26

Alle Hebammen – und meiner Meinung nach waren es viel zu viele – versicherten uns, dass ich einen Sohn gebären würde. Sämtliche Anzeichen sprächen dafür, verkündeten sie, während sie meine Wehwehchen bis ins kleinste Detail ausforschten, sogar den Geruch meines Urins. Natürlich hatten wir das alles schon einmal gehört; als ich mit Isabél guter Hoffnung gewesen war, hatte man mir dasselbe gesagt. Aber im Laufe der Tage hier im Alkazar, meiner komfortablen Zuflucht für die bevorstehende Mühsal meiner Niederkunft, bemerkte ich, wie stark die Schmeicheleien der alten Wichtigtuerinnen auf Fernando wirkten. Je gereizter ich auf ihr ewiges Aufhebens um mich reagierte, desto besorgter wurde er.

Aus Verachtung für den Hang unserer Gesellschaft, jede Frau, die ein Kind erwartete, in ein nutzloses Wesen zu verwandeln, und fest entschlossen, in dieser Zeit zu etwas Vernünftigem zu dienen, machte ich mich daran, einen Lateinlehrer zu suchen. Ich bedauerte, dass ich in dieser Alltagssprache der internationalen Diplomatie keine Kenntnisse hatte. Es war mir zuwider, dass ich mich auf Dolmetscher verlassen musste und mir deswegen wie eine Provinzkönigin ohne formelle Ausbildung vorkam. Aber dann wurde ich durch das Eintreffen eines Gesandten aus England abgelenkt, der mir ein weiteres Taufbecken als Geschenk mitbrachte – mittlerweile hatten wir Dutzende – und bei der Übergabe nebenbei erwähnte, dass sein König die erste Druckerpresse des Landes genehmigt hatte.

»Wirklich?« Ich beugte mich auf meinem Thron weit vor und vergaß völlig meine geschwollenen Füße in den viel zu engen Schuhen. »Ich habe davon gehört, dass in Italien etwas ganz Erstaunliches vor sich geht, eine Art Wiedergeburt, bei der verloren geglaubte oder in Vergessenheit geratene Literatur aus der Antike mit diesen Pressen wieder verfügbar gemacht wird.«

Der Gesandte lächelte. »Allerdings, Eure Majestät. Malerei, Musik, Dichtkunst und Bildhauerei gedeihen unter der Gönnerschaft vieler gelehrter Herrscher, von den Medici in Florenz bis zu den Habsburgern in Österreich, die ihren Malern Zugang zu klassischer Literatur verschaffen. Seine Gnaden, König Edward IV., will erreichen, dass dieser unvergleichliche Schatz, Gelehrtheit und Wissen, auch in England eine Blütezeit erlebt.«

»Wie wunderbar!« Ich war begeistert. Mir war schon zu Ohren gekommen, dass die Druckerpresse Hunderte von Büchern in weniger als der Hälfte jener Zeit vervielfältigen konnte, die Schreiber in mühseliger Handarbeit für ein einziges benötigten; mit einer Flotte dieser erstaunlichen Geräte würde ich damit beginnen können, unsere in Jahren des Aufruhrs und Bürgerkriegs arg dezimierten Bibliotheken wieder aufzufüllen. In Kastilien war die Schriftkunde auf Mönche, rührige Gelehrte und die sehr Wohlhabenden beschränkt. Von den gewöhnlichen Menschen konnten sich nur die wenigsten Bücher leisten, geschweige denn sie lesen.

Endlich sah ich etwas Bedeutsames, zu dem ich einen Beitrag leisten konnte.

Ich beschloss auf der Stelle, einen wohltätigen Bildungsfonds einzurichten. Cárdenas erhielt den Auftrag, zwanzig Druckerpressen aus Deutschland zu besorgen und in Salamanca und einer Reihe anderer bedeutender Universitätsstädte aufstellen zu lassen. Zum Dank für meine Bemühungen sandte mir Valencia das erste, mit der neuen Presse gedruckte Werk – mir und meinem ungeborenen Kind gewidmet – mit Lobliedern an die Heilige Jungfrau. Dieses kostbare, in Kalbsleder gebundene Büchlein, das intensiv nach Tinte roch, fesselte mich. Es fiel mir schwer zu glauben, dass eine Maschine es hergestellt hatte, wie ich Fernando ein ums andere Mal begreiflich zu machen suchte. Er meinte nur schmunzelnd: »Warum diese Aufregung? Das ist doch trotzdem bloß ein Buch, oder?«

Ich starrte ihn verblüfft an und vergaß für einen Moment meinen gewölbten Leib. »Begreifst du nicht, dass wir mithilfe dieser Pressen anfangen können, die Bildung jedes Einzelnen in unserem Reich voranzubringen?«

Er beäugte mich über seinen Weinkelch und die fettigen Überreste eines abgenagten Rebhuhns auf seinem Teller hinweg. Wir hatten es uns angewöhnt, abends in meinen Gemächern zu speisen, weil es hier gemütlicher war und es mir so erspart blieb, jetzt, im sechsten Monat meiner Zeit, die tückischen Stufen auf das Podest im Thronsaal hinauf und wieder herab zu bewältigen.

Fernandos Grinsen wurde breiter. »Ich nehme an, dass du mit ›jedem Einzelnen‹ auch die Frauen meinst?«

»Aber natürlich! Warum nicht? In Italien ist es Frauen erlaubt, an der Universität zu studieren und akademische Ehren zu erwerben. Hast du vielleicht etwas dagegen, dass Frauen noch andere Dinge lernen als nur Haushaltskünste?«

»Ich? Etwas dagegen haben?« Er hob die Hände in gespielter Kapitulation. »Gott behüte!«

Ich musterte ihn skeptisch. »Gibst du jetzt bloß deshalb nach, weil die Hebammen das befohlen haben? Ich bin mir nämlich sehr wohl bewusst, dass viele Männer den weit verbreiteten Glauben teilen – besonders weit verbreitet übrigens unter denjenigen, die selbst des Lesens nicht kundig sind –, dass Bildung die naturgemäß unzureichend ausgeprägte Charakterstärke einer Frau nur schwächen würde.«

»Das ist mir neu«, erwiderte er. »Allerdings nehme ich an, dass dieses Argument durchaus etwas für sich hat.«

Mit einem Zischen atmete ich ein und bezähmte mich gerade noch rechtzeitig, als ich das Funkeln in seinen Augen bemerkte. Er gab sich alle Mühe, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen.

»Sehr gut.« In irrationaler Verärgerung über seine Art, dieses wichtige Thema auf die leichte Schulter zu nehmen, ließ ich mich auf die Kissen meines gepolsterten Stuhls zurückfallen. »Denn ich beabsichtige, ein Dekret zu erlassen, nach dem es Frauen erlaubt sein wird, an Universitäten sowohl zu lernen als auch zu lehren. Außerdem habe ich vor, eine Frau in meine Dienste zu nehmen, damit sie mir Lateinunterricht erteilt.«

»Ich frage mich, ob ein solches Wunder wirklich existiert«, witzelte Fernando.

»Und ob!«, blaffte ich. »Und sie wird mich unterrichten, solange ich noch etwas zu sagen habe.«

Jetzt konnte er nicht länger an sich halten. Er lachte los, woraufhin ich mir ein verkniffenes Lächeln abnötigte. Als er das sah, beugte er sich über mich und küsste mich. »Dann mach das unbedingt«, flüsterte er. »Erlass dein Dekret, auch wenn ich keinen Zweifel daran habe, dass nicht wenige Männer hier in Kastilien sich bald wünschen werden, Gutenberg hätte dieses Gerät nie erfunden.«

»Du bist unmöglich«, nörgelte ich. Aber nachdem er mich verlassen hatte, nahm ich das Büchlein vom Seitentisch und strich über seinen vergoldeten Deckel.

Es war höchste Zeit, dem Reich zu zeigen, dass Frauen durch eine geeignete Erziehung auch einem höheren Zweck dienen konnten. Meine Isabél musste eines Tages heiraten und an einem fremden Hof als unsere Botschafterin wirken. Wie viel besser würde ihr das gelingen, wenn sie die Vorteile einer Bildung genießen konnte, die mir fehlte. Sie und Kastilien sollten die Wunder dieser neuen Epoche genießen dürfen! Ich wollte, dass Gelehrsamkeit und der Drang zu lernen unter den Frauen dieses Reiches zu etwas Alltäglichem wurden.

Die bevorstehende Niederkunft machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich kam Wochen später als vorgesehen ins Wochenbett, nachdem ich mich mit Händen und Füßen gegen die Quarantäne gewehrt hatte, aber dann ging es schnell: Nach wenigen Tagen der Isolation zusammen mit meinen Vertrauten platzte die Fruchtblase. Binnen Stunden setzten die Wehen ein.

Ich kam unter dem schweißgetränkten Schleier schier um, biss die Zähne aufeinander und presste mit all meiner Kraft. Der Schmerz war entsetzlich – er zerfetzte mich innerlich förmlich. In diesem Moment der völligen Erschöpfung dachte ich schon, das würde ich ganz gewiss nicht überleben; dieses Kind, nach dem ich mich so sehr gesehnt hatte und das ich in diesen neun langen Monaten mit nie nachlassender Liebe gehegt und gepflegt hatte, wäre mein Verhängnis.

»Pressen, Isabella«, flüsterte Beatriz an meinem Ohr, und ich konnte ihre segensreich kühle Hand durch den tropfnassen Schleier spüren. »Die Hebamme sagt, dass der Kopf schon zu sehen ist. Nur noch ein bisschen fester …«

»Geliebte Mutter Christi«, murmelte ich und spannte die Muskeln noch einmal an, »lass es einen Sohn werden. Bitte lass es einen Prinzen werden.«

Alles, was ich wusste, alles, wonach ich strebte, wurde in diesem Moment zu einem einzigen zittrigen Atemzug zusammengeballt, zu einem schmerzhaften Keuchen und einem qualvollen Anspannen von Muskeln und dann dem erlösenden Strömen von warmem Blut.

»Es ist da!«, hörte ich die Hebamme rufen. »Das Kind ist geboren!«

Ich starrte verzweifelt von meinem Gebärstuhl nach unten und beobachtete, wie die vor mir kauernde Hebamme die Nabelschnur durchschnitt, von der winzigen weißen Gestalt alles Blut abtupfte, sie umdrehte und ihr Honig in den offenen Mund träufelte. Ich wartete mit heftig pulsierendem Körper, als stünde ich in Flammen, bis ich den ersten zornigen Aufschrei hörte und die Hebamme mich triumphierend ansah.

»Kastilien«, erklärte sie in einem Ton, als hätte sie das ganze Ereignis persönlich eingefädelt, »hat einen Prinzen.«

Wir nannten ihn Juan nach seinen beiden Großvätern und unserem Schutzheiligen, dem Täufer.

Später sollte ich erfahren, dass Fernando ihn dem Hof mit Tränen in den Augen gezeigt hatte. Ich selbst erholte mich noch in meinen Gemächern und wollte erst nach der Taufe und meiner kirchlichen Segnung wieder vor die Öffentlichkeit treten. Aber Beatriz hielt mich über alles auf dem Laufenden: vom Stolz meines Mannes, als er den Infanten den jubelnden Höflingen entgegenreckte, was den kleinen Juan zum Weinen brachte, bis hin zu den wilden Festen, die im ganzen Reich tobten. In Segovia tanzten die Leute um ein Freudenfeuer, während in Salamanca hundert Stiere geschlachtet wurden – ein grässliches Spektakel, das mich in Wut versetzte, als ich davon erfuhr, und das ich auf keinen Fall gutheißen konnte. Aus Aragón sandte uns der alte König Juan ein riesiges goldenes Taufbecken; um es in die Kirche Santa María zu tragen, waren sechs Männer erforderlich. Außerdem schickte er uns eine persönliche Mitteilung mit der Bitte, Carrillo für seine früheren Vergehen eine Begnadigung mitsamt der Wiederherstellung seiner Einkünfte zu gewähren; das sei nach der Geburt unseres Sohnes eine Geste des Mitgefühls und auch des Respekts vor dem Erzbischof, der so machtvoll dafür gekämpft habe, uns den Thron zu sichern, und jetzt ein »trauriger und gebrochener Mann« sei.

Ich stimmte zu. In meinem Herzen war kein Platz mehr für Zorn. Ich hatte Bestätigung erfahren; nach acht Jahren Ehe hatte ich den Fortbestand unserer Dynastie mit einem Prinzen gesichert, der nach unserem Tod sowohl Kastilien als auch Aragón erben würde. Ich hatte mir die Bewunderung unserer halsstarrigsten Untertanen verdient, und binnen wenigen Tagen nach Juans Geburt flohen die letzten in Sevilla verbliebenen Verbrecher in die von den Mauren gehaltene Hafenstadt Málaga, um dort Asyl zu suchen. Als im ganzen Reich die Glocken läuteten, verbargen Priester schleunigst ihre Konkubinen und Bastarde und beteten fieberhaft, die Bibel an die Brust gepresst, denn ihnen war nur zu klar, dass ich dank der Ankunft eines männlichen Erben bald die Hände dafür frei haben würde, mich voll und ganz der Reform unserer Kirche zu widmen.

Am Festtag der heiligen Martha, sechs Wochen nach der Geburt, traten Fernando und ich Seite an Seite vor die Öffentlichkeit, um unseren Sohn Sevilla offiziell zu präsentieren. Unter einer Sonne, so heiß, dass sie den Himmel ausbleichte, ritten wir durch die überfüllten Straßen, die man mit Seilen gesichert hatte, um uns ein Fortkommen zu ermöglichen. Unter meinem mit Perlen überzogenen brial und der Krone sammelte sich der Schweiß. Mein wackerer Canela, der gleichfalls aufs Edelste herausgeputzt war, tänzelte nervös und schlug mit den Hufen Funken auf den glühend heißen Pflastersteinen.

Vom Beifallssturm der Menge aufgeschreckt, flatterten Tauben von den Ziegeldächern auf. Juan fuhr uns in einer mit einem Baldachin überdachten Kutsche voraus. Seine Taufpatin, die Herzogin von Sidonia, Medina, wiegte ihn in ihren Armen. Eskortiert wurde der Infant vom Marquis von Cádiz, der sich in der Begeisterung der Menge mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes sonnte, der sich seines blendenden Aussehens bewusst ist; Medina ritt mit unserer Standarte direkt vor uns, eine besonderes Privileg, das unsere hohe Wertschätzung bekundete.

Doch plötzlich stockten die Jubelrufe, um schnell ganz zu verstummen. Die Leute schauten nach oben, als etwas die Sonne zu verhüllen begann, den Tag verdunkelte und unsere Schatten länger wurden. Neben mir zügelte Fernando sein Pferd. Er spähte in den Himmel, sodass seine mit Rubinen besetzte Krone verrutschte.

Er erstarrte. »Dios mío« flüsterte er. »El sol se apaga.«

»Was? Die Sonne kann doch nicht erlöschen!«, rief ich und reckte den Hals, um seinem ängstlichen Blick zu folgen, obwohl ich wegen des Gewichts von Kopfschmuck und Krone sofort Schmerzen im Genick bekam.

Am weiß glühenden Himmel schnitt, einer schwarzen Sichel gleich, ein Schatten durch den Rand der Sonne.

Um uns herum war ein entsetztes Aufkeuchen zu hören. Viele warfen sich auf die Knie. Ich dagegen bewahrte Ruhe. Als ich in meiner Zeit als Prinzessin in Segovia die Bibliothek durchstöbert hatte, waren mir mehrere Schriften mit Beschreibungen dieses Phänomens in die Hände gefallen – einer sogenannten Sonnenfinsternis. Das erklärte ich sogleich Fernando, der vollkommen erstarrt auf seinem Pferd saß.

»Sonnenfinsternis?«, plapperte er benommen nach, als wäre dieses Wort ein Buch mit sieben Siegeln für ihn.

»Ja. Manchmal schiebt sich der Mond vor die Sonne und verfinstert sie. Aber dann zieht er vorbei, und alles ist wieder normal.« Mein Ton war ziemlich gereizt. Es herrschte glühende Hitze. Ich war schweißgebadet und wollte längst auf dem Podest auf dem großen plaza sein, unsere Pflichten hinter uns bringen und in den Schutz des Alkazar zurückkehren, bevor wir in unserem Kopfschmuck verdampften. Außerdem sorgte ich mich um meinen Sohn, der in dieser Höllenhitze sicher einen Hautausschlag bekommen würde.

»Aber … aber, es ist … ein Omen«, stammelte Fernando. »Ausgerechnet an dem Tag, an dem unser Sohn dem Volk gezeigt werden soll, passiert dieses … diese Sonnenfinsternis. Das kann kein gutes Zeichen sein!«

Ich widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Obwohl es weit verstreute Territorien in anderen Ländern besaß, war Aragón wie auch Andalusien immer noch ein von Aberglauben geprägtes Land.

»Das ist kein Omen«, sagte ich schärfer als beabsichtigt. »Unser Sohn ist ja schon getauft, von Gott gesegnet. Das hier liegt nur daran, dass der Mond für einen Moment seinen ihm zustehenden Ort vergessen hat.« Ich brachte ein Lächeln zuwege und senkte die Stimme. »Du als Erster von allen Männern solltest eigentlich darüber Bescheid wissen.«

Er versuchte, mein Lächeln zu erwidern, aber ich konnte sehen, dass er verängstigt war, als hielte er dieses unbedeutende Ereignis tatsächlich für einen Vorboten der Zukunft.

Ich wandte mich mit einer ungeduldigen Geste an Medina Sidonia, der die allgemeine Panik mit verächtlicher Miene zu beobachten schien. »Hoher Fürst, möchtet Ihr …?«

Er brüllte seine Soldaten an, die alle wie Ölgötzen dastanden und nach oben zur halb verdeckten Sonne glotzten: »Los, Bewegung! Das ist ein Befehl Ihrer Majestät!«

Das Klappern der Hufe unserer Pferde sorgte in der lastenden Stille für ein beängstigendes Echo. Als wir den plaza und die dort wartende Menge erreichten, verschwand der störende Mondschatten gerade wieder, und das Tageslicht kehrte zurück.

Ich nahm Juan der Herzogin aus den Armen und erklomm mit ihm das Podest. Dort ließ ich den Blick über die gesichtslose Menschenmenge schweifen und zwang sie so, die Augen statt himmelwärts auf mich und das Kind in meinen Armen zu richten.

In Vorzeichen setzte ich keinerlei Vertrauen. Ich glaubte nicht an irgendwelche Mächte, die stärker waren als Gott.

Und Gott würde nie zulassen, dass meinem Sohn ein Leid zustieß.

1479 verließen wir zu Frühlingsbeginn die Gärten von Andalusien und kehrten nach Kastilien zurück.

Aus Rücksicht auf den kleinen Juan reisten wir in gemächlichen Etappen. Wegen seiner bedrohlichen Anfälligkeit für Koliken behielt ich ihn ständig bei mir. Zweimal schon hatte ich in den letzten sechs Monaten seine Milchamme gewechselt – ohne Erfolg. Inzwischen war ich so sehr um sein Wohlergehen besorgt, dass ich mich davon überzeugen ließ, ihm die Brust nicht mehr selbst zu geben, aber auch das half nicht. Ich zog eine ganze Schar von hoch angesehenen Ärzten zurate, Juden wie Mauren, und spendete ein kleines Vermögen für die Capilla de la Virgen de la Antigua, die Marienkapelle in der Kathedrale von Sevilla, der ebenfalls wundersame Heilungen zugeschrieben wurden. Fernando versuchte, mich damit zu ermuntern, dass viele Kleinkinder, die sich mit Koliken gequält hatten, mit der Zeit aus ihren Beschwerden herausgewachsen waren, doch ich litt mit Leib und Seele mit meinem Sohn und konnte dem Gerede anderer kaum zuhören. Isabél fuhr wie Beatriz und Inés in meiner Kutsche mit und wurde gleich uns auf den von Schlaglöchern übersäten Straßen kräftig durchgeschüttelt. Um Juan von seinen Magenschmerzen abzulenken, sang sie ihm Lieder vor und ließ silberne Rasseln vor seinen Augen baumeln.

Kurz nach unserer Ankunft in Segovia entdeckte ich, dass ich schon wieder guter Hoffnung war. Als ich von dem Eimer aufschaute, in den ich soeben mein Frühstück erbrochen hatte, blickte mich Beatriz voller Mitleid an. Fernando hatte darauf bestanden, seine ehelichen Rechte gleich wieder auszuüben, obwohl ich mich noch gar nicht dazu bereit fühlte. Grob war er zwar nicht gewesen, aber auch nicht gerade rücksichtsvoll, und in einem seltenen Ausbruch von Offenherzigkeit hatte ich mich bei Beatriz darüber beklagt, dass er bei dem Wort »später« anscheinend auf beiden Ohren taub war. Jetzt verriet mir ihr Blick freilich, warum er sich so verhielt. Juans Schwäche ließ Fernando bei Weitem nicht so kalt, wie er immer vorgab. Säuglinge starben jeden Tag, ob an Koliken oder anderen Ursachen. Kurz: Unsere Nachfolge war immer noch unsicher; wir brauchten einen zweiten Sohn.

Diese Notwendigkeit erhielt neue Dringlichkeit, als uns die Nachricht erreichte, dass Juan von Aragón nach jahrelangem Leiden gestorben war. Fernando brach sofort in seine Heimat auf, um an den Trauerfeierlichkeiten für seinen Vater teilzunehmen und sich mit seinen Cortes zu beraten, die gemäß unserem Ehevertrag unabhängig geblieben waren. Ursprünglich hatte ich ihn begleiten wollen, denn nach dem Ableben seines Vaters waren beide Königreiche wahrhaftig unter einer Krone vereint; doch dann konnte ich die Reise nicht mehr antreten – zwei Kinder, eines, das gepflegt werden musste, und eines, das unterwegs war, waren zu viel des Guten.

Die Zeit, als ich mein drittes Kind erwartete, erwies sich von Anfang an als problematisch. Ich war innerlich zerrissen, vermisste Fernando schon von dem Moment an, da er zur Tür hinausging, war andererseits sogar zu erschöpft, um auch nur mein eigenes Gemach zu durchqueren, zumal ich ständig von Übelkeit geplagt wurde, die mir Grauen vor den mir bevorstehenden Monaten der Einschränkungen einflößte.

Meine Stimmung besserte sich erst recht nicht, als mir mitgeteilt wurde, dass König Alfonso, dieser alte Ziegenbock, in der Extremadura einen weiteren Aufstand im Namen von Joanna la Beltraneja angezettelt hatte. Seit seiner Niederlage gegen uns und Roms danach erfolgter Weigerung, ihm den verlangten Dispens für seine Ehe mit Joanna zu erteilen, spuckte er Gift und Galle. Jetzt hatte er eine Horde unzufriedener kleiner Adeliger dazu bestochen, eine Revolte in dem Moment loszutreten, als Fernando ihm den Rücken kehrte.

»Was soll ich nur tun?«, beklagte ich mich bei Beatriz. Ich saß an meinem Pult und las die letzten Berichte des Admirals, den ich an der Spitze der Armee losgesandt hatte, damit er den Aufstand niederschlug. »Don Fadrique schreibt, dass er alle darin verwickelten Adeligen verhaftet hat. Sie werden selbstverständlich ihrer Ländereien beraubt und hingerichtet, aber er musste ihre Felder abbrennen, die Dorfbewohner zusammentreiben und die Portugiesen wie wilde Hunde über die Grenze jagen.« Ich wedelte mit dem Pergament. Mein Zorn hatte meine Müdigkeit vertrieben. »Diese Ungläubigen sind mit Säcken voller Schätze, die sie in unseren Kirchen geraubt haben, über die Grenze geflohen! Sie haben das geplündert, dessen Verlust wir uns am wenigsten leisten können, und dann haben sie auch noch unsere Männer von der anderen Seite aus verhöhnt!«

Ich schleuderte das Dokument auf das Pult, und die Kerze flackerte wild. »Damit kann ich Alfonso nicht davonkommen lassen. Es war naiv von mir anzunehmen, Joanna würde Ruhe geben, wenn wir sie nach Portugal ins Exil schicken. Laut Fadrique haben die meisten Adeligen im Verhör zugegeben, dass sie deshalb gegen meine Herrschaft rebelliert haben, weil Joanna sich als Enriques wahre Tochter und Kastiliens einzige Königin bezeichnet! Wie kann sie es wagen, mein Recht auf den Thron anzuzweifeln, wo doch die ganze Welt weiß, dass sie Beltrán de la Cuevas uneheliches Kind ist?«

Beatriz, die damit beschäftigt war, meine Wäsche mit Lavendel und Anis zu parfümieren, ehe sie sie zusammengelegt im Reisesack verstaute, sah von ihrer Arbeit auf. »Vielleicht solltet Ihr ihr einen Friedensvertrag anbieten«, schlug sie vor.

»Lieber biete ich ihr eine Salve Kanonenfeuer an!«, erwiderte ich.

Sie lachte auf. »Gewiss. Aber Kanonenpulver ist teuer, und Alfonso ist ein Feigling. Er wird sich in seiner Festung verstecken und die ganze schmutzige Arbeit Euch überlassen. Wenn Ihr hingegen einen Friedensvertrag anbietet und darauf besteht, mit der Schwester Eurer leiblichen Mutter, Prinzessin Beatrice, zu verhandeln, dann könntet Ihr …«

»Dann könnte ich fordern, dass die Verwahrung der Beltraneja streng durchgesetzt wird.« Ich grinste. »Beatriz, du hättest Diplomatin werden sollen. Das ist die perfekte Lösung. Alfonso wird es nicht wagen, mich zu brüskieren, vor allem dann nicht, wenn ich mein Angebot mit einem Versprechen versüße: Sobald meine Isabél volljährig wird, wollen wir für sie eine eheliche Verbindung mit dem Sohn seines Kronprinzen erwägen, den er wegen des Altersunterschieds dann doch nicht mit der Beltraneja verheiraten wird. So kann ich ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen und ihm trotzdem das geben, was er haben will: Sein Standesdünkel bleibt gewahrt, und obendrein erhält er eine ansehnliche Mitgift für Isabél.«

Beatriz, die mittlerweile die Wäsche zu einem Stoß gestapelt hatte, nickte anerkennend. »Dann macht Euch an die Arbeit. Alles ist besser, als Euch in den nächsten acht Monaten Trübsal blasen zu sehen.«

Lachend beugte ich mich über mein Pult und tauchte voller frischem Schwung die Feder ins Tintenfass.

In seinem Antwortschreiben teilte mir König Alfonso mit, dass er mich an unserer gemeinsamen Grenze zu einem Gespräch über meinen Vorschlag treffen würde. Es sei an der Zeit, unseren Streit ein für alle Mal zu beenden, erklärte er. Doch nachdem ich meine Kinder Beatriz anvertraut hatte und zwei Tage lang in einer Sänfte zur windumtosten Burg Alcántara gereist war, musste ich erfahren, dass der König erkrankt war. Zwei Wochen lang brütete ich dort in der Gluthitze, ehe ich die gute Nachricht erhielt, dass der König Joanna meiner Tante mütterlicherseits, Beatrice von Portugal, übergeben würde, von der er sich auch bei den Verhandlungen vertreten lassen würde. Genau so hatte ich es mir von Anfang an gewünscht.

Ich umarmte meine hochgewachsene, elegant gekleidete Blutsverwandte, der ich bis dahin nie begegnet war. Ihre blaugrünen Augen und das ovale Gesicht weckten schmerzhafte Erinnerungen an die Züge meiner Mutter. Ich spürte auf Anhieb, dass Beatrice eine Verbündete war, und tatsächlich: Sobald wir die üblichen Freundlichkeiten ausgetauscht hatten, erklärte sie ohne Umschweife, dass sie einen dauerhaften Frieden zwischen unseren Nationen wollte.

»Wir sind Nachbarn. Da ist doch niemandem genützt, wenn wir uns ständig in den Haaren liegen«, meinte sie und hob skeptisch die hellen Augenbrauen. »Schließlich haben wir die Familienbande und die Grenze gemeinsam.«

»Ich bin voll und ganz Eurer Meinung«, erwiderte ich. »Und ist der König ebenfalls der Ansicht, dass das Kind Eurer Obhut anvertraut werden sollte?«

»O ja.« Beatrice zögerte. »Allerdings fürchte ich, dass das Kind selbst diesbezüglich anderer Meinung ist.« Sie erhob sich aus ihrem gepolsterten Stuhl und öffnete die Flügeltür. Auf der Schwelle erschien Joanna. Steif wie ein Stock trat sie in ihrem prächtigen Samtgewand vor mich.

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Mein Kind, wie schön, dich zu sehen! Du bist ja eine richtige Frau geworden!«

Und das war sie in der Tat – sogar in einer äußerst beunruhigenden Weise. Ich hatte vergessen, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen war, mit dem ich in den Garten des Alkazar hinausgegangen war, das ich nach meinem Belieben formen konnte. Mit ihren sechzehn Jahren hätte Joanna wunderschön sein können, hätte sich nicht vorzeitig Verbitterung in ihre Züge gegraben. Obschon ich sie verstohlen nach Ähnlichkeiten mit meinem verstorbenen Halbbruder absuchte, entdeckte ich in ihren Zügen lediglich ihre Mutter, Königin Juana. Sie war gertenschlank, hatte die gleichen verführerischen schwarzen Augen, das glänzende Haar und auch ihren Schmollmund. Ich versuchte, darüber hinwegzusehen, dass sie ostentativ einen Knicks und jedes sonstige Zeichen von Ehrerbietung verweigerte, aber dennoch wanden sich mir bei ihrem Gebaren Dornen ums Herz. Sie war meine eingeschworene Feindin, jederzeit in der Lage, sich zur Gemahlin irgendeines anderen lästigen Prinzen aufzuschwingen, wenn nicht sogar zu Alfonsos Königin. Das Letzte, was ich brauchen konnte, war eine Rivalin, die mir bei jeder Bewegung wie ein Schatten folgte, eine Galionsfigur, hinter der sich Unzufriedene wie jene in der Extremadura scharen konnten.

»Erinnerst du dich an mich?«, fragte ich sie. Das Aufblitzen in ihren Augen verriet mir sofort, dass das der Fall war, auch wenn es ihr gefiel, das Gegenteil vorzugeben. Sie blieb stumm.

»Antworte Ihrer Majestät!«, blaffte Beatrice und stupste das Mädchen unsanft an.

Joanna bekam schmale Augen. »Ich sehe hier keine Königin«, psalmodierte sie mit auf Resonanz angelegter, näselnder Stimme. »Es sei denn, Euch wäre es lieber, ich würde mir selbst antworten.«

Beatrice bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. An mich gewandt, erklärte sie: »Das Kind hat am Hof Manieren angenommen, die ihr nicht gut bekommen. Sie hat zu viel Zeit damit verbracht, die Spekulationen anderer in sich aufzusaugen.«

»Offenbar«, erwiderte ich, ohne die Augen von Joanna abzuwenden. Doch zu meinem Unbehagen erwiderte sie meinen Blick mit wohlbedachter Unverfrorenheit, sodass ich unwillkürlich die Hände unter den Ärmeln zu Fäusten ballte.

»Du glaubst also, ein höheres Recht auf die Krone zu haben als ich?«, fragte ich sie unverblümt.

Ein leichtes Zusammenzucken verriet mir, dass sie nicht ganz so voller Verachtung war, wie sie mich glauben machen wollte. Sie antwortete nicht sogleich. Ihr Mund war verkniffen, als nagte sie an der Innenseite ihrer Lippe.

Doch dann platzte sie heraus: »Ich glaube, dass ich König Enriques Alleinerbin bin. Ich glaube, dass Ihr, Prinzessin Isabella, meinen Thron usurpiert habt und über mich die Schmähung verbreiten lasst, ich sei ein Bastard. Aber das Blut, das in meinen Adern fließt, ist so rein wie Eures, denn ich gehöre den Königshäusern von Portugal und Kastilien an.«

»Ach, wirklich?« Ich zuckte mit keinem Muskel. In meinem Innern verfestigte sich unterdessen eine kalte Gewissheit: Joanna musste beseitigt werden. Ich konnte es mir nicht länger leisten, die Gefahr, die sie darstellte, zu missachten.

Ich drehte mich zu meiner Tante um. »Wenn das so ist, haben wir wohl vieles zu erörtern. Mein ursprünglicher Plan war eindeutig zu milde.« Das war eine unverhüllte Drohung, und Joanna reagierte wie erhofft.

»Niemand wird mich verleugnen!«, platzte sie heraus. »Ihr könnt mich mit Euren Machenschaften und schäbigen Lügen nicht übervorteilen. Ich bin die rechtmäßige Königin Kastiliens! Nie werde ich zu Euren Gunsten auf meinen Anspruch verzichten! Nie

Ich beobachtete, wie in Beatrice’ Miene der Ausdruck von Verlegenheit dem unbeugsamer Entschlossenheit wich. »Das Kind braucht offenbar einen Beruhigungstrunk«, bemerkte sie. Dann erhob sie sich, hakte sich bei mir ein und zog mich mit sich zur Galerie. Wir ließen Joanna stehen, stocksteif und in dem Bewusstsein, dass all ihre Provokationen, all die Demütigungen, die sie glaubte, erduldet zu haben, einfach ignoriert werden würden.

Auch wenn ich mich nicht umdrehte, spürte ich, wie ihr Blick sich in meinen Rücken bohrte.

Einen Monat später nahm ich liebevoll Abschied von meiner Tante. Als ich auf der Zugbrücke stand und den Abzug der portugiesischen Garde verfolgte, zerrten die Winde an mir und ließen meinen Umhang in alle Richtungen flattern. Die vierwöchigen Verhandlungen hatten mich erschöpft, aber wenigstens hatte ich die täglichen Übelkeitsattacken abwehren können. Beatrice hatte sich als gewitzte Vertreterin Portugals erwiesen und mit ihrem beredten Eintreten für die Interessen ihres Landes mehr erreicht als Alfonso mit seinem Säbelrasseln.

Trotzdem hatte ich mich durchgesetzt. Mit dem Argument, dass Portugal uns überfallen hatte und nicht umgekehrt, verweigerte ich jegliche Entschädigung für verlorene Gebiete oder Gelder. Zwar stimmte ich dem ersten Vorschlag zu, nach dem meine Isabél als Braut des Sohnes des Kronprinzen nach Portugal geschickt werden sollte, und überließ ihrem Land bedeutende Rechte zur Erforschung des Meeres, doch in einem Punkt blieb ich unerbittlich: Joanna musste jedem Anspruch auf meinen Thron abschwören. Wenn sie wollte, konnte sie unter Vormundschaft in einem Kloster warten, bis mein Sohn volljährig wurde und die Zeit dafür reif war, eine Verbindung zwischen ihnen zu erwägen. Oder aber sie legte jetzt gleich das heilige Gelübde ab. Um weiteren Verschwörungen in ihrem Namen vorzubeugen, machte ich es zur Auflage, dass sie ab sofort und für alle Zeiten damit aufhörte, unbegründete Behauptungen über ihre Abkunft in die Welt zu setzen.

Für die Findung ihrer Entscheidung gestand ich ihr eine Frist von sechs Monaten zu. Als ihre Sänfte fortgetragen wurde, sah ich noch, wie der Vorhang zurückgeschlagen wurde. Zum letzten Mal kam ihr Gesicht zum Vorschein. Der Hass in ihren Augen durchbohrte mich schier, doch in ihrer Blässe erkannte ich bereits die Niederlage.

Eher würde sie sterben, als sich meinen Bedingungen zu beugen. Wie ihre Mutter trug sie zu viel Dünkel und zu wenig Vernunft in sich. Sie würde es so lange wie möglich mit Hinhalten versuchen, das Unvermeidliche hinausschieben, aber letztlich würde ihr keine andere Wahl bleiben. Vergessen von der Welt in einem Kloster eingesperrt, würde sie die ihr verbleibenden Tage als unwillige Braut Christi verbringen.

Doch auch als sie für immer aus meinem Leben verschwand, schauderte mir bei dem Gedanken daran, welche Verheerungen sie womöglich angerichtet hätte, wenn sie es vermocht hätte, das zu beweisen, woran sie so inbrünstig glaubte.

Nach dem Abschluss unseres Vertrags mit Portugal begaben Fernando und ich uns nach Toledo. Dort gebar ich am sechsten November mein drittes Kind.

Diesmal waren meine Wehen von kurzer Dauer – nichts als ein paar Stunden mit leichten Unannehmlichkeiten. Als mir die Hebamme mein neugeborenes Kind in die Arme legte, stand für mich zweifelsfrei fest, dass es mein schönstes war – eine in jeder Hinsicht vollkommene Infantin, vom lockigen rötlichen Flaum auf dem noch weichen Kopf bis hin zur milchig weißen Haut und den trägen, bernsteinfarbenen Augen. Sie erhob auch kein Geschrei, sondern war damit zufrieden, neben mir in ihrer Wiege zu liegen, als hätte sie ihr abrupter Einzug in die Welt nicht weiter berührt. Obwohl ich eigentlich hätte enttäuscht sein müssen, weil sie nicht der Junge war, den wir erhofft hatten, ergriff mich ein heftiger Drang, sie zu beschützen, gemischt mit plötzlicher Sorge.

Wie meine Isabél würde sie heranwachsen und eines Tages als Braut an einen anderen Hof gehen. Ich hatte mich darin geübt, mich meinen Emotionen nicht hinzugeben, wenn meine Töchter ins Spiel kamen. Anders als Juan, der am Hof bleiben und unsere Königreiche erben würde, war mir von Anfang an klar, dass die Pflicht einer Infantin auf einem anderen Gebiet lag.

Gleichwohl hatte dieses Kind etwas Unwiderstehliches für mich, als vereinte uns ein unsichtbares Band. Ich behielt das Mädchen bei mir, bis Fernando auf Zehenspitzen hereingeschlichen kam, am Fuß des Betts verharrte und mich fragend ansah.

»Gerüchte sind im Umlauf, dass du nicht vorhast, sie der Milchamme zu übergeben. Die Damen am Hof sind entsetzt. Sie glauben, dass du ihr selbst die Brust geben willst.«

»Sie hat noch gar keinen Hunger.« Ich zog das Tuch etwas zurück, das ihr Gesichtchen einhüllte. »Sieh nur, sie schlummert tief und fest. Das tut sie schon, seit sie sie mir übergeben haben. Sie fühlt sich so behaglich, dass es fast schon unnatürlich ist. Hast du jemals ein so ruhiges Neugeborenes gesehen?«

Nun kam er um das Bett herum und betrachtete sie. »Sie hat rotes Haar wie meine Mutter.«

»Dann müssen wir sie Juana nennen«, erklärte ich. »Zu Ehren deiner Mutter.« Ich beugte mich über sie und küsste sie auf die warme Stirn, in die das Leben erst noch seine Lektionen ritzen musste.

»Infanta Juana.« Fernando lächelte. »Ja, das passt zu ihr.«

»Eure Majestäten, wir müssen das Edikt in Kraft setzen.«

Wir saßen im Tagungssaal des Alkazar von Toledo; draußen hüllte ein eisiger Regen die Straßen in einen winterlichen Schleier. Es war spät am Abend. Wir hatten soeben einen weiteren langen Arbeitstag hinter uns gebracht, an dem wir intensiv mit unseren Cortes verhandelt hatten, denen auch die vierunddreißig Bevollmächtigten der siebzehn größten Städte Kastiliens angehörten. Fernando und ich hatten mit vereinten Kräften darum gekämpft, unsere Macht zu festigen und einen auf Jahre angelegten, ehrgeizigen Plan zur Reformierung der Gesetze und des Steuerwesens in die Wege zu leiten.

Jetzt sahen wir uns, Schatten unter den Augen und übermüdet, Kardinal Mendoza und dem kirchlichen Komitee gegenüber, das wir zwei Jahre zuvor damit beauftragt hatten, Beschuldigungen ketzerischer Umtriebe unter conversos zu überprüfen. Neben mir saß, tief auf seinem Stuhl zusammengesackt, das Kinn auf die beringte Hand gestützt, Fernando und betrachtete mit verquollenen Augen einen vor uns auf dem Tisch aufgehäuften Stoß Papiere. Dabei handelte es sich um gewissenhaft gesammelte Anzeigen gegen Priester, die Studenten von der Marienverehrung und dem Heiligenkult abgeraten hätten, um heimlich abgegebene Aussagen von Bürgern, sie hätten Freunde nach jüdischem Brauch ungesäuertes Brot essen oder Münzen in den Mund ihrer verstorbenen Angehörigen stecken sehen, um Berichte über conversos, die das Öl der heiligen Taufe auf der Stirn ihrer Neugeborenen mit Speichel weggerieben hätten, und um unbewiesene Schreckensgerüchte über Folterungen christlicher Jungen in der Karwoche zur Verhöhnung der Passion des Erlösers. All diese Dokumente führten zur selben, unvermeidlichen Schlussfolgerung.

»Seid Ihr sicher?«, fragte Fernando mit heiserer Stimme. »Glaubt Ihr ohne jeden Zweifel, dass diese falschen conversos unsere Kirche untergraben und damit sogar Gewinne erzielen?«

»Ja, Majestad.« Mendoza deutete auf Fray Torquemada. Ich verkrampfte mich auf meinem Stuhl, als der asketische Dominikaner sich erhob, dessen schwarze Kutte sich um seine knochigen Schultern spannte. Seit unserer letzten Begegnung war er noch magerer geworden, sodass ich ihn auf den ersten Blick sogar für todkrank gehalten hatte – er bestand nur noch aus Haut und Knochen, ohne jede Farbe in seinem eingefallenen Gesicht. So unterernährt, wie er war, schien es ausgeschlossen, dass er sich überhaupt noch bewegen konnte; doch seine blassen Augen glühten vor Inbrunst. Jetzt war zu guter Letzt der Moment gekommen, auf den er gewartet hatte.

Ich verbarg mein Grauen, als er zu sprechen begann.

»Das alles ist wahr«, erklärte er mit leiser, tonloser Stimme. »Und es geschieht noch mehr – viel mehr, als wir uns überhaupt vorstellen können. Über ihr heimliches Judaisieren hinaus tun diese widerwärtigen Marranos, diese angeblichen Neuchristen, sich mit den Juden zusammen, nötigen guten Christen Rückzahlungen von Krediten zu schwindelerregenden Zinsen ab und kontrollieren die vorrätigen Geldmittel. Kein einziger Jude bestellt die Erde, wird Zimmermann oder Lohnarbeiter; sie alle streben nach bequemen Ämtern mit dem Ziel, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Ihr Vermögen übersteigt das der Königin. Wie die Ungläubigen laben sie sich am Gold, während unzählige andere verhungern.«

Seine Worte stellten nichts wirklich Neues dar. Ähnliche Verunglimpfungen hatte ich jahrelang am Hof meines verstorbenen Bruders gehört. Doch jetzt sprach Torquemada zu einem anderen Publikum – nicht in mir wollte er ein Feuer entzünden, sondern in Fernando. Er hatte meinen Gemahl aus der Ferne studiert, und zwar mit demselben Wissen, das er einst bei mir bewiesen hatte. Er hatte die beiden Schwächen Fernandos entdeckt – die Angst vor ausufernder Häresie und die Wut über die ständige Armut, die uns auf keinen grünen Zweig kommen ließ.

»Ihr sagt, ihr Reichtum übersteige den unseren?« Fernando richtete sich auf. Mit einem Mal war jeder Eindruck von Nachdenklichkeit verschwunden.

Torquemada neigte den geschorenen Kopf. »Ja, mein König. Und mit Verlaub, wenn Ihr das Edikt Seiner Heiligkeit zur Einrichtung der Inquisition unterstützt, können wir mit Gottes Werk beginnen, die Reinen von den Besudelten zum Ruhm der Kirche und zum Wohle Eurer Schatzkammer zu trennen.«

Ich kam Fernando zuvor. »Wie das? Inwiefern genau wird das Heilige Tribunal unserem Schatzamt nützen?«

Torquemadas Blick glitt mit beklemmender Vertrautheit zu mir herüber. »Das Eigentum der Verdammten wird wieder der Krone zufallen, Eure Majestät. Das gehörte mit zu den Bedingungen, die Ihr persönlich Seiner Heiligkeit unterbreitet habt, nicht wahr? Habt Ihr nicht die Forderung gestellt, dass die Heilige Inquisition in ihrer Gesamtheit – von den Bevollmächtigten bis hin zum Vollzug der Strafen – in Euren Händen bleiben solle?«

Die Zähne aufeinandergepresst, widerstand ich dem Drang wegzuschauen. Als wäre es möglich, in die Vergangenheit zurückzukehren, sah ich mich selbst wieder in jener langen Nacht vor so vielen Jahren, als ich Torquemada in Segovia kennengelernt hatte – eine bekümmerte Heranwachsende, auf der das Gewicht der ganzen Welt gelastet hatte. Damals hatte er mir meine innersten Wünsche angesehen und mir Trost gespendet, der mir geholfen hatte, meine Kraft zu sammeln. Jetzt war ich mir bezüglich seiner Person nicht mehr so sicher. Seit dem Tag, an dem er gekommen war, um mir ein Versprechen abzupressen, während Enrique im Sterben lag, hatte ein Keim des Zweifels in mir gegärt.

Der Zweifel ist die Magd des Teufels, die er zu uns geschickt hat, damit sie uns ins Verderben lockt.

»Es kann doch gewiss nicht so viel Reichtum geben, wie Ihr ihn in Aussicht stellt«, erwiderte ich in dem Gefühl, dass Fernando mich fast so eindringlich anstarrte wie Torquemada. »Und ich habe gewiss keine gegen Juden gerichtete Maßnahmen angeordnet. Nur conversos, habe ich gesagt – nur diejenigen, die in unserem Glauben geirrt haben.«

Torquemada stand reglos da, ohne mit der Wimper zu zucken. Schließlich blickte ich an ihm vorbei und meinem Beichtvater, Fray Talavera, ins Gesicht. Er nickte mir aufmunternd zu. Wie ich verfolgte er Torquemadas gnadenlose Bestrebungen, die Juden aus dem Reich zu verjagen, mit zunehmendem Unbehagen. Auch wenn die von uns berufene Kommission Kardinal Mendoza unterstand, hatte der Mönch sich nach und nach mit seiner hitzigen Rhetorik an ihre Spitze gesetzt.

»Und was ist mit meinem Erziehungsprogramm?«, fuhr ich fort. »Ich habe angeregt, dass ausgebildete und erfahrene Geistliche ins ganze Reich entsandt werden sollen, um die Prinzipien unseres Glaubens zu predigen. Sie hatten den Auftrag, dafür zu sorgen, dass diejenigen, die ihn missverstanden haben oder mit irrigen Vorstellungen herangewachsen sind, auf sanfte Weise belehrt und in unsere Herde zurückgeführt werden.«

»Allerdings.« Kardinal Mendoza räusperte sich. »Und unsere Geistlichen haben getan, was Eure Majestät sie geheißen haben. Unter diesen Dokumenten werdet Ihr Berichte von achtzig Priestern finden, die leider alle darin übereinstimmen, dass diese Häresie unter den conversos in den meisten Fällen zu tief verwurzelt ist, als dass sie sich je durch Unterweisung in der Doktrin tilgen ließe. Besonders betrüblich ist die Situation in Andalusien, weil viele der Marranos dort die Lehren der Kirche ablehnen, wenn nicht sogar anfechten. Ihren Seelen droht darum die ewige Verdammnis. Als Gottes gesalbte Monarchin ist es Eure Pflicht, sie zu retten.«

Und Torquemada warf abrupt dazwischen: »Eure Majestät scheinen zu vergessen, dass Ihr gelobt habt, Euch der Ausrottung der Häresie zu widmen, sobald Ihr Königin seid. Jetzt Euer Versprechen zu leugnen, das kommt der Sünde der Häresie gleich.«

Wütend umklammerte ich die Armlehnen meines Stuhls, als Talavera einwandte: »Bei allem gebotenen Respekt, aber ich bin der Beichtvater Ihrer Majestät. Ich versichere Euch, sie ist eine gottesfürchtige Dienerin der Kirche, die diese Beschuldigungen sehr ernst …«

»Das sind keine Beschuldigungen!«, kreischte Torquemada. Nie hätte ich seiner vertrockneten Lunge die Fähigkeit zu einer solchen Lautstärke zugetraut. Fernando offenbar auch nicht, denn er prallte zurück. »Das sind Wahrheiten!« Der Mönch reckte die Hand in die Luft, und seine dürren Finger krümmten sich, als geböten sie über unsichtbare Flammen. »Das zu leugnen bedeutet, Christus selbst zu leugnen! Es ist besser, mit einem Auge ins Paradies einzugehen, als mit zweien in der Hölle Qualen zu leiden.«

Ich warf Fernando einen verstohlenen Blick zu. Mein Gemahl starrte den Mönch von Ehrfurcht ergriffen an. Er hatte seinen eigenen Beichtvater aus Aragón, dem er vertraute, doch ich erkannte auf den ersten Blick, dass Torquemadas Überzeugungskraft eine magnetische Wirkung auf ihn ausübte. Es bestürzte mich zu sehen, welche Macht der Mönch über Fernando gewann, während sie mich überhaupt nicht mehr erreichte. Ich hatte den Glauben an Torquemada verloren.

Fernando löste sich aus seiner Erstarrung. »Aber wir hatten in unseren Reichen schon immer conversos, und sie haben uns gute Dienste geleistet. Woran können wir erkennen, wer ein Ketzer ist und wer nicht?« Im Sprechen griff er nach meiner Hand, etwas, das er vor der Öffentlichkeit nur selten tat. Ich spürte seine Wärme und den beruhigenden Druck seiner Finger. Er mochte von Torquemadas Ausstrahlung beeindruckt gewesen sein, würde sich jedoch nicht davon beeinflussen lassen. Sein praktisches aragonisches Wesen verlangte unwiderlegbare Beweise, bevor er handelte.

»Es gibt wahre conversos von rechtem Glauben, die denjenigen abschwören, welche vorsätzlich abscheuliche Riten ausüben«, erklärte Torquemada so ruhig, als hätte er nicht soeben vor seinen Herrschern geschrien. »Und es gibt solche, die lügen. Sie können nicht ohne Weiteres auseinandergehalten werden, vor allem nicht in Andalusien, wo sie seit Langem eng beieinanderleben. Das ist auch der Grund, warum wir darum bitten, dass das erste Tribunal der Heiligen Inquisition in Sevilla abgehalten werden möge. Das ist fromme Arbeit, die am besten von Männern mit fester Gesinnung verrichtet werden sollte. Doch wenn wir das Böse ausgemerzt haben, wird Gott Gnade zeigen. Er wird den Weg zum Ruhm ebnen und auch zum Reich der Einheit – eine Krone, ein Land, ein Glaube. Er wird Euch helfen, die Ketzer, die Marranos und die Gottlosen zu vertreiben, damit Ihr eine neue Welt errichten könnt, in der Spanien mit absoluter Macht herrscht und die Rechtschaffenen jubeln können.«

Fernando saß reglos da. Etwas an meiner Miene musste ihm mein Unbehagen verraten haben, denn unvermittelt sagte er: »Die Königin und ich müssen darüber in Ruhe beratschlagen.« Dann half er mir aus dem Stuhl und führte mich, die Hand sanft gegen meinen Rücken gedrückt, in die angrenzende Kammer, wo Kohlenbecken und Lüster angezündet worden waren, um Kälte und Dunkelheit zu vertreiben.

Ein geriffeltes Fenster bot einen beeindruckenden Blick auf die Stadt. In der Ferne ragte hoch über den steilen Kopfsteinpflasterstraßen der Turm der Kathedrale Santa María auf, der ältesten von ganz Kastilien, erbaut von Fernando III., der »Geißel der Mauren«.

Während sich Fernando an der Anrichte Wein einschenkte, stellte ich mich ans Fenster. Ich dachte an all die heiligen Bauwerke, die während der Herrschaft meines Vaters und meines Bruders verwahrlost waren. Waren ihr Verfall und die Zügellosigkeit der Geistlichen schuld an dem Krebsgeschwür, das jetzt unseren Glauben zerfraß? Erst kürzlich hatte ich eine Verordnung zur Durchsetzung des Zölibats bei Geistlichen erlassen und die Bischöfe zur Bildung eines Ausschusses aufgefordert, der die Reform sämtlicher Mönchs- und Nonnenklöster sowie die Weihe neuer Priester überwachen sollte. Ferner hatte ich die Cortes dazu gezwungen, einen Fonds für die Renovierung verfallener Kirchen wie der Santa María in Toledo einzurichten, der aber auch die Finanzierung unseres neuen Klosters San Juan de los Reyes sichern sollte, welches wir zum Gedenken an unseren Sieg gegen Portugal errichten ließen.

»Alles, was ich tue«, verkündete ich laut, als ich Fernando hinter mir herantreten hörte, »dient dem Ruhm Gottes und unseres Landes. Warum nur habe ich dann ein Gefühl, als würde das ganze Durcheinander zu keiner Lösung, zu keiner Antwort, zu keinem Ende führen?«

»Es hat ein Ende. Nur ist es keines, das dir gefällt.«

Ich drehte mich zu ihm um.

»Die Zeit ist reif, Isabella. Wir können nicht länger herumlavieren. Als katholische Herrscher müssen wir ein Beispiel geben. Ketzerei darf in unseren Reichen nicht länger geduldet werden.«

»Bist du dir so sicher, dass das der richtige Weg ist?«

»Ja. Wir sind die von Gott bestimmten Herrscher. Er würde uns nie in die Irre führen.« Fernando beugte sich über mich. Im Kerzenschein wirkten seine markanten Züge weicher. »Es ist unsere heilige Pflicht, Isabella. Das wissen wir beide. Bisweilen müssen wir gegen unsere eigenen Herzen handeln, weil das eben das Richtige ist, das Einzige, was zu tun ist.«

Ich sah ihm forschend in die Augen. »Wenn wir diesen Weg beschreiten, sterben unsere Untertanen.«

»Nur die Schuldigen. Nur diejenigen, die sich weigern zu bereuen. Wahre Christen haben nichts zu befürchten.« Er streichelte mir die Wange. »Meine Luna, du darfst nicht zweifeln. Du fragst dich immer, ob wir wirklich Gottes Willen ausführen, und ich sage dir: Ja, das tun wir. Wir können nichts anderes tun. Torquemada ist zu auffahrend, aber er spricht wie ein Prophet: Eine Krone, ein Land, ein Glaube. Das und nichts weniger ist unsere Aufgabe. Wir errichten eine neue Nation für ein neues Zeitalter; davon haben wir vor so vielen Jahren geträumt. Jetzt ist unsere Zeit. Und haben wir erst Kastilien und Aragón gereinigt, richten wir unser Schwert gegen Granada. Wir setzen die reconquista fort und befreien das Land für immer von den Gottlosen.«

Ich wollte kapitulieren. Ich wollte mich seinem unerschütterlichen Glauben an unsere Bestimmung unterwerfen, von dem er sich durch nichts abbringen ließ. Plötzlich verachtete ich mich für meine eigene Schwäche, für mein untaugliches weibliches Herz, das so fehlbar, so leicht zu täuschen war. Ich traute mir selbst nicht mehr.

»Warum trotzen uns diese falschen conversos?«, flüsterte ich. »Warum leugnen sie Gottes Wahrheit und verdammen unsere unsterbliche Seele? Ich kann einfach nicht glauben, dass ein Mensch so etwas wissentlich tut. Sie sind in die Irre geführt worden und brauchen einfach Zeit, um zu verstehen, worin sie sündigen, damit sie bereuen können.«

Er zog mich an sich. An seine Brust gepresst, spürte ich den Rhythmus seines Herzschlags. Er war der Fels, an den ich mich, verloren in diesem Meer des Zweifels, klammern konnte.

»Die Häretiker sind halsstarrige Sünder«, sagte er. »Du darfst dich nicht von ihrem Trotz quälen lassen. Wir sind König und Königin. Was immer wir befehlen, wir tun es für das übergeordnete Wohl.« Er umfasste mein Kinn und hob mein Gesicht zu seinem empor. »Lass Torquemada seine Aufgabe verrichten. Er kann in Sevilla anfangen und uns zeigen, wozu er in der Lage ist. Falls wir mit seinen Methoden nicht einverstanden sind, können wir eingreifen. Aber auch wenn er unsere neue Inquisition leiten wird, aufgrund unseres päpstlichen Edikts ist er uns verantwortlich – und zwar uns allein.«

Ich antwortete nicht. Das Schweigen zog sich lange zwischen uns hin. Ich erinnerte mich an meine eigenen trotzigen Worte Jahre zuvor, als Torquemada wegen seines Ansinnens zum ersten Mal an mich herangetreten war: Selbst wenn ich morgen gekrönt werden sollte, wäre die Verfolgung meiner Untertanen das Letzte, was ich billigen würde.

Seit dem Tag am Strand vor zwei Jahren, an dem ich das Edikt aus Rom zur Inquisition bewilligt hatte, war mir klar gewesen, dass es irgendwann so weit kommen würde. Es hatte sich zusammengebraut wie ein Sturm in der Ferne, der unausweichliche Preis, den ich für alles, was Gott mir gegeben hatte, bezahlen musste.

»Ich werde zustimmen«, sagte ich schließlich, »aber nur unter folgenden Bedingungen. Erstens: Was immer von den Verurteilten konfisziert wird, muss dafür verwendet werden, die von uns angestrebte Einheit voranzubringen. Zweitens: Die Inquisition muss ihre Maßnahmen auf gefallene conversos beschränken.«

»Bien«, murmelte Fernando. »Ich werde mich darum kümmern. Bist du jetzt bereit, wieder hineinzugehen?«

Hand in Hand kehrten wir in den Saal zurück, wo Torquemada geduldig mit gefalteten Händen stehen geblieben war, als wüsste er bereits, was wir ihm antworten würden.

»Wir sind über all das, was wir gehört haben, zutiefst bestürzt«, erklärte ich. »Und wie Pater Talavera Euch versichert hat, nehmen wir diese Angelegenheit sehr ernst.« Ich ließ den Blick über die Versammelten schweifen. »Bereitet das Dokument für unsere Unterschrift vor. Wir werden der Inquisition in Kastilien die Vollmacht erteilen.«

Ich drehte mich auf dem Absatz um und schritt eilig hinaus, damit niemand meinen Kummer bemerkte. In meinen Gemächern ließ ich Inés alle Lichter löschen, nur die Votivkerzen am Altar nicht. Dort sank ich auf die Knie.

»Mein Herr und Erlöser«, flüsterte ich, »erhöre das Flehen Deiner demütigen Dienerin. Zeig mir die Wahrheit. Bekunde durch mich Deinen Willen. Lass Irrtümern aus Unwissenheit keinen Raum. Leih mir Deine Kraft, damit ich meine Pflicht erfüllen und Dein Licht über diesen Reichen verbreiten kann. Sie haben so viel an Bösem und Zerstörungen erlitten.«

Ich neigte den Kopf und wartete.

Doch in dieser Nacht gab mir Gott keine Antwort.