über mir ausgeschüttet. Woher wusste sie, dass ich mir soeben über genau dieses Problem den Kopf zerbrochen hatte? Mir schoss in den Sinn, mit welcher Bewunderung in den Augen Fernando mich nach unserem Tanz im Garten angeschaut hatte. Ihn hatte offenbar nicht gekümmert, was ich trug.
Enrique schenkte mir ein schüchternes Lächeln. »Ja, Isabella, lass dir doch von Juana helfen. Sie kennt all die neuesten Moden.«
»Und außerdem«, bekräftigte sie mit einer Prise Boshaftigkeit in der honigsüßen Stimme, »kann ich dir ein paar von meinen älteren Juwelen geben. Schließlich muss jede Prinzessin hübschen Schmuck tragen, nicht wahr?«
Ich wandte die Augen ab. »Eure Hoheit sind zu freundlich. Es wäre mir eine Ehre.«
»Natürlich wäre es das.« Sie widmete ihre Aufmerksamkeit den Bediensteten, die den ersten Gang brachten. Ich nahm an, dass sie und Enrique ihre Auseinandersetzung vom Vortag beigelegt hatten, denn sie lachte und scherzte mit ihm, als hätte es keinerlei Misshelligkeiten gegeben. Weiter fiel mir auf, dass ihr hübscher Tanzpartner von gestern Abend, Beltrán de la Cueva, mit ihren Hofdamen speiste und sich augenfällig um Mencia de Mendoza bemühte. Bei Tageslicht sah er noch imposanter aus mit seinem prächtigen azurblauen, im italienischen Stil geschlitzten Wams und den vielen winzigen Diamanten, die den Kragen und die Manschetten seines Hemdes einfassten. Doch die Königin gebärdete sich, als nähme sie ihn überhaupt nicht wahr, sodass mich bald nur noch Alfonsos ungewöhnliches Schweigen beschäftigte.
Schließlich fragte ich ihn, wie es ihm heute ergangen war.
»Gut.« Er spießte mit seinem Messer ein Stück Wildbret auf.
»Du klingst aber nicht so erfreut.« Ich musterte ihn. »Wo drückt dich der Schuh? Musst du zu viel lernen? Wenn du willst, kann ich Erzbischof Carrillo bitten, mich dir helfen zu lassen …«
Er brauste auf. »Du verstehst überhaupt nichts, Isabella! Du bist eben nur ein dummes Mädchen.«
Enrique blickte zu uns herüber. Ich brachte ein gequältes Lächeln zuwege, was nichts daran änderte, dass mich der unerwartete Ausbruch meines Bruders gekränkt hatte. Bisher war er immer sorgenfrei und ausgeglichen gewesen. Doch plötzlich kam er mir wie ein Fremder vor, und ich musste die Tränen mit aller Macht zurückhalten. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war, wie das dumme Mädchen zu weinen, als das er mich beschimpft hatte.
»Also wirklich, Alfonso«, brummte der König, womit er verriet, dass er uns belauscht hatte, »ich bin sicher, dass Isabella nur um dich besorgt ist und …«
Mit einem Knall flog die Tür auf, und der Marquis von Villena, sein riesiger Bruder Girón und sechs ihrer Soldaten platzten herein. Während sie auf uns zumarschierten, durchdrang ein Zischen, ähnlich dem einer Schlange, die jähe Stille. Girón hatte sein Schwert aus der Scheide gezogen.
Alfonso erstarrte vor Schreck. Ich spürte, wie er unter dem Tisch nach meinem Knie tastete. Auch Enrique war auf seinem Thron erstarrt. Als die Granden das Podest erreichten, stieß die Königin einen Angstschrei aus. Jetzt sprang Beltrán de la Cueva von seinem Stuhl auf.
Villena grinste. Girón wirbelte mit dem Schwert zum Günstling der Königin herum. Die Klinge verfehlte ihn nur um Haaresbreite.
»Hurensohn!«, zischte Girón. »Komm einen Zoll näher, und ich zerstückele dich bei lebendigem Leib und verfüttere dich an meine Hunde.«
Cueva war unbewaffnet. Keinem Höfling war es erlaubt, in den Räumen des Königs Waffen zu tragen. Keuchend stand er da. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie hilflos er war. Girón machte eine weitere Drohgebärde. Während Mencia und die anderen Hofdamen aus seiner Reichweite flohen, versetzte Girón Cueva einen Fausthieb mitten ins Gesicht, der den Günstlig der Länge nach über den Tisch sandte, sodass Gläser und Teller klirrend auf dem Boden zerbarsten.
Die Königin heulte auf. Die maurischen Leibwächter lösten sich von der Wand, vor der sie aufgereiht standen, und stürzten mit gezückten Krummschwertern herbei. Enrique klammerte sich an die Armlehnen seines Throns.
»Was … was soll das bedeuten, Marquis?«, stammelte er.
Villena deutete auf den mit Wein und Speisen verdreckten Cueva, auf dessen Gesicht bereits ein riesiger Bluterguss prangte. Weinend half ihm Mencia auf die Beine. Die Höflinge waren zurückgewichen. Einige rannten zur Tür am anderen Ende des Saals, als befürchteten sie einen Brand.
Mit dröhnender Stimme rief Villena: »Ihr wollt diesem eitlen Laffen den Oberbefehl über Santiago, den höchsten militärischen Orden Kastiliens, anvertrauen! Nach allem, was ich für Euch getan habe, wollt Ihr ihm eine Ehre verleihen, die von Rechts wegen mir zusteht!«
»Wie könnt Ihr es wa …«, kreischte Juana, doch Enrique schnitt ihr das Wort ab.
»Ihr vergesst Euch, Marquis. Ich bin hier der König. Ich ehre, wen immer es mir beliebt.«
»Wohl eher, wen es Eurer portugiesischen Hure zu ehren beliebt«, konterte Villena. Eisiger Hass glomm in seinen grünen Augen, während er und Enrique einander anstarrten. Zwischen ihnen lag eine lange Geschichte voller Qualen und Demütigungen – eine Geschichte, von der ich nichts wusste. Aber ich konnte nicht fassen, dass ein Grande, egal wie verletzt er sich fühlte, es wagen konnte, sich derart vor seinem König aufzuführen.
»Sie ist nicht von Euch«, knurrte Villena. »Dieser Säugling, den Ihr zu Eurer Erbin ausgerufen habt, ist nicht Eure Tochter. Erst dachte ich, Ihr wärt ahnungslos, aber jetzt sehe ich, dass Ihr sehr wohl Bescheid wisst. Das müsst Ihr ja, denn nur ein Hahnrei, der auf dem Laufenden ist, würde den Hurenbock seiner Frau mit Ämtern überschütten.«
»Ganz recht!«, bekräftigte Girón und packte sein Schwert noch fester, als drängte es ihn, auf die regungslos verharrenden Mauren einzustechen. »Versteckt Euch nur hinter Eurem gottlosen Abschaum, siegen wird aber am Ende Gottes Wahrheit!«
Einen entsetzlichen Moment lang dachte ich, Enrique würde seinen Leibwächtern befehlen, den Marquis, dessen Bruder und ihre Soldaten zu zerhacken, doch letztlich blieb er einfach stehen, am ganzen Leib zitternd und mit konsternierter Miene, die deutlich verriet, dass er nicht glauben konnte, was um ihn herum geschah.
»Tu was!«, zischte Juana. »Verhafte die Kerle! Sie lügen. Das ist Verrat!«
»Ist es das?«, fragte Enrique so kalt, dass Juana zurückprallte. Der König wandte sich wieder an Villena. »Es steht Euch frei, diesen Hof zu verlassen, wenn Ihr meine Politik nicht länger gutheißt. Aber seid gewarnt. Verrat wird von mir nicht geduldet werden, egal für wie gerecht Ihr Eure Sache halten mögt.«
»Ich werde daran denken«, entgegnete Villena. Mit einer spöttischen Verbeugung machte er kehrt und strebte zur Tür. Erneut schwang Girón sein Schwert vor Cueva, dessen zerschlagenes Gesicht kreidebleich wurde. Dann stapfte der Bruder des Marquis hinaus, nicht ohne obszöne Bemerkungen in die Richtung einer Gruppe von Hofdamen zu bellen, die verängstigt bei der Tür kauerten.
Die Palastwächter rührten sich nicht von der Stelle. Erst als Enrique etwas in ihrer Muttersprache murmelte, zogen sie im Gleichschritt ab – wie dressierte Hunde. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie Villena und Girón, ohne zu zögern, getötet hätten, wenn er es ihnen befohlen hätte.
Juana rauschte vom Podest hinunter und zum Ausgang; ihre Hofdamen stürzten ihr hinterher. Cueva blieb benommen zurück. Als er Enrique flehentlich anblickte, wandte dieser sich abrupt ab. Erst jetzt bemerkte ich den Erzbischof, der mit mehreren Palastwächtern im Schlepptau durch einen Nebeneingang in den Saal hastete, sein rotwangiges Gesicht sichtlich besorgt.
»Eure Majestät!«, rief er. »Ich bin soeben informiert worden. Das ist unerhört! Villena geht zu weit. Darf ich …«
»Führt sie weg«, flüsterte Enrique.
Carrillo winkte uns zu sich. »Kommt, Kinder. Schnell.«
Alfonso und ich stolperten los. Beatriz löste sich aus der Menge der gaffenden Höflinge und schloss sich uns an. Während Carrillo uns aus dem Saal lotste, blickte ich zurück und sah Enrique auf seinem Thron zusammensacken, den Kopf in den Händen, als hätte ihn ein tödlicher Schlag getroffen.
In der Galerie wies Carrillo Cabrera an, uns zu unseren Gemächern zu bringen. »Seht zu, dass sie heute Nacht drinnen bleiben«, befahl er. Etwas an seiner Stimme, ein dunkler Unterton, ließ mich zu Alfonso hinüberblicken, der mit verängstigtem Gesicht zwischen dem Erzbischof und seiner Garde stand.
Cabrera begann, uns Mädchen vor sich her zu scheuchen. Ich hörte die Rüstungen der Soldaten klirren, die mit Carrillo und meinem Bruder in die entgegengesetzte Richtung strebten.
Als Alfonso »Isabella!« rief, wirbelte ich herum. Er rannte los und warf sich mir in die Arme. »Es tut mir leid!«, keuchte er. »Ich habe es nicht so gemeint. Du bist nicht dumm. Es ist nur so, dass ich … schreckliche Angst habe.«
»Warum? Was hast du, Alfonso? Wovor hast du Angst?« Ich schaute an ihm vorbei zu Carrillo hinüber, der, die Hände ungeduldig in die Hüften gestemmt, dastand. Seine weiße Robe reichte ihm bis zu den mit Stiefeln bekleideten Knöcheln hinab; die Füße waren leicht gespreizt, sodass unter dem Saum ein schwarzer Rock zum Vorschein kam. Um seine massive Taille war ein Ledergurt geschlungen, dicker als mein Arm, von dem ein in seiner Scheide steckendes Schwert herabhing.
Auch der Erzbischof trug also am Hof eine Waffe. Ein Mann Gottes, und er kam daher wie ein Krieger! Plötzlich hatte ich ein Bild von ihm vor Augen, wie er mit einem blutrünstigen Brüllen über ein Schlachtfeld fegte und sein Breitschwert schwingend einen Kopf nach dem anderen abmähte. Jäh begann mein Herz zu rasen.
»Bleib bei uns«, bat ich Alfonso. »Geh nicht mit ihm mit.«
Mein Bruder schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht. Ich habe versprochen, meine Pflicht zu erfüllen. Es tut mir leid, Isabella.« Er küsste mich zärtlich, dann kehrte er zu Carrillo zurück. Steif stand ich in dem von den hohen Fenstern hereinfallenden, zu staubigen Keilen gebündelten Licht und beobachtete, wie der Erzbischof meinem Bruder einen Arm, so mächtig wie ein Eichenbalken, über die Schultern legte und ihn fortführte.
Ich wollte hinterherrennen, Alfonso dazu zwingen, mir zu schwören, dass er nichts Gefährliches tun würde.
Doch schon jetzt wusste ich, dass nichts von dem, was ich sagte oder tat, das Kommende abwenden konnte. Alfonso hatte recht: Ich war nur ein dummes Mädchen, ohne jeden Einfluss, ohne jede Macht, um den Verlauf unseres Lebens zu bestimmen.
In diesem Moment wurde mir klar, dass es lange dauern würde, bis ich meinen Bruder wiedersah.
Zwei Tage später – Beatriz und ich saßen aneinandergeschmiegt in unserem von Kerzen erleuchteten Gemach und lauschten dem unzufriedenen Knurren der Leoparden im Gehege des Königs – platzte Cabrera mit einer Nachricht herein.
»Erzbischof Carrillo hat den Hof verlassen. Den Infanten hat er mitgenommen. Er behauptete, Eure Mutter hätte ihm Alfonso persönlich anvertraut. Der König hat sofort die Rückkehr der beiden befohlen, aber niemand weiß, wohin sie verschwunden sind. Carrillo hat viele Stützpunkte und genießt unter seinen Vasallen große Unterstützung. Er könnte überall sein. Ich werde mein Möglichstes für Eure Hoheit tun, aber …«
»Aber ich muss auch für mich selbst kämpfen«, schloss ich für ihn mit einem gezwungenen Lächeln. Nach dem Weggang von Carrillo und meinem Bruder waren nun dieser liebenswürdige Mann und Beatriz meine einzigen Freunde am Hof.
Mit einem Griff unter sein Wams förderte Cabrera ein zusammengefaltetes Pergament zutage. Beatriz nahm es entgegen und legte ihren Umhang an. »Wir lassen Euch allein, damit Ihr es in Ruhe lesen könnt«, erklärte sie und folgte Cabrera zur Tür hinaus.
Einen langen Moment starrte ich das Schreiben an, dann endlich brach ich das Siegel, das das Wappen von Aragón trug. Behutsam entfaltete ich das brüchige Papier.
Es waren nur sechs Worte:
Seid tapfer, Isabella. Wartet auf mich.