8
Ich starrte sie an. Der Mann hielt sie am Arm fest. »Kein Geld, hä?«, knurrte er. »Dein Vater sagte, du hättest welches. Aber wenn du kein Geld hast, gibt es andere Möglichkeiten zu bezahlen.«
»Nein! Lassen Sie mich los!«
»Lindy?«
Der Mann und sein Opfer wandten sich um. Es war tatsächlich Lindy. Meine Instinkte, auch wenn sie die eines Tieres waren, hatten mich nicht getäuscht. Der Mann – das Monster – hatte sie an den Haaren gepackt. Er hielt ihr eine Pistole an den Kopf.
»Lindy!« Ich ging auf sie zu.
»Du bist da!«
»Keine Bewegung, oder ich schieße.«
Er hielt ihr die Waffe an den Kopf. Er durfte ihr nichts tun. Ich war nicht den ganzen Weg gekommen, um zuzusehen, wie er sie verletzte. Unbewusst stieß ich ein tiefes Knurren aus, wie ein Tier, das zum Sprung ansetzt.
»Ich meine es ernst«, sagte er. »Keine …«
Er hielt inne. Er sah mich an, und sein Bestien-Blick traf meinen Bestien-Blick. Das Tier, das ich war, roch seine Angst.
»Was zum …?«
»Wenn Sie ihr etwas tun«, sagte ich in einer Stimme, die eher tierisch als menschlich klang, »dann bringe ich Sie um.«
»Friss mich nicht!«, schrie er.
Und er richtete die Waffe nun auf mich.
Das war alles, was ich brauchte. Ich machte einen Satz. Meine Zähne gruben sich in seinen Arm, meine Krallen in seinen Hals. Ein Schuss löste sich. Ich biss ihn in den Hals.
Und dann hörte er auf, sich zu bewegen.
Ich schleuderte ihn von mir und sackte zusammen.
Ich blutete. Eigentlich sollte ich nicht bluten. Ich wandte den Blick ab. Es hörte nicht auf zu bluten. Vielleicht konnte meine Haut über der Wunde nicht heilen, weil eine Kugel darin steckte. Das würde einen Sinn ergeben. Aber es tat weh.
Lindy rannte zu mir, wobei sie über den verletzten Schützen stolperte. »Adrian, du bist da.«
»Ich bin da«, stimmte ich zu. Die Welt wurde unscharf, so unscharf. Unscharf und dunkel und dabei rein und wohlriechend wie eine Rose.
»Aber woher wusstest du?«, fragte sie. »Wie konntest du wissen, wo ich war?«
»Ich wusste es.« Dort, wo die Kugel war, tat mir der Bauch weh. »Ich wusste es durch …« Magie. Liebe. Tierischen Instinkt. Wie Jane von Rochester wusste. »Ich wusste es einfach.« Ich streckte die Hand nach ihr aus.
»Ich sollte die Polizei holen. Oder einen Krankenwagen.« Sie wollte gerade gehen.
Ich dachte an den Mob in der U-Bahn, an einen Polizeibeamten, der hierherkam und mich vorfand und mitnahm. Daran, in einem Polizeiauto zu sterben, allein. Lindy zu verlieren, jetzt, wo ich sie gerade gefunden hatte. Ich packte sie am Arm. »Bitte. Bitte nicht. Bleib hier. Bleib bei mir.«
»Ich wollte bei dir sein.« Sie schluchzte jetzt. »Du sagtest, ich solle im Frühling zurückkommen. Und das wollte ich. Mein Vater war wie immer völlig im Eimer, und er versprach mir, eine Entziehungskur zu machen und sich Arbeit zu suchen. Er arbeitete ungefähr eine Woche. Aber dann hat er den Job hingeschmissen und gesagt, dass er nicht arbeiten gehen müsse, nur weil ich ihm das vorschreiben will. Das war das, was er immer sagte, aber dieses Mal war es anders.«
»Warum?« Ich versuchte, meine Stimme normal klingen zu lassen. Wenn sie wüsste, wie schwer ich verletzt war, würde sie gehen und die Polizei rufen. Es tat so weh. Es schmerzte so sehr, als würde das Leben durch die Haut aus mir heraussickern. Ich schaute nicht an mir hinunter, weil ich wusste, es wäre eine einzige blutige Schweinerei.
»Weil ich bei dir war. Zuvor wusste ich nur, wie es war, seine Tochter zu sein, Tag um Tag zu leben und darauf zu warten, dass der jeweilige Tag zu Ende geht. Aber jetzt wusste ich, wie es war, wenn jemand mit mir redete, sich um mich kümmerte … bei mir war … und …«
»Dich liebte?« Die Worte kamen keuchend heraus, und aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie die Zeiger meiner Uhr vorrückten. 23:59 Uhr. Ich hatte es an diesem Morgen besiegelt. Es war vorbei. Aber ich war bei Lindy. Das war genug. »Warum bist du nicht zurückgekommen?«
»Ich wollte kommen, aber ich hatte die Adresse verloren. Mein Vater hatte mich mit Gewalt zu deinem Haus geschleppt, und dann wollte er mir nicht mehr verraten, wo es ist. Er log, wenn ich ihn danach fragte, oder sagte, dass er es nicht weiß. Aber ich erinnerte mich daran, dass dein Haus an einer U-Bahn-Station liegt. Ich konnte sie vom Fenster aus sehen, erinnerst du dich?«
Ich nickte.
»Also beschloss ich, zu jeder U-Bahn-Station in Brooklyn zu gehen, und dann in der Umgebung nach einem Gebäude mit Gewächshaus Ausschau zu halten. Jeden Tag nach der Schule ging ich zu einer anderen. Aber es ging zu langsam, und heute Abend beschloss ich, dich zu finden. Und wenn ich jeden Zentimeter von Brooklyn absuchen und deinen Namen rufen müsste – ich würde dich finden.«
»Meinen Namen rufen?«
»Wie Jane Eyre. Ich habe es letzte Woche noch einmal gelesen und an dich gedacht – wie die Liebenden getrennt wurden, und …«
»Liebenden?«
Es war so schwierig, die Augen offen zu halten. Sie war bei mir. Ich könnte jetzt einfach aufhören.
»Nein! Ich sollte einen Krankenwagen rufen. Wenn dir irgendetwas zustößt …«
Es bereitete mir Schwierigkeiten, mich hochzustemmen. »Ich liebe dich, Lindy.«
Es war Mitternacht. Es war vorbei. Ich würde für immer eine Bestie sein. Aber Lindy war zurück. Sie war hier.
»Ich weiß, ich bin zu hässlich, als dass du mich lieben könntest«, sagte ich. »Aber ich werde immer …«
»Ich liebe dich auch, Adrian. Aber bitte, lass mich …«
Ich packte sie wieder am Arm. »Dann küss mich. Schenk mir die Erinnerung an einen Kuss von dir, bevor ich sterbe.«
Es war zu spät. Es war zu spät, aber sie beugte sich trotzdem vor und küsste mich, meine Augen, meine Wangen und schließlich meinen lippenlosen Mund. Ich schwand allmählich, aber ich schmeckte sie, fühlte sie. Das war alles, was ich wollte. Lindy. Jetzt konnte ich glücklich sterben.
In der Ecke sah ich einen Schatten, der sich bewegte.
»Achtung, Lindy!«, sagte ich mit plötzlicher neuer Kraft. Die Luft roch auf einmal ganz merkwürdig, nach Rosen. Aber das war wohl Einbildung. »Hinter dir!«, schrie ich.
Ich sah den Mann. Ich versuchte, mich auf ihn zu stürzen, ihn zu verfolgen und wie zuvor zu beißen. Aber mein ganzer Körper fühlte sich taub und kribbelnd an, so schwer, als wäre ich bereits tot. Ich sah, wie sich Lindy auf die Waffe am Boden stürzte. Dann ein Handgemenge – vier Hände, die nach dem gleichen Gegenstand greifen wollten. Schüsse, zerspringendes Glas. Dann rannte der Schatten zur Tür.
Lindy wandte sich zu mir um. In der Hand hielt sie die rauchende Pistole.
»Adrian?« Sie starrte in die Dunkelheit, als könnte sie mich nicht sehen. Die Welt war schwarz und drehte sich. Schwerer Rosenduft lag inzwischen in der Luft. Und unter meinen Händen fühlte ich etwas. Rosenblätter. Sie waren überall, unter meinen Händen, auf meinem Körper und sogar in Lindys Haar. Wo waren sie hergekommen?
»Ich bin hier, meine Liebe.« Sagte ich meine Liebe? Ich? Aber mein Körper fühlte sich so gut an, so als könnte mich nie mehr etwas verletzen. Ich hatte keine Schmerzen mehr. War ich bereits tot?
Aber sie sah mich ganz seltsam an. Schließlich sagte sie etwas.
»Kyle Kingsbury? Aber … wo ist Adrian?«
Ich hatte mich wohl verhört. »Ich bin hier. Wie hast du mich genannt?«
»Kyle Kingsbury, nicht wahr? Von Tuttle. Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr an mich, aber du hast mir einmal eine Rose geschenkt.« Sie hielt inne und schaute von einer Seite zur anderen. »Eine Rose … Adrian!«
»Lindy …« Ich hielt mir die Hand vor die Augen, und es war eine menschliche Hand. Eine Menschenhand. So perfekt. Ein Menschenarm. Ich berührte mein Gesicht. Ein menschliches Gesicht! »Lindy, ich bin es.«
»Ich verstehe nicht. Wo ist der Junge, der gerade noch hier war? Sein Name war Adrian, und er war …«
»Hässlich? Widerwärtig.«
»Nein! Er war verletzt. Ich muss ihn finden!« Sie ging zur Tür.
»Lindy!« Ich rappelte mich auf. Meine Kräfte kehrten zurück, und als ich an mir hinunterschaute, war da kein Blut, keine Schmerzen. Ich war in jeglicher Hinsicht geheilt. Lindy lief zur Tür, und ich rannte ihr hinterher, so viel besser ging es mir. Ich war am Leben und wohlauf, ich ergriff ihre Hand. »Bitte warte.«
»Ich kann nicht, Kyle. Du verstehst das nicht. Hier war ein Junge, und er war …«
»Ich.« Ich nahm ihre andere Hand. »Er war ich.«
»Nein!« Sie kämpfte, um freizukommen, aber ich hielt ihre Hände fest. »Nein, er war nicht du.«
»Bitte.« Ich zog sie zu mir. Ich war größer als Kyle früher gewesen war, und ich war stark. Ich zog sie zu mir, damit sie nicht weggehen konnte. Sie schlug nach mir und trat um sich. »Bitte, Lindy, mach einfach die Augen zu, und du wirst sehen, dass ich die Wahrheit sage.« Ich schlang meinen Arm um sie und legte ihr die andere Hand über die Augen.
Einen Augenblick später gab sie nach, mehr oder weniger. Ich sagte: »Eines Tages gab es ein Gewitter. Du bist heruntergekommen, weil du dich gefürchtet hast, und wir haben Popcorn gemacht – zwei Tüten voll – und schauten uns Die Braut des Prinzen an.« Ich hielt inne. Sie war erstarrt. »Erkennst du meine Stimme, Lindy? Als der Film vorüber war, bist du eingeschlafen. Ich hab dich hochgehoben und in dein Zimmer getragen.«
Sie lehnte sich jetzt an mich, als würde sie eine Stütze brauchen.
Ich fuhr fort: »Du bist in der Dunkelheit aufgewacht und hast mit mir gesprochen. Du sagtest, dass meine Stimme vertraut klingt. Sie war vertraut. Das war ich. Kyle. Adrian. Wir sind ein und derselbe. Ich werde mich immer an diesen Tag erinnern, weil ich zum ersten Mal Hoffnung hatte. Es war das erste Mal, dass ich mit dir sprach, ohne dass du vor Augen hattest, wie abstoßend, wie wenig menschlich ich war. Das erste Mal, dass ich daran dachte, dass du mich vielleicht lieben könntest.«
Sie wandte sich mir zu. »Adrian? Aber wie kann das sein?«
»Zauberei. Es ist Magie, und diese Magie nennt man Liebe. Ich liebe dich, Lindy.« Ich beugte mich vor und küsste sie. Und sie küsste mich.
»Adrian!«
»Ja.« Ich lachte. Ich konnte nicht anders.
»Kannst du mich jetzt nach Hause bringen?«, sagte sie. »Dein Zuhause.«
Ich nickte. »Wir nehmen die U-Bahn.« Ich schaute an meinen Kleidern hinunter, meinen zu großen Bestien-Klamotten. »Ich weiß, dass ich ein wenig seltsam aussehe, aber wahrscheinlich fällt das niemandem auf.«