20
So wurde mein Brief in alle Landesteile verschickt. Darin hieß es: »Sollte Enrique mir aufgrund von Ungestüm oder falschem Rat meine Rechte als Erbin vorenthalten, wäre das eine schwere Beleidigung und Schande für das Reich. Gott wird den König für dieses große Übel zur Rechenschaft ziehen, mein Herr, der Prinz, und ich aber werden frei von Schuld sein.«
Das war eine freche Proklamation. Noch nie war ich der Unterstellung so nahe gekommen, dass Enrique das Königreich gefährde. Und tatsächlich erzeugte sie exakt die Reaktion, die Fernando vorausgesagt hatte. Städte und Marktflecken, die bis dahin Enrique unterstützt oder Neutralität gewahrt hatten, hängten meinen Brief zusammen mit ihren eigenen öffentlichen Verlautbarungen aus und schlossen sich unserer Sache an, indem sie an ihren Mauern Banner mit unseren eng verschlungenen Initialen und dem Sinnspruch »Kastilien für Isabella!« anbrachten. Als ich Fernando vorwarf, dass ich nicht den Eindruck hatte erwecken wollen, ich strebe danach, Enriques Rechte an mich zu reißen, lachte er nur.
»Welche Rechte? Ávila, Medina del Campo und sechs weitere Städte sind bereits für uns, und heute Abend reite ich nach Sepulveda, um auf Bitten der Stadt Villenas Helfer zu verjagen. Wenn es so weitergeht wie bisher, wird Kastilien bis zum Dreikönigsfest unser sein.«
Er war ganz in seinem Element, als er Kettenhemd und Brustpanzer anlegte, um Soldaten hinter sich zu scharen. Das waren zum einen die Männer des Admirals, aber auch die Truppen, die Medina Sidonia aus dem Süden geschickt hatte. Aus dieser Streitmacht bildete er nun wirkungsvolle Infiltrationseinheiten, die in der Lage waren, in tiefster Nacht über Mauern zu klettern, Tore zu entriegeln und königliche Garnisonen zu überwältigen. Bis zur Mitte des Jahres 1472 hatten wir mehr als die Hälfte der vierzehn großen Städte in Kastilien unter unserer Kontrolle, und Anfang 1473 fühlten wir uns sicher genug, um endlich Dueñas zu verlassen und zu einer großen, neuen Residenz in Aranda de Duero in der Nähe von Valladolid weiterzuziehen. Nachdem wir uns in unserer prunkvollen neuen Burg niedergelassen hatten, begannen sogar die aufsässigen Granden, die es bisher vorgezogen hatten, Enrique und seinen niederträchtigen Günstling zu unterstützen, uns verklausulierte Hilfezusagen zu senden. »Kein Zweifel«, bemerkte Fernando dazu ätzend, »sie wissen genau, dass ich sonst ihre Burgen schleife, ihnen die Trümmer um die Ohren schlage und obendrein ihre Schädel aufspieße.«
Auch wenn ich das nie laut zugegeben hätte, bewies mir dieser Kommentar mehr als alles andere, wie recht Carrillo mit seiner unklugerweise im falschen Moment angebrachten Feststellung gehabt hatte, dass Fernando die Mentalität Kastiliens nicht verstand. Die Granden zu drangsalieren wäre sinnlos, ja, gefährlich. Für diese Edelmänner, die seit Jahrhunderten dem König zugleich zugesetzt und geschmeichelt und ihn ignoriert hatten, stellten Stolz und Ehrgeiz die zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. Sie mussten geködert und gefügig gemacht werden, ohne dass sie etwas davon merkten. Ansonsten würden sie zubeißen wie die wilden Hunde, die sie im Grunde ihres Herzens waren. In meiner Kindheit hatte ich das ständig beobachtet und konnte aus eigener Erfahrung das Chaos bezeugen, das Enrique mit seinen Versuchen, die Fraktionen der Granden zu befrieden, verursacht hatte. Ich hatte noch gut in Erinnerung, wie ihn die tödlichen Intrigen und Allianzen gelähmt und zu einer Vogelscheuche degradiert hatten, die sich jeweils nach dem stärksten Wind drehen musste.
Während Fernando in jenem Jahr die militärischen Angelegenheiten in die Hand nahm, regelte ich also die diplomatischen Aspekte, quälte mich endlose Stunden mit dem Verfassen von Briefen, bis mir die Fingerkuppen bluteten und bunte Punkte vor den geröteten Augen tanzten. Jedes Schreiben, das ich erhielt, beantwortete ich persönlich. Niemals ließ ich eine Gelegenheit aus, mich nach einem kranken Familienmitglied zu erkundigen, zu einer Geburt zu gratulieren oder bei einem Todesfall mein Beileid auszusprechen – kurz, ich war entschlossen, mich bei diesen überheblichen Fürsten, die uns ebenso leicht vernichtend schlagen wie verteidigen konnten, in Erinnerung zu rufen. Und während meine kleine Isabél sich neben mir mit ihren Spielsachen vergnügte oder in ihrer gepolsterten Wiege vor dem Kamin schlummerte, arbeitete ich so schwer wie noch nie zuvor, denn ich wusste, dass ich mit diesen scheinbar kleinen Gesten der Anerkennung, diesem einfachen Austausch von Nachrichten und Freundlichkeiten die Granden vielleicht für mich gewinnen konnte, wenn ich am dringendsten auf sie angewiesen war.
Und bei all meinem Bemühen konnte ich mir lebhaft Enriques Verzweiflung vorstellen, der wieder einmal hilflos zusah, wie sein Reich sich gegen ihn wandte. Selbst Villena, so schien es, hatte die Belastung, erleben zu müssen, wie sein Macht- und Lügengebäude zerbröckelte, krank gemacht. Auch wenn ich nicht zu Schadenfreude neigte, bereitete es mir dennoch Genugtuung, dass ich dank Villenas Schwächung endlich eine Gelegenheit bekam, meine Mutter zu besuchen, ohne dabei befürchten zu müssen, von den übereifrigen Patrouillen des Marquis verhaftet zu werden.
Die Zeit war wie im Flug vergangen, und zwischen den Geburtswehen und der Fürsorge für mein Kind hatte ich die Bedürfnisse meiner Mutter vernachlässigt. Zwar hatte ich Geld und Briefe nach Arévalo geschickt, wann immer ich konnte, doch Doña Claras Antworten waren nicht nur verspätet erfolgt, sondern hatten wegen ihres nichtssagenden, dienstbeflissenen Tons bei mir den Verdacht geweckt, dass es dort nicht zum Besten stand.
Eigentlich hatte ich gehofft, Fernando würde mich begleiten, zumal er meine Mutter noch nicht kannte, aber dann rief sein Vater ihn unvermutet nach Aragón zurück, weil eine Delegation des Kardinals Borgia mit dem sehnsüchtig erwarteten Dispens eingetroffen war. Der Kardinal wünschte eine Friedenskonferenz zwischen Aragón und Frankreich, und auch wir sehnten uns nach Frieden. Wenn es Aragón gelang, sich den viel größeren, aggressiven Nachbarn vom Leib zu halten, hätte es endlich die nötigen Männer und Mittel, um uns in unserem eigenen Kampf in Kastilien zu helfen. Wie auch immer, jetzt waren wir zum ersten Mal seit unserer Hochzeit getrennt, und es konnte Monate dauern, bis Fernando zurückkehrte. Ich wusste, dass er mir schrecklich fehlen würde, auch wenn ich mir alle Mühe gab, mir nichts anmerken zu lassen. Ich packte ihm die Satteltaschen mit eigenhändig genähten, frischen Hemden voll, küsste ihn noch einmal beim Abschied und widmete mich dann meinen eigenen Plänen. Wenn ich ständig beschäftigt blieb, dachte ich, würde die Zeit schneller vergehen und er umso früher zurückkehren.
Da ich nicht wusste, in welchem Zustand ich Arévalo vorfinden würde, ließ ich meine Isabél, die mittlerweile fast vier Jahre alt war, widerstrebend in der Obhut von Bediensteten in unserer neuen Residenz zurück. Im Frühling 1474 brach ich dann auf, begleitet von Inés und Chacón sowie einer aus Soldaten gebildeten Eskorte. Es war eine Reise ohne Vorkommnisse, doch meine Befürchtungen hinsichtlich des Besuchs im Zuhause meiner Kindheit sollten sich als nicht unbegründet erweisen. Die Burg war noch trostloser und ärmlicher, als ich sie in Erinnerung hatte. Die Tiere drängten sich in überfüllten Pferchen, und im großen Saal stank es nach Schimmel und Rauch. Meine Mutter erschien mir ausgemergelt und erschreckend gealtert. Ihre Konversation mäanderte über verschwommene Pfade zwischen Gegenwart und Vergangenheit, als wäre die Zeit ein Fluss ohne Anfang und Ende. Von Alfonso sprach sie, als lebte er noch, mich dagegen erkannte sie zwischendurch nicht mehr und starrte mich mit leerem Blick an, der sich wie ein Dornengeflecht um mein Herz rankte. Doña Clara, jetzt mit schlohweißem Haar, aber trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch mit unvermindert resolutem Auftreten, informierte mich, dass meine Mutter ihre Gemächer kaum noch verließ und auch ihr geliebtes Kloster Santa Ana nicht mehr besuchte. In solch unsicheren Zeiten zu reisen sei nicht ratsam und zudem teuer, bemerkte Doña Clara. Und seit Villena aus Wut über mich die Zahlungen des Schatzamts unterbunden hatte, sei Geld bestenfalls sporadisch eingetroffen, je nachdem, was ich ihr geschickt hätte.
»An manchen Tagen haben wir nichts als Hühnchen, Linsen und ein paar Zwiebeln zu essen«, klagte Doña Clara, während ich mich innerlich darüber aufregte, dass man sogar das Feuerholz – das in der dürren Meseta ohnehin nicht im Überschuss vorhanden war – streng hatte rationieren müssen. Infolgedessen herrschte jetzt im sala eine solche Kälte, dass man Fleisch an den Deckenbalken aufhängen konnte, ohne dass es verfaulte. »Aber wir halten durch, mi niña. Was bleibt uns auch anderes übrig?«
Tags darauf, als meine Mutter und ich über unsere Stickrahmen gebeugt zusammensaßen und ich sah, wie zittrig ihre Finger die Nadel durch das Tuch manövrierten, erstickte ich schier an meiner Scham. In diesem erbärmlichen Zustand konnte ich sie unmöglich belassen, egal wie beschränkt meine eigenen Mittel sein mochten. Sie war drauf und dran, vorzeitig zu verfallen, verkrüppelt durch Nichtstun und die ihr aufgezwungenen harten Lebensbedingungen. Zumindest mussten neue Wandbehänge, Teppiche, Kohlebecken und Stoffe für Kleider beschafft werden. Und dann musste die Burg vom Turm bis zum Keller geputzt werden. Während sich Chacón zusammen mit den Soldaten an die Arbeit machte und die verfallenen Einfriedungen ausbesserte und die Lagerräume mit Wildbret auffüllte, schluckte ich meinen Stolz hinunter und schrieb Carrillo einen Brief. Trotz mehrerer versöhnlicher Botschaften meinerseits hatten wir uns seit seiner Abreise aus Dueñas nicht mehr gesehen. Nach Fernandos Worten hatte er meine Versuche allesamt »wie ein bockiges Kind von sechzig Jahren« verschmäht. Doch um die nötigen Geldmittel zu erlangen, erniedrigte ich mich jetzt noch einmal – und etwas an meiner Bitte musste sein Herz erweicht haben, denn als wir uns eines Abends gerade zum Essen an den Tisch setzten, eilte Chacón herein und erklärte, dass jemand vor dem Tor stand und Einlass begehrte.
»Zu dieser Stunde?«, rief Doña Clara entgeistert, deren Leben längst in solcher Isolation verlief, dass sie jeden Fremden als potenzielle Bedrohung ansah. Prompt tauschten die betagten Hofdamen besorgte Blicke; es war noch nicht allzu lange her, dass Villenas streitlustige Offiziere hereingeplatzt waren, um sie zu bedrängen und einzuschüchtern.
Ich wies Chacón an, unseren Gast hereinzubitten. Wir hatten frisches Hasenragout und einen Salat aus getrockneten Äpfeln und Möhren in Mandelmilch. Was für sechs Personen reichte, konnten genauso gut auch acht essen. Doch als die kleine, von einem Umhang verhüllte Gestalt eintrat und ihre Kapuze zurückschlug, konnte ich einen Aufschrei nicht unterdrücken. Zur Überraschung aller anderen am Tisch stürzte ich ihr entgegen.
»Wie kann das sein?«, wisperte ich und drückte meine engste Freundin fest an mich. »Du hier?«
»In Carrillos Auftrag natürlich.« Lächelnd löste sich Beatriz von mir. »Er hat mich gebeten, Euch das hier zu geben.« Damit drückte sie mir ein prall mit Münzen gefülltes Lederbeutelchen in die Hand. »Und ich soll Euch folgende Kunde überbringen: Villena hat einen Magentumor und liegt im Sterben; außerdem ist die portugiesische Allianz mit der Beltraneja zerbrochen. Der König hat seine Ehe mit der Königin annulliert und sie in ein Kloster gesteckt. Er hat die Konflikte satt. Er wünscht, Euch persönlich in Segovia zu empfangen.«
Im kupferfarbenen Dunst des Herbstes verließ ich Arévalo. Ich hatte auf Enriques Angebot eines Waffenstillstands hin nicht gleich loseilen und so meine Ungeduld verraten wollen. Stattdessen verfasste ich eine vorsichtige Antwort, mit der ich ihn wissen ließ, dass ich die Pflege meiner Mutter beaufsichtigte und ihn als Zeichen seines guten Willens um die Entsendung der lange einbehaltenen Gelder bat. Dann wartete ich. Das Geld traf bald ein – ein Hinweis, dass Villena tatsächlich auf seinem Sterbebett liegen musste. Doch gleichzeitig riet mir Fernando in einem Brief, dass ich mich von Segovia fernhalten sollte, solange nicht der Marquis seinem Leiden tatsächlich erlegen war – nicht dass das Ganze sich am Ende als raffinierte List herausstellte, um mich in eine Falle zu locken. Seine Warnung leuchtete mir ein, und ich wartete weiter. Allerdings holte ich nun auch meine Isabél nach Arévalo, wo ich mit dem neuen Geld die Sanierung der Burg vorantrieb.
Beatriz stand mir zur Seite und ergötzte mich mit Erzählungen darüber, wie sich Carrillo schmollend in seinem Palast in Alcalá eingeigelt hatte, bis er eines Tages überraschend bei Enrique aufgetaucht war und darum gebeten hatte, wieder in die königliche Gunst aufgenommen zu werden.
»Er hatte gehört, dass Villena krank war und Enrique seitdem wie eine verlorene Seele zwischen Segovia und Madrid über das Land zog, weil er einfach nicht dazu in der Lage war, sich mit dem bevorstehenden Tod seines Lieblings abzufinden.« Beatriz runzelte die Stirn. Sie hatte ihre Gefühle noch nie verhohlen und hatte auch jetzt nicht vor, angesichts Villenas Ende Betroffenheit zu heucheln. »Enrique war bereit, ihn zu empfangen, und gemeinsam haben sie dann diese Versöhnung mit Euch ausgebrütet.«
Ich musterte sie über den Stoff hinweg, den wir für einen neuen Vorhang um das Bett meiner Mutter vermaßen. »Und du und Cabrera hattet nichts damit zu tun, wie ich annehme?«
»Das habe ich nicht gesagt. Eigentlich hatten wir sogar sehr viel damit zu tun. Mein Mann war derjenige, der Carrillos Brief dem König überbrachte, aber dann lag er monatelang ungeöffnet auf einem Stoß unerledigter Korrespondenz, der fast so hoch war wie der Alkazar selbst. Als er dann schließlich Enrique dazu überredet hatte, den Erzbischof zu empfangen, habe ich den Rest übernommen.« Sie machte eine Kunstpause. »Ich habe Enrique gesagt, dass er, sollte er sich mit Euch versöhnen, Kastilien wieder Frieden bringen wird – ›wie ein Baum, am Wasser gepflanzt und am Bach gewurzelt. Denn obgleich eine Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün.‹«
»Das hast du gesagt?« Mit Mühe verbarg ich ein Lächeln. »Ich hatte dich nie für eine Dichterin gehalten.«
»Für meine Herrin tue ich doch alles«, erwiderte sie, ohne die Miene zu verziehen. Dann blickten wir uns in die Augen und brachen in schallendes Gelächter aus, mit dem wir Isabél aus dem Schlaf rissen.
»Ich habe dich ja so vermisst«, keuchte ich und wischte mir die Tränen aus den Augen. »Ich weiß gar nicht, wie ich die ganze Zeit ohne dich überleben konnte.«
»Aber das habt Ihr«, entgegnete sie. »Ihr habt sogar ein wunderschönes kleines Mädchen bekommen und dazu diese junge Dame« – mit einer gutmütigen Geste bezog sie Inés mit ein, die gerade den neuen Damast aufrollte – »nicht zu vergessen Euren stolzen Kriegerprinzen, der Euch mit Schild und Schwert verteidigt.«
»O ja«, bestätigte ich mit leiser Stimme, »ich bin in der Tat gesegnet.«
Auch wenn sie schön war wie eh und je, war Beatriz seit ihrer Hochzeit runder geworden. Ich konnte sehen, dass sie glücklich war, aber plötzlich wurde mir bewusst, dass sie nach all den Jahren immer noch kein Kind geboren hatte. Allerdings bezweifelte ich, dass das an ihr lag. Zwar gab man gemeinhin der Frau die Schuld, wenn ein Paar kinderlos blieb, doch ihre roten Wangen und das Funkeln in ihren Augen verrieten mir, dass sie sich blühender Gesundheit erfreute. Vielleicht lag es also an Cabrera, der deutlich älter war. Konnte es sein, dass Männern ab einem bestimmten Alter dasselbe wiederfuhr wie Frauen in der Mitte der Jahre und sie die Zeugungsfähigkeit verloren?
Sie riss mich aus meinem Sinnieren. »Woran denkt Ihr?«
»Nur daran, dass ich überglücklich bin, mit dir zusammen zu sein«, antwortete ich, woraufhin sie mir wieder einmal prüfend in die Augen schaute, als könne sie mein Innerstes durchdringen. Doch sie sagte nichts mehr, sondern schnappte sich die entzückt quietschende Isabél, um sie durch die Luft zu wirbeln. Meine Tochter hatte Beatriz auf Anhieb ins Herz geschlossen und nannte sie tía Bea, Tante. Und Beatriz’ liebevoller Blick verriet mir, dass auch sie eine tiefe Zuneigung zu dem Mädchen gefasst hatte. Eine bessere Mutter ließe sich gewiss nicht finden. So bewies sie auch ihrem alten und gebrechlichen Vater gegenüber, Don Bobadilla, der jetzt, dem Tode geweiht, an sein Bett gefesselt war, unerschütterliche Geduld, stets bereit, ihn zu versorgen, egal, wie spät die Stunde war. Ich hoffte inständig, dass sie eines Tages vielleicht doch noch ein Kind empfing, wie unwahrscheinlich das auch sein mochte.
Anfang November, kurz nachdem wir den armen Don Bobadilla zu Grabe getragen hatten und Beatriz trauernd in Klausur gegangen war, erreichte uns endlich die Nachricht von Villenas Hinscheiden. Mein fürchterlichster Feind, der mich seit dem Tod meines Bruders gnadenlos gejagt und so gut wie jeden, mit dem er zu tun hatte, betrogen und verraten hatte, war tot. Obschon er, von seinem Magenleiden bei lebendigem Leib zerfressen, unter schrecklichen Qualen gestorben war, fiel es mir schwer, Mitleid für ihn zu empfinden. Nun schwieg seine niederträchtige Zunge, und ich brauchte nicht mehr zu befürchten, dass er Enrique mit seinen Machenschaften von dessen besserem Urteil abbringen würde. Zu guter Letzt stand es mir nun wieder frei, eine Beziehung mit meinem Halbbruder zu knüpfen und die Krise über die Thronfolge in Kastilien zu beenden.
Ich sandte die Nachricht Fernando mit der gebotenen Dringlichkeit. Da es mindestens zwei, drei Wochen dauern würde, bis er den Brief erhielt und beantwortete, verabschiedete ich mich von meiner Mutter in ihrer mit neuen Garnisonen verstärkten Bleibe und brachte Isabél nach Aranda de Duero, bevor ich mit Beatriz nach Segovia aufbrach. Obschon mit neuer Zuversicht ausgestattet, diesem Hof wollte ich meine Tochter nicht anvertrauen.
Als der Alkazar vor uns auftauchte, schroff und spitz wie ein Giftzahn vor dem schneebeladenen Winterhimmel, befiel mich plötzlich Unbehagen. Seit ich die Stadt vor sieben Jahren verlassen hatte, hatte ich keinen Fuß mehr hineingesetzt; schöne Erinnerungen verbanden mich gewiss nicht mit der Zeit, die ich im arabesken Inneren der Festung als Gefangene verbracht hatte. Doch jetzt war ich erneut dort, eine erwachsene Frau in ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr, und stand kurz davor, ihn wieder zu betreten.
Ich wandte mich an Beatriz, deren Blick mir verriet, dass sie verstanden hatte. »Sorgt Euch nicht«, ermunterte sie mich. »Andrés hat zusammen mit Rabbi Abraham Señeor alles vorbereitet. Ihr werdet in Sicherheit sein.«
Ich hatte den Rabbi bei meinem letzten Aufenthalt dort kennengelernt. Er war ein hochgebildeter jüdischer Gelehrter, dem Enrique stets seine Gunst geschenkt hatte, obwohl Villena und andere Adelige, die keine sephardischen Juden am Hof haben wollten, aus ihrer Feindseligkeit kein Hehl gemacht hatten. Don Abraham war Enriques oberster Steuereintreiber; er hatte auch Cabrera bei dessen Kampf um den Bestand des Schatzamtes und der Kronjuwelen unschätzbar wertvolle Hilfe geleistet. Wenn der Rabbi an meinem Empfang mitwirkte, konnte ich mir des Schutzes höchster Stellen sicher sein. So quittierte ich Beatriz’ Worte mit einem Nicken und lenkte Canela in den Haupthof, wo schon Hunderte Menschen auf mich warteten.
Leichter Schnee begann herabzuwehen und die gefederten Kappen mitsamt den protzigen Samtkleidern der Höflinge zu überzuckern, während sie vor mir auf die Knie sanken. Mit einem metallischen Geräusch, das von allen Seiten widerhallte, klapperten Canelas Hufe über das Kopfsteinpflaster. Als ich unsicher auf dieses anonyme Meer von Gestalten blickte, jagte ein Angstschauer durch mich. Was, wenn Beatriz sich getäuscht hatte? Was, wenn Enrique mich trotz aller gegenteiligen Beteuerungen herbefohlen hatte, um mich gefangen zu nehmen?
Dann bemerkte ich die verloren in der Mitte des Hofs aufragende Gestalt – ein Pfeiler ganz in Schwarz mit seinem markanten roten Turban.
Ohne seine Kopfbedeckung hätte ich ihn nicht erkannt. Mit Chacóns Hilfe stieg ich vom Pferd und näherte mich ihm. Mein Entsetzen darüber, wie mager der König geworden war, verbarg ich. Er war gelbsüchtig, und unter der fahlen Haut traten die Wangenknochen scharf hervor. Seine traurigen Augen waren matt und tief in Schatten versunken – ein beredtes Zeugnis seines Kummers. Er hatte den gehetzten Ausdruck eines Mannes, der die Tiefen der Verzweiflung durchwandert hat, und als ich vor ihm niederkniete und seine Hand mit dem Siegelring an meine Lippen führte, musste ich brennende Tränen zurückblinzeln.
»Majestad«, sagte ich, »ich bin zutiefst geehrt, wieder in Eurer Gegenwart zu sein.«
Enrique sprach kein Wort. Zitternd spähte ich nach oben. Warum hatte er mich nicht gebeten, mich zu erheben? Hatte er mich am Ende zu sich beordert, nur um mich vor dem ganzen Hof zu demütigen? Seine dunklen Augen, jetzt unverhohlen nass, waren starr auf mich gerichtet. Als Tränen schließlich über sein Gesicht rannen und sich mit dem feuchten Schnee vermischten, der vom Turban tröpfelte, zuckte sein Mund. Er sprach deshalb nicht, weil er nicht konnte! Seine Emotionen, die er so lange im Zaum gehalten hatte, drohten, ihn zu überwältigen.
Ich wartete nicht länger auf seine Erlaubnis, stand auf und schlang die Arme um ihn. Mochten die Höflinge sagen, was sie wollten. Was in diesem Moment zählte, war, dass wir vom gleichen Blut waren. Wir waren eine Familie, Bruder und Schwester.
»Hermano«, murmelte ich so leise, dass nur er mich hören konnte. »Das alles tut mir so leid.«
Ich spürte sein ersticktes Schluchzen. Sein ausgemergelter Körper schmolz mit dem meinen zusammen. Und endlich flüsterte er mit der Fassungslosigkeit eines Kindes: »Nein, das ist meine Schuld. Meine allein. Ich bin verflucht. Ich zerstöre alles, was ich berühre.«
In einem feierlichen Umzug ritten wir durch die Straßen, um unsere Versöhnung vor dem Volk zur Schau zu stellen. Es reagierte mit ohrenbetäubender Begeisterung, Fahnenschwenken und Jubelrufen, bis der Himmel sich verfinsterte und nasses Schneetreiben die Stadt zudeckte.
Im Alkazar speisten wir im großen, vergoldeten sala. Einträchtig saßen mein Bruder und ich auf dem Podest beisammen und blickten auf den blank polierten Boden und das Meer von Gästen an den Tischen hinab. Es war, als hätte es die Jahre des Unfriedens nie gegeben. Wie immer ließ sich Enrique von Knaben bedienen – alles hübsche Jungen mit weichen Augen und parfümierten Händen, die ihm die Teller reichten, den Kelch vollschenkten, sein Fleisch in mundgroße Stücke schnitten. Seine maurischen Wächter hatten sich wie damals mit ihren Krummschwertern und unnahbaren Mienen hinter ihm postiert; einzig die grelle rote Erscheinung seiner vielgeschmähten Königin fehlte, sonst wäre diese bizarre Rückkehr in die Vergangenheit komplett gewesen.
Doch nicht alles war, wie es schien. Ich konnte spüren, dass sich in Enrique eine tiefgreifende Veränderung vollzogen hatte. Obwohl er auf dem Königsthron saß, mit mir, seiner anerkannten Erbin, an der Seite, schien er von seiner Umgebung isoliert zu sein. Er schaute hinab auf seinen Hof, die Granden und die weniger hohen Adeligen, die seinen Wein tranken, seine Speisen aßen, ihm Untertänigkeit vorgaukelten, obwohl sie uns längst wie Raubtiere belauerten – und strahlte nichts als müde Gleichgültigkeit aus. Es kam mir so vor, als nähme er an einer Pantomime teil, die für ihn jedes Sinnes entleert war.
Schließlich bat ich ihn, mich zurückziehen zu dürfen. Ich war erschöpft, körperlich wie geistig. Als ich ihn auf die Wange küsste, murmelte er: »Morgen sprechen wir miteinander, ja? Wir haben so viel zu bereden, so viel zu tun …« Seine Stimme verlor sich, sein Gesichtsausdruck wurde noch abwesender, als stellten die kommenden Tage für ihn eine Qual dar, von der er nicht wusste, ob er sie bewältigen konnte.
»Wir haben Zeit«, meinte ich. »Mein Herr und Gemahl ist noch nicht bei mir. Es kann noch Wochen dauern, bis es ihm möglich ist, Aragón zu verlassen. Es besteht keine Notwendigkeit, die Dinge zu überstürzen. Lasst uns erst unsere Wiedervereinigung feiern, einverstanden?« Doch schon beim Sprechen fühlte ich mich innerlich leer. Plötzlich wünschte ich mir voller Verzweiflung Fernando herbei. Ich sehnte mich danach, sein Gesicht zu sehen, seine Hände zu berühren; ich brauchte die Gewissheit, dass er mein Bollwerk sein würde, gegen welche Intrigen auch immer.
Enriques gequältes Gesicht verriet mir, dass er dasselbe Villena gegenüber empfunden hatte.
Er bedachte mich mit einem matten Lächeln. »Ja, warum nicht. Lass uns feiern.« Er griff nach seinem Kelch und trank ihn in einem Zug leer. Als sein Mundschenk herbeisprang, um ihn wieder zu füllen, hatte ich angesichts seines fahlen Teints keinen Zweifel daran, dass Enrique sich heute Abend bis zur Besinnungslosigkeit betrinken würde. Dass er seit Villenas Tod jeden Tag genau das getan hatte.
Unerwartet empfand ich heftiges Bedauern, als ich mir einen Weg durch die Menge bahnte. An der Tür holte mich Inés ein, und während wir zu meinen Gemächern eskortiert wurden – denselben pompösen Räumen, die Juana bewohnt hatte –, drängte sich mir die Frage auf, ob nicht auch ich eine Mitschuld an Enriques erbärmlichem Zustand trug. Wenn ich vielleicht pflichtbewusster gewesen wäre, weniger stur oder streitsüchtig; wenn ich ihm das Mitgefühl und die Liebe einer Schwester geschenkt hätte, wenn ich weniger auf Revolte oder Trotz aus gewesen wäre – vielleicht wäre dann all das Leid nicht geschehen. Vielleicht hätte er bei mir Rat und Führung gesucht, statt sein Vertrauen in den räuberischen Marquis zu setzen, dessen Tod ihn nun in solche Verzweiflung stürzte …
Ein erschrockenes Japsen von Inés holte mich zurück in den Augenblick. Wie festgefroren stand sie im Empfangsraum meiner Gemächer und starrte eine gespenstische Gestalt an, die über den bemalten Bodenfliesen zu schweben schien, ja, im flackernden Licht der wenigen angezündeten Kerzen richtiggehend körperlos wirkte.
Es war ein Mann. Er neigte das bis auf einen Haarkranz kahle Haupt. »Eure Hoheit, bitte verzeiht mein Eindringen.« Er sprach mit leiser, fast unhörbarer Stimme; seine blassen Augen gaben nichts preis, wie die eines Wolfs.
»Fray Torquemada!« Ich fasste mir an die hefig pochende Brust. In der ersten Schrecksekunde hatte ich ihn für einen als Mönch verkleideten Mörder gehalten, gedungen von Villena zu einem letzten Akt der Rache. »Habt Ihr uns erschreckt! Ich hatte Euch nicht erwartet – nicht hier, nicht zu dieser Stunde.«
»Wie gesagt, verzeiht mir mein Eindringen. Was ich Euch mitzuteilen habe, ist von höchster Bedeutung.«
Sein eindringlicher Blick ängstigte Inés offenbar sehr. Mit zitternden Händen ging sie daran, mehr Lichter zu entfachen. Im heller werdenden Raum wirkte Torquemada extrem blass und dürr – wie ein in einer Höhle hausender Eremit, der die Sonne seit Wochen nicht mehr gesehen hatte.
Mit einer Geste schickte ich Inés in die Bettkammer. Eigentlich durfte ich außer meinem Gemahl mit keinem Mann allein sein, und wäre er kein Geistlicher gewesen, hätte ich ihn hinausgeworfen, selbst wenn seine Botschaft noch so wichtig sein mochte. Aber er hatte mir einmal die Beichte abgenommen, mir in einer Zeit des Zweifels an meinem Verlöbnis Rat erteilt und stellte keine Gefahr für mich dar. Egal, wessen Gemächer er zu welcher Stunde auch immer aufsuchte, nie würde er sein Zölibat brechen.
Dennoch blieb ich als Hinweis auf die Unschicklichkeit seines Besuchs mitten im Raum stehen und wies auch ihm keinen Stuhl. Stattdessen sagte ich kühl: »Eure Kunde muss in der Tat dringend sein. Ich bin gerade erst angekommen. Hättet Ihr gewartet, hätte ich mit Sicherheit einen Zeitpunkt und einen Raum gefunden, die für ein Zwiegespräch angemessen wären.«
»Die Zeit drängte«, erwiderte er. »Gott hat mich jetzt zu Euch gesandt, weil Euer großer Moment nah ist. Bald werdet Ihr das Zepter in der Hand halten, und Eure glorreiche Aufgabe wird Euch offenbart werden.«
Ein Schauer kroch mir über den Rücken. Torquemada sprach wie einer dieser verhassten Sterndeuter, die mit ihren Talismanen und angeblichen Weissagungen am Hof herumlungerten.
»Bitte«, sagte ich, »sprecht klar und offen. Ich bin müde. Es war ein langer Tag.«
Er trat einen Schritt näher. Verblüfft stellte ich fest, dass er unter dem zerfransten Saum seiner Kutte barfuß war und dass an seinen blau gefrorenen Zehen getrocknetes Blut klebte. Erneut erschauerte ich.
»Gott hat Euch Fernando gegeben«, verkündete Torquemada. »Er hat Euer Flehen erhört und Euch die irdische Leidenschaft geschenkt, die Ihr so sehr ersehnt hattet. Er hat Euch die Kraft verliehen, alle Hindernisse zu überwinden, Eure Feinde zu besiegen. Doch dafür müsst Ihr geloben, Ihm zu dienen. Vor allem anderen müsst Ihr zuerst Ihm Ehre erweisen. Das verlangt Er von Euch als Seiner Königin auf Erden.«
Er hielt inne. In dem abgeschlossenen Raum hallten seine Worte gespenstisch wider. Ich schluckte mit jäh ausgetrockneter Kehle. Warum sagte er mir das? War er gekommen, um mir Versäumnisse in meinen Andachten vorzuwerfen?
»Ich versichere Euch: Ich diene ihm sehr wohl«, erklärte ich. »Jeden Tag. Zwar bin ich nur eine schwache Dienerin und …«
»Ihr werdet mehr als eine Dienerin sein«, unterbrach er mich, und ich widerstand dem Impuls zurückzuweichen, als er sich mit glühenden Augen vor mir aufbaute, während das übrige Gesicht totenbleich wirkte. »Ihr könnt nicht leugnen, dass Ihr das Zeichen des Satans auf unserem elenden König gesehen habt. Enrique IV. ist verdammt. Schon kriecht der Tod durch seine Knochen. Mit seinem unnatürlichen Treiben hat er den Allmächtigen beleidigt; er hat sein Gesicht von den Rechtschaffenen abgewandt und sich dem Laster und der Sünde hingegeben. Ihr aber …« Jetzt trat er so dicht an mich heran, dass ich an ihm haftenden kalten Kerzenrauch riechen konnte. »Ihr seid Seine Auserwählte. In Euch werden Sein Licht und Zorn mit leuchtender Flamme brennen. Nur Ihr könnt diese zwei Reiche aus den Klauen des Satans befreien und uns wieder in den Zustand der Heiligkeit führen. Nur Ihr könnt das Schwert schwingen, das das Übel, welches diese Länder heimsucht, mitten ins Herz trifft.«
Ich verharrte regungslos, unfähig, den Blick von ihm abzu- wenden. »Es ist Verrat, den Tod eines Königs vorauszusagen«, hörte ich mich murmeln.
»Ich sage nicht voraus.« Wie um mich zu tadeln, hob er einen knochigen Finger. »So wie jeder Mensch und auch jeder König bin ich aus Staub. Er wird sterben, und Ihr werdet herrschen. Und Ihr müsst bei Eurer unsterblichen Seele schwören, Kastilien von der Verderbtheit zu reinigen, sie auszumerzen, wo immer sie hausen mag, und in den ewigen Abgrund zu schleudern.«
»Welche Verderbtheit?«, wisperte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte und fürchtete. »Wie … meint Ihr das?«
Er starrte mir in die Augen. »Das Ketzertum. Es lauert überall. Es hat die Gesteine dieses Landes durchdrungen, seine Gewässer, seine Erde, es verbirgt sich in dem Kind, das lacht, in der Frau am Brunnen, in dem Mann, der auf seinem Esel an Euch vorüberreitet. Es ist in der Luft, die Ihr einatmet. Es steckt in dem falschen Christen, der das Weihwasser trinkt und ausspuckt, nur um seiner Verderbtheit zu frönen, der vorgibt, unsere Kirche zu verehren, doch heimlich den jüdischen Kult pflegt. Sie sind die schwärende Wunde Kastiliens, sie sind das verfaulte Glied, das Ihr abhacken und verbrennen müsst, um den wahren Glauben zu reinigen.«
Er sprach von den conversos, den Juden, die zu unserem Glauben übergetreten waren. Sie lebten zu Tausenden in Kastilien. Nach einer Welle schrecklicher Gewalt gegen sephardische Juden hatten viele von ihnen anlässlich der Massenbekehrungen von 1391 die heilige Taufe akzeptiert. Sie hatten sich mit Christen verheiratet und ihre Kinder als Christen erzogen. Beatriz und Andrés de Cabrera stammten von conversos ab und mit ihnen viele der vornehmsten Adelsfamilien des Reichs. »Reinheit« des Blutes war daher ein abstrakter Begriff, etwas, das nur wenige in unserem Land für sich in Anspruch nehmen konnten.
»Bittet Ihr mich etwa, mein eigenes Volk zu verfolgen?«, fragte ich ungläubig.
»Es ist keine Verfolgung, wenn es im Namen Gottes geschieht. Sie sind unrein und falsch. Mit ihren gespaltenen Zungen besudeln sie die Kirche. Sie geben vor, die Heilige Jungfrau und die Heiligen anzubeten, doch sie lügen. Sie lügen immer. Sie müssen bloßgestellt und bestraft werden. Sie gehören ausgemerzt.«
Kurz vergaß ich mich und stieß ein kühles Lachen aus. »Aber sie machen mehr als die Hälfte unseres Reichs aus! Ich selbst habe Blut von conversos in den Adern. Enrique nicht minder. Ja, sogar Ihr, Fray Torquemada, seid ein Abkömmling von conversos. Sind wir demnach alle falsch?«
Sein Gesicht verhärtete sich. »Lasst mich Euch beweisen, wie falsch sie sind«, zischte er. Seine Gefühle waren stärker als Zorn, stärker als Hass – Gefühle, die ich nicht benennen konnte, weil ich sie nie empfunden hatte und hoffentlich nie kennenlernen würde.
Ich musterte ihn in gespanntem Schweigen. Schließlich hob ich das Kinn. »Ihr seid unverfroren. Noch bin ich nicht Königin und werde es, so Gott will, noch viele Jahre nicht sein, denn alles andere würde den Verlust meines letzten noch lebenden Bruders bedeuten. Und selbst wenn ich morgen gekrönt werden sollte, wäre die Verfolgung meiner Untertanen das Letzte, was ich billigen würde.«
»Doch das ist Eure Pflicht.« Seine Augen blickten kalt. Leblos. »Ihr dürft die Häresie unter Eurer Herrschaft nicht gedeihen lassen. Gott hat Euch ein großes Privileg geschenkt, das große Verantwortung mit sich bringt.«
Wie konnte er es wagen, mich an meine Aufgaben zu erinnern nach allem, was ich auf mich genommen hatte, um mein Recht auf Erfüllung dieser Pflichten zu schützen? In diesem Moment wollte ich ihn hinauswerfen. Er stieß mich ab mit seiner Vehemenz, mit seiner empörenden Unverschämtheit. Ich war gerade erst nach Segovia zurückgekehrt. Enrique war krank, ein Schatten seiner selbst; ich war allein, ohne einen erfahrenen Ratgeber – und das an einem Hof, wo ich mich noch nie sicher gefühlt hatte –, dazu von meinem Mann und meinem Kind getrennt. Wie konnte dieser Kerl mir da diese schwere Last aufbürden?
»Ich bin mir meiner Pflichten vollkommen bewusst«, ließ ich ihn in schneidendem Ton wissen. »Und ich verspreche Euch, Fray Torquemada, sollte ich dereinst die Krone tragen, wird die Häresie nicht blühen. Aber Unschuldige werde ich nicht bestrafen. Das ist mein letztes Wort.« In Ehrerbietung vor seiner geistlichen Würde neigte ich den Kopf. »Und jetzt müsst Ihr mich entschuldigen. Die Stunde, in der ich mich zurückziehen sollte, ist längst vorüber.«
Seine Antwort wartete ich nicht erst ab, sondern schritt sofort zur Schlafkammertür. Als ich die Klinke nach unten drückte, blickte ich noch einmal über die Schulter. Er war verschwunden, die Außentür geschlossen. Die Kerze dort brannte, als hätte sein Aufbruch keinen Luftzug erzeugt, als wäre er gar nicht hier gewesen.
Das ist Eure Pflicht … Gott hat Euch ein großes Privileg geschenkt, das große Verantwortung mit sich bringt.
Ich erschauerte. Dann trat ich in die Wärme des Gemachs, wo Inés bereits die Bettdecken für mich zurückgeschlagen und die Kohlenbecken angezündet hatte und, Nachthemd und Bürste in der Hand, auf mich wartete.
Doch obwohl ich sie zu vergessen suchte, verfolgten mich Torquemadas Worte wie ein Schatten.