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Zwei Tage später wartete ich um vier Uhr morgens unten, während Magda Lindy aufweckte und zur Tür brachte. Es war dunkel, also starrte ich aus dem Fenster, weil niemand zu sehen war. Um uns herum die Stadt, die niemals schläft. Die Straßen waren menschenleer. Über Nacht hatte es ein wenig geschneit, und auf dem Gehweg waren keine Fußspuren zu sehen. Noch nicht einmal die Mülltonnen standen draußen.

»Wohin gehen wir?«, fragte Lindy, als sie herunterkam.

»Vertraust du mir?« Ich hielt den Atem an, während ich auf ihre Antwort wartete. Sie hatte allen Grund, mir nicht zu vertrauen. Ich war ihr Kidnapper, ihr Geiselnehmer, und doch wäre ich eher gestorben, als ihr auch nur ein Haar zu krümmen. Ich hoffte, dass sie das nach den fünf Monaten, die sie schon bei mir wohnte, gemerkt hatte.

»Ja«, sagte sie und schien ebenso überrascht über diese Neuigkeit wie ich.

»Wir gehen zu einem großartigen Ort. Ich glaube, es wird dir dort wirklich gefallen.«

»Muss ich irgendetwas einpacken?«

»Ich habe alles, was du brauchst.«

Will kam, und ich führte Lindy zum Sicherheitseingang unseres Hauses. Ich hielt sie am Handgelenk fest, aber nicht mit Gewalt. Sie war nicht mehr meine Gefangene. Wenn sie davonlaufen wollte, würde ich sie gehen lassen.

Sie lief nicht davon. Ich hoffte von Herzen, dass sie nicht weglief, weil sie nicht wegwollte, aber vielleicht wusste sie einfach nur nicht, dass ich sie nicht festhalten würde. Sie folgte mir zu der wartenden Limousine.

Die Limousine war auf Veranlassung meines Vaters da. Nachdem ich mit Magda gesprochen hatte, hatte ich ihn bei der Arbeit angerufen. Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich im Telefonsystem des Studios durchgekommen war, aber schließlich hatte ich die berühmte Stimme gehört, die voll väterlicher Sorge war.

»Kyle, ich bin gleich auf Sendung.« Es war Viertel nach fünf nachmittags.

»Es wird nicht lange dauern. Ich brauche deine Hilfe. Das schuldest du mir.«

»Ich schulde es dir?«

»Du hast richtig gehört. Du hast mich jetzt seit über einem Jahr in Brooklyn eingesperrt, und ich habe mich nicht beklagt. Außerdem bin ich nicht zu Fox Network gegangen und habe denen die Story von Rob Kingsburys monströsem Sohn verkauft. Sieh den Tatsachen ins Auge: Du schuldest es mir.«

»Was willst du, Kyle?«

Ich erklärte es ihm. Als ich fertig war, fragte er. »Soll das heißen, dass ein Mädchen bei dir wohnt?«

»Es ist nicht so, dass zwischen uns etwas läuft.«

»Denk doch an die Verantwortung.«

Weißt du was, Dad, als du mich mit dem Dienstmädchen hier hast sitzen lassen, hast du das Recht, über mich zu bestimmen, verwirkt.

Aber das sagte ich nicht. Immerhin wollte ich etwas von ihm.

»Schon gut, Dad. Ich tue ihr nichts. Ich weiß, du machst dir ebenso große Sorgen wie ich, ob ich je wieder aus diesem Fluch herauskomme.« Ich hatte mir überlegt, was Will jetzt sagen würde. Will war klug. »Deshalb ist es wirklich wichtig, dass du mir hierbei weiterhilfst. Je früher ich aus alldem herauskomme, desto geringer ist das Risiko, dass jemand dahinterkommt.«

Ich stellte es so dar, als ginge es vor allem um ihn, denn das war die Art und Weise, wie er darüber dachte.

»Okay«, sagte er. »Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich muss jetzt auf Sendung.«

Er hatte sich dann tatsächlich um alles gekümmert – den Ort, die Anfahrt, alles, bis auf jemanden, der die Rosen versorgte. Das hatte ich dann erledigt. Jetzt schaute ich Lindy beim Dösen zu, ihr Kopf lag schlaff an meiner Schulter, während das Auto über die Manhattan Bridge fuhr. Ich fühlte mich wie jemand, dem am Rand der Klippe ein Seil zugeworfen wird. Es bestand die Chance, dass es funktionierte, aber wenn nicht, würde ich fallen – und hart landen.

Lindy schlief, aber ich fand keine Ruhe. Ich beobachtete den morgendlichen Verkehr, der auf die schwindenden Lichter der Großstadt zurollte. Es war nicht besonders kalt. Bis zum Mittag würde sich der Schnee in eine matschige Schweinerei verwandelt haben, aber bald würde es kalt werden, Weihnachten rückte näher, und es gab so vieles, worauf man sich freuen konnte. Magda und Will schliefen auf der anderen Seite der Sitzbank. Der Fahrer hatte einen Anfall bekommen, als er Pilot sah.

»Das ist ein Diensthund«, hatte Will erklärt.

»Bedeutet das, dass er nicht auf die Sitze kackt?«

Ich hatte ein Lachen unterdrücken müssen. Ich war wieder einmal als Beduinin verkleidet, aber jetzt, mit der Wand zwischen mir und dem Fahrer, legte ich die Verkleidung ab. Ich strich Lindy über das Haar.

»Sagst du mir jetzt, wohin wir fahren?«, fragte sie, als wir aus dem Holland-Tunnel herauskamen.

Ich fuhr zusammen. »Ich wusste nicht, dass du wach bist.« Ich nahm meine Hand von ihrem Haar.

»Schon okay. Das hat sich schön angefühlt.«

Wusste sie, dass ich sie liebte?

»Hast du je den Sonnenaufgang gesehen?« Ich zeigte nach hinten in Richtung Osten, wo ein paar Strahlen Rot über die Gebäude wanderten.

»Wunderschön«, sagte sie. »Verlassen wir die Stadt?«

»Ja.« Ja, meine Liebe.

»Ich bin noch nie aus der Stadt herausgekommen. Kannst du dir das vorstellen?«

Sie fragte nicht noch einmal, wo wir hinfuhren, sondern rollte sich einfach auf dem Kissen, das ich ihr mitgebracht hatte, zusammen und schlief wieder ein. Ich betrachtete sie im dämmrigen Licht. Allmählich kamen wir immer weiter in den Norden, aber trotzdem würde sie nicht aus dem Wagen springen. Sie wollte nicht weg. Als wir die George Washington Bridge erreicht hatten, schlief ich ebenfalls ein.

Als ich wieder aufwachte, war es fast neun, und wir waren auf dem Northway. In der Ferne ragten schneebedeckte Berge auf. Lindy starrte aus dem Fenster.

»Tut mir leid, dass wir nicht zum Frühstücken anhalten können«, sagte ich zu ihr. »Es könnte sein, dass ich eine Panik auslöse. Magda hat Brot und ein paar Sachen dabei.«

Lindy schüttelte den Kopf. »Schau dir diese Hügel an. Es sieht aus wie in einem Film – The Sound of Music.«

»Eigentlich sind es Berge, und wir kommen noch viel näher an sie heran.«

»Echt? Sind wir immer noch in den USA

Ich lachte. »Ob du es glaubst oder nicht – wir sind noch immer im Staat New York. Ich bringe dich in den Schnee, Lindy, du wirst echten Schnee sehen anstatt grauen Schneematsch, der an die Straßenränder geschoben wurde. Und da, wo wir hinfahren, können wir rausgehen und uns im Schnee wälzen.«

Sie antwortete nicht, sondern starrte einfach weiter auf die fernen Berge. Alle paar Kilometer sahen wir am Fuß der Berge ein Bauernhaus, manchmal mit einem Pferd oder ein paar Kühen. Ein Weilchen später fragte sie: »Und in diesen Häusern wohnen Menschen?«

»Natürlich.«

»Wow! Die haben es aber gut mit so viel Platz um sie herum, wo sie herumstreifen können.«

Ich fühlte Gewissensbisse aufkommen, weil ich sie all die Monate nicht hinausgelassen hatte. Aber ich würde das wiedergutmachen. »Es wird großartig werden, Lindy.«

Eine Stunde später verließen wir die Route 9 und gelangten zu einem einzelnen Haus, dem besten von allen, wie ich fand, das von schneebedeckten Kiefern umringt war. »Das ist es.«

»Was?«

»Wo wir wohnen.«

Sie bestaunte das Dach mit den schneebedeckten Schindeln und die roten Fensterläden. Hinter dem Haus war ein Hügel, von dem ich wusste, dass er zu einem zugefrorenen See führte.

»Gehört das dir?«, fragte sie. »Das alles?«

»Eigentlich meinem Vater. Wir sind ein paarmal hierhergekommen, als ich klein war. Das war, bevor er anfing, so zu tun, als würde man ihn ersetzen, falls er auch nur einen einzigen Tag bei der Arbeit fehlte. Danach fuhr ich in den Weihnachtsferien immer mit Freunden zum Skifahren.«

Dann schwieg ich. Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich Skifahren mit Freunden erwähnt hatte. Bestien fuhren nicht Ski. Bestien hatten keine Freunde, und wenn ich welche hätte, dann würde das Fragen über Fragen aufwerfen. Es war merkwürdig, denn ich fühlte, dass ich ihr alles sagen konnte, dass ich ihr Dinge erzählen konnte, über die ich mit sonst niemandem reden und die ich nicht einmal mir selbst eingestehen konnte. Aber gleichzeitig konnte ich ihr überhaupt nichts sagen.

Doch Lindy schien es nicht aufgefallen zu sein. Sie war schon ausgestiegen und lief in ihrem rosa Morgenrock und ihren flauschigen Hausschuhen über den frisch geschaufelten Pfad. »Oh, wie kann man einfach nicht mehr in dieses … dieses Wunderland zurückkommen?«

Ich kletterte vor Will und Magda aus dem Auto und lachte. Pilot sah total verstört aus, so als wollte er zu jeder einzelnen Schneewehe rennen und sie anbellen. »Lindy, du kannst nicht im Morgenmantel rausgehen. Es ist zu kalt.«

»Es ist nicht kalt!«

»Du bist vom Auto noch aufgewärmt. Es sind Minusgrade.«

»Wirklich?« Sie wirbelte herum – ein rosa Punkt in der weißen Pracht. »Wäre es also keine gute Idee, sich in diesem wunderbaren, weichen Schnee zu wälzen?«

»Überhaupt keine gute Idee.« Ich stapfte zu ihr hinüber. Mir war nicht kalt, und wahrscheinlich würde ich auch nicht so schnell frieren. Mein dicker Mantel hielt mich warm. »Du wirst den Schnee bald nicht mehr wunderbar und weich, sondern kalt und nass finden, und wenn du krank wirst, können wir nicht draußen spielen.« Aber ich könnte dich wärmen. »Ich habe geeignete Kleidung mitgebracht.«

»Geeignete Kleidung?«

»Lange Unterwäsche.« Ich sah, wie der Fahrer die Koffer auslud, und zog mir meine Verkleidung um das Gesicht. Ich deutete auf den roten Koffer. »Das ist deiner. Ich bringe ihn auf dein Zimmer.«

»Der ist ja riesig. Wie lange bleiben wir?«

»Den ganzen Winter, wenn du willst. Wir haben keine Jobs, keine Schule. Das hier ist ein Sommerurlaubsgebiet. Manche Leute kommen am Wochenende zum Skifahren her, aber die übrige Zeit ist hier kein Mensch. Niemand wird mich sehen, wenn wir nach draußen gehen. Ich bin hier sicher.«

Sie warf mir einen kurzen Blick zu, fast so, als hätte sie vergessen, mit wem sie hier war. Konnte das sein? Dann wirbelte sie wieder im Kreis. »Oh, Adrian! Den ganzen Winter! Sieh mal die Eiszapfen, die an den Bäumen hängen. Sie sehen aus wie Juwelen.« Sie verstummte, hob eine Handvoll Schnee auf, presste sie zu einem Ball und warf ihn nach mir.

»Nimm dich in Acht. Fang niemals eine Schneeballschlacht an, die du nicht gewinnen kannst«, sagte ich.

»Oh, ich kann schon gewinnen.«

»Im Morgenmantel?«

»Habe ich das richtig gehört? Du willst mich herausfordern?«

»Zu früh für so einen Wettstreit«, sagte Will, der Pilot in Richtung Haus führte. »Lasst uns die Koffer wegräumen, etwas Vernünftiges anziehen und frühstücken.«

Ich nahm Lindys Koffer.

Etwas Vernünftiges anziehen?, formte sie mit den Lippen.

Lange Unterwäsche, antwortete ich auf die gleiche Weise, und wir brachen beide in Gelächter aus.

Mein Vater hatte alles so vorbereitet, wie ich verlangt hatte. Das Haus war sauber – das Holz glänzte, und alles roch nach Putzmittel. Im Kamin brannte ein Feuer.

»So warm!«, sagte Lindy.

»Oh, haben Sie etwa gefroren, Miss?«, neckte ich sie. Ich trug den Koffer in ihr Zimmer. Sie stieß erneut einen Schrei der Begeisterung aus und hüpfte auf und ab, weil es dort ebenfalls einen Kamin gab und eine handgearbeitete Steppdecke, ganz zu schweigen von einem Erkerfenster mit Blick auf den darunterliegenden Teich.

»Es ist so schön, und niemand wohnt hier. Ich habe kilometerweit niemanden gesehen.«

»Hmm.« Hatte sie nach jemandem Ausschau gehalten, nach einer Möglichkeit zu fliehen?

Wie als Antwort auf meine nicht ausgesprochene Frage, sagte sie: »Ich könnte hier für immer glücklich sein.«

»Ich möchte, dass du glücklich bist.«

»Das bin ich.«

Nach dem Frühstück zogen wir unsere Anoraks und Stiefel an und gingen nach draußen.

»Ich habe Will gesagt, dass wir hauptsächlich an den Wochenenden Unterricht nehmen«, sagte ich, »weil dann Leute da sein werden. Also, bist du immer noch erpicht auf diese Schneeballschlacht?«

»Ja. Aber können wir zuerst etwas anderes machen?«

»Was immer du willst. Ich bin dabei.«

»Ich hatte noch nie jemanden, der mit mir einen Schneemann baut. Kannst du mir zeigen, wie das geht?«

»Es ist bei mir auch eine ganze Weile her, seit ich einen gebaut habe«, sagte ich. Das stimmte. Ich konnte mich kaum noch an die Zeit erinnern, als ich Freunde hatte, wenn ich überhaupt je welche gehabt hatte. »Zuerst musst du einen Schneeball machen. Dann – und das ist der schwierige Teil – darfst du ihn nicht nach mir werfen.«

»Okay.« Mit ihren Fausthandschuhen formte sie einen Schneeball. »Oops!« Er traf mich am Kopf.

»Ich sagte doch, dass das der schwierige Teil ist.«

»Du hattest recht. Ich versuche es noch einmal.« Sie formte einen weiteren Schneeball – und warf ihn. »Sorry!«

»Oh, jetzt liefere ich dir aber wirklich eine Schlacht.« Ich hob etwas Schnee auf. Handschuhe brauchte ich keine, meine Pranken eigneten sich gut zum Herstellen von Schneebällen. »Ich bin der Weltmeister der Schneeballschlachten.«

Ich warf einen Schneeball nach ihr.

Das Ganze artete dann in eine hemmungslose Schneeballschlacht aus – die ich übrigens gewann. Aber schließlich machte sie einen Schneeball, den sie mir reichte, um den Schneemann zu bauen.

»Perfekt«, sagte ich. »Wenn der Winter vorbei ist, werden wir Meister der Eisskulpturen sein.«

Aber eigentlich hatte ich Ich liebe dich sagen wollen.

»So, jetzt rollst du ihn über den Boden, damit er größer wird«, sagte ich. »Wenn du ihn so groß gemacht hast, wie du kannst, bildet er das Unterteil.«

Sie rollte ihn größer. Ihr Gesicht wurde rosa, und ihre grünen Augen leuchteten, was durch die grüne Jacke, die ich für sie ausgewählt hatte, noch unterstrichen wurde. »So?«

»Ja. Du musst aber immer wieder die Richtung ändern, sonst wird daraus eine Biskuitrolle.«

Sie gehorchte und rollte den Schneeball umher, der im knietiefen Schnee kaum eine Vertiefung hinterließ. Als er die Größe eines Wasserballs erreicht hatte, half ich mit, und wir schoben ihn Schulter an Schulter.

»Wir sind ein gutes Team«, sagte sie.

Ich grinste. »Ja.« Wir wechselten gleichzeitig die Richtung, bis die untere Kugel schließlich fertig war.

»Die mittlere Kugel ist am tückischsten«, erklärte ich ihr. »Sie muss groß genug sein, aber man muss sie immer noch auf die erste Kugel wuchten können.«

Wir bauten den perfekten Schneemann, dann noch einen, eine Schneefrau, weil niemand allein sein sollte. Wir gingen zu Magda, um Karotten und andere Sachen zu holen, und als Lindy die Karottennase befestigte, sagte sie: »Adrian?«

»Ja?«

»Danke, dass du mich hierher gebracht hast.«

»Das war das Mindeste, was ich für dich tun konnte.«

Aber was ich eigentlich sagen wollte, war: Bleib. Du bist nicht meine Gefangene. Du kannst jederzeit gehen, aber bleib, weil du mich liebst.

An diesem Abend ging ich schlafen, ohne die Haustür abzuschließen. Ich sagte Lindy nichts davon, aber sie würde es bemerken, wenn sie aufmerksam war. Ich zog mich früh zurück. Ich lag im Bett und lauschte ihren Schritten. Dabei wusste ich, dass ich ihr nicht folgen würde, wenn sie sich der Tür nähern, wenn sie sie öffnen würde. Wenn sie für mich bestimmt war, würde sie nach ihren eigenen Bedingungen die Meine werden, und nicht, weil ich sie dazu zwang. Ich blieb wach und beobachtete, wie auf der digitalen Uhr die Minuten verstrichen. Es wurde Mitternacht, dann ein Uhr. Ich hörte keine Schritte. Als es zwei Uhr war, schlich ich so leise, wie nur ein Tier schleichen kann, hinaus in den Flur und zu ihrem Zimmer, um zu prüfen, ob die Tür offen war. Wenn sie mich dabei erwischte, gäbe es dafür keine Entschuldigung.

Ihre Tür hatte ein Schloss, und ich ging davon aus, dass sie abgeschlossen hatte. Am Anfang, als wir in Brooklyn waren, hatte sie ein großes Tamtam darum gemacht, abzuschließen für den Fall, dass ich hereinkam und das tat, was sie »unaussprechliche Dinge« nannte. In letzter Zeit hatte sie kein Tamtam mehr darum gemacht, aber ich nahm trotzdem an, dass die Tür abgeschlossen war.

War sie aber nicht. Die Tür gab nach, und mein Herz krampfte sich zusammen. Ich wusste, es bedeutete, dass sie gegangen war, wenn sie die Tür nicht abgeschlossen hatte. Sie hatte sich hinausgeschlichen, als ich kurz eingenickt war. Wenn ich die Tür öffnete, würde ich feststellen, dass sie fort war. Mein Leben war zu Ende.

Ich trat ein, und in der Stille dieser schneebedeckten Gegend, in der es meilenweit keine Menschenseele gab, hörte ich ein Atmen, so leise wie der Schnee selbst. Es war sie. Schlafend. Einen Augenblick lang stand ich da, hatte Angst, mich zu bewegen, und wollte sie einfach nur anschauen. Sie war noch da. Sie hätte fortgehen können, aber sie hatte es nicht getan. Ich vertraute ihr, und sie vertraute mir. Lindy rührte sich in ihrem Bett, und ich erstarrte. Hatte sie gehört, wie die Tür aufgegangen war? Hatte sie mein Herz schlagen hören? Irgendwie wollte ich, dass sie sah, wie ich sie betrachtete. Aber sie sah mich nicht. Mit dem Arm zog sie die Decken um sich. Sie fror. Ich stahl mich hinaus in den Flur und fand den Wäscheschrank, wo wir die Extradecken aufbewahrten. Ich suchte eine aus, huschte zurück in das Zimmer und schüttelte sie auf, sodass ich sie ganz über Lindy breiten konnte. Sie kuschelte sich hinein. Lange Zeit schaute ich sie an. Das Mondlicht, das auf ihr Haar fiel, ließ es wie Gold schimmern.

Ich ging zurück in mein Bett und schlief, wie man nur in einer kalten Nacht in einem warmen Bett schlafen kann. Am Morgen war sie noch immer da. Sie kam heraus, die Decke in der Hand und mit einem fragenden Blick, aber sie sagte nichts.

Ab dieser Nacht verriegelte ich die Tür nicht mehr. Jede Nacht lag ich wach und war gespannt. Jeden Morgen war sie noch da.