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Jemand klopfte. Jemand klopfte! Ich konnte die Tür nicht aufmachen. Ich wollte sie nicht gleich bei der Ankunft erschrecken. Ich blieb in meinen Zimmern, aber ich schaute in den Spiegel, als Will sie hereinließ.

»Wo ist er?« Das war ihr Vater, dieser Mistkerl. Aber wo war das Mädchen?

»Wo ist wer?«, fragte Will sehr höflich.

Der Typ zögerte, und in dem Moment sah ich, dass sie bei ihm war. Sie stand hinter ihm im Schatten, aber ich konnte trotzdem sehen, dass sie weinte.

Sie war es wirklich. Mir wurde bewusst, dass ich es gar nicht geglaubt hatte.

Lindy. Linda. Sie war tatsächlich hier!

Die Rosen würden ihr gefallen. Wirklich. Immerhin war sie es, die mich zum ersten Mal lehrte, sie zu schätzen. Vielleicht sollte ich trotzdem hingehen, um sie zu begrüßen, und ihr ihr Zimmer und das Gewächshaus zeigen.

Dann hörte ich ihre Stimme. »Mein Vater hat die verrückte Vorstellung, dass es hier ein Monster gibt und dass ich in einen Kerker gesperrt werden müsste.«

Ein Monster. Als solches würde sie mich sehen, wenn ich jetzt hinginge. Nein, ich würde warten, bis sie das Haus, die schönen Zimmer und die Rosen gesehen hatte, bevor sie meine schreckliche Gestalt zu sehen bekam.

»Kein Monster, Miss. Zumindest keins, das ich sehen kann.« Will kicherte. »Mein Arbeitgeber ist ein junger Mann von – so sagte man mir – unvorteilhaftem Aussehen. Er geht deshalb nie nach draußen. Das ist alles.«

»Dann darf ich also gehen?«, fragte Lindy.

»Selbstverständlich. Aber mein Arbeitgeber hat mit deinem Vater einen Handel vereinbart, glaube ich – deine Anwesenheit hier im Tausch dafür, dass er gewisse kriminelle Handlungen, die auf Videoband festgehalten sind, nicht meldet. Da fällt mir ein …« Er griff in seine Tasche und holte die Tüte heraus, die ich dem Eindringling abgenommen hatte. »Ihre Drogen, Sir?«

Lindy riss ihm die Tüte aus der Hand. »Darum geht es also? Du zwingst mich hierherzukommen, damit du deine Drogen zurückkriegst?«

»Er hat mich auf Band aufgenommen, Mädchen. Beim Einbrechen und Eindringen.«

»Ich nehme an, das war nicht Ihr erstes Vergehen«, sagte Will, und ich konnte an seinem Gesicht sehen, dass er mit seinem sechsten Sinn, den nur Blinde haben, genau erkannte, was für eine Art von Typ er vor sich hatte, und dass er ihn genau so empfand, wie ich ihn beschrieben hatte. »Und ich glaube, allein wegen des Drogenbesitzes würden Sie eine hohe Strafe bekommen.«

Er nickte. »Gesetzliches Mindestmaß – fünfzehn Jahre bis lebenslänglich.«

»Lebenslänglich?« Lindy wandte sich an Will. »Und Sie stimmen dem zu … dass ich eingesperrt werde?«

Ich hielt den Atem an, als ich Wills Antwort abwartete.

»Mein Arbeitgeber hat seine Gründe.« Will sah aus, als würde er Lindy gern die Hand auf die Schulter legen oder so etwas, aber er tat es nicht. Wahrscheinlich spürte er, dass sie ihm eine scheuern würde, wenn er es täte. »Und er würde dich, na ja, besser behandeln als … Hör mal, wenn du gehen möchtest, dann geh, aber mein Arbeitgeber hat die Bänder des Einbruchs und wird sie der Polizei übergeben.«

Lindy schaute ihren Vater an. Ihre Augen flehten.

»Du bist hier besser dran.« Er riss ihr die Tüte aus den Fingern. »Die nehme ich.«

Und ohne Auf Wiedersehen zu sagen, ging er und knallte die Tür hinter sich zu.

Lindy starrte auf die Stelle, an der er gestanden hatte. Sie sah aus, als würde sie in sich zusammenfallen. Will sagte: »Bitte, ich verstehe, dass du schon einen harten Tag hattest, obwohl es erst zehn Uhr ist. Komm. Ich zeige dir deine Zimmer.«

»Zimmer? Mehrzahl?«

»Ja. Es sind schöne Zimmer. Adrian – der junge Mann, für den ich arbeite – hat sehr hart gearbeitet, damit alles nach deinem Geschmack ist. Er lässt dir ausrichten, dass du Bescheid sagen sollst, wenn du irgendetwas brauchst – was immer es sei, außer einem Telefon oder einem Internetanschluss. Er möchte, dass du hier glücklich bist.«

»Glücklich?« Lindys Stimme klang matt. »Mein Kerkermeister glaubt, ich würde glücklich sein? Hier? Ist er verrückt?« Bei dem Wort Kerkermeister zuckte ich zusammen.

»Nein.« Will nahm einen Schlüssel, um die Tür abzuschließen. Nur eine Formalität. Ich zählte darauf, dass sie blieb, um ihren Vater zu schützen. Das Geräusch, als sich der Schlüssel im Schloss drehte, war schrecklich für mich. Ich war ein Kidnapper. Eigentlich wollte ich sie nicht entführen, aber es war die einzige Möglichkeit, sie zum Bleiben zu bewegen. »Ich heiße Will. Auch ich stehe zu deinen Diensten. Und Magda, die Haushälterin, die du oben kennenlernen wirst. Wollen wir?«

Er bot ihr seinen Arm an. Sie nahm ihn nicht, aber nach einem letzten zögernden Blick auf die Tür folgte sie ihm nach oben.

 

Ich sah zu, wie Will sie die Treppe hinaufführte und die Tür öffnete. Ihre Wangen und Augen waren vom Weinen gerötet. Sie schnappte nach Luft, als sie eintrat und die Möbel, die Kunstwerke und die Wände sah, die genau den gleichen Gelbton hatten wie die Rosen in den Kristallvasen. Sie starrte das extragroße Bett mit der Designerbettwäsche an. Dann ging sie zum Fenster.

»Es wäre zu hoch, um hinunterzuspringen, oder?« Sie berührte das dicke Glas.

Hinter ihr sagte Will: »Ja, das wäre es. Und die Fenster gehen auch nicht weit genug auf. Wenn du dich darauf einlassen würdest, fändest du es vielleicht gar nicht so schrecklich, hier zu leben.«

»Nicht so schrecklich? Waren Sie jemals ein Gefangener? Sind Sie es jetzt?«

»Nein.«

Ich betrachtete sie. Ich erinnerte mich an den Tag des Balls. Damals fand ich sie hässlich mit ihren roten Haaren, den Sommersprossen und den schlechten Zähnen. An den Zähnen hatte sich nichts geändert, aber eigentlich war sie gar nicht hässlich, nur unscheinbar. Ich war froh, dass sie nicht hübsch war, wie ihr Vater gesagt hatte. Jemand Hübsches hätte nicht über meine Hässlichkeit hinwegsehen können. Vielleicht konnte es dieses Mädchen.

»Ich schon«, sagte sie. »Sechzehn Jahre lang war ich eine Gefangene. Aber ich habe mir einen Tunnel gegraben. Ich habe mich ganz allein beworben und ein Stipendium für eine der besten Privatschulen der Stadt bekommen. Jeden Tag bin ich mit dem Zug hingefahren. Die reichen Kids dort haben mich ignoriert, weil ich keine von ihnen war. Sie hielten mich für Abschaum. Vielleicht hatten sie recht. Aber ich lernte so viel ich konnte und bekam die besten Noten. Ich wusste, dass es der einzige Weg aus meinem bisherigen Leben wäre – ein Stipendium zu bekommen, aufs College zu gehen, hier rauszukommen. Aber stattdessen muss ich hier eine Gefangene sein, um zu verhindern, dass mein Vater ins Gefängnis wandert. Das ist nicht fair.«

»Verstehe«, sagte Will. Ich wusste, dass sie ihn beeindruckte, allein durch die Art, wie sie redete. Sie hatte sogar eine Metapher verwandt, den Tunnel. Sie war wirklich klug.

»Was will er von mir?«, weinte das Mädchen. »Will er mich zwingen, für ihn zu arbeiten? Will er Sex mit mir haben?«

»Nein. Ich würde nicht mitspielen, wenn das der Fall wäre.«

»Wirklich?« Sie sah ein wenig erleichtert aus, fragte aber: »Was dann?«

»Ich glaube …« Will zögerte. »Ich weiß, dass er einsam ist.«

Sie starrte ihn an, sagte aber nichts.

Schließlich sagte er: »Du hast jetzt die Möglichkeit, dich auszuruhen und dir dein neues Zuhause anzuschauen. Um zwölf bringt dir Magda das Mittagessen. Dann kannst du sie kennenlernen. Falls du irgendetwas brauchst – sag einfach Bescheid, und es gehört dir.«

Er ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Ich schaute Linda zu, wie sie im Zimmer herumging und einige Gegenstände berührte. Am längsten verweilte ihr Blick auf den Vasen mit Rosen. Sie nahm eine gelbe Blüte, von der ich fand, dass sie die schönste war. Sie hielt sie sich einen Augenblick ans Gesicht, roch daran und drückte sie dann an ihre Wange. Schließlich stellte sie sie wieder zurück in die Vase.

Sie streifte durch die Wohnung, öffnete Türen und Schubladen. Der gut ausgestattete Kleiderschrank zeitigte keine Wirkung, aber an der Tür zur Bibliothek blieb sie stehen und schnappte nach Luft. Sie legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die aufgereihten Bücher, die bis zur Decke reichten. Ich hatte mir ihre Schulaufgaben angeschaut und versucht, Dinge zu kaufen, die sie mögen würde, nicht nur Romane, sondern auch Bücher über Physik, Religion, Philosophie sowie von allem noch eine Ausgabe für mich selbst, sodass ich selbst auch lesen konnte, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Ich hatte angefangen, eine Datenbank mit all den Büchern anzulegen, die nach Titel, Autor und Thema geordnet war wie eine richtige Bibliothek, aber sie war noch nicht fertig.

Sie stieg auf die Leiter und suchte sich ein Buch aus und dann noch eins. Sie drückte sie an sich wie eine Sicherheitsdecke oder einen Schild. Immerhin ein Fortschritt. Sie nahm die Bücher mit zurück ins Schlafzimmer, legte sie auf den Nachttisch und brach dann schluchzend auf dem Bett zusammen.

Ich wollte sie trösten, aber ich wusste, dass es nicht ging, nicht jetzt. Ich hoffte, dass sie es eines Tages verstehen würde.