5

 

 

Ich war wieder auf MySpace. »Zeig mir Angelbaby1023«, befahl ich dem Spiegel.

Stattdessen zeigte er mir Kendras Gesicht.

»Das wird nicht funktionieren, weißt du?«

»Was machst du hier?«

»Dich von deinen Illusionen befreien. Es wird nicht funktionieren, online jemanden kennenzulernen, auf diese Weise die wahre Liebe zu finden. Das haut nicht hin.«

»Warum zum Teufel nicht? Ich meine, klar, dass manche Blödsinn erzählen, aber sie können nicht alle …«

»Man kann sich nicht in einen Computer verlieben. So findet man nicht die wahre Liebe.«

»Die ganze Zeit lernen sich Leute im Internet kennen. Manche heiraten sogar.«

»Es ist eine Sache, sich online kennenzulernen, sich dann persönlich zu treffen und sich dann zu verlieben. Es ist etwas anderes, wenn man eine Beziehung nur übers Internet führt, sich selbst einredet, dreißig Bundesstaaten weiter verliebt zu sein …«

»Was ist der Unterschied? Du denkst, das Aussehen sollte keine Rolle spielen. Im Internet ist das wirklich so. Alles, was zählt, ist die Persönlichkeit.« Dann kapierte ich, was ihr Problem war. »Du ärgerst dich doch nur darüber, dass ich einen Weg gefunden habe, deinen Fluch zu umgehen. Darüber, dass mir eine Möglichkeit eingefallen ist, wie ich ein Mädchen kennenlernen kann, ohne dass es wegen meines Aussehens ausflippt.«

»Das ist es nicht. Ich habe den Fluch ausgesprochen, um dir eine Lektion zu erteilen. Wenn du sie lernst, großartig. Ich lege es nicht darauf an, dass du es versaust; ich versuche dir zu helfen. Aber das hier wird nicht funktionieren.«

»Aber warum nicht?«

»Weil man sich nicht in jemanden verlieben kann, den man nicht kennt. Dein Profil steckt voller Lügen.«

»Du liest meine Mails. Verstößt das nicht gegen …«

»Ich gehe gern aus und feiere mit Freunden …«

»Hör auf!«

»Mein Dad und ich stehen uns wirklich nahe …«

»Sei still! Sei still! Sei still!« Ich hielt mir die Ohren zu, aber sie verhöhnte mich weiterhin. Ich wollte den Spiegel zertrümmern, den Computerbildschirm, alles, aber nur weil ich genau wusste, dass sie recht hatte. Ich hatte nur gewollt, dass sich jemand in mich verliebte, jemand, der den Fluch brechen konnte. Aber es war alles hoffnungslos. Wenn ich online niemanden kennenlernen konnte, wie sollte ich das dann schaffen?

»Verstehst du, Kyle?« Kendras gedämpfte Stimme drang in meine Gedanken.

Ich wandte mich ab und weigerte mich zu antworten. Ich fühlte, wie sich meine Kehle zusammenzog, und ich wollte es nicht hören.

»Kyle?«

»Schon verstanden«, brüllte ich. »Kannst du mich jetzt bitte allein lassen?«